Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche - Hannes Jaenicke - E-Book

Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche E-Book

Hannes Jaenicke

4,6
9,99 €

Beschreibung

»Eigensinnige und Querdenker sind die wahren Helden.« (Hannes Jaenicke)

Bequemlichkeit, Überbürokratisierung und Herdentrieb führen in Deutschland zu einem kleinkarierten Mittelmaß, das wirkliche politische und gesellschaftliche Veränderung blockiert und sabotiert. Alternative Erziehungs- und Lebensmodelle – Fehlanzeige. Echte Startups – nicht in Sicht. Ambitionierte Spezialisten und Forscher – wandern aus. Eine moralische Instanz – gibt es nicht. Hannes Jaenicke fordert deshalb: Vergesst Eure Angst! Habt Mut zu Individualität und Eigensinn, zum Ausscheren aus dem System. Begegnet den kleinen und großen Helden des Alltags wertschätzend und motivierend und traut auch Euch zu, den Unterschied auszumachen. Offen und humorvoll erzählt er dabei von seinen Helden und Vorbildern – so viel Privates gab es noch nie von Hannes Jaenicke.


Vergesst eure Angst!
Im Entscheidungsjahr 2017 ein provozierendes Plädoyer für echte Helden und Vorbilder
Eine Anleitung zum Held-Sein für jedermann
Hannes Jaenicke privat – seine Helden, seine Vorbilder

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 310

Bewertungen
4,6 (54 Bewertungen)
39
6
9
0
0



Hannes Jaenicke

Wer der Herde folgt,sieht nur Ärsche

Warum wir dringendHelden brauchen

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2017 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Konzeptions- und Textberatung: Dr. Bettina Burchardt

Coverfoto: © Steffi Henn / GLAMPOOL

Inhaltmotive: Kuh © SoRad/Shutterstock.com;

Schafe © Ira Cvetnaya/Shutterstock.com

ISBN 978-3-641-19196-2V002

www.gtvh.de

PROLOG

Die Wahl der Qual – Herde oder Held?

›Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom‹ lautet eine gern zitierte indianische Weisheit gegen Herdentrieb und Mitläufer. Diesen Spruch gab es in den 70ern als Bumper-Sticker, und er leuchtete mir ein. Er passte zwar nicht unbedingt ins gestrenge deutsche Schulsystem, aber umso besser zu dem zahlreichen, bestialisch stinkenden Fischsterben, das meine Jugend an diversen Flüssen begleitete und dazu führte, dass das Ruder-Training im Zweier oder Vierer gelegentlich ausfiel. Gegen den Strom zu schwimmen schien mir also erstrebenswert, ähnlich wie unvernünftig zu sein. Aus dem Mund meiner Eltern klang ›vernünftig‹ immer wie ›tot‹, nur eben vorher. Und es erschien mir in etwa so attraktiv, wie mit toten Fischen im Rhein, Main oder Ohio flussabwärts zu treiben. Was aber sowohl meine Eltern als auch die weisen Indianer beflissentlich verschwiegen, war die Tatsache, wie viele angepasste, mittelmäßige Langweiler einem entgegenkommen, wenn man tatsächlich versucht, gegen den Strom zu schwimmen, querzudenken, eigensinnig zu sein. Und wie anstrengend das sein kann, wie undankbar, einsam, manchmal sogar gefährlich. Aber eben auch befreiend und befriedigend: Ein Drachen oder Flugzeug startet auch nicht mit, sondern gegen den Wind.

Ausgewachsene Lachse beispielsweise, um bei Fischen zu bleiben, verbringen ihr Leben damit, gegen den Strom zu schwimmen. Dass sie nach ihrer mühsamen Reise vom Ozean die Flüsse und Stromschnellen hinauf bis zur Quelle und zu Laichplätzen überhaupt lebend ankommen, ist ein Wunder (es schaffen nicht viele). Kein Wunder ist, dass sie nach Ankunft, Paarung und Ablaichen im Herbst völlig erschöpft im seichten Wasser nahe der Quelle verenden, was wiederum die Nahrungsgrundlage für den im kommenden Frühjahr schlüpfenden Nachwuchs ist. Der Lachs ist in meinen Augen ein gutes Beispiel sowohl für gesunden Herdentrieb als auch für das krasse Gegenteil. Wilde Lachse verbringen in etwa vier Jahre im Meer, um groß und stark genug zu werden für die strapaziöse Flusswanderung. Ein Farm-Lachs, zum Herdendasein gezwungen, schafft diese sogenannte ›Marktgröße‹ dank Mästung und Hormonbehandlung in vier Monaten. Aber anstatt auf große Reise zu gehen, die zunächst mit Abenteuern, am Schluss mit Sex und Familiengründung belohnt wird, lebt der gefarmte Lachs in engen Gehegen, in denen er sich nicht bewegen kann, und wird entsprechend fett, krank und permanent medikamentös behandelt. Kein schönes Leben, unserem leider nicht unähnlich. Und wenig später liegt er als vermeintliche Delikatesse in Plastik eingeschweißt zum Niedrigstpreis im Supermarkt-Regal und wird uns als Omega-3-reiches Superfood angepriesen. (Das bleibt uns immerhin erspart.)

Im Gegensatz zum Lachs haben wir den Luxus oder auch die Qual der Wahl, ob unser Leben eine Abenteuerreise in Freiheit wird oder ein zwar sicheres, aber beengtes, sterbenslangweiliges, gegen Überfettung kämpfendes Dahinsiechen. Und wer beim stromaufwärts Schwimmen mal nach rechts und links guckt, wird immer wieder spannende Gleichgesinnte treffen, vermutlich ein Stück der Reise gemeinsam tun und ansonsten frei schwimmend und springend versuchen, die Quelle bzw. den Laichgrund zu erreichen. Wer mit dem Strom schwimmt, begegnet diesen Abenteurern nur für kurze Augenblicke im Gegenverkehr, ansonsten sieht er lebenslänglich nur Schwanzflosse und Anus des Vordermanns.

Im Tierreich bietet die Herde den Jungen, Alten und Schwachen Schutz, Nahrung und Sicherheit. Die Leittiere sind in der Regel die erfahrensten, intelligentesten, stärksten Tiere, egal ob bei Elefanten, Walen, Gnus, Wasserbüffeln oder Zugvögeln. Das macht Sinn, auch unter uns Zweibeinern, die sich gern und unnachahmlich arrogant für die Krone der Schöpfung halten. Erstaunlich ist nur, welchen Leittieren wir gelegentlich folgen. Da unterscheiden wir uns von der tierischen Verwandtschaft: Die wird nur dann von unfähigen Anführern geleitet, wenn das Leittier umgekommen oder verletzt ist. Beispiele wären junge Elefantenkühe, die eine Herde übernehmen müssen, weil die Leitkuh Elfenbein-Wilderern zum Opfer gefallen ist. Oder Wale, deren Gehörgang und Orientierung durch Ölbohrungen beschädigt wurden und die deshalb Anstrandungen der ganzen Herde verursachen. (Der Homo sapiens dagegen wählt freiwillig Berlusconi, Putin, Orbán, Kaczyński, Erdogan, Trump und wundert sich dann über die fatalen Folgen.)

Seit ich Umwelt- bzw. Tier-Dokus drehe und mich mit dem allgegenwärtigen Herdentrieb bei Tier und Mensch beschäftige, spiele ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis beim Weinschlürfen ein kleines Fragespiel: Wer sind heute bei uns in Deutschland Vorbilder, Leitfiguren, moralische Instanzen? Und jedes Mal beginnt das große Stottern. Nach einigem Nachdenken fallen dann zögerlich Namen wie Gauck, Käßmann oder Neudeck, werden aber schnell wieder verworfen. Warum eigentlich? Warum haben wir keine Helden, Idole, Vorbilder mehr? Warum sind wir so bemüht, nie aufzufallen, und so besorgt darüber, was andere über uns denken? Woher kommt unser hartnäckiges Streben nach Mittelmäßigkeit, der Hang zu Obrigkeitshörigkeit, Opportunismus und Dünndarmkriechen? Warum wandern jedes Jahr immer mehr Deutsche in Rekordzahlen aus?

Wir wären vermutlich vergnügter und gelassener, wenn wir gelegentlich »Drauf geschissen!« sagen und unser eigenes Ding machen würden. Heruntergezogene Mundwinkel und Dörrpflaumen als Mund-Ersatz wären seltener, wenn wir uns weniger ängstlich in die Herdenkolonne einreihen würden.

Die Medien tun, als hätten wir ganze Armadas von prominenten Vorbildern. TV-, Pop- und Schlagerstars, Fußballer, gelegentlich sogar Politiker: Klum, Bohlen, Jauch, Fischer und Silbereisen, Beckenbauer und andere Lichtgestalten, Formel 1-Fahrer oder Guttenberg und Flinten-Uschi ... Wenn keine Show- oder Sport-Größen greifbar sind, werden überflüssige Hohlköpfe berühmt gemacht. Allesamt werden sie wenig später wieder geschlachtet oder vergessen, manchmal zu Recht, manchmal zu Unrecht. Ich fand es immer ausgesprochen hilfreich, Vorbilder und Helden zu haben, egal ob es Swimmy der Fisch, Charly Brown, Rockmusiker wie Springsteen, Greenpeace-Aktivisten, Obelix, Ingemar Stenmark oder völlig Unbekannte aus meinem Umfeld waren. In meiner Kindheit war eines davon meine Großmutter, Nonna genannt. Sie war überaus großzügig, lachte viel und war fest davon überzeugt, dass man nichts, was wirklich glücklich macht, mit Geld kaufen kann. (Außer Essen vielleicht, insbesondere Marzipan, sie war schwer übergewichtig und wurde trotzdem 93.) Eines ihrer Mottos war: »Wenn Du es richtig machst, kommt all das Geld, das Du zum Fenster rauswirfst, durch die Tür wieder rein.« Als sie 1988 starb, bestand ihr Vermögen aus exakt 1.100 DM, eine wunderbare Lektion für ihre zehn Enkel, die jeder 110 DM und ein bisschen Nippes erbten.

Nachdem ich mit der Schauspielerei angefangen hatte, wurde Götz George mein Vorbild, und der formulierte einmal einen brillianten Satz zum Thema Herdentrieb: »In Deutschland ist die Luft für Eigensinnige dünn, man muss den Sauerstoff suchen.« Ich verstand das als Aufforderung und als Erfolgsrezept: Götz war unbequem, hasste alles Mittelmäßige, es war ihm zunehmend egal, was Medien und Branche über ihn dachten und redeten, und spielte genau deshalb in einer einsamen Klasse. Er war der letzte Recke des deutschen Films, und der wohl letzte echte Volksschauspieler. Schimmi war der Held einer ganzen Generation. Das wird man nicht durch Mitlaufen, Anpassen, Hinterherdackeln oder Speichellecken, sondern durch Querdenken, an etwas Glauben, sich treu Bleiben.

Da ich unverschämt oft das Glück hatte, Menschen mit ähnlicher Leidenschaft, Überzeugung, Großzügigkeit zu treffen wie meine Oma oder Götz, wundert es mich umso mehr, dass mein Heimatland, ehemals Land der Dichter und Denker, ohne Vorbilder und moralische Instanzen auskommt und dass wir eine Herde sein wollen ohne Kompass und Leitfiguren. Jede Kultur hat ihre Helden-Sagen, in Kino, Theater, TV und Literatur geht nix ohne Helden, jedes Kind braucht Orientierung, Leitfäden, Lieblingshelden. Und es gibt sie scharenweise, auch wenn sie völlig unbekannt, unerkannt, unscheinbar sind. Sie haben keinen dauer-erigierten Zeigefinger, der uns den Weg zeigen will, sondern schlimmstenfalls einen steifen Mittelfinger in Richtung Herde, wenn diese sich wieder mal fatal verirrt: im Hype, Mobbing, Shitstorm, Kauf- und Konsum-Rausch, in kollektivem Gejammer, Gemecker, in Angst und populistischen oder ›post-faktischen‹ Stammtisch-Sprüchen.

Dieses Buch soll anhand von persönlichen Begegnungen und Erlebnissen ein Mutmacher, eine Lobhudelei auf Individualismus und quergebürstete Gehirnnutzung sein. Beides würde uns (und der Welt) gut tun. Die Herde ist eine wunderbare, unterhaltsame und lebensnotwendige soziale Einrichtung, solange man genau weiß, wann, wo und warum man ein- bzw. ausscheren sollte.

TEIL 1

DIE HERDE

KAPITEL 1

Muuuh!

Grundsätzlich gibt es gegen Herdentrieb und Schwarmverhalten nichts einzuwenden. Das ist schlicht und einfach Biologie: Milliarden von Rindviechern, Gänsen, Lemmingen und Sardinen können nicht irren und scheinen aus menschlicher Perspektive gut damit zu fahren. Beim Zweibeiner ist es eine Lebens- und Gesellschaftsform, die v.a. Kindern, sozial bedürftigen, schwächer gestellten oder unselbstständigen Mitgliedern ein Gefühl der Sicherheit gibt und sie im Idealfall schützt und auffängt. Auch Menschen, die einem Po-Fetisch fröhnen, gern fremde, schaukelnde oder wackelnde Hintern betrachten und denen das gelegentlich entweichende Methan-Wölkchen nichts ausmacht, sollen bitte ihrer Herde folgen. Die zu Bequemlichkeit und trägem bzw. Nicht-Denken Neigenden ebenso, die wären sonst permanent gestresst oder gingen verloren. Das gilt auch für alle, die sich, ganz Herdenvieh, bei Quotenhits wie ›Dschungelcamp‹, ›Bauer sucht Frau‹, ›Berlin – Tag und Nacht‹, ›Schwiegertochter gesucht‹, ›Adam und Eva‹, ›DSDS‹, ›GNTM‹ u.v.m. millionenfach kollektiv vor die Glotze lümmeln und dieselbe Chips-, Bier- und Brausemarke konsumieren wie alle anderen, die auch noch die Werbe-Spots über sich ergehen lassen. Das Problem dabei ist nur, dass es weder glücklich macht, noch gesund ist oder einen weiterbringt.

Jahrtausende philosophischer und ein volles Jahrhundert psychologischer Forschung haben ergeben, dass es die Suche nach Glück und Sinn ist, die uns Menschen an- und umtreibt. Wer hätte das gedacht! Aber da verwundert es ein wenig, womit die menschliche Herde ihr Glück sucht, vom Sinn ganz zu schweigen. Jeden Samstag sind Fußgängerzonen und Einkaufspassagen brechend voll. Ich shoppe, also bin ich? Shopping is my therapy? »Nice try«, wie die Amerikaner sagen: Die meisten von uns ackern wie Ochsen, um genug Geld zu verdienen und sich Dinge kaufen zu können, die wir entweder nicht brauchen oder mit denen wir Mitmenschen beeindrucken wollen, die wir insgeheim eigentlich scheiße finden. Wie anstrengend. Wie kostspielig. Wie unlustig.

Es überrascht mich selbst immer wieder, wie gerne wir auch als ausgewachsene, gesunde Exemplare des Homo sapiens unqualifizierten Leithammeln und Kühen folgen. Oder, noch dümmer, einfach blind der Herde folgen, ich selbst mittendrin. Irgendjemand schwärmt von einem Buch, das ich unbedingt lesen muss? Schon stehe ich an der Kasse im Buchladen und kaufe es. Jemand erzählt, er habe sich in irgendeiner Comedy scheckig gelacht? Schon sitze ich in einem abgewetzten Kinosessel und hoffe auf Lach-Salven. Oft stelle ich nach zehn Seiten bzw. Minuten fest: Fehlanzeige, ist ja gar nicht mein Ding – klassische Fälle von Herdentrieb. Es geht noch dümmer: In den 90ern hatte ich eine ganze Kollektion von Cowboy-Boots, obwohl ich nie auf einer Ranch gearbeitet, Rinder zusammengetrieben, Pferde eingeritten oder Marlboro-Werbung gemacht habe. Ich stiefelte in viel zu spitzen Boots auf viel zu hohen Absätzen (!) durch Köln und fand mich rasend cool, weil alle anderen coolen Jungs ebenfalls coole Western-Stiefel trugen.

Die Mode- und Textil-Industrie mit ihren Protagonisten wie H&M, Primark, Zara, Mango, S. Oliver u.v.m. sind das banalste, offensichtlichste Beispiel für unseren Herdentrieb. In schöner Regelmäßigkeit werden uns Hosen angedreht, in die man sich nur liegend und mit langem Schuhlöffel hineinzwängen kann. Vor einigen Jahren sank der Hosenbund dann so tief, dass man sich wunderte, wie das Ding ohne Hosenträger oder Zuhilfenahme beider Hände überhaupt an der Hüfte hängenbleiben konnte. Dafür hatte keiner mehr einen Arsch in der Hose und jeder konnte laut und deutlich die Unterwäsche-Marke lesen. Bei Mädchen waren bauchfrei und enge Jeans angesagt, sodass sie von hinten aussahen wie Muffins. Nur dass das Muffin-Top dank Coca-Cola, Nestlé und McDonalds bei vielen nicht über die papierene Backform quoll, sondern über den Hosenbund. Jetzt ist es gerade wieder schick, manuell mühsam zerschnittene Jeans zu tragen, die viel Haut oberhalb der Kniescheibe zeigen. Aufregend. So aufregend, dass Mario Barth in seiner ›... deckt auf‹-Show konsterniert feststellte, dass sämtliche Frauen und Mädchen in der ersten Reihe des Studios mit fast identischen zerschlissenen Jeans herumsaßen. Ich war Gast in dieser Show, wohnte in einem Hotel am Kudamm und durfte miterleben, wie vor dem Apple-Store nebenan Dutzende von I-Phone-Junkies kampierten, um als Allererste das neue 7er zu ergattern. Ich stolperte auf dem Bürgersteig vor der Mac-Kathedrale über Matratzen, Massage-Stühle, Zelte, Sofas, Sicherheits-Personal, vorbei an Range Rover- und Mini-fahrenden Hipstern und musste an meinen Opa denken. Der hielt es seinerzeit für pädagogisch wertvoll, seinen minderjährigen Enkeln Immanuel Kant zu zitieren: »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.« Dass die eine Minute entfernt liegende Kantstraße nach diesem klugen Mann benannt ist, weiß vermutlich niemand in dieser Whatsapp-, Snapchat- und Instagram-süchtigen Horde. Die verpulvert begeistert 700 Flocken fürs neue Smartphone und ignoriert ebenso begeistert, dass sie soeben dem größten Steuertrickser der Welt noch mehr Geld in die Kasse spült. (Apple wurde 2016 von der EU-Kommission verdonnert, 13 Milliarden an Steuern nachzuzahlen. Solche Strafzahlungen schaffen sonst nur halb-kriminelle Vereinigungen wie VW und die Deutsche Bank.)

Aber man trifft auch immer wieder Leute, die nicht in diesem Hamsterrad mitrennen, und das sind interessanterweise die spannenden, unterhaltsamen, originellen. Und viele von ihnen, man glaubt es nur ungern, sind sogar erfolgreich. Aber sie werden dann wahlweise Außenseiter, Aussteiger, Hippies, Alternative, Träumer, Querdenker, Spinner, Verweigerer, Loser, Spaßverderber, Sonderlinge genannt. So geschehen bei Richard Branson (Virgin), Steve Jobs (Apple), Yvon Chouinard (Patagonia), Götz Werner (dm), um ein paar prominente Namen zu nennen. Selbst das schöne Wort ›Lebenskünstler‹ wird hierzulande quasi als Schimpfwort benutzt, obwohl es genau darum gehen sollte: kunstvoll zu leben. Aber wie schafft man das, ohne sich aus der Herde zu verabschieden und als Eremit zu leben?

Jeden Tag Nikolaus

Im Ausland begegnet einem der Lifestyle-Herdentrieb auffällig seltener als in Deutschland. In England, Italien oder Holland gibt es jede Menge Leute, die schon von ihrem Äußeren her als Individualisten zu erkennen sind. Mitte der 80er Jahre wohnte ich einige Zeit in der Nähe von London in dem Pendlerstädtchen St. Albans. Im Traditions-Pub ›The Six Bells‹ trafen sich abends die Leute aus der Umgebung. Auch eine Nachbarin kam regelmäßig auf ein paar Half-Pints vorbei. Sie war immer gut gelaunt, selbst für britische Verhältnisse auffallend höflich und schlagfertig. Dass sie das ganze Jahr hindurch im selben Blümchenkleid und in Hausschlappen unterwegs war, störte niemanden. Es wurde nie erwähnt. Auch sonst war sie unangepasst: Aus den Fenstern ihres Reihenhäuschens blinkte und leuchtete es rund ums Jahr, hauptsächlich in rot-weiß. Neugierig, wie ich war, sprach ich sie eines Abends darauf an, und am nächsten Tag zeigte sie mir ihre Sammlung von zweitausend Nikoläusen in allen Größen und Formen. Aus Holz, Plastik, Glas, Keramik, Stoff, historisch, modern blinkend, batteriebetrieben von innen beleuchtet oder Weihnachtslieder singend, von 2 cm Höhe bis zum aufblasbaren 2 x 1 m Monstrum, das sie wohl irgendwie bei Coca-Cola abgestaubt hatte. Ihre Bude war so voll mit Nikoläusen, dass man sich in schmalen Gängen durch sämtliche Zimmer zwängen musste. In Deutschland hätte man ihr vermutlich einen Vormund verpasst. In England war ihr Hobby völlig akzeptiert. Meine Nachbarin war eben Katie, ›the lady with the Santa Clauses‹. Mehr gab es über sie nicht zu sagen.

Mentale Skoliose

Ich frage mich immer, warum es in Deutschland spießiger und weniger gelassen zugeht als anderswo. Wer aus der Reihe tanzt, fällt schnell und unangenehm auf. Menschen, die darauf pfeifen, was ›man‹ trägt, wie ›man‹ sich verhält oder sein Leben gestaltet, welches Auto ›man‹ fährt, trifft man wesentlich seltener. Wir Deutschen holen unseren Individualismus am liebsten von der Stange. Warum?

Yvonne, die berühmteste Kuh Deutschlands, war überaus individualistisch und beschloss eines Tages im Sommer 2016, sich von ihrer Herde zu entfernen – zumindest hat sie es versucht. Sie hielt die gesamte Republik tagelang in Atem, wurde beinahe erschossen und landete schließlich auf einem Gnadenhof. Das muss auch anders gehen, davon bin ich überzeugt. Dass eine freiheitsliebende Kuh von den verantwortlichen Männern (!) zum Abschuss freigegeben wird, genau wie zehn Jahre zuvor ein zweijähriges Bärenbaby namens Bruno, sagt schon viel über unser Land, dem Weltmeister der Ängstlichkeit und Sicherheitsfanatiker. Eine dickköpfige Kuh und ein Problem-Bärchen ... echt?

Warum wurde Yvonne so berühmt? Weil sie aus der Reihe getanzt ist, weil sie ihrem Freiheitsdrang folgte, weil sie auch beim Anblick von bewaffneten Polizisten und aufdringlichen TV-Leuten unbeirrt ihre Haltung bewahrte. Besäße sie einen dritten Mittelhuf, sie hätte ihn wie Peer Steinbrück in die Kameras gestreckt und »Fuck you!« gemuht. Peer Steinbrück wurde zwar nicht zum Abschuss freigegeben, aber medial geschlachtet. So was macht ›man‹ doch nicht! Steinbrück war ein Politiker, der auch mal politisch nicht 100 prozentig korrekte oder unbequeme Wahrheiten sagte und Humor, Haltung und Kante zeigte.

Womit wir beim Thema wären: Es gibt einen simplen Test, mit dem man die deprimierende Unterzahl von Menschen mit Haltung gegenüber Menschen mit Herdentrieb belegen kann. Wenn man das Wort ›Haltung‹ googelt, ploppen seitenweise Informationen auf über – Rückenbeschwerden! Wie man sie durch richtiges Sitzen, Stehen, Gehen und Sporteln wieder loswird, was es an rückenschonenden Sitzmöbeln gibt, wie man zu einer gesunden ›Haltung‹ findet. Orthopädie, Osteopathie, Physiotherapie, Ergotherapie, Pilates, Yoga, Salben und Medikamente, Stretch-Korsagen, Spezialkissen und -matratzen, es nimmt kein Ende. Es ist bezeichnend, dass unserer Schwarm-Intelligenz und Schwarm-Dummheit – sprich dem Internet – zum Thema Haltung nichts Besseres einfällt als Pezzibälle.

Ich gebe Google eine zweite Chance und tippe ›innere Haltung‹ ein. Das Ergebnis ist kaum besser. Jetzt schlägt das Netz Webseiten vor, die zeigen, wie die innere Einstellung (›Ausstrahlung eines Gewinners!‹ ›Karriereziele fokussieren!‹) zum Erfolg führt; gemeint ist vermutlich der finanzielle Erfolg. Oder, auf den eher frauenorientierten Seiten: wie innere Schönheit (Yoga! Pilates! Matcha-Tee! Mach mal Pause!) zur äußeren Schönheit wird und man auf dem Dating-Markt besser abschneidet – damit geht es wieder um dasselbe wie beim ersten Versuch: Aussehen und Erfolg, meist finanzieller Natur. Auch wenn es dann um das Einkommen des Tinder-, Bumble-, Parship-, Elite-Partner-Dates geht. ›Und? Was machst Du so beruflich?‹ Übersetzt: ›Bin ich attraktiv genug für einen mit Deinem Einkommen?‹ (Der Erfolg von Websites wie ›Sugardaddy.com‹ spricht Bände.)

Im Netz also immer noch nix zum Thema innere Haltung, oder was ich darunter verstehe: die mit Werten und Überzeugungen, für die man bereit ist einzustehen. Ganz im Gegenteil. Es wird eindringlich davor gewarnt, zu hohe Erwartungen an sich selbst zu haben: Ganz falsch, das macht nur unglücklich! Jeder User bekommt ja andere Suchergebnisse angezeigt. Bei mir steht an erster Stelle ein ›Focus‹-Artikel, in dem mir folgende Sätze ins Auge springen: »Auch erfolgreiche und tatkräftige Menschen haben Sorgen. Aber sie lassen nicht zu, dass diese Sorgen ihr Tun und Handeln beeinflussen.« 1

Das ist pervers, mit Verlaub. Der Begriff ›innere Haltung‹ wird hier genau als Gegenteil dessen missbraucht, was Menschen dazu motiviert, Rückgrat zu zeigen und so zu Vorbildern oder gar Helden zu werden. Die AKW-Gegner, die jahrzehntelang Tränengas und Wasserwerfer über sich ergehen ließen, haben sich Sorgen über nukleare Verstrahlung gemacht und deshalb Demos und Sitzblockaden organisiert. Und dank Tschernobyl und Fukushima deutlicher Recht bekommen, als ihnen lieb sein konnte. Die Geschwister Scholl sorgten sich um die Zukunft Deutschlands, brachten dies zum Ausdruck und bezahlten mit ihrem Leben. Dominik Brunner machte sich Sorgen um die jugendlichen S-Bahnfahrer, die bedrängt wurden, auch er bezahlte seine Haltung mit dem Leben. Die Leute, die sich gegen Glyphosat und Monsanto, gegen Antibiotika in der Massentierhaltung, gegen die Plastikvermüllung engagieren, machen sich Sorgen um unsere Gesundheit und die des Planeten ... Die Liste ließe sich x-beliebig verlängern.

Dass sich (innere) Haltung in unserem Denken und Leben nur noch auf Orthopädie und berufliches Weiterkommen bezieht, muss relativ neu sein. Zu tief sind Vokabeln wie ›Rückgrat‹, ›rückgratlos‹, ›rückgrat-amputiert‹, ›aufrechten Ganges‹, ›katzbuckeln‹, ›Wendehals‹, ›erhobenen Hauptes‹ etc. in unserem Sprachgebrauch verwurzelt. Vielleicht liegt hier eine Erklärung, warum es hierzulande – abgesehen von Fußball-Stars, den Geissens und Heidi Klum – keine Helden mehr gibt.

Gruß aus der Steinzeit

Herdenverhalten liegt in unserer DNA. Lieber sich der Mehrheitsmeinung und dem Mehrheitsverhalten anschließen, als allein auf weiter Flur dazustehen. Das war schließlich knapp hunderttausend Jahre lang lebensgefährlich. So schnell bekommen wir den Reflex, uns den anderen anzuschließen, nicht aus unserem Verhalten raus.

Tatsächlich sind wir schon als Kleinkinder auf Konformismus gepolt. Die Verhaltensforscher Daniel Haun und Michael Tomasello2 zeigten das mit folgendem Experiment: Sie gaben Vierjährigen Bilderbücher in die Hand. In der Gruppe sollten sie laut sagen, was auf den Seiten abgebildet war: Tier-Papa, Tier-Mama oder Tier-Kind. Gemeinerweise waren bei einem der Bücher ein paar Seiten ausgetauscht. Eines der Kinder musste also ganz verunsichert feststellen, dass seine Antworten manchmal scheinbar falsch waren. Wenn die anderen fröhlich krähten: »Mama-Affe!«, war auf seiner Seite das Affen-Baby abgebildet. Upps!

24-mal führten Haun und Tomasello diesen Versuch durch, 24 Vierjährige mussten verblüfft feststellen, dass ihre Wahrheit eine andere war als die der anderen. Und jetzt kommt’s: 18 von ihnen passten sich mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit der Mehrheitsmeinung an und riefen nach kurzer Schrecksekunde mit den anderen »Mama-Affe!«, obwohl das Affenbaby abgebildet war.

Kinder müssen sich anpassen, das ist für sie überlebenswichtig. Ohne Herde sind sie verloren. Sie brauchen deren Schutz, um irgendwann ihr Leben selbstständig gestalten zu können. Dieser Schutz ist wichtiger, als Recht zu behalten. Wenn man beobachtet, wie eine Elefantenherde bei Gefahr ihre Jungtiere in ihre Mitte nimmt und die ausgewachsenen Tiere einen unüberwindlichen Festungswall aus Körpermasse, Rüsseln und Stoßzähnen bilden, bekommt man Gänsehaut. Dagegen ist jede Wagenburg ein Bällebad.

Manchmal geht eine Herde sogar noch weiter, um ihre Mitglieder zu schützen. Wenn Gnus in riesigen Herden durch die afrikanische Savanne wandern, sind die Löwenrudel nicht weit. Die Raubtiere versuchen, einzelne Gnus aus der Herde herauszusprengen, um sie auf freiem Feld hetzen und reißen zu können. Manchmal gelingt das den Löwen auch. Aber oft auch nicht. Man könnte meinen, wenn so ein Gnu erst mal isoliert wurde, ist es dem Tode geweiht. Doch selbst wenn sich die Löwen angesichts des panisch in die verkehrte Richtung rennenden Tieres schon genüsslich die Lefzen lecken, stehen ihre Chancen auf einen vollen Bauch nicht gut. Denn die Herde holt sich ihren verlorengegangenen Kumpel zurück. Ein paar kräftige Gnus scheren aus der Herde aus, setzen den Löwen nach, stoßen mit ihren Hörnern zu, lassen nicht locker, bis sich die Löwen entnervt zurückziehen.

Die Herde ist eine großartige Erfindung von Natur und Evolution, der Schutzfaktor liegt bei SF 90. Wenn wir Menschen also wie Elefanten und Gnus ebenfalls Herdentiere sind, ist das in Notsituationen zunächst mal eine Überlebensstrategie. Die sozial bedürftigen, schwächer gestellten, unselbstständigen Mitglieder dürfen sich sicher fühlen und werden im Idealfall aufgefangen.

Wasserflaschen und Windeln

Wie konstruktiv menschliches Herdenverhalten sein kann, kann man regelmäßig nach Flutkatastrophen und Hochwassern beobachten. Auch das Sommermärchen 2015 hat dies eindrucksvoll gezeigt. Beim Märchen von 2006 haben uns unsere hochbezahlten Kicker und ihre korrupten Funktionäre eine wunderschöne Fußball-Party serviert. Wir Fans waren happy und der Rest der Welt wunderte sich, dass wir Deutschen auch ohne Stock im Hintern und bestens gelaunt ein weltoffener Gastgeber sein können. Aber 2015 hat Deutschland auf eine viel grandiosere Weise gezeigt, dass es mehr kann, als misstrauisch, muffelig und besserwisserisch zu sein.

Im ganzen Land standen Helfer an den Bahnhöfen und in eilig hergerichteten Flüchtlingsunterkünften bereit und taten, was zu tun war. Vor allem die älteren unter ihnen hatten noch eine Vorstellung davon, was Menschen brauchen, die ihre Heimat mit nicht mehr als einem Rucksack verlassen haben und Wochen und Monate in der Hitze Nordafrikas, auf dem Mittelmeer oder zu Fuß auf der Balkanroute unterwegs waren: Wasserflaschen, Unterwäsche, Windeln, Deos, Müsliriegel. Einfach jeder packte an, Studenten, schwäbische Hausfrauen und Abteilungsleiter, und verteilte Lebensmittel, organisierte Kleidung, schleppte Matratzen, hatte ein Lächeln bereit. Erstaunlich, was alle miteinander in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt haben! Ohne diese Freiwilligen wären die Städte und Gemeinden aufgeschmissen gewesen.

›Willkommenskultur‹, ›eine Welle der Hilfsbereitschaft‹, hieß es immer wieder in den Medien. ›The New Germany‹, titelte die New York Times. Man hörte im Radio oder von Bekannten und sozialen Medien, dass sich Leute aus der eigenen Stadt am Bahnhof nützlich machen, und dachte: »Da geh ich morgen auch hin.« Diese positive Variante des Herdentriebs führte dazu, dass Deutschlands Image in der Welt so positiv ist wie noch nie. Die negative Variante wird leider von Terroristen wie Anis Amri oder Politikern wie Seehofer, Petry und Pretzell befördert, die alles tun, um diese weltweit ziemlich einmalige Offenheit und Gastfreundschaft wieder zunichte zu machen: Sie schüren Angst, Misstrauen und Vorurteile.

Offenbar wissen sie ganz genau, dass Rückgrat-Amputationen besser funktionieren als -implantationen. Wie auch, wenn man keine Vorbilder hat oder sie sofort vom Sockel haut, kaum dass sie wahrgenommen werden? Angela Merkel wird Ende 2015 aufgrund ihrer Haltung in der Flüchtlingskrise vom ›Time Magazine‹ zur ›Person of the Year‹ gekürt. Wenige Monate später tragen AfD- und Pegida-Anhänger bei Demos Plakate mit der Aufschrift ›Merkel nach Sibirien, Putin nach Berlin!‹ und grölen ›Merkel muss weg!‹.

2016 wurde Mutter Teresa heiliggesprochen, völlig zu Recht. Was steht daraufhin in den deutschen Medien? Dass die hygienischen Zustände in ihren indischen Einrichtungen mangelhaft gewesen seien. Dass sie eine erzkonservative Katholikin und Abtreibungsgegnerin war. Echt jetzt?

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und seine Frau spenden die größte Summe aller Zeiten und 99 Prozent ihrer Facebook-Aktien für gute Zwecke. Der bundesrepublikanische Tenor: alles Eigen-PR. Und Caren Miosga versteigt sich in den ARD-Nachrichten (!) zu der verwegenen Behauptung, er tue das sowieso nur aus Gründen der Steuer-Ersparnis. Wir zahlen den öffentlich-rechtlichen Sendern jährlich ca. acht Milliarden Euro an Gebühren; da darf man eigentlich erwarten, dass Frau Miosga und ihre Redaktion sich mal über die amerikanische Steuergesetzgebung schlaumachen, oder? Ihre Behauptung ist nämlich nicht nur eine peinliche Demonstration deutscher Kleingeistigkeit, Häme und Missgunst, sondern auch sachlich absoluter Bullshit.

Die Offenbacherin Tuğçe Albayrak zeigte laut und deutlich Haltung, und sie überlebte nicht. Würden mehr unserer Landsleute Rückgrat beweisen und Haltung beziehen, hätten Ausnahmeerscheinungen wie Hans und Sophie Scholl, Dominik Brunner oder Tuğçe Albayrak überlebt, anstatt posthum mit schöner Regelmäßigkeit fürs Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen zu werden. Wie verlogen ist das denn! Warum feiern wir Menschen, die klare Kante zeigen, nicht schon zu Lebzeiten? Und wie kommt ein ›Leitmedium‹ wie ›Der Spiegel‹ dazu, Tuğçe selbst die Schuld an ihrer Ermordung zu geben, weil sie ein lockeres Mundwerk hatte und die sexuellen Belästiger bei McDonalds verbal in die Schranken weisen wollte?

Es scheint, als wäre eine klare, aufrechte Haltung in unserer Gesellschaft aus der Mode gekommen und spiele, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete oder sogar lästige Rolle. Merkel zeigt nach zehn Jahren Aussitzen- und Abwarten-Politik erstmals bewundernswert klare Haltung und wird in Dresden mit »Verpiss Dich, Du Fotze!« beschimpft, weil sie, dem Grundgesetz und christlichen Glauben folgend, Flüchtlinge aufnimmt. Millionen von uns engagieren sich ehrenamtlich, helfen Flüchtlingen, Kranken, bedürftigen Kindern, setzen sich für die Umwelt ein. Was ist der Dank? Man ignoriert sie weitestgehend oder tituliert sie als ›Gutmenschen‹. Wir dürften weltweit das einzige Land sein, das sich lieber über Gutmenschen als über schlechte Menschen ereifert. Wir meckern lieber über Iris Berbens Israel-Engagement, Bonos und Grönemeyers Afrika-Initiativen, Claudia Roths Menschenrechts-Aktivismus, Til Schweigers Flüchtlingsheim als über korrupte und kriminelle DAX- und Fußball-Manager, bigotte christlich-soziale Politiker, steuerbetrügende Formel-1-Fahrer mit Panama-Konten und Monaco-Wohnsitzen, NSU-Tschäpe und die grassierende braune Szene.

Nicht mal beim alltäglichen Einkauf zeigen wir Haltung: Textilien aus Kinderarbeit und sklavenartigen Sweatshops in Asien; Billigstfleisch von Tönnies, Wiesenhof und anderen Profiteuren der Massentierhaltung; VWs, Audis und Porsches kaufen wir munter in unveränderten Stückzahlen weiter, obwohl Piëch, Winterkorn, Stadler und Co. jahrelang Mensch und Umwelt absichtlich und wissentlich vergiftet haben. Und fair gehandelte und umweltfreundliche Produkte sind uns zu teuer, auch wenn der Preisunterschied minimal ist.

Nichts brauchen wir dringender als Menschen mit Haltung, Menschen die sich engagieren und Verantwortung übernehmen. Die, die wir haben, sollten wir feiern wie Fußball- und Popstars, dann sähe die Welt anders aus. Wir müssen sie ja nicht gleich auf meterhohe Sockel stellen. Eine Bierkiste würde es tun, dann wäre das Herdentier fast auf Augenhöhe und fühlte sich nicht unterlegen, sondern animiert und angesprochen.

The Boss

Anfang der neunziger Jahre saß ich mit dem Regisseur Carl Schenkel im ›Mandarette-Café‹, einem kleinen, schlichten chinesischen Restaurant in Los Angeles. Wir hatten gerade ›Zwei Frauen‹ gedreht und sprachen über Drehbücher und Projekte. Ein paar Tische weiter hörten wir heiseres, lautes Lachen. Da saß ein Typ mit einem attraktiven ›Redhead‹, und die beiden quatschten, was das Zeug hielt. Das Paar strahlte eine Wärme aus, die eine Kleinstadt durch den Winter hätte bringen können. Der Mann trug alte Levi’s und ein verwaschenes Sweatshirt, beides nicht allzu frisch, und seine Essmanieren waren, sagen wir mal: einfach. Wenn er seine Bauarbeiter-Arme lachend im Nacken verschränkte, wurden Löcher in seinem Sweatshirt sichtbar.

Carl und ich erkannten den Mann sofort: Es war Bruce Springsteen, der mit seiner Noch-nicht-Ehefrau Patti Scialfa zu Abend aß.

›Born to Run‹ war meine zerkratzteste Single, LPs konnte ich mir 1975 als 15-Jähriger nicht leisten. (Mit 17 fing ich an, in einem Schallplatten-Laden namens ›Govi‹ zu jobben, um LPs zum Einkaufspreis ergattern zu können.) Im Sommer 1976 besorgte mir ein befreundeter, in Regensburg stationierter GI aus Philadelphia ein verbilligtes Ticket für mein erstes Springsteen-Konzert. Er spielte in Frankfurt und die knapp vierstündige Show kam für mich einer semi-religiösen Erfahrung gleich. Seitdem haben mich ›The Boss‹, seine E-Street Band und ihre Songs durchs Leben begleitet. Als Springsteen über Mädchen, Motorräder und Autos sang, waren das gerade exakt meine Themen. Als er politisch wurde, versuchte ich mich gerade als Miniatur-Aktivist und gab gemeinsam mit Schulkameraden eine Schüler-Zeitung mit dem peinlichen Titel ›Calypso‹ heraus, die sofort nach der ersten Ausgabe vom Direktor, einem erzkonservativen Mann namens Duschl, verboten wurde. Springsteens Songs drehten sich zufällig immer genau um die Themen, die mich gerade beschäftigten: Liebe suchen, Liebe finden, Liebe verlieren, Trennungen ertragen, Politisches Engagement und Rückgrat zeigen, sich nicht anpassen oder verbiegen lassen.

In den 70ern engagierte sich Springsteen mit No Nukes gegen Kernkraft. Später, während der Stahlkrise unter der ›eisernen Lady‹ Maggie Thatcher, spendete er die Einnahmen seiner Konzerte in England arbeitslosen Jugendlichen. Er finanzierte ›Children of the Night‹, um ›Runaway kids‹ zu helfen und sie von der Straße zu holen. Was für ein Vorbild. Selbst im Rentenalter dauern seine Konzerte noch dreieinhalb Stunden, nach zwei Stunden schickt er die Band in die Pause und macht allein auf der Bühne weiter. Springsteen musste nicht mit seiner Gitarre hinter Obama herlaufen und zweimal für ihn Wahlkampf machen. Hat er aber. Weil er überzeugt war, dass es das Richtige ist. Unbezahlbar, mit so einem Idol aufwachsen zu dürfen: authentisch und immer bereit, sich für diejenigen einzusetzen, für die der amerikanische Traum nie in Erfüllung gegangen und für die kein Platz auf der Sonnenseite des Lebens ist.

Und nun saß mein Held nur ein paar Meter entfernt, spachtelte, quatschte und lachte mit vollem Mund. Und wirkte genau wie auf der Bühne, in seinen Songs und Videos: Er ignorierte Äußerlichkeiten, war völlig uneitel, dafür umso authentischer, herzlicher, sympathischer. In einem Interview sagte er einmal den simplen Satz: »Love what you do, and have something to say. But put it in simple words.« Springsteen, Sohn eines Busfahrers aus N.J., ist nie jemandem hinterhergelaufen, weder musikalisch noch vom Look her. Seit Jahrzehnten trägt er immer dasselbe: Boots, T-Shirt, Hemd mit hochgerollten Ärmeln, manchmal eine Weste … Nur die Farbe seiner Jeans hat mal gewechselt: von Blau auf Schwarz. Das war’s. Ansonsten spielt er ziemlich gut Gitarre, schreibt die besten Texte seit Bob Dylan, schwitzt nach zwei Songs wie andere nach zwei Stunden Dampfsauna und liebt, was er tut. Ein Held, dem weltweit nach wie vor eine überaus bunte, gewaltige Herde aus drei Generationen folgt, der aber selbst nie eine brauchte: He just always did his thing.

Die dunkle Seite der Herde

Viele von uns scheinen die Herde zu brauchen, dabei ist das Herdenprinzip in vielerlei Hinsicht leider bei uns Menschen pervertiert: Blindes Hinterherlaufen tut uns Menschen selten gut. Das Verführerische einer Herde besteht darin, dass man einfach hinterher trotten und sein Hirn ausschalten kann. Das ist wunderbar bequem. Und gleichzeitig ist es auch der Nachteil: Mit dem Hirn im Standby-Modus stiefelt man dauernd in die Scheiße der Mitläufer und Vordermänner und macht auch sonst jede Menge lästigen Unsinn. Das treibt gelegentlich so kuriose wie schwachsinnige Blüten: ›Pokémon Go‹ z.B., oder die Millionen in China geschlachteten Füchse und Marderhunde, die als überflüssiger Mode-Schnickschnack an den Krägen unserer Jacken baumeln. Oder eine Beobachtung, über die ich immer staune, wenn ich in München zu tun habe: Jahrein, jahraus fahren perfekt gepflegte, schwer nach Diesel stinkende Land Rover durch Schwabing, Max-Vorstadt oder Haidhausen, die hochglanzpolierten Sandbleche akkurat an den Seiten montiert. Doch statt Wasser- und Spritvorrat für die große Wüstentour besteht die Ladung aus verwöhnten Kindern, Golf- oder Kitesurf-Equipment, oder aus einem Hightech-Mountainbike, das noch nie einen Berg gesehen hat. Diese Münchner ›Abenteurer‹ sind in etwa so glaubwürdig wie Deutsch-Banker, die sich für ein soziales Jahr bewerben. Und verschärfen nebenbei das Feinstaub-Problem, das jedes Jahr tausenden Stadtbewohnern die Gesundheit und sogar das Leben kostet.

»Lass sie doch«, könnte man sagen. »Wenn es sie glücklich macht, ihre Charakter- und Persönlichkeits-Defizite per Gelände- und Sportwagen zu kompensieren …« Aber so einfach ist die Sache nicht.

Denn wenn Menschen nach dem Herdentier-Prinzip leben – »Wenn der das macht (oder hat), will ich das auch machen (oder haben)« – dient es selten der Herde (so wie im Sommer 2015). Und die Folgen sind leider nicht nur lustig bis lächerlich. Herdenverhalten kann tatsächlich tödlich sein. Die unglückliche Namensgeberin des Genovese-Effekts musste das am eigenen Leib erfahren.

1964 wird die 28-jährige Catherine ›Kitty‹ Genovese nachts von einem Angreifer durch die Straßen in Queens gejagt und in einem Hinterhof erstochen. Eine halbe Stunde dauert der brutale Angriff auf sie, mindestens 38 Menschen hören sie um Hilfe schreien, einige sehen sogar, wie sie attackiert wird und um ihr Leben rennt. Einer dieser Zeugen ruft aus seiner Wohnung auf die Straße hinunter: »Lassen Sie die Frau in Ruhe!« – und schließt das Fenster wieder. Später gibt er bei der Polizei an, dass er überlegt habe, mit einem Baseballschläger hinunterzugehen. »Ich bin stattdessen schlafen gegangen.« Nur ein einziger der Zeugen alarmiert die Polizei – aber erst viel zu spät.

Dieser Vorfall schockierte das ganze Land. Wie konnte es sein, dass niemand eingegriffen hat? Warum hat kein einziger der Zeugen auch nur einen Finger gerührt, um Kitty Genovese zu retten? Oder anders gesagt: Warum zeigt jedes Gnu mehr Einsatzbereitschaft, sich für sein Herdenmitglied einzusetzen, als der Durchschnitts-Mensch?

Die beiden New Yorker Psychologen John Darley und Bibb Latané wollten den Grund für diese merkwürdige Teilnahmslosigkeit wissen. Unter einem Vorwand ließen sie Versuchspersonen Fragebögen ausfüllen. Nachdem der Versuchsleiter die ›Aufgabe‹ erklärt hatte, verließ er den Raum. Nach einiger Zeit wurde dichter Rauch aus dem Belüftungsschacht in den Raum geleitet. Die Frage war: Wie verhalten sich die Versuchspersonen in diesem Notfall? War ein Proband allein im Raum, reagierte er schnell. In 75 Prozent der Fälle stand er innerhalb von zwei Minuten auf, verließ den Raum und informierte den Versuchsleiter. Befanden sich aber mehrere Personen im Raum, wurden nur 13 Prozent der Probanden aktiv. Meist schauten die Versuchspersonen nur unauffällig, was die anderen machen. Manchmal blieben sie sogar dann noch alle miteinander sitzen, wenn der ganze Raum so dicht mit Rauch gefüllt war, dass sie den Fragebogen nicht mehr lesen konnten. – Ein Gnu hätte bei ersten Anzeichen von Feuer sofort das Weite gesucht!

Darley und Latané schlossen aus diesem und weiteren Versuchen, dass es zwei Gründe für das Verhalten gibt, sich lieber bedeckt zu halten als einzugreifen. Erster Grund: Je mehr Leute in einer Gruppe sind, desto weniger fühlt sich der Einzelne in der Verantwortung. »Sollen sich doch die anderen darum kümmern! Warum ich?« Wenn keiner den ersten Schritt macht, bleiben eben alle stehen. Verantwortungsdiffusion nennen das die Fachleute. Die Verantwortung wird auf so viele Schultern verteilt, dass am Ende gar nichts mehr von ihr übrig ist und niemand sich zuständig fühlt. Genau das hat dazu geführt, dass keiner der Versuchspersonen aufstand und Bescheid sagte: »Hey, hier brennt’s irgendwo!«

Zweiter Grund: Jedes Gruppenmitglied denkt: »Wenn die anderen nicht eingreifen, wird die Situation schon nicht so schlimm sein.« Das ist eine direkte Folge davon, dass in der Herde das eigene Hirn ausgeschaltet ist und das vernünftige Denken aussetzt. »Da vorne ist doch irgendwo ein Leittier! Solange das nicht reagiert, muss ich auch nicht reagieren«, sagt sich das Herdentier und grast weiter. Was ist so schwer daran zu erkennen, dass sich ein Raum mit erstickendem Rauch füllt? Welchen IQ braucht man, um sich aus dem Staub zu machen, wenn es brenzlig wird? Dass sogar ein natürlicher Fluchtreflex ausgeschaltet werden kann, zeigt, wie mächtig der Herdentrieb ist.

Verantwortungsdiffusion, abgeschaltetes Hirn und vermutlich auch die Angst, aufzufallen oder sich zu blamieren – das sind die Gründe, die Kitty Genovese das Leben gekostet haben.

Herdentiere im Einzeltraining

Zunächst sollten wir also akzeptieren, dass wir Menschen Herdentiere sind und unser intuitiver Instinkt dazu führt, erst mal zu gucken, was die anderen so treiben. Aber was mich immer interessiert hat, ist die Frage, wie wir clever mit diesem Herdenverhalten umgehen können, wann es uns (und der Herde) nützt und wann nicht. Wie können wir uns konstruktives Herdenverhalten zunutze machen und destruktives vermeiden? Dazu brauchen wir moralische Instanzen, salopp ausgedrückt: Helden. Die alten Griechen hatten sie, die Römer, sogar die Schweizer und alle Marvel-Comics. Es sind die Helden, die im richtigen Moment die Herde verlassen und Außergewöhnliches leisten.