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· „Dieses Buch ist ein Werkzeug für all jene, die nicht nur beobachten wollen, wie Schule stresst, sondern die etwas dagegen tun möchten. Für sich, für ihr Kind – und für ein gelasseneres Miteinander im Schulalltag.“ Bob Blume im Vorwort
· Schulstress bei Kindern erkennen und verstehen – emotionale, körperliche und mentale Warnsignale frühzeitig einordnen
· Kinder stärken statt antreiben – mit konkreten Strategien für Entlastung, Motivation und Selbstvertrauen
So kommt dein Kind gut durch die Schule
Leistungsdruck, volle Stundenpläne, Erwartungen von außen – Schule ist für viele Kinder längst kein neutraler Lernort mehr, sondern eine dauerhafte Stressquelle. In „Wenn Schule stresst“ zeigt Matthias Zeitler, wie sich schulischer Stress bei Kindern äußert, warum er ernst genommen werden sollte und was du konkret tun kannst, um dein Kind wirksam zu entlasten.
Der Ratgeber erklärt verständlich, wie Stress entsteht, welche Rolle Noten, Vergleich, Zeitdruck und emotionale Überforderung spielen und warum manche Kinder besonders sensibel reagieren. Anhand typischer Alltagssituationen wird deutlich, dass Schulstress nicht nur schlechte Laune bedeutet, sondern sich auch in Bauchschmerzen, Schlafproblemen, Rückzug, Angst oder Leistungsabfall zeigen kann. Matthias Zeitler zeigt dir, wie du Belastungen erkennst, die Warnsignale deines Kindes richtig deutest und schädlichen Druck aus Schule, Medien und Familie abfängst.
Ganz praktische Tipps helfen dir, Erwartungen zu hinterfragen, Vergleiche zu vermeiden und deine Rolle als Unterstützer neu zu definieren. Das Buch gibt dir konkrete Impulse, Reflexionsfragen und alltagstaugliche Strategien an die Hand, um Druck aus eurem Familienalltag zu nehmen und neue Handlungsspielräume zu eröffnen – auch im Austausch mit Schule und Lehrkräften. Mit an Bord: Die besten Strategien zu Stressbewältigung, Selbstwert und Resilienz.
„Wenn Schule stresst“ richtet sich an Eltern von Grundschul- und weiterführenden Schulkindern, die merken, dass Schule zur Belastung geworden ist. Der Ratgeber stellt das emotionale Wohlbefinden deines Kindes in den Mittelpunkt und zeigt, wie Lernen wieder in einem gesunden, tragfähigen Rahmen stattfinden kann.
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Seitenzahl: 288
Veröffentlichungsjahr: 2026
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VORWORT VON BOB BLUME
WILLKOMMEN IN DER WELT DEINES KINDES
Dein Kind als Teil der Leistungsgesellschaft
Dein Kind als Opfer der Leistungsgesellschaft?
WAS DEIN KIND BELASTET: DRUCK VON ALLEN SEITEN
Druck von Gesellschaft und Medien
Druck von Lehrkräften und Schule
Druck von der Familie
Wie du den Druck mildern kannst
WENN DER DRUCK ZU VIEL WIRD: ALARMSIGNALE BEI DEINEM KIND
Körperliche Symptome: Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Co.
Psychische Symptome: Angst, Essstörungen und Co.
Entlastung durch Nachteilsausgleich in der Schule
WIE DU DEN DRUCK RAUS NIMMST: DEINE UNTERSTÜTZUNG FÜR DEIN KIND
Hinterfrage deine Erwartungen und Ziele
Vermeide Vergleiche mit Geschwistern und im Freundeskreis
Stärke und unterstütze dein Kind
Fünf Gamechanger für dich und dein Kind
DIE BESTEN STRATEGIEN IM UMGANG MIT LEISTUNGSDRUCK
Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen stärken
Selbstreguliertes Lernen und Teilhabe
Lernstrategien und Zeitmanagement
Techniken zur Stressbewältigung und für mehr Resilienz
Soziale Kontakte und Hobbys
Kommunikation auf Augenhöhe
SCHLUSSWORT
EMPFEHLUNGEN UND LINKS
Bücher
Podcasts
Webseiten
Apps
Instagramkanäle
DANKSAGUNG
QUELLEN
Während einer Medien-AG, die ich leitete, sprach ich mit den teilnehmenden Kindern darüber, dass jedes fünfe Kind psychisch belastet sei. Eine Schülerin war überrascht. Nicht etwa, weil es so viele sind. Sondern so wenige. „Ich kenne keine Schülerinnen in meinem Umfeld, die nicht irgendwie gestresst sind”, meinte sie. Das gab - und gibt - mir zu denken. Aber es ist wahr: Wir leben in stürmischen Zeiten. Technische Entwicklungen, weltweite Krisen und nicht zuletzt ein von vielen Pflichten durchzogener Alltag. Als Eltern wissen wir, welch große Rolle die Schule dabei spielt. Aber unsere Sicht ist stark geprägt von der Zeit, als wir selbst in die Schule gegangen sind. Und, so trivial es klingt, die Zeiten haben sich geändert. Es strömt so viel auf Kinder und Jugendliche ein, was vor einigen Jahren noch gar keine Rolle spielte, sodass es wenig hilft, wenn wir uns darauf beziehen, was wir selbst erlebt haben. Leistungsdruck, Prüfungsangst, ständige Vergleichbarkeit: Was früher nur Einzelne betroffen hat, ist heute ein flächendeckendes Phänomen. Unsere Kinder wachsen in einer Welt auf, in der sie sich zu jeder Zeit mit anderen vergleichen können. Und die gesellschaftlichen Ansprüche werden nicht weniger. Was weniger wird, ist nur die Unterstützung. Für viele bedeutet Schule dadurch nicht mehr Bildung, sondern mehr Belastung.
Das heißt nicht dass wir als Eltern hilflos danebenstehen müssen. Im Gegenteil: Wenn wir die Perspektive verändern unseren Kindern zuhören, auf Augenhöhe sprechen und ihnen zur Seite stehen, können wir vieles auffangen. Dafür ist es wichtig, Verständnis zu haben. Denn eines ist klar: Erst wenn wir verstehen, wo der Stress beginnt, welche Ursachen er hat, welche Rolle Schule, Familie, aber auch gesellschaftliche Erwartungen spielen – erst dann können wir wirksam unterstützen. Das bedeutet nicht, dass wir sofort die richtige Lösung haben müssen. Dafür sind unsere Kinder zu verschieden. Es bedeutet, Verständnis zu entwickeln. Und genau dazu lädt dieses Buch ein.
Es bietet Hilfe zur Selbsthilfe – mit konkreten Beispielen, hilfreichen Empfehlungen und verständlichen Erklärungen, die Matthias Zeitler als Lehrer sammeln konnte. Es zeigt Wege auf, wie wir unsere Kinder stärken können, um sie nicht noch mehr zu überfordern. Und es weist darauf hin, wie wir mit ihnen gemeinsam Strategien gegen Druck, Angst oder Überforderung entwickeln – und ihnen dabei helfen, Selbstvertrauen, Resilienz und Freude am Lernen wiederzuentdecken. Nicht alles auf einmal. Aber nach und nach.
Denn das, was unsere Kinder brauchen, sind nicht perfekte Noten und Abschlüsse, sondern Menschen an ihrer Seite, die sie ernst nehmen, sie begleiten und ihnen zutrauen, mit Unterstützung selbst Lösungen zu finden.
In diesem Sinne ist dieses Buch ein Werkzeug für all jene, die nicht nur beobachten wollen, wie Schule stresst, sondern die etwas dagegen tun möchten. Für sich, für ihr Kind – und für ein gelasseneres Miteinander im Schulalltag.
Viel Kraf – und viel Zuversicht – beim Lesen und Umsetzen!
Bob Blume
Drei Sandsteintreppen führen zu einer großen, gebogenen Tür, die nur mit viel Kraf zu öffnen ist. Diese Tür soll meine Tochter nun täglich selbst aufstemmen. Hat sie das geschaff, führen ein paar weitere Treppen hoch in eine Art kleine Aula. Es ist kühl, die halbhoch gekachelten Wände und der Fliesenboden machen es nicht gerade gemütlicher. Gut geheizte Räume wurden in solchen Gebäuden schon zu meiner Schulzeit überbewertet. An den Wänden vor und in den Klassenzimmern sehe ich bunte Plakate und Bilder. Die Lehrkräfe geben sich Mühe, diesem Ort etwas Wohlfühlatmosphäre abzugewinnen und ihm Leben einzuhauchen. Ohne sie könnte dieses Gebäude genauso gut ein Krankenhaus sein und keine Grundschule. Mein Blick wandert zur Treppe, die zu weiteren Klassenräumen führt. Aber so weit komme ich gar nicht. Meine Tochter unterbricht jubelnd meine kritische Inspektion. „Papa, ich freu mich so auf die Schule!”
Die Freude meiner großen Tochter, in die 1. Klasse zu kommen, kennt keine Grenzen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mich als Kind dermaßen gefreut habe. Ich drücke sie fest und bin natürlich stolz wie Bolle - wer auch immer das ist. Gleichzeitig weiß ich dass diese Lust an Schule irgendwann verloren geht. Ich kann bloß noch nicht sagen, wann. Nur, dass sie definitiv bei meinen Schülerinnen und Schülern in der Sekundarstufe kaum bis gar nicht mehr selbstverständlich ist. Wann fällt die Freude zu lernen dem Schulsystem zum Opfer? Es bleibt abzuwarten.
Knapp zwei Jahre später: Meine Tochter kommt am Ende der 2. Klasse mit ihrem Zeugnis nach Hause. Sie ist richtig stolz und wir als Eltern mit ihr. Ich frage sie: „Na, willst du nicht deine Großeltern anrufen?” Sie guckt mich an und entgegnet schlagfertig: „Nö, ich weiß, was ich gut kann und was ich besser machen kann. Darüber habe ich mit meinem Lehrer gesprochen. Was soll das bringen, Oma und Opa anzurufen? Ich bin niemandem Rechenschaf schuldig. Wenn du die Omas und Opas anrufen willst, mach du’s doch. Ich habe jetzt Ferien!” Mit diesen Worten dreht sie sich um und spielt im Garten. Ich bin perplex, aber sie hat Recht. Als Kind rief ich die Großeltern auch nur an, weil man das so machte. Man war stolz auf die Leistung. Meine Tochter ist aber offensichtlich stolz auf sich und ich bin es auf ihr Selbstbewusstsein. Wann fällt dieses Selbstbewusstsein dem Schulsystem zum Opfer? Gemeinsam mit der Lust zu lernen?
Heute kenne ich die Antwort auf diese Fragen. Beides passiert in der 3. Klasse – spätestens. Auf einmal gibt es in allen Fächern Noten, es werden mehr Arbeiten geschrieben, und gleich zu Beginn des Schuljahres denken manche Lehrkräfe, man müsse jetzt schon auf die weiterführende Schule, am besten auf das Gymnasium, vorbereiten. In Klasse drei! (Fairerweise muss man sagen, dass das System den Lehr-kräfen selbst in dieser Hinsicht gehörig Druck macht.) Aus intrinsisch motivierten Kindern werden innerhalb weniger Wochen Schülerinnen und Schüler, die weinend am Küchentisch sitzen. Sie glauben, das alles nicht mehr zu schaffen. Das Pensum ist auf einmal zu viel, es geht zu schnell, sie können nicht mehr selbstbestimmt lernen und ständig werden sie mit anderen Kindern verglichen. Ein Vergleich, der von vornherein hinkt. Alle Kinder sind unterschiedlich motiviert und haben auch zu Hause unterschiedliche Lernvoraussetzungen. Viele Kinder bekommen das auch schon früher deutlich zu spüren.
Die Welt deines Kindes ist die einer Leistungsgesellschaf. Vielleicht würdest du mir da im ersten Augenblick sogar zustimmen. Deine Tochter oder dein Sohn lebt nicht nur in ihr, unsere Kinder sind Teil davon. Aber lass uns mal gucken, ob wir tatsächlich noch eine Leistungsgesellschaf sind, wie viele sie vielleicht im Kopf haben. Sicherlich ist das schon lange so, aber spätestens mit der ersten PISA-Studie wurde der Druck an Schulen noch größer. In einer Folge meines Podcasts „Schule Backstage!” erklärt mir der Bildungsforscher Aladin El-Mafaalani den ungewollten Effekt von PISA. Die Intention war, dass es den benachteiligten Kindern dadurch besser gehen soll. Es ging ihnen danach aber schlechter. Niemand wollte mehr sein Kind auf die Hauptschule schicken, und die Jugendlichen, die diese Schulform besuchen, haben es jetzt noch schwerer.
Unsere Gesellschaf misst Erfolg vermehrt in Zahlen: Noten, Rankings, Statistiken. Unsere Kinder wachsen mit der Erwartung auf, ständig Höchstleistungen erbringen zu müssen – sei es in der Schule, beim Sport oder während ihrer Freizeitaktivitäten. Auch in der Grundschule spüren sie den Druck, „gut genug” sein zu müssen, um spätere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu wahren. Was „gut genug” heißt und wofür man „gut genug” sein muss, wird in diesem Buch noch zu klären sein. Doch dieser Fokus auf messbare Erfolge erzeugt nicht nur Druck, sondern lässt auch wenig Raum für Kreativität, Fehler und persönliche Entwicklung. Leistung ist für viele nur das, was man am Ende in Zahlen messen kann. Stimmen diese mit der Norm und der Erwartung überein oder übertreffen diese, werden sie belohnt. Aber es lässt sich daran zweifeln, ob dieses Leistungsprinzip wirklich dazu beiträgt, besser zu lernen, Kompetenzen und Anstrengung fair einzuschätzen und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.1
Natürlich gibt es auch Schulformen, in denen Noten erst mal eine untergeordnete Rolle spielen und man stattdessen auf Wortbeurteilungen setzt. Ofmals kommen sie aber Richtung Abschluss dann doch ins Spiel oder Jugendliche werden in Bewerbungen gefragt, was das denn nun „in Noten heißt”. Der Leistungsdruck ist demnach da, mit oder ohne Ziffer.
Die deutsche Gesellschaf sieht sich selbst gerne als Leistungsgesellschaf, auch wenn wir das meiner Ansicht nach nicht mehr sind. Dazu haben wir mit jährlich über 50.000 Schulabgängerinnen und Schulabgängern ohne Abschluss zu viele Jugendliche, die durch das Raster fallen. Um das zu verhindern, investieren Eltern in Nachhilfe, zumindest die, die es sich leisten können. Ich hoffe, du sitzt gut, wenn ich dir jetzt mal einige Zahlen nenne: Um das aufzufangen, was Schule nicht mehr leisten kann, nehmen Erziehungsberechtigte jährlich fast 900 Millionen Euro in die Hand, bei 1,2 Millionen Nachhilfeschülerinnen und -schülern. Pro Monat sind das im Schnitt 87 Euro, die Eltern für außerschulische Fördermaßnahmen ausgeben.2 Andere Studien sprechen sogar von 1,5 Milliarden Euro, die deutsche Eltern für Nachhilfe ausgeben.3 Wahrscheinlich liegt der Wert sogar noch deutlich darüber. Denn erfasst werden nur die offziellen Zahlen, und nicht die Nachhilfestunden, die an der Steuer vorbei bar gezahlt werden.
Im „SWR1 Leute”-Interview erklärte Aladin El-Mafaalani im Mai 2025, dass in den letzten zehn Jahren mehr Jugendliche ein Studium beginnen als eine duale Ausbildung.4 Wie ist das zu bewerten? Uns muss Folgendes bewusst sein: Wenn wir die Bildungschancen für alle Kinder und Jugendlichen verdoppeln, also sowohl für die Kinder aus prekären Lagen als auch für die aus Akademiker-Haushalten, verdoppeln sich auch die Unterschiede zwischen beiden.5 Das heißt, wir haben mehr Studienplätze geschaffen, als wir gesellschaftlich bräuchten. Denn uns fehlen immer mehr Fachkräfe im Mittelstand und im Handwerk. Man kann also anhand der Entwicklung sehen, dass wir Leistung bewundern und als solche definieren, wenn ein akademischer Weg dahintersteckt. Gleichzeitig verkennen wir die Leistung im Handwerk und in Dienstleistungsberufen.
Das Leistungsprinzip suggeriert, nur höher, schneller, weiter sei das Ziel; und das erzeugt Druck. Erfolg und Teilhabe hängen also vom Beitrag zum Fortschritt der Gesellschaf und vom Geldbeutel ab, obwohl Herkunf und Privilegien eigentlich keine Rolle spielen sollten.6 Ich benutze hier bewusst den Konjunktiv. Schule ist eine Leistungsschule, die eine klare Währung hat: Noten, gedruckt auf Zeugnisse, die wiederum die Eintrittskarten für Berufe oder andere schulische Institutionen sind. Das Leistungsprinzip mit all den Vergleichen und dem Wettbewerb ist keine Erfindung der Neuzeit. Schon im 17. Jahrhundert wetteiferten Kinder in den Schulen der Jesuiten gegeneinander. In Prüfungen und Wettkämpfen sollen sie sich als Konkurrentinnen und Konkurrenten sehen. Es ging um den ständigen Wechsel von Positionen und Privilegien. Nach dem Sieg wurde der nächste Wettkampf vorbereitet.7
Die Wissenschaftler Aladin El-Mafaalani, Sebastian Kurtenbach und Klaus-Peter Strohmeier stellen in ihrer Arbeit fest, dass Kinder und ihre Eltern einerseits eine Minderheit in der Gesellschaf darstellen. Gleichzeitig sind Familien die Fabriken, deren Produkt Menschen sind, die für die Wirtschaf vorbereitet werden sollen.8 Eine Erziehung für das Leistungssystem. Du als Elternteil bist laut Sozialstaatstheorie dafür zuständig, dein Kind u.a. mit Selbstvertrauen, Gesundheit, Partizipationsbereitschaf und Lernfreude auszustatten. Das sogenannte „Humanvermögen”. So soll deine Tochter oder dein Sohn ein möglichst hohes Humankapital aufbauen. Damit sind alle Fähigkeiten für einen Beruf und die damit verbundenen Abschlüsse gemeint.9
Schon allein an den beiden Human-Begrifflichkeiten, die auch in der Bundespolitik häufig fallen, wird deutlich, als was Kinder gesehen werden: Sie sind das Kapital des Landes. Sie sind die Zukunf und sollen hauptsächlich ft für die Wirtschaf gemacht werden. Hier kommt das größte gesellschaftliche Paradoxon ins Spiel: Wohl wissend, dass Kinder und Jugendliche unsere Zukunf sind, dass sie eine Minderheit sind, auf die es aber ankommt, gehen wir, wie ich finde, wahnsinnig schlecht mit ihnen um. In politischen Diskussionen spielen sie und ihre Bildung kaum eine Rolle.
Nebenbei bemerkt, habe ich mir 2025 alle großen Wahldiskussionen der Spitzenkandidaten angeschaut und die Zeit gestoppt. Über Bildung wurde insgesamt unter zehn Minuten gesprochen. Gleichzeitig setzen wir Kinder und Jugendliche aber unter Druck. Mehr oder weniger unterbewusst kommt bei ihnen an: „Ich soll Leistung für die Zukunf des Landes erbringen, aber wie es mir dabei geht, ist der Gesellschaf eigentlich egal, weil ich zu einer Minderheit gehöre.”
Sie bekommen mit, dass wir Erwachsenen, die sonst vorgeben, einen Plan für alles zu haben, keine Lösungen mehr anbieten können. Ihnen brechen Sicherheit und Orientierung weg. Zudem sind Schulen mit Migration, Bildungsungleichheit, Heterogenität und Lehrermangel überfordert. Auffangen sollst du das als Mutter oder Vater. Aber bitte gehe dabei auch deinem Beruf nach.
Klaus Peter Strohmeier, Soziologe
„Für ihre Eltern stellen Kinder ein alltägliches Handicap in einer funktional differenzierten, strukturell rücksichtslosen Welt dar, in der es weder Orte noch Zeit für Kinder gibt und in der ihre spezifschen Bedürfnisse unbeachtet bleiben.”10
Für Kinder und Jugendliche fühlt sich die Welt of chaotisch und nicht mehr in Ordnung an. Das erzeugt nicht nur für sie selbst, sondern natürlich auch für dich, Stress, der einen signifkanten Einfluss auf euer Familienleben und eure Eltern-Kind-Beziehung hat.11
Es macht sich das Gefühl breit, dass in Bildungsland Deutschland psychische Belastungen und Depressionen Hochkonjunktur haben, eine Art „Mental-Health-Pandemie”. Dieses Gefühl belegen mehrere Studien. Das Schulbarometer der Robert Bosch Stifung bestätigt, dass 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland psychische Auffälligkeiten zeigen. Die Gründe dafür liegen u.a. im Leistungsdruck.12 Psychische Belastungen und Erkrankungen sind längst keine Randerscheinungen mehr. Vor allem in der Schule wird sichtbar, wenn Kinder und Jugendliche betroffen sind. Denn dort kommen alle zusammen. Verhaltensauffälligkeiten, Konzentrations- und Motivationsprobleme, Niedergeschlagenheit oder Schulabsentismus (entschuldigtes und unentschuldigtes, stundenweises bis tageweises Fehlen oder generelle Schulverweigerung) können von Lehrkräfen immer häufiger beobachtet werden.13 Der BiPsy-Monitor der Universität Leipzig macht deutlich, dass Schülerinnen und Schüler neben dem Leistungsdruck auch hauptsächlich aufgrund von Prüfungsängsten und Überforderungen in therapeutischer Behandlung sind. Zusätzlich sind familiäre Konflikte ein weiterer Belastungsfaktor.14
Deine Tochter oder dein Sohn soll nun also in der Schule Leistung erbringen, obwohl dein Kind deutlich spürt: Eigentlich ist hier gar nichts in Ordnung.
Das Bildungssystem verlässt sich darauf, dass du Lerndefzite und Stressoren irgendwie auffängst. Das ist rein zeitlich eine Meisterleistung. Denn schon Grundschulkinder verbringen durchschnittlich 30 Stunden pro Woche in der Schule und mit schulischen Aufgaben. Bei Jugendlichen ab der 9. Klasse sind es im Schnitt 45 Stunden. Auf der anderen Seite verbringen Kinder im Durchschnitt nur 18 Wochenstunden in der Familie selbst.15 Zudem sind die meisten Erwachsenen nach acht Stunden fertig mit ihrer Arbeit. Kinder und Jugendliche aber nicht. Sie müssen noch weiter lernen und üben. Deshalb darf es uns einfach nicht egal sein, wie es Kindern in der Schule geht und wie sie sich dort fühlen. Das fragt nur niemand, weil Schule leistungsorientiert und nicht emotions- oder gesundheitsorientiert ist.
Doch nun genug der Schwarzmalerei. Wir können das Bildungssystem jetzt, hier und heute nicht neu erfinden. Dieses Buch soll dir aber helfen, dein Kind oder deinen Teenie in diesen rund 18 Stunden bestmöglich zu unterstützen. Es soll dir aufzeigen, was du konkret tun kannst, um Stressoren zu erkennen, Lernfreude zu fördern und ohne Druck auf diese Leistungsgesellschaf vorzubereiten.
Denn eines sei vorweggenommen: Ich bin nicht gegen Leistung, aber ich glaube, wir brauchen einen neuen, anderen Blick auf Leistung. Wir müssen auch neu definieren, was Leistung eigentlich ist, und begreifen, dass Leistung nicht durch Druck entsteht, sondern durch Begeisterung.
Deshalb lass uns einmal gemeinsam die Perspektive deines Kindes einnehmen und darauf gucken, wie unsere Leistungsgesellschaf tickt und von welchen Seiten der Druck kommt.
Das Wichtigste in Kürze
• In unseren Schulen geht es primär um Wettbewerb. Und das schon seit dem 17. Jahrhundert.
• Unsere Leistungsgesellschaft feiert Zertifkate, Noten und den gegenseitigen Vergleich.
• Dein Kind soll ft für die Wirtschaft gemacht werden, in einer Zeit, in der die Welt chaotisch ist, Schulen überfordert sind und selbst Erwachsene keine Lösungen haben.
• Kinder und Jugendliche sind eine Minderheit ohne Schutz, die zwar unsere Zukunft sind, mit der wir aber schlecht umgehen.
• Über 50.000 Schulabgänger im Jahr haben keinen Abschluss.
• Eltern versuchen, Defzite in der Schule mit durchschnittlich 1,2 Millionen Euro für Nachhilfe abzufangen.
• Kinder und Jugendliche verbringen oft doppelt so viel Zeit in der Woche in der Schule wie mit der Familie.
• Leistungsdruck und familiäre Konfikte führen bei jedem fünften Schulkind zu psychischen Auffälligkeiten, Über-forderungen und Prüfungsängsten.
Oft tappen Eltern im Dunkeln. Du siehst immer nur die Spitze des Eisbergs, die Eskalation deines Kindes. Da kommt jemand nach Hause, wirft seinen Ranzen wütend in die Ecke und schreit dich an. Nun versuchst du herauszufinden, was eigentlich der Grund dieses Wutausbruches ist. Warum scheint gerade alles zu viel zu sein? Lass uns tiefer eintauchen und nach den Ursachen der Eskalationen suchen.
Kein Elternteil sieht gerne, wie das eigene Kind unter Druck steht. Es ist beklemmend, weil wir nicht wirklich wissen, was wir dagegen tun sollen. Wir bekämpfen das Symptom, aber die Ursache herauszufinden und zu beachten, fällt of schwer, weil alle in ihrem Alltagstrott gefangen sind. Gerade im Kontext Schule und Leistung scheint wenig Spielraum zu sein. Die Dinge sind, wie sie sind, da mussten wir alle durch. Das ist die Haltung, die du vielleicht auch von deinen Eltern mitbekommen hast. Aber richtig fühlt sich das nicht an, oder? Vielleicht hast du gerade ein Kind vor dir, das emotional zusammenbricht, weint, herumschreit, völlig panisch versucht, noch die Matheformeln für die Klassenarbeit in den Kopf zu bekommen, oder einfach nur dasitzt und zittert. Lass uns mal darauf gucken, warum sich deine Tochter oder dein Sohn so „seltsam” verhalten könnte.
Druck entsteht wie in einer Presse. Stellen wir uns eine Apfelpresse vor, die von oben, unten und von der Seite presst. Natürlich kommt herrlicher Saf heraus. Zurück bleiben Matsch und Schalenreste. Wenn ich meine Schülerinnen und Schüler sehe, nehme ich manchmal eine Körperhaltung wahr, die genau das suggeriert. Von allen Seiten wird gepresst. Selbstverständlich kommt dabei ein Resultat heraus. Aber zurück bleibt eine leere, angematschte Hülle.
Kinder und Jugendliche stehen im Spannungsfeld unterschiedlicher Erwartungen, die sie of wie eine unsichtbare Presse einengen. Da ist der soziale Druck durch Freunde und Medien, perfekt sein zu müssen. Hinzu kommen die schulischen Anforderungen, die kaum Spielraum für individuelle Entwicklung lassen. Gleichzeitig übertragen sich auch elterliche Erwartungen – of unbewusst – auf die Kinder. Druck von allen Seiten, wie bei einem Apfel in der Presse.
Die Pädagogin Saskia Becker und der Sonderpädagoge Moritz Börnert-Ringleb definieren Leistungsdruck als das Ausmaß schulischer Belastungen durch die empfundene Höhe schulischer Anforderungen. Leistungsdruck wird dann von Kindern und Jugendlichen wahrgenommen, wenn die Qualität oder Quantität dieser Anforderungen als hoch eingeschätzt werden und gleichzeitig die eigenen Fähigkeiten übersteigen. Leistungsdruck kann auch entstehen, wenn ein Kind die schulischen Anforderungen als aufgezwungen erlebt. Die Diskrepanz zwischen wahrgenommenen Leistungsanforderungen und subjektivem Leistungsvermögen ist belastend und wirkt sich negativ auf den Lernprozess aus.16
Demnach sind Leistungsdruck und als zu hoch empfundene Anforderungen zentrale Ursachen für den Stress, den Schülerinnen und Schüler erleben. Es ist wichtig, Kindern Raum zu geben, sich frei von gesellschaftlichen Erwartungen zu entwickeln. Die Herausforderung liegt also darin, diese of gegensätzlichen Einflüsse zu erkennen und den Druck durch bewusste Entscheidungen zu reduzieren. Lass uns erst mal gucken, was wir überhaupt reduzieren sollen und welche Kräfe im Detail in dieser „Leistungs-Presse” wirken. Wir nehmen in den kommenden Seiten eine Taschenlampe in die Hand und beleuchten alle Aspekte, die Druck bei deinem Kind auslösen. Wichtig ist: Auch wenn wir die Druckkräfe einzeln beleuchten, wirken sie immer gleichzeitig.
Sozialer Druck ist unsichtbar, übt aber tagtäglich enormen Einfluss auf Kinder und Jugendliche aus. Freunde setzen of unbewusst Maßstäbe. Bewundert wird, wer die coolsten Marken trägt oder in sozialen Medien vermeintlich erfolgreich ist. Gesellschaftliche Glaubenssätze wie „Ohne Studium keine Karriere” machen andererseits deutlich, dass diejenigen Anerkennung bekommen, die die besten Noten haben.
Einerseits soll deine Tochter oder dein Sohn also innerhalb der Peergroup Beachtung finden, andererseits aber auch gesamtgesell-schaftlich. Allerdings sind die Mittel, um diese Aufmerksamkeit zu bekommen, of konträr. Denn gute Noten gelten nicht immer und unbedingt als cool. Man kann sich sowohl für gute als auch für schlechte Noten schämen. Das soziale Klima in der Klasse und etwaiges Mobbing spielen eine große Rolle in Bezug auf das Wohlbefinden und den empfundenen Druck. Ebenso wie der gesamtgesellschaftliche Blick auf Kinder und Jugendliche. Diese sollen also leistungsfähig und cool sein.
Aladin El-Mafaalani, Bildungsforscher und Soziologe
„Die alternde Gesellschaf ist weder kindgerecht, noch ist sie gerecht zu Kindern. Die Interessen und Bedürfnisse der Kinder werden nicht angemessen mitbedacht. Es gibt nur wenige Kinder, und sie werden behandelt wie Außenseiter. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene wachsen in eine Gesellschaf hinein, in der vieles nicht mehr funktioniert und in der die Befürchtung wächst, dass alles noch schlimmer kommen könnte.”17
Kinder und Jugendliche wachsen in einer Welt auf, die unsicher und nicht friedlich ist. Sie leben alle in einer schwierigen Zeit: Klimakrise, die gerade überstandene Coronapandemie, Kriege. Sie bekommen mit, dass auch Erwachsene of keine Antworten haben und sich selbst hilflos fühlen. Das nimmt vermutlich auch dein Kind so wahr. Jugendliche wissen, dass sie die Zukunf sind, dass der Fachkräfemangel ihre Chance ist, und gleichzeitig sollen aber bitte möglichst alle einen hohen Bildungsabschluss wie das Abitur haben.
Die Gesellschaf erwartet von ihnen, respektvoller zu sein und sich mehr einzubringen. Gleichzeitig werden Kinder und Jugendliche aber in der Politik und in den Prozessen der sozialen, politischen und kommunalen Teilhabe nicht gesehen. Altersgerechte Angebote sind rar und müssen hart erkämpf werden. Heranwachsende sollen respektvoll in einer Gesellschaf sein, die nicht respektvoll mit ihnen umgeht! Sie fühlen sich nicht beachtet. (Übrigens empfinde ich Kinder und Jugendliche insgesamt als sehr respektvoll und engagiert, wenn man sie eben ernst nimmt.)
Außerdem soll sich deine Tochter oder dein Sohn beruflich orientieren, verantwortungsbewusst leben, diszipliniert arbeiten, tolerant sein, sich individuell entwickeln und zeitgleich an die Gesellschaf anpassen. Letzteres ist nicht nur ein Paradoxon, sondern beachtet auch nicht, dass jeder in seiner Kindheit und Adoleszenz anderen Herausforderungen gegenübersteht. Gemeinschaf und Gesellschaf gestalten sich für jedes Kind ganz verschieden. Sie unterscheiden sich in Familienkonstellation, Nachbarschaf, Freundeskreis, Vereinsstrukturen und Wohnort. Daher sind Kindheiten fragmentiert, haben unterschiedliche Bezugspunkte und sind nicht direkt miteinander vergleichbar. Sie werden aber trotzdem miteinander verglichen. Eine weitere Folge der Fragmentierung ist, dass es keine gemeinsame Vorstellung darüber gibt, wie Kindheit aussehen soll.18 Die Gemeinsamkeit, die diese Generation hat, ist die, in politischen Diskussionen kaum Beachtung zu finden.
Zudem wissen vor allem Jugendliche, dass sie die Generation sind, die die alternde Gesellschaf einmal erhalten soll. Sie, die Gruppe, die immer kleiner wird, die kaum beachtet wird, soll es nun richten. Wenn das mal keinen Druck aufbaut. Am besten sollten sie schon viel früher erwachsen werden und wirtschaftliche und soziale Verantwortung übernehmen.
Auch in den Medien geht es meist nur darum, wie Schülerinnen und Schüler besser und leistungsstärker werden. Ergebnisse von Vergleichsstudien werden breit diskutiert, selten bis gar nicht schreiben oder sprechen Journalisten und Journalistinnen darüber, wie wir die Leistung so steigern können, dass sich Kinder und Jugendliche dabei gut fühlen und gesund bleiben. Im Gegenteil, in den Artikeln und den Kommentarspalten auf Social Media wird eher mehr oder weniger unterschwellig suggeriert, wie faul Kinder und Jugendliche seien.
Dabei spielen Medien eine wichtige und ambivalente Rolle: Sie bieten Inspiration, fördern die Kreativität, sind das Sprachrohr, setzen aber durch idealisierte Darstellungen auch unrealistische Standards. Einmal mehr durch die KI. Nun sollen die Heranwachsenden leistungsfähig, cool und auf Social Media erfolgreich sein. Schon in jungen Jahren geht es darum, Likes und Follower zu generieren. Auf Snapchat, TikTok und Instagram geht es um die meisten Herzchen, Views und Flammen. Videos werden beispielsweise nicht als Erstes nach der Qualität des Inhalts bewertet, sondern nach der Anzahl der Views und Abonnenten.
Wir haben uns früher auf dem Schulhof darüber ausgetauscht, was im linearen Fernsehen lief. Dabei ging es um die Daily Soaps oder beliebte Fernsehshows. Sie kamen zu einer festen Uhrzeit und hatten eine festgelegte Dauer. Die Social-Media-Kanäle sind zu jeder Zeit erreichbar und man kann unmöglich alles sehen. Während wir als Kinder oder Teenies also noch eine reelle Chance hatten, auf die Frage „Hast du mitbekommen, was Stefan Raab gestern gemacht hat?” zu antworten und Teil dieses Kreises zu sein, der mitreden kann, wird es heutzutage schon eng, wenn dein Kind gefragt wird: „Hast du das Video gesehen, in dem der Typ von der Polizei verfolgt wird?” Wenn dieses Video nicht zufällig entweder direkt mit deiner Tochter oder deinem Sohn geteilt wurde oder der Algorithmus dafür gesorgt hat, ist die Chance gering, mitreden zu können.
Innerhalb von 60 Sekunden passiert unglaublich viel auf Social Media: Auf Discord werden fast 600.000 Nachrichten versendet, auf WhatsApp sind es sogar 100 Milliarden. Auf Instagram werden knapp 65.000 Videos und Fotos geteilt. Auf TikTok werden in derselben Zeit 167 Millionen Videos gesehen. Gleichzeitig werden auf YouTube 500 Stunden neues Videomaterial hochgeladen.19 Wer soll da alles mitbekommen? Diese Angst, etwas zu verpassen, während man offline ist, kann bedrückend wirken.
Gleichzeitig sorgt der Algorithmus für einen weiteren beklemmenden Effekt. Er bestimmt, was gesehen wird, und spült deinem Kind auch nur das in die „for you”-Seite, was ihm offenbar gefällt. Dadurch können sich zum Beispiel Bilder über das vermeintlich beste Aussehen einbrennen, negative politische Kampagnen verfangen oder auch gesellschaftliche Werte geprägt werden. So wird sich nicht mehr nur innerhalb der Klasse mit dem engen, persönlichen Umfeld verglichen, sondern zusätzlich auch noch online mit fremden Persönlichkeiten.
Schulischer Druck entsteht durch die hohen Anforderungen, die Schule an Kinder und Jugendliche hat. Eigene Bedürfnisse zurückzustellen und viele, teils unlogische und nicht mehr zeitgemäße Regeln einzuhalten, erzeugt enormen Stress. Um den auszuhalten, müssen sich Lernende selbst disziplinieren, ihre Impulse kontrollieren, Bedürfnisse aufschieben und zeitgleich viel Frust tolerieren. Ganz schön viel verlangt, sind sie doch in einem Alter, in dem sie genau das erst lernen sollen. Doch in diesem Lernprozess werden sie genau dafür bewertet.20
Auch Lernschwierigkeiten, Überforderung und soziale Konflikte in der Klasse können Druck verstärken und psychische Störungen begünstigen. Von Kindern und Jugendlichen wird in der Schule erwartet, enge Vorgaben zu erfüllen, erfolgreich zu lernen, akademische und soziale Kompetenzen zu erwerben und Regeln zu befolgen. Zudem lösen die vielen Prüfungen hohen Stress aus.21 Wir kommen dazu noch im Detail. Das Bildungssystem bewertet Schüler überwiegend anhand von Noten und standardisierten Tests. Das führt zu einer kurzfristigen Leistung, anstatt zu einem langfristigen Lernen. Das kannst du an deiner eigenen Schulerfahrung überprüfen. Wieviel von dem, was du gelernt hast, weißt du heute noch? Hast du damals schon direkt alles wieder vergessen? Wie viel der Inhalte hast du für dein späteres Leben gebraucht? Der Psychologe Thomas Städter behauptet, dass schon ein paar Jahre nach unserem Abschluss nur ein bis fünf Prozent des vermittelten Schulwissens noch präsent sind.22
Dass schulische Leistungsanforderungen und die erbrachten Leistungen mit Stress- und Angstsymptomen sowie dem empfundenen Leistungsdruck zusammenhängen, zeigt eine Studie von Saskia Becker und Moritz Börnert-Ringleb an der Leibniz Universität Hannover. Ein zu hoch wahrgenommener Leistungsdruck geht of mit dem Erleben von Stress und Angst einher. Als belastend werden Leistungsanforderungen dann empfunden, wenn Schülerinnen und Schüler das Gefühl haben, dass sie die nötigen Kompetenzen zur Bewältigung einer Aufgabe nicht haben. Stress ist demnach ein Ungleichgewicht zwischen den Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen und den Anforderungen der Lehrkräfe und Eltern an sie. Wenn diese Stressoren täglich erlebt werden, führen die häufigen Wiederholungen dieser Situationen zu einem erhöhten Stresserleben. Dieser Schulstress wirkt sich wiederum negativ auf die Leistung aus – eine Abwärtsspirale.
Die Studie belegt, dass Leistungsangst, Besorgtheit und Aufgeregtheit Schülerinnen und Schüler so sehr stressen, dass diese Gefühle den Selbstwert bedrohen. Zudem führt das zu Überforderung.23
Schülerinnen und Schüler, die das Gefühl haben, den Leistungsanforderungen nicht genügen zu können, stimmten in der Studie diesen Aussagen zu: „Ich stehe durch die Schule ständig unter Anspannung.”, „Ich habe of das Gefühl, Leistungsanforderungen nicht erfüllen zu können.” oder „Ich muss of Hobbys und Treffen mit Freunden absagen, damit ich alles für die Schule schaffe.” Für Sonderpädagoge Moritz Börnert-Ringleb kann Leistungsorientierung auch motivierend wirken, wenn sie nicht überfordernd wirkt.24
Moritz Börnert-Ringleb, Sonderpädagoge
„Ein Konzept, das von vornherein auf Überforderung setzt, kann sich ungünstig auf Lernmotivation und Schulnoten auswirken.”25
Lass uns nun genauer auf die Noten gucken, die dein Kind bewerten. Sie sind bei vielen (leider) Motivator und Stressor zugleich. Das Schulsystem hat Schülerinnen und Schüler dermaßen auf Noten konditioniert, dass sie of nur deshalb lernen und sich fragen, was sie tun müssen, um eine bessere Note zu bekommen. Sie fragen sich nicht, was sie tun müssen, um besser zu lernen und nachhaltiger an Wissen und Bildung zu kommen. Das löst Stress aus. Und das, obwohl wir wissen, dass Noten als „Währung” für Leistung längst nicht das messen, was sie vorgeben zu messen. Sie sind eben of nicht objektiv, valide, reliabel (also verlässlich) und schon gar nicht vergleichbar mit anderen Schulklassen, Schulen oder Ländern. Sie schaden der Lerngesundheit mehr, als sie nützen.26 Das starre System und die Betonung von schriftlichen Leistungsnachweisen hemmen die Kreativität und das eigenständige Denken der Lernenden. Durch die veraltete Prüfungskultur, die nicht mehr zu den Anforderungen in der späteren Berufswelt passt, entsteht ein völlig falscher Leistungsdruck. Exemplarisch dafür sind die unangekündigten Tests (Stegreifaufgaben/ Extemporale), wie sie es beispielsweise in Bayern gibt. Die Schülerinnen und Schüler müssen zu jeder Zeit damit rechnen, dass ein solcher Test kommen kann. Sie haben keine Chance, sich konkret darauf vorzubereiten, und stehen dadurch noch unter größerem Druck als bei Tests sowieso. Dadurch entsteht das Gefühl, alles an Wissen zu jeder Zeit qualitativ hochwertig abrufbar haben zu müssen. Ein Gedanke, der gerade in der heutigen Zeit mit digitalen Hilfsmitteln völlig an der Realität vorbeigeht.
AUS DEM SCHULALLTAG
Als ich zwölf Jahre alt war, ging ich auf ein Gymnasium. Die Frage aller Fragen war täglich ähnlich: „Schreiben wir heute eine Ex in Geschichte?” - „Wie, in Geschichte? Ich war gestern den ganzen Nachmittag mit Mathe beschäftigt. Ich dachte, wir könnten heute in Mathe schreiben?” Spätestens jetzt hatten alle in der Klasse Angst - ein Gefühl, das in der Schule eigentlich nicht vorherrschen sollte! Eine Ex, also ein unangekündigter schriftlicher Leistungsnachweis, kann zum furchtbaren Machtinstrument einer Lehrkraft werden.
Kam ein Lehrer ins Klassenzimmer mit den Worten „Hefte weg!”, wusste ich: Ex oder Abfrage. Wenn er ausgewürfelt hat, wer von der Klassenliste sein „Opfer” werden sollte, war mir regelmäßig schlecht.
Ich hatte jahrelang Albträume aus meiner Schulzeit von ge nau diesen Situationen. Exen und öffentliche Abfrage an der Tafel inklusive Demütigung - eine sehr fragwürdige, beschä mende und angstmachende Art zu lernen und zu testen.
In Bayern hat eine Schülerin eine Petition und Demonstrationen gegen diese Prüfungskultur gestartet. Schüler-, Eltern- und Lehrerverbände setzen sich dafür ein, Stegreifaufgaben abzuschaffen. Einmal mehr wurden die im wahrsten Sinne des Wortes Sorgen und Ängste der Jugendlichen nicht gehört, denn der bayerische Ministerpräsident Markus Söder setzte sich mit einem Machtwort über die Petition und seine Kultusministerin hinweg, noch bevor der Landtag über die Petition beraten konnte. Nach vielen Monaten des Kampfes und 56.000 Unterschrifen hat schließlich der Landtag gegen die Abschaffung der unangekündigten Tests gestimmt. Befürworter des Kurses von Ministerpräsident und Landtag argumentieren mit der Vorbereitung auf die Leistungsgesellschaf oder etwa damit, dass die Androhung der unangekündigten Tests zu einem anhaltenden Lernen führen würde und pädagogisch sinnvoll wäre. Schülerinnen und Schüler wären so allzeit bereit und werden somit zu nützlichen Mitgliedern der Wirtschaf.27 Ich denke, dass Drohungen und Angst weitaus weniger zum effektiven Lernerfolg beitragen als Motivation und Lernfreude.
Noten lösen noch aus einem weiteren Grund Stress aus. Dein Kind weiß genau: Auch wenn es eine schlechte Note hat, hält das Schulsystem nicht an und fragt nach, warum sie oder er es nicht verstanden hat. Nein, es geht nahtlos weiter im Stoff. Schließlich sind wir leistungsorientiert und können uns keine Extrarunde leisten. Mit Glück nimmt sich die Lehrkraf außerhalb des Unterrichts Zeit, um Defzite auszugleichen. Mit Pech ist dein Kind auf sich selbst und deine Hilfe angewiesen, um den noch nicht verstandenen Inhalt aufzuholen. Was zur Hetzjagd werden kann. Vor allem wenn Schülerinnen und Schüler krank sind, wird von ihnen nicht selten abverlangt, trotzdem Hausaufgaben zu machen oder den Stoff selbstständig nachzuholen. Ganz nach dem Prinzip: „The show must go on.”
Nur eine Notenart ist noch unfairer und härter: Verhaltens- und Mitarbeitsnoten, die sogenannten „Kopfnoten”. Als Lehrer bereiten sie mir am meisten Kopfschmerzen, vermutlich kommt daher eigentlich der Name. Wie und warum sollte ich ein Verhalten benoten? Was genau ist nun gute Mitarbeit? Ist es die mündliche Beteiligung oder kann man vielleicht doch anders gut mitarbeiten? Die unterschiedliche Wahrnehmung der Lehrkräfe und das unterschiedliche Interesse und Verhalten deines Kindes in den verschiedenen Fächern führt in Zeugniskonferenzen zu teils völlig abstrusen Diskussionen über diese Kopfnoten. Wie vor Gericht wird über Schülerinnen und Schüler geurteilt; leider in Abwesenheit der Angeklagten.
Vor allem schlechte Noten können auch deshalb zu Angstzuständen führen, weil Kinder und Jugendliche Angst vor der Reaktion der Eltern haben - ob begründet oder unbegründet. Auf den kommenden Seiten gehe ich näher darauf ein, woher diese Angst der nicht erfüllten familiären Erwartungen kommt. Zudem vergleichen sich Schülerinnen und Schüler mit ihren Freunden und Freundinnen und können so das Gefühl bekommen, nicht gleichwertig zu sein.
AUS DEM SCHULALLTAG
Nicht selten erlebe ich und erleben auch meine Kolleginnen und Kollegen Panikattacken von Schülerinnen und Schülern vor und während einer Prüfung. Zittern, Schockstarre, Weinkrämpfe und die schnelle Flucht auf die Toilette kommen immer wieder vor. Auch die verzweifelte Bitte, die Arbeit zu verschieben, begegnet uns häufig. Dahinter steckt die Angst, zu versagen und den eigenen und fremden Ansprüchen nicht zu genügen.
Später stellt sich in manchen Fällen heraus, dass die Angst völlig unbegründet war. In anderen Fällen hat die Angst das Gehirn so blockiert, dass es nicht möglich war, das Wissen abzurufen, das vorher definitiv da war.
