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Jahrhundertelang waren die Rechte und Pflichten als Eltern eindeutig zwischen Vater und Mutter aufgeteilt. Der Vater brachte das Geld nach Hause und sprach höchstens mal ein Machtwort, die Mutter führte den Haushalt und war für Gefühlsdinge zuständig. Heute ist das anders. Viele Frauen bleiben auch nach der Geburt ihres Kindes berufstätig; Männer kümmern sich verstärkt um Kinderpflege und den gemeinsamen Haushalt. Männer nehmen an Schwangerschaftskursen teil, und das gemeinsame Erleben der Geburt ist beinahe schon selbstverständlich. Unfähig, sich gefühlsmäßig auseinanderzusetzen, sind die Männer jedoch häufig zum bloßen Anhängsel der Frauen geworden und unterdrücken eigene Ängste und Sehnsüchte. Hermann Bullinger will dreierlei mit seinem Buch erreichen: 1.möchte er den Männern Mut machen, sich auf die Gefühlswelt eines Kindes einzulassen, ein erster Schritt hin auf die echte Emanzipation von einer stark leistungsorientierten, funktionierenden Männer-Rolle; 2.kann nach seiner Auffassung das Väterempfinden nie ein nur geringfügig modifiziertes Muttergefühl sein. Vaterwerden und Vatersein muß für die «neuen» Väter anders definiert werden; 3.spricht er die unterdrückten Ängste, Sehnsüchte und Wünsche der Männer an und gibt vor allen Dingen viele praktische Informationen und Hilfen für das Leben zu dritt.
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Seitenzahl: 365
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Hermann Bullinger
Wenn Männer Väter werden
Schwangerschaft, Geburt und die Zeit danach im Erleben von Männern. Überlegungen - Informationen - Erfahrungen
Ihr Verlagsname
Jahrhundertelang waren die Rechte und Pflichten als Eltern eindeutig zwischen Vater und Mutter aufgeteilt. Der Vater brachte das Geld nach Hause und sprach höchstens mal ein Machtwort, die Mutter führte den Haushalt und war für Gefühlsdinge zuständig.
Heute ist das anders. Viele Frauen bleiben auch nach der Geburt ihres Kindes berufstätig; Männer kümmern sich verstärkt um Kinderpflege und den gemeinsamen Haushalt. Männer nehmen an Schwangerschaftskursen teil, und das gemeinsame Erleben der Geburt ist beinahe schon selbstverständlich. Unfähig, sich gefühlsmäßig auseinanderzusetzen, sind die Männer jedoch häufig zum bloßen Anhängsel der Frauen geworden und unterdrücken eigene Ängste und Sehnsüchte.
Hermann Bullinger will dreierlei mit seinem Buch erreichen:
1.möchte er den Männern Mut machen, sich auf die Gefühlswelt eines Kindes einzulassen, ein erster Schritt hin auf die echte Emanzipation von einer stark leistungsorientierten, funktionierenden Männer-Rolle;
2.kann nach seiner Auffassung das Väterempfinden nie ein nur geringfügig modifiziertes Muttergefühl sein. Vaterwerden und Vatersein muß für die «neuen» Väter anders definiert werden;
Hermann Bullinger, geboren 1948, ist Diplompädagoge und Vater.
Außerdem als rororo lieferbar «Wenn Paare Eltern werden. Die Beziehung zwischen Frau und Mann nach der Geburt ihres Kindes».
Die Teile «Vorbereitungskurse für Mann und Frau» (Kap. IV, 1) und «Praktische Unterstützung bei der Geburt» (Kap. V, 7) schrieb der Arzt und Geburtshelfer Dr. Jürgen Alt
Wenn ich jemandem erzählte, daß ich ein Buch über Väter schreibe, wurde ich immer wieder gefragt, warum ich mir gerade dieses Thema ausgesucht hätte.
Als ich selbst Vater wurde, konnte ich mich nicht mit der Mißachtung abfinden, die werdenden Vätern überall entgegengebracht wird. Ich erkannte, wie schwierig es war, in meiner Rolle Selbstbewußtsein zu entwickeln, wenn meine Umgebung mich, meine Probleme und meine Gefühle nicht wirklich ernst nahm. Je mehr ich mich mit meiner Situation und meinen widersprüchlichen Gefühlen beschäftigte, um so klarer wurde mir, daß sich an meiner Situation nur etwas ändern könnte, wenn ich meine Probleme nicht mehr nur mit mir alleine herumtragen würde.
Das Schweigen über die Situation werdender Väter mußte durchbrochen werden. Ein erster, wichtiger Schritt in diese Richtung war für mich, an einer Berliner Volkshochschule eine Gesprächsgruppe für werdende Väter einzurichten. Von dieser ersten Gruppe habe ich sehr profitiert. Weitere Gesprächskreise über Schwangerschaft, Geburt und der ersten Zeit danach an Volkshochschulen schlossen sich an. Was Männer diese Zeit anders als Frauen erleben läßt, wurde mir immer deutlicher.
Da es damals (1981) praktisch keine Literatur gab, die sich mit der Situation von Vätern beschäftigte, kam mir irgendwann der Gedanke, meine «gesammelten» Überlegungen und Erkenntnisse zu veröffentlichen. Dieser Gedanke wurde noch dadurch befördert, daß ich mich zunehmend ärgerte, was in der gängigen Literatur zu Schwangerschaft und Geburt von weiblichen Autoren über Väter und deren Erleben geboten wurde: Das männerspezifische Erleben kam hier nur aus Frauensicht zur Sprache. Entsprechend verkürzt, klischeehaft und harmonisierend sind die Aussagen. Daß dies in der guten Absicht geschah, den werdenden Vater zu mehr Anteilnahme an Schwangerschaft und Geburt zu bewegen, ändert nichts daran, daß in fast allen diesen Büchern die wirkliche Situation des werdenden Vaters und seine Probleme allenfalls andeutungsweise vorkommen.
Als ich an diesem Buch zu arbeiten begann, ahnte ich nicht, was dies für mich selbst bedeutete. Ich beschäftigte mich ja nicht mit Problemen, von denen ich mich distanzieren konnte. Meine eigene Situation floß immer mit ein. Meine eigene Widersprüchlichkeit, meine eigenen Gefühle und das Auseinanderklaffen des in meinem Buch formulierten Anspruchs mit meiner eigenen Wirklichkeit setzten mir zeitweise so zu, daß ich immer wieder krank wurde (Migräneanfälle, tiefe Depressionen, Grippe, langanhaltender Schnupfen und anderes mehr).
Dazu kam, daß mir die Umstellung auf mein Vatersein große Schwierigkeiten bereitete. Die Anforderungen, die die Betreuung und Versorgung meines Sohnes an mich stellten, erlebte ich nicht selten als Einschränkung meiner Möglichkeiten. Ich kämpfte ständig innerlich gegen die veränderte Situation an und konnte die Veränderung meines Lebens lange nicht wirklich akzeptieren. Erst, als mir das besser gelang, kam ich auch besser mit mir selber und mit meiner Situation zurecht. Dies war aber ein Prozeß, der fast ein dreiviertel Jahr dauerte und der auch heute noch nicht ganz abgeschlossen ist.
Eine zusätzliche Schwierigkeit bei der Arbeit an diesem Buch war, daß es sehr wenig Material über das Erleben von Vätern gibt und ich meine eigenen Aussagen und Erfahrungen nicht mit anderen Aussagen vergleichen konnte, um ihre Gültigkeit zu überprüfen. Hier war mir die Diplomarbeit von Klaus Engel über das Erleben von Vätern während der Schwangerschaft und der Geburt eine große Hilfe, da er in vielen Punkten zu ähnlichen Aussagen kam und damit meine Thesen bestätigte.
Während des Schreibens an diesem Buch habe ich in Gesprächen mit Frauen immer wieder erlebt, wie provozierend einige Thesen dieses Buches für Frauen sein können und welche Mißverständnisse in ihnen möglicherweise angelegt sind. Ich möchte betonen, daß es mir nicht um Konfrontation geht, sondern um Darstellung der Sichtweise von Männern bzw. Vätern.
Häufiger wurde ich, besonders von Frauen, gefragt, was ich mit diesem Buch erreichen wollte. Die Antwort auf diese Frage fiel mir nie leicht, erschien mir zu phrasenhaft. Ich möchte deshalb nur feststellen, daß ich bewußt ein Männerbuch geschrieben habe. Vielleicht kann dieses Buch etwas zur Entstehung eines neuen Vaterbewußtseins beitragen.
Ich möchte an dieser Stelle noch allen danken, die mir direkt oder indirekt bei diesem Buch geholfen haben. Es sind so viele, daß ich nicht alle aufzählen kann. Außerdem habe ich Angst, daß ich jemand vergesse.
Ohne die Unterstützung meiner Freundin Marianne wäre das Buch allerdings nie fertig geworden. Einen sehr wichtigen Beitrag hat auch mein Sohn Paolo (geb. 10.12.1981) geleistet. Sein energisches Auftreten an der viel zu oft verschlossenen Tür meines Arbeitszimmers hat mich mehr als einmal von den Höhenflügen der Theorie auf den Boden der Realität zurückgeholt.
Foto: Marianne Otte
Bislang gibt es noch keine Untersuchung über den Wandel der Vaterrolle in den siebziger Jahren. Aus der Untersuchung von Helge Pross über die Selbstbilder von Männern, die auf Erhebungen im Jahre 1975 beruht, ergibt sich ein Bild der Vaterrolle, das vor allem durch Nichtbeteiligung der Väter an der Erziehung der Kinder gekennzeichnet ist:
«Aufs Ganze gesehen, lehren die Auskünfte der Väter über sich selbst, daß sie die Vaterrolle faktisch als Nebenrolle einstufen … Der Vater hält auf Abstand. An die Stelle des übermächtigen Vaters ist der distanzierte Vater getreten. Er herrscht nicht über die ‹Seinen›, ist aber auch nicht ihr aktiver Partner. In der Praxis scheint die Vaterschaft weder mit großen persönlichen Anstrengungen, noch mit besonderem Engagement verknüpft … Wahrscheinlich ist daher, daß zwischen vielen Vätern und den Kindern aller Altersstufen eine große Fremdheit besteht. Die Väter sind sich dessen nicht bewußt. Naiv meinen sie, mit der ‹Ernährung› der Familie, mit der Leistung als gelegentlicher Krisenmanager, mit Spielen und Spaziergängen hätten sie ihre Schuldigkeit getan. Die breite öffentliche Diskussion über Erziehungsfragen, die in den letzten Jahren stattgefunden hat, hat bei der Mehrheit der Väter wenig Spuren hinterlassen.»[*]
Ich möchte nicht darüber spekulieren, ob sich das von Helge Pross 1975 erhobene Bild noch mit dem Selbstbild der Mehrheit der heutigen Väter deckt. Für eine zahlenmäßig nicht zu unterschätzende Minderheit von Männern jedenfalls ist das von Pross erhobene Bild mit Sicherheit passé. Sie haben sich im Laufe der letzten zehn Jahre gewandelt und befinden sich weiter in der Veränderung.
Deshalb läßt sich die neue Vaterrolle noch nicht genau definieren, sondern man kann lediglich Faktoren aufzählen, die sie kennzeichnen. Diese Faktoren finden wir in unterschiedlichster Ausprägung und Radikalität in der gesellschaftlichen Realität wieder.
Im Gegensatz zu den «alten» Vätern gestalten die neuen Väter ihre Rolle aktiv und bewußt. Immer mehr Väter sind bereit, sich wie die Frauen um die Kinder zu kümmern. Sie erleben die Schwangerschaft ihrer Frau[*] intensiv mit, beteiligen sich an den Vorbereitungen für die Geburt und begleiten ihre Frau sogar zum Frauenarzt(-ärztin), um bei den vorgeburtlichen Untersuchungen dabei zu sein.
Daß sie bei der Geburt dabeisein können, ist ihnen nicht nur wichtig, sondern eine unabdingbare Voraussetzung für den Aufbau einer (im Verhältnis zur Mutter) gleichwertigen Beziehung zum Kind.
Einige Väter gründen sogar Vätergruppen, in denen sie sich auf ihr künftige Rolle vorbereiten. Gemeinsam wird das männerspezifische Erleben von Schwangerschaft und Geburt aufgearbeitet. Auch die sich aus der Veränderung der Vaterrolle ergebende Infragestellung der bisherigen Identität als Mann ist ein wichtiges Thema dieser Gespräche.
Für die neuen Väter ist es selbstverständlich, daß sie nach der Geburt zumindest einige Wochen zu Hause bleiben und Mutter und Kind in der ersten Zeit versorgen. Sie lernen von Anfang an mit dem Neugeborenen umzugehen und beherrschen das Einmaleins der Säuglingspflege ebenso wie die Mütter. Ihr Kind ist ihnen vertraut, und sie wissen die Äußerungen des Säuglings genausogut zu deuten wie die Frauen.
Manche Väter gehen in der Umgestaltung ihrer Rolle noch weiter: sie tauschen die Rolle mit der der Frau und bleiben als Hausmann zu Hause beim Kind, damit die Frau nach einiger Zeit wieder ihrem Beruf nachgehen kann. Aber auch dort, wo es nicht zu einem totalen Rollentausch kommt, ist nicht mehr von vornherein selbstverständlich, daß die Mutter nach der Geburt zu Hause bleibt. Zumindest versuchen viele neue Väter in ähnlicher Weise wie die Mütter, ihr Leben auf das Kind einzustellen. Manche Väter arbeiten deshalb halbtags oder lassen sich für eine Zeit beurlauben. Auch wenn das Kind älter wird, kümmern sich die Väter gleichermaßen wie die Mütter um die Kinder. Das gilt in aller Regel auch dann, wenn Vater und Mutter sich trennen sollten. Da der Vater genauso wie die Mutter in Versorgung und Betreuung geübt ist, muß das Kind nach der Trennung nicht generell bei der Mutter bleiben. Falls das jedoch der Fall ist, haben die neuen Väter ein starkes Interesse daran, einen möglichst engen Kontakt zu ihrem Kind zu behalten. Familienrichter «registrieren eine, freilich immer noch kleine, aber dennoch steigende Anzahl von Vätern, die bewußt und wohlüberlegt – aus Gründen des Kindeswohls nämlich – um ihr Kind kämpfen».[*]
Foto: Marianne Otte
Das hier von den neuen Vätern gezeichnete Bild stellt sich in der Realität nicht immer so makellos dar. Nicht immer verhalten sich die neuen Väter in der Umgestaltung ihrer Rolle konsequent. Die alte und die neue Rolle vermischen sich oftmals und führen bei den Männern zu widersprüchlichen Verhaltensweisen. Auch «Rückfälle» in die alte Vaterrolle sind nicht ausgeschlossen. Wie die neue Vaterrolle einmal aussehen wird, ist im übrigen noch nicht entschieden. Klar ist lediglich, daß die alte Vaterrolle für eine wachsende Anzahl von Männern heute keine Gültigkeit mehr hat.
Die Motivation für eine andere Gestaltung der Vaterrolle ist bei den Männern nicht von selbst entstanden. Die Veränderungen sind zum einen das Ergebnis der seit dem 19. Jahrhundert immer weiter fortschreitenden Entmachtung der alten Väter, zum anderen sind sie Produkt der Auseinandersetzungen der Männer mit dem neuen Selbstbewußtsein der Frauenbewegung.
Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist die Autorität des Vaters fast ungebrochen. «Seine Funktion als Alleinernährer der Familie gibt ihm Macht über seine Frau und seine Kinder. Sie sind abhängig von ihm.»[*] Aber trotz der großen Macht des Vaters war die heutige Problematik der Vaterrolle damals schon angelegt. Da die Erziehung der Kinder seit dem 19. Jahrhundert fast ausschließlich in den Aufgabenbereich der Mutter fiel, wurde die Rolle des Vaters in der Folgezeit immer mehr auf die Rolle des Ernährers der Familie reduziert. Solange der Vater jedoch neben der Funktion des Ernährers noch andere herausragende Funktionen hatte – im 19. Jahrhundert z.B. noch die Funktion einer nahezu unangreifbaren moralischen und sozialen Autorität – erschien dies noch nicht so problematisch. Nachdem aber diese anderen Funktionen im Verlauf der weiteren Entwicklung immer fragwürdiger wurden, blieb schließlich in den fünfziger Jahren die Rolle des Ernährers – neben der des Erzeugers – als einzige hervorstechende Vaterfunktion übrig. Mit zunehmender, höher qualifizierter Erwerbstätigkeit der Frauen in den sechziger Jahren wurde dann auch diese letzte Vaterfunktion in Frage gestellt. Je qualifizierter die Berufsausbildung der erwerbstätigen Frauen war, umso mehr reduzierte sich das Ausmaß der ökonomischen Abhängigkeit vom Mann. Die Väter wurden als notwendiger Ernährer immer überflüssiger und damit sozial funktionslos. In der Folgezeit sprach man von der vaterlosen Gesellschaft. Väter waren für die Gesellschaft scheinbar nicht mehr existent.
Diese Entwicklung spiegelte sich auch im Bewußtsein und Verhalten der Männer. Die Unsicherheit in der Rolle als Vater und das Gefühl, als Vater überflüssig zu sein, haben dazu geführt, daß für Männer die Berufsrolle für ihr psychisches Gleichgewicht immer unentbehrlicher wurde. Identität und Selbstbewußtsein als Mann konnte nur noch im Beruf und bei Tätigkeiten außerhalb der Familie gewonnen werden.
Wenn aber die ganze Energie des Mannes nahezu ausschließlich in seinem Beruf und seinen Tätigkeiten außerhalb des Familienlebens verbraucht wird, ist der Weg zurück blockiert. Nicht einmal ein Interesse an einer Veränderung der Vaterrolle kann beim Mann selbst noch aufkommen. Ein mögliches Leiden an dieser Situation wurde durch das totale Funktionieren im Beruf verdrängt; ein Anstoß zur Veränderung war nur noch von außen möglich.
In dieser Situation trat die Frauenbewegung auf den Plan, die nicht nur die Unterdrückung der Frau thematisierte, sondern auch – als Konsequenz – die bisherige Aufgabenverteilung von Mann und Frau in Frage stellte. Ausgiebig wurde über die Auswirkungen der Mutterschaft auf die Situation der Frau diskutiert:
«Mutterschaft ist – so wie sie heute verstanden wird – das stabilste Glied in der Fessel der Frauen. Im Namen dieser an sich zweifelsohne positiven Fähigkeit, gebären zu können, werden Frauen dazu verurteilt, ihr Leben lang zu kochen, zu putzen, zu waschen und zu trösten.»[*] An anderer Stelle wird Mutterschaft als «persönliche Bürde» bezeichnet, «denn in ihrem Namen werden Frauen zur Gratisarbeit im Haus gezwungen und geraten so in ökonomische Abhängigkeit».[*]
Solche Analysen hatten weitreichende Auswirkungen auf das konkrete Verhalten der Frauen. Frauen zeigten sich in der Folge immer weniger bereit, ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen hinter die des Mannes zu stellen. Der eigene Beruf und damit die ökonomische Unabhängigkeit vom Mann wurde für viele Frauen zur Selbstverständlichkeit. Es entstand ein neues Selbstbewußtsein der Frauen.
Auf die Vaterrolle bezogen bedeutete dies zuerst einmal, daß viele Frauen darauf bestanden, selbst zu bestimmen, ob sie ein Kind haben wollten oder nicht. Das war bis dahin gar nicht so selbstverständlich, wie es manchem heute scheint. Zum einen wurde bzw. wird den Frauen von der Gesellschaft das Recht auf Selbstbestimmung in diesem Punkt keineswegs zugestanden (§ 218!), zum anderen war es nur unter Schwierigkeiten möglich, sich als ökonomisch abhängige Ehefrau im Hinblick auf das Kinderkriegen selbstbestimmt zu verhalten. Eben das änderte sich mit der zunehmenden ökonomischen Unabhängigkeit der Frau.
Wenn es aber Frauen auf Grund ihrer ökonomischen Unabhängigkeit prinzipiell möglich ist, Kinder auch ohne Vater alleine zu erziehen, sind die Väter endgültig überflüssig geworden. Die Väter sind dann nur noch Erzeuger und nichts weiter.
Hinzu kam, daß auch Ehe und Familie als Institution seit Ende der sechziger Jahre immer mehr in Frage gestellt wurden. In bestimmten gesellschaftlichen Kreisen ist es schon seit einiger Zeit ausgesprochen unüblich geworden zu heiraten. Das schwächte die Position des Vaters weiter. Die Rechte des nichtehelichen Vaters in bezug auf das Kind sind minimal, da die Mutter das ausschließliche Sorgerecht hat.
Damit sind in nichtehelichen Beziehungen die einst so mächtigen Väter endgültig entmachtet. Damit ist die Macht im Prinzip in die Hände der Frauen übergegangen. Sie können bestimmen, ob sie das Kind alleine oder gemeinsam mit dem Vater erziehen wollen. Wenn sie es gemeinsam mit dem Vater erziehen wollen, sind sie daran interessiert, es mit einem Partner zu tun, der sich an den Pflichten gleichermaßen beteiligt.
Eine Freundin, die schon zwei Kinder hat und mit der ich mich vor einiger Zeit über das Kinderkriegen unterhielt, drückte das folgendermaßen aus: «Wenn ich mich heute überhaupt noch mal darauf einlassen würde, ein Kind zu bekommen, dann nur, wenn mein Freund bereit wäre, alles was anfällt, mit mir zu teilen. Ich würde jedenfalls nicht einsehen, warum ich alleine des Kindes wegen auf irgend etwas verzichten sollte, was mir wichtig ist. Wenn ich zusammen mit einem Mann ein Kind will, muß er sein Leben genauso darauf einstellen wie ich.»
Dieses «Modell» der zwischen Mann und Frau gleich verteilten Mutter- bzw. Vaterschaft ist in den letzten Jahren immer populärer geworden. Frauenbewegung, antiautoritäre Bewegung und Alternativbewegung haben die Entwicklung zu einer neuen Rollenverteilung für Mann und Frau in Gang gesetzt und am weitesten und konsequentesten vorangetrieben. Aber auch andere soziale Gruppen der Gesellschaft sind von dieser Entwicklung nicht unberührt geblieben. Sogar in gesellschaftlichen Kreisen, wo Ehe und Familie als Institution noch nicht prinzipiell in Frage gestellt werden, ist ein gewisser Druck auf die Väter zu beobachten. Auch wenn das tatsächliche Verhalten dieser Männer noch hinter der Radikalität der Verhaltensänderung der Männer in der Alternativszene zurückbleibt, sind auch hier Ansätze der Veränderung der Vaterrolle unübersehbar.
Vorhang auf für die neuen Väter! Sie sind Väter von Frauensgnaden. Sie sind gezwungen worden, sich zu verändern. Die neue Vaterrolle ist eine Reaktion der Männer auf die «neue» Macht der Frauen. Daß der Anstoß zur Veränderung nicht in erster Linie aus den Bedürfnissen der Männer kam, sondern unter Druck der Frauen, ist ein Widerspruch, der die neue Vaterrolle bestimmt. Deshalb verwundert es auch nicht, wenn die Männer Schwierigkeiten haben, damit zurechtzukommen.
Die neue Vaterrolle steht im Widerspruch zur Rolle des Mannes in unserer Gesellschaft. Der Mann gewinnt sein Selbstbewußtsein, seine Zufriedenheit und gesellschaftliche Anerkennung in erster Linie durch seinen Beruf und andere Tätigkeiten außerhalb der Familie. Hausarbeit und Kindererziehung sind Tätigkeiten, die in unserer männerbeherrschten Gesellschaft nicht sehr hoch bewertet werden. Schon der kleine Junge erfährt, daß der Mann vor allem lernen muß, sich im feindlichen Leben außerhalb der Familie zu behaupten. Zufriedenheit und ein gutes Identitätsgefühl empfindet der Mann dann, wenn sein Selbstbild sich möglichst weitgehend mit dem Bild eines «richtigen» Mannes deckt. Ein «richtiger» Mann wird u.a. gemessen an seiner sozialen Position. Ein «richtiger» Mann muß beruflich erfolgreich sein. Er muß sich in der Konkurrenz behaupten können und sich immer wieder als der Stärkere profilieren.
All das gilt seit der Frauenbewegung nicht mehr in diesem absoluten Sinn. Auch die Selbstbilder von Männern haben sich verändert. Trotzdem orientiert sich der Mann noch vorrangig an dem, was außerhalb des familiären Bereichs liegt. Ein Beispiel dafür sind die Hausmänner. Auch diejenigen, die sich selbst für die neue Rolle entschieden haben, geraten in ihrer neuen Tätigkeit in eine tiefe Identitätskrise: «Wenn du ausschließlich für andere da bist, verlierst du auch deine eigene Identität. Du kannst auf nichts zeigen und sagen, darin verkörpere ich mich.»[*]
Männer sind so sehr darauf erzogen worden, etwas zu schaffen, was sich vorzeigen läßt, daß sie aus Hausarbeit und Kindererziehung nur unter Schwierigkeiten genug Identität beziehen können. Sie geraten in Widerspruch zu dem offensichtlich tief in der Psyche verankerten Verhaltensrepertoire der Männerrolle. Anscheinend kann der Mann nicht zugleich ein guter Vater und ein «richtiger» Mann sein. Oder anders ausgedrückt: um ein guter Vater werden zu können, muß der Mann zuerst Abschied von der alten Männerrolle nehmen. Seine Veränderung darf sich nicht nur auf das äußere Verhalten beschränken; die Veränderung muß auch im Bereich des Unbewußten vor sich gehen.
Damit aber tut sich ein weiterer Widerspruch der neuen Vaterrolle auf. Da sich die neuen Väter nicht primär aus eigenem Antrieb bzw. eigenem Leiden verändert haben, sondern hauptsächlich auf Druck der Frauen, bleiben die Verhaltensänderungen aufgepfropft und oberflächlich. Bleibt der Druck aus, droht das alte Verhalten wieder hervorzubrechen. Das erklärt auch, warum die neuen Väter so leicht wieder in die Verhaltensweisen der alten Väter zurückfallen können.
Männer- und Vaterrolle liegen in vieler Hinsicht im Widerstreit. Damit die Väter ihrer Vaterrolle voll gerecht werden können, müssen sie zuallererst ein anderes Verhältnis zu den «weiblichen» Anteilen in sich bekommen. Sie müssen sich den Zugang zu ihren Gefühlen erschließen und in ganz anderer Weise für ihre Umgebung sensibel werden. Der Umgang mit Kindern erfordert eine Reihe von Fähigkeiten, die in unserer Gesellschaft in aller Regel eher die Frauen ausgebildet haben.
So haben etwa viele Frauen «viel mehr Sinn für die Freuden, die Berührung mit körperlichem, emotionalem und geistigem Wachstum mit sich bringt, als Männer.»[*] Sicherlich ziehen auch Männer Befriedigung aus dem Umgang mit Kindern. Dies hat allerdings Grenzen: So fällt es vielen von ihnen beispielsweise viel schwerer als Frauen, zu Neugeborenen eine intensive Beziehung zu entwickeln. Manche Väter können in der ersten Zeit kaum etwas mit ihren kleinen Kindern anfangen. Ein enges Verhältnis zu Kindern setzt voraus, daß der Vater seine Zuneigung zeigen und auch vor anderen deutlich machen kann.
Liebe kann man nur zeigen, wenn man ein gutes Verhältnis zu seinen Gefühlen hat. Gerade das ist bei Männern meistens gestört. Sie sind aufs Funktionieren getrimmt. Sie sind gewohnt, die Probleme rational anzugehen. Emotionalität empfinden sie dabei oft als etwas Störendes. Wenn sie eine Aufgabe erfüllen sollen, können sie diese häufig tun, ohne daß ihre Empfindungen ihnen dabei in die Quere kommen. Der Mann kann oft «weder verbal noch nonverbal das ausdrücken, was er empfindet».[*] Ihre Unfähigkeit kompensieren Männer dann dadurch, daß sie Theorien über die Dinge entwickeln und sich statt über ihre eigenen Gefühle dann über die Theorien unterhalten. Es ist leicht, die Kluft zu ermessen, die zwischen dem Mann und einem Neugeborenen besteht, das nur Emotion ist und dessen Empfindungen man nur erspüren kann.
Die hier aufgezählten Widersprüche zwischen Vater- und Männerrolle ließen sich noch durch weitere Aspekte ergänzen. Es kommt mir hier aber weniger auf eine vollständige Analyse der Männerrolle an, als vielmehr auf die Bewußtmachung der Tatsache, daß sich der Mann, wenn er ein wirklicher und kein reduzierter Vater werden will, von seinen alten Rollenzwängen befreien muß.
Aus dem Widerstreit zwischen neuer Vater- und alter Männerrolle ergibt sich, daß beide nur gemeinsam oder gar nicht verändert werden können.
Solche Veränderung aber kommt nicht von ungefähr. Veränderung ist immer das Ergebnis eines längeren Prozesses unter bestimmten Voraussetzungen.
Veränderungen durch Druck von außen zu bewirken, hat selten anhaltenden Erfolg. Der Druck, der durch die Frauenbewegung auf die Männer ausgeübt wurde, hat zwar bei den Männern den «Stein ins Rollen» gebracht. Es ist jedoch mehr als fragwürdig, wenn Veränderung nur darin besteht, daß Schuldgefühle aufgebaut werden, was bei vielen Männern als Folge der Forderungen der Frauenbewegung der Fall war und ist. Schuldgefühle blockieren den Zugang zu den wirklichen, widersprüchlichen Gefühlen und unterdrücken lediglich bestimmte als chauvinistisch bezeichnete Bedürfnisse.
Unter der Oberfläche des scheinbar veränderten Verhaltens leben sie aber weiter fort und führen dazu, daß viele Männer keinen anderen Rat wissen, als ihre Gefühle noch mehr mit dem Kopf in den «Griff» zu bekommen. Das Gegenteil dessen, was sie eigentlich erreichen wollten, tritt ein. Das Dilemma bei der Veränderung der Männerrolle ist offensichtlich: einerseits ist der Druck von außen unentbehrlich, da die Männer auf Grund ihres anerzogenen Männerbildes nicht von selbst zur Veränderung bereit sind. Andererseits kann wirkliche Veränderung nur von den Männern selbst ausgehen und setzt das Leiden an der eigenen Situation voraus.
Zwar befinden sich auch die Männer in einer Sinnkrise. Die Verabsolutierung des Leistungsprinzips macht auch den Männern zu schaffen. Viele empfinden ihre Arbeit als immer weniger befriedigend. Auch ihre Beziehungen zu Frauen sind keineswegs zufriedenstellend. Trotzdem reicht dieses Leiden an den Verhältnissen offenbar bisher nicht aus, um aus den alten Rollenstereotypen aus eigenem Antrieb ausbrechen zu wollen. Obwohl die patriarchalischen Verhältnisse auch den Mann immer mehr zerstören, hielt sich das Engagement des Mannes zur Befreiung von seinen Rollenzwängen bisher in bescheidenen Grenzen.
Ist der Mann also unentrinnbar in seinen Rollenzwängen gefangen? Blockiert die Männerrolle letztlich jede echte Veränderung der Vaterrolle? Ich glaube, daß die Befreiung des Mannes und die Veränderung der Vaterrolle trotz der hier dargestellten Widersprüche, Probleme und scheinbaren Grenzen eine reelle Chance hat. Zwar stößt die neue Vaterrolle an das enge Korsett der immer noch bestimmenden Männerrolle. Gleichzeitig ist in der Vaterrolle aber ein beachtliches emanzipatorisches Potential angelegt. Haben Männer erst einmal begonnen, sich in anderer Weise als bisher mit Kindern zu beschäftigen, dann geraten sie dadurch auch in ganz andere und ganz neue Situationen. Die neue Vaterrolle ermöglicht den Männern qualitativ neue Erfahrungen, die in der Lage sind, den Panzer der alten Männlichkeit zu sprengen.
Sich auf Kinder wirklich einzulassen bedeutet, die Gesellschaft, das eigene Leben und die eigene Person mit anderen Augen wahrzunehmen. Kinder stellen sich mit ihren Bedürfnissen quer zu den unsere Gesellschaft beherrschenden Normen und Prinzipien.
Eine wichtige Norm in unserer Gesellschaft ist z.B. die unterschiedliche Bewertung von privatem und öffentlich-beruflichem Bereich. Im Wertsystem unserer von Männern dominierten Gesellschaft gilt das Private als das Belanglose, das Aufschiebbare. Der private Bereich hat sich dem öffentlich-beruflichen Bereich unterzuordnen. Wenn beide Bereiche Ansprüche anmelden, muß die Entscheidung, welcher Bereich zurückzustehen hat, eindeutig ausfallen.
Sich auf Kinder einzulassen bringt es zwangsläufig mit sich, daß privater und öffentlich-beruflicher Bereich miteinander in Widerspruch geraten. Kinder stellen an die Väter Ansprüche, die sich mit der gängigen Prioritätensetzung nicht in Einklang bringen lassen. Nach ihr ist das Kind nach Feierabend, in der Freizeit und am Wochenende «dran». Die Bedürfnisse des Kindes zählen nicht oder haben sich zumindest unterzuordnen.
Das Kind aber kämpft für seine Bedürfnisse. Es wird weinen oder schreien, wenn der Vater es in seinen Zeitrhythmus nur passiv einfügen möchte. Es stellt sich quer. Es will der eigentliche Mittelpunkt sein. Will jetzt Liebe, Zeit und Zuneigung haben und nicht dann, wenn das «Eigentliche» getan ist.
Durch den Widerstand des Kindes wird dem Vater so immer mehr bewußt, wie widersinnig und unmenschlich seine eigene Prioritätensetzung ist. Das Kind zwingt den Vater zur Auseinandersetzung, stellt die bisherigen Orientierungen grundsätzlich in Frage und kann ihn dazu bringen, auch außerhalb der Familie, im Beruf, die bisherige Prioritätensetzung nicht mehr hinzunehmen.
Damit aber ist bei dem Vater mehr in Gang gekommen als nur eine Umstellung von Prioritäten. Das Kind hat sozusagen ein entscheidendes Merkmal seiner bisherigen Identität, die vorrangige Orientierung auf den Beruf und auf die Tätigkeiten außerhalb der Familie, ins Wanken gebracht. Indem das Kind aber diesen zentralen Punkt der männlichen Identität in Frage stellt, ermöglicht es dem Mann, sich eine ganz neue, ganz andere Identität zu schaffen.
Das Kind kann dem Mann die Augen öffnen und ihm eine neue Welt erschließen. Der Umgang mit Kindern beinhaltet für die Männer die Chance zu wirklicher Veränderung. Durch den Umgang mit Kindern macht der Mann eine Fülle von Erfahrungen, die bei ihm eine völlig neue Motivation zur Veränderung seiner Rolle schaffen können. Voraussetzung ist jedoch, daß er sich auf seine Vaterrolle wirklich einläßt. Die Chance zur Veränderung, die die neue Vaterrolle beinhaltet, kann leicht vertan werden, z.B. durch fehlende Voraussetzungen wie zu wenig Zeit. Wenn der Vater den ganzen Tag arbeitet und sein Kind nur abends und am Wochenende sieht, sind die Möglichkeiten für eine intensive Beschäftigung mit dem Kind eingeschränkt. Die neue Vaterrolle setzt voraus, daß Mutterschaft und Vaterschaft ein Stück weit austauschbar und gleichwertig sind. Der Vater soll in seinen Fähigkeiten und zeitlichen Möglichkeiten zur Bewältigung des Alltags mit Kindern (Ernährung, Körperpflege, Gewohnheiten usw.) nicht hinter der Mutter zurückstehen. Er muß genauso wie die Mutter «Experte» im Umgang mit dem Kind sein. Dieser große Anspruch läßt sich nur schwer realisieren und scheitert oftmals an den ökonomischen Notwendigkeiten. In vielen Fällen bleibt dem Mann einstweilen nichts anderes übrig, als finanzielle und berufliche Nachteile in Kauf zu nehmen, wenn er seine Vaterrolle anders gestalten möchte.
Foto: Barbara Omari
Damit aber sind wir an einem weiteren wichtigen Punkt angelangt.
Neben den Erfahrungen, die über die Kinder vermittelt sind, machen die neuen Väter auch noch andere Erfahrungen, so z.B. die, in ihrer neuen Rolle gesellschaftlich benachteiligt zu sein. So kann der Mann nicht ebenso wie die Frau ein halbes Jahr bezahlten Mutterschafts- sprich Vaterschaftsurlaub machen. Der Einführung eines Elternschaftsurlaubes, der beide Elternteile im ersten halben Jahr mit einem Großteil ihres bisherigen Einkommens von der Arbeit freistellen sollte, käme eine wichtige Bedeutung zu.
Auch für den Mann wird konkret erfahrbar, was es heißt, in einer kinderfeindlichen Gesellschaft zu leben. Die Feindseligkeit, mit der Müttern in dieser Gesellschaft häufig begegnet wird, wird auch ihm zuteil. Überdies muß er noch gegen die zahlreichen Vorurteile der Gesellschaft gegenüber Vätern, die sich nicht der Norm entsprechend verhalten, ankämpfen.
Alle Väter, die nichtehelichen besonders, müssen nach wie vor gegen die Diskriminierung auf Ämtern, Gerichten, in Krankenhäusern und anderen Institutionen ankämpfen. Noch immer ist es beispielsweise nicht in allen Krankenhäusern selbstverständlich, daß die Väter während der Zeit vor, während und nach der Geburt ohne Einschränkung bei ihrer Frau bleiben können. Oder was sagt beispielsweise das Arbeitsamt dazu, wenn ein Vater eine zu lange Anfahrtszeit zur Arbeit mit der Begründung ablehnt, daß er dann zu wenig Zeit für sein Kind hätte?
Die Liste der Benachteiligungen und Diskriminierungen ließe sich fortsetzen. Unsere Gesellschaft hat an den neuen Vätern kein großes Interesse. Bislang sind es noch wenige Männer, die für die gesellschaftliche Gleichberechtigung des Vaters kämpfen. Die einzige Väterinitiative ist bisher in Berlin entstanden. Sie hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, die gesellschaftliche Benachteiligung der Väter öffentlich zu machen, und fordert die Gleichberechtigung der Väter.
Freilich darf eine solche Initiative nicht beim Kampf für die Gleichberechtigung der Väter stehenbleiben. Sie muß auch den Prozeß der weiteren Veränderung der alten Männerrolle mit vorantreiben; ähnlich wie in der Frauenbewegung wird es erforderlich sein, daß Väter sich in Gruppen zusammenschließen. Indem Männer bzw. Väter sich über ihr eigenes, männerspezifisches Erleben untereinander verständigen, lernen sie, mit ihren Gefühlen offener umzugehen und die Rollenzwänge der Männer- bzw. Vaterrolle allmählich zu entschärfen.
Hier gibt es aber noch mehr als nur eine Hürde zu überwinden. Nicht nur die ökonomischen Zwänge stellen eine Hürde für die neuen Väter dar, sich auf die neue Vaterrolle einzulassen, sondern auch die Tendenz der Männer, aus der Verantwortlichkeit für das Kind zu flüchten. Selbst wenn Männer sich gleichermaßen wie die Frauen auf Kinder einlassen, kann es passieren, daß sich zwischen ihnen die alten, eingefahrenen Verhaltensschematas reproduzieren. Männliche und weibliche Rolle sind komplementär. Dies bedeutet, daß sie nur gemeinsam und gleichzeitig verändert werden können. Im Umgang mit Kindern haben Frauen häufig immer noch die Tendenz, sich mehr verantwortlich zu fühlen und die Männer unbewußt vom Kind fernzuhalten. Dies geschieht dadurch, daß die Frauen den Männern diese oder jene Arbeit nicht zutrauen oder stillschweigend von vornherein übernehmen. Sicherlich spielt hierbei auch das Gefühl, unentbehrlich zu sein, eine Rolle. Den Männern kommen diese Verhaltensweisen sehr entgegen, da bei ihnen sowieso, komplementär zur alten weiblichen Rolle, eine Tendenz vorhanden ist, den privaten Bereich, und damit auch die Verantwortlichkeit für das Kind, an die Frauen zu delegieren. Da es für Männer nicht selbstverständlich ist, sich gleichermaßen wie die Frauen für das Kind verantwortlich zu fühlen, bedarf es auch Veränderungen auf seiten der Frauen, damit sie den bei ihnen angelegten Tendenzen, die Verantwortung an sich zu reißen, nicht nachgeben und so den Männern am falschen Punkt entgegenkommen.
Die Chance, die die neue Vaterrolle für die Männer enthält, ist aber noch an einem weiteren Punkt gefährdet. Die neue Vaterrolle setzt eine bestimmte gesellschaftliche Stellung der Frau voraus, die sie durch ihre ökonomische Stärke in Zeiten der Vollbeschäftigung hat gewinnen können. Da wir uns seit Mitte der siebziger Jahre in zunehmendem Maß in einer Weltwirtschaftskrise befinden, ist zu befürchten, daß sich im Zuge der steigenden Arbeitslosigkeit die gesellschaftliche Stellung der Frau wieder verändern könnte. Diese Veränderung würde mit einiger Sicherheit für viele Frauen einen Zwang zur Rückkehr in den Haushalt und zu den alten Aufgabenbereichen schaffen. Ein Rückfall der Väter in ihre alte Rolle wäre dann zu befürchten.
Dies muß jedoch keine zwangsläufige Entwicklung sein. Mann und Frau könnten sich auch bei steigender Arbeitslosigkeit ihre Aufgaben teilen. Bei etwa gleichem Ausbildungsstand ist auch nicht vornherein klar, daß einer allein arbeiten geht oder daß derjenige, der arbeiten geht, unbedingt der Mann sein muß.
Es deutet sogar viel darauf hin, daß die derzeitige Wirtschaftskrise bei vielen Männern und Frauen Veränderungen eher in Richtung einer Neugestaltung der traditionellen Rollen bewirkt. Einstweilen sind die neuen Väter also noch im Kommen. Die neue Vaterschaft als Chance für die Männer zu wirklicher Veränderung ist als Chance ungebrochen. Auch wenn sie leicht vertan werden kann.
Selbstbestimmung für die Väter ist ein schwieriges Kapitel. Da nur die Frau die Fähigkeit hat, Kinder zu gebären, ist der Mann, wenn er Kinder haben möchte, auf die Frau angewiesen. Er selbst kann gegen den erklärten Willen der Frau nicht Vater werden.
Die Gebärfähigkeit bietet der Frau aber nicht nur die Möglichkeit, sich bewußt gegen ein Kind zu entscheiden, sondern auch die Chance, allein und unabhängig vom jeweiligen Partner die Entscheidung für ein eigenes Kind zu treffen. Da der Mann sie nicht hindern kann, ein Kind zur Welt zu bringen, auch wenn die Schwangerschaft von ihm nicht gewollt war, ist die Frau bei ihrer Entscheidung auf die Zustimmung des Mannes im Prinzip nicht angewiesen.[*]
Die Entscheidungsmacht in bezug auf das Kinderkriegen ist also – wenn man von finanziellen Zwängen absieht – fast ohne Einschränkung auf seiten der Frau. Damit ist freilich noch nicht gesagt, daß die Frau auch immer von dieser Entscheidungsmacht Gebrauch macht bzw. Gebrauch machen kann. Sicherlich gibt es eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Frauen, die, wenn der Mann kein Kind möchte, ihren Kinderwunsch zurückstellen, z.B. wenn sie durch ökonomische Abhängigkeit vom Mann in ihrer Entscheidung nicht frei sind.
Daneben gibt es aber auch eine steigende Zahl von Frauen, die vor dem Hintergrund ihrer ökonomischen Unabhängigkeit vom Mann zu einem Verzicht auf ein Kind nicht mehr ohne weiteres bereit sind. Andererseits sind sie auch nicht mehr ohne weiteres bereit, dem Kinderwunsch ihres jeweiligen Partners nachzugeben, wenn sie selbst eigentlich kein Kind möchten.
Wenn die Frau sich ihrer Entscheidungsmacht in bezug auf das Kinderkriegen bewußt ist und ein Kind haben will, entsteht für den Mann eine schwierige Situation, sofern beide Unterschiedliches wollen. Er kann lediglich versuchen, ihre Entscheidung zu beeinflussen, z.B. indem er seine Beziehung zu ihr als psychisches Druckmittel einsetzt. Die Entscheidung für oder gegen ein Kind wird dann zur Entscheidung gegen oder für ihn.
Wenn der Mann nun ein Kind will und die Frau nicht, kann er Druck ausüben, indem er die Frau ständig wieder mit seinem Kinderwunsch konfrontiert und ihn als zentrale Erwartung an die Partnerschaft darstellt. In solchem Fall ist es meist für die Frau auf Dauer nicht einfach, sich dem Kinderwunsch des Mannes zu entziehen. Natürlich kann auch die (ökonomisch unabhängige) Frau versuchen, auf diese Weise den Mann zur Zustimmung zu einem Kind zu bewegen.
In beiden Fällen laufen die Partner allerdings Gefahr, mit der Verantwortung für das Kind irgendwann alleingelassen zu werden.
Da ein Kind eine tiefgreifende Veränderung der gesamten Lebensumstände mit sich bringt, ist eine echte innere Bereitschaft beider Partner, sich darauf einzulassen, eine wichtige Voraussetzung für die Tragfähigkeit dieser Entscheidung im Alltag.
Eine andere Möglichkeit, auf die Entscheidung der Frau für oder gegen ein Kind Einfluß zu nehmen, kann die Bereitschaft des Mannes zum Rollentausch sein.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Selbstbestimmung der Frau, wenn sie absolut gesetzt wird, die Selbstbestimmung des Mannes als Vater ausschließt.
Wie aber soll sich der Mann in dieser Situation verhalten? Soll er sich mit dem uneingeschränkten Selbstbestimmungsrecht der Frau abfinden und mit seinen genauso berechtigten Interessen zugunsten der Selbstbestimmung der Frau zurückstecken?
Da das Selbstbestimmungsrecht des Mannes nicht höher bewertet werden kann als das Selbstbestimmungsrecht der Frau, muß der Mann, wenn nur er allein ein Kind möchte, den Willen der Frau auf jeden Fall respektieren. Dasselbe muß umgekehrt aber auch für die Frau gelten. Da eine von der Frau allein getroffene Entscheidung für ein Kind einschneidende Konsequenzen für die Lebensführung und die rechtliche und finanzielle Situtation (z.B. Unterhaltspflicht) des Mannes hat, kann diese Entscheidung der Frau vom Mann nicht einfach hingenommen werden. Hinsichtlich seiner Lebensumstände muß auch das Recht des Mannes auf Selbstbestimmung gewahrt werden.
Um das Selbstbestimmungsrecht des Mannes zu wahren, schlägt der amerikanische Psychotherapeut Herb Goldberg deshalb folgendes vor:
«Für Länder, in denen die Abtreibung in das Ermessen der Frau gestellt wird, schlage ich vor, daß jedes Paar, das ein Kind haben möchte, diesen gemeinsamen Wunsch in einem Vertrag festhält. Wird solch ein Vertrag nicht abgeschlossen, so muß der Mann das Recht haben, eine Abtreibung zu verlangen, oder er muß, falls die Frau darauf besteht, das Kind auszutragen, von allen Verpflichtungen entbunden werden.»[*]
Der Realisierung dieses Vorschlages steht das bislang geltende Unterhaltsrecht in der BRD entgegen. In einem Punkt geht der Vorschlag außerdem entschieden zu weit: es darf nicht passieren, daß der Mann von seiner Partnerin die Abtreibung verlangen kann. Das Recht der Frau auf freie Entscheidung gerade in diesem Punkt muß gewahrt bleiben.
An dem Vorschlag von Herb Goldberg bleibt insgesamt unbefriedigend, daß das Problem der Selbstbestimmung der Väter lediglich formal angegangen und geregelt wird. Insofern kann man zwar sagen, daß Herb Goldberg pragmatisch das Beste aus einer für den Mann eigentlich untragbaren Situation zu machen versucht. Er arrangiert sich sozusagen mit den gegebenen, schlechten Verhältnissen.
Welche Probleme die Frage nach der Selbstbestimmung für die Beziehung des Mannes zur Frau mit sich bringt, klammert er jedoch aus.
Über den Kinderwunsch von Männern weiß man bisher noch sehr wenig. Es gibt kaum empirisches Material. Auch die Männer selbst haben sich zu diesem Punkt bisher noch kaum in der Öffentlichkeit geäußert. Die wenigen Untersuchungen, die an Männern durchgeführt wurden, tragen zur Beantwortung der Frage, warum Männer Kinder wünschen, nicht allzuviel bei.[*]
Befragungen von Männern, die ich selbst in meinem Bekanntenkreis gemacht habe, haben allerdings auch nicht viel weitergeführt. Die Antworten der befragten Männer erschöpften sich meist in rationalen Erklärungen und Begründungen. Die eigentlichen Motive für den Kinderwunsch müssen jedoch tiefer liegen. Sie entziehen sich zum Teil dem rein rationalen Zugriff und müssen offensichtlich erst mühsam erschlossen werden.
Um hier weiterzukommen, muß man sich zunächst einmal vergegenwärtigen, welche Veränderungen sich in bezug auf den Kinderwunsch in den letzten zwanzig Jahren ergeben haben. Im Gegensatz zu früher kann sich das Paar heute meist frei entscheiden, ob es ein Kind will. Durch sichere Empfängnisverhütungsmittel und die Möglichkeit der Abtreibung sind heute Kinder nicht mehr das mehr oder weniger zwangsläufige Ergebnis einer sexuellen Beziehung von Mann und Frau, sondern zumindest der Möglichkeit nach das Ergebnis eines Wunsches. «Zu Zeiten mangelhafter und unsicherer Empfängnisverhütung erfüllte eine Schwangerschaft nur zufällig zugleich einen Wunsch.»[*]
Die Möglichkeit der freien Entscheidung birgt allerdings auch gleichzeitig den Zwang zu einer Entscheidung in sich.
Da Mann und Frau eine Entscheidung treffen müssen, müssen sie sich in ganz anderer Weise als früher mit ihrem Wunsch nach einem Kind auseinandersetzen. Der Wunsch nach einem Kind tritt dabei in Konkurrenz zu anderen Wünschen; er hat deshalb nur dann eine Chance auf Realisierung, wenn er stärker ist als die anderen Wünsche oder wenn die anderen Wünsche schon ausreichend zu ihrem Recht gekommen sind.
Bei der traditionellen Rollenverteilung von Mann und Frau muß in erster Linie die Frau andere Wünsche zurückstecken. Da die Arbeit mit Kindern die Frau zu leisten hat, kommt der Kinderwunsch des Mannes nicht in dem Ausmaß mit seinen «anderen» Wünschen in Konflikt, wie es bei der Frau der Fall ist. Nicht zu Unrecht wurde in der Frauenbewegung von der «Sklaverei der Mutterschaft» gesprochen. Vaterschaft bringt zwar auch Einschränkungen mit sich; im Rahmen der traditionellen Rollenverteilung liegt die Last der Kinderaufzucht jedoch nahezu ausschließlich auf der Frau. Die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim stellt in bezug auf Männer fest:
«Wenn sie nicht gerade eine stark berufsengagierte Frau heiraten, wenn sie statt dessen fest im Muster traditioneller Arbeitsteilung bleiben – dann ist für Männer immer noch beides vereinbar, die erfolgreiche Karriere und mehrere Kinder.»[*]
Unter diesen Bedingungen ist verständlich, daß bei Männern im Gegensatz zu Frauen nach dem ersten Kind der Wunsch nach weiteren Kindern ungebrochen weiterbestehen kann.
«Frauen zeigen dagegen tatsächlich nicht selten Symptome des Erstkind-Schocks. Obwohl sie in den Interviews angeben, ihr Baby selbstverständlich zu lieben und sich darüber zu freuen, sagen sie dennoch – dies freilich zu einem späteren Zeitpunkt des Interviews –, daß sie die Situation als Hausfrau oder Mutter ablehnen, diese Situation schlimmer finden, als sie erwartet haben, möglichst bald wieder in den früheren Beruf zurückkehren wollen, und zwar nicht, um Geld zu verdienen (obwohl dies eine angenehme Beigabe ist), sondern primär, um aus der sozialen Isolierung herauszukommen, in die man durch das Kind geraten ist, und die Abhängigkeit vom Ehepartner zu senken. Diese Abhängigkeit berührt wiederum nicht primär den finanziellen Bereich, sondern das Warten über den ganzen Tag auf den Mann. Die Männer dagegen freuen sich über das Kind und geben an, daß es ihrem Rollenverständnis entgegenkommt, abends zu Frau und Kind ‹heimzukommen›.»[*]
Kinderwunsch und herkömmliche Rollenverteilung sind also bei den «alten» Vätern eng miteinander verknüpft. Sie profitieren von der traditionellen Rollenverteilung insofern, als ihnen die harte Alltagsarbeit mit Kindern erspart bleibt.
