Wer stiehlt dein Herz? - Claudia M. Möller - E-Book

Wer stiehlt dein Herz? E-Book

Claudia M. Möller

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Beschreibung

"Sind Sie so herzlos, dass Sie einer Großmutter ihr einziges Enkelkind vorenthalten?" Nein, herzlos ist Jennifer nicht. Auch wenn sie sich darauf gefreut hat, die Parfümeriekette ihrer Chefin zu übernehmen, krempelt sie für den kleinen Enrico ihr Leben um. Aber sie fürchtet, dass der undurchschaubare Massimo Romano sie nur zu seiner Familie in Italien lotsen möchte, um an das Sorgerecht zu kommen. Nur zögerlich stimmt sie einem langen Urlaub in der Toskana zu. Sechs Wochen, das würde ... das müsste sie überstehen. Dabei hat Jennifer nicht bedacht, dass sich in dieser Zeit ganz schön viel ändern kann. Meinungen, aber auch Gefühle ... Als ein Geheimnis aus der Vergangenheit seiner Familie Massimo in Gefahr bringt, muss Jennifer eine Entscheidung treffen. Eine Liebesgeschichte zwischen Zypressen und Olivenhainen, warmherzig und spannend.

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Wer stiehlt dein Herz?

Wer stiehlt dein Herz? 1. Kapitel 2.Kapitel 3.Kapitel 4. Kapitel 5. Kapitel 6. Kapitel 7. Kapitel 8. Kapitel 9. Kapitel 10. Kapitel 11. Kapitel 12. Kapitel 13. Kapitel 14. Kapitel 15. Kapitel 16. Kapitel 17. Kapitel 18. Kapitel 19. Kapitel 20. Kapitel 21. Kapitel 22. Kapitel 23. Kapitel 24. Kapitel 25. Kapitel 26. Kapitel Impressum

1. Kapitel

Jennifer beobachtete die ältere Frau, die gerade die Parfümerie betreten hatte. Sie kannte diesen Gesichtsausdruck: Unsicherheit, Neugier und der Wunsch, sich nach dem Einkauf besser zu fühlen.

Freundlich lächelnd ging Jennifer auf sie zu. „Guten Morgen! Kann ich Ihnen helfen?“

„Oh, ich denke schon. Ich suche etwas für meine Freundin. Sie wird nächste Woche sechsundsechzig und ich wollte ihr eine Creme oder so was schenken.“

Jennifer nickte und führte sie zu einem der Regale. Schnell suchte sie mehrere Cremes heraus und erklärte der Kundin die jeweiligen Vorzüge.

„Könnten Sie mir noch den Preis sagen?“ Mit ihren grauen Augen sah die Kundin sie bittend an. Jennifer hatte den abgetragenen Mantel und die alten Schuhe mit einem Blick erfasst und war von vornherein im mittleren Preisniveau geblieben.

Die Dame wählte die günstigste Creme und meinte: „Sie haben mich so gut beraten. Ich denke ich nehme gleich zwei. Eine für meine Freundin – und die andere gönn ich mir selber.“ Sie nickte, als müsste sie sich rechtfertigen. „Das muss schließlich auch mal sein.“

Jennifer stimmte der Kundin zu und ging mit ihr zur Kasse. Margot Heidina, Jennifers Chefin, lächelte ihr im Vorbeigehen wohlwollend zu.

„Darf ich Ihnen etwas als Geschenk einpacken?“, fragte Jennifer, während sie die Preise einscannte.

„Ja, bitte beides als Geschenk. Ich freu mich immer so, wenn ich was auspacken kann.“

Jennifer unterdrückte ein Schmunzeln, verstand die Frau aber gut. „Gerne.“ Sie nahm das Geld entgegen, wechselte und begann mit geschickten Fingern die Cremeschachteln in pastellbuntes Papier einzuschlagen. Zum Schluss zauberte sie eine üppige Schleife auf jedes der Päckchen. Danach öffnete sie die Schublade mit den Duftproben.Little Secrets of Paris and Berlin purzelte ihr entgegen. Jessicas Lieblingsparfum. Wehmütig legte Jennifer die Probe zur Seite. Wie lange hatte sie nichts von ihrer kleinen Schwester gehört? Viel, viel zu lange.

„Vielleicht gefällt Ihnen dieser Duft“, sagte sie zu ihrer Kundin und zeigte ihr eine dunkelgrüne Probe. „Und ich glaube, der Herr vor der Tür wartet auf Sie, oder? Ich gebe Ihnen auch etwas für ihn mit.“

Die Dame errötete leicht. „Oh, danke. Mein Mann wollte nicht mit reinkommen. Deshalb steht er da wie bestellt und nicht abgeholt.“

Jennifer lachte, füllte alles in eine kleine Papiertüte und überreichte sie der Frau mit einem herzlichen Abschiedsgruß.

Margot verabschiedete gerade den Postboten, der ein großes Paket neben der Tür abgeladen hatte. Sie versuchte es anzuheben, verzog genervt das Gesicht und schob es dann mit dem Fuß über den polierten Marmorboden auf Jennifer zu. Anerkennend schüttelte ihre Chefin den Kopf. „Von deinem Verkaufstalent kann wirklich jeder noch was lernen. Diese Kundin kam doch jetzt nur rein, um eine bloß nicht zu teure Creme zu kaufen. Und du bringst es fertig, dass sie mit gleich zwei den Laden verlässt.“

Jennifer zuckte mit den Schultern. „War keine Absicht. Ich hab ihr nur erzählt, wie ich die Creme finde.“ Jennifer empfahl grundsätzlich nur Dinge, die sie selbst für gut befand.

In diesem Moment kam Agatha durch die verspiegelte Tür, die zu den Lagerräumen führte. Margot deutete auf das Paket. „Ach, sei doch so lieb und räum die Schaumbäder hinten ins Regal, Agatha. Ja?“

Mit regloser Miene nickte die Auszubildende. Jennifer ahnte, dass sie eigentlich in die Mittagspause wollte; es war fast zwölf Uhr. Margot war eine gute, jedoch auch strenge Chefin. Widerspruch wäre unklug. Jennifer lächelte Agatha aufmunternd zu, als sie das Paket an ihr vorbeischob und wieder im Lagerraum verschwand.

„Erzähl, Liebes, was macht dein Verlobter?“

Jennifer schüttelte den Kopf. „Er ist nicht mein Verlobter.“

Margot machte eine wegwerfende Handbewegung, bei der ihre feuerrot lackierten Fingernägel im Sonnenlicht, das durch die Schaufensterscheiben fiel, aufblitzten. „Das kommt sicher bald“, meinte sie. „Aber du ziehst dein Abendstudium doch trotzdem durch?“ Margot lachte auf. „Nicht dass die Familienplanung dich für immer davon abhält.“ Der Blick, mit dem sie Jennifer fixierte, war ohne jeden Humor.

Jennifer schluckte und dachte an gestern, als sie und Ralf am Zebrastreifen vor dem Kindergarten standen. Sie fand die Kleinen so süß und sagte das auch. Aber Ralf meinte, dass er höchstens ein Kind wollte – und das bestimmt nicht so bald. Das hatte Jennifer sehr getroffen. Es tat jetzt noch weh, wenn sie an den abfälligen Ton in seiner Stimme dachte. Dabei hatte sie sich bisher nie mit dem Thema beschäftigt. Sie liebte ihren Beruf und freute sich auf die Karriere, die sie vor sich hatte. Aber sie liebte eben auch Kinder.

Ihre Chefin sah sie noch immer fragend an.

„Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“, sagte Jennifer leichthin. Margot nickte zufrieden. „Dann kann ich mich also darauf verlassen, dass ich meiner Lieblingsmitarbeiterin meine Geschäfte übergeben kann, wenn ich in Rente gehe?“

Jennifer sah sie schalkhaft an und verbeugte sich kurz. „Es wäre mir eine überaus große Ehre, wenn ich Ihre Nachfolge antreten dürfte, oh Königin der Duftwässerchen und Schönheitstiegel.“

Lachend gab Margot ihr einen Klaps auf den Unterarm. „Ach du …“

Jennifer wurde ernst. „Na klar kannst du dich darauf verlassen. Das weißt du doch!“

„Hast du schon was von der Uni gehört?“

Jennifer schlug sich gegen die Stirn. „Das weißt du ja noch gar nicht. Sogar für den gewünschten A-Kurs hab ich den Platz. Mitte September gehts los.“

„Na, Gratulation, Liebes!“

Gegen halb acht öffnete Jennifer die Tür zu ihrem Reihenhaus. Beate, ihre Mitbewohnerin, war bei ihrem Yogakurs. Also war Jennifer heute Abend allein zu Hause. Sie schüttelte gerade den Becher mit der Salatsoße, als das Telefon klingelte.

„Frau Schmidt, hier spricht Schwester Maja, Klinikum Großhadern. Ihre Schwester Jessica Schmidt bittet Sie, zu ihr zu kommen.“

Fast hätte Jennifer den Becher fallen lassen. Ihr Herz raste. „Jess im Krankenhaus? Geht es ihr gut?“

„Am besten Sie kommen schnellstmöglich“, antwortete die Schwester ausweichend und Jennifer wurde schlecht.

„Wohin? Ich meine, welche Station?“

„Geburtshilfe? Sie wissen doch sicher von der Schwangerschaft. Die Entbindung ist für heute geplant, Ihre Schwester erwartet Sie.“

Nachdem Jennifer aufgelegt hatte, starrte sie auf das Telefon. Das konnte nicht wahr sein. Alles fühlte sich merkwürdig unwirklich an. Wie unter einer Glasglocke zog sie eine Jacke über, nahm ihren Autoschlüssel und fuhr zur Klinik.

Geburtshilfe, grübelte sie auf der Fahrt. Jess war schwanger? Dabei wusste Jennifer nicht mal etwas über einen Freund. Nach dem Tod ihrer Eltern vor vier Jahren hatte Jess die Schule abgebrochen und war als Backgroundsängerin mit einer Band durch die Welt getingelt. Dabei war „Welt“ wörtlich zu nehmen. Gelegentlich hatte sie sich gemeldet. Einmal aus Kuba, ein anderes Mal aus Sydney, dann aus New York, Alaska, Kanada und Indien. Das letzte Mal, als Jennifer von ihr gehört hatte, war sie in Barcelona.

Jennifer dagegen hatte ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau abgeschlossen und war höchstens für einen Kurztrip nach London oder Paris zu haben. Eigentlich war sie zu Hause immer am zufriedensten gewesen. Sie war ja auch nicht allein. Beate, die Freundin ihrer verstorbenen Mutter, war nach deren Tod zu ihr gezogen.

Und Jess? Wie war es ihr ergangen? Wenn Jennifer ehrlich war, wusste sie so gut wie nichts über das Leben ihrer Schwester. Was nicht ihre Schuld war, fand sie. Immer wieder hatte sie Jess ermuntert, nach Hause zu kommen. Doch sie hatte stets abgelehnt. Aber jetzt mit dem Baby … Jennifer lächelte. Auch wenn sie von der Überraschung schockiert war, freute sie sich. Sie wurde Tante!

An der Pforte fragte Jennifer nach der Zimmernummer. Nicht lange danach stand sie vor der richtigen Tür und machte sich plötzlich doch Vorwürfe. Hätte sie Jess hartnäckiger auffordern sollen, nach Hause zu kommen? Und wenn sich Jennifers Gedanken in den letzten Jahren nicht so viel um ihre Karriere gedreht hätten, wäre sie dann nicht öfter auf die Idee gekommen, bei ihrer kleinen Schwester nachzuhaken, wie es ihr ging? Vorsichtig klopfte sie.

Nachdem sie ein leises „Ja“ gehört hatte, drückte Jennifer die Klinke und trat ein. Das eine Bett war leer, in dem am Fenster lag eine Frau. Schon von Weitem erkannte Jennifer die rotbraune Löwenmähne, doch als sie nähertrat, erschrak sie. Jess hatte immer schon helle Haut, doch nun war sie erschreckend bleich und ihre braunen Augen wirkten riesig. Ein zaghaftes Lächeln erschien auf ihrem immer noch hübschen Gesicht. Jennifer riss sich zusammen, sie nicht weiter anzustarren.

„Jess, was machst du für Sachen?“, fragte sie munter und zog sich einen Stuhl ans Bett. Ihre Schwester setzte sich etwas auf und streckte die Arme aus. In ihrem Handrücken befand sich eine Nadel, an der eine Infusion angeschlossen war. Vorsichtig umarmte Jennifer ihre Schwester.

„Du hättest mir früher Bescheid sagen sollen. Dann hätte ich auch was von deiner Schwangerschaft gehabt.“ Sie lächelte Jess an, erschrak aber gleich, als sie sah, wie sich deren Augen mit Tränen füllten. Schnell griff sie nach der Hand ohne Infusionsnadel und streichelte sie beruhigend. „Aber, aber, nicht traurig sein. Jetzt bin ich ja da und alles wird besser. Du wirst schon sehen.“

Tatsächlich nickte Jess zustimmend. „Wie geht es Beate?“, fragte sie leise. Ihr Blick zeigte echtes Interesse.

„Gut, sie ist seit einem halben Jahr in Rente und blüht richtig auf.“

„Das ist toll, dass sie bei dir wohnt. So bist du nicht allein.“ Sie strich über ihre Bettdecke, dann hob sie den Blick und sah Jennifer eindringlich an. „Ich bekomme gleich einen Kaiserschnitt. Die Schwangerschaft ist nicht gut verlaufen und die Ärztin meint, man sollte nicht länger warten.“

„Wo wohnst du? Steht für das Baby alles bereit?“

Jessica schüttelte den Kopf. Bestürzt sah Jennifer sie an. „Aber, Jess –“

Mit einer rigorosen Handbewegung brachte ihre Schwester Jennifer zum Schweigen und klammerte sich plötzlich an ihren Arm. „Du musst mir versprechen, auf den Jungen aufzupassen. Versprich es mir, Jenny. Bitte versprich es mir!“

Jennifer sah die Panik in ihrem Gesicht und nickte langsam. „Sicher, aber du wirst ja da sein und …“

„Wenn mir was zustößt, dann sorgst du für das Kind, ja? Bitte, Jenny!“

„Jaja. Ich verspreche es ja“, sagte Jennifer beruhigend. „Das ist doch logisch, wenn ich jetzt Tante werde.“ Den Stolz in ihrer Stimme unterdrückte sie nicht.

Aufatmend ließ Jess sich wieder in die Kissen zurücksinken. „Danke. Ich hab es auch bei den Schwestern und der Ärztin vermerken lassen, dass du dann das Sorgerecht erhalten sollst.“

„Und der Vater?“, fragte Jennifer.

Jess schüttelte den Kopf. „Er will uns nicht. Er hat sich sehr deutlich ausgedrückt.“

Jennifer atmete tief ein. Was Männer betraf, war Jess nie ein Kind von Traurigkeit. Dass sie jetzt so dasaß, war nicht verwunderlich. Aber auch nicht richtig! Jennifers Beschützerinstinkt lief zur Hochform auf.

„Soll ich mal mit ihm reden? Gib mir seinen Namen.“

„Nein!“, rief Jess. „Nein, nein, es hat keinen Zweck. Lass es gut sein. Auf gar keinen Fall kontaktierst du ihn.“

„Ist er verheiratet?“

„Nein. Vergiss ihn einfach, Jenny. Ich hab ihn auch schon fast vergessen.“ Ihre Schwester sah sie mit einem so schmerzerfüllten Gesichtsausdruck an, dass Jennifer plötzlich sehr zornig auf diesen Mann wurde.

„Es ist ein Junge und ich möchte, dass er Enrico getauft wird“, fuhr Jess fort.

„Der Vater muss aber doch –“

Die Tür wurde mit Schwung geöffnet und eine junge Krankenpflegerin eilte herein. „Frau Schmidt, ich fahr Sie jetzt in den OP, ja?“ Sie nickte Jennifer freundlich zu. Also stand Jennifer auf und umarmte Jess noch einmal. „Das wird schon“, flüsterte sie ihr zu. „Alles Gute! Ich warte vor dem OP auf dich.“

Ein Lächeln huschte über die angespannten Züge ihrer Schwester. „Danke!“ Sie hielt Jennifers Hand, bis das Bett aus dem Zimmer geschoben wurde.

Ob sie bei der Geburt dabei sein durfte, traute sich Jennifer nicht zu fragen. Letztlich war sie der Ansicht, dass es nicht ihre Entscheidung war. Doch ihre Schwester schaute nur noch einmal über die Schulter. „Du hast es versprochen.“

Jennifer brachte ein beruhigendes Lächeln zustande, obwohl Ungeduld in ihr hochstieg. Oder war es Angst? Dennoch sagte sie freundlich: „Bis nachher.“ Der Aufzug lag nicht weit von dem Zimmer. Als sich die Tür hinter dem Rücken der Krankenschwester geschlossen hatte, fügte sie leise hinzu: „Ich freu mich auf das Baby.“ Das war die beste Nachricht seit … nun, seit … überhaupt.

Jennifer ging nach draußen an die frische Luft.

Ihre Gedanken waren bei Jess. Was war nur aus ihrer hübschen, lebensfrohen Schwester geworden, die immer auf die Bühne gedrängt hatte? Egal. Nun war sie nach Hause zurückgekehrt und Jennifer würde schon dafür sorgen, dass Jess wieder zu ihrer alten Natur fand. Na ja, zumindest zu der positiven Seite. Manchmal war ihr ihre Schwester ein bisschen zu leichtsinnig. Vielleicht sah sie selbst die Welt aber auch viel zu ernst?

Entschlossen zog Jennifer ihr Smartphone aus der Tasche und schrieb Beate. Sekunden später kam die Antwort.

„EHRLICH?“

Jennifer musste lächeln. Beate hatte schon oft von ihrer Ausbildung erzählt – und davon, wie gut es ihr damals auf der Baby- und Kinderstation gefallen hatte.

„Das ist eine supertolle Wahnsinnsnachricht! Ich musste eben einen Jauchzer von mir geben und die Leute sehen mich jetzt ganz komisch an. Bis nachher! Freu mich auf Einzelheiten.“

Jennifer ging wieder rein und setzte sich in den Warteraum vor dem OP. Ein Paar saß in der Nähe der Tür, ging aber bald.

Jennifer blieb allein zurück und dachte weiter an Jess, die früher nie – wirklich nie – ängstlich gewesen war. Weshalb hatte sie sich jetzt erst bei ihr gemeldet? Jess hatte so verzweifelt gewirkt. Jennifer verstand es einfach nicht und betete, dass es Jess nach der Entbindung besser ging. Noch einmal zog sie ihr Smartphone aus der Tasche und tippte eine Einkaufsliste für das Baby. Im Haus wäre in jedem Fall genügend Platz für sie alle. Ich werde darauf achten, dass es Jess mit jedem Tag besser geht, sagte sie sich. Die Minuten zogen sich in die Länge. Direkt vor ihr hing ein Aquarell. Nach einer Weile hatte Jennifer das Gefühl, jeden Pinselstrich des Blumenstraußes auswendig zu können. Aber sie wartete geduldig weiter.

Irgendwann hörte sie Schritte im Flur. Ein grauhaariger Arzt erschien in der Tür, der sie so ernst ansah, dass ihr unwillkürlich kalt wurde.

„Frau Schmidt?“

Jennifer stand auf und der Arzt gab ihr die Hand.

„Doktor Harald, guten Abend. Ich muss Sie sprechen, kommen Sie bitte mit.“

Jennifer folgte ihm in eines der Büros. Ein ungutes Gefühl konnte sie nicht abschütteln und kaum war die Tür geschlossen, fragte sie drängend: „Ja?“

„Bitte setzen Sie sich.“ Doktor Harald zeigte auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.

Widerwillig ließ Jennifer sich darauf sinken.

„Ich muss Ihnen jetzt leider etwas sehr Schlimmes mitteilen.“

Jennifer spürte, wie die Farbe aus ihrem Gesicht wich. Sie hatte es bereits geahnt, als der Mann in der Tür erschienen war. Und Jess? Sie hatte vermutlich auch etwas geahnt. Sicher war sie deshalb so merkwürdig gewesen. Jess war Jennifers einzige lebende Verwandte … und nun war auch sie gegangen.

Jennifer konnte es nicht begreifen und doch fing sie bitterlich zu weinen an. Der Arzt legte ihr mitfühlend eine Hand auf die Schulter. Was er zu ihr sagte, verstand sie zuerst nicht. Bestimmt hatte er sich bereits mehrmals wiederholt, bevor er zu Jennifer durchdrang.

„Das Baby lebt. Es ist ein Junge. Den Umständen entsprechend noch etwas klein, sonst aber gesund, wie es momentan aussieht.“ Er klopfte ihr auf die Schulter. „Kommen Sie, ich bringe Sie zu ihm.“

Wollte sie das? Einen Moment kämpfte Jennifer mit einem Gefühl der absoluten Abneigung. War dieses Kind nicht schuld an dieser Tragödie?

„Kommen Sie“, wiederholte Doktor Harald seine Aufforderung.

Als bewegte sie sich durch zähen Dunst, stand Jennifer auf und folgte ihm. In dem Zimmer auf der Säuglingsstation gab es nur wenige Babybettchen. Eine ältere Krankenschwester nickte ihr ernst zu, als Jennifer hinter dem Arzt den Raum betrat, und schob ihr eines der Bettchen entgegen.

Jennifer hatte nicht gewusst, dass man sich mit nur einem Blick so bedingungslos verlieben konnte. Doch als sie das kleine Wesen dort liegen sah, winzig, hilflos und so unschuldig, überkam sie eine Welle des Mitgefühls und der Zuneigung.

„Enrico“, flüsterte sie leise und strich ihm sanft über eine seiner winzigen Pausbäckchen.

2.Kapitel

Massimo Romano öffnete das Küchenfenster und blickte über die Dächer von Florenz; danach machte er sich einen Cappuccino. Sonst las er morgens die Zeitung, aber heute fehlte ihm die innere Ruhe dafür. Wieder nahm er sein Handy. Keine neuen Nachrichten.

Noch einmal wählte er Alessandros Nummer. Diesmal war wenigstens der Anrufbeantworter angestellt. Nachdem vorher nur dieses widerliche Klicken zu hören war, als wäre Massimos Nummer gesperrt.

„Ciao Sandro, ich bins noch mal. Du hast dich auf meinen Anruf gestern Abend nicht gemeldet. Ich wollte dich an unseren Termin erinnern. Wir treffen uns am besten vor dem Hotel und gehen dann gemeinsam rein. Ich hoffe, wir bekommen den Zuschlag. Meld dich bitte zurück, damit ich weiß, dass das nachher klappt.“

Angespannt legte er sein Handy zur Seite. Der Kauf des Einkaufszentrums in der Nähe war ihm so wichtig. Nach all den Jahren, die er weltweit unterwegs gewesen war, hatte er beschlossen, sich wieder mehr auf Italien zu konzentrieren. Er mochte nicht mehr so viel Zeit an Flughäfen, in Flugzeugen und Hotels verbringen. Eigentlich hörte er sich an wie jemand, der sich zur Ruhe setzen wollte, ging es ihm durch den Kopf … Jedenfalls kam diese Immobilie gerade recht, um einen Anfang in diese Richtung zu machen. Danach würde er sein Fabrikgelände in der Nähe von Los Angeles verkaufen. Aber er dachte über ungelegte Eier nach; zuerst musste er heute den Preis verhandeln. Deshalb hatte er seinen Cousin Alessandro, seit einem Jahr Mitarbeiter in der Geschäftsführung, gebeten, ihn zu begleiten.

Noch einmal wählte er … wieder nur der Anrufbeantworter.

„Hör mal, Sandro. Mir ist dieser Termin sehr wichtig, das hab ich dir ja schon erklärt. Ich geh davon aus, dass du um kurz nach neun da bist. Verdammt noch mal, sonst hätte ich besser Eduardo gefragt!“

Zornig klatschte er mit der flachen Hand auf den Tisch. Dann schloss er das Fenster und verließ die Wohnung mit seinem Aktenkoffer.

Wenig später parkte er seinen Wagen in der Nähe desPiazza Residenza. Von Alessandro war weit und breit nichts zu sehen. Ob etwas passiert war? Massimo lachte hart auf. Hatte er sich nicht geschworen, sich diese Frage bei Sandro nicht mehr zu stellen? Zu oft hatte er sich schon solche Mätzchen geleistet. Massimos Zorn wuchs und er atmete ein paar Mal bewusst tief ein und aus. Es war nicht dienlich, in dieser Stimmung in die Verhandlungen mit George Industries zu gehen. Er hatte bewusst vermieden, seinen Anwalt zu diesem ersten Gespräch mitzunehmen. Das brachte oft so einen unangenehmen Unterton mit sich. Andererseits war es besser, nicht allein zu erscheinen, wenn die Gegenpartei zu dritt kam. Er seufzte und griff nach seinem Aktenkoffer.

Die Verhandlungen würden hart und er war sich nicht sicher, ob er den Zuschlag erhalten würde. Es gab einige Interessenten, so viel hatte er in Erfahrung gebracht.

Am Nachmittag saß Massimo hinter seinem Schreibtisch. Alessandro hätte jetzt eigentlich wenigstens in seinem Büro auf der anderen Flurseite sein müssen, war laut seiner Sekretärin aber schon den ganzen Tag abwesend. Massimo tippte noch einmal die Nummer, wie heute schon so oft. Unglaublich, dachte er kopfschüttelnd, als er jetzt Alessandros Stimme hörte: „Si?“

„Ich bins“, sagte Massimo ruhig. „Ich hätte gerne gewusst, wo du heute Morgen warst.“

„Heute Morgen?Scusi, zu Hause in Milano.“

„Du hattest mir zugesagt, bei diesenGeorge-Verhandlungen dabei zu sein!“ Jetzt konnte Massimo nicht mehr leise sprechen. Immer lauter fuhr er fort: „Ich wollte dich mehrfach anrufen und du bist nicht drangegangen! Das war doch wieder mal Absicht! Deine Unterstützung wäre so von Vorteil gewesen. Wo wa–“

„Jetzt chill mal“, fiel Alessandro ihm ins Wort. „So schlimm wirds schon nicht gewesen sein. Und wenn doch, dann we…“

„Amore mio?“

Als Massimo die piepsige Frauenstimme im Hintergrund hörte, wurde er erst richtig wütend. Das hätte er sich denken können, dass er wegen einer von Sandros Frauengeschichten heute allein in dieser Verhandlung gesessen hatte.

„Du widerst mich an!“, fauchte er ins Telefon.

„Oh Mann, Mo, jetzt krieg dich mal wieder ein. Ist doch nichts passiert. Ich krieg das schon wieder hin.“

„Was genau möchtest du dennjetzt noch hinkriegen?“ Massimo hätte am liebsten etwas an die Wand geworfen. „Die Verhandlung ist geplatzt. Sie verkaufen an die Konkurrenz!“ Den letzten Satz brüllte er so laut, dass es ihm gleich darauf peinlich war. Seine Sekretärin konnte sicher trotz der dicken Tür alles mithören. Mit gemäßigtem Ton fuhr er fort: „Ich erwarte, dass du das nächste Mal mehr Verantwortung zeigst und getroffene Vereinbarungen einhältst. Schließlich muss es auch in deinem Interesse sein, dass die Firma läuft.“

Alessandro gab einen spöttischen Ton von sich. „Aber sicher, Signor Romano. Ob ich jedoch noch ein solches Prachtexemplar an Seriosität werde wie Sie, das kann ich nicht versprechen.“ Er legte auf.

Massimo warf sein Smartphone auf den Schreibtisch und es schlitterte ungebremst über die polierte Fläche. Das Geräusch, als es auf dem Steinboden aufschlug, ignorierte er.

Seit er denken konnte lief das so. Alessandro machte den Fehler und wenn Massimo etwas sagte, war immer er der Böse, Strenge oder Ungerechte. Er hatte seine Tante Rosanna wirklich gern. Aber wenn Alessandro ihn so hinstellte, als wäre er der Perfektionist, der immer gegen ihn arbeitete und nichts anderes im Sinn hatte, als ihn zu kritisieren, empfand Massimo gegen Rosanna eine latente Wut. Wie hatte sie Alessandro, ihr einziges Kind, so verhätscheln können? Dabei war Massimo nie Alessandros Gegner. Er liebte ihn wie einen Bruder.

Seufzend stand er auf. In Wirklichkeit stellte Massimo es sich schrecklich vor, wenn Alessandro ihn nicht mit seinem unbekümmerten Grinsen hin und wieder von der Arbeit ablenken würde. Massimo wusste sehr wohl, dass er oft das Lachen vergaß, und es tat ihm gut, wenn Sandro ihn daran erinnerte.

Massimo ging um seinen Schreibtisch. Vielleicht sollte er ihm das einmal sagen. Aber bestimmt nicht, wenn er ihm gerade die Schuld an dem geplatzten Firmendeal gab.

Er bückte sich nach seinem Smartphone und kontrollierte, ob es Schaden genommen hatte. Zumindest damit hatte er Glück, die Schutzhülle hatte getan, wozu sie da war. Behutsam legte er das Gerät neben seinen Computer und widmete sich danach einem Stapel Akten.

Seiner Mutter hatte er versprochen, heute Abend die Wirtschaftsbücher der Ölplantage zu kontrollieren. Da Vittoria Romano alles, was sie machte, sehr genau nahm, musste eigentlich gar nichts kontrolliert werden. Dennoch bat sie ihn jedes Jahr darum.

Bis zum frühen Abend hätte er seine Akten abgearbeitet und wäre dann bereit, nach Hause zu fahren, um sein Versprechen einzulösen. Er freute sich auf den ruhigen Abend. Seine Mutter hatte angekündigt, extra für ihn ihre berühmtePizza alla Mamma zu machen.

Etwa eine halbe Stunde später meldete seine Sekretärin Savina an. Massimo legte seinen Stift zur Seite und lehnte sich zurück, während er seine Bürotür beobachtete. Dabei fragte er sich wieder einmal, weshalb er sich nicht auf seine Verlobte freute. Natürlich freute er sich. Aber nicht so, wie es sein sollte. Wenn er sich selbst gegenüber ehrlich war … hätte seine Sekretärin gesagt, ein Eismann wäre auf dem Weg in sein Büro, hätte ihn das glücklicher gemacht.

Lag es an den Zankereien mit Savina, an ihrer rechthaberischen Art? Oder an ihrem Vater, der im Hintergrund irgendwie immer anwesend war? Letzteres würde Massimo niemals zugeben. Auch nicht, dass er sich von ihm immer noch überrumpelt fühlte, weil dieser auf die Verlobung gedrängt hatte. Wieso hatte er eigentlich nicht einfach abgelehnt? Andererseits mochte er Savina … und das schon seit Kindertagen.

Als Savina mit Schwung die Tür öffnete, stand er mit einem Lächeln auf und ging ihr entgegen. Sie umarmten sich und er küsste ihre Stirn. Auch darüber hatte er sich in letzter Zeit oft Gedanken gemacht. Wenn sie fünfzig Jahre älter wären, würde ihre Begrüßung vermutlich genauso langweilig unterkühlt ablaufen. Aber Savina schien zufrieden.

„Mo, mein Liebling, du musst mich heute Abend begleiten. Vater hat ein paar öde Geschäftsleute eingeladen und ich weiß beim besten Willen nicht, was ich mit den alten Knackern reden soll.“ Sie ließ sich in einen der Ledersessel am Fenster plumpsen. Perfekt gestylt warf sie ihr blondes Haar über die Schultern zurück.

Er trat auf sie zu. „Heute Abend hab ich bereits einen Termin, Savina. Tut mir leid.“

„Was?“

„Das ist zu kurzfristig, Savina. Du weißt, wie voll mein Kalender ist.“

Sie drehte einen Espressolöffel zwischen den Fingern, der bei den Tassen auf dem Couchtisch vor ihr gelegen hatte. Massimo war sich sicher, dass sie ihn gehört hatte, auch wenn es einige Sekunden nicht danach aussah. Plötzlich funkelte sie ihn an und deutete mit dem Löffel auf ihn, als wäre er eine Waffe. „Und was ist wichtiger, als mich heute Abend zu begleiten?“ Ihre Stimme klang ruhig, doch Massimo wappnete sich bereits gegen ihre Vorwürfe.

„Nun, ich habe versprochen, Mutters Bücher durchzusehen, bevor die Bilanzen zum Finanzamt gehen.“

Savina warf den Löffel lässig in eine der leeren Tassen. Das unangenehme Klirren passte zur Situation. Sie stand auf, stöckelte auf ihn zu und legte ihre Arme auf seine Schultern. „Ach, Mo, das ist doch nichts, das du nicht absagen kannst.“

Massimo nahm ihre Hände von seinen Schultern und hielt sie in seinen. „Nein, ich werde nicht absagen. Ich musste das schon zweimal verschieben.“

Abrupt entzog sie ihm ihre Hände und zischte: „Immer deine Mutter!“

Langsam schüttelte Massimo den Kopf. Er konnte sich nicht erinnern, jemals wegen seiner Mutter ein Treffen mit Savina abgesagt zu haben.

„Da musst du dich entscheiden. Sie oder ich?“

„Tut mir leid, Savina. Aber heute kann und werde ich dich nicht begleiten.“

Ohne Abschied und mit in die Luft gereckter Nase verließ Savina sein Büro. Die Tür ließ sie offen stehen. Massimo rieb sich die Stirn und starrte ihr hinterher. Erst seine Sekretärin riss ihn aus seinen Gedanken, als sie in sein Büro blickte.

„Kann ich etwas für Sie tun, Signor Romano?“ Fragend lächelte sie ihn an – und doch meinte er eine Spur Mitleid zu erkennen.

„Nein,grazie, Fabia.“

3.Kapitel

Jennifer stellte die Kaffeemaschine an, weil sie Peter Arnulf erwartete. Da Beate ihn nicht besonders mochte, war sie einkaufen gegangen. Jennifer hingegen freute sich auf den ehemaligen Freund ihrer Eltern. Inzwischen hatte er sich aus seiner Anwaltssozietät zurückgezogen, hatte ihr aber beratend zur Seite gestanden, bis die ganzen Formalitäten wegen Enrico erledigt waren.

Als Jennifer die Tür öffnete, fielen ihr Peters Locken auf, die deutlich mehr graue Strähnen hatten. Dann hatte Beate also recht, als sie behauptete, dass dieses Kastanienbraun nicht echt war.

Ein Strahlen ging über sein Gesicht und er musterte Jennifer mit seinen dunklen Augen, denen nichts zu entgehen schien.

„Du siehst zum Glück wieder etwas besser aus.“ Er überreichte ihr einen kleinen Blumenstrauß.

Jennifer verzog traurig den Mund. „Nach so einem Schicksalsschlag ist das Aussehen erst mal Nebensache.“

Er machte ein betroffenes Gesicht. „Ja, sicher. Aber du weißt doch, wie ich es meine?“

„Ja, natürlich.“ Sie roch an den Rosen. „Vielen Dank! Komm, alles steht bereit.“

Er folgte ihr ins Wohnzimmer. Dort ließ er seinen Blick über den Apfelkuchen und die Schale mit Sahne schweifen. „Das sieht doch gut aus.“ Zufrieden rieb er sich die Hände. „Und wo darf ich mich setzen?“

Jennifer machte eine ausladende Handbewegung. „Wo immer du möchtest.“

Er wählte den Sessel mit Blick in den kleinen Garten.

„Hast du schon was vom Jugendamt oder vom Familiengericht gehört? Du weißt, ich bin eigentlich nicht mehr in der Kanzlei, deshalb bekomme ich manches erst verspätet mit.“

„Ja.“ Jennifer konnte ihre Freude nicht mehr verbergen. „Stell dir vor, heute hatte ich den Bescheid im Briefkasten, dass ich die Fürsorge bekomme!“

„Na, das freut mich für dich und vor allen Dingen für den Kleinen. Da hat er es trotz der traurigen Umstände doch noch bestens getroffen.“

Bei diesem Lob blickte Jennifer verlegen auf ihren Teller. „Das hoffe ich. Und ich werde mein Bestes tun, dass es so ist, wird und bleibt.“ Sie sah Peter an. „Danke noch mal, dass du dich so für meine Vormundschaft eingesetzt hast, nachdem wir Jessicas Brief gefunden hatten.“

Peter griff über den Tisch und tätschelte ihre Hand – vielleicht ein bisschen länger als nötig. „Na, ein letzter Wille ist ein letzter Wille. Dafür bin ich da.“

Jennifer zwinkerte ihm dankbar zu. „Deshalb habe ich auch extra den Apfelstreuselkuchen gebacken, der dir immer so gut schmeckt.“ Sie legte ein großes Stück auf seinen Teller, schob ihm die Sahne zu und schenkte dann Kaffee ein.

Genau zwei Stückchen Würfelzucker nahm Peter und ließ sie aus der Höhe von etwa zehn Zentimetern in seine Tasse plumpsen. Das erinnerte Jennifer an die Nachmittage früher, als er regelmäßig in ihrer Familie zu Gast war. Ihre Mutter hatte immer unwillig die Stirn gerunzelt, weil der spritzende Kaffee Flecken auf der Tischdecke machte. Aber Jennifer und Jess fanden es jedes Mal zum Kichern. Und nun war Jess’ Beerdigung schon zwei Wochen her. Immer wenn die Traurigkeit sie überrollen wollte, dachte Jennifer an Enrico, der momentan noch bei einer Pflegemutter lebte. Das half ihr, die Trauer im Zaum zu halten. Sie schluckte, während Tränen in ihren Augen brannten.

„Ich hole noch schnell eine Blumenvase.“

Als sie wieder zurückkam, hatte sie sich wieder im Griff. Peter deutete auf einen der freien Sessel. „Jetzt lass dich endlich nieder und erzähl.“

Es tat wirklich gut sich zu setzen. In letzter Zeit merkte Jennifer manchmal gar nicht, dass es Zeit für eine Pause war. Kaum hatte sie einen freien Augenblick, besuchte sie Rico. Seine Pflegemutter war sehr nett und er hatte es gut bei ihr. Wenn Jennifer etwas wissen wollte, erklärte sie es ihr gern. Inzwischen war sie viel sicherer, was Babypflege betraf.

„Was sagt denn deine Chefin, dass du so plötzlich deine Karriere beendest?“ Peter musterte Jennifer über den Tassenrand hinweg. Seine Frage gab ihr einen Stich. Sie liebte ihren Beruf und hatte sich auf die Übernahme der Parfümerie-Kette wirklich gefreut. Dennoch hatte sie heute Morgen ihren Studienplatz abgesagt. Eigentlich war es ihr nicht schwergefallen, sich für Rico und gegen die Karriere zu entscheiden. Trotzdem erwischte sie sich manchmal beim Grübeln, wie sie beides haben könnte. Es waren eben weitreichende Entscheidungen, die sie treffen musste.

„Sie ist aus allen Wolken gefallen. Aber ich werde vorläufig nur noch einen Tag in der Woche in der Filiale sein und im Homeoffice Bestellungen und Abrechnungen bearbeiten.“

Peter nickte und nahm noch etwas Sahne.

„Sie hat mir sogar angeboten etwas zu warten, falls ich es mir doch noch anders überlege. Aber ich habe mich entschieden. Auch wenn es mir schwerfällt.“ Jennifer rührte nachdenklich in ihrem Kaffee. „Margot ist eine sehr nette Chefin. Aber sie möchte die Geschäfte zeitnah abgeben, das hat sie immer wieder gesagt. Sie will ihren Ruhestand genießen, solange sie fit ist. Und für das, was sie alles vorhat, braucht sie echt noch viel Zeit.“ Sie lächelte und seufzte gleich darauf. „Ich geh davon aus, dass eine der großen Parfümerieketten ein Angebot macht, das sie dann annimmt.“

Peter lehnte sich mit seinem Teller im Sessel zurück. „Meine Erfahrung ist: Einfach mal ein halbes Jahr abwarten. Dann sieht man die Dinge viel klarer.“ Er schob ein Stück Kuchen hin und her. Immer wenn er ein ernstes Thema anschneiden musste, schob Peter Essen auf seinem Teller hin und her, das wusste Jennifer. Sie erwartete eine juristische Abhandlung und nahm einen tiefen Atemzug.

„Jenny, auch wenn die Sorgerechtsverfügung eindeutig und nun anerkannt ist, muss ich dich doch warnen: Wenn der leibliche Vater auftauchen sollte, hat der unter Umständen Ansprüche.“

„Ja, aber niemand weiß, wer der Vater ist. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte. So wie ich Jess verstanden hab, wollte sie nichts mit ihm zu tun haben. Oder auch andersherum. Ich weiß nicht.“

„Enrico will vielleicht eines Tages selbst mehr wissen.“

„Na ja, bis dahin vergeht noch Zeit.“

„Und sie hat wirklich mit keiner Silbe was zum Vater gesagt?“

Jennifer war die letzte Stunde mit ihrer Schwester schon so oft in Gedanken nochmals durchgegangen. Aber sie schüttelte den Kopf. „Ich hatte den Eindruck, dass sie sehr verletzt war. Doch sie wollte nichts, rein gar nichts, dazu sagen.“ Sie trank ihren Kaffee. „Nur dass der Junge Enrico heißen soll …“

Peter runzelte die Stirn. „Das könnte ein Hinweis auf den Vater sein, meinst du nicht? Enrico klingt südländisch.“

Natürlich waren Beate und Jennifer auch schon auf diesen Gedanken gekommen. „Das ist irgendwie naheliegend.“

Jennifer stand auf und nahm ihr Smartphone von der Kommode. Gleich darauf zeigte sie Peter Fotos von Enrico. Interessiert setzte er seine Lesebrille auf. „Ah, da ist er ja, der Kleine.“ Lachend sah er sich die Bilder an, wurde dann aber wieder ernst. Mahnend hob er den Zeigefinger. „Der Vater kann Ansprüche stellen. Aber Jenny, was du auf keinen Fall machen darfst, ist, ihn mit dem Kind ins Ausland zu begleiten.“

Jennifer wäre die lange juristische Abhandlung lieber gewesen. Peter klang so eindringlich, dass sie sich mit einem Mal bedroht fühlte, obwohl gar kein Grund dazu bestand.

„Da gelten dann deren Gesetze und kein deutsches Gericht kann dir dort helfen.“

Plötzlich kam Jennifer ein schrecklicher Gedanke. „Meinst du, jemand könnte versuchen, Rico zu entführen?“

Peter tätschelte ihr beruhigend den Unterarm und ließ seine Hand dann liegen, warm und etwas feucht. „Na, na, bislang gibt es ja gar keinen Vater.“ Er schmunzelte. „Da wollen wir doch nicht dermaßen schwarzsehen. Ich wollte dich nur warnen.“

Jennifer zog brüsk ihren Arm weg. „Du hast recht. Ich weiß wirklich nicht, ob es gut ist, dass ich in dieser Sache so empfindlich bin.“ Sie faltete ihre Serviette, zerknüllte sie anschließend und legte sie auf ihren Teller. „Es war halt alles ein bisschen viel. Rico ist der einzige Verwandte, den ich jetzt noch habe.“

Peter nickte verständnisvoll. „Natürlich war das viel.“ Er hob wieder den Zeigefinger. „Aber es war noch nie gut, zu empfindlich zu sein.“ Aufmunternd lächelte er sie an. „Du schaffst das alles, da bin ich mir ganz sicher. Deine Eltern wären sehr stolz auf dich.“

Jennifer brannten schon wieder Tränen in den Augen. Energisch schüttelte sie den Kopf. „Den Kuchen, der jetzt nicht gegessen wird, musst du nachher mit nach Hause nehmen“, scherzte sie und griff nach dem Tortenheber. Bereitwillig hob Peter seinen Teller. „Was meint Rolf eigentlich zu der Sache?“

Jennifers Laune verschlechterte sich schlagartig, als sie an die Auseinandersetzung wegen Rico dachte. „Ralf. Und die Sache ist kompliziert. Er hat es nicht so mit Kindern und versteht nicht, dass ich mich für Rico entscheide.“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach, lassen wir das Thema.“

Peter hob abwehrend die Hände. „Oh, dann frage ich lieber nicht so genau nach.“ Er deutete auf die Sahne. „Da würde ich glatt noch einen Klecks nehmen, wenn ich darf.“

Nachdem Peter sich verabschiedet hatte, war Jennifer immer noch aufgewühlt. Um sich auf andere Gedanken zu bringen, ging sie ins Kinderzimmer und sah sich um. Dass alles für Rico bereit war, freute und beruhigte sie gleichzeitig. Viel gab es nicht mehr zu tun. Den Wickeltisch hatte sie in einem Secondhandladen bekommen, die matten Pastellfarben gefielen ihr so gut. Gegenüber stand das Kinderbett aus dem Möbelhaus. Aber das würde erst später zum Einsatz kommen. Im ersten halben Jahr würde Rico in einem gebrauchten Stubenwagen schlafen. Den Stoff des Verdecks hatte Beate erneuert, nun leuchteten Sonne, Mond und Sterne in einem warmen Gelbton auf blauem Grund. Nur Ricos Kleidung hing noch im Keller auf der Leine. Die bunten Strampler zusammenzulegen würde ihr jetzt guttun. Als Jennifer zur Tür ging, blieb sie am Mobile hängen. Mit einem Lächeln stoppte sie die schaukelnden bunten Fische.

Unten im Trockenraum brannte Licht. Beate stand vor dem Wäschekorb und erledigte die Arbeit, wegen der Jennifer gekommen war.

„Du bist schon zurück?“

Ertappt sah Beate auf. „Es tut mir leid, dass ich deinen Gast nicht begrüßt habe. Aber du weißt ja, dass ich ihn nicht besonders schätze.“

„Heute war er nicht schwierig – und auch nicht schmierig.“

Die Augen ihrer Freundin blitzten sie an. Wobei ihre Brille Jennifer wie immer irritierte. Beate liebte das Goldrandgestell. Jennifer hatte jedoch immer das Gefühl, sich für eine Seite entscheiden zu müssen: Das eine Brillenglas war rund, das andere rechteckig.

„Na so was!“ Beate legte den letzten Strampler in den Wäschekorb. „Willst du mir sagen, dass er heute nicht deine Hand getätschelt hat? Und sein Zeigefinger? Hatte er nichts zu sagen, wobei er seinen Zeigefinger erheben musste? Dann habe ich allerdings etwas verpasst.“

Jennifer lachte. „So schlimm finde ich das gar nicht. Er meint es nicht böse.“

„Und sofort ist er beleidigt, wenn man anderer Meinung ist!“

„Er ist nicht sofort beleidigt, nur dann, wenn du ihm eine Abfuhr erteilst. Du hättest ihn damals netter abblitzen lassen können, als er dich zum Abendessen einladen wollte.“

Beate schnaubte nur.

Jennifer lehnte sich in den Türrahmen und wurde wieder ernst, was Beate nicht entging. „War was?“

„Nein, eigentlich nicht. Aber du weißt, dass fachlich immer Verlass auf ihn ist.“

„Natürlich, trotz allem Schmierig- und Schwierigfinden. Das weiß ich wohl.“

„Er meinte, dass der Vater unbekannt ist, erleichtert die Sache nicht unbedingt. Und wenn er wirklich aus einem anderen Land kommt, soll ich aufpassen, dass Rico nicht dorthin kommt.“