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Wohin man auch sieht – Attraktivität und Schönheit sind allgegenwärtig und aus unserem täglichen Leben kaum mehr wegzudenken. Viele Frauen eifern diesem Ideal nach und nehmen allerhand an Kosten, Schmerz und Leid in Kauf, um ihre Wunschfigur oder ihr Zielgewicht zu erreichen. Die erhoffte Zufriedenheit stellt sich meistens trotzdem nicht ein. Was also sind die Mechanismen, Ursachen und Gründe dafür, dass viele Frauen einen täglichen Kampf gegen den eigenen Körper führen? Ein negatives Körperbild ist häufig mit einem gestörten Essverhalten, überhöhten Leistungsansprüchen an sich und den Körper und einem niedrigem Selbstwertgefühl verbunden. Die Neubearbeitung des Ratgebers will all jene ansprechen, die mit sich und ihrem Körper unzufrieden sind und einen Weg aus dem Teufelskreis aus Diätverhalten, Disziplin, Kontrolle oder sozialer Zurückgezogenheit suchen. Der Ratgeber geht auf Zusammenhänge zwischen Essstörungen und dem negativen Körperbild ein und zeigt Möglichkeiten auf, den eigenen Körper wieder akzeptieren zu lernen. Zahlreiche Übungen, Beispiele und Arbeitsblätter erleichtern die Auseinandersetzung mit eigenen körperbezogenen Ansprüchen und Idealen und tragen so zum Abbau von Ängsten und Befürchtungen im Umgang mit dem eigenen Körper bei.
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Veröffentlichungsjahr: 2015
Anika Bauer
Silja Vocks
Tanja Legenbauer
Wer schön sein will, muss leiden?
Wege zu einem positiven Körperbild − ein Ratgeber
2., überarbeitete Auflage
Dipl.-Psych.Anika Bauer, geb. 1983. Seit 2012 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Osnabrück.
Prof. Dr. Silja Vocks, geb. 1972. Seit 2011 Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Osnabrück.
Prof. Dr. Tanja Legenbauer, geb. 1973. Seit 2014 Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der LWL Universitätsklinik Hamm, Medizinische Fakultät der Ruhr-Universität Bochum.
Die erste Auflage des Ratgebers ist unter der Autorenschaft von Tanja Legenbauer und Silja Vocks mit dem Titel „Wer schön sein will, muss leiden? Wege aus dem Schönheitswahn − ein Ratgeber“ erschienen.
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Umschlagabbildung: © Rolf Schulten, Berlin
Satz: Beate Hautsch, Göttingen
Format: EPUB
2. Auflage 2016
© 2005 und 2016 Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen
(E-Book-ISBN [PDF] 978-3-8409-2716-4; E-Book-ISBN [EPUB] 978-3-8444-2716-5)
ISBN 978-3-8017-2716-1
http://doi.org/10.1026/02716-000
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Einleitung
Schlankheitswahn und Schönheit – Leitbegriffe unserer heutigen Kultur?
1 Was sind Essstörungen?
1.2 Was bedeutet es, an einer Magersucht zu leiden?
1.3 Was bedeutet es, an einer Bulimie zu leiden?
1.4 Welche Ursachen und Auslöser für Essstörungen gibt es?
2 Die vier Komponenten eines negativen Körperbildes
2.1 Warum wird das Körperbild in vier Komponenten unterteilt?
2.2 Wie wir unseren Körper wahrnehmen
2.3 Welche Rolle spielen Gedanken über den Körper hinsichtlich des Körperbildes?
Arbeitsblatt 1: „Was ich denke, wenn ich mich im Spiegel sehe“
2.4 Wie wirken sich Gefühle auf das Körperbild aus?
Arbeitsblatt 2: Zusammenhang zwischen Gedanken und Gefühlen
2.5 Verhaltensweisen, die mit einem negativen Körperbild in Zusammenhang stehen
2.6 Störungen des Körperbildes
2.7 Kriterien für eine Störung des Körperbildes
2.8 Modell zur Entstehung und Aufrechterhaltung eines negativen Körperbildes
Prädisponierende Faktoren (Entstehungsbedingungen)
Aufrechterhaltende Faktoren
3 Spieglein, Spieglein an der Wand – wer ist die Schönste hier im Land?
3.1 Wer entscheidet, was schön ist?
Arbeitsblatt 3: Was ist Attraktivität?
3.2 Die Entwicklung eines negativen Körperbildes
Soziokulturelles Modell
Soziale Vergleiche
Einfluss der Umgebung – Hänseleien
Arbeitsblatt 4: Die Entwicklung meines Körperbildes
Arbeitsblatt 5: Individuelles Entstehungsmodell Ihres Körperbildes
4 Kleider machen Leute – Gedanken auch?
4.1 Die schwarze Gedankenbrille erkennen
Arbeitsblatt 6: Meine Grundannahmen
Arbeitsblatt 7: Meine automatischen Gedanken
4.2 Verschiedene Typen automatischer Gedanken
Arbeitsblatt 8: Automatische Gedanken und Fehlerkategorien
4.3 Eine neue Sicht auf die Dinge – Gedanken verändern
Arbeitsblatt 9: Veränderung automatischer Gedanken
5 Lernen, den Körper anders zu sehen
5.1 Die Vogel-Strauß-Technik – Was ist eigentlich Vermeidungsverhalten?
5.2 Übung macht den Meister – Vermeidungsverhalten abbauen
Spieglein, Spieglein an der Wand … jetzt gilt es!
Arbeitsblatt 10: „Ich verspreche mir“
Arbeitsblatt 11: Notizen bei der Spiegelexposition
Arbeitsblatt 12: Protokollbogen
5.3 Die Schokoladenseite entdecken ... durch die rosarote Brille geblickt
Arbeitsblatt 13: Positive Seiten entdecken – Notizen bei der Spiegelexposition
5.4 Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen – Außenübungen
Arbeitsblatt 14: Mein körperbezogenes Vermeidungs- und Kontrollverhalten
Arbeitsblatt 15: Vermeidungshierarchie
Arbeitsblatt 16: Planung einer eigenen Konfrontationsübung
6 Ich liebe ihn, ich liebe ihn nicht ...
6.1 Wer schön sein will ... darf genießen? – Aufbau positiver Aktivitäten
Arbeitsblatt 17: Liste angenehmer körperbezogener Tätigkeiten
Arbeitsblatt 18: „Ich verspreche mir“
7 Ende gut, alles gut? – Rückfällen vorbeugen
Arbeitsblatt 19: Was ich an mir mag ...
Arbeitsblatt 20: Rückfallsituationen
Anhang
Weiterführende Literatur
Essstörungen
Schönheit und Körper
Selbstbewusstsein
Biografien
Zitierte Literatur
Internetlinks
Bildnachweis
Wohin wir auch blicken, begegnen uns heutzutage schlanke, perfekt aussehende Frauen – allerdings weniger im normalen Alltagsleben als in Frauenzeitschriften, in Filmen und Fernsehserien, auf Plakatwänden sowie im Internet. Die Medien vermitteln durch diese Omnipräsenz ein Schönheits- und Schlankheitsideal, das maßgebend für eine ganze Generation junger Frauen geworden ist und dessen Verwirklichung für viele eine so große Bedeutung hat, dass hierfür selbst radikalste Maßnahmen in Erwägung gezogen werden. Die Anzahl durchgeführter Schönheitsoperationen nahm in den letzten Jahren zu, ebenso ist die Häufigkeit gestörten Essverhaltens deutlich angestiegen. Woher kommt das? Warum versuchen viele Mädchen und Frauen, einem genormten Schönheitsideal zu entsprechen, welches vor allem durch messbare Größen wie den Body-Mass-Index oder das Verhältnis von Taille und Hüfte charakterisiert ist? Es scheint, dass individuelle Besonderheiten als unerwünscht empfunden werden, insbesondere, wenn sie von gängigen Attraktivitätsvorstellungen abweichen. Doch nicht jede Frau eifert diesem propagierten Schönheitsideal nach. Vielen gelingt es, auch ohne perfekten Körper glücklich und zufrieden mit sich, ihrem Aussehen und ihrem Leben zu sein. Was sind also die Mechanismen und Ursachen, die bei einigen dazu führen, sich dem Streben nach Schönheit und Perfektion zu verschreiben und hierfür körperliche und seelische Bedürfnisse zu ignorieren?
Wie viel Leid und Qual aus dem Streben nach Schön- und Schlankheit entstehen kann, bleibt oft verborgen. Häufig befinden sich die Betroffenen in einer Abwärtsspirale, die mit einer allgemeinen Körperunzufriedenheit beginnt und mit einem negativ verzerrten Körperbild im Sinne einer Körperbildstörung endet. Ein negatives Körperbild bzw. dessen Entstehung ist oft mit gestörtem Essverhalten, überhöhten Leistungsansprüchen und niedrigem Selbstwertgefühl verbunden. Oftmals stellen die angestrebte Gewichtsabnahme, der schlankere Körper und die vermeintlich gewonnene Attraktivität einen unbewussten Versuch |8|dar, individuelle Probleme und Unzulänglichkeiten zu lösen, ohne dass die Wechselwirkungen dieses Teufelskreises wahrgenommen werden. Die Entwicklung einer klinisch relevanten Essstörung wie Magersucht (Anorexie) oder Ess-Brechsucht (Bulimie) ist nicht selten.
Dieser Ratgeber möchte darüber informieren und aufklären, wie ein negatives Körperbild entsteht, welche Folgen es hat und wie man aus dem Teufelskreis negativer Körperwahrnehmung wieder ausbrechen kann, um sich selbst und den eigenen Körper wieder annehmen und zu sich und seiner Individualität stehen zu können. Er richtet sich sowohl an Frauen, die an Magersucht oder Bulimie leiden, als auch an Frauen, die sich in ihrem Körper unwohl fühlen und sich und ihren Körper ablehnen, ohne dass eine Essstörung besteht.
In Kapitel 1 gehen wir allgemein auf die Merkmale von Magersucht und Bulimie ein und liefern Ihnen in Kapitel 2 Informationen über Hintergründe der Entstehung und Aufrechterhaltung eines negativen Körperbildes. Wir schließen damit, dass die verschiedenen Aspekte in einem Erklärungsmodell miteinander in Verbindung gesetzt werden.
In Kapitel 3 stellen wir Ihnen die verschiedenen Einflussfaktoren auf das Körperbild noch einmal im Detail vor. Ziel dieses Kapitels ist es, dass Sie am Ende eine Idee davon haben, wie es bei Ihnen persönlich dazu kam, dass Sie eine negative Einstellung zu Ihrem Körper entwickelt haben.
Da das Körperbild von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst wird und somit ein sehr komplexes Konstrukt darstellt, ist es auch schwer zu verändern. Ist das Körperbild erst einmal negativ, erfordert dessen Veränderung einiges an Arbeit. Daher sind in Kapitel 4 bis 7 verschiedene Übungen zur Verbesserung des Körperbildes beschrieben. Zu jeder Übung gehört ein Arbeitsblatt mit Fragen, das Ihnen bei der Durchführung und Interpretation der Aufgaben helfen soll.
Kapitel 4 beschäftigt sich mit Einstellungen und Gedanken, die Sie bezüglich Ihres Körpers haben und zeigt Wege auf, wie Sie daran arbeiten können, diese zu verändern. Daran schließt sich das Kapitel 5 an, welches verschiedene Methoden bei der Bearbeitung eines negativen Körperbildes auf der Wahrnehmungsebene schildert. Dazu gehört, sich |9|mit seinem Körper aktiv auseinanderzusetzen und ihn anzusehen. Dabei sollen sowohl negative als auch positive Aspekte des eigenen Körpers betrachtet werden. Diese Übungen dienen dazu, sich von den Erwartungen der Umwelt frei zu machen und sich mit dem eigenen Körper und dem individuellen Aussehen anzufreunden. In Kapitel 6 werden dann verschiedene Möglichkeiten vorgestellt, dem Körper auf positive Art und Weise, beispielsweise durch den Einsatz von Entspannungsübungen oder anderen angenehmen körperbezogenen Aktivitäten, zu begegnen und darüber die bisherige Vermeidung solcher Aktivitäten abzubauen. In Kapitel 7 geht es abschließend darum, wie Sie Ihre Erfolge stabilisieren, mögliche Schwierigkeiten im Vorfeld erkennen und damit umgehen können.
Es ist sinnvoll, die Kapitel nacheinander durchzuarbeiten, da die Informationen und Übungen zum Teil aufeinander aufbauen.
Sie können die Übungen durchaus allein machen, aber wenn Sie Frauen mit ähnlichen Problemen kennen, können Sie sich vielleicht zusammentun. Die Übungen können teilweise schwierig oder anstrengend sein, so dass es hilfreich sein kann, wenn andere Ihnen zur Seite stehen und Sie sich gegenseitig ermutigen können.
Das Lesen allein kann Sie schon ein Stück weiterbringen, doch wenn Sie grundlegende Veränderungen erreichen wollen, sollten Sie die Übungen auch tatsächlich durchführen. Das Buch ist sicher kein Garant dafür, dass Sie über Nacht ein positives Körperbild gewinnen. Ihre Einstellung zum Körper hat sich über lange Jahre entwickelt, geben Sie sich daher die Zeit, die Sie brauchen, um diese Einstellung wieder zu verändern. Einige werden länger brauchen, andere weniger lang. Versuchen Sie, Ihr eigenes Tempo zu finden.
Sie haben das Recht – und die Verantwortung – Ihren eigenen Körper nach realistischen Standards zu beurteilen, und das Recht darauf, sich in Ihrer eigenen Haut wohlzufühlen (Freedman, 2002).
Osnabrück und Hamm, Herbst 2015
Anika Bauer, Silja Vocks
und Tanja Legenbauer
Fallbeispiel: Frau S.
Ich habe so einen dicken Bauch. Auch wenn alle sagen, dass das nicht stimmt und meine Figur loben, bin ich doch extrem unzufrieden damit – insbesondere, wenn ich etwas gegessen habe und sich der Bauch danach wölbt und noch dicker anfühlt als sonst. Am liebsten würde ich gar nichts mehr essen, damit mein Bauch immer flach bleibt. Mit leerem Magen fühle ich mich direkt selbstbewusster und wohler, gehe lieber mit anderen aus und kann die Zeit mit ihnen eher genießen. Dies ist mittlerweile aber nur selten der Fall, denn fast immer, wenn ich etwas esse, fühle ich mich einfach nur furchtbar unwohl und unattraktiv. Am liebsten verkrieche ich mich dann zu Hause und mag keinen Menschen mehr sehen. Verabredungen habe ich deswegen schon oft abgesagt.
Am Beispiel von Frau S. ist zu sehen, dass das eigene Wohlbefinden mit vielen verschiedenen Aspekten zu tun hat. Zum einen führt die Ablehnung des eigenen Körpers dazu, dass sie nicht gerne ausgeht und sich von ihren Freunden zurückzieht. Sie beschreibt, dass ihr Selbstbewusstsein sehr eng an ihr Aussehen geknüpft ist und ihre Stimmung sehr stark von der wahrgenommenen Figur abhängt. Außerdem richtet sie ihr Essverhalten danach aus, wie sie sich fühlt. Empfindet sie ihren Bauch als aufgebläht und dick, versucht sie, nichts zu essen oder mehr Sport zu treiben, um ihren Körper „in Form“ zu bringen. Figur und Gewicht nehmen in ihrem Leben einen zentralen Stellenwert ein.
Nicht bei jeder Frau muss das Ausmaß an Körperunzufriedenheit so stark ausgeprägt sein wie bei Frau S. Die Einschränkungen und auch Auswirkungen auf das Essverhalten sind so schwerwiegend, dass man bei Frau S. eine Essstörung vermuten könnte, wenn die übrigen Kriterien (vgl. Seite 13 ff.) erfüllt sind. Hauptsächlich geht es hierbei um die Symptome der beiden bekannten Erkrankungen Magersucht und Bulimie. Im Vordergrund steht bei diesen beiden Störungsbildern der gestörte Umgang mit Essen.
Bei der Magersucht steht das Auslassen von Mahlzeiten bzw. die vollständige Nahrungsverweigerung mit einer Gewichtsabnahme bis hin zu starkem Untergewicht im Vordergrund, bei der Bulimie hingegen |12|leiden die Frauen an immer wieder auftretenden Essanfällen und damit einhergehendem Erbrechen, um nicht an Gewicht zuzunehmen. Neben diesen Hauptmerkmalen gibt es weitere Symptome, die in der Berichterstattung der Medien eher im Hintergrund stehen. Das negative Körperbild gehört zu den seltener erwähnten Aspekten bei Essstörungen.
Inwieweit hängt nun eine negative Einstellung zum eigenen Körper mit einer Essstörung zusammen? Zunächst einmal konnte in wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen werden, dass Frauen, die an einer Essstörung leiden, zumeist auch eine sehr negative Einstellung zum eigenen Körper aufweisen. Oft beschreiben sich die Frauen als zu dick, obwohl ihr Gewicht im Normbereich oder sogar unterhalb der medizinisch empfohlenen Gewichtsgrenzen liegt. Studien zur Körperwahrnehmung zeigten, dass sich Frauen, die an einer Essstörung leiden, bei der Betrachtung des eigenen Körpers weniger ausführlich und negativer beschrieben als Frauen ohne Essstörung, und zudem kaum positive Eigenschaften des Körpers benennen konnten (Tuschen-Caffier, Vögele, Bracht & Hilbert, 2003). Ebenso überschätzten Frauen mit Essstörungen ihre eigenen Körperdimensionen und empfanden sogar ihre Bewegungen als schwerfälliger (Vocks, Legenbauer, Rüddel & Troje, 2007). Da ein negatives und verzerrtes Körperbild somit bei vielen Frauen mit Essstörungen vorzuliegen scheint, wurde dieses Merkmal in die Richtlinien zur Erkennung und Diagnosestellung für Essstörungen aufgenommen. Nachfolgend werden die beiden Krankheitsbilder etwas ausführlicher beschrieben.
Frauen, die an einer Magersucht leiden, sind auffallend dünn. Sie versuchen, durch Reduktion oder Vermeidung der Nahrungsaufnahme ihr Gewicht möglichst niedrig zu halten. Dadurch geht der Kontakt zum Körper und seinen Bedürfnissen mehr und mehr verloren – wichtig ist vor allem der Kopf, der kontrolliert und steuert. Das Gefühl, autonom und unabhängig zu sein, wird über die Kontrolle des Körpers erreicht. |13|Betroffene kochen gern und viel für andere, essen selbst davon jedoch nichts oder täuschen das Essen vor. Im Verlauf der Erkrankung kapseln sich Betroffene immer stärker ab. Nichts ist ihnen gut genug. Diese überhöhten Ansprüche und Alles-oder-Nichts-Denken schränken die Lebensqualität zusätzlich ein.
