1,99 €
Das Netz hält mittlerweile alles umschlungen. Viele wollen da raus. Die junge Philosophin Birthe Mühlhoff untersucht in ihrem erzählerischen Essay fünf Aspekte des Netz-Skeptizismus und zeigt stilistisch gekonnt, was dem Netz entgeht – und was dem Skeptizismus. Birthe Mühlhoff, geboren 1991, kommt aus Dinslaken. In Hamburg und Paris hat sie Philosophie studiert. Sie schreibt und übersetzt unter anderem für Zeit Online, die Süddeutsche, Merkur, Edit, die epilog. Zuletzt gab sie mit Danilo Scholz und Svenja Bromberg den Band „Euro Trash“ im Merve Verlag heraus.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 35
Veröffentlichungsjahr: 2018
Wie wird man seinen Namen los? Welche Aura haben Menschen ohne Social-Media-Profil? Wie bilden sich digitale Gruppen, marginale auch, was passiert in diesen Nischen? Ohne zu dozieren, aber mit nonchalantem Parlando erörtert Birthe Mühlhoff fünf Aspekte des Netz-Daseins.
Sie entwirft keine voraussetzungsreiche Theorie, sondern fängt persönliche Erfahrungen ein, die aber als die „vierte große Kränkung“, wie sie es nennt, als allgemeingültig verstanden werden können. Denn seit Darwin musste der Mensch immer weiter von seinem Glauben abrücken, dass er das Zentrum des Universums sei. Dass unsere Vorlieben und Kaufentscheidungen – auch dieses E-Books – immer besser von Algorithmen eingeschätzt werden können, bricht einen der letzten verbliebenen Zacken aus der Krone. Das Coming-of–Age unserer Zeit: Wir sind berechenbar und überhaupt nicht einzigartig.
Birthe Mühlhoff
Werbung für die Realität
Ein Essay in fünf Teilen
ein mikrotext
Erstellt mit Booktype
Coverfoto: Francesco Mazzoli / Unsplash
Covertypo: PTL Attention
www.mikrotext.de – [email protected]
ISBN 978-3-944543-58-1
Alle Rechte vorbehalten.
© mikrotext 2018, Berlin
Inhalt
Impressum
Titelseite
1. Namen
2. Episoden
3. Algorithmen
4. Menschen ohne Profil
5. Selbsthilfegruppe Weltgeschehen
Anmerkung
Über die Autorin
Über den Verlag
Essay von Alexander Kluge (Leseprobe)
Weltliteraturtweets (Leseprobe)
Hoffnun' (Leseprobe)
Saisonarbeit von Heike Geißler (Lesetipp)
Katalog
Birthe Mühlhoff
Werbung für die Realität
Ein Essay in fünf Teilen
Da hat man also diesen soliden, bürgerlichen Namen, den man nicht antasten darf, weil man sich sonst lächerlich macht. Weil es lächerlich ist, sich selbst einen neuen Namen zu geben. Und gleichzeitig überlegt man, ob man nicht gerade deshalb ein Pseudonym braucht: Damit dieser schufafeste Name keimfrei bleibt. Damit er sich im Internet keine Laufmaschen holt oder sich sonstwie auf zwielichtigen Foren verheddert. Wenn ich eine Tochter bekomme, werde ich sie Schufa nennen, Schufa-Maria Mühlhoff. Da wird sie von der Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung bestimmt Vertrauensvorschuss bekommen und außergewöhnlich ist der Name auch – zwei Fliegen, die man selten mit einer Klappe erwischt.
Ich habe mich entschieden, mich doch nicht Anton zu nennen. Zuerst war meine Wahl auf Oskar gefallen. Aber Oskar scheint ein sehr gefälliger Männername zu sein, den sich erstaunlich viele Frauen geben, und deshalb habe ich beschlossen, mich Anton zu nennen, ein Name mit ähnlichem Tonfall und den gleichen Vokalen. Kurz darauf hat sich eine gute Freundin einen Hund gekauft, einen Terrier, und dem hat sie den Namen Anton gegeben. Das geht nun also doch nicht mehr. (Aber eigentlich nennt sie ihn immer Mupse.)
Oder ich benenne mich nach Gewürzen, die ich mag. Vor ein paar Jahren lernte ich einen jungen Mann kennen und wir wurden gute Freunde. Er lebt vegan und war zu der Zeit mit einer Veganerin zusammen und sie planten, gemeinsam Kinder zu kriegen und ihnen Spitznamen zu geben: Pastinake, Sellerie, Kohlrabi ... Sie meinten das nicht ernst und sie hielten das auch nicht für besonders lustig. Es war bloß eine Überlegung. Einfach nur konsequent. Alles was Fleisch ist, muss Gemüse werden.
Ich mag Muskatnuss zum Beispiel. Muskatnuss ist etwas sehr Männliches, Nelken dagegen sehr weiblich – jeder Kenner wird das bestätigen. Kann ich mich Nelke nennen? Ich würde dann auch behaupten, auf einer Nordseeinsel aufgewachsen zu sein. Oder vielleicht Neltje?
Als ich klein war, vielleicht drei oder vier, in dem Alter, in dem Schornsteine im 90-Grad-Winkel von gezeichneten Dächern abstehen, wollte ich eine Fee sein. Ich wollte eine gute Fee sein. Ich brauchte also einen Namen. Es ist unglaublich, was für Entscheidungsschwierigkeiten man haben kann, wenn man hauptsächlich gut sein will. Weil mir einfach nichts einfallen wollte, versuchte ich mich an einem Kompromiss: Die gute Fee Allesname. Damit haben mich meine Schwestern dann noch Jahre später aufgezogen, obwohl ich das Fee-Sein sehr schnell wieder aufgegeben habe.
