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In einer Familientherapie geht es meistens um mehrere Anliegen gleichzeitig: ein gegebenes Problem beim Kind bzw. Jugendlichen, die damit verbundene Hilflosigkeit der Eltern und die Interaktion der Familienmitglieder untereinander bzw. mit der Umwelt. Konrad Peter Grossmann entwickelt drei verschiedene Formen des Fallverständnisses. Sie fokussieren auf die Entwicklung des Kindes, seinen sozialen Lebenskontext bzw. auf vergangene oder aktuell belastende Erfahrungen. Der Praxisteil des Buches folgt dem Ablauf eines Therapieprozesses und gibt Anregungen für die entscheidenden Fragen: Was kann man als Therapeut für eine gute Beziehung zu allen Familienmitgliedern beitragen? Wie lassen sich Klagen in sinnvolle Themen für die Therapie umformulieren? Wie erkundet und stärkt man die Motivation von Kindern und Jugendlichen für Veränderungen? Welche Interventionen sind im Hinblick auf die konkreten Anliegen besonders hilfreich? Wie kann man als Therapeut kreativ auf Rückfälle und Stagnation reagieren? Das Buch macht deutlich, dass der Schlüssel für Gestaltungsmöglichkeiten in allen Phasen in der therapeutischen Gesprächsführung liegt. In den Text eingebettet ist deshalb neben Fallvignetten auch das Transkript einer familientherapeutischen Sitzung.
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Seitenzahl: 350
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Systemische Therapie und Beratung
In den Büchern der Reihe zur systemischen Therapie und Beratung präsentiert der Carl-Auer Verlag grundlegende Texte, die seit seiner Gründung einen zentralen Stellenwert im Verlag einnehmen. Im breiten Spektrum dieser Reihe finden sich Bücher über neuere Entwicklungen der systemischen Arbeit mit Einzelnen, Paaren, Familien und Kindern ebenso wie Klassiker der Familien- und Paartherapie aus dem In- und Ausland, umfassende Lehr- und Handbücher ebenso wie aktuelle Forschungsergebnisse. Mit den roten Bänden steht eine Bibliothek des systemischen Wissens der letzten Jahrzehnte zur Verfügung, die theoretische Reflexion mit praktischer Relevanz verbindet und als Basis für zukünftige nachhaltige Entwicklungen unverzichtbar ist. Nahezu alle bedeutenden Autoren aus dem Feld der systemischen Therapie und Beratung sind hier vertreten, nicht zu vergessen viele Pioniere der familientherapeutischen Bewegung. Neue Akzente werden von jungen und kreativen Autoren gesetzt. Wer systemische Therapie und Beratung in ihrer Vielfalt und ihren transdisziplinären und multiprofessionellen Zusammenhängen verstehen will, kommt um diese Reihe nicht herum.
Tom LevoldHerausgeber der Reihe Systemische Therapie und Beratung
Konrad Peter Grossmann
Familientherapie mit älterenKindern und Jugendlichen
2018
Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:
Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)
Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)
Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)
Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)
Dr. Barbara Heitger (Wien)
Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)
Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)
Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)
Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)
Dr. Roswita Königswieser (Wien)
Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)
Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)
Tom Levold (Köln)
Dr. Kurt Ludewig (Münster)
Dr. Burkhard Peter (München)
Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)
Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)
Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)
Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)
Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)
Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)
Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)
Jakob R. Schneider (München)
Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)
Dr. Therese Steiner (Embrach)
Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin (Heidelberg)
Karsten Trebesch (Berlin)
Bernhard Trenkle (Rottweil)
Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)
Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)
Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)
Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)
Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)
Themenreihe »Systemische Therapie und Beratung«
hrsg. von Tom Levold
Umschlagmotiv: © Jana & JS
Reihengestaltung: Uwe Göbel
Satz: Drißner-Design u. DTP, Meßstetten
Printed in Germany
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck
Erste Auflage, 2018
ISBN 978-3-8497-0241-0 (Printausgabe)
ISBN 978-3-8497-8152-1 (ePUB)
© 2018 Carl-Auer-Systeme Verlag
und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg
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Tel. + 49 6221 6438 - 0 • Fax + 49 6221 6438 - 22
Vorwort
IVon der Theorie …
1Einleitung
Fragestellungen
Bestimmungsversuche
Ergebnisse empirischer Wirkforschung
Therapiegeschichtliche und gesellschaftliche Wandlungen
Aufbau und Fokus des Textes
2Mehrere Anliegen
3Kindliche bzw. jugendliche Leidenszustände
Häufige kind- bzw. jugendlichenbezogene Themenstellungen im ambulanten Therapiekontext
4Elterliche Verunsicherung und Hilflosigkeit sowie elterliche Kooperationsprobleme
Quellen parentaler Hilflosigkeit
Elterliche Kooperationsprobleme
5Interaktionelle Problemstellungen
6Zur Genese und Aufrechterhaltung kindlicher bzw. jugendlicher Leidenszustände
Klinische Theorien
Eine kurze Geschichte familientherapeutischer Modellbildung
Über Fallverstehen
Drei unterschiedliche Weisen des Fallverstehens
Zur Selbstorganisation kindlicher und jugendlicher Leidenszustände
Über die Verwundbarkeit von Kindern und Jugendlichen
7Ein kontextfokussiertes Fallverstehen
Alltägliche Belastungen
Parentifizierung
Generationsübergreifende Koalition/Triangulation
Kommunikative Inkohärenz und Mehrdeutigkeit
Überfürsorge/Verstrickung
Innere Stressoren und Konflikte von Kindern oder Jugendlichen
Reaktionen und Lösungsversuche
Elterliche Reaktionen und Lösungsversuche
Selbstbezügliche Reaktionen/Lösungsversuche von Kindern und Jugendlichen
Verengende Narrative
Elterliche Narrative
Selbstbezügliche Narrative von Kindern und Jugendlichen
8Ein entwicklungsfokussiertes Fallverstehen
9Ein bewältigungsfokussiertes Fallverstehen
Trennung/Scheidung von Eltern
Mobbing/Bullying
Traumatische Erfahrungen
10Ein verschränktes Fallverständnis
11Zur Zielsetzung von Therapie
II… zur Praxis
1Einen Rahmen für gemeinsames Erzählen schaffen
1.1Das Schaffen einer positiven Therapiebeziehung
1.2Das Anregen positiver Reziprozität und funktionaler familiärer Interaktion
1.2.1Das Hier und Jetzt verändern
1.3Die Kooperation mit wichtigen sozialen Anderen verbessern
2Die Gestaltung des Settings und der therapeutischen Gesprächsführung
2.1Das Familiensetting
2.1.1Multilogische und auf Kinder bzw. Jugendliche bezogene Gesprächsführung
2.1.2Das Einbeziehen von Vätern und Geschwistern
2.2Einzeltherapeutische Gespräche mit Jugendlichen und älteren Kindern
2.3Elterntherapeutische Gespräche
2.3.1Ausschließliche Elterntherapie
2.4Therapeutische Formen der Hilfe für Familien mit jüngeren Kindern
3Die Anfangsphase einer Familientherapie
3.1Kontextklärung
3.1.1Therapiemotivationen
3.2Problemdifferenzierung
3.2.1Kind- bzw. jugendlichenbezogene Problembeschreibungen
3.2.2Das Stärken von Veränderungsmotivation
3.2.3Interaktionsbezogene Problembeschreibungen
3.2.4Elternbezogene Problembeschreibungen
3.3Erste Problemkontextualisierung
3.4Zielarbeit
3.4.1Kind- bzw. jugendlichenbezogene Ziele
3.4.2Elternbezogene Ziele
3.5Das Entwickeln eines Arbeitskontrakts
3.6Abschluss der Anfangsphase
4Der Mittelteil einer Familientherapie
4.1Die Choreografie von Folgegesprächen
4.1.1Anschluss und Retrospektion
4.1.2Klärung von Stundenthema und -ziel
4.1.3Problemaktualisierung
4.1.4Problem-Lösungs-Übergang
4.1.5Lösungsaktualisierung
4.1.6Stundenabschluss
4.2Über Veränderung I
4.3Über Veränderung II
5Über das Intervenieren
5.1Die Wirkung therapeutischen Intervenierens
5.2Die Plastizität von Interventionen
5.3Formen interventiven Handelns
5.3.1Intervenieren mit sprachlichen Mitteln
5.3.2Analoges Intervenieren
5.3.3Externalisierende Praktiken
5.3.4Imaginationsübungen
6Kontextfokussiertes Vorgehen
6.1Das Auflösen bzw. Reduzieren alltäglicher Belastungen
6.1.1Das Auflösen negativer Reziprozität
6.1.2Das Verändern dysfunktionaler familiärer Interaktionsmuster
6.1.3Das Entwickeln funktionaler Regeln
6.1.4Fördern elterlicher Kooperation
6.1.5Das Anregen von Entschleunigung
6.2Das Auflösen innerer Stressoren und Konflikte
6.3Elterliche und jugendliche Lösungsversuche verändern
6.3.1Elterliche Lösungsversuche verändern
6.3.2Kindliche bzw. jugendliche Lösungsversuche verändern
6.4Verengende Narrative erweitern
6.4.1Das Erweitern elterlicher Narrative
6.4.2Erweitern selbstbezüglicher Narrative von Kindern/Jugendlichen
6.5Symptombezogene Vorgehensweisen
7Entwicklungsfokussiertes Vorgehen
8Bewältigungsfokussiertes Vorgehen
8.1Das Bewältigen elterlicher Trennung oder Scheidung
8.1.1Elterliche Kooperation verbessern
8.1.2Empathische Elternschaft fördern
8.1.3Die Bindung zu beiden Elternteilen fördern
8.1.4Kindern bzw. Jugendlichen und Eltern helfen, eine neue Identität zu finden
8.2Das Bewältigen traumatischer Erfahrung
8.2.1Das Wiederherstellen von Stabilität
8.2.2Das Unterstützen kindlicher und jugendlicher Verarbeitungsprozesse
8.2.3Das Fördern von Integration
9Das Evaluieren von Therapie
9.1Die bestärkende Funktion von Zwischenevaluierungen
9.2Die motivierende und orientierende Funktion von Zwischenevaluierungen
9.3Das Handhaben von Stagnation und Rückschritten
10Der Abschluss einer Familientherapie
Ein kleines Happy End
Literatur
Über den Autor
»Braucht es unbedingt noch ein Familientherapie-Buch?«, dachte ich, als ich das Manuskript dieses Buches in die Hand bekam. Nach der Lektüre bin ich überzeugt, dass dieser Band gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt einen wichtigen Platz im systemtherapeutischen Diskurs einnehmen kann, in dem die Arbeit im Familiensetting nicht mehr im Vordergrund steht.
Das war einmal anders. Der systemische Ansatz ist ja Anfang der 1980er Jahre nicht aus dem Nichts entstanden, sondern aus einer breiten familientherapeutischen Bewegung hervorgegangen. Lange wurde in den ersten Jahren darum gerungen, ob Familientherapie als eigenständiges Psychotherapieverfahren gelten sollte oder ob es sich nur um ein spezifisches Setting handelt. Mittlerweile ist diese Auseinandersetzung – zumindest im deutschsprachigen systemischen Feld – zugunsten des Setting-Argumentes geklärt.
Sieht man von speziellen Anwendungsgebieten in der Jugendhilfe ab (etwa der aufsuchenden Familientherapie), scheint die Arbeit mit dem Familiensetting im Feld der systemischen Therapie aber eher an Boden zu verlieren. Hier konzentrieren sich die Anstrengungen seit Langem auf die kassenrechtliche Zulassung der systemischen Therapie als »Psychologische Psychotherapie«, die im Erfolgsfalle dann eben wie alle anderen sozialrechtlich anerkannten Verfahren nur individuelle »Störungen mit Krankheitswert« behandeln könnte – die Arbeit mit Familien würde dann allenfalls unter die »Einbeziehung von Angehörigen« fallen. In Österreich, wo die systemische Therapie schon lange als solches Verfahren anerkannt ist, kenne ich systemische Psychotherapeuten, die in ihrer Praxis aus pragmatischen Gründen noch nie Familiengespräche geführt haben – zu aufwendig, zu schlecht bezahlt, schwierig zu organisieren. Eine solche Entwicklung ist auch in Deutschland bei einer sozialrechtlichen Anerkennung der systemischen Psychotherapie nicht unwahrscheinlich. Als Gastdozent vieler systemischer Institute mache ich in meinen Workshops zudem die Erfahrung, dass nicht nur die Namen vieler bedeutsamer Pioniere der Familientherapie, sondern auch deren Konzepte vielen Weiterbildungsteilnehmern kaum noch oder gar nicht mehr geläufig sind.
Das alleine sind gute Gründe, die Herausforderung einer umfassenden Darstellung der Familientherapie auf dem Stand des gegenwärtigen theoretischen und klinischen Wissens anzunehmen. Mit Konrad Peter Grossmann hat dieses Vorhaben einen Autor gefunden, der sich nicht nur durch seine langjährige, alle systemischen Settings umfassende Erfahrung und sein umfangreiches theoretisches Wissen auszeichnet, sondern darüber hinaus in der Lage ist, der Leserschaft seine Kenntnisse auf eine einladende und sehr lesbare Weise zu präsentieren.
Dieses Buch bietet nicht nur für Anfänger oder Professionelle, die mit der historischen Entwicklung der Familientherapie nicht vertraut sind, einen ausgezeichneten – und darüber hinaus gründlichen – Überblick über diagnostische Einordnungen, therapeutische Interventionen und interaktionelle Zusammenhänge bei Familienproblemen; als erfahrener Praktiker habe auch ich sowohl in seinen Überlegungen zur Familiendynamik als auch zur praktischen Vorgehensweise immer wieder interessante Akzente und neue Aspekte entdecken können. Ausgehend von seiner eigenen familientherapeutischen Praxis steht für Konrad Peter Grossmann in erster Linie die Arbeit mit Jugendlichen bzw. älteren Kindern im Fokus – das wichtigste therapeutische Medium ist hier das Gespräch mit allen Beteiligten –, in Abgrenzung z. B. zur Arbeit mit jüngeren Kindern und ihren Familien, bei denen nichtverbale und spielerische Elemente einen größeren Platz einnehmen.
In der familientherapeutischen Praxis gibt es viele praktische und methodische Dinge zu bedenken (Kontext- und Auftragsklärung, Motivation, Kontraktentwicklung, Setting, Interventionen usw.), auf die Grossmann sehr ausführlich eingeht, ohne dass sein Buch dadurch in die Gefahr gerät, zu einer bloßen Methodensammlung zu werden. Alle Reflexionen zur Behandlungstechnik und zur therapeutischen Haltung sind in eine klinische Praxeologie eingebettet, die auch Therapeuten, die mit der Arbeit mit Mehrpersonensystemen nicht sehr vertraut sind oder sogar davor zurückschrecken, gut unterstützen können.
Die ausführlichen Fallbeispiele sind plausibel und gut erzählt, sie dienen nicht nur als Illustrationen, sondern gewinnen durch die Art ihrer Darstellung einen eigenen Wert. Was Konrad Peter Grossmann als Vertreter des narrativen Ansatzes über Therapeuten generell schreibt, gilt auch für ihn als Autor: »Welche Variablen und welche Zusammenhänge zwischen [Theorien und Erfahrung] sie im Kontext ihres Fallverstehens fokussieren, welche sie als bedeutsam gewichten, welche sie marginalisieren oder unbeachtet lassen, ist immer durch ihren Standort als Erzähler mitbedingt und -selektiert. So betrachtet sind klinische Theorien immer Ausdruck eines therapeutischen Story-Making, Ausdruck theoretischer und epistemologischer (Vor-) Annahmen, Ausdruck des Erfahrungswissens und Ausdruck von Entscheidungen, die Therapeuten als Erzähler treffen.«
Daraus resultiert, dass leidvolle Erfahrungen in Familien aus ganz unterschiedlichen Perspektiven empathisch beschrieben werden können, die jeweils unterschiedliche Akzente im Fallverständnis setzen. Die Kapitel über kontextfokussiertes, entwicklungsfokussiertes oder bewältigungsfokussiertes Fallverstehen stellen keine Alternativen dar, zwischen denen man sich zu entscheiden hätte, sondern bahnen vielmehr einem »verschränkten Fallverständnis« den Weg, das die verschiedenen Beschreibungsebenen miteinander in Beziehung setzt.
Ein solches Fallverständnis ist eine der vielen Stärken dieses Buches, die auf jeder Seite spürbar ist. Grossmanns Fähigkeit als Erzähler, die Geduld, Einfühlungsvermögen und Genauigkeit mit großer Stilsicherheit vereint, kommt der Lektüre dieses komplexen und detailreichen Bandes sehr zugute.
Für sich selbst nimmt der Autor die Position eines »bescheidenen Experten« ein: »Bescheidenes Expertentum geht davon aus, dass sich therapeutisches Handeln nicht allein aus einer konstruktivistischen/konstruktionistischen Erkenntnistheorie ableiten lässt. Familientherapie bedarf einer klinischen Theorie, die ein missing link zwischen Epistemologie und therapeutischem Tun überbrückt«.
Familientherapie, wie ich sie Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre kennengelernt habe, beruhte überwiegend auf Konzepten, die man heute als »Kybernetik erster Ordnung« beschreiben würde. Die Interventionspraktiken, die damit verbunden waren, waren nicht selten mit einer Expertenposition verknüpft, bei der die Therapeuten die »schmutzigen Spiele« problematischer Familien aufdecken, stören und unterbrechen wollten. Die Entwicklung der 1980er Jahre mit der konstruktivistischen Wende zur »Kybernetik zweiter Ordnung« hat ein neues Licht auf die Interaktion zwischen Therapeuten und Familien geworfen, das auch die Arbeit von Grossmann erhellt.
Gleichwohl sind die Erfahrungen jener Zeit in diesem Band im doppelten Sinne des Wortes gut aufgehoben: Sie bleiben bewahrt, ohne entwertet zu werden, auch wenn sie für die heutige Praxis und das heutige Therapieverständnis keine Gültigkeit mehr in Anspruch nehmen können.
Auch wenn die systemische Therapie sich seit Langem als eigenständiges Therapieverfahren in allen möglichen Settings und Kontexten bewährt hat, würde ich mir wünschen, dass systemisch interessierte Therapeuten in unterschiedlichsten Arbeitszusammenhängen wieder mehr Anstrengungen unternehmen, mit der ganzen Familie zu arbeiten. Das ist oft mühsam und nicht immer in den Organisationsalltag von klinischen oder sozialen Einrichtungen unterzubringen, was den familientherapeutischen Enthusiasmus der frühen Jahre sicherlich gebremst hat. Dieses Buch kann einen Beitrag dazu leisten, dass die familientherapeutische Perspektive, die ja den Ursprung des systemischen Feldes verkörpert, in diesem wieder stärkere Berücksichtigung erfährt.
Tom LevoldKöln, im April 2018
Anlass der Therapie mit dem zehnjährigen Niko1 und seiner alleinerziehenden Mutter war sein sozial auffälliges Verhalten in der Schule. Zu Beginn des fünften Therapiegesprächs erzählte Niko von seiner Enttäuschung in Zusammenhang mit einem nicht zustande gekommenen Ausflug mit seinem Vater. Nikos Eltern lebten zu diesem Zeitpunkt seit mehreren Monaten voneinander getrennt. Sein Vater wahrte Abstand zu ihm und seiner zwei Jahre alten Schwester.
Nikos Traurigkeit über die Absage des Ausflugs war auch der Grund gewesen, warum es in den Tagen danach »in der Schule nicht so geklappt« hatte. Ich verstand seine Enttäuschung. Die Frage, auf welche Weise Niko seine Enttäuschung hinsichtlich seines Wunsches nach intensiverem und verlässlicherem Kontakt zu seinem Vater besser bewältigen konnte, wurde zum Thema der Therapiestunde. Niko erzählte, was diese und frühere Enttäuschungen im Zusammenhang mit seinem Vater in ihm auslösten. Ich fasste seine Erzählung in einem Bild zusammen: Seine Situation glich der eines Ritters, der gerne einen Fluss überquert hätte, um zu dem Schatz auf der anderen Seite zu gelangen. Aber der Fluss war zu breit, sodass all seine Versuche, das andere Ufer zu erreichen, scheiterten. Niko war einverstanden, dass wir dieses Bild mit Playmobil-Figuren nachstellten – er zeichnete einen »wilden Fluss« auf einen großen Bogen Papier, er positionierte eine kleine Schatztruhe auf der rechten Seite des durch den Fluss geteilten Bildes und eine Ritterfigur samt Pferd auf dessen linker Seite. Was konnte der Ritter machen? War es sinnvoll, den Fluss weiter entlangzureiten in der Hoffnung, auf eine Brücke zu stoßen, wo er ihn überqueren konnte? (Nein – der Fluss war überall so wild, dass er jede Brücke zum Einsturz brachte.) Sollte er ein Boot suchen oder bauen? (Nein – der Fluss war so stürmisch, dass jedes Boot versank.) Gab es einen Vogel mit magischen Kräften und mächtigen Schwingen, der ihn über den Fluss tragen konnte? (Nein – die Wellen des Flusses waren so hoch, dass sie jeden Vogel erfassten und zum Absturz brachten. Nikos durchgängiges Verneinen spiegelte seine Erfahrung wider, dass all sein Bemühen um mehr Kontakt mit seinem Vater ergebnislos blieb.) Schließlich entschied sich Niko dafür, auf »seinem« Ufer des Flusses ein Haus aus Bauklötzen zu bauen, das nach und nach um einen Garten und eine Landwirtschaft erweitert wurde. Was bewog ihn dazu? Es war »irgendwie besser« (statt auf etwas zumindest im Moment Unerreichbares zu hoffen, wendete er sich für ihn Erreichbarem zu), und zudem war »vom Ufer aus der Fluss nur halb so wild«. Am Schluss der Therapiesitzung sprachen wir darüber, welche Auswirkungen es mit sich bringen würde, wenn Niko nicht mehr auf einen engeren Kontakt mit seinem Vater hoffen würde. (Die Figur des Ritters hatte Niko im Verlauf seiner Darstellung vom Fluss/vom Schatz weg hin zu seinem Haus und Garten gedreht.) Er würde dann – so Niko – nicht mehr so traurig sein; und er würde sich dann auch besser mit anderen vertragen.
Nikos kluge Beschreibung – »Vom Ufer aus ist der Fluss nur halb so wild« – beeindruckte mich tief. Eine Position vom Ufer aus scheint mit jene zu sein, die Familien und ihre Therapeuten2 nutzen, um Veränderung anzuregen. Eine riverside position (White a. Morgan 2006; Denborough 2008) ist ein Erzählstandort, der zugleich nah genug wie nicht zu nah am »Fluss des Erzählens« problembetroffener Familien ist. Und letztlich ist dieser Erzählstandort auch einer, von dem aus sich über Familientherapie schreiben lässt.
Nikos Geschichte gehört zu jenem Geschichten-Schatz, der meine praktische Erfahrung als Familientherapeut ausmacht. Dieser Schatz entstand im Lauf der Jahre in unterschiedlichen beruflichen Kontexten: im Rahmen der Tätigkeit in einem Kinderschutzzentrum, in der Arbeit mit Familien im Rahmen einer Familienberatungsstelle, deren Klientel zu einem Großteil von Jugendämtern zugewiesen wurde, in der Arbeit mit Familien im Kontext der privaten Praxis und im Rahmen einer Therapieambulanz, die mit jener therapeutischen Ausbildungseinrichtung verbunden ist, in der ich Familientherapie lehre.
Obwohl das Arbeiten mit Familie ein wichtiger Bestandteil meines beruflichen Lebens war und ist, habe ich über damit verbundene Fragestellungen weniger geschrieben als über anderes. Ein Grund dafür waren die Fülle und Komplexität der mit Familientherapie verbundenen Fragestellungen: Was sind zentrale Anliegen/Themen von Familienmitgliedern im Rahmen von Familientherapien? Wie kommen kindliche/jugendliche Leidenszustände zustande und wodurch werden sie aufrechterhalten? Welches Fallverständnis wird ihnen gerecht? Gibt es mehr als ein passendes Fallverständnis? Welche Art der Beziehungsgestaltung ist in Familientherapien hilfreich? Wie lässt sich im Rahmen familientherapeutischen Erzählens und Handelns positive Reziprozität und funktionale Interaktion von Familienmitgliedern anregen? Für welche Anliegen/Themen eignen sich welches Setting und welche Form der Gesprächsführung? Was ist in der Anfangsphase einer Familientherapie wichtig? Wie unterscheiden sich die Motivationslagen von Kindern/Jugendlichen und Eltern? Wie lassen sich unterschiedliche Problembeschreibungen von Familienmitgliedern konsensualisieren? Wie können sich Familien auf Therapieziele einigen? Was ist eine für Folgegespräche hilfreiche Choreografie? Wie realisiert sich Veränderung in Familientherapien? Wie müssen Interventionen eingebettet sein? Welche Interventionen eignen sich für Kinder, welche für Jugendliche, welche für Eltern? Welches Fallverständnis korrespondiert mit welchem therapeutischen Vorgehen? Wie lässt sich Stagnation und Rückfällen begegnen? Was ist in der Abschlussphase einer Familientherapie bedeutsam?
Ein zweiter Grund dafür bestand in der Suche nach einem Modell, das unterschiedliche Weisen familientherapeutischen Denkens und Handelns zusammenfügen konnte. Systemische Familientherapie ist ein breiter, viele Strömungen umfassender Fluss, die zum Teil nur lose miteinander verbunden sind: Entwicklungsorientierte Familientherapie, strukturelle Familientherapie, strategische Therapie, lösungsfokussierte Therapie, narrative Therapie, hypnosystemische Therapie – sie alle und andere systemische Therapieansätze sind Teil meiner Geschichte; sie alle bilden relevante Aspekte intra- wie interpersoneller Dynamik rund um kindliche/jugendliche Problemstellungen ab; sie alle repräsentieren ein jeweiliges »System von Geglaubtem« (Wittgenstein 1992, S. 150), sie alle haben sich in der praktischen Umsetzung bewährt (Shadish et al. 1997, S. 11).
Der dritte Grund war ein erlebtes Unbehagen mit familientherapeutischer Modellbildung: Wenngleich Familientherapie kindliche/jugendliche Leidenszustände bereits früh als Lösungsversuche interpretierte, lag ihr doch über lange Zeit hinweg ein Denken in Form starker Kausalität zugrunde, das Problemstellungen von Kindern/Jugendlichen vor allem als Folge elterlicher oder familiärer Konfliktdynamiken interpretierte und damit all jene Faktoren, die jenseits dieser Zusammenhänge an ihnen mitweben, unberücksichtigt ließ. Leben und Großwerden bietet sowohl für Kinder/Jugendliche als auch für Eltern schwierige Herausforderungen. Es birgt Unsicherheiten, Erschütterungen und Belastungen. Das Nachdenken über die Kinder bzw. Jugendlichen und ihre Familien, mit denen ich arbeite, führte mich zu einer Frage, die ich mir bislang nicht gestellt hatte: Wie kam es, dass sich ihre Problemstellungen nicht stärker ausprägten, als es der Fall war? Wie kam es, dass ihre Eltern in den meisten Fällen trotz alldem, was sie zu tragen und ertragen hatten, ihnen jene Zuneigung, jenen Halt, jene Zuversicht vermittelten, die dazu beitrugen, dass sie Lösungen für ihre Problemstellungen fanden? So wie Kinder/Jugendliche ihr Bestmögliches versuchen, tun dies in aller Regel auch ihre Eltern (Steiner u. Berg 2016, S. 41). Diese Gedanken regten mich dazu an, sowohl problembetroffene Kinder bzw. Jugendliche als auch ihre Eltern zugleich als »Problemopfer« wie als »Lösungstäter« (Retzer 2006) zu sehen – es sind die Umstände ihres Lebens in Verbindung mit ihren jeweiligen Verwundbarkeiten, die ihre Leidenszustände hervorrufen; und es sind ihr Mut, ihre Entschlossenheit, ihre Fähigkeiten, ihre Vorstellungen von einem guten Leben und ihre Zuneigung zueinander, die Lösungen ermöglichen.
»Die eine systemische Therapie« – so Deissler (2000, S. 45) – »gibt es nicht.« Gleiches gilt für Familientherapie. Familientherapie ist ein Überbegriff für höchst unterschiedliche Erzählsituationen: für ambulante, stationäre oder aufsuchende Familientherapie; für Familientherapie, die Leidenszustände von Kindern und Jugendlichen fokussiert, und Familientherapie, die Leidenszustände von Erwachsenen oder von alten Menschen zum Gegenstand hat; für Familientherapie als ausschließlichen Hilfekontext und für Familientherapie als eine Form der Hilfe, die in einen erweiterten Unterstützungsrahmen eingebettet ist, an dem Sozialarbeit, Kinder- und Jugendpsychiatrie, klinische Psychologie, Ergotherapie usf. mitwirken.
Zwar sind Familientherapie und systemische Therapie therapiehistorisch eng miteinander verbunden und wurden über lange Zeit hinweg als Synonyme gedacht (Ochs et al. 1997, S. 35), aber ihre Gleichsetzung ist längst nicht mehr gültig und war es wohl auch nie: Ein Setting der Familientherapie ist – so Schiepek, Eckert u. Kravanja (2013, S. 13) – längst nicht mehr »essenzielles Bestimmungsstück« systemischer Praxis; zudem gibt und gab es Familientherapie als Therapiesetting immer auch jenseits systemischer Therapieansätze.
Der Wandel systemischer Familientherapie während der letzten Jahrzehnte spiegelt sich in ihrer Definitionsgeschichte wider: Haley (1967, p. 25) verstand sie als gemeinsame Therapie von identifiziertem Patient und seiner Familie. Beels und Ferber (1973, p. 172) beschrieben sie als gezielte Veränderung familiärer Interaktionen, deren »Nebenprodukt« in der Veränderung individuellen Verhaltens besteht. Stanton (1988, p. 9) charakterisierte sie als Ansatz, in dem Therapeuten mit unterschiedlichen Kombinationen und Konfigurationen von Menschen arbeiten, Interventionen planen und durchführen, um die Interaktion eines familiären Systems zu verändern, innerhalb derer individuelle Problemphänomene verankert sind. Gurman (1988, p. 125) skizzierte sie als Versuch, nicht nur individuelles Verhalten, sondern das Verhalten aller Familienmitglieder (bzw. aller in einer therapeutischen Sitzung anwesenden Personen) zu beeinflussen. Epstein (1988, p. 120) umschrieb sie als Bemühen, mit Familienmitgliedern Lösungen für Probleme zu finden, die verhindern, dass sie als Individuen wie als Familieneinheit zufriedenstellend funktionieren.
Jene Definition, die aus meiner Sicht die gegenwärtige Familientherapie am prägnantesten charakterisiert, stammt von Schweitzer et al. (2007, S. 4):
»Familientherapie bezeichnet ganz allgemein einen therapeutischen Rahmen, in dem mit Hilfe der Familienmitglieder gemeinsam nach Lösungen für ein Gesundheits- oder Beziehungsproblem eines oder mehrerer Patienten gesucht wird.«
Diese Beschreibung fokussiert auf Kooperation und pathologisiert weder ein von dem Problem betroffenes Kind oder einen betroffenen Jugendlichen noch sein familiäres oder elterliches System.
Familientherapie ist einer von vielen Wegen, um kindliche oder jugendliche Leidenszustände aufzulösen oder zu lindern. Kindliche bzw. jugendliche Problemstellungen lösen oder lindern sich innerhalb und außerhalb von Psychotherapie. Dieses »Innerhalb« und »Außerhalb« erklärt sich mit der Systemimmanenz von Lösungen (Grossmann 2014, S. 44):
»Psychotherapie ist« – so Tallman und Bohart (2001, S. 111) – »ein Sonderfall von Prozessen, die auch außerhalb der Therapie auftreten. Therapie konzentriert oder verdichtet die erfahrungsmäßigen und intellektuellen Kontexte des Alltags. Therapie kann daher als prothetische Bereitstellung von Kontexten, Erfahrungen und Ereignissen verstanden werden, die die Selbstheilungskräfte von KlientInnen herausfordern, unterstützen oder erleichtern.«
Kindliche bzw. jugendliche Leidenszustände lösen oder lindern sich sowohl im Kontext von Einzel- und Gruppentherapie mit Kindern und Jugendlichen als auch im Kontext von Familientherapie.
»Positive Wirkungen von Psychotherapie werden« – so einst Grawe, Donati u. Bernauer (1994, S. 703) – »in sehr unterschiedlichen Therapiesettings erzielt: ambulant und stationär, mit zeitlich massierten und zeitlich verteilten Behandlungssitzungen, mit Sitzungen in einem speziellen Therapieraum und Sitzungen in einer eigens hergestellten oder aufgesuchten situativen Umgebung und in verschiedenen zwischenmenschlichen Settings. Die Tatsache, dass günstige Veränderungen unter so vielen verschiedenen Bedingungen erzielt werden konnten, zeigt ein großes Spektrum therapeutischer Möglichkeiten auf.«
Grawes Fazit therapeutischer Wirkforschung entspricht de Shazers (1985) Prämisse der Multiple Keys to Solution und dem Dodo-Bird-Verdict vergleichender Therapieforschung (Luborsky, Singer a. Luborsky 1975; Hubble, Duncan u. Miller 2001a). Das Dodo-Bird-Verdict gilt im Übrigen auch für unterschiedliche (systemische wie nicht systemische) familientherapeutische Ansätze:
»Trotz einiger Befunde, die auf den ersten Blick für bestimmte Konzepte und Orientierungen zu sprechen scheinen, ist bislang keine […] familientherapeutische Richtung der anderen nachweislich überlegen« (Shadish et al. 1997, S. 11).
Die für systemische Therapie zentrale Prämisse des Fehlens starker Kausalität (Schiepek 1999) hinsichtlich der Genese und Aufrechterhaltung biopsychosozialer Leidenszustände gilt auch für deren Auflösung bzw. Linderung.
Im Kontext kindlicher und jugendlicher Leidenszustände gibt es gute Gründe für ein einzel- oder gruppentherapeutisches Setting wie auch für ein Kombinieren unterschiedlicher Settings. Und es gibt gute Gründe für ein familientherapeutisches Setting. Kinder bzw. Jugendliche sind in ihren Entscheidungen und Lebensvollzügen von ihren Eltern in hohem Maß abhängig. Bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr ist ihre Autonomie relativ gering – Kinder sind schulpflichtig und strafunmündig. Sie können sich selbst rechtlich nicht vertreten, sie können Therapie nicht selbst finanzieren und im Kontext von Therapie nur begrenzt Entscheidungen treffen. Familientherapie ist eine bei kindlichen oder jugendlichen Problemstellungen naheliegende Therapieform, weil die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen wesentlich durch ihre familiäre Lebenswelt mitbestimmt werden. Familiäres Leben und familiäre Kommunikationen sind für die meisten Kinder und Jugendlichen zentrale Kontexte ihrer Entwicklung. Das System Familie stellt eine entscheidende Umwelt für das psychische wie biologische System von Kindern und Jugendlichen dar (Willke 1982). Es sind die Eltern, die in aller Regel die entscheidenden Bedingungen für ein gutes Leben und Großwerden eines Kindes oder Jugendlichen sicherstellen. Eltern können daher auch in entscheidender Weise zu einer Linderung bzw. Auflösung seiner Leidenszustände beitragen.
Familientherapie trägt – so Grawe, Donati u. Bernauer (1994, S. 574) wie auch Sydow et al. (2006, S. 51) – sowohl zu positiven Veränderungen bei von Problemen betroffenen Kindern und Jugendlichen wie zu einer Verbesserung elterlicher Beziehungen und zu einer Verbesserung des Kommunikationsverhaltens innerhalb von Familien bei. So wie eine Linderung oder Auflösung kindlicher wie jugendlicher Leidenszustände mit einem verbesserten family functioning – mit verbesserter Kommunikation, mit vermehrter Unterstützung für Kinder/Jugendliche, mit einem Zeigen und Erleben elterlicher Zuneigung und einer Verringerung elterlicher und familiärer Konflikte – einhergeht, geht eine verbesserte familiäre Funktionsweise mit einer Linderung oder Auflösung kindlicher wie jugendlicher Leidenszustände einher (Kazdin 2004, p. 559; Sexton, Alexander a. Leigh Mease 2004, p. 632).
Aber Familientherapie geht über ein Anregen elterlicher Empathie, positiver Reziprozität und funktionaler Interaktion zwischen Familienmitgliedern hinaus – sie realisiert sich im Anregen und Fördern lösungsassoziierter Weisen kindlichen bzw. jugendlichen wie elterlichen Fühlens, Denkens und Verhaltens. Familien stellen in der Regel das wichtigste Ressourcensystem für Problemlösungen von Kindern dar. Bis zu einem Alter von zehn bis zwölf Jahren ist – so Dührssen (1980, S. 306) – eine Veränderung des »Milieus«, in dem ein Kind lebt, ein »[…] bedeutungsvollerer Faktor als die individuelle Selbständerung«. In diesem Zusammenhang ermöglicht Familientherapie, dass nicht nur die Ressourcen eines Kindes oder eines Jugendlichen (oder im gruppentherapeutischen Setting auch die Ressourcen anderer Kinder/Jugendlicher), sondern auch elterliche bzw. familiäre Ressourcen für Problemlösungen aktiviert werden. Sie ermöglicht parallele und aufeinander abgestimmte Lern- und Entwicklungsprozesse aller Familienmitglieder:
»Hilfe für die ganze Familie« – so McMahon (2009, p. 116) – »ist wesentlicher als ausschließliche Hilfe für ein Kind« (Übers. K. G.).
Familientherapie ermöglicht es, Veränderungsbeiträge von Familienmitgliedern aufeinander abzustimmen und zu bündeln – sie verteilt so die »Last der Veränderung« (Satir 1973, S. 14) (und auch deren Lust) auf mehrere Familienmitglieder. Und Familientherapie eröffnet sowohl einen Zugang zum erzählten als auch zum in der Familie gelebten Leben von Kindern und Jugendlichen: Im Hier und Jetzt der Interaktion von Familienmitgliedern in Familiengesprächen reaktualisieren sich familiäre Interaktionsmuster rund um gegebene kindliche/jugendliche Leidenszustände. In diesem Hier und Jetzt sind diese im guten Fall auch veränderbar.
Seit ihren Anfängen hat systemische Familientherapie eine lange Reise hinter sich. Noch vor zwei Jahrzehnten realisierte sich Familientherapie vorwiegend elternzentriert – in vielen Familientherapien wurden Kinder oder auch Jugendliche nicht inkludiert, in vielen wurden sie nur fallweise in die Therapie mit eingebunden. Zudem erfolgte ihre Einbeziehung häufig unter einem vorrangig diagnostischen, nicht unter einem interventiven Blickwinkel:
»Wir sind« – so Lund, Zimmermann a. Haddock vor eineinhalb Jahrzehnten (2002, p. 445) – »mit dem Widerspruch konfrontiert, dass ein fundamentales Prinzip der Familientherapie durch seine Vertreter in vielen Fällen verletzt wird […]. Familientherapeuten fokussieren auf Kinder in der Praxis weniger als im Rahmen ihrer theoretischen Überlegungen« (Übers.: K. G.).
Dort, wo Kinder miteinbezogen wurden, barg elternzentrierte Familientherapie das Risiko der Langeweile für Kinder, weil sie das Therapiegespräch kognitiv nicht nachvollziehen und daher auch nicht daran partizipieren konnten (Landreth 2002, p. 41). Familientherapie realisierte sich so letztlich in vielen Fällen als »Elterntherapie bei (körperlicher) Anwesenheit der Kindes« (Rotthaus 2000, S. 7).
Gegenwärtige Familientherapie ist auf das sprachliche Entwicklungsniveau von Kindern abgestimmt (Rotter a. Bush 2000; Sori 2006). Sie ist in ihrer interventiven Methodik abwechslungsreich und handlungsorientiert. Sie ist in ihrer Zielsetzung und Funktion möglichst transparent, um eine aktive Teilnahme von Kindern und Jugendlichen an einer Therapie sicherzustellen. Sie fokussiert in aller Regel auf die Ressourcen von Familienmitgliedern. Sie orientiert sich stärker an den Anliegen und Zielen von Familienmitgliedern statt an normativen Vorstellungen von Familientherapeuten.
Zu ihrem Wandel trug vieles bei: konzeptionelle Entwicklungen; ihre zunehmende empirische Überprüfung (Sydow et al. 2007); ihre Verbindung mit allgemeiner Psychotherapie (Grawe, Donati u. Bernauer 1994; Schiepek, Eckert u. Kravanja 2013); ihre Einbettung in eine konstruktivistische Epistemologie (Ludewig 1993); die Einbindung bindungstheoretischer (Sydow 2008) und traumatherapeutischer Modelle; ihre zunehmend störungsspezifische Differenzierung; die Entwicklung bzw. der Import auf Kinder und Jugendliche bezogener Therapietechniken u. a. All dies mündete letztlich in eine »Kind-orientierte Wende in der Familientherapie« (Brächter 2010, S. 14) bzw. in die Entwicklung eines zunehmend »kinderfreundlichen Therapieansatzes« (Schweitzer u. von Schlippe 2009, S. 237).
Und zu diesem Wandel trug die Veränderung der familiären und sozialen Lebenswelt von Familien mit bei: Gegenwärtiges familiäres Leben ist durch eine Pluralisierung familiärer Lebensformen gekennzeichnet – neben Zwei-Eltern-Familien gibt es zunehmend mehr Ein-Eltern-Familien, Stieffamilien, Patchwork-Familien, Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern und andere Familienformen. Gegenwärtige Familien sind vorrangig Kleinfamilien. In gegenwärtigen Zwei-Eltern-Familien sind zumeist sowohl Mütter wie Väter berufstätig. Elterliche Beziehungen sind zunehmend gleichwertig gestaltet und durch Aushandlungsprozesse, nicht durch patriarchale Machtverteilung bestimmt. Hierarchisch-arbeitsteilige und geschlechtsspezifische elterliche Rollenkonzepte sind nur mehr eingeschränkt gültig (Hiebinger 2006). Gegenwärtige Familien sind unter anderem durch ein Abflachen familiärer Hierarchie gekennzeichnet – Eltern lassen ihren Kindern mehr Freiheiten, verwenden für die Regulierung kindlichen Verhaltens seltener Strafen und beteiligen ihre Kinder mehr an Entscheidungen. Sie begründen ihre Handlungen und Entscheidungen Kindern gegenüber, besprechen mit ihnen die Funktion von Verhaltensregeln und sind bei Auseinandersetzungen kompromissbereiter. Erziehungsziele postmoderner Familien sind andere und weniger genderspezifisch als jene von modernen/vormodernen Familien – anstelle von Gehorsam, Ordnungsliebe zielt Erziehung verstärkt auf kindliche/jugendliche Autonomie und Individualisierung. Zugleich leben Jugendliche und junge Erwachsene heute in der Regel länger im gemeinsamen Haushalt und sind materiell länger von ihren Eltern abhängig.
Der Aufbau dieses Buches folgt einem von der Theorie zur Praxis verlaufenden Pfad. Der erste Teil (»Von der Theorie …«, S. 9 ff.) ist theoretischen Grundlagen gewidmet: Im Kontext von Familientherapie bestehen zumeist mehrere gleichzeitige Anliegen – eines davon betrifft eine gegebene kindliche bzw. jugendliche Problemstellung, ein zweites die damit verbundene erlebte Verunsicherung/Hilflosigkeit von Eltern, ein drittes die häufig belastete Interaktion von Familienmitgliedern und/oder die belastete Interaktion zwischen einer Familie und ihren relevanten Umwelten. Jedes dieser Anliegen wird in einzelnen Kapiteln erkundet. Ein weiteres Kapitel ist der Genese und Aufrechterhaltung kindlicher und jugendlicher Leidenszustände gewidmet; es mündet in die Beschreibung und Gegenüberstellung eines kontext-, entwicklungs- und bewältigungsfokussierten Fallverstehens, das jeweils als Grundlage therapeutischen Erzählens und Handelns dienen kann.
Der zweite Teil des Textes (»… zur Praxis«, S. 63 ff.) fokussiert zu Beginn auf die Gestaltung der therapeutischen Beziehung im Familiensetting und auf im Hier und Jetzt eines Therapiegesprächs gegebene Optionen, positive Reziprozität bzw. funktionale Interaktion zwischen Familienmitgliedern anzuregen. Das zweite Kapitel widmet sich Gestaltungsmöglichkeiten des therapeutischen Settings und Formen familientherapeutischer Gesprächsführung. Im dritten Kapitel werden die Anfangsphase einer Familientherapie und damit verbundene Herausforderungen skizziert. In diesem Zusammenhang werden zudem Implikationen von unterschiedlichen Motivationslagen von Familienmitgliedern hinsichtlich der Inanspruchnahme von Therapie sowie verschiedene, darauf abgestimmte Möglichkeiten der Beschreibung von Problemen und des Anregens und Stärkens von Veränderungsmotivation erkundet. Das vierte und fünfte Kapitel beschäftigen sich mit dem Mittelteil einer Familientherapie. In diesem Zusammenhang werden eine Choreografie therapeutischer Folgegespräche sowie Überlegungen zum interventiven Handeln skizziert. Die nachfolgenden drei Kapitel widmen sich jeweils einem kontext-, entwicklungs- und bewältigungsfokussierten familientherapeutischen Vorgehen. Das vorletzte Kapitel fokussiert auf die Fragen der Therapieevaluierung sowie auf die Handhabung von Rückfällen und Stagnationserfahrungen. Das letzte Kapitel befasst sich mit der Gestaltung der Abschlussphase einer Familientherapie.
Der vorliegende Text bezieht sich auf die Therapie mit Eltern und Kindern bzw. Jugendlichen, die zumeist zwischen zehn und achtzehn Jahre alt sind und in ihrem Alltag in eine familiäre Lebenswelt eingebettet sind. Er bezieht sich auf ein ambulantes Therapiesetting. Manches, was erzählt wird, lässt sich – so meine Hoffnung – auf einen aufsuchenden oder stationären Therapierahmen übertragen. Anderes bleibt unerzählt – etwa die Herausforderungen, die mit Familientherapie verbunden sind, die sprachliche Barrieren überwinden muss (von Schlippe, El Hachimi u. Jürgens 2004); die Herausforderungen, die sich in der Familientherapie mit Kindern und Jugendlichen stellen, die von einer schweren Krankheit oder Beeinträchtigung betroffen sind (Retzlaff 2010); die Herausforderungen, die sich im Arbeiten mit Familien ergeben, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind und nun in der Fremde mit einer vielfach ungewissen Zukunft leben müssen (Irmler 2001).
»Wir blühen zwar« – so Max Frisch in seinem Tagebuch (1981, S. 117) – »aus eigenen Zweigen, aber aus der Erde von anderen.«
Zu der Erde dieses Textes haben insbesondere die Gedanken von Michael White und David Epston, Steve de Shazer und Insoo Kim Berg, Kurt Ludewig und Günter Schiepek, Wiltrud Brächter, Rüdiger Retzlaff und Harry Merl sowie der Austausch mit Kollegen des Instituts für Familienberatung in Linz und der Lehranstalt für systemische Familientherapie in Wien beigetragen. Mein besonderer Dank gilt Evelyn Niel-Dolzer, Werner Eder und Sigrid Binnenstein für ihre Ideen und Anregungen zu dem vorliegenden Text.
1Alle im Folgenden genannten Vornamen von Kindern/Jugendlichen wurden geändert.
2Die in diesem Buch zur erleichterten Lektüre verwendete männliche Form schließt selbstverständlich auch die weibliche Form mit ein.
Anlass des Erstgesprächs mit der dreizehnjährigen Marlene und ihrer Mutter war, dass Marlene mit großer Traurigkeit und Verzweiflung auf das plötzliche und unerwartete Verschwinden ihres Stiefvaters einige Wochen zuvor reagiert und seitdem viel geweint und sich zurückgezogen hatte.
Der Stiefvater (er und die Mutter waren ein Paar, seit Marlene zwei Jahre alt war) hatte sie beide unangekündigt und ohne Erklärung sprichwörtlich »über Nacht« verlassen. Während Marlene von seinem Schritt vollkommen überrascht gewesen war, war er für die Mutter nicht vollkommen unvorhersehbar gekommen. Sie erzählte, dass er sich bereits in den Wochen zuvor zunehmend zurückgezogen und viel Zeit vor dem Computer verbracht hatte, was er ihr gegenüber mit einem ihn sehr fordernden Projekt in seiner Arbeit begründet hatte. Sie aber hatte vermutet, dass er eine Spielsucht entwickelt hatte, über die zu reden er nicht bereit gewesen war. Sie nahm an, er wäre aus Scham darüber verschwunden. Zeitgleich mit seinem Auszug von zu Hause war er – wie die Mutter erfahren hatte – auch nicht mehr in seiner Arbeit erschienen. Weder die Mutter noch die Tochter wussten, wo und wovon er lebte. Telefonate nahm er nicht entgegen, von Marlene oder ihrer Mutter gesendete SMS ließ er unbeantwortet. Durch gemeinsame Bekannte wusste die Mutter, dass ihm nichts zugestoßen war. Seine Eltern und Freunde weigerten sich (offenbar auf seine Anweisung hin), ihr oder Marlene Auskunft zu geben.
Marlene erzählte, dass sie ihren Stiefvater sehr gern hatte. Sie hatte viel mit ihm gespielt, er hatte ihre Freude am Reiten gefördert und sie zweimal pro Woche zum Reitstall gefahren, hatte ihr bei ihren Reitstunden zugesehen, sie hatten sich gut vertragen. Sie mochte seinen Humor und er war stolz auf jeden ihrer Entwicklungsschritte. Umso schlimmer war es, dass er ohne ein Wort gegangen war.
Sie beschrieb, dass sie in einem fort weinen musste. Ihre Schulleistungen hatten sich verschlechtert, weil sie ständig darüber nachdenken musste, warum er fortgegangen war; zum Reiten fehlte ihr die Energie und Motivation. Sie hatte sich von ihren Freundinnen zurückgezogen und verbrachte ihre freie Zeit in ihrem Zimmer, wo sie durch alte Fotoalben blätterte.
Marlenes Mutter beschrieb, dass sie am Anfang Verständnis für Marlenes Verzweiflung gehabt hatte; mittlerweile sei ihr dieses abhanden gekommen – der »Scheißkerl« sei Marlenes Tränen nicht wert. Ihr vehementes Urteilen über den Stiefvater führte zu wiederholtem Streit zwischen ihr und ihrer Tochter, weil diese ihn dann in Schutz nahm. So durchlebte die Mutter ein Gefühl der zunehmenden Ohnmacht, weil sie wahrnahm, wie Marlene litt, ohne dass sie darauf Einfluss nehmen konnte. Diese Erfahrung war letztlich auch der Grund dafür gewesen, dass sie ein Erstgespräch vereinbart hatte.
Marlene fragte mich nach meiner Meinung über die Gründe, die ihn bewogen haben könnten, »einfach so zu verschwinden«. Ich sagte ihr, dass ich es nicht wüsste. Manchmal würden Männer, die im Alter ihres Stiefvaters wären, das Gefühl haben, sie würden etwas, das ihnen wichtig war, verpassen – vielleicht stimmte die Annahme ihrer Mutter, dass ihm das Spielen wichtiger war, vielleicht gab es einen anderen Grund. Ich wünschte ihr, dass er wieder auftauchen oder zumindest mit ihr Kontakt aufnehmen und ihr erklären würde, warum er gegangen war.
Am Ende des Erstgesprächs schlug ich Marlene und ihrer Mutter eine Serie von fünf Gesprächen vor, innerhalb welcher wir darüber nachdenken und reden würden, was Marlene helfen konnte, mit ihrem schlimmen Verlust zurechtzukommen. Aber zuvor wollte ich gerne mit der Mutter ein Gespräch allein führen, in dem ihre Handhabung von Marlenes Not Thema sein sollte. Beide waren mit diesem Vorgehen einverstanden. Zum Abschluss bat ich Marlene und ihre Mutter, bis zum nächsten Mal zu beobachten, ob es Momente gab, in denen es Marlene ein bisschen besser ging – Momente, in denen es leichter war, wo sie an anderes dachte oder sich besser fühlte.
Das Erstgespräch mit Marlene und ihrer Mutter beschäftigte mich, wohl auch weil die Not des Mädchens und jene ihrer Mutter während ihres Erzählens so spürbar gewesen waren. Es verdeutlichte mir, dass Familientherapie mit Kindern und Jugendlichen (fast immer) mehrere Anliegen zum Gegenstand hat, die sich miteinander verschränken – jenes eines kindlichen/jugendlichen Leidenszustands, jenes elterlicher Verunsicherung oder Hilflosigkeit und jenes interaktioneller Problemstellungen. Familientherapie ist der Versuch, sowohl Problemlagen eines Kindes oder Jugendlichen als auch die damit verbundene Hilflosigkeit der elterlichen Bezugspersonen und eine bestehende negative Beziehungsdynamik zwischen ihnen und/oder zwischen ihnen und relevanten sozialen anderen zu lindern oder aufzulösen.
Während des Erstgesprächs mit Marlene und ihrer Mutter überlegte ich, für wen in der Familie was ein Problem darstellte: Für Marlene bestand das Problem in der leidvollen Erfahrung, verlassen worden zu sein (und in geringerem Maß im Nichtreagieren des Stiefvaters auf ihre Kontaktversuche). Zugleich litt sie unter dem Streit mit ihrer Mutter. Dass es ihr schlecht ging, dass sie viel weinte und sich zurückzog, sah sie als Folge ihres Verlusts. Für ihre Mutter bestand das Problem in der aus ihrer Sicht unangemessen starken Reaktion Marlenes und in ihrem eigenen Erleben mütterlicher Ohnmacht.
Die Unterschiedlichkeit der Problemkonstruktionen von Familienmitgliedern ist Teil des familientherapeutischen Alltags: Für viele Kinder oder Jugendliche besteht »das Problem« im Verhalten von Eltern (etwa in Form eines erlebten elterlichen Unverständnisses, von elterlicher Strenge, von mangelnder elterlicher Zuwendung, in Form der mangelnden Präsenz des von der Familie getrennt lebenden Vaters o. a.), im Verhalten von Geschwistern und/oder wichtigen sozialen anderen und/oder ihre Problemkonstruktion bezieht sich auf für sie gegebene Belastungsereignisse (auf Verlusterfahrungen, auf schulischen Leistungsdruck u. a.). Für Eltern hingegen besteht »das Problem« vorrangig im Leidenszustand ihres Kindes. Selbst dort, wo Problemkonstruktionen von Familienmitgliedern übereinstimmen (etwa in ihrem Leiden an häufigem Streit), besteht oft Uneinigkeit darüber, was Ursache und was Folgewirkung ist bzw. welches Problem Vorrang hat.
Während des Gesprächs mit Marlene und ihrer Mutter dachte ich darüber nach, was außer einer »magischen Lösung« der Rückkehr von Marlenes Stiefvater ihre Not wenden könnte (Selbst diese Lösung hätte Marlene nur zum Teil »erlöst«, aber sie lag ohnehin nicht im Einflussbereich der beiden). Es könnte (so meine Überlegung) helfen, wenn Marlene ein neues Problem konstruieren würde – eines, das sich auf sie selbst bzw. auf ihre Art und Weise, wie sie den erlebten Verlust und die Kontaktverweigerung seitens ihres Stiefvaters bewältigte, bezog. Und es würde helfen, wenn Marlenes Mutter ein neues Problem konstruierte – eines, das sich auf ihre Art und Weise bezog, wie sie ihre Tochter bei dieser Bewältigung unterstützte. Dafür konnte ihre erlebte Ohnmacht angesichts von Marlenes Verzweiflung, ihr Nichtwissen darum, auf welche Weise sie Marlene helfen konnte, ein Schlüssel sein. Beide Problemkonstruktionen würden sich (so meine Hoffnung) als nützlich erweisen, weil sie an die Stelle von jeweils vom eigenen Selbst unbeeinflussbaren Problemen Probleme setzten, die ihrem eigenen Einfluss unterlagen. Diese Überlegung war es auch gewesen, die meinen Vorschlag bezüglich des weiteren Settings (zuerst ein elterntherapeutisches Gespräch mit der Mutter, dann weitere Familiengespräche, die darauf fokussierten, was Marlene helfen konnte, mit ihrem schlimmen Verlust zurechtzukommen) und meine Empfehlung am Ende unseres Gesprächs (die Bitte an beide, Unterschiede in Bezug auf Marlenes Bewältigungsverhalten zu beobachten) begründeten.
Das Bestehen eines kindlichen oder jugendlichen Leidenszustands bildet den häufigsten Anlass dafür, dass Familien eine Therapie beginnen, und/oder dafür, dass soziale andere einer Familie Therapie empfehlen oder nahelegen (Grosse Holtforth 2001). Als Leidenszustand lassen sich kindliche und jugendliche Fühl-Denk-Verhaltensmuster lesen, die von Eltern, von bedeutsamen sozialen anderen, zuweilen auch von älteren Kindern oder Jugendlichen selbst als Ist-Soll-Differenz wahrgenommen und bewertet werden und die mit Leidensdruck, Belastung und Einschränkungen für die vom Problem betroffenen Kinder und Jugendlichen selbst und/oder mitbetroffene andere verbunden sind.
Die Prävalenzrate biopsychosozialer Leidenszustände von Kindern und Jugendlichen liegt nach unterschiedlichen Studien zwischen 17 und 27 Prozent (Kazdin 2004, p. 545). Sie ist im Vorschulbereich höher und sinkt mit dem Schuleintritt auf etwa 15 Prozent ab (Miller u. Hahlweg 2000). Die Ko-Morbidität kindlicher Leidenszustände (etwa in Form eines gleichzeitigen Auftretens von Trennungsangst, ADHS und Enuresis) ist hoch – sie liegt zwischen 30 und 50 Prozent (Schmitt u. Weckenmann 2009, S. 83).
Je nach Alter zeigen sich kindliche/jugendliche Leidenszustände in unterschiedlicher Art und Weise: Säuglinge und Kleinstkinder zeigen Bindungs- und Entwicklungsstörungen, die sich in ihrem Beziehungs-, Ess- oder Schlafverhalten widerspiegeln. In der mittleren Kindheit dominieren Störungen des Sozialverhaltens, emotionale Störungen, Schulängste, depressive Reaktionen, psychosomatische Störungen, Zwänge und Tics sowie Lern- und Leistungsprobleme. Zu jugendlichen Leidenszuständen zählen unter anderem dissoziales Verhalten, abhängiges Verhalten, Anpassungsstörungen, suizidale und selbstverletzende Verhaltensweisen, Angststörungen, Phobien, Essstörungen, Zwangsstörungen, depressive sowie psychotische Störungen.
Bei der Mehrzahl kindlicher bzw. jugendlicher Leidenszustände besteht entwicklungsbedingt eine höhere Variation und Fluktuation von Symptomen als bei Erwachsenen. Kindliche und jugendliche Symptomaktualisierungen sind zudem stark von äußeren Bedingungen abhängig bzw. durch diese mitdeterminiert (so zeigt sich ein ausgeprägtes Konkurrieren mit einem Geschwister insbesondere nach dessen Geburt). Viele kindliche oder jugendliche Leidenszustände sind eine vorübergehend verstärkte Ausprägung alltäglicher Entwicklungsvorgänge (viele Kinder durchleben passagere Angst vor Dunkelheit, vor Gewitter, vor Gespenstern oder auch Hunden). Relativ früh zeigt sich ein gender bias kindlicher und jugendlicher Leidenszustände – Jungen zeigen deutlich häufiger sog. externalisierende Störungen, Mädchen häufiger sog. internalisierende Störungen wie etwa Angst, Niedergeschlagenheit und psychosomatische Symptome.
Die Prävalenzrate emotionaler Störungen des Kindesalters liegt bei 10 Prozent (Heinemann u. Hopf 2004). Zu emotionalen Störungen zählen eine erhöhte Trennungsangst, eine phobische Störung, soziale Ängstlichkeit sowie eine mit ausgeprägter Geschwisterrivalität verbundene emotionale Störung von Kindern.
