Wenn es Zeit wird anzukommen - Peter Raab - E-Book

Wenn es Zeit wird anzukommen E-Book

Peter Raab

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Beschreibung

Älterwerden heißt Abschied nehmen – so wird die landläufige Ratgeberliteratur nicht müde, zu betonen. Schade dabei ist, dass bei dieser einseitigen Blickrichtung die andere Seite übersehen wird: Das Ankommen im Abschied. In jedem Abschied das Ankommen erfahren, um im Dasein anzukommen. Das ist Thema beim Älterwerden, das wichtigste Thema sogar. Peter Raab möchte zu dieser Betrachtungsweise einladen. Wer im Abschied das Ankommen erfahren möchte, hat schon sein ganzes Leben hindurch Gelegenheit, dies zu erfahren und zu üben. Mit vielen konkreten Übungen und Beispielen wird dieser Prozess verständlich und nachvollziehbar gemacht.

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Seitenzahl: 189

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Peter Raab
Wenn es Zeit wird anzukommen
Ein spiritueller Blick auf das Älterwerden
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung: Agentur IDee
Umschlagmotiv: © Shutterstock – Mikbiz
E-Book-Konvertierung: de·te·pe, Aalen
ISBN (E-Book) 978-3-451-81217-0
ISBN (Print) 978-3-451-60041-8
Für zwei meiner Brüder war es Zeit geworden, endgültig anzukommen, während ich an diesem Text gearbeitet habe. Johannes und Klaus sei darum dieses Buch gewidmet.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Vergessen wir das Älterwerden – kommen wir an!
Es kommt auf den Blickwinkel an
Schritt für Schritt
Einfach da sein
Vom Haben zum Sein
Now forever
Jenseits der Verzweiflung
Ein Programm ins Leben
Ankommen – lange vor dem Älterwerden
Basisübung Ankommen
Die richtige Haltung
Das Zeugen-Bewusstsein
Die Türe ins Leben aufstoßen
Glockenübung zum Ankommen
Ankommen – in Beruf und Arbeitswelt
Beim Verlassen der Wohnung
Auf dem Weg zur Arbeit
Wie wirklich ist unsere Wirklichkeit?
Vernünftig miteinander kommunizieren
Die Gegenwart des Ganz Anderen
Ankommen – in Beziehung und Partnerschaft
Verliebt sein alleine reicht nicht!
Ich bin ich und du bist du
Wenn es schwierig wird
Zehn Regeln für ein gelungenes Paar-Gespräch
Gescheiterte Ankünfte
Öffnen für die Wirklichkeit des Ganz Anderen
Ankommen – in der Familie und bei den Kindern
Mit Kindern wachsen
Wenn Kinder immer anders wollen
Kinder zur Stille führen
Ankommen – bei den Vorfahren
Ein Ast am Baum
Die Ahnen sind mit uns
Lösungs- und Versöhnungs-Ritual
Ankommen – auch in Unglück und Leid
Unverheilte Wunden
Wenn das Leben sinnlos scheint
Nicht immer sind die anderen schuld!
In einem Sinn-Horizont ankommen
Ankommen – in der ewigen Gegenwart
Die Ankunft des Ganz Anderen
Die tiefere Wirklichkeit
Die Offenheit des Herzens
Liebendes Mitgefühl
Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden
Es darf auch Anstrengung kosten
Liebevoll gegenwärtig sein
Wenn die Todesangst kommt
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Über den Autor
Einleitung
Zeit anzukommen ist immer, aber wir brauchen erst ein bestimmtes Lebensalter, bis uns dies auch deutlich genug ins Bewusstsein dringt. Das ist, wenn wir älter werden. Älter – das werden eigentlich nur die anderen. Das eigene Älterwerden lässt sich gut verdrängen – zunächst jedenfalls. Doch irgendwann kann man die »Zeichen der Zeit« nicht mehr übersehen, da bemerkt man, dass man nun langsam selbst dazugehört. Und da beschleicht manch einen ein etwas mulmiges Gefühl. Jetzt ist man selbst so weit, unübersehbar, unwiderruflich.
Doch muss das überhaupt kein Grund zur Beunruhigung sein – wenn es uns gelingt, einen neuen, einen anderen Blick auf das Leben und den Prozess des Älterwerdens zu werfen. Älterwerden heißt Abschied nehmen – so wird die landläufige Ratgeberliteratur nicht müde zu betonen. In dem 2016 erschienenen Buch von Henning Scherf und Annelie KeilDas letzte Tabu heißt es im Untertitel: »… den Abschied leben lernen«. Das ist zwar nicht falsch, doch die eigentliche Herausforderung und Einladung im zunehmenden Alter ist etwas Anderes. Eigentlich geht es um das Gegenteil: Wir kommen endlich an – im Dasein. In jedem Abschied das Ankommen erfahren, um im Dasein anzukommen: Das ist das wichtigste Thema beim Älterwerden. Nur muss man sich dafür innerlich öffnen, und dann fühlt sich das Abschiednehmen gleich viel besser an. Denn dann kann uns bewusst werden, dass dieses Abschiednehmen eingebettet ist in ein tieferes Ankommen. Wenn wir etwas genauer hinschauen, wird uns klar, dass wir das ganze Leben hindurch überwiegend nicht da sind, nicht angekommen sind. Weil wir mehr nach außen gerichtet, nicht bei uns und nicht beim Sein sind, nicht in Verbindung sind mit unserem Urgrund, mit dem großen Geheimnis hinter dem Horizont unserer Alltäglichkeiten. Möglich wäre es zu jeder Zeit und immer, dort anzukommen, doch sind wir zu sehr nach außen gerichtet.
Gleich morgens, wenn der Tag beginnt, wenn wir erwachen. Statt an all die vielen Dinge zu denken, die nun auf uns zukommen – die Verpflichtungen, die gleich auf uns warten, die Termine, die anstehen –, könnten und sollten wir erst einmal ankommen. Kurz innehalten, uns besinnen auf diesen Augenblick hier an diesem Ort – statt uns gleich ins Getriebe zu stürzen. Und für diesen kurzen Moment auch in Verbindung zu treten mit jenem namenlosen Geheimnis, aus dem wir ins Dasein erwacht sind. Spätestens beim Älterwerden wird es Zeit, dass wir immer mal wieder und immer öfter umschalten vom Modus der Flüchtigkeiten und Alltäglichkeiten in den Seins-Modus. Das ist die tiefere Bedeutung von »Ankommen«. Das erfordert allerdings eine klare Änderung unserer Denkgewohnheiten und der inneren Einstellung, was zugleich befreiend und tröstlich ist. Nicht der wehmütige Blick zurück in die Vergangenheit, die es nun endgültig zu verabschieden gilt, ist dieser Lebensphase angemessen und hilft im Alter zu leben, sondern der entschiedene Blick in das Sein – hier und heute. »Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden«, heißt es in dem wunderbaren Gedicht »Stufen« von Hermann Hesse. Sobald der Mensch das verstanden und innerlich nachvollzogen hat, schwindet die verbreitete Altersschwermut, und neue Horizonte tun sich auf. Wir blicken auf eine Lebensphase, die es bewusst zu vollziehen gilt. Und wir blicken auf eine innere Haltung, die es einzuüben gilt – schon lange bevor das Alter beginnt. Die in den folgenden Kapiteln entwickelten Gedanken und Impulse sind gedacht als eine Einladung an alle Leserinnen und Leser, die ihr Alter näher rücken sehen, entspannt und in heiterer Gelassenheit auf diese Lebenszeit zu blicken, sich mental auf sie vorzubereiten und sich dann in ihr einzurichten.
Da dies kein rein kognitiver Prozess ist, sondern alle möglichen Verhaltensmuster, Lebensgewohnheiten und Einstellungen in den Blick zu nehmen sind, werden an manchen Stellen auch ganz konkrete Übungen angeboten als Möglichkeit, neue Schritte auszuprobieren und sich entsprechend weiterzuentwickeln. Diese Übungen haben sich in der Praxis vielfältig bewährt, sind aber trotzdem lediglich als Angebot zu verstehen.
Vergessen wir das Älterwerden – kommen wir an!
Es kommt auf den Blickwinkel an
Wann beginnt das eigentlich, wann wird man älter? Und ab wann ist man alt? Manch einer beginnt schon mit 40, seine grauen Haare zu zählen; mit 50 spätestens werden dann die Haare getönt. »Grau macht alt«, heißt es. Und doch meldet sich gelegentlich noch ein 50-Jähriger zum Marathon an. Die runden Geburtstage gewinnen für Manche zunehmend etwas Bedrohliches. Trotzdem wird der Sechzigste oft noch mit großem Getöse gefeiert, wobei unter den Feiernden inzwischen auch ein paar Enkel herumspringen. Mit 65 darf oder muss man in der Regel seine berufliche Arbeit beenden. Da beginnt der Ruhestand, da könnte man ankommen. Aber bei manchen ist eher das Gegenteil der Fall, weil sie nun erst mal beginnen, lange aufgeschobene Projekte und Vorhaben umzusetzen. Denn heute fühlen sich viele Menschen in diesem Alter noch überhaupt nicht alt. Viele der Betroffenen haben eher das Gefühl, nun endlich loslegen zu können, endlich an dem Punkt zu sein, wo das Leben eigentlich erst richtig beginnt.
Andererseits öffnet sich in dieser Lebensphase noch ein ganz anderer Horizont: Das eine sind die neuen Projekte, die äußeren Tätigkeiten und gegebenenfalls auch die freiberuflichen Perspektiven, die sich einem auch als Rentner noch eröffnen. Daneben oder darunter aber tut sich ein existenzieller Erfahrungshorizont auf, der nun eine ganz neue Bedeutung gewinnt, ein existenzielles Ankommen. In der Meditationsliteratur ist oft vom »Erwachen« die Rede. Älterwerden kann zur Chance werden, »aufzuwachen«. Wir bekommen eine Ahnung von etwas Größerem, von einem Ganzen, von dem wir ein Teil sind. Damit ist ein Bewusstseinsvollzug gemeint, durch den langsam oder auch mit einem Mal klar wird, wie sehr das »Ich«, das wir uns im Laufe unseres Lebens zurechtgezimmert haben, wie sehr diese ich-bezogene Wahrnehmung der Wirklichkeit eine Illusion ist. Wie sehr auch die ich-bezogene Umtriebigkeit und Geschäftigkeit nur die eine Seite der Medaille ist. In lichten Momenten wird uns nun immer wieder einmal klar, wie sehr wir eigentlich etwas ganz Anderes sind: nämlich Teil eines großen Prozesses, der sich vollzieht. Und das Erwachen in diese große Wirklichkeit hinein, in die Gegenwart, das ist ein wesentlicher Aspekt des Älterwerdens. Das ist die Einladung, anzukommen. Das Schöne und zugleich Schwierige ist, dass dieser Bewusstseinsvollzug nicht von einem Tag auf den andern plötzlich auftaucht, wie wenn man einen Lichtschalter umlegt. Vielmehr geht es um einen Erkenntnisweg als Übungsweg. Ja, Ankommen in diesem tieferen Sinne kann – und muss – eingeübt werden. Und das nicht erst im Alter; vielmehr kann und sollte dies lange vor dem eigentlichen Älterwerden bewusst vollzogen und praktisch geübt werden. Was das im Einzelnen bedeutet und wie das jeder für sich vollziehen kann, dazu möchte diese Schrift vielfältige Anregungen geben.
Ankommen im Seins-Modus ist ein innerer Bewusstseinsakt. Innehalten, schauen, sich bewusst werden, dass man ist, wo man ist, was man tut, wo man steht, wie es einem dabei geht, was man fühlt, die Freuden, die Zufriedenheit, aber auch den Kummer, den Frust, den Ärger, die Verzweiflung, die Sehnsucht spüren. Was liegt hinter mir, was vor mir? Ist alles in Ordnung? Was fehlt? Wo wollte ich eigentlich sein? Wo will ich noch hin?
Die Weichen können jetzt nochmals neu gestellt werden. Entweder machen wir in unserem Modus der Alltäglichkeiten weiter wie bisher, vertauschen bei den Aktivitäten und der Hektik lediglich die Schauplätze und die Inhalte. Oder wir lassen uns nun endlich ankommen in einem tieferen Sinne. Irgendwie hatten wir wohl schon das ganze bewusste Leben hindurch eine Ahnung davon, dass das Dasein tiefer gründet. Und nun wird uns klar, dass es jetzt darum geht, uns dort ankommen zu lassen, auch wenn zunächst noch gar nicht so recht klar sein mag, was das bedeutet. Darum wäre es gut, wenn in den Jahren davor schon langsam eine Offenheit dafür gepflegt würde. Eigentlich ist dies unabdingbar. Denn diese Änderung der Blickrichtung fängt nicht erst beim Altwerden an. Ankommen aus dem Modus der Alltäglichkeiten in den ontologischen Modus ist ein Lebensthema – für jeden von uns. Wenn wir achtsam durchs Leben gegangen sind, ist uns schon längst klargeworden, dass es immer auch darum geht, um dieses Ankommen im Sein. Dies soll in den einzelnen Kapiteln Schritt für Schritt erläutert werden. Eine Ahnung davon mag auf poetische Weise folgende Geschichte geben:
Ein Hirte saß bei seiner Herde am Ufer des großen Flusses,
der am Rand der Welt fließt.
Wenn er Zeit hatte und über den Fluss schaute,
spielte er auf seiner Flöte.
Eines Abends kam der Tod über den Fluss
und sagte: Ich komme,
um dich auf die andere Seite mitzunehmen.
Hast du Angst?
Warum Angst?, fragte der Hirte.
Ich habe immer über den Fluss geschaut, seit ich hier bin.
Ich weiß, wie es dort drüben ist.
Und als der Tod ihm die Hand auf die Schulter legte,
stand er auf und fuhr mit ihm über den Fluss,
als wäre nichts.
Das andere Ufer war ihm nicht fremd,
und die Töne seiner Flöte,
die der Wind hinübergetragen hatte,
waren schon da.
(Das Märchen vom Hirten am Fluss, Herkunft unbekannt)
Schritt für Schritt
Immer wieder einmal über diesen Fluss zu schauen, ist ein schönes Bild für das hier gemeinte Ankommen in einem existentiellen Sinne. Und das ist eben nicht erst im Alter Thema, sondern das Lebensthema schlechthin. Bei den Höhen und Tiefen und Schicksalsschlägen des Lebens werden wir immer wieder einmal darauf gestoßen. Das Leben hält manchen Weckruf bereit: So kann eine Trauer zum Weckruf werden, wichtige Lebensentscheidungen und -korrekturen wie Abbrüche im Lebenslauf und berufliche Neuorientierung können Weckrufe sein. Auch Scheidung und Neuverheiratung, die Geburt eines Kindes, der Tod eines nahen Menschen kann so ein Weckruf sein. Aber nicht immer müssen es die ganz großen Lebensthemen sein, manchmal schleicht sich der »Ankommensmoment« auch ganz schlicht und unspektakulär an: Wenn wir morgens vor das Haus treten, milde Sonnenstrahlen bringen den gegenüberliegenden Baum zum Strahlen, auf einem Ast sitzt ein Rotkehlchen und singt sein Morgenlied. Und für ein paar Momente vergessen wir alles, was hinter uns und was vor uns liegt. Wir sind angekommen, einfach nur ganz da, an diesem Morgen, vor diesem Haus, unter diesem Baum. Unser Herz öffnet sich, und wir sind da.
Immer wieder einmal wird uns die Tatsache bewusst, dass wir leben, dass wir im Dasein sind. Und die Frage taucht immer mal wieder auf, was das denn eigentlich zu bedeuten, was es mit unserem Leben auf sich habe. Doch lässt sie sich dann auch wieder ganz gut verdrängen und vergessen. Schließlich hat sich der Heranwachsende und der Erwachsene in seinem aktiven Leben mit Wichtigerem zu beschäftigen – und schon sind wir wieder im Modus der Äußerlichkeiten und Alltäglichkeiten. Doch nach dem Ablauf der überwiegend aktiven Lebensphase, wenn langsam und immer bedrängender die Anzahl der noch verbleibenden Lebensjahre überschaubar wird, können wir ihr nicht mehr ausweichen: der Frage nach dem Ziel der Reise, nach dem Lebenssinn insgesamt. Die gefühlte Distanz zum eigenen Tod wird mit jedem Jahr geringer, und der Mensch beginnt sich immer öfter zu fragen: Wie lange noch?
Dann drängt sich auch wieder die alte Daseinsfrage mit all ihren Facetten in den Vordergrund: Warum überhaupt werden wir geboren, wenn wir am Ende doch wieder sterben müssen? Was passiert, wenn wir sterben? Welche Bedeutung hat mein Leben überhaupt noch, wenn es zu Ende ist? Welche Bedeutung haben wir Menschen im gesamten Universum? Wie kam es überhaupt zu diesem Universum, was brachte es zum Entstehen? Wie lange wird es dieses Universum noch geben? Und was kommt danach? – Fragen und Gedanken, die natürlich im Laufe des Lebens immer wieder einmal da waren. Doch hatte man davor immer genügend anderes zu tun, sich um »bedeutendere« Dinge zu kümmern und für das Darüber-Hinaus weder Zeit noch Lust, wird es jetzt ernst in einem sehr existenziellen Sinne. Spätestens wenn dann immer wieder einmal vom Tod eines Gleichaltrigen aus dem eigenen Bekanntenkreis zu hören ist, den wir auf den Friedhof geleiten, greifen alle Strategien der Verdrängung und Denkverweigerung nicht mehr. Das Seins-Bewusstsein lässt sich nun nicht mehr abweisen. Selbst eine religiöse Verwurzelung ändert daran nichts wesentlich. Man ist unausweichlich an dem Punkt angekommen, wo es vor dieser Frage kein Entrinnen mehr gibt. Die persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Dasein, der eigenen Endlichkeit bleibt keinem erspart. Das mag zunächst eine gewisse Verunsicherung mit sich bringen. Doch es liegt darin auch die Chance, dass sich neue Bewusstseinsräume öffnen und eine Aussöhnung mit der eigenen Sterblichkeit stattfinden kann: der zentrale Aspekt des Älterwerdens.
Darum darf diese Bewusstseinserweiterung, diese Umstellung aus dem Modus der Alltäglichkeiten in den SeinsModus auch als Chance betrachtet werden, denn nun kann die Zeit des Älterwerdens auch als Reifezeit bewusst gestaltet und gelebt werden. Und jeder hat die Möglichkeit, an dieser Bewusstseinserweiterung selbst zu arbeiten. Vieles ist auf der Ebene der Alltäglichkeiten zum Abschluss und zur Reife gekommen oder steht kurz davor. Und in uns verdichtet sich das Gefühl, dass es jetzt gut ist, was die materiellen Dinge betrifft: Finanzieller Reichtum, Besitz und äußerer Wohlstand wie ein dicker Wagen, ein prallgefülltes Bankkonto oder Portfolio mit Immobilien werden zunehmend unwichtig. Das Haus ist gebaut; das Kind ist gezeugt; das Buch ist geschrieben – wie es das chinesische Sprichwort fordert. Anders ausgedrückt: Das Werk – geistig, wirtschaftlich, generativ – ist jetzt vollendet, was immer es auch war. Ein ungeheurer Freiheitsraum tut sich vor uns auf. Und die Frage ist: »Was machen wir denn jetzt, wenn alles getan ist? Etwa nichts?« Genau, einfach nur da sein, darum geht es nun. Und wie wir gleich sehen werden, erschließt sich uns in diesem »nichts« die ganze Seinsfülle.
Einfach da sein
Das Aussteigen aus dem Modus der Alltäglichkeiten und das Ankommen im Seins-Modus – wenn wir das vollzogen haben, verändern sich unser Blick auf das Leben und unser Lebensgefühl grundlegend: Eine tiefe Zufriedenheit kann sich ausbreiten. Wir finden immer mehr zu einer Haltung achtsamen und stillen Einverständnisses mit dem, was ist und wie es ist. Selbst wenn wir in gewohnter Weise unseren täglichen Verrichtungen nachgehen. Die innere Haltung ist jetzt eine andere geworden. Die Gier, der Lebenshunger sind gesättigt, der Druck weicht, die Umtriebigkeit und Rastlosigkeit früherer Jahre kommen zur Ruhe. Das Werk, das zu tun war, ist getan. Man kann mit Freude darauf blicken und sich Ruhe gönnen. Stille und Ruhe dürfen sich breitmachen. Und das ist etwas, was uns ja nicht so leichtfällt. Das ist eine ganz neue Kunst, die jetzt heranreifen kann: die Kernkompetenz für das Leben im Alter. Das reine Schauen auf den Augenblick. Das Leben ganz im Jetzt. Altwerden hat etwas Meditatives, denn auch beim Meditieren wird allein dieses geübt: Achtsam anzukommen, da zu sein – hier und jetzt. Auch an dieser Stelle wird wieder deutlich, dass dies schon im Verlauf des ganzen Lebens immer wieder einmal geübt werden kann und sollte: Aus dem Modus der Alltäglichkeiten in den Seins-Modus umzuschalten. Viele jüngere und ältere Menschen praktizieren ja schon irgendeine Form regelmäßigen Meditierens. Doch spätestens jetzt, also ab 50 plus, wird es wirklich Zeit für einen derartigen Übungsweg.
Dann wird es auch friedlich in uns. Friede und innere Zufriedenheit können das Grundgefühl dieser Zeit werden. Das bedeutet, dass man jetzt nichts mehr erreichen muss; dass jetzt auch alles jammervolle Rückwärtsschauen, alles Hängenbleiben in einer imaginären Hätte-wäre-könnte-doch-Vergangenheit erledigt ist. Die Unzufriedenheit, der Missmut an der beruflichen oder familiären Entwicklung etwa und am Leben überhaupt, die Frustration über dieses und jenes – all das hat sich jetzt gelegt. Das Misslungene wird angenommen; dem Verlorenen wird nicht mehr nachgetrauert. Wir akzeptieren und nehmen an, was möglich war. Alles Hadern und Zweifeln am Schicksal ist jetzt beendet. Keiner kann in der Gegenwart, in diesem Augenblick ankommen, der nicht zu einem tiefen Einverständnis mit dem Leben gefunden hat. Einverständnis mit dem, was war und wie es ist. Ganz ohne Verhärtung, ganz ohne Verbitterung. Das ganze Leben darf jetzt in einen tiefen Einklang einschwingen. So stellt sich zumindest die Idealform dar. Und es bedarf ständigen bewussten Übens auch schon lange vor dem Älterwerden, um auch tatsächlich in diesen Seins-Modus zu gelangen – und in ihm zu verbleiben. Wie, das wird in den nachfolgenden Kapiteln näher erläutert werden.
Im Idealfall heißt das, dass man jetzt auch seine zwischenmenschlichen Beziehungen gut geregelt hat. Dass man, falls nötig, auch Konflikte mit seinen Mitmenschen – Eltern, Verwandte, die eigenen Kinder, Nachbarn – beigelegt hat, dass alle Verstrickungen gelöst, alle Psychospiele ausgespielt und alle Machtkämpfe ausgekämpft sind. Dass auch alle Schuld und Schuldzuweisung ausgestanden ist; dass man, wo es nötig war, um Verzeihung und Vergebung gebeten hat und seinerseits vergeben hat, was zu vergeben war. Geist und Gemüt haben sich geklärt in Nachsicht, Demut, Verzeihen, in Güte und Menschenfreundlichkeit. Der sprichwörtliche mürrische, zänkische, habgierige, streitsüchtige, rechthaberische, missgünstige Alte wäre noch nicht so weit, dass er sagen könnte, er sei nun in der Gegenwart angekommen.
Es bedeutet auch, dass man durch ist mit den ganzen Sorgen und Nöten, auch Neurosen und Ängsten; dass alle zurückliegenden Schmerzen und Enttäuschungen jetzt überwunden sind; dass man auch alle Süchte und selbstschädigenden Gewohnheiten hinter sich gelassen hat. Mit der Erfahrung des Angekommenseins verträgt sich nicht mehr gieriges Raffen und In-sich-Hineinstopfen. Das mag früher mal gewesen sein, doch jetzt ist es gut!
Vom Haben zum Sein
Wer in dieser Fülle des Lebens angekommen ist, hat seinen Lebensschwerpunkt vom Haben auf das Sein verlagert. Darum ist diese Haltung von zunehmender Lebensbescheidenheit gekennzeichnet. In ihr wächst auch die Erkenntnis, dass viele Dinge, die wir haben, eigentlich gar nicht nötig sind. Wir lernen, die Schönheit und Vollkommenheit des gegenwärtigen Augenblicks zu genießen und zu lieben. Und es gehört zu den schönsten Erfahrungen des Älterwerdens, zu sehen, wie wenig wir eigentlich zum Glück brauchen – und diese Einsicht gilt sogar und gerade für das Essen und Trinken. Man ist angekommen in einer existenziellen, spirituellen Fülle, die die »fleischlichen« Bedürfnisse zwar nicht beseitigt, aber doch relativiert. Wer das nicht verstanden und auch immer wieder gespürt hat, ist in Gefahr, dass er die altersgemäße existenziell-spirituelle Sehnsucht und Bedürftigkeit auf körperlicher Ebene ersatzbefriedigt. Dann haben wir Erscheinungen von Torschlusspanik mit ihren typischen senilen Formen von Suchtverhalten.
Dahinter verbirgt sich das Gefühl eines tiefen Mangels, eines Empfindens, dass das Entscheidende noch fehlt. Und das versucht man dann verzweifelt mit den falschen Mitteln zu befriedigen. Gerontologen wissen um die Suchtgefährdung gerade im Alter. Altersalkoholismus und Esssucht sind ein weitgehend schamhaft verschwiegenes Problem im Seniorenalter. Wer hingegen in dieser existenziellen Fülle angekommen ist, wird immer öfter das Glas stehen lassen und den Kühlschrank geschlossen halten. Der Durst, der Hunger sind gestillt – nicht weil der Magen voll ist, nicht weil wir Mengen in uns hineingestopft und hineingeschüttet hätten, sondern weil wir mit Geist, Herz und Gemüt im Leben, in seiner unerschöpflichen Tiefe angekommen sind. Wir haben immer tiefer gefühlt und erfahren, wie wenig Glück mit Haben, wie viel es aber mit Sein zu tun hat. Die Erfahrung, dass genug genügt, ist jetzt immer leichter zu machen.
Now forever
Es gibt auch viele ältere Menschen, die ihr Älterwerden als eine Art Krankheit betrachten, als einen möglichst zu vermeidenden Betriebsunfall. Kein Wunder, schließlich wird uns allen das ja von der mächtigen Anti-Aging-Lobby eingehämmert: »Young forever«, heißt deren Versprechen, das die Leute glauben sollen – und auch gerne glauben wollten, wenn sie könnten. Weil das aber nicht geht, schämt man sich seines Alters, versucht es zu verstecken. Man ist neidisch auf die Jungen, die angeblich etwas haben, was einem selbst abhanden gekommen ist – weil man nicht in der Fülle des Seins angekommen ist. Viele ältere Menschen schämen sich ihrer Falten und Runzeln, der abnehmenden Kräfte, und missgönnen den Jungen ihre makellose Schönheit und strotzende Kraft. Sie hadern, nörgeln und lamentieren so ausdauernd über das halb leere Glas, dass sie die überaus beglückende Fülle der verbleibenden Hälfte gar nicht sehen können. Sie sind nicht in der Fülle des Seins, dieses Augenblicks angekommen, in der erfahrenen, gefühlten Fülle. Denn wenn einer existenziell in der Fülle des Seins angekommen ist, für den hat sich »Anti-Aging« erledigt. Jetzt braucht er diese »Young forever«-Versprechungen nicht mehr, denn dieses »Jetzt« birgt eine Ahnung von zeitlosem Gegenwärtig-Sein, das sich wie eine Verheißung auf Ewigkeit anfühlt. An die Stelle des »Young forever« tritt »Now forever«. Und unversehens sind wir im»nunc stans« der mittelalterlichen Mystiker angekommen, mit dem diese versucht haben, eine ewige Gegenwart und Wirklichkeit zu ertasten und sich darin zu verorten. Im Jetzt jedes Augenblicks sind alle Unterschiede der Altersstufen bedeutungslos geworden. Jedes Lebensalter ist das »schönste«, jedes Alter ist genau richtig, wenn es in der zeitlosen Gegenwart geortet ist. Wer aus einer gefühlten und erfahrenen Fülle heraus ins Leben schaut, erfährt seine späteren Jahre nicht als defizitär, weil er im Bewusstsein und in der Erfahrung von so etwas wie ewiger Gegenwart angekommen ist. Für ihn ist offensichtlich und erlebbar, dass jedes Alter – egal wie die Zahl der Jahre heißt, 20 oder 80 – prallvolles Leben ist.
Statt Trauer und Abschiedsgefühlen erfahren wir eine stille und große Freude über dieses ganze reiche Leben, von dem wir Teil sind. Wir spüren, dass es in uns Gewicht und Tiefe gewonnen hat, weil wir uns diesem Eigentlichen genähert haben. Nicht Abschiednehmen also, sondern Ankommen, Schritt für Schritt.