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Wunderbar, auf diesem Planeten wohnen zu dürfen, uns der Bewährungsprobe zu unterziehen, die Gegensätze erleben und zu dem Bewusstsein zu kommen: „Erkenne Dich selbst“.
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Vorwort
Weichenstellung (Hofnungen und Gegensätze)
Zuckerrüben und der Wert der Seelen?
Bringt einem Mann das Fischen bei!
Ist die Liebe nur Schicksal oder Mitgestaltung?
Sieben Teenager nach Klassenfahrt schwanger
Wie Gerechtigkeit und Barmherzigkeit uns aus der Knechtschaft befreien
Träume müssen sein
Das Leben ist kein oder doch ein Tanz?
Von oben nach unten
War es Zufall, dass sich unsere Wege kreuzten?
Das Skierlebnis und andere Erfahrungen in der Jugend
Liebesgaben – Poesie
Aus Feldpostbriefen, 22. November 1914
Das Richtige tun – zur rechten Zeit und ohne zu zögern
Zeichen erkennen!
Sich selbst meistern. Erkenne dich selbst!
Der Versuchung widerstehen
Die Wahrnehmung während des Medizinstudiums
Ein Vater erinnert sich – die Kräfte im Leben. Ein Gespräch zwischen Vater und Tochter
Dem Übel entgegentreten; dem Guten zusagen
Mit seinen Kindern die Wurzeln der Kommunikation pflegen
Für eine starke Jugend. Sie alle haben Chancen
Aufassungen von Liebe und Akzeptanz
Steht Armut der erfüllten Liebe entgegen?
Bringen wir das Beste in uns hervor! Werde dir und dem Mitmenschen gerecht!
Die Schöpfung! Die Natur zum Beruf machen
Erkenntnis von Licht und Wahrheit erlangen
Bin ich der, der ich sein wollte?
Das unglückliche und traumhafte Liebesleben des Märchenerzählers Hans Christian Andersen
Begebenheiten der Vielfalt
Eine Welt der Hofnung
Wege aus einer Wochenbettdepression
Nimm es an – es stärkt dich!
Düsterer Morgen, strahlender Tag
Der Geist des Jungseins
Die Liebe, die bewegt!
Musik, Familie, geistige Ideale
Schlusswort
Spruch des Tages!
Wer den Menschen studieren und
erkennen will, der unternimmt ein so
schwieriges Werk wie einer, welcher
Tinte anfassen möchte, ohne sich zu
beschmutzen.
(Zwingli)
Die Anziehungskraft der Menschen untereinander bestimmt seit Jahrtausenden das Weltgeschehen in vielfältiger Weise. Schicksale ewiger Lebens- und Liebeskraft begegnen uns in wechselnder Folge. Liebe und Hass, Vergebung und Verurteilung. Dankbarkeit und Gleichgültigkeit lenken unser Handeln. Die Stimme der Natur berührt uns oder lässt uns erkalten. Glücklicher und schöner verbleibt das Innere des Menschen, wenn er sich ewige Grundsätze zu eigen macht:
Wenn du dreimal fällst, stehe viermal wieder auf!
Tu, was ist recht, du ringst nicht vergebens, Wahrheit erreicht nun den Herrn und den Knecht. Tu, was ist recht! Lass dich Folgen nicht sorgen, kämpfe für Wahrheit und Tugend und Recht! Schau auf das kommende Morgen; Gott wird dich schützen, drum tu, was ist recht!
Ein jeder preist nur, was ihm nützt.
(Ramler, Die Krähe und die Nachtigall)
Große Freude empfinde ich dafür, Ihnen, lieber Leser, einen nie endenden Glanz der Lebenszeit mit den Wechselwirkungen aufzuzeigen, was uns stark und widerstandsfähig gegenüber dem Bösen machen kann. Wer die Rüstung der Rechtschaffenheit anstrebt, wird inneren und äußeren Frieden erlangen. Erfüllte Beschlüsse ersparen Bedauern. Je mehr wir mit ganzem Herzen danach streben, glücklich und würdevoll zu werden, desto sicherer vermeiden wir einen Weg, den wir eines Tages bedauern.
Als ich vertrauten Personen das Manuskript zum Lesen zur Verfügung stellte, kamen alle zu dem Ergebnis, dass sie sich entspannt zurücklegen konnten, denn es gibt keine Obszönitäten.
Alles ist so angefasst, dass es den Schwachen, den Starken und den Überflieger auf dem Weg des rechten Weges begleitet.
Dieses Buch soll kein politisches Buch sein. Der aufmerksame Bürger und der beherzte Leser können fast täglich aus den verschiedenen Medien von den nachdenklichen Umständen in der Welt erfahren.
Krankheiten, Seuchen, Gewalt, Betrug, Krieg, Kriegsgeschrei, die Macht der Natur, Erdbeben und dergleichen sind seit alters für die Zeichen der Zeit vorhergesagt.
Ein Mensch, dessen Inneres friedfertig, dem Treue ein praktizierendes Anliegen ist und bliebt, dem Kranken, der unter Schmerzen leidet, jede als Unglück empfundene Trübsal hat die Schöpfung geschaffen, um den Menschen zu stärken und ihn für die wunderbare Zeit der Ruhe in der anderen Welt vorzubereiten. Der Satz ist so gemeint.
Wer diese Prüfungen besteht, wird dereinst in eine Welt der Freude gelangen.
Ich weise auf das Schlussthema über Johann Sebastian Bach hin, der durch seinen unerschütterlichen Glauben und seinen gottgefälligen Lebensstil für viele als Ehemann und Familienvater ein Zeichen für uns alle gesetzt hat.
Wer möchtest du sein?
Erkenne dich selbst!
Werde dir und dem Mitmenschen gerecht!
Der Verfasser
Hellmut Hilse
Siehe auch:
Die Herausforderungen des Lebens annehmen!
Das große Sterben durch Pest und Hungersnot im 14. Jahrhundert wurde im Osten und Westen in unterschiedlicher Weise ausgeglichen. Eine allgemeine Schätzung geht dahin, dass, wenn Deutschland um 1340 etwa 14 Millionen Menschen zählte und sich diese Zahl bis 1470 auf etwa 10 Millionen verringerte, der frühere Stand um etwa 1560 wieder erreicht wurde. Bis zum Dreißigjährigen Krieg dürfte die Gesamtbevölkerung dann noch um 2 oder 3 Millionen gestiegen sein. (W. Abel)
Andere nehmen für die Zeit von 1500 bis 1600 eine Steigerung von 12 Millionen auf 20 Millionen an. Im Jahre 1500 gab es wohl kaum eine Stadt in Deutschland, die wesentlich mehr als 30.000 Einwohner hatte. Zur Spitzengruppe gehörten Köln, Danzig, dann folgten mit etwa 20.000 bis 25.000 Straßburg, Lübeck und Nürnberg. Hamburg, Danzig, Nürnberg und Augsburg wuchsen im 16. Jahrhundert überdurchschnittlich; sie verdoppelten ihre Bevölkerung. Während im Osten noch gelegentlich Stagnationen eintraten, wurde der Westen anscheinend trotz gelegentlicher Pestepidemien von keiner mit den großen Verlusten des 15. Jahrhunderts vergleichbaren Regression mehr betrofen.
Selbst der gewaltsame Tod von etwa 100.000 Menschen im großen Bauernkrieg 1525/26 konnte ofenbar sehr rasch ausgeglichen werden. Noch 1503 hatte die volkstümliche Schrift »Evn christliche ermanung« erklärt: »Die viele sterbunge und pestilenzen sint eine Strafe Gottes, damit die menschen nit zu üppig werden«.
Es muss wohl der Frauenüberschuss in den spätmittelalterlichen Städten in Rechnung gesetzt werden, womit die geburtenregelnde Wirkung kirchlich empfohlener Enthaltsamkeit in der Ehe während der Advents- und Fastenzeit weiter Bestand hat. (Heinrich Lutze)
Einige hundert Jahre später las ein junger Mann diese Zeilen und war zutiefst beeindruckt, denn man hatte ihm vorher erzählt, dass es ähnliche Verhältnisse wieder geben wird. Man erklärte ihm, dabei nahm man das Neue Testament im Lukasevangelium zu Hilfe, dass Plagen, Krankheiten und Seuchen die ganze Erde bedecken werden.
Trotz des Fortschritts der Medizin werden die Menschen in den letzten Tagen vor dem zweiten Kommen Christi in ungeahntem Ausmaß Krankheiten, Plagen und Seuchen ausgesetzt sein. Immer neue Krankheiten, die bisher unbekannt waren, werden die Menschen plagen. Ja, sogar die Plagen und Seuchen von früher werden im Vergleich zu den Krankheiten verblassen, die künftig auf die Welt zukommen. Dieses Wissen ließ den jungen Mann nicht los.
Gibt es denn keinen Weg, das zu verhindern? Aber es steht doch geschrieben, dass alles noch kein Ende haben wird.
Es kam ihm in den Sinn, es müsste doch ein Weg gefunden werden, wenigstens das Leid der Menschen zu mildern, ihnen eine Hofnung zu geben, dass ein Leben danach wertvoll und aussichtsreich erscheint. Er hatte in der 12. Klasse des Gymnasiums sich damit befasst, einmal Arzt zu werden. Doch war für ihn unübersehbar, dass die Medizin mehr ein Faktor der wirtschaftlichen Bilanzen geworden ist, als gemäß dem Eid den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.
Sicher, es gab immer noch Ausnahmen, doch der Trend war unübersichtlich. Mit seinen Eltern besprach er dieses Thema und diese konnten aus ihrem Umfeld berichten, dass es Menschen jeglichen Jahrgangs gäbe, die bei aller medizinischen Hilfe das Leben nicht verlängern konnten.
Viel Nachdenken gab es in den Familien. Wieso nachdenken? Oftmals trat die Frage auf: Was habe ich falsch gemacht? Warum gerade ich? Warum gerade jetzt?
Diese Fragestellung ist zu verständlich, ihre Beantwortung ändert aber nichts an der Tatsache, eventuell eine schwere Erkrankung erleiden zu müssen. Sicher, dieser oder jener konnte es ertragen. Ist da ein Unterschied? Lesen wir dazu einen Fall, dem unser junger Mann dereinst begegnete. Mag es sein, dass das »Ertragen« eine andere Geisteshaltung bedingt, wohl wissend, dass man das, was soeben beschrieben, kaum zu überwinden ist? Ein junges Mädchen, nennen wir sie Dagmar, beschreibt ihre Prüfung wie folgt:
Ich lag in einem Krankenhausbett und es ging mir so elend, dass ich nicht einmal die Augen öfnen konnte. Die Diagnose: akute lymphoblastische Leukämie. Erst vier Jahre zuvor war meine Mutter an einer ähnlichen Krebskrankheit gestorben. Ich musste mich einer starken Chemotherapie unterziehen, die nach Aussage der Ärzte zweieinhalb Jahre lang fortgesetzt werden musste, damit alle Krebszellen vollständig zerstört wurden. Ich konnte nicht begreifen, warum es gerade mich traf und warum gerade jetzt. Schon bald wurde mir bewusst, dass die Krankheit selbst nicht mein einziges Problem war. Eines der Medikamente, das gegen Leukämie eingesetzt wird, ist ein Steroid, das in extrem hoher Dosis verabreicht wird.
Es ist sehr wirksam und zerstört die Leukämiezellen, aber es besteht, vor allem bei Mädchen im Teenageralter, ein geringes Risiko, das man avaskuläre Nekrose nennt (wobei die Knochen an den Gelenken zerstört werden). Meine Ärzte dachten, mit meinen zwölf Jahren sei ich noch so jung, dass ich nicht gefährdet sei. Doch nach einem Monat Chemotherapie hatten die Steroide die meisten wichtigen Gelenke sowie Teile meines Rückgrats zerstört.
Ich hatte ständig Schmerzen. Vier Monate nachdem die Leukämie diagnostiziert worden war, hatte ich meine erste Hüftoperation, die den Schaden, den die Steroide verursacht hatten, beheben und meine Schmerzen lindern sollte. Die Operation verlief aber nicht so gut, wie ich gehoft hatte, und der orthopädische Chirurg sagte mir, ich würde wahrscheinlich nie wieder reiten können.
Plötzlich hatte sich die Zukunft, die ich mir vorgestellt hatte, in Luft aufgelöst. Ich war eine gute Schülerin und ging gern in die Schule. Jetzt konnte ich nicht mehr zur Schule gehen, auch nicht in die Öfentlichkeit, weil die Chemotherapie mein Immunsystem zerstört hatte. Stattdessen war ich zu Hause bei meiner Stiefmutter.
Damals dachte ich, es ginge mir wirklich schlecht, aber es kam noch schlimmer. Sechs Monate nach meiner Hüftoperation musste ich noch einmal an der Hüfte operiert werden, weil die erste Operation nichts gebracht hatte. Ich saß im Rollstuhl, weil mir das Gehen zu große Schmerzen bereitete. Es stand fest, dass ich nie wieder reiten konnte, doch nun fragte ich mich, ob ich überhaupt jemals wieder gehen konnte. Ein Leben lang krank, mit ständigen Schmerzen, an den Rollstuhl gefesselt, das waren trübe Aussichten.
Ich betete zu meinem himmlischen Vater, und ich wusste, dass auch viele andere Menschen für mich beteten. Während der ganzen schweren Zeit betete ich, dass ich geheilt werden möge, dass meine Gelenke wieder heilen und ich die übrige Chemotherapie nicht mehr brauchte. Aber ofenbar wurden meine Gebete nicht erhört, denn ich musste noch immer jede Woche in die Kinderklinik, um weitere Chemotherapie zu erhalten. Ich hatte immer noch Schmerzen. Und ich war weiterhin an den Rollstuhl gefesselt.
Eine Zeit lang dachte ich, meine Eltern müssten verrückt sein, weil sie an einen Gott glaubten, der nicht einmal einem armen kleinen kranken Mädchen zuhörte. Jahre zuvor war mein Glaube in ähnlicher Weise auf die Probe gestellt worden, als ich darum betete, dass meine Mutter wieder gesund werden möge. Sie brauchte die ganze Zeit Sauerstof und war so schwach, dass sie nicht einmal im Haus umhergehen konnte. Ich betete und hofte und betete, dass sie auf wundersame Weise geheilt würde. Aber sie wurde nicht geheilt. Nachdem sie gestorben war, wurde mir klar, dass wir im Gebet um alles bitten können, war wir wollen, dass unser Gebet aber nur erhört wird, wenn wir um das Richtige bitten und darum bitten, dass der Wille des Herrn geschehen möge.
Ich erinnere mich wieder an diese Erkenntnis und bat den himmlischen Vater nicht mehr, mich zu heilen. Vielmehr sagte ich ihm, dass ich mir sehr wünsche, dass die Prüfungen aufhörten, dass ich aber seinen Willen annehmen wolle. Als ich auf diese Weise betete, kam ich besser mit der Chemotherapie zurecht und hatte eine bessere Einstellung.
Unglückliche Umstände lehrten mich, mich von dieser Frage – oder von allem anderen, was eigentlich nicht so wichtig ist – nicht beunruhigen zu lassen. Das war aber erst der Anfang der Segnungen und Antworten auf meine Gebete und Antworten. Aus unserem Bekanntenkreis gaben zwei Priester immer wieder einen Priestertumsegen. Immer wenn ich operiert werden sollte, bat ich um einen Segen.
Der Segen half mir und meiner Familie uns zu beruhigen. Einmal hatte ich hohes Fieber und wir mussten ins Krankenhaus. Bevor wir losfuhren, bat ich erneut um einen Segen. Als wir die Tür zur Notaufnahme öfneten, hatte ich kein Fieber mehr, und ich musste die Nacht nicht im Krankenhaus verbringen. Ich weiß, dass die Macht des wahren Priestertums ein Geschenk von unserem himmlischen Vater ist, der uns liebt. Am Anfang fiel es mir schwer, Hilfe von anderen anzunehmen. Wenn jemand etwas für mich tat, hatte ich das Gefühl, ich könnte gar nichts mehr selbst machen. Aber bald lernte ich, dass es in Ordnung war, um Hilfe zu bitten.
Als ich mich wieder besser fühlte, suchte ich nach Gelegenheiten, auch etwas für andere zu tun. Jetzt bemühe ich mich, anderen so gut ich kann zu helfen. Ich habe ein gutes Gefühl, wenn ich meinen Mitmenschen diene. Deshalb habe ich auch erkannt:
Wenn ich zulasse, dass andere etwas für mich tun, dann ermögliche ich ihnen, dieselben guten Gefühle zu haben. Ich habe gelernt, mehr über die Zukunft und über meine Entscheidungen nachzudenken, weil ich dem Tod so nahe war.
In der Schule hörte ich manchmal, wie Mädchen sich darüber beklagten, dass ihre Haare mal wieder furchtbar aussahen.
Ich saß in meinem rosa Rollstuhl mit einer Perücke auf dem Kopf und dachte: »Immerhin hast du Haare!« Manche Mädchen beklagten sich darüber, dass ihnen beim Gehen die Füße wehtaten, weil sie Schuhe mit hohen Absätzen trugen. Dann sagte ich in Gedanken: »Immerhin kannst zu gehen.« Ich versuche mich auf das große Ganze zu konzentrieren und nicht auf die banalen Dinge, über die ich mir früher oft Sorgen machte.
In den letzten paar Jahren habe ich noch vieles andere gelernt, und daher waren meine Krankheit und die Komplikationen durch die Chemotherapie auch ein Segen. Ich bin meinem himmlischen Vater nähergekommen. Meine Liebe und mein Wissen, dass es ihn gibt, sind gewachsen. Und ich habe gelernt, worauf es wirklich ankommt. Ich weiß zu schätzen, was Menschen für mich tun, auch wenn es nur etwas ganz Einfaches ist. Inzwischen geht es mir besser, ich habe weniger Schmerzen und kann nach und nach meine Gelenke wieder besser bewegen. Während meine Genesung voranschreitet, empfange ich weitere Segnungen und lerne Neues dazu. Also warum gerade ich? Warum gerade jetzt? Ich stelle diese Fragen nicht mehr, weil ich im Laufe meiner Prüfungen geistig gewachsen bin. Ich habe herausgefunden, wer ich wirklich bin, weil der Herr mich so sehr liebt, dass er zugelassen hat, dass ich Unwohlsein erlebe, aber auch die Segnungen bekomme, die damit verbunden sind.
(Der Dagmar geht es inzwischen besser.)
Sie hat in den letzten drei Jahren keine Chemotherapie mehr benötigt. Ihre Gelenke heilen wieder und sie muss nicht mehr im Rollstuhl sitzen. Das Risiko eines Rückfalls besteht zwar, aber darüber macht sich Dagmar keine Gedanken. Stattdessen konzentriert sie sich in ihrem letzten Schuljahr aufs Lernen und übt Oboe und Englischhorn. Kommen wir wieder zu dem Abiturienten zurück, der den Arztberuf anstrebt. Ihm fehlte die Glaubenskomponente wie der Dagmar.
Seine Weitsicht, das Studium mit einer Praxisausbildung zu verbinden, erwies sich als sehr hilfreich für ihn, denn dadurch wurden die Theorie und auch der praktische Teil in der Klinik noch efektiver. Als er nach einigen Jahren sein Studium beendete und die Assistentenzeit im Krankenhaus beendet hatte, ging er nach Afrika, um dort das zu tun, was in der menschlichen Macht stand. Erst nach Jahren fand er eine geistige Brücke zu dem, was er beruflich tat, und zu dem, was man Gott und Heiland nennt.
Beides in Einklang zu bringen befähigte ihn, im Beruf den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Ob er vom Priestertum Gebrauch machte, wissen wir nicht, nur eines, er ist glücklich, trotz aller Anstrengungen, sich so entschieden zu haben.
Fazit: Das Thema Weichenstellung, Hoffnungen und Gegensätze hat sich als praktische Lebensleitlinie erwiesen. Erkenne dich selbst!
Wenn wir die Aufmerksamkeit auf schwache Empfindungen vermehren lernen, so können sie uns den Dient von starken tun.
(Lichtenberg)
Erfried gehört zu der Generation, die noch ganz exakt mitbekommen hat, als es hieß: Seit dem Krieg gefangen. Sein Vater gehörte dazu. Wie viele Kriegsgefangene hält die Sowjetunion noch in ihren Lagern zurück?
Die Briten bezifern deren Zahl auf drei Millionen. Die Sowjets räumen ein, sie hätten noch knapp 0,9 Millionen in ihrem Gewahrsam; einer Million sei bereits die Rückkehr erlaubt worden. Franzosen halten noch 630.000 Exsoldaten fest, die Briten etwa 430.000, die Schritt für Schritt entlassen werden sollen. Auch in Polen und Belgien arbeiten deutsche Kriegsgefangene – meist im Bergbau.
Der gesunde Bauernbetrieb musste in den Kriegsjahren notdürftig am Leben erhalten werden, dank der Mutter, Oma und anderer hatte Erfried, geboren 1930, die Hauptlast zu tragen. Die Mechanisierung war anscheinend über Jahrzehnte stehen geblieben; man verließ sich auf bewährtes Material wie einen alten, viel zu unhandlichen Eisenpflug, der von den Pferden kaum gezogen werden konnte. Der Traktor aus den 30er Jahren war schwerfällig und nicht für jede Bodenstruktur geeignet, denn es gab noch nicht die technische Möglichkeit, die Auflagefläche der Räder zu vergrößern, um den Druck pro Kubikzentimeter so zu verringern, dass der Schaden der Bodenstruktur gering blieb. Man hatte den Eindruck, dass es nach dem Krieg noch schlechter lief als in den 30er Jahren und Anfang der 40er Jahre.
Die Presse, z.B. der SPIEGEL, umschrieb einige Jahre später die Situation wie folgt:
Magere Jahre.
Die Kältewelle wird von einer Hungersnot abgelöst, gegen deren Auswirkungen Randalierer und Demonstranten protestierten. Wer ist für den Mangel an Nahrungsmitteln verantwortlich – deutsche oder alliierte Bürokraten? Oder gar Schieber und Schwarzhändler, denen nun die Todesstrafe angedroht wird.
Der Hausherr war erst vor kurzem aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, eine Zeit der unbeschreiblichen Drangsal, Mangelerscheinungen und psychischer Belastung; andere Aussagen seien hier ausgeklammert, denn das bescheinigte man ja der eigenen Nation gegenüber anderen zur Genüge.
Man prägte den Begriff: Steine statt Brot!
Dazu lassen sich folgende Fakten anführen, die die Menschen in der Stadt intensiver trafen als Erfried und seine Familie. Aber der Nachwelt sei es angemerkt, um ihren Stand der Gegenwart mit anderen Augen sehen zu können. 23 Monate nach dem Waffenstillstand, drei Monate nach der Zonenfusion und einen Monat nach dem Hunger. Es dokumentierten die beiden größten seefahrerischen Nationen erneut, dass sie nicht imstande sind, genug Getreide in die Länder zu transportieren, über denen ihre Fahnen als bedingungsloses Gebot aufgepflanzt sind.
An manchen von Bomben zerstörten Häusern wurde über den ehemaligen Geschäften in weißer Farbe geschrieben: Wir wollen Taten – Worte machen nicht satt! Ein deutscher Oppositionspolitiker verstieg sich in der Bemerkung: Solange ein Teil der Landwirtschaft in beiden Westzonen seiner Pflicht nicht genügt habe …
Hatte er übersehen, dass Niedersachsen 90 % des Getreide-Solls, Bayern 88 % und Württemberg 93 % abgeliefert hatten? Wusste die Regierung überhaupt, unter welchen ökologischen und biologischen Bedingungen der Anbau betrieben werden musste?
Die Kornkammer des Ostens, die mehr als 45 % des gesamten Bedarfs abdeckte, war in anderer Hand. An Import war nicht zu denken, denn die Struktur, die technische Ausrüstung und das ökologische und biologische Wissen waren dort noch weiter zurück als bei uns.
Erfried, durch seinen zurückgekehrten Vater in seiner Wahrnehmung unterstützt, hatte im elterlichen Betrieb den Einsatz des Handwerkszeugs in den 1940er Jahren aktiv miterlebt und die ganze Familie wusste, dass die Nährstofe für die Kulturpflanze, die sich ausschließlich auf den Naturdünger der Viehwirtschaft erhob, nicht das Potenzial hatten, um ein optimales Wachstum des Getreides, der Rüben und so weiter zu gewährleisten. Rübenernten von 45 Tonnen pro Hektar waren Realität und ließen sich in den kommenden Jahren auf 70 Tonnen pro Hektar steigern.
Hinzu kam, dass die Bodentypen noch unzureichend erkannt waren, sodass ein gezielter Einsatz von Düngemitteln nicht möglich war. In manchen Äckern hat die Staunässe wegen nicht gegebener Entwässerung zu Erosionen geführt. Sicher, solche Böden waren Übergangstypen und wurden mit folgenden Bezeichnungen verdeutlicht: Landböden, Grundwasser- und Überflutungsböden, Moore. Der mit Leidenschaft und wirklichem Wissen ausgestattete Landwirt nennt die Grundvorgänge der Bodentypen vereinfacht wie folgt: der Aufbau eines Humuskörpers und die Verlagerung von Stofen; Auswaschung, Anreicherung.
Durch die politischen und wirtschaftlichen Umstände war der Entwicklungsstand der Böden vernachlässigt worden, das Potenzial weitgehend nicht ausgeschöpft. Ein ganz entscheidender Faktor waren und sind das Klima und die Witterung. Für den Städter sei einmal liebevoll an gemerkt: Liebe Städter, es reicht nicht, das Saatgut einfach dem Boden anzuvertrauen, wenn die Vorarbeit zur Bodenstruktur mangels technischer Geräte unzulänglich sein musste und die anderen Faktoren bis zur Reife und Ernte unter erschwerten Voraussetzungen bedingten, dass die Ernteerträge das optimale nicht erreichten. Es vergingen noch Jahre, bis eine ganz beliebte Frucht, die Zuckerrübe, den Durchbruch erfuhr und die industrielle Verarbeitung – viele Anlagen waren zerstört oder veraltet – zur Ernährung beitragen konnte.
Die Zuckerrübe verlangt Standortbedingungen, die vorwiegend im südlichen Niedersachsen, in Braunschweig, in Hildesheim (Börde), im Rheinland zwischen Bonn und Krefeld (Köln-Aachener Bucht), in Süddeutschland in den Gebieten am Main und an der Donau, am nördlichen Oberrhein und in Württemberg gegeben waren.
Es war angestrebt, die Struktur vorausgesetzt, die Anbaufläche zu vervierfachen, um durch weitere Parameter den mittleren Rübenertrag deutlich auf ca. 70 Tonnen je Hektar zu erhöhen. Wer Erfried und seine Familie kennt, der reiht sich ein in Dutzende von Familienbetrieben, die für das Überleben kämpften und ihren Berufsethos hoch hielten. Für sie war es eine große Herausforderung. Sie nahmen diese Chance an. Wie wertvoll die Zuckerrübe war, möchte ich an einer Geschichte wiedergeben, die dem Verfasser vor einigen Jahren anvertraut wurde. Eine Geschichte mit einem ernsten und weitsichtigen Hintergrund, den zu verstehen einem Appell, einem Sinnbild, gleichkommt. Darin heißt es: …Stellen wir uns einmal einen Bauern vor, der mit einem ofenen Zugwagen voller Zuckerrüben unterwegs zu einer Zuckerraffinerie ist. Sein Weg führt ihn über eine holprige, unbefestigte Straße und einige Zuckerrüben fallen vom Wagen und bleiben verstreut am Wegesrand liegen. Als der Bauer feststellt, dass er einige Zuckerrüben verloren hat, weist er seine Helfer an:
»In den Rüben, die vom Wagen gefallen sind, ist genauso viel Zucker.« Die Zuckerrüben sind – der Vergleich ist sinnbildlich wertvoll – wie die Mitmenschen, die uns anvertraut sind. Diejenigen, die von dem Anhänger gefallen sind, sind Männer und Frauen, die Jugendlichen und Kinder, die, aus welchem Grund auch immer, den Weg verlassen haben und nicht mehr in Gemeinschaft verweilen. Über diese Seelen, die für unseren Vater und unseren Herrn von so großem Wert sind, sage ich mit ähnlichen Worten wie der Landwirt:
»Diejenigen, die auf dem Weg zurückgeblieben sind, sind genauso wertvoll. Gehen wir zurück und holen wir sie wieder in den Schoß des Vertrauens und der Liebe der Gemeinschaft.«
Gerade in der heutigen Zeit lassen sich manche von uns von der Strömung der vorherrschenden Meinung mitreißen. Andere werden von den Wellen turbulenter Zeiten hin und her geworfen.
Wieder andere werden hinabgezogen und versinken im Strudel der Sünde. Das muss nicht so sein. Wir haben die wahren Lehren. Wir haben die Programme. Wir haben die Menschen, die Familien, die alles daran setzen, jede Seele zu retten. Man kann zusammenfassend betonen: bleibe bis zum Ende treu.
Ernst hörte auf zu paddeln. Er saß in seinem kleinen Auslegerkanu und betrachtete den Sonnenuntergang über dem großen Meer auf der anderen Seite der Bucht. Jahrelang hatte er hier mit seinem Vater gefischt. Doch heute sah er vor lauter Tränen den vertrauten Anblick nur verschwommen. Heute war er allein. Während das Kanu sanft auf dem Wasser schaukelte, konnte er hören, wie sein Vater so oft zu ihm gesagt hatte:
»Schau aufmerksam zu, Ernst. Einmal, wenn ich nicht mehr da bin, musst du wissen, wie du unsere Familie ernähren kannst.«
Nun war der Tag da, auf den sein Vater hingewiesen hatte und auf den er ihn hatte vorbereiten wollen. Aber dieser Tag war viel zu früh gekommen. Ernst war erst 16 Jahre. Er war noch nicht bereit. Ernst achtete seinen Vater.
Jahrelang hatte er ungeduldig gewartet, bis sein Vater endlich sagte, er sei alt genug, ihm dabei zu helfen, die Netze auszulegen oder einzuholen. Damals war Ernst sieben Jahre jung. Sein Vater verdiente mit dem Fischen nicht viel Geld, aber es reichte, um Ernst, seine fünf Schwestern und ihre Mutter zu ernähren.
Nun aber – erinnern wir uns an den Tod des Porschefahrers – war sein Vater nicht mehr da. Er war ganz plötzlich gestorben. Es brach Ernst das Herz. Mit seinem Vater hatte er seinen Helden verloren, seinen Mentor.
Zu dem Schmerz kam noch die erschreckende Erkenntnis, dass er nun die Aufgabe übernehmen musste, auf die sein Vater ihn vorbereiten wollte. Nun musste Ernst für seine Familie sorgen.
In der ersten Woche nach dem Tod seines Vaters konnte er nicht einmal ans Fischen denken. Wusste er doch, welche Gefahren die Natur (das Meer) in sich birgt. Vorsicht, Aufmerksamkeit und überlegtes Handeln wurden jemals gefordert.
Die Gezeiten sind ein Naturphänomen. Dank der wunderbaren Erziehung dahingehend, dass die Eltern dem Sohn den Optimismus, das Selbstwertgefühl förderten, kam in dieser Situation der Gedanke in ihm auf: Wie der Vater, so der Sohn!
Obwohl Ernst nicht daran gezweifelt hatte, dass er in die Fußstapfen seines Vaters treten konnte, erkannte er doch, dass er mehr zustande bringen konnte, als er gedacht hatte. »Viel hat sich verändert – wie ich denke, wie ich alles betrachte, wie ich etwas anpacke«, meinte Ernst. »Ich habe erkannt, dass ich tun kann, was mein Vater getan hat.« Ernst ist seinem Vater ähnlicher geworden, als er es für möglich gehalten hatte. »Ja, ich bin mit der Verantwortung gewachsen; erwachsener geworden.« Er ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten – als Fischer und als Lehrer.
»Bring einem Mann das Fischen bei!« heißt es am Anfang dieser Geschichte. Lerne mit allem verantwortungsbewusst umzugehen; schütze deine Familie und trage Verantwortung für ihr Wohl und bewahre sie durch überlegtes Handeln vor Schaden und Kummer.
Stärke deine Kinder, damit sie sich den Aufgaben ohne Angst, ohne Unsicherheit stellen können, wohl wissend, dass Erfahrung durch nichts zu ersetzen ist (auch beim Autofahren).
Wie man nicht nur Kinder fürs Leben stärkt.
Wie gut Kinder mit Rückschlägen umgehen, hängt größtenteils davon ab, wie gut ihre Eltern sie darin unterstützt haben, die Einstellung und die Kompetenzen zu entwickeln, die ihnen innere Kraft verleihen. Das Leben ist voller Prüfungen, sagt Lyle J. Burrup.
Manche werden durch den »Schmelzofen des Elends« geläutert. Das klingt ziemlich beängstigend. Man fragt sich vielleicht, ob man inmitten von Prüfungen überhaupt glücklich sein und inneren Frieden finden kann. Die innere Einstellung setzt Signale. Der für diese innere Widerstandskraft verwendete Begrif Resilienz bezeichnete ursprünglich die Fähigkeit eines Materials, die ursprüngliche Form oder Lage wieder einzunehmen, nachdem es gebogen, gedehnt oder zusammengepresst worden war.
Heute wird mit diesem Begriff die Fähigkeit beschrieben, dass man sich auch bei Widrigkeiten rasch wieder fängt. Wir wissen zweierlei über Widrigkeiten und Widerstandskraft:
Es gibt in allem einen Gegensatz.
Alles, was von großem Wert ist, erfordert auch große Opfer. Kinder, die Lebenstüchtigkeit entwickeln, kennen und akzeptieren diese beiden Tatsachen. Sie gehen davon aus, dass das Leben viele Herausforderungen bietet und ständige Veränderungen bereithält, glauben aber daran, dass sie damit fertigwerden können. Sie betrachten Fehler und Schwächen als Chance, dazuzulernen, und gehen davon aus, dass mitunter dem Sieg eine Niederlage vorausgeht. Alle, die innere Widerstandskraft entwickeln, gehen davon aus, dass sie durch Anstrengung, Einfallsreichtum, Wissen und Können Einfluss darauf nehmen oder sogar steuern können, wie sich ihr Leben entwickelt.
Mit dieser Einstellung konzentrieren sie sich auf das, was sie tun können, statt auf das, worauf sie keinerlei Einfluss haben.
Innere Widerstandskraft zeigt sich außerdem in der Einstellung, dass das Leben und auch jeder Mensch einen tiefen Sinn und eine Bestimmung haben. Dieses Bewusstsein hilft uns, nicht gleich zu resignieren, obwohl sie Rückschläge erleiden oder unter Druck gesetzt werden. In dem Maße, wie wir und jeder Jugendliche seelische Widerstandskraft entwickeln, verinnerlichen sie auch grundlegende Werte ihres Selbstverständnisses wie Nächstenliebe, Tugend, Redlichkeit, Ehrlichkeit, Arbeitsmoral. Sie bringen sich in das Geschehen ein.
Perfektionismus untergräbt die seelische Widerstandskraft.
Die Entwicklung innerer Widerstandskraft kann auch durch eine falsche Auffassung von dem Gebot, dass wir vollkommen sein sollen, beeinträchtigt werden. Diese falsche Auffassung ist meiner Beobachtung nach der häufigste Faktor, der die seelische Widerstandskraft auszuhöhlen vermag. Man will in allem perfekt sein, weil man seinen Eltern oder dem Nächsten gegenüber seine Verbundenheit und sein Vertrauen zeigen will. Dabei verstehen wir oft nicht, dass das Streben nach Vollkommenheit nicht bedeutet, dass man niemals Fehler macht.
Vielmehr werden wir, indem wir uns bemühen, besser zu werden, seitens einer höheren Perspektive unterstützt. Diese zweifelhafte Auffassung kann auch daher rühren, dass die Gesellschaft besonders den Jugendlichen vermittelt, dass nur Talent und Leistung ihren Wert bestimmen. In der Schule (auch in der Schule des Lebens und im kommunalen Leben, bisweilen sogar in der Familie) erleben wir, wie Altersgenossen wegen irgendeiner besonderen Begabung gelobt, bewundert und anerkannt werden. Also versuchen sie ebenfalls, diesem Anspruch gerecht zu werden.
Und dabei bekommen nicht nur junge Menschen Angst vor einem Misserfolg – Angst vor Fehlern, die ihnen unterlaufen können.
Also nehmen wir meist das in Angrif, wovon wir meinen, dass es auch gelingt. Fühlt man sich unsicher, schiebt man es vor sich her. Seien wir uns bewusst:
Der Perfektionismus wird zum Zuchtmeister und mindert unsere seelische Widerstandskraft.
Mal ehrlich, »Erkenne dich selbst!« heißt der Titel dieses Buches. Es gibt umfassende Berichte, Kommentare und Wegweiser, wie die Liebe zu gestalten ist. Jeder setzt unterschiedliche Schwerpunkte. In der Jugend wird sie dominiert von dem Bedürfnis, die Manneskraft gegenüber dem »Weib«, positiv gemeint, zu beweisen, oftmals ohne die eventuellen Folgen zu beachten.
Es muss so schnell gehen, der Verstand bleibt auf der Strecke und die Hormone bestimmen das Handeln. Wer hat davon nicht immer wieder gehört und im nahen Umkreis erlebt, wie ein 15-jähriges Mädchen Mutter wird und der jugendliche Vater außerstande ist, die Verantwortung als Vater zu übernehmen.
Die junge Mutter steht allein da und ist auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen, muss ihre schulische Laufbahn unterbrechen oder aufgeben, hat bezüglich der Gründung einer neuen Familie eine Erblast zu tragen, die zu überwinden oftmals unmöglich ist! Ein geflügeltes Wort bezüglich der Liebe lautet:
Unter Liebe verstehe ich stets die Naturkraft in ihrer schönsten Erscheinung, die uns allen auch heute noch, mögen wir zu den Gebildeten oder den Ungebildeten gehören, das Herz bewegt und unser Leben beeinflusst!
Vergessen wir nie, dass wir vor Naturereignissen stehen, wenn wir den ewigen Tauschprozess der Liebe im Menschenleben nachspüren und ihr Rätsel zu erraten versuchen. Zweifellos sind diese lebendigen Rätsel die interessantesten, die uns das Leben aufgibt, betonte in den 20er Jahren ein Frauen- und Menschenkenner, der es gegenüber der Gegenwart gewagt hat, das Edle der Liebe in den Vordergrund zu stellen.
Die Eltern wissen um die Leidenschaft einer blühenden Tochter oder eines draufgängerischen Sohnes, wenn sie sie nicht belehren, damit vorausblickend umzugehen. Kann man aus dieser Aussage vielleicht ableiten, dass die Kinder, die aus Liebe geboren werden, sich von denen unterscheiden, die aus gleichgültigen oder gar feindlichen Verhältnissen hervorgehen?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass zwei Menschen, die sich aus oberflächlichen oder geschäftlichen Gründen verbinden, Kinder mit lebendigen Liebeskräften gebären. Ein Wissenschaftler, getragen von der eigenen Erfahrung, kommt zu folgendem Schluss:
Diese Liebeskraft nimmt zu, je mehr sich unser Menschenleben der Natur nähert, und nimmt ab, je weiter uns die Technisierung unseres Lebens von der Natur entfernt.
Im Zusammenhang mit dem Miteinander kann folgendes Zitat zum Nachdenken anregen:
»Nicht die Bosheit richtet das meiste Unheil an, sondern die Dummheit.«
Das allein kann der Grund sein, warum noch heute die wenigen Sätze der Bergpredigt des Christus so unumstößlich und ungeheuer wirksam sind. Er erkannte die Liebe. Hier muss man klar herausstellen, dass Christus die Liebe nicht zur eigenen Befriedigung verwandte, sondern für die Erlösung der Menschheit. In der heutigen Zeit, wo die biologische Reife beider Geschlechter im Vergleich der 50er Jahre, besonders beim weiblichen Element, spürbar sichtbarer und erlebbarer sein kann, steht die Verantwortung beider Geschlechter im Vordergrund.
Es war in der zweiten Hälfte der 80er Jahre, als die Eltern der 17-jährigen Anni bemerkten, dass die männliche Generation auf sie aufmerksam wurde. Schon seit Monaten traf sie sich überregional mit Jungen und Mädchen gleichen Alters, von den Eltern der Jugendlichen gefördert und unterstützt, denn hier wurde entgegen den allgemeinen Gepflogenheiten darauf geachtet, dass Alkohol, Zigaretten und andere verführerische Mittel keinen Platz finden.
Man ging so miteinander um, dass die geschlechtliche Distanz gewahrt wurde; daran hielten sich beide Geschlechter, obwohl man weiß, der Mensch ist in diesen Jahren ganz mit sich selbst beschäftigt und mit den Menschen, denen er begegnet; sie müssen zuerst begreifen, dass die sexuelle Befreiung hier noch keinen Platz hat, wohl aber die geistige Befreiung dahingehend, dass man sich weitgehend für das Gute und Wertvolle im Umgang miteinander entscheidet.
Die Anni lernte bei diesem Trefen den gleichaltrigen Alfredo kennen. Sie, ein gewisser Schönkopf, natürlich, selbstbewusst, mit guten Grundsätzen erzogen, und, so sollte man sich wünschen, dass bei dem Freund (Alfredo) diese Grundsätze ebenfalls verwurzelt waren bzw. dass er aus einem ebenso gegliederten Haushalt stammte. Sie sind beide nach den Grundprinzipien der Reinheit und Zurückhaltung erzogen, mit einem Geist der Rechtschaffenheit, wie man auch zu sagen pflegte.
Welche Eltern gestatten es der Tochter dann nicht, ihren Freund zu besuchen, ein Wochenende in der Wohnung seiner Mutter zu verbringen, wenn beide Eltern die gleichen Grundsätze beachten, so hoft man. Es ist nachvollziehbar, dass das junge Temperament, die seelische Empfindsamkeit und ein ruheloser Geist immer wieder auf die Probe gestellt werden. Wer hat nun wen erobert? Er sie oder sie ihn?
Man kann davon ausgehen, dass es ein Tauschprozess war, wo sich immer zwei Pole begegnen, die gerade aus natürlichen Gegensätzen – wie in der Natur selbst – Harmonie entwickeln.
Das ist die eine Seite der jungen Lebensjahre. Doch eine Zweisamkeit in Eigenverantwortung setzt voraus, dass beide Seiten in ihren Handlungen vorausschauend agieren. Er keinen Schulabschluss und ohne Beruf; sie noch in der Lehre und mit Blick auf die Abschlussprüfung; aber das allein ist noch keine Basis für eine gesicherte Zukunft in Eigenverantwortung mit allen damit verbundenen finanziellen Verpflichtungen eine Ehe zu führen.
Die Eltern der Anni dachten damals gar nicht so weit; sie vertrauten darauf, dass beide sich der Auswirkungen ihres Handelns bewusst waren, wenn sie gewisse Gebote der Vorsicht überschritten. Es ist kein Rosenleben, kein Erlebnis von Blühen und Duften, wenn neben der Liebe die sachliche Vernunft herausgefordert wird; mögen sie das so empfunden haben?
Wer sich in Gefahr begibt, kann darin umkommen.
Die berufliche Perspektive der Anni zeigte sich in ihrer Lehre bei einer Fachärztin. Sie stand kurz vor der Zwischenprüfung und der Sinn sollte sich auf die Abschlussprüfung ausrichten. Das ganze Berufsschulwesen stand damals auf dem Prüfstand. Schulmeister, der Förderer der Jugend? Erinnern wir uns: Die Zwergschulen hatte man aufgelöst.
Mit der Vorstellung der Bildung in der Grundschule und in weiterbildenden Schulen ergänzte sich das Berufsschulwesen. Immer neue Berufe entwickelten sich gemäß den Erwartungen. Die technischen und wirtschaftlichen Erfordernisse mussten berücksichtigt werden. Es entstand hin und wieder Frust.
Es war im Sommer des Jahres 1986. Der neu erbaute Winkelbungalow der Eltern von Anni stand mitten in einem Nutzungsgebiet. Die überdachte Terrasse warf leider wenig Licht in die angrenzenden Räume, denn das Holz war, wie damals üblich, nicht weiß, sondern in Buchenfarbe gestrichen.
Die Eltern und die anderen Geschwister der Anni schauten die Abendnachrichten.
Man berichtete erneut vom Mai des Jahres, wo es um den Kampf um »Atom« ging. Friedliche Demonstrationen, brutale Chaoten, eine fahrlässig unvorbereitete Polizei, die Gasgranaten einsetzt, trefen vor dem Gelände der geplanten Atomwiederaufbereitungsanlage im bayrischen Wackersdorf aufeinander.
Die Folgen: einige hundert Verletzte. Die Anlage wird nie gebaut. Die »Pfingstschlacht« von Wackersdorf war eine Gelegenheit, ihre Wut loszuwerden. Drei Tage lang gab es auch in Wackersdorf Szenen wie in Brokdorf (1977 und 1981) oder Gorleben (1980).
