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Das Glück scheint vollkommen, wenn ein Kind erwartet wird, ein Wunschkind. Die Vorfreude läßt Mann und Frau die Zeit der Schwangerschaft ganz besonders genießen, auch ihre Liebe zueinander. Dann ist er da, der neue kleine Mensch, und macht aus der Zweierbeziehung eine Familie, macht aus dem Liebespaar ein Elternpaar. Er braucht Kraft, Zeit und Zuneigung und greift beharrlich ein in den sensiblen Raum der Zweisamkeit, der bisher nur Mann und Frau gehörte. «Alles kam ganz anders, als wir gedacht hatten»; fast alle Paare geraten in eine Krise, wenn ihr Kind beginnt, ihr Leben zu bestimmen.
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Seitenzahl: 317
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Hermann Bullinger
Wenn Paare Eltern werden
Die Beziehung zwischen Frau und Mann nach der Geburt ihres Kindes
Ihr Verlagsname
Das Glück scheint vollkommen, wenn ein Kind erwartet wird, ein Wunschkind. Die Vorfreude läßt Mann und Frau die Zeit der Schwangerschaft ganz besonders genießen, auch ihre Liebe zueinander.
Dann ist er da, der neue kleine Mensch, und macht aus der Zweierbeziehung eine Familie, macht aus dem Liebespaar ein Elternpaar. Er braucht Kraft, Zeit und Zuneigung und greift beharrlich ein in den sensiblen Raum der Zweisamkeit, der bisher nur Mann und Frau gehörte.
Hermann Bullinger, Autor von «Wenn Männer Väter werden», beschreibt einfühlsam und kenntnisreich die Ursachen der Paar-Krisen und Möglichkeiten zu ihrer Überwindung.
Als werdender Vater besuchte ich zusammen mit meiner Frau[*] Marianne einen Geburtsvorbereitungskurs für Paare. Die Hebamme, die diesen Kurs leitete, kam auch darauf zu sprechen, daß sich viel nach der Geburt verändern wird. Dabei sagte sie sinngemäß, daß eine Partnerschaft nach der Geburt des Kindes in ihre größte Bewährungsprobe gerate und daß wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen könnten, was da wirklich auf uns zukäme.
Ich habe diese Äußerung deshalb im Gedächtnis behalten, weil sie für mich sehr bedrohlich klang und im Widerspruch zu dem stand, was ich bisher aus Büchern, die wir während der Schwangerschaft lasen, über die Situation nach der Geburt erfahren hatte.
Später, als wir selbst in den Strudel der Konflikte nach der Geburt gerieten, habe ich mich noch oft an ihre Äußerung erinnert: das also hatte sie gemeint! Tatsächlich hatte sie in keiner Weise übertrieben.
Ohne daß sie dies beabsichtigt hatte, hatte unsere Geburtsvorbereiterin den ersten Anstoß zu diesem Buch gegeben. Hinzu kam, daß diese Problematik bei Gesprächen mit anderen Vätern und in meinen Vätergesprächskreisen auch ständig wieder auftauchte.
Zu Beginn der eigentlichen Recherchen für dieses Buch führte ich zahlreiche Gespräche mit Männern und mit Frauen über die Veränderungen in ihrer Paarbeziehung nach der Geburt. Ich arbeitete englischsprachige Fachliteratur (die ich allerdings hier bewußt nicht zitiert habe!) und Erfahrungsberichte und Fachliteratur aus Deutschland durch, um meine Aussagen zu überprüfen. Alles zusammen stellt das Material dar, auf dem dieses Buch aufbaut.
Im Gegensatz zu meinem Buch über Väter (‹Wenn Männer Väter werden›, rororo 7751) beschäftige ich mich diesmal mit dem Erleben von Männern und Frauen. Denn Hintergründe und Ursachen von Beziehungsproblemen werden nur dann deutlich, wenn das Verhalten von Mann und Frau in seinem Aufeinander-Bezogensein und in seiner wechselseitigen Bedingtheit betrachtet wird.
Dies forderte von mir, mich sehr weitgehend in die Sichtweise von Frauen hineinzuversetzen. Das fiel mir verständlicherweise nicht besonders leicht. Eigentlich hätte ich dieses Buch lieber mit einer Frau zusammen geschrieben, hatte aber nicht die Möglichkeit. Mittlerweile denke ich, daß die Konfrontation mit meiner sich zwischen den Zeilen immer wieder einschleichenden Männersicht für Frauen unter Umständen sogar in besonderer Weise produktiv und aufschlußreich sein kann.
Mir liegt daran, daß Männer und Frauen sowohl das Gemeinsame als auch das Trennende in ihrem Erleben und Verhalten besser erkennen können und bei der Emanzipation von alten Rollenzwängen und auf dem Weg zu gleichberechtigter Partnerschaft weiter vorankommen. Auch als Mann habe ich ein Interesse an der Emanzipation, weil wirkliche Begegnung nur unter Gleichgestellten möglich ist.
Meine Absicht ist nicht, dem/r Leser/in allgemeingültige Erkenntnisse über die Krise der Paarbeziehung nach der Geburt zu vermitteln. Mein Anspruch ist vielmehr, Realität so zu beschreiben, wie ich sie vorgefunden und wahrgenommen habe. Vielleicht kann der/die Leser/in dadurch die Hintergründe seines/ihres eigenen Verhaltens besser verstehen und über sich selbst neue Einsichten gewinnen.
Ich hätte dieses Buch nicht schreiben können, wenn nicht so viele Frauen und Männer bereit gewesen wären, mir über sich und ihre Gefühle sehr offen zu erzählen. Ich habe mich bemüht, durch Abändern von Namen und Fakten, an denen sie erkennbar wären, ihre Anonymität zu gewährleisten. Hinter den Analysen steckt nicht die Absicht, bloßzustellen, sondern die Konflikte nach der Geburt zu verdeutlichen und dem Leser tiefere Einsichten in sein eigenes Verhalten zu ermöglichen. Für mich waren alle Gespräche Begegnungen, aus denen ich auch viel für mich selbst gelernt habe.
Bei allen, die mittelbar und unmittelbar an diesem Buch beteiligt waren, möchte ich mich für die Mitarbeit bedanken. Ein besonderer Dank gilt auch meiner Wohngemeinschaft, wo jeder einen nicht unwesentlichen Beitrag zum Gelingen dieses Buchprojekts geleistet hat, und Petra, die einen Teil der Schreibarbeiten übernommen hat.
Mein Sohn Paolo möge mir verzeihen, daß ich so oft so wenig Zeit für ihn hatte und manchmal so mürrisch reagierte, wenn er energiegeladen in mein Zimmer gestürzt kam oder unbedingt etwas mit mir unternehmen wollte, während ich mich am Schreibtisch festgebissen habe.
Meinen Anspruch nach gleichberechtigter Arbeitsaufteilung konnte ich über eine lange Phase nicht aufrechterhalten, sonst wäre dieses Buch nie fertig geworden. Zwar habe ich meinen Anteil an der Hausarbeit geleistet, für meinen Sohn war ich aber über weite Strecken zuwenig verfügbar und so etwas Ähnliches wie ein Feierabendvater. Marianne hat das mit Großzügigkeit toleriert und die Mehrarbeit bereitwillig übernommen. Jetzt wird es aber mit Sicherheit höchste Zeit, wieder zu unserer alten Regelung zurückzukehren.
Als ich die vorhandene Literatur zur Vorbereitung auf die Geburt durchsah, fiel mir eine Gemeinsamkeit sofort ins Auge: Fast alle Bücher sind auf die eine oder andere Art euphorisch. Die Autorinnen und Autoren werden nicht müde, dem Leser zu vermitteln, was für ein schönes, einmaliges und lustbringendes Erlebnis das Kinderkriegen ist. Manche Bücher stilisieren gar das Kind zum Erlöser aus der Seichtheit und Sinnlosigkeit des bisherigen Daseins hoch.
In der vorhandenen Geburtsvorbereitungsliteratur wird also ein ganz bestimmtes Bild von Wirklichkeit vermittelt, das wichtige Dimensionen ausklammert, verleugnet oder gar schönfärberisch umzeichnet.
So kann Geburt auch Leid, Trauer oder Tod bedeuten, und Kinderkriegen und Kinderhaben kann auch Erschöpfung, Stress, Überforderung und psychische Dauerbelastung mit sich bringen.
Geburtsvorbereitungsliteratur stellt jedoch meist nicht nur die Gefühlswelt allzu eindimensional dar, sondern konzentriert sich häufig ganz auf Mutter und Kind. Daß sich das Kinderkriegen in der Regel innerhalb einer Paarbeziehung abspielt und auch tiefgreifende Auswirkungen auf diese hat, wird zwar mitunter angedeutet, aber fast nirgendwo entsprechend seiner wirklichen Bedeutung dargestellt.
Ich meine, daß fast alle Paare in den ersten eineinhalb Jahren nach der Geburt des ersten Kindes in eine Beziehungskrise geraten. Und daß diese Krise in der Regel gerade bei den Paaren am stärksten ausgeprägt ist, die die traditionellen Beziehungsformen und Mann-Frau-Rollen am konsequentesten in Frage stellen. Diese Beziehungskrise trifft die meisten Paare unerwartet und damit unvorbereitet, denn von ihr war in den Medien bisher nur selten die Rede. Viele Paare sind mit der Verarbeitung und Bewältigung einer solchen Krise überfordert, denn die in den Beziehungen üblichen Bewältigungsmechanismen versagen hier. Die zunehmende Zahl von Paaren, die sich zwischen dem ersten und dem dritten Jahr nach der Geburt ihres Kindes trennen, ist ein Indiz dafür. Und wenn es nicht zur Trennung kommt, die Ursachen für die Auseinandersetzungen jedoch nicht untersucht, sondern nur «unter den Teppich gekehrt» werden, wird aus dem früheren Miteinander nicht selten ein schweigsames Nebeneinander, das nur noch wegen des Kindes aufrechterhalten wird. Dies alles wird bisher nur wenig öffentlich diskutiert, denn die Krise der Paarbeziehung will weder zu den idealisierten Vorstellungen von der Selbstverwirklichung durch Mutterschaft noch zu der vom lebenslangen Eheglück passen. Würden durch die eher belastenden Aspekte des Kinderkriegens und Mit-Kindern-Lebens das vorherrschende positive Bild getrübt, würde dies sicherlich nicht ohne Auswirkungen auf die sowieso schon abnehmende Gebärfreudigkeit bleiben.
Die Schwangerschafts- und Geburtsvorbereitungsliteratur trägt mit ihrer Euphorie – ohne dies zu reflektieren oder bewußt zu beabsichtigen – also durchaus dazu bei, den Zustand der Unwissenheit aufrechtzuerhalten.
Damit wird den Eltern allerdings ein schlechter Dienst erwiesen. Unvorbereitet, wie sie sind, treffen sie diese Schwierigkeiten unerwartet. Da das einzelne Paar meist nicht weiß, daß diese Probleme normal sind und von fast allen Eltern ähnlich erlebt werden, neigt es dazu, individuelles Versagen dafür verantwortlich zu machen. Dies bewirkt, daß die Probleme vorwiegend innerhalb der Beziehung ausgetragen werden und nach außen hin das vorgeschriebene Bild des strahlenden Elternpaars vorgespiegelt wird.
Hier schließt sich der Kreis. Da die Betroffenen mit ihren Problemen in dem Bewußtsein individuellen Versagens nicht an die Öffentlichkeit gehen, bleiben ihre Probleme weiterhin verborgen. Und jedes Paar wird diese Krise erneut als individuell erleben.
Die meisten Paare haben eine idealisierte Vorstellung von der ersten gemeinsamen Zeit mit dem Neugeborenen. Von der Situation zu dritt erhoffen sie sich hauptsächlich eine Bereicherung und Erweiterung der Situation zu zweit. Und daran hat wiederum die Geburtsvorbereitungsliteratur, aber auch die propagierte Familienideologie, einen entscheidenden Anteil. Ein Vater sagt über diese Zeit im nachhinein:
«Ich glaube, daß es typisch war, eine Vorstellung von Idylle vor Augen zu haben. Wir halten an diesem Bild fest. Wir merken, daß es uns unter den Fingern zerrinnt, aber wir können es nicht loslassen.»[1]
In der Folge wird deshalb zwangsläufig die Schuld für die Krise bei sich selber oder beim Partner gesucht. Dies mindert nicht nur das Selbstwertgefühl, weil man sich als unfähig im Vergleich zu anderen erlebt, sondern es kann dazu führen, daß sich beide Partner gegenseitig Vorwürfe machen. Beide sind mit der Art und Weise, in der der/die andere seine/ihre Rolle ausfüllt, unzufrieden. Beide halten um so hartnäckiger an dem idealisierten Bild der glücklichen Eltern fest – und kommen darüber zu Fall.
Dennoch gibt es heute Ansätze zur Aufhebung des Krisen-Tabus, so in einigen neueren Publikationen.[2] Da diese Veröffentlichungen aber nur selten zur echten Geburtsvorbereitungsliteratur gehören, werden sie von werdenden Eltern auch nur selten gelesen. Auch in der Fachliteratur, die sich mit Paarberatung bzw. -therapie beschäftigt, wird die Krisenanfälligkeit nach der Geburt eines Kindes nur am Rande zur Kenntnis genommen.
So handelt beispielsweise der bekannte Züricher Paartherapeut Jürg Willi das Thema in seinem Buch ‹Die Zweierbeziehung› auf einer knappen Seite ab. Allerdings gibt es auch hier Anzeichen[3], daß sich etwas ändert. Die Theorieentwicklung in den Sozialwissenschaften hinkt der realen Entwicklung eben immer einige Zeit hinterdrein. In ihrer heutigen Form ist die Beziehungskrise nach der Geburt eine neue Erscheinung, die erst in den letzten fünfzehn Jahren entstanden ist. Lebensbedingungen, Normen des Zusammenlebens, Rollenleitbilder und die Vorstellungen von Elternschaft und Erziehung haben sich seit Ende der sechziger Jahre laufend verändert und befinden sich weiter im Wandel. Der Konfliktstoff für Zweierbeziehungen nimmt parallel zu diesem Wandel zu. Verständlich, daß auch die sich nach der Geburt eines Kindes ergebenden Veränderungen heute einschneidender sind als je zuvor.
Da der gesellschaftliche Zwang zur lebenslangen Treue genauso wie ökonomische Zwänge und Notwendigkeiten immer weniger auf Paarbeziehungen einwirken, sind diese als solche instabiler geworden. Wenn die Liebe zwischen den Partnern und die gegenseitige Befriedigung emotionaler Bedürfnisse allein zur Grundlage des Zusammenlebens werden, gewinnt die Bewältigung und Verarbeitung von Konflikten und Krisen einen zentralen Stellenwert. Konflikte müssen positiv bewältigt werden, sonst ist die schmale gemeinsame Basis einer Zweierbeziehung nur allzuleicht zerstört.
Der Wandel von der Liebes- zur Elternbeziehung vollzieht sich nicht mehr automatisch und im Schutz tradierter verbindlicher Normen, sondern er erfordert, soll die Beziehung nicht darüber zerbrechen, bewußte Bemühungen, die jedoch viele Partner nicht allein und nur auf sich gestellt leisten können.
Hinzu kommt, daß eine nicht bewältigte Beziehungskrise nach der Geburt sich in der heutigen Elterngeneration sofort auswirkt. Für die Elterngeneration der frühen sechziger Jahre dagegen wurde sie erst in der Lebensmitte, also etwa im Alter von vierzig, sichtbar. Eine fünfundvierzigjährige Mutter von zwei Kindern drückte dies nach der Trennung von ihrem Mann so aus:
«Eigentlich liegt die Ursache für unsere Trennung über zwanzig Jahre zurück. Unsere Auseinanderentwicklung hat mit der Geburt begonnen. Jeder konzentrierte sich von da an auf seinen Bereich. Ich auf die Kinder – er auf seinen Beruf. Ich fühlte mich mit meinen Problemen und den Kindern von ihm allein gelassen. Zu den Kindern entwickelte er kaum eine Beziehung. Unsere Entfremdung wurde im Laufe der Jahre immer größer. Klar wurde dies aber erst, als die Kinder aus dem Haus gingen. Plötzlich hatten wir uns überhaupt nichts mehr zu sagen.»
Die heutige Spielart der Krise nach der Geburt hat also auch ihre positiven Seiten. Der Zwang zur Auseinandersetzung beinhaltet die Chance, die Probleme zu erkennen und Konsequenzen zu ziehen. Damit bleibt vielen Paaren die bittere Erfahrung erspart, zwanzig Jahre nebeneinander her gelebt zu haben.
Inwiefern gestalten sich Zweierbeziehungen heute anders als früher? Hat diese Veränderung etwas damit zu tun, daß die Umstellung auf ein Leben zu dritt heute so häufig krisenhaft verläuft?
Mit der Zunahme von Anonymität, erfahrener Sinnlosigkeit, Austauschbarkeit und Vereinzelung ist die Sehnsucht nach Liebe immer unstillbarer geworden. Da der private Bereich als Kompensations- und Reproduktionssphäre für die Versagungen der Berufswelt und als Gegengewicht gegen ein erbarmungsloses Leistungsprinzip in unserer Gesellschaft immer größere Bedeutung bekommen hat, werden Liebesbeziehungen mit emotionalen Ansprüchen überlastet.
Dies gibt den Hintergrund für den Traum von der totalen Liebesbeziehung ab, den heute fast alle Menschen in der einen oder anderen Version träumen. Bei der totalen Liebesbeziehung handelt es sich um Liebe in der reinsten Form. Sie ist ein Stadium nicht endenwollenden Verliebtseins und bringt höchste Glücksgefühle mit sich. Bei der reinen Liebe gibt es keinen Alltag, kein Leiden, keinen Haß und keine Verpflichtungen. Die Intensität der positiven Gefühle drängt alles in den Hintergrund.
Die Wirklichkeit der Zweierbeziehungen ist allerdings in vielem genau das Gegenteil des Traumbildes der reinen Liebe. Statt Intensität und Nähe herrscht die Angst vor Nähe. Sie kann viele Formen annehmen. Häufiger Partnerwechsel, Orgasmusschwierigkeiten oder der Versuch, Beziehungen möglichst unverbindlich zu gestalten, verbergen nur mühsam diese Angst. Einer oder beide Partner fürchten sich vor einer gefühlsbestimmten Beziehung. Aus Angst vor künftiger Enttäuschung lassen sie sich deshalb auf eine Beziehung nur soweit ein, daß eine Trennung sie nicht allzusehr verletzen kann.
Die Angst vor Nähe geht meist einher mit einer großen Ich-Bezogenheit, mit einer Art kindlichem Narzißmus. In der Beziehung zu seinem Partner sehnt sich der narzißtische Erwachsene nach der Geborgenheit der Mutter-Kind-Einheit zurück. Er sucht deshalb einen Partner, mit dem er verschmelzen kann. Gleichzeitig hat er aber Angst vor zuviel Nähe, weil er als Kind die Allmacht der Mutter auch als zerstörerisch kennengelernt hat. Damit befindet er sich in einem unauflösbaren Widerspruch: Einerseits ist eine Liebesbeziehung für ihn nur als totales Einswerden vorstellbar, andererseits ist er ein gebranntes Kind und muß soviel Nähe vermeiden. Totale Liebe und Näheangst sind dabei verschiedene Seiten derselben Medaille. Da der Traum die Widerspiegelung einer schlechten Wirklichkeit ist, spiegelt er auch die Deformation unserer Beziehungsverhältnisse wider. Bestimmte Bereiche (z.B. Alltag) und bestimmte Gefühle (z.B. Aggression) klammert er deshalb aus, weil deren Integration sich nicht mit reiner Liebe verträgt.
Im Gegensatz zur reinen Liebe steht die reale Liebe, wie Wolfgang Schmidbauer sie nennt.
«Reale Nähe und Liebe sind unvollkommen, bedroht, subversiv. Die Vollendung des Gefühls, nach der wir uns sehnen, erreichen wir nicht durch den Vergleich mit einem schon bekannten Idealzustand, sondern durch einen Verzicht auf alle Vergleiche, an denen wir uns festhalten können.»[1]
Wenn Schmidbauer recht hat, müßten wir zuerst unser Traumbild demontieren, damit wir uns wieder auf den realen Partner mit seinen Schwächen unter den gegebenen Alltagsbedingungen einlassen und die Vielfalt unserer Gefühle wirklich leben können. Wo immer das geschieht, haben Traumbilder sowieso ausgedient.
Der Traum von der totalen Liebesbeziehung und die Näheangst sind in ihren heutigen Ausprägungen etwas Neues. Dasselbe gilt auch für Autonomie und Abhängigkeit in Paarbeziehungen. Wirtschaftliche und soziale Abhängigkeiten haben immer mehr an Bedeutung verloren. Mann und Frau sind in der Gestaltung ihrer Beziehungen freier geworden. Viele Freiheiten, die früher nur dem Mann vorbehalten waren, haben sich Frauen nach und nach angeeignet. Abgeschlossene Berufsausbildung und ökonomische Selbständigkeit sowie die verbesserten Möglichkeiten der Empfängnisverhütung haben vor allem die Chancen eines selbständigen und selbstbestimmten Lebens für die Frauen wachsen lassen.
Für die Rollenverteilung in Zweierbeziehungen hat die neue Autonomie der Frauen vielfältige Konsequenzen mit sich gebracht. Die Forderung nach einer Teilung von Haus- und Kinderarbeit ist entstanden. Für den Mann bedeutet dies die Konfrontation mit neuen Ansprüchen und, sofern er auf die Forderungen eingeht, den Verlust eines traditionell männlichen Privilegs, frei von Haus- und Kinderpflichten zu sein. Es bedeutet aber für ihn auch die Befreiung von einer sehr viel verantwortungsschwereren Last: Er ist nicht mehr allein für die materielle Versorgung von Frau und Kindern verantwortlich. Das hat natürlich zur Folge, daß auch die Frau mit lebenslanger Berufstätigkeit rechnen muß. Ihre materielle Unabhängigkeit läßt das Konzept der lebenslangen Ehe als durch die Wirklichkeit überholt erscheinen.
Autonomie, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sind heute für viele Männer und Frauen bewußt bejahte und angestrebte Leitbilder auch in Paarbeziehungen, und denjenigen, die sich nicht an diesen Leitbildern orientieren wollen, bleibt faktisch keine Wahl mehr. Die Umstände zwingen sie dazu, ihr Leben und ihre Beziehungen «unabhängig» zu gestalten.
Frauen und Männer stellen sich in ihrer Lebensplanung heute zunehmend auf diese Tatsachen ein.
«Je häufiger Scheidungen werden, desto mehr bilden sich Lebensformen heraus, die die Möglichkeit eines späteren Alleinlebens vorgängig offenhalten. Vor diesem Hintergrund sind eine Reihe von Verhaltensweisen zu verstehen: Eltern, die auch deshalb bereit sind, der Tochter eine qualifizierte Ausbildung zu ermöglichen; Frauen, die eine möglichst durchgängige Berufstätigkeit planen; Paare, die das Zusammenleben ohne Trauschein vorziehen, den Kinderwunsch aufschieben oder ganz auf Kinder verzichten. So gesehen besteht ein komplexes Wechselverhältnis zwischen steigenden Scheidungszahlen und wachsender Selbständigkeit. Die Planung eines eigenen Lebens und der Zwang zu einem eigenen Leben: beides greift ineinander.»[1]
Hält der heutige Trend an, bewegen wir uns immer mehr auf eine Gesellschaft von Singles zu. Da man sein Leben so eingerichtet hat, daß man jederzeit auch allein leben könnte, bleibt man auch innerhalb einer Zweierbeziehung in gewisser Hinsicht ein Single. Die positive Seite dieser Entwicklung besteht darin, daß die verschiedenen Verantwortlichkeiten nicht mehr so ungleich zwischen Mann und Frau verteilt sind. Keiner ist mehr Dienstmagd (Hausfrau) bzw. Dienstknecht (Ernährer) des anderen. Materielle Motive spielen bei der Aufrechterhaltung einer Beziehung keine oder nur eine untergeordnete Rolle.
Gleichzeitig «produzieren» die neuen Leitbilder aber eine ganze Reihe innerer Widersprüche. Mit dem Schwinden materieller Abhängigkeit ist die emotionale Abhängigkeit deutlicher und klarer ins Bewußtsein gerückt und offizieller geworden. Das Erleben, Empfinden, die Gefühle, das Unbewußte – hält mit diesen Veränderungen nicht Schritt.
Emotionale Abhängigkeit kann die verschiedensten Formen annehmen. Sie wird von Männern und Frauen in unterschiedlicher Weise erlebt. Die amerikanische Publizistin Colette Dowling beschreibt dies für Frauen in ihrem Buch ‹Der Cinderella-Komplex›. Ihre Hauptthese lautet, daß Frauen Angst vor Unabhängigkeit haben. Diese Angst durchzieht ihr ganzes Leben und ist einer der Gründe, warum Frauen oftmals auch in Beziehungen ausharren, die sie nicht zufriedenstellen.
«Wir wachsen mit der Vorstellung auf, von einem Mann abhängig zu sein und uns ohne Mann nackt zu fühlen und zu fürchten. Man brachte uns bei, daß eine Frau allein in der Welt nicht bestehen kann; man sagte uns, sie sei zerbrechlich, zu zart und schutzbedürftig. Heute, in unserer aufgeklärten Zeit verlangt unser Intellekt von uns, daß wir auf eigenen Füßen stehen; aber das unbewältigte Erbe zieht uns nach unten. Während wir uns danach sehnen, ungebunden und frei zu sein, sehnen wir uns gleichzeitig danach, umsorgt zu werden.»[2]
Das Bedürfnis nach Sicherheit und die Angst vor Unabhängigkeit haben ihre Wurzeln in der geschlechtsspezifischen Erziehung. Kleine Mädchen werden von ihren Eltern stärker beschützt als Jungen. Mädchen lernen nicht in dem Maße wie Jungen zu konkurrieren und sich zu behaupten. Das Vorbild der auch heute meist noch materiell vom Vater abhängigen Mutter prägt. Frauen können als Mädchen nur selten lernen, auf ihre eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.
Ihre geschlechtsspezifische Sozialisation bewirkt, daß auch Frauen, die bewußt nach Unabhängigkeit von Männern streben, unbewußte Abhängigkeitswünsche haben. Männern gegenüber äußern sich diese nicht selten in widersprüchlichem Verhalten. Sie werden von Frauen unbewußt in die Rolle des Überlegenen, Souveränen, Sicheren, des Mackers gedrängt. Nimmt der Mann diese Rolle nicht ein, kann die Frau ihn nicht akzeptieren. Füllt er die Rolle aus, wehrt sich die Frau erbittert gegen ihre Unterdrückung und Mißachtung.
«Die meisten von uns haben noch keine echte Entscheidung über ihr Leben getroffen. Der Versuch, eine Situation aufrechtzuerhalten, in der wir weder unsere Unabhängigkeit noch Abhängigkeit aufgeben, entzieht uns Energie. Wir beschuldigen die Männer, weil sie sich nicht verändern, aber unbewußt sind wir bereit, sie hinzunehmen wie sie sind.»[3]
Um nicht in dieser Widersprüchlichkeit befangen zu bleiben, müssen Frauen sich ihre unbewußten Abhängigkeitswünsche bewußtmachen und sich Schritt für Schritt daraus befreien. Frauen, denen das noch nicht gelungen ist und die sich gleichzeitig an dem Idealbild der autonomen, selbstbewußten Frau orientieren, sind oft zwanghaft bemüht, sich autonom zu geben. Ihre zur Schau getragene, zwanghafte Autonomie kann sich unter bestimmten Bedingungen jedoch schnell wieder in Abhängigkeit verwandeln. Wenn sie diese Erfahrung öfter gemacht haben, vermeiden sie Abhängigkeitssituationen in der Folge um so nachhaltiger.
«Wie es seit eh und je Männer gibt, die sich eine Geliebte halten, halten sich heute viele Frauen den Geliebten vom Leib … Selber frustriert von schlechten Erfahrungen mit Männern, haben sie zudem im Kopf eine Mischung aus Emma und Carmen und tief im Herzen den Cinderella-Komplex, sprich: den fatalen Hang, sich trotz aller erreichten Autonomie als Aschenputtel zu fühlen, das auf Erlösung durch den Märchenprinzen wartet. Und finden keinen Mann mehr, der es ihnen recht machen kann.»[4]
Wenn Männer mit solchen Verhaltensweisen von Frauen konfrontiert werden, werden ihnen ihre eigenen, verdrängten Abhängigkeitswünsche schmerzlich bewußt, die sonst von Frauen (von der Mutter angefangen) kontinuierlich und selbstverständlich befriedigt werden. Männer können sich in emotionaler Hinsicht deswegen so autonom, unabhängig und sicher verhalten, weil sie sich darauf verlassen können, daß ihre emotionalen Bedürfnisse von Frauen immer zufriedengestellt werden. Wenn Frauen jetzt die Zuwendung verweigern, wird den Männern die Macht deutlich, die Frauen ausüben können.
Frauen haben gelernt, Männer an dem wunden Punkt ihrer emotionalen Abhängigkeit zu manipulieren. Ihre Mütter haben ihnen beigebracht, daß auch erwachsene Männer wie Kinder sind, aber nicht offen als solche behandelt werden dürfen, weil sonst ihr Selbstbewußtsein beschädigt wird.
Viele Männer packt die große Wut, wenn sie auf dieses Frauenverhalten angesprochen werden. Männer sind an diesem Punkt so zu treffen, daß es zu Gewaltausbrüchen kommen kann. Oder aber sie versuchen, Frauen ebenfalls in ihrem Selbstwertgefühl zu treffen und zu erniedrigen. Oder aber sie ziehen sich auf sich selbst zurück.
Daß Männer zuwenig Gefühle zeigen, ist ein heute gängiger Vorwurf der Frauen. Auch der Mann soll sich angreifbar zeigen. Tut er es freilich, provoziert er bei Frauen widersprüchliche Gefühle. Schließlich weiß er gar nicht mehr, wie er sich verhalten soll. Und so zieht er sich auf seine Scheinautonomie zurück.
Hier treffen sich Männer und Frauen wieder: In der zwanghaften Vermeidung von Abhängigkeitsverhältnissen begegnen sie sich als scheinbar autonome Individuen, die ihre wirklichen Sehnsüchte voreinander verbergen.
Es wird deutlich, daß unaufgearbeitete Abhängigkeitsbedürfnisse zusammen mit den neuen Leitbildern autonomer Partnerschaft eine verhängnisvolle Verbindung eingehen können. Der Psychotherapeut Jürg Willi beschreibt dies so:
«Das, was mit Unabhängigkeit und Selbstbestimmung im Bereich Familie, aber auch Arbeit und Freizeit angestrebt wird, führt oft zu Frustrationen, welche nun ihrerseits die Tendenz zum Rückzug auf sich selbst verstärken, nun allerdings nicht mehr im Sinne eines konstruktiven Entwicklungsschritts, sondern als Schutzhaltung.»[5]
Eine solche Schutzhaltung kann sich heute schon in früher Kindheit herausbilden. Da Kinder immer häufiger von Scheidungen oder Trennungen ihrer Eltern betroffen sind, kann ihre spontane Bereitschaft, Beziehungen einzugehen, schon früh beeinträchtigt werden. Das Ergebnis ist dann nicht selten «Verweigerung jeglicher Bindung und Wahrung der absoluten Autonomie»[6].
Wenn Männer und Frauen nicht in der Sackgasse zwanghafter Autonomie und Unabhängigkeit festsitzen wollen, müssen sie ihre Abhängigkeitswünsche und deren Deformation im Prozeß der Erziehung erkennen und aufarbeiten. Sie müssen akzeptieren, daß sie verletzbar und auf einander angewiesen sind, und dürfen zwanghafte Autonomie nicht mit wirklicher Autonomie verwechseln.
Traditionelle Geschlechtsrollen zeichnen sich dadurch aus, daß in ihnen die Verhaltenserwartungen an Mann und Frau in eindeutiger Weise festgelegt sind. Der Spielraum des einzelnen in der konkreten Rollengestaltung ist relativ gering. Der gesellschaftliche Druck, sich wie ein richtiger Mann bzw. wie eine richtige Frau zu verhalten, ist ziemlich groß. Abweichungen von den gesellschaftlichen vorgegebenen Rollenstereotypen werden streng sanktioniert.
Der Vorteil eines solchen Rollenkonzepts liegt darin, daß der einzelne ein hohes Maß an Verhaltenssichereit hat. Da sich Mann und Frau in abgestimmter und traditionell überlieferter Form verhalten, weiß jeder, was er vom anderen zu erwarten hat. Rechte und Pflichten sind genau festgelegt und bedürfen keiner individuellen Aushandlung. Da die Rollendefinitionen von einer Generation zur anderen nur geringem Wandel unterworfen waren, waren auch die Erziehungsnormen eindeutig und gaben den Eltern ein großes Maß an Verhaltenssicherheit in der Frage, wie Jungen und Mädchen jeweils zu erziehen waren.
Solche Rollenfestlegungen haben eine entlastende Funktion. Innerhalb der vorgegebenen Definitionen kann sich eine zwar starre, gleichzeitig aber relativ stabile (wenn auch nicht widerspruchsfreie) Identität ausbilden. Insgesamt gibt es wenig innere Zerrissenheit, da es wenig Wahlmöglichkeit gibt. Der einzelne ist nicht der enormen Anstrengung ausgesetzt, sich selbst orientieren und sinnvolles und als richtig empfundenes Verhalten mit unterschiedlichen Partnern ständig neu aushandeln zu müssen.
Die Kehrseite dieser Entlastung durch vorgegebene Rollendefinitionen ist der «Terror», der von ihnen ausgeht. Wer mit der vorgegebenen Geschlechtsidentität nicht zurechtkommt (oder nicht zurechtkommen will), wird zum Außenseiter gemacht oder zu einem Doppelleben gezwungen. In unserer Gesellschaft waren die traditionellen Geschlechtsrollen in ihren spezifischen Ausprägungen Ausdruck patriarchalischer Herrschaftsverhältnisse, die die zweitrangige Stellung der Frau unter die Herrschaft des Mannes festschrieben.
Heute haben die traditionellen Geschlechtsrollendefinitionen an Verbindlichkeit verloren, Freiheitsspielräume und Verhaltensmöglichkeiten des einzelnen sind seit Mitte der sechziger Jahre immer größer geworden. Zwar besitzen gewisse Elemente der traditionellen Rollen nach wie vor Gültigkeit, der gesellschaftliche Druck aber hat nachgelassen. Weite Bereiche, die bisher durch gesellschaftliche Verhaltenserwartungen bestimmt waren, werden der individuellen Gestaltung «anheimgestellt». Abweichendes Verhalten wird nicht mehr so streng bestraft.
Eine solche Situation produziert mit Zwangsläufigkeit ihre eigenen Widersprüche. Alte Positionen wurden aufgegeben und neue noch nicht eingenommen. Die Krise der Geschlechterrollen besteht im wesentlichen darin, daß die alten Leitbilder keine Orientierung mehr bieten, neue Leitbilder, an denen sich der einzelne orientieren könnte, sich aber noch nicht herausgebildet haben.
Die Situation wird noch dadurch kompliziert, daß die Bedürfnisse, Neigungen, Sehnsüchte, Gefühle und Empfindungen bis ins Unbewußte hinein nach wie vor zu einem bestimmten Teil von der alten Rolle geprägt sind. Dies hat mit den geschlechtsspezifischen Erziehungszielen zu tun, die zu der Zeit, als die heutigen Dreißig- bis Vierzigjährigen Kinder waren, noch weitgehend Verbindlichkeit besaßen.
Daran liegt es, daß viele Männer zwar keine unterdrückenden Chauvis mehr sein wollen, ihre anerzogenen Verhaltensweisen immer wieder zum Durchbruch kommen.
Ähnliches gilt auch für Frauen. Im Unterschied zu Männern aber sind hier bestimmte Konturen neuer Leitbilder zu erkennen. Die neue Frau definiert sich nicht mehr über Mann und Kinder, sondern über die eigene Berufstätigkeit, wenn auch nicht in der Einseitigkeit, wie wir dies von Männern kennen. Weibliche Werte werden selbstbewußt den bei uns vorherrschenden männlichen Wertorientierungen gegenübergestellt. Frauen haben das alte Klischee des rationalen Mannes und der emotionalen Frau abgelegt. Emotionalität und Rationalität müssen für sie keine Gegensätze mehr sein. Gegen die männliche Abwertung weiblicher Emotionalität setzen sie sich mit Erfolg zur Wehr und machen die Eindimensionalität männlichen Erlebens und männlicher Weltsicht deutlich. Weibliche Sexualität ist nicht mehr länger nur durch Passivität gekennzeichnet. Sexuelles Erleben von Frauen ist etwas Eigenständiges und nicht einfach die Reaktion auf die Bedürfnisse des Mannes.
Aber auch bei Frauen existiert Neues und Altes nebeneinander her und kommt sich nur allzuleicht ins Gehege. Im alltäglichen Umgang von Mann und Frau überlagern sich neue und alte Verhaltens- und Gefühlsstrukturen unentwirrbar und für die Akteure auf verzweifelte Weise undurchschaubar.
Eine offene Paarbeziehung wird nicht nur durch die verwirrende Vielfalt alter und neuer Rollen erschwert, sondern auch durch Tabus, die im Zuge der Frauenbewegung entstanden sind. Diese Tabus beziehen sich meist auf Bedürfnisse, Gefühle, Erlebensweisen, die sich mit der Vorstellung von der Gleichberechtigung der Geschlechter nicht so ohne weiteres in Übereinstimmung bringen lassen.
Nach dem Motto: daß nicht sein kann, was nicht sein darf, werden sie unter den Tisch gekehrt, sind deshalb aber nicht weniger wirksam. Bei Männern sind es all jene Antriebe, Emotionen und Verhaltensweisen, die im allgemeinen von Frauen als frauenfeindlich deklariert werden. Bei Frauen besteht die dunkle, verdrängte Seite ihrer Person aus den Empfindungen, Wünschen und Handlungen, die sich mit der Vorstellung von einer emanzipierten Frau nicht bruchlos in Einklang bringen lassen.
Manche Vorwürfe, die sich Männer und Frauen gegenseitig machen, sind nichts anderes als Projektionen eigener, uneingestandener Schwierigkeiten und Probleme. So neigen Männer wie Frauen dazu, dem anderen mehr Macht zuzuschreiben, als er/sie tatsächlich hat. Obwohl Frauen in Zweierbeziehungen heute nicht selten dominieren, erleben sie sich trotzdem als der unterlegene Teil. Obwohl Männer viele Möglichkeiten haben, in Beziehungen ihren Willen durchzusetzen, haben sie nicht selten das Gefühl, den emotional bestimmten Reaktionen von Frauen hilflos ausgeliefert zu sein.
Die Frauenbewegung hat mit der verallgemeinernden These, daß die Frau vom Mann unterdrückt wird, den Blick auf die jeweils konkreten Beziehungsverhältnisse und auf den weiblichen Anteil an der Misere getrübt. Männliche und weibliche Verhaltensweisen bedingen sich jedoch gegenseitig und können auch nur in dieser Bezogenheit aufeinander richtig begriffen und verändert werden.
Frauen und Männer haben immer häufiger das Gefühl, zwischen ihren Anprüchen und tatsächlichen Möglichkeiten zerrissen zu sein. In Paarbeziehungen muß auf Grund der Ungeklärtheit der Situation ständig neu ausgehandelt werden, was in gegenseitigem Einvernehmen als verbindlich angesehen werden kann. Ohne ständige Diskussion, Auseinandersetzung, Kompromiß- und Veränderungsbereitschaft läuft nichts mehr. Funktioniert die Kommunikation nicht mehr, landet die Beziehung schnell in irgendeiner Sackgasse. Beziehungssackgassen gibt es viele: Geschlechterkrieg, Rückzug auf sich selbst, Rückkehr zu alten Rollenverteilungen und anderes mehr.
Obwohl die Gefahr des Scheiterns einer Beziehung an dem permanenten Aushandeln des richtigen Mann–Frau–Verhältnisses groß ist, liegt darin aber gleichzeitig auch eine enorme Chance. Indem der Terror der verbindlichen Geschlechtsrollen wegfällt, kann die Persönlichkeit des einzelnen mehr in den Vordergrund rücken. Jeder ist nicht nur Mann oder Frau, ein Geschlechtswesen, sondern zuallererst ein unverwechselbares Individuum. Eine solche Wahrnehmung des anderen setzt allerdings voraus, daß das Durcheinander alter und neuer Rollen-«Leitbilder» nicht mehr so unentwirrbar den Beziehungsalltag bestimmt, wie dies heute noch meist der Fall ist.
Der Traum von der totalen Liebesbeziehung, Autonomiestreben, der Anspruch auf individuelle Selbstverwirklichung und die Versuche der Überwindung traditioneller Geschlechtsrollen lassen sich mit dem Zusammenleben mit Kindern nicht so ohne weiteres in Einklang bringen.
Solange ein Paar nur zu zweit lebt, können Alltagszwänge in den Hintergrund gedrängt werden. Die Liebe zueinander kann das Leben uneingeschränkt bestimmen. Wenn jedoch Kinder da sind, wird die Bewältigung des Alltags zu einer zentralen Aufgabe innerhalb einer Paarbeziehung. Kinder bestimmen mit ihren Bedürfnissen den Alltag der Eltern. «Spontane» Wünsche der Eltern können nicht spontan erfüllt werden; alles muß organisiert werden. Ungestörtheit zu zweit gibt es bei Kleinkindern oft nicht einmal abends und nachts. Selbst die sexuelle Liebe muß sich nach einem Zeitplan richten. Immer sind die Bedürfnisse eines Dritten zu berücksichtigen.
Ähnlich verhält es sich mit den Wünschen nach Autonomie und individueller Selbstverwirklichung. Auch hier sind die Grenzen schmerzlich spürbar. Neue Formen der Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau müssen gefunden werden, wenn nicht ein Partner in materielle Abhängigkeit von dem anderen geraten will. Dennoch gewähren auch neu und anders gestaltete Vater- und Mutterrollen nur eine relative Autonomie. Schwierig zu lösen ist das Problem der Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Kinderbetreuung. Der Kompromiß gestaltet sich meist unbefriedigend, weil die Teilzeitarbeit für Mann und Frau nicht in allen Berufen zu verwirklichen ist. Ein Elternurlaub[*] läßt immer noch auf sich warten. Mann und Frau müssen also in ihren Berufserwartungen und Karrierechancen zurückstecken.
Auch der individuellen Selbstverwirklichung sind spürbare Grenzen gesetzt. Die gemeinsame Verantwortung für das Kind bremst eigene Aktivitäten. Die eigene freie Zeit reduziert sich gewaltig und läßt sich nur zu Lasten des Partners ausdehnen. Steht in einer Zweierbeziehung ohne Kind ausreichend Zeit für die Zweisamkeit und für die eigenen, individuellen Bedürfnisse zur Verfügung, so hat man mit Kindern – wenn überhaupt – allenfalls noch Zeit für den Partner oder für sich selbst.
Wenn die eigene Entwicklung und die Befriedigung eigener Bedürfnisse im Vordergrund steht, bedeutet das Kinderhaben eine massive Einschränkung. Ausgeprägtes Autonomiestreben kann dazu führen, daß Paare sich nicht auf eine gemeinsame Zukunft festlegen wollen. Alles muß offenbleiben. Es ist ihnen unmöglich, sich innerlich für einen bestimmten Beziehungspartner als Lebenspartner zu entscheiden. Trotz des Bedürfnisses nach Sicherheit und Zuhause scheint es unvorstellbar, Treue in irgendeiner Form konkret zu leben. Ansprüche, Erfahrungen und Ängste wehren sich gegen die Verpflichtung auf Dauerhaftigkeit einer Beziehung. Das muß nicht bedeuten, daß die realen Beziehungen nur von kurzer Dauer sind. Aber viele Paare brauchen, wenn sie sich nicht eingesperrt, eingezwängt und ihrer Freiheit beraubt erleben möchten, die Offenheit der Beziehungssituation.
Die Beziehungsleitbilder von Autonomie und individueller Selbstverwirklichung setzen eine gewisse Ich-Zentriertheit voraus. Alles oder jedenfalls vieles wird daran gemessen, was es für den einzelnen bringt und seine individuelle Entwicklung.
Männer und Frauen erleben diese Situation allerdings unterschiedlich. Das Bedürfnis nach einem unabhängigen Leben äußert sich bei Frauen selten so ausschließlich. Die Kluft zwischen einem Leben für andere und einem Leben für sich selbst ist für Frauen zwar spürbar, aber selten so unüberwindlich. Auf Grund ihrer Sozialisation ist Autonomie etwas, was mit Gemeinschaft und Verantwortung-für-andere-Übernehmen nicht so grundsätzlich unvereinbar erscheint, wie das im Denken und Empfinden von Männern oftmals zum Ausdruck kommt.
Die Kehrseite der Medaille besteht für Frauen allerdings darin, daß sie über das Kinderkriegen sehr viel leichter in Abhängigkeitsverhältnisse hineingeraten als Männer. Es fällt ihnen schwerer, sich gegenüber den Ansprüchen abzugrenzen, die sich aus dem Zusammenleben mit Kindern ergeben. Während Männer auch im Zusammenleben mit Kindern nicht so leicht in Gefahr geraten, ihre eigenen Bedürfnisse aufzugeben. Dabei kann sich – zunächst meist unbemerkt – im Laufe der Zeit herausstellen, daß der Mann seinen Autonomiespielraum auf Kosten der Frau behauptet.
Kein Wunder, wenn viele Frauen ihren Kinderwunsch erst einmal aufschieben und manche keine Kinder haben möchten. Gerade Frauen müssen auf Grund tradierter Rollenzuweisungen um so mehr auf ihre Unabhängigkeit bedacht sein. Dies zeigt sich auch darin, daß Heiraten von Frauen heute oft mit mehr Entschiedenheit abgelehnt wird als von Männern. Sie haben den Eindruck, daß sie in nichtehelichen Beziehungen nicht so leicht in ihre alte Rolle gedrängt werden können.
Je offener eine Zweierbeziehung gestaltet wird, desto größer ist im allgemeinen der individuelle Freiheitsspielraum des einzelnen. Gleichzeitig bedarf es größerer Anstrengung, die Beziehung aufrechtzuerhalten.
Daß es keine verbindlichen Männer- und Frauenrollen mehr gibt, schafft zwar neue Chancen und Freiheiten. Wenn sich Mann und Frau aber in das Durcheinander alter und neuer Rollenklischees verstricken, kann der daraus folgende Geschlechterkrieg leicht die emotionale Basis zwischen den Partnern zerstören.
Eine Paarbeziehung unter diesen Bedingungen über längere Zeit aufrecht- und lebendig zu erhalten, erfordert einen enormen Einsatz an psychischer Energie und Zeit. Eine ständige Bereitschaft zur Auseinandersetzung muß dasein. Das Gespräch darf nie abreißen. Zuviel muß ständig ausgehandelt, geklärt, vereinbart und bedacht werden. Da viele Paare auf diesen Zwang schon mit Stresssymptomen reagieren, flüchten sich nicht wenige in alle möglichen Aktivitäten. Mit der Reduzierung der gemeinsam verbrachten Zeit oder mit getrennten Wohnungen lassen sich viele Konflikte scheinbar vermeiden. In Wirklichkeit aber läßt sich so eine Beziehung häufig nicht auf Dauer erhalten.
Um nicht mißverstanden zu werden: Ich will hier nicht in billiger Weise gegen gängige Leitbilder des Zusammenlebens polemisieren. Nur: in die hier skizzierte Beziehungswelt lassen sich Kinder entweder gar nicht einfügen oder sie erfordern ein radikales Umdenken. Zweierbeziehungen zeichnen sich heute durch Instabilität und Überlastung mit Ansprüchen und Erwartungen aus und sind deshalb nur aufrechtzuerhalten, wenn sie kinderlos bleiben, denn Kinder fordern dauerhafte, verläßliche Beziehungen.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Während früher Kinder untrennbarer Bestandteil einer Mann-Frau-Beziehung waren und die gemeinsame Sorge um den Nachwuchs ein konstitutives Moment jeder Ehebeziehung darstellte, sind heute Kinder zum gemeinsamen Glück nicht mehr in jedem Falle erforderlich. Manche Paare erleben sie sogar als ausgesprochen hinderlich für das gemeinsame Glück. Ihr Ideal ist die reine Liebesbeziehung.
Das Zusammenleben mit Kindern hat seine Selbstverständlichkeit verloren. Weil es nicht mehr integrierter Bestandteil einer Paarbeziehung ist, sondern etwas Zusätzliches und die vorhandenen Strukturen in Frage Stellendes, bedarf es zusätzlicher Anstrengungen, um dennoch den Ansprüchen an Zweierbeziehungen zu genügen. Sonst kann die Geburt eines Kindes unter Umständen das Ende einer Beziehung bedeuten.
Eltern-Sein gestaltet sich heute in vielfacher Hinsicht anders als noch vor 30 Jahren. So hat es nicht nur in den Motiven und Interessen, die hinter dem Kinderwunsch stehen, Akzentverschiebungen und Umgewichtungen gegeben, sondern gleichzeitig haben sich auch die Erziehungsvorstellungen gewaltig gewandelt.
Der alltägliche Umgang mit Kindern wird heute anders erlebt als früher. Dies spiegelt sich schon darin wider, daß sich für die belastenden Momente im Umgang mit Kindern der Begriff Kinderarbeit eingebürgert hat.
In den folgenden drei Abschnitten soll dargestellt werden, was für das Eltern-Sein in den achtziger Jahren charakteristisch ist. Dies geschieht mit der Absicht, herauszufinden, ob es einen Zusammenhang zwischen der heutigen Gestaltung von Elternschaft und der Krise der Zweierbeziehung nach der Geburt gibt.
