Wer stört, muss weg! - Heike Egner - E-Book
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Wer stört, muss weg! E-Book

Heike Egner

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Beschreibung

Wer stört, muss weg! An Universitäten werden zunehmend Professorinnen und Professoren entlassen oder von hohen Ämtern degradiert, weil sie irgendwie stören. Aber wann stört ein Professor? In den Medien liest man von missliebigen Äußerungen, falschen Haltungen, Mobbing oder Machtmissbrauch. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte. Dieses Buch blickt auf die Strukturen hinter den Fällen und zeigt, dass die Entlassungen immer wieder bestimmte Personengruppen treffen. Anstelle von Leistungsorientierung setzt sich zunehmend ein "Recht auf Zertifikat" durch. Anstelle von Wissenschaftsfreiheit herrscht zunehmend ein allgegenwärtiger Druck, Forschung nur noch im Sinne bestimmter politischer Ideologien zu betreiben. Auf der Grundlage ihrer empirischen Erhebungen präsentieren Heike Egner und Anke Uhlenwinkel in diesem Buch besorgniserregende Befunde und erinnern an die einst unerschütterlich scheinenden Grundsätze von freier Forschung und freier Lehre an unseren Universitäten.

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Seitenzahl: 110

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ebook Edition

Wer stört, muss weg!

Die Entfernung kritischer Professoren aus Universitäten

Heike Egner Anke Uhlenwinkel

Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN: 978-3-98791-076-0

1. Auflage 2024

© Westend Verlag GmbH, Neu-Isenburg 2024

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin

Satz: Publikations Atelier, Weiterstadt

Inhalt

Cover

Vorwort

1 Entlassung von Professoren: Ein neues Phänomen?

»Der Professor«

Grundsätze der Wissenschaft: Max Weber versus Wissenschaftsmanager

Auswirkungen auf das universitäre Leben …

Entlassungen – Einzelfälle oder ein neues Phänomen?

Entstehung und Anliegen der Studie

2 Der besondere Schutz der Wissenschaft

3 Wer wird entlassen?

Der Makel des katholischen Arbeitermädchens vom Lande wirkt nach

Klassenunterschiede entscheidender als Identitätspolitik

Risiko: Erstakademiker

Risiko: Alter weißer Mann | Alte weiße Frau

4 Phase I: Vorwurf Führungsfehlverhalten

Leistungserwartung als Störung an Universitäten

Eine Frage der Generationen?

Missbrauch mit dem Vorwurf des Machtmissbrauchs

5 Phase II: Vorwurf ideologische Unbotmäßigkeit

Unverblümte Eingriffe in die Wissenschaftsfreiheit

Verratene Gewissheiten

Die Rolle der Medien

Gefühle statt Argumente

Versuch einer Einordnung: Bildungsleitlinien früher

Bildungsleitlinien heute

Kompetenzen ersetzen Sachthemen

Erneut: Eine Frage der Generationen?

6 Zur Rechtsstaatlichkeit der Verfahren

Wann ist ein Verfahren rechtsstaatlich?

Eher objektivierbare Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit

Erneut Doppelstandards: Unterschiede zwischen Männern und Frauen

Stärker subjektiv wahrgenommene Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit

Legitimation durch Verfahren?

7 Medienframing: Von Josef K. zu Professor Kokolores

Das Josef-K.-Narrativ

Das Robin-Hood-Narrativ

Das Josepha-K.-Narrativ

Das Prof.-Kokolores-Narrativ

Die Narrative als Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung

8 Und nu?

Literaturverzeichnis

Anmerkungen

1 Entlassung von Professoren: Ein neues Phänomen?

2 Der besondere Schutz der Wissenschaft

3 Wer wird entlassen?

4 Phase I: Vorwurf Führungsfehlverhalten

5 Phase II: Vorwurf ideologische Unbotmäßigkeit

6 Zur Rechtsstaatlichkeit der Verfahren

7 Medienframing: Von Josef K. zu Professor Kokolores

8 Und nu?

Orientierungspunkte

Cover

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Seit dem Mittelalter wirkt die Universität als eine der wichtigsten kulturprägenden Institutionen des Abendlandes. Auch beim Übergang zur Neuzeit spielte sie eine zentrale Rolle. So forderte Philipp Melanchthon mit dem Ruf »Sapere audete – habet den Mut zum Wissen!« eine Reform der Universität unter Zurückdrängung des Einflusses der Zünfte und der katholischen Kirche. Den Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit und Wirkkraft erreichte die Institution während der Aufklärungsepoche in dem in Preußen entwickelten, aber weit über Deutschland und sogar über Europa hinaus ausstrahlenden Modell einer staatlich organisierten, auf der autonomen Selbstverwaltung der Wissenschaftler beruhenden Körperschaft. Nach der von Wilhelm von Humboldt entwickelten und in Berlin erstmals ins Werk gesetzten Idee sollte die Universität ihren Mitgliedern eine mit der Lehre untrennbar verbundene »Forschung in Einsamkeit und Freiheit« ermöglichen. Damit war keineswegs gemeint, dass die Gelehrten sich von den praktischen Fragen des Lebens abwenden sollten, um sich in den berüchtigten Elfenbeinturm zurückzuziehen. Sie sollten vielmehr im Rahmen bestimmter organisatorischer Schutzvorkehrungen und mit einer hinreichenden finanziellen Ausstattung die Möglichkeit erhalten, die wissenschaftlichen Fragen, mit denen sie sich beschäftigen wollten, selbstbestimmt in Muße und in Distanz von gesellschaftlichen Forderungen angehen zu können. Die Instrumentalisierung ihrer Forschungstätigkeit für vordergründige Nutzzwecke oder für bestimmte Glaubenssysteme, im damaligen Preußen vor allem aufgrund utilitaristisch verflachter Bildungskonzepte der Aufklärung und des aufkommenden Pietismus, sollte damit ein für alle Mal und nachhaltig ausgeschlossen werden. Tatsächlich führte die humboldtsche Reform die deutschen Universitäten und die an ihnen betriebene Forschung und Lehre zu einer bis dahin unbekannten Blüte.

Heute stehen wir jedoch offenbar wieder vor denselben Herausforderungen wie einst Melanchthon und Humboldt. Die Schlagwörter mögen anders klingen, aber gemeint ist im Kern dasselbe: Bedroht wird die Wissenschaftsfreiheit aktuell zum einen durch eine als Managerialism bezeichnete Tendenz, die Hochschulen immer unvermittelter in den Dienst der Wirtschaft zu stellen, sie wie Unternehmen zu organisieren und zur Finanzierung ihrer Forschung vermehrt auf die Einwerbung sogenannter Drittmittel zu verweisen. Zum anderen geraten die Wissenschaftler zusehends unter den Druck einer alle Bereiche erfassenden Ideologisierung, welche die denkbaren Forschungsthemen, -methoden und -ergebnisse im Sinne »politischer Korrektheit« einzuschränken trachtet und inzwischen in einer regelrechten Cancel Culture, einer »Kultur« des Zensierens und Löschens, gipfelt. Der lebendige Geist der Wissenschaft wird durch diese Entwicklungen erstickt.

Unter den organisatorischen Schutzvorkehrungen zur Verteidigung echter Wissenschaftsfreiheit konnte bisher die an den deutschen Universitäten übliche Verbeamtung der Hochschullehrer als die vielleicht letzte Bastion gelten. Diese Vorkehrung dient nicht dazu, den Wissenschaftler zum Teil der hoheitlichen Staatsverwaltung zu machen. Vielmehr hat sie den Sinn, dem einzelnen Forscher durch die Garantie einer Beschäftigung auf Lebenszeit und eines festen Gehalts die innere Freiheit zu schenken, die für die allein der Wissenschaft verpflichtete Institution Universität im humboldtschen Sinn nun einmal unverzichtbar ist. Die Autorinnen Heike Egner und Anke Uhlenwinkel mussten aber – veranlasst durch eigene Betroffenheit – aufgrund einer empirischen Erhebung feststellen, dass in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Zahl der Professorinnen und Professoren, die vorzeitig aus dem Hochschuldienst entfernt werden, in den letzten Jahren signifikant angestiegen ist. Erleichtert wurde diese Entwicklung sicher dadurch, dass Hochschullehrerstellen inzwischen im Zeichen des Managerialism vermehrt nur noch als befristete oder zumindest kündbare Stellen im Angestelltenverhältnis ausgewiesen werden, während der tatsächlich beobachtete Anstieg der Zahl der Entlassungen in vielen Fällen ideologische Hintergründe haben dürfte.

Die Verfasserinnen der vorliegenden Studie haben es sich zur Aufgabe gemacht, durch empirische Erhebungen Licht in diesen von der Wissenschaft bisher weitgehend ignorierten Bereich zu bringen. Sie sind unter anderem den Fragen nachgegangen, welche Personengruppen in erster Linie von den Entlassungen betroffen waren, welche Vorwürfe ihnen gemacht wurden, welcher Verfahrensablauf jeweils zu verzeichnen war und welche Rolle die Medien spielten. Der dabei zutage geförderte Befund muss beunruhigen, denn die erhobenen Fakten legen den Schluss nahe, dass nicht nur die Zahl der gegen ihren Willen vorzeitig aus dem Hochschuldienst entfernten Professorinnen und Professoren sprunghaft zugenommen hat, sondern auch qualitativ bedenkliche Entwicklungen zu verzeichnen sind. So scheinen die Betroffenen besonders häufig bestimmten soziologischen Gruppen anzugehören, bei deren Angehörigen zu vermuten ist, dass sie nur durch außergewöhnliche eigene Anstrengung und Begabung in der Wissenschaft Karriere machen konnten, sich dem Leistungsethos verpflichtet fühlen und in besonderem Maße dem traditionellen, humboldtschen Wissenschaftsverständnis verhaftet sind. Bei der Begründung einer Entlassung schien in der Anfangsphase der beobachteten Entwicklung oft »Führungsfehlverhalten« vorgeschoben zu werden, während inzwischen der Vorwurf der ideologischen Unbotmäßigkeit üblicherweise mehr oder weniger offen geäußert wird. Allgemein scheint es an den Hochschulen bei der Beendigung von Professuren um die Einhaltung rechtsstaatlicher Verfahren nicht gerade besonders gut bestellt zu sein. Es fördert den kollegialen Umgang und die Fairness gegenüber den angegriffenen Professorinnen und Professoren offenbar auch nicht, wenn die Medien sich einer Sache annehmen.

Besonders verdienstvoll ist es, dass die Autorinnen Egner und Uhlenwinkel angesichts der von ihnen ermittelten Fakten an die Maßstäbe erinnern, die für die Universität und die Wissenschaft nach wie vor Geltung beanspruchen dürfen. So kontrastieren sie ihren Befund mit den verfassungsrechtlichen Vorgaben der Wissenschaftsfreiheit, mit dem von Max Weber skizzierten Ideal des Forschers und mit den einst im Beutelsbacher Konsens zusammengefassten didaktischen Leitlinien für eine sachgerechte Lehre. Von hohem praktischen Wert ist der von ihnen zusammengestellte, an bewährten rechtsstaatlichen Prinzipien orientierte Katalog von Kriterien für ein faires Verfahren zur Klärung von Vorwürfen im akademischen Bereich. Es ist zu wünschen, dass die vorliegende Untersuchung weite Verbreitung findet und zur konsequenten Bekämpfung vorhandener Missstände beiträgt.

Siegen, 26.09.2024

Professor Gerd Morgenthaler

Rechtswissenschaftler

1Entlassung von Professoren: Ein neues Phänomen?

»Die Chance, dass ein Professor entlassen wird, geht gegen Null [sic], wenn er keine Kapitalverbrechen begeht.«

(Portal Gute Frage1)

Dass ein Professor entlassen werden könnte, war uns selbst lange Zeit gar nicht bewusst. Vorstellbar erschien dies tatsächlich nur unter den im Zitat genannten Umständen: Sollte jemand die berühmten »silbernen Löffel« klauen, sich mithin einer Straftat schuldig machen, dann konnte eine Entlassung im Ausnahmefall tatsächlich vorkommen, so wie in anderen Berufen auch. Keine der beiden Autorinnen hatte auf ihrem Weg durch die Institution, der (damals) über Studium, Dissertation, Habilitation, Lehraufträge, Vertretungs- und Gastprofessuren bis letztlich zu der Berufung auf eine ordentliche Professur führte, je von der Entlassung eines Professors oder einer Professorin gehört. Selbst gegen offenkundige Vernachlässigungen der Dienstpflichten insbesondere in der Lehre (Stichwort »Professor Holiday« oder »Professor Unterwegs«2) war man zum Beispiel 2002 noch der Meinung, nicht erfolgreich vorgehen zu können. Dennoch hat es selbst in früheren Jahren hier und dort schon einmal Entlassungen gegeben, wie wir nun aus unserer empirischen Studie wissen.

Dieses Buch berichtet über die überraschende und deutliche Zunahme von Entlassungen von Professorinnen und Professoren. Es wirft einen Blick in einen Bereich der Gesellschaft, den nur wenige Menschen von innen kennen, über den jedoch die meisten eine klare Meinung haben. Zum einen, weil sie mehr oder weniger leidvoll ein Studium durchlaufen und mit Vertretern dieser Spezies als Studenten ihre jeweils eigenen Erfahrungen gemacht haben. Zum anderen, weil »der Professor«, früher »der Gelehrte«, eine durchaus beliebte Figur in Kunst und Literatur darstellt: »Faust« und »Galileo Galilei« gelten als Stoffe der Weltliteratur, der »weise Narr« ist eines ihrer beliebten Motive.3 Vermutlich hat somit nahezu jeder im westlichen Kulturraum unwillkürlich Assoziationen im Kopf, sobald das Wort »Professor« fällt.

»Der Professor«

Eine ganze Generation lernte schon als Kind den Naturforscher Habakuk Tibatong kennen, der Tiere zum Sprechen brachte und mit ihnen auf einer einsamen Insel lebte. Einen »durchaus typisch verkörperten Professor«4 erkennt die Deutsche Film- und Medienbewertung in Sönke Wortmanns Film Contra (2021). Darin beschreibt die zunächst unwillige Studentin Naima Hamid in einem Schlussplädoyer ihren Professor Richard Pohl als einen Zyniker, als Querulanten, als einen »zuversichtlichen Pessimisten« und einen »Widerling mit Herz«. Auch der Münsteraner Tatort verfügt mit Karl-Friedrich Boerne über einen Professor mit stereotypischen Attributen: klug und dementsprechend fehlerfrei, überheblich, aus gutem Hause und kulturell gebildet. Diese Stereotype fügen sich bestens ein in die literarisch skizzierten Sujets vom furchtlos-draufgängerischen Forscher-Entdecker unbekannter Welten bis hin insbesondere zum genial vergeistigten, der Welt entrückten Denker mit kauzigen Gewohnheiten. Der Kern, der diese durchaus gegenläufigen Bilder verbindet, ist die Unabhängigkeit. Die Eigenständigkeit im Denken und Handeln. Eine Schärfe des Arguments, mit dem er jeden, der sich auf eine Diskussion einlässt, herausfordert, um noch trefflicher zu werden. Eine Widerborstigkeit gegen die Zumutungen des Alltags und der Welt – zu der auch die Kollegenschaft, die jeweils Herrschenden und zeitgeistige Moden gehören. Wie bei Stereotypen üblich, gilt auch hier: Dies traf zu keiner Zeit auf alle Mitglieder der Professorenschaft zu. Dennoch galten das nonkonformistische Denken, der Drang zur höchsten Genauigkeit, die innere Unabhängigkeit des Professors, ja sogar die Renitenz, oft verbunden mit einer gewissen sozialen Unfähigkeit, bis vor relativ kurzer Zeit als der Kern dessen, was eben auch einen »guten Professor« auszeichnet.

Wenn Sie jetzt einen männlichen Professor vor Augen haben, kommt das nicht von ungefähr. Die »Professorin« ist ein zu neues Phänomen, als dass für sie bereits ein eigenes Stereotyp entwickelt worden wäre. Frauen wurden im deutschsprachigen Raum erst vor etwa einhundert Jahren zum ersten Mal als Professorinnen an Universitäten beschäftigt.5 Trotz all der aufwendigen Programme, die seit etwa drei Jahrzehnten darauf abzielen, die Frauenquote zu erhöhen, betrug der Anteil von Frauen an der Professorenschaft über alle Disziplinen hinweg in Deutschland im Jahr 2022 nur etwa 28 Prozent6 (in der Schweiz 24 Prozent (2019)7 und in Österreich 26 Prozent (2020)8). Diese zu kurze Geschichte, ebenso wie der nach wie vor gültige Status als Minderheit, hat bisher nicht zur Herausbildung eines vergleichbar markanten eigenen Charakters geführt, der sich vom »Professor« unterscheiden würde. Vielleicht ist das auch gar nicht nötig oder wünschenswert. Dennoch zeigen die Ergebnisse unserer Studie auffällige Unterschiede zwischen Professorinnen und Professoren (Kapitel 3), die nahelegen, dass bei der Wahrnehmung und Beurteilung ihrer Arbeit nach wie vor erhebliche Doppelstandards wirken. Um diese Unterschiede in den Blick bekommen zu können, kann das Stereotyp »Professor« durchaus hilfreich sein.

Grundsätze der Wissenschaft: Max Weber versus Wissenschaftsmanager

In dieses weitgehend kulturell vermittelte Bild fügen sich die Grundsätze moderner Wissenschaft nahtlos ein. Als Erster hat sie der deutsche Soziologe und Nationalökonom Max Weber (1864–1920) in einem Vortrag mit dem Titel Wissenschaft als Beruf9 konkret benannt. Die von ihm formulierten Maximen prägten etwa ein Jahrhundert lang nicht nur das Selbstverständnis der Wissenschaft, sondern auch die allgemein verbreitete Kenntnis darüber, wie Wissenschaftler arbeiten, welchen Auftrag sie verfolgen und wofür sie nicht zuständig sind; kurz: was sie tun und was sie lassen sollten. Demnach ist es die Aufgabe von Wissenschaft, ansonsten unverfügbares Wissen10 für den Einzelnen und für die Gesellschaft bereitzustellen; die außerwissenschaftlichen Akteure (Politik oder eben auch der einzelne Mensch) können dann auf der Grundlage dieses Wissens und vor dem Hintergrund der jeweils eigenen moralischen Begründungen ihr Handeln reflektieren und rechtfertigen. Um zu diesem unverfügbaren Wissen zu gelangen, sind Wissenschaftler der Suche nach der Wahrheit verpflichtet. Die Wahrheitssuche gilt als oberster wissenschaftsinterner Wert, sie legitimiert jegliche Forschung, also auch jene, die keiner der Nützlichkeitserwartungen oder Relevanzvorstellungen gerecht wird, die etwa von der Politik oder der Wirtschaft an sie herangetragen werden. In diesem Sinne ist es geradezu zentrale Aufgabe von Wissenschaftlern, »unangenehme Wahrheiten«11