Wenn du wieder bei mir bist - Jessica Thompson - E-Book
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Beschreibung

Nessa wartet sehnsüchtig darauf, dass ihr Mann aus dem Auslandseinsatz nach Hause kommt. Sie vermisst Jake, und das Leben als allein erziehende Mutter ist nicht einfach. Jake jedoch verschwindet spurlos. Wo ist er nur? Hat er sich wirklich, wie ein Abschiedsbrief vermuten lässt, das Leben genommen? Lange gibt Nessa die Hoffnung nicht auf. Schließlich aber muss sie sich fragen: Waren die Entscheidungen ihres Lebens immer die richtigen? Soll sie weiter verschweigen, was sie tief in ihrem Herzen verborgen hat?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:380


Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

Prolog Das ist eine ernste Sache.

1. Hast du dir mal gewünscht, es wäre nicht passiert?

2. Können Sie mir sagen, was los ist, bitte?

3. Die ist so langweilig, es überrascht mich, dass sie überhaupt hier ist.

4. Er muss doch eine Menge verdienen, wenn er jeden Tag sein Leben riskiert.

5. Wo sind ihre Freundinnen?

6. Wo ist das Abendessen?

7. In letzter Zeit habe ich viel über die Vergangenheit nachgedacht …

8. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Sie wird es überleben …

9. Hören Sie, es gibt einen Fernseher im Wohnzimmer.

10. Um Gottes willen! Können wir irgendetwas tun?

11. Ich wollte nur deine Stimme hören.

12. Ich wünschte nur, wir wären eine ganz normale Familie.

13. Wie ist das möglich? Wie konnte das passieren?

14. Ja, ich weiß, das klingt egoistisch, aber ich finde das uns gegenüber herzlos …

15. Aber was sollen wir jetzt tun?

16. Verzeihung … das ist schwierig für mich.

17. Du hättest mich vorher fragen sollen.

18. Diese Stücke müssen ein Vermögen gekostet haben.

19. In diesem Sinne möchte ich einen Toast ausbringen.

20. Also, ich finde, ein paar Dankeszeilen an Will sind angebracht, weißt du?

21. Liebes, reichst du mir bitte das Salz an?

22. Ich denke, du solltest dein Licht nicht unter den Scheffel stellen, Nessa.

23. Was ist los, Mrs. Bruce?

24. Ist sie das, die da klingelt?

25. Was ist denn mit dir passiert?

26. Nennen Sie mich einfach Steve!

27. Dann bitte nur eine Limonade

28. Wie geht es Ihnen jetzt?

29. Hier ist nichts, wovor ich Angst haben müsste.

30. Ja, ja, schon gut, das war nicht die beste Idee.

31. Wo ist das Schildchen?

32. Nun, hoffentlich hatten Sie keinen weiten Weg.

33. Darf ich fragen, was Sie hier tun?

34. Werde ich verrückt? Fühlt sich das so an?

35. Ja, das war ich.

36. Wir haben übrigens einen Gast.

37. Los, sag es einfach …

38Nessa, entschuldige, dass ich einfach so aufkreuze.

39. Meinst du, das wird jemals gut, Nessa?

40. Mum. Verzieh dich, ja? Du starrst schon wieder!

41. Mensch, was machst du denn hier?

Epilog Ich verstehe das, Junge, ist schon gut.

Über die Autorin

Jessica Thompson wurde in den späten Achtzigerjahren in Yorkshire geboren und lebte in Frankreich und Kent, bevor sie endlich nach London zog – in die Stadt, die sie so sehr liebt. Sie schreibt seit frühester Kindheit und arbeitet inzwischen als Journalistin. Wenn du wieder bei mir bist ist nach Eindeutig Liebe, Ein Tag im März und Lieben lernen ihr vierter Roman.

Jessica Thompson

Wenn du wieder bei mir bist

Roman

Aus dem Englischen von

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:Copyright © 2015 by Jessica ThompsonTitel der englischen Originalausgabe: »The Waiting Game«Originalverlag: CoronetFirst published in Great Britain in 2015 by Coronet, An imprint of Hodder & Stoughton, An Hachette UK company

Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Dorothee Cabras, GrevenbroichTitelillustration: © Pietari PostiUmschlaggestaltung: Tanja ØstlyngenE-Book-Produktion: two-up, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-2282-2

www.bastei-entertainment.dewww.lesejury.de

Für meine Familie

PrologDas ist eine ernste Sache.

Oktober 1997

Gesprenkelt wie ein Vogelei und absolut verlässlich stand der Mond am schwarzen Himmel über Will Turnbull und Nessa Grier. Sie saßen nebeneinander auf der Bank. Ringsherum fiel das Laub von den Bäumen und landete weich auf dem dichten, nassen Gras. Ihre Knie berührten sich ganz sacht, und ihnen beiden klopfte das Herz zum Zerspringen.

»Mann, ich weiß einfach nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll!«, rief Will aus. Dabei fuhr er sich mit den Händen über die sommersprossigen Wangen und verfing sich im Brillengestell, das beträchtlich knackte, ehe es wieder auf dem Nasenrücken landete. »Autsch! Das tat weh«, murmelte er verärgert. Er zog noch einmal an seiner Zigarette, ließ sie ins Gras fallen und trat sie mit der dicken Gummikappe seines Turnschuhs aus.

»Mensch, Will, sei doch nicht so theatralisch!«, erwider­­­te Nessa und verdrehte die Augen. Nervös kaute sie auf der Unter­lip­­pe. Sie wollte ihm dringend etwas erzählen, und ausgerechnet jetzt setzte er zu einer seiner Tiraden an. Ganz bestimmt tat er das. Er hatte schon den Tonfall, der das immer ankündigte. Und wenn Will sich erst mal in ein Thema hineinsteigerte, war er sehr schwer zu stoppen. Wann würde ihre Gelegenheit kommen? Wann würde sie ihre Neuigkeit loswerden können? Loswerden wollte sie sie, auch wenn er sie sowieso dafür verurteilen würde.

Sie zupfte an ihrer langen, dunkelblonden Mähne herum, die sie meistens über eine Schulter nach vorn hängen ließ wie einen Schal. Das war eine nervöse Angewohnheit, doch sie mochte es auch, sich mit den Fingern durch die Haarspitzen zu kämmen und mögliche Knötchen auseinanderzureißen.

»Schon gut, Ness, ich weiß. Aber schließlich habe ich ein paar wichtige Entscheidungen zu treffen. Das ist eine ernste Sache. Ich habe genau zwei Möglichkeiten: Entweder bleibe ich hier, komponiere weiter und fahre andauernd nach London, um in die Szene reinzukommen – das ist es, was ich eigentlich will, und so macht man am besten auf sich aufmerksam –, oder ich gehe an eine bescheuerte Uni, die kilometerweit weg ist, um später einmal ›einen anständigen Job‹ zu bekommen.« Verächtlich äffte er den vornehmen Ton seiner Mutter nach und wackelte dabei sarkastisch mit dem Kopf.

»Und was stört dich an einem anständigen Job?« Nessa blickte ihn argwöhnisch von der Seite an. Im Mondschein war sein schönes Profil ein dunkler Schattenriss, der seiner Angst ein Versteck bot.

Will nahm sich eine neue Zigarette, zündete sie hastig an und lehnte sich zurück. Nachdenklich kratzte er sich am Kopf. Seine dichten, haselnussbraunen Locken ringelten sich um die Finger und entkräuselten sich langsam, als er die Hand zurückzog. Am unteren Hals hatte er, wie Nessa wusste, eini­­ge schokoladenbraune Muttermale, ein hübscher Makel, der seinem guten Aussehen nichts anhaben konnte, und das war typisch für ihn.

»Eigentlich nichts. Es wäre nur langweilig, verstehst du? Von Mum höre ich nur noch ›Bewerbungsschreiben‹ und ›Tag der offenen Tür‹. Und ›Edinburgh wird dir gefallen‹ oder ›In Bath gibt es offenbar tolle Diskotheken‹. Also wirklich, geht’s noch?! Und ich will ja kein Snob sein, Nessa, echt nicht … Es ist nur so: Ich habe schon ewig vor, Komponist zu werden; das ist alles, was ich in meinem Leben will. Kreativ sein und anders, jemand … na ja, jemand Besonderes, verstehst du?«

Bei den letzten Worten war er sichtlich verlegen geworden. Das sah sie sogar im Dunkeln, und gerade wegen dieser Ehrlichkeit hatte sie ihn immer geliebt. Jemand Besonderes wollte er sein? So viele wollten ein zweiter Damon Albarn oder eine Kate Moss werden, alles, nur kein gewöhnlicher Mensch, kein Buchhalter, keine Sekretärin. Aber wir können nicht alle Models oder Rockstars werden, dachte Nessa. Will traute sie allerdings zu, etwas Besonderes aus seinem Leben zu machen, keine Frage. Wenn es einer weit bringen konnte, dann er.

»Und allein der Gedanke, Betriebswirtschaft oder Politik oder sonst einen langweiligen Kram zu studieren, macht mich schon ganz krank. Ja, genau, es würde mich seelisch krank machen, ganz sicher. Ich könnte keine Songs mehr schreiben«, schloss er triumphierend und verschränkte die Arme vor der Brust. Wie zur Bekräftigung stieß eine Eule einen traurigen Schrei aus, und ein kalter Wind wehte ihnen durch die Bäume entgegen.

Nessa verstand das zwar, doch Will brauchte sich mit seinen siebzehn Jahren keine Sorgen zu machen, und genauso wenig mit fünfundzwanzig und mit vierzig Jahren und so weiter, bis er irgendwann ein alter Mann war, der jeden Morgen unbeirrbar zwei Eier zum Frühstück aß und abends bei den Spielshows vor dem Fernseher einschlief. Er war einer, dem es immer gut gehen würde, egal, was er mit seinem Leben anfangen würde, denn:

Erstens hatte Will reiche Eltern, und »reich« hieß in dem Fall ein Drei-Millionen-Pfund-Haus auf dem Land, fünf Autos in der Auffahrt und ein beheizter Swimmingpool im Garten, also unfassbar reich. Und das würde ihn für den Rest seines Lebens vor ernsten Problemen bewahren, dachte Nessa in ihrer jugendlichen Unbedarftheit.

Zweitens besaß er eine charismatische Ausstrahlung, durch die er sich aus jedem Mist, in den er vielleicht hineinschlitterte, retten konnte, und er käme garantiert blitzsauber und frisch duftend daraus hervor. Genau so war er.

Drittens verfügte er über ein jungenhaftes, schelmisches Aussehen, ohne ein Schönling zu sein, und damit nahm er sofort jeden für sich ein.

Bei Nessa löste es folglich kaum Mitgefühl aus, dass Will wegen seiner Zukunft eine Krise hatte. Wenn jemand von einer Krise sprechen durfte, dann sie.

Vor einem Jahr wäre noch alles anders gewesen. Da hätte ihr sein Gerede von einem Studium in einer anderen Stadt einen Kloß im Hals verursacht. Sie hätte sich vorgestellt, auf dieser Bank neben ihm zu sitzen und ihn festzuhalten, ihn nicht gehen zu lassen, obwohl das Leben sie unweigerlich auseinanderreißen würde. Es wäre ihr vorgekommen wie der Weltuntergang.

Nach Wills Eröffnung, er werde vielleicht wegziehen und sich ein anderes Leben aufbauen, wäre sie nach Hause gerannt, hätte Radiohead gehört und bei Creep in ihr Kissen geweint, denn damals war sie schon seit einer Ewigkeit heimlich in ihn verknallt gewesen.

Das war passiert, als der alte Naturkundelehrer in der achten Klasse sie gebeten hatte, sich neben Will zu setzen. Jeweils zu zweit hatten sie aus Drosseln und einer kleinen Glühbirne einen elektrischen Stromkreis herstellen sollen. Will roch ein bisschen nach frisch gebackenen Plätzchen und Deo, und das gefiel ihr. Und als ihm jemand einen Schuh an den Kopf warf und ihn »Flachwichser« nannte, wurde er rot wie eine Tomate. Da wusste Nessa sofort, sie würde ihn unter ihre Fittiche nehmen und auf ihn aufpassen.

Mit den Jahren wurde Will cooler, und Nessa fand, dass er jede Woche besser aussah. Sie wartete nur noch auf den richtigen Moment, um ihn zu küssen. Doch inzwischen hatte sie Konkurrenz bekommen. Sogar die beliebten Mädchen, die ihn früher gnadenlos verspottet hatten, trugen jetzt seinetwegen aufdringliches Parfüm und Lippenstift, warfen ihm verführerische Blicke zu und setzten sich auf eine Art in Szene, dass Nessa hinter ihrer Spindtür angewidert schauderte. Sie fühlte sich geradezu unsichtbar. Wie sollte sie ihm sagen, was sie für ihn empfand?

In ihrem Zimmer probte sie es viele Male, dachte sich verschiedene Szenarien aus, vom Überraschungskuss bis zum gehauchten Liebesgeständnis. Aber es kam immer etwas dazwischen. Oder jemand. Zum Beispiel diese Sophia, als Will fünfzehn war. Sie war gut in Mathe, trug teure Lederschuhe und hatte eine arrogante Aussprache. Später hatte er wegen der Probetrainings für das nationale Rugby-Team an den Wochenenden keine Zeit mehr, und dann, nachdem er wegen einer Verletzung nicht genommen wurde, entdeckte er das Gras­rauchen für sich. Er verkroch sich für ein halbes Jahr auf dem Dachboden, schrieb Musik, die er Nessa nie vorspielen wollte, und benahm sich wie ein leidender Künstler. Nessa malte sich ständig aus, wie sie überraschend bei ihm reinschneite und hörte, dass einer seiner Songs von ihr handelte. Wenn sie jetzt daran zurückdachte, wurde sie vor Verlegenheit rot. Das war dermaßen albern gewesen! Heute war er für sie … na ja, eben Will …

Irgendwann hatte sie es geschafft, sich von ihm zu lösen, weil er fast nie Zeit hatte und weil Jake auf der Bildfläche erschienen war. Der hinreißende Jake. Er kam erst spät an ihre Schule, von einem technisch-naturwissenschaftlichen College am anderen Ende der Stadt, wo die Mädchen einander im Toilettenraum Ohrlöcher stachen und Menthol-Zigaretten rauchten. Seine leicht gebräunte Haut, die dunklen Haare und braunen Augen fand sie ungeheuer attraktiv. Das und seine nette Schüchternheit, die manchmal durchblitzen ließ, wer er wirklich war: ein zutiefst freundlicher Mensch mit einem verschmitzten Humor. Er hatte ihre Gedanken von Will weggelenkt. Jake war der Richtige, ganz bestimmt. Vielleicht bin ich über Will hinweg, dachte sie. Ja, das mit Will ist bloß eine Phase gewesen, eindeutig …

»Was wirst du denn mal machen, Ness? College oder ­etwas in der Art?« Will wandte sich ihr zu und klaubte ihr eine Wimper von der Wange. Auf der Fingerspitze hielt er sie ins Mond­licht, um sie zu betrachten, und pustete sie nach ein paar Augenblicken in die herbstliche Nachtluft. Seine Berührung hatte bei Nessa ein leises Kribbeln ausgelöst. Das gefiel ihr nicht. Nicht mehr.

»Tja, die College-Frage, darüber muss ich unbedingt mit dir reden. Ich …«

»Ach, und noch etwas«, fiel Will ihr ins Wort. »Selbst wenn ich tatsächlich hierbleibe und Songs schreibe, mache ich mir ernsthaft Sorgen, dass meine Eltern mich in den Wahnsinn treiben. Die sind vollkommen übergeschnappt, wirklich. Es gibt einfach keine ideale Lösung.« Er redete schnell und in verzweifeltem Ton, den er gestenreich unterstrich.

»Hör zu, Will, ich …«

»Ich weiß, du kannst es mir gleich erzählen, Nessa, doch vorher muss ich dir dringend etwas sagen«, beharrte er und schaute sie ganz ernst an. »Denn ich fürchte ein bisschen, dass ich nie wieder den Mut dazu finde, wenn ich es jetzt nicht hinter mich bringe.« Aber erst mal zündete er sich eine neue Zigarette an und schützte die Flamme mit der hohlen Hand vor dem Wind.

»Ist dir klar, dass du demnächst stirbst, wenn du weiter so stark rauchst?«, bemerkte Nessa aggressiv und wedelte die Rauchwolke vor ihrem Gesicht weg.

»’tschuldigung.« Will nahm die Zigarette in die andere Hand, damit der Rauch zum Spielplatz wehte.

»Also, was willst du mir sagen?«, fragte Nessa und sah zu, wie er aufstand und vor der Bank auf und ab ging. Der orange­rote Lichtpunkt der Glut tanzte durch die Dunkelheit.

»Oh, Mann, jetzt kommt’s!« Er hörte sich an, als müsste er vom Zehn-Meter-Brett springen.

»Was denn?«, hakte Nessa ein wenig frustriert nach. Sie wollte ihre Neuigkeit endlich loswerden, und er hielt sie schon wieder davon ab. Er kam ihr schon den ganzen Abend mit seiner paranoiden Melodramatik dazwischen.

»Bei dieser großen Entscheidung von wegen Uni oder hierbleiben, also, was mich dabei auch so verrückt macht, ist … ist … tja …«

»Mensch, Will, jetzt sag schon! Mir wird allmählich kalt!«

»Okay, okay. Es geht um dich, Ness.«

»Was?« Nessa war total verwirrt.

»Oh, Mist, verdammter, jetzt hab ich’s gesagt!«, rief er aus und zog dann ausgiebig an der Zigarette.

»Um mich? Was heißt das?«

»Ja. Also, jetzt kommt’s …« Will holte tief Luft und setzte sich wieder auf die Bank. Fast bühnenreif nahm er ihre Hand in seine. »Wir sind schon eng befreundet, solange wir uns kennen, stimmt’s?«

Nessa nickte, aber ihr wurde mulmig. Er würde doch wohl nicht …? Früher hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht.

»Und in der Schule hast du zu mir gestanden, als noch alle auf mir herumgehackt haben.«

»Tja, weißt du, du hättest besser keine Wachteleier und Camembert in der Butterbrotdose gehabt, doch du warst zu süß, um dich einfach stehen zu lassen.« Sie lächelte ihn herzlich an und stach ihm mit dem Zeigefinger in den Oberarm. Sofort wehrte er die Neckerei ab und machte ein ernstes Gesicht.

»Aber als wir älter wurden, fing ich an, dich mit anderen Augen zu sehen. Du hast mir geholfen, nicht mehr so camembertmäßig zu sein und dafür mehr der Cheddartyp zu werden, und das ist nur nett gemeint. Es gibt absolut nichts gegen Camembert einzuwenden, das ist ein ganz köstlicher Käse, doch ich habe gelernt, dass man manchmal der Cheddartyp sein muss, um zurechtzukommen.«

Nessa zog die Stirn kraus. Dieser Käsevergleich ist grauenhaft.

»Okay, der Käsevergleich funktioniert nicht so gut, aber was ich sagen will, ist, dass man an unserer Schule nicht klarkommt, wenn man sich so naiv und auffällig benimmt wie ich damals. Manchmal muss man mitmachen und sich einfügen, und ich glaube, du hast mich gerettet, verstehst du?«

»Das ist wirklich süß von dir, Will, doch du hast das ganz allein geschafft. Und übrigens mag ich Camembert. Du musst darauf nicht verzichten, um …«

»Na, jedenfalls, das war das eine, und dann warst du nicht nur mein bester Kumpel und echt lustig, sondern du wurdest auch eine richtige Schönheit, stimmt’s?« Verlegen lächelnd blickte er zu Boden.

Nessa verspürte eine plötzliche Aufregung in der Magen­gegend. Sie wusste nur nicht, wie sie die einordnen sollte.

»Ich meine, sieh dich doch mal an! Du bist einfach umwerfend. Das ist irre. Und dann dieser furchtbare, unaussprechliche Vorfall, den du vor Jahren durchmachen musstest, und mir wurde klar, wie sehr ich dich mag. Aber es war nicht der richtige Zeitpunkt, um es dir zu sagen, weil du erst damit fertigwerden musstest, und, oh Mann, ich glaube, ich liebe dich.« Plötzlich stockte er und wurde still.

»Das meinst du ja wohl nicht ernst«, sagte Nessa, als sie die Sprache wiederfand, und lachte leise in sich hinein. Behutsam entzog sie ihm ihre Hand.

»Äh, doch, natürlich«, widersprach er erstaunt und wusste auf einmal nicht mehr, wohin mit seinen Händen, die inzwischen schweißnass geworden waren. Er legte sie mal hierhin und mal dorthin, bis er entschied, dass sie in den Hosentaschen am besten aufgehoben wären.

»Verdammt noch mal, Will!«, rief Nessa völlig frustriert. Wut und Enttäuschung brachen wie aus heiterem Himmel aus ihr hervor. Das erschreckte sie. Ihr Fluch tönte über den ganzen Spielplatz und hallte von der dichten Baumreihe wider, die ihn von der Straße abschirmte, sodass sie ihn ein zweites Mal hören musste. Wieso komme ich mir vor, als verpasste ich jeden Zug und rackerte mich ständig umsonst ab?, fragte sie sich. Mein Leben ist ein einziges Drama!

»Okay, okay, kein Grund, sauer zu werden«, erwiderte Will abwehrend.

»Hör zu, ich bin schwanger«, sagte sie zähneknirschend und merkte im selben Moment, dass sie die Hände, die auf ihren Knien lagen, zu Fäusten ballte.

»Was?«

»Ich bin schwanger, Will. Erst im dritten Monat, aber ich …«

»Ach du Scheiße! Wer ist der Vater?«

»Jake … offenbar.«

»Jake?? Jake?! Ich dachte immer, das ist nichts Ernstes zwischen euch, Nessa. Der Typ hat dir doch nichts zu bieten, echt nicht …«

»Wie bitte, Will?«, zischte Nessa empört und fühlte, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. Das war ja klar gewesen. Sie hatte gewusst, dass er sich aufregen würde. Darum hatte sie so lange damit gewartet, es ihm zu erzählen.

»Es tut mir leid. Ich wusste von dir und Jake, dachte aber, du wolltest nur ein bisschen Spaß haben. Und was jetzt? Jetzt sitzt du, die Liebe meines Lebens, neben mir und bist schwanger. Siebzehn und schon schwanger. Und der Vater ist ein Achtzehnjähriger, der die Schule abgebrochen hat und beim Metzger jobbt. Also, geht’s noch, Nessa?!«

»Du solltest mal kurz die Luft anhalten, Will, und dir überlegen, was du sagst. Sonst könnte es nämlich sein, dass ich dir eine klebe«, knurrte Nessa. Wütend verschränkte sie die Arme vor ihrem allmählich anschwellenden Bauch. Sie meinte, da schon eine ganz leichte Wölbung zu fühlen.

»Es tut mir leid, Nessa, es tut mir wirklich leid. Aber du bist so intelligent und begabt. Du hast das ganze Leben noch vor dir, und du bist doch viel zu jung für ein Baby. Du würdest so viel verpassen. Das ist eine Tragödie. Und Jake … Ich meine, muss das sein? Liebst du ihn überhaupt?«, fragte Will ungläubig.

»Ja, ich liebe ihn. Natürlich liebe ich ihn. Er ist das Beste, was mir je passiert ist.«

Will seufzte laut und beugte sich vornüber. Das Gesicht zum Boden gewandt, scharrte er mit den Füßen in den Kieseln unter der Bank.

»Wir werden gut zurechtkommen, Will. Ja, es ist ein bisschen unkonventionell und wäre am besten erst später passiert, doch jetzt ist es nun mal so, und ich möchte das Kind bekommen«, erklärte Nessa und bemerkte, dass sie bei diesen Worten lächelte. Sie legte die Hände an den Bauch, und während sie ihn sacht rieb, spürte sie eine heiße Freude in der Brust. Will schnalzte bloß mit der Zunge.

Eine Weile saßen sie schweigend da, zwar noch Seite an Seite, aber mit etwas mehr Abstand zwischen ihnen. Die Zweige bewegten sich im Wind, und die Vögel, die darin umherhuschten, klangen beruhigend, wie ein Orchester, das sich auf eine nächtliche Sinfonie einstimmt.

Nessa dachte über das nach, was Will ihr gerade gestanden hatte. Ein paar Jahre lang hatte sie genau das herbeigesehnt. Hätte sie es da schon gewusst, wäre sie das glücklichste Mädchen der Welt gewesen. Hätte er nur ein Jahr früher seine »Liebe« bekannt, wäre sie ihm um den Hals gefallen. Aber jetzt war alles anders. Sie hatte sich in jemand anderes verliebt, und dieser Jemand war wundervoll. Und darüber hinaus hatte Jake nicht vier Jahre gebraucht, um zu erkennen, was sie ihm bedeutete.

Nach einigen unbehaglichen Minuten brach Will das Schweigen. »Vielleicht werde ich bereuen, das zu sagen, Nessa, doch ich muss es tun, weil du mir wichtig bist. Ich meine, du solltest noch mal darüber nachdenken.«

»Was soll das heißen?«

»Ich meine, du solltest angesichts deiner Vorgeschichte – schließlich bist du ein Adoptivkind und hast Schreckliches durchgemacht – na ja, ich denke einfach …«

»Was denkst du?«, entgegnete Nessa in herausforderndem Ton. Sie war zornig und aufgewühlt.

»Ich denke, du sehnst dich verzweifelt nach Liebe, Nessa. Du wünschst dir eine eigene Familie, willst unbedingt einen Ort haben, an dem du dich sicher und geborgen fühlen kannst.« Seine Stimme verebbte, und er blickte sie unsicher an.

»Weißt du was, Will? Du hast keinen blassen Schimmer, was ich durchgemacht habe und wie es ist, in meiner Haut zu stecken. Du hast das sorgenfreieste Leben, das man sich denken kann. Es macht mich fast krank. Wage es bloß nicht, dir von deinem protzigen Elfenbeinturm aus ein Urteil darüber zu erlauben, was ich erlebt habe! Und jetzt kannst du mich mal.« Damit stand sie auf und rauschte davon.

»Ach, Ness, komm schon!«, rief Will und musste zusehen, wie sich ihre Silhouette im Dunkeln verlor.

»Nessa! Bitte komm zurück!«

»Nessa!«

»Nessa?«

Dann ließ er seufzend die Schultern hängen, zog eine Zigarette aus der Packung und steckte sie sich zwischen die Lippen.

1Hast du dir mal gewünscht, es wäre nicht passiert?

10. Februar 2012

»Weißt du noch, wie du dich damals gefühlt hast, als du berühmt wurdest?«, fragte Nessa. Die Beine fest übereinandergeschlagen, saß sie in der Ecke des durchgesessenen Sofas und balancierte eine Schale mit Essen auf den Knien, die Will vom Chinesen mitgebracht hatte. Es war kalt im Haus, denn sie konnte es sich nicht leisten, viel zu heizen. Deshalb trug sie einen weiten Wollpullover, in dem sie fast versank.

Nessa fand es sonderbar, Will jetzt so vor sich zu sehen, als Zweiunddreißigjährigen, als erwachsenen Mann. Oft fühlten sie sich beide noch wie Teenager. Er hatte sich sehr verändert. Seine heiße Rockerzeit, in der er abgenutzte Klamotten getragen, sich die Haare schwarz gefärbt und kaum durch seinen langen Pony hatte sehen können, war längst vorbei. Er sah noch immer gut aus, aber gar nicht mehr angeberisch, und in ihren Augen war das eine immense Verbesserung. Seine Haare waren von Grau durchzogen. Die silbernen Strähnen in dem Dunkelbraun standen ihm gut. Ein bisschen Bauch hatte er angesetzt, was auf seine Schwäche für Wein und gutes Essen und seine beharrliche Abneigung gegen Sport zurückzuführen war. Natürlich waren seine Augen noch genauso blau wie früher. An denen würde man ihn immer wiedererkennen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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