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Wie geht das eigentlich, was uns als persönliche Souveränität, als emotionale und soziale Kompetenz so attraktiv vor Augen schwebt? Oft fühlen wir uns blockiert, obwohl wir genau wissen, wie wir handeln sollten und wollten. Die Transaktionsanalyse (TA) hilft, mit sich ins Reine zu kommen und so sein Verhältnis zu den Mitmenschen offener und konfliktfreier zu gestalten. In diesem Buch wird TA lebendig und hilft, das Leben entscheidend zu verbessern.
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Seitenzahl: 323
Veröffentlichungsjahr: 2014
Werner Rautenberg & Rüdiger Rogoll
Werde, der du werden kannst
Persönlichkeitsentfaltung durch Transaktionsanalyse
Völlig überarbeitete Neuausgabe. Titel der Originalausgabe:
Werde, der du werden kannst. Persönlichkeitsentfaltung durch
Transaktionsanalyse. ISBN: 978-3-451-05155-5,
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 1992
© KREUZ VERLAG
in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2014
Alle Rechte vorbehalten
www.kreuz-verlag.de
Umschlaggestaltung: Vogelsang Design
Umschlagmotive: © Delphimages / udra11 – Fotolia.com
E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
ISBN (Buch) 978-3-451-61292-3
ISBN (E-Book) 978-3-451-80190-7
Inhalt
Vorwort
I. Wer bin ich, und wie reagiere ich?
II. Die Persönlichkeitsstruktur
1. Das kindhafte Element
2. Das lehrhafte Element
3. Das reflektierende Element
4. Woran erkenne ich die Elemente?
III. Die Transaktionen
1. Was sind Transaktionen?
2. Paralleltransaktionen
3. Überkreuztransaktionen
4. Verdeckte Transaktionen
5. Beachtung als Grundbedürfnis
IV. Sozialverhalten, Ersatzgefühle und Psychospiele
1. Sechs Weisen des Sozialverhaltens
2. Gefühlsmaschen und Drama-Dreieck
3. Was sind Psychospiele, und was bezwecken sie?
4. Was für Psychospiele gibt es?
5. Wie erkenne ich Psychospiele?
V. Der Lebensplan
1. Wie verstehe ich mein Leben?
2. Bann-Botschaften
3. Grundeinstellungen
4. Weg-Weiser
5. Programm und Drehbuch
VI. Transaktionsanalyse im Beruf
1. Die Beziehung zwischen Kollegen und Partnern
2. Die Stellung als Lernender
3. Die Aufgabe des Lehrenden
4. Chancen und Gefahren im Geschäftsleben
5. Verantwortung in der Mitarbeiterführung
VII. Was kann ich jetzt tun?
1. Das innere Gefüge unserer Persönlichkeit
2. Der Umgang mit anderen
3. Die stete Wiederholung: Gleichbleibende Verhaltensmuster
4. Nötigung und Neuentscheidung
5. Transaktionsanalyse im Alltag
Als Eric Berne in den 1960er-Jahren die Tiefenpsychologie um einen neuen Ansatz bereicherte und neue therapeutische Verfahren entwickelte, schuf er mit seiner Methode zugleich eine eigene Fachsprache. Aber dazu entlehnte er nicht, wie üblich, gelehrte Termini aus dem Lateinischen oder Griechischen, sondern schöpfte aus der Umgangssprache, sogar aus dem Slang. Ähnliches haben wir auch mit dieser Darstellung unternommen. Das Modell von Berne, heute als Transaktionsanalyse (TA) in der ganzen Welt bekannt, findet inzwischen sehr breite Verwendung auch außerhalb des therapeutischen Bereichs. Viele auch durchaus gängige Übertragungen aus dem Englischen haben wir durch eine Sprache ersetzt, die wir in unserer Praxis erprobt haben und die sich sowohl in Klinik und Therapeutenausbildung wie auch im Führungstraining bewährt hat.
Auf wissenschaftliche Argumentation und komplexere Gebiete haben wir bewusst verzichtet und dafür so geschrieben, dass jeder und jede das Büchlein lesen und verstehen kann.
Für Anwendungen der TA außerhalb des medizinischen und fachpsychologischen Bereiches kann dieses Buch eine Einführung sein. Wir haben gemeinsam daran gearbeitet als Arzt und als Trainer, genauer gesagt, als Psychiater und als Didaktiker. Wir haben dieses Buch aus der Praxis für die Praxis geschrieben und es so einfach wie möglich gehalten. Dem beruflichen Alltag haben wir einen breiten Raum gewidmet und unser Augenmerk nicht nur auf Störungen, sondern auch auf Erfolge und deren Festigung gerichtet. Wir haben an die vielen gedacht, die ihr Leben gut meistern und gerade deshalb ständige Fortschritte anstreben auf ihrem Weg zur weiteren Selbstverwirklichung. Dabei haben wir auch Anregungen aufgenommen, die Patienten und Seminarteilnehmer uns gegeben haben. Ihnen allen möchten wir an dieser Stelle danken.
Die Verfasser
Wir möchten vorweg klarstellen, an welche Leser wir bei diesem Buch gedacht haben. Wir wenden uns besonders an die folgenden drei Gruppen:
Leser, die etwas von Transaktionsanalyse gehört haben und genauer erfahren wollen, worum es sich dabei eigentlich handelt.
Leser, die erwägen, an sich zu arbeiten und sich darüber informieren möchten, welche der verschiedenen psychologischen Methoden für sie geeignet ist.
Leser, die seelisch weiterwachsen wollen und entschlossen sind, sich zu ändern. Menschen, die vorankommen wollen, äußerlich und innerlich. Und wir wollen zeigen, wie solche Änderungen möglich, sinnvoll und dauerhaft sind.
Ehe wir im Einzelnen auf die psychologischen Zusammenhänge eingehen, von denen dieses Buch handelt, wollen wir einige Grundüberzeugungen festhalten, die sich als fruchtbar erwiesen haben in unserer Arbeit und in unserem Leben überhaupt.
Wir Menschen sind Lebewesen, das heißt, wir wachsen, entfalten uns und vergehen. Körperliches Wachstum ist ständige Erneuerung und ständige Veränderung. Auch seelisches Wachstum ist stete Veränderung. Veränderung ist das Natürlichste der Welt; leben heißt sich ändern.
Wachstum kann man nicht machen, aber man kann es fördern und steuern. Man kann die Lebenskräfte anregen, zur Entfaltung bringen und üben, die von Natur aus angelegt sind, mögen sie im bisherigen Wachstum verkümmert oder ausgebildet worden sein. Das geht nicht in jeder beliebigen Richtung. Um zu ermessen, wie ich einmal sein könnte, muss ich erst sehen, wer ich bin. Wer sich für seine Persönlichkeitsentwicklung utopische Ziele setzt, schafft sich unweigerlich Misserfolge. Wenn du wirklich der werden willst, der du werden kannst, dann heißt der erste Schritt: Nimm dich, wie du bist.
Wo ich mich geändert habe in der Art und Weise, wie ich die Welt erlebe und auf Geschehnisse reagiere, da habe eben ich mich geändert und nicht jemand anders. Und was ich für mich in Anspruch nehme, muss ich billigerweise auch dem anderen einräumen. Wenn nur ich selbst Änderungen bei mir herbeiführen kann und nicht ein anderer Mensch, dann kann ich eben auch den anderen nicht ändern.
Die Erkenntnis, dass ich den Mitmenschen nicht ändern kann, ist für Eltern, Erzieher und Vorgesetzte besonders wichtig. Wer sie sich zu eigen macht, kann seine Energien auf sinnvollere Ziele richten als auf den vergeblichen Versuch, das Kind, den Schüler oder Mitarbeiter umzukrempeln oder ihn »so zu kneten, wie ich ihn haben will«. Er wird sich auch die Selbstvorwürfe ersparen, wenn er feststellen muss, dass er damit scheitert. Natürlich kann und wird er den anderen beeinflussen. Er wird Mitverantwortung übernehmen für die Leistung des anderen, nicht für sein Wesen. Umso mehr kann er Verantwortung dafür übernehmen, wie er selbst ist, denkt, fühlt, auftritt. Ich kann den Mitmenschen nicht ändern, aber ich kann mich selbst ändern – wenn ich wirklich will.
Die TA befasst sich damit, wie wir uns und die Welt erleben, wie wir reagieren und wozu. Sie stützt sich auf wissenschaftliche Beobachtung und hält sich an das, was nachprüfbar ist. Soweit uns die tieferen Zusammenhänge unserer Existenz überhaupt zugänglich sind, erklärt sie klipp und klar, wie wir empfinden, denken und handeln und wieso. Sie zeigt uns, wie wir miteinander umgehen und warum.
Es wird unterschieden zwischen drei verschiedenen Energiezentren, drei unterschiedlichen Anteilen, aus denen heraus wir aufnehmen und reagieren, denken und handeln und die wir als Persönlichkeitselemente oder Ich-Zustände bezeichnen. Welches sind nun diese Persönlichkeitselemente, und wie entstehen sie?
Wir veranschaulichen uns die Grundzüge der drei Elemente durch ein paar typische Szenen, die wir alle erlebt haben, und prägen sie uns mit einfachen Schlüsselwörtern ein.
1. Szene:
Ein Kind in der Wiege. Es weint, hat Angst, schreit, wirkt hilflos, verlassen und angsterfüllt. Das steht für eine Urerfahrung, die keinem Menschen erspart bleibt, das Erlebnis von Einengung und Schmerz, das durch das Schlüsselwort Leiden ausgedrückt wird. In der Tat ist »Leiden« in den verschiedensten Formen eine Reaktionsweise, die aus dem »kindhaften Element« in uns hervorgeht. »Kindhaft« soll nicht besagen, dass solche Erlebnismöglichkeiten auf die Kindheit beschränkt sind, sondern dass sie in ihrer Art eher kindhaft, also unreflektiert, emotional und »natürlich« sind. Das kindhafte Element ist im Erwachsenen genauso wirksam wie beim Kleinkind und noch im Greisenalter höchst lebendig.
2. Szene:
Kinder im Sandkasten. Da ist Leben! Voller Neugier probieren die Kleinen allerhand aus. Sie sind recht egozentrisch, sind ganz mit sich selbst beschäftigt oder gehen jeweils zu zweit so in ihrem Spiel auf, dass sie überhaupt nicht merken, was um sie herum vorgeht. Dabei sind sie weder rücksichtsvoll noch verschämt, laufen ungeniert nackt herum und wirken bisweilen hemmungs- oder gefühllos. Das Schlüsselwort für die Szene heißt Spielen, und »Spielen« zieht sich in allen möglichen Ausprägungen durch unser ganzes Leben. Allerdings erlauben wir uns später oft nicht, Spielen noch beim Namen zu nennen, und geben uns dem Spiel höchstens etwas versteckt oder verschämt hin oder brauchen Rechtfertigungen für die natürlichsten Impulse. Oder wir merken gar nicht, wie wir uns ins Spielen vertiefen, und »erwischen« uns dann dabei und kommen uns gleich »kindisch« vor. Wir würden besser sagen »kindhaft«, denn in solchen Augenblicken leben wir eben ganz im kindhaften Element.
3. Szene:
Kinder unter dem Weihnachtsbaum. Wen ergreift nicht die Seligkeit in den Gesichtern, wenn sie ihre Geschenke auspacken! Und wie sie sich freuen: Sie klatschen in die Hände, springen und jauchzen und zeigen, was sie so beglückt. Sie sind spontan, fröhlich und ganz frei, wie sie so von innen heraus ihr Glück genießen. In der Tat wollen wir Genießen festhalten als Schlüsselwort für diese Seelenverfassung. Auch »Genießen« ist etwas, das uns durch das ganze Leben hindurch immer wieder erfüllt, sei es das schöne Genießen von Sinnenfreuden, von Formen, Farben, Klängen, über Gaumenreize bis hin zu den wonnigsten sexuellen Erlebnissen, oder das Auskosten inneren Glücks von der Begeisterung über erreichte Erfolge, vom Hochgefühl der Selbstverwirklichung bis hin zur Seligkeit des Einklangs mit einem anderen Menschen.
Mütter, Psychologen und Ärzte haben beobachtet, dass das kindhafte Element im Menschen im Grunde gar nicht »entsteht«, sondern schon bei der Geburt vorhanden ist, jedenfalls lange bevor der Mensch anfängt zu sprechen und sein Seelenleben in Gedanken und Worte zu fassen. Der Einfachheit halber werden in den Darstellungen der Transaktionsanalyse die Bezeichnungen für die Persönlichkeitselemente oft abgekürzt. Statt immer vom »kindhaften Element« zu reden, sprechen wir vom »K-Element« oder einfach vom »K«. Das K ist also der Anteil unserer Gesamtperson, in dem sich elementare Wünsche, Bedürfnisse und vor allem Gefühle ausdrücken. Es wird beherrscht von Bedrückung und Schmerz, oder von Neugier und Spannung, oder aber von Freude und Übermut. Wenn der Mensch von solchen Impulsen, Empfindungen oder Stimmungen erfüllt ist, so besagt das, dass bei ihm das K-Element, »die Führung übernommen« hat.
Das Kleinkind kann gewiss leicht Tadel und Ermahnungen der Eltern als bedrückende Zurückweisung erleben, so gut sie auch gemeint sein mögen. Wenn es das oft so erlebt, kann sich im kindlichen Gemüt die Ansicht bilden und verfestigen, irgendwas sei mit ihm selbst letztlich nicht in Ordnung. Wenn ein solches (am Anfang wohl eher vages) Gefühl nicht durch spätere Erlebnisse und Einsichten korrigiert wird, kann daraus eine Art Grundeinstellung werden: »Mit mir stimmt was nicht«, die dann ein Leben lang weite Bereiche des Erlebens und Verhaltens insgeheim prägt.
Fazit
Aus dem K-Element kommen
Einengung, Angst und Trotz,Wissensdrang, Abenteuerlust und Kreativität,Spontaneität, Hochgefühl und Begeisterung.Diese drei Seiten fassen wir in die Schlüsselwörter Leiden, Spielen, Genießen.
4. Szene:
In der Schule geht es um Wissen, um Information. Lehrer geben ein Wissen weiter, das die anderen noch nicht haben. Das erste Schlüsselwort für das »lehrhafte Element« oder L-Element heißt also Wissen.
5. Szene:
Wenn Kinder Räuber und Gendarm spielen, erleben sie, wie man Anordnungen durchsetzt, Verbote erlässt und Strafen verhängt. Ordnung muss sein!
Jeder hat seine Wertvorstellung in sich und kann gar nicht verstehen, wie andere dagegen verstoßen können. Das Schlüsselwort für diese Einstellung heißt Werten, und wie im Kinderspiel, so wird auch im Erwachsenenleben das »Werten« sehr rasch zum »Abwerten«.
6. Szene:
Eine Weise, für jemanden da zu sein, ist, wenn beispielsweise die Mutter ihr Neugeborenes im Arm hält und liebevoll hegt, nährt, umsorgt und pflegt. Das Schlüsselwort, das sich hierfür anbietet, heißt Wiegen. Ein Mensch in dieser Verfassung will für den anderen da sein, ihn umsorgen und pflegen, fürsorglich schützend und hingebungsvoll.
Wir haben damit die drei Seiten des »lehrhaften Elements« oder »L« kennengelernt. Dieses Persönlichkeitselement wird seit der frühesten Kindheit allmählich aufgebaut als Sammlung all dessen, was das Kind darüber erfährt (und sich ausdenkt), wie die Welt eigentlich sein sollte, was es selbst tun soll und nicht tun darf, wie andere sich verhalten sollten und wie überhaupt die Dinge richtig sind und wie man sie macht.
Im lehrhaften Element werden mithin die Lehren, Ermahnungen und Vorschriften, Gebote und Verbote gespeichert, überhaupt alle Regeln, die der Mensch im Laufe seines Lebens von Autoritätspersonen lernt. Dies sind für die meisten Menschen in allererster Linie die eigenen Eltern, deshalb wird das L-Element auch als »Eltern-Ich« bezeichnet.
Fazit
Im L-Element handelt der Mensch aus dem Bedürfnis heraus, andere zu
korrigieren und belehren,tadeln und bestrafen,schützen und betreuen.Die Schlüsselwörter für das L heißen Wissen, Werten, Wiegen.
7. Szene:
Hanna hilft ihrer Mutter beim Kuchenbacken. Aufmerksam beobachtet sie, wie alles zusammengehört, und ruhig und konzentriert wiegt sie ihre Rosinen ab. Wir erfassen sofort, dass sich darin eine andere innere Verfassung äußert als beim gefühlsgeladenen K-Element oder beim verantwortungsbereiten L, und benennen dieses sorgsam registrierende Verhalten mit dem Schlüsselwort Realität erfassen.
8. Szene:
Niklas sieht dem kleinen Hanno die Hausaufgaben durch. Er liest, vergleicht und prüft nach, und ist dabei wach, nüchtern und ungerührt. Um festzustellen, ob das auch stimmt, was Hanno da hingeschrieben hat, muss er ruhig überlegen: Das Schlüsselwort für solcherlei Vorgehen heißt Fakten prüfen.
9. Szene:
Lukas ist Klassensprecher und stellt die Mannschaft für das nächste Schulsportfest zusammen. Er sieht seine Mitschüler im Geist schon in voller Bewegung auf dem Spielfeld, er muss also hin und her überlegen, sinnvoll kombinieren und dann entscheiden. Er lässt sich nicht von persönlichen Sympathien oder Abneigungen leiten, sondern bleibt sachlich, unparteiisch und vorausblickend, nur so kann er ruhig urteilen. Zu alledem passt das Schlüsselwort Folgen bedenken.
Im »reflektierenden Element« oder »R« fasst der Mensch denkend auf, und zwar die Wirklichkeit, die ihn umgibt, und auch sich selbst, die Wirklichkeit seines eigenen inneren Erlebens. Einerseits ist er bestrebt, die äußere Welt zu begreifen, und andererseits, die Gefühle seines K und die Vorschriften seines L widerzuspiegeln, eben zu »reflektieren«. Er untersucht, wieweit die K- und L-Botschaften, die er in sich wahrnimmt, in die jeweilige Situation passen. Er wählt in seiner Vorstellung also aus zwischen mehreren Alternativen für sein Verhalten; dabei wägt er deren Auswirkungen für die Zukunft aufgrund seiner eigenen früheren Erfahrungen sachlich ab.
Das R beginnt gegen Ende des ersten Lebensjahres, sich allmählich auszubilden. Es erstarkt in dem Maße, wie es geübt wird, und wird auch als Erwachsenen-Ich bezeichnet. Allerdings reagieren viele Erwachsene auf Ereignisse ein Leben lang emotional (aus dem K heraus) oder aufgrund fremder Weisungen (mit ihrem L) und kommen kaum dazu, einmal ruhig zu überlegen und selbst reif zu urteilen (ihr R einzuschalten).
Wir fassen zusammen: Wenn der Mensch von Tatsachen ausgehend mehrere Alternativen denkend beurteilt und dann in freier Entscheidung eine davon wählt, handelt er aus seinem R heraus.
Fazit
Das R-Element
erforscht Tatsachen und deren Auswirkungen undberechnet den Grad der Wahrscheinlichkeit mit dem diese eintreten.Im R denkt der Mensch nüchtern nach über
sachliche Zusammenhänge,emotionale Reaktionen unddie verinnerlichten Zielvorstellungen Dritter und bildet sich ein eigenes objektives Urteil.Die dazu passenden Schlüsselwörter sind Realität erfassen, Fakten prüfen, Folgen bedenken.
Damit haben wir die drei Anteile der menschlichen Persönlichkeit kennengelernt, die in ihrer Eigenart jeweils das Fühlen, Denken und äußere Verhalten bestimmen. Bei einzelnen Menschen mag der eine oder andere Bereich seltener zum Vorschein kommen oder überhaupt wenig ausgeprägt sein, vorhanden sind alle drei Elemente bei allen Menschen, wie Energiezentralen, die zwar nicht immer eingeschaltet, aber grundsätzlich betriebsbereit sind. So erleben wir unser eigenes Ich in unterschiedlichen inneren Verfassungen, die auch als »Ich-Zustände« bezeichnet werden. Zur Veranschaulichung hat die Transaktionsanalyse ein einfaches Schema eingeführt: Jeder Ich-Zustand oder, anders ausgedrückt, jedes Persönlichkeitselement wird durch einen Kreis dargestellt, wobei das R, das auf dem Boden der Tatsachen steht, in die Mitte gesetzt wird, das K, das in den Wurzelbereich des Vitalen und Kreatürlichen hinabreicht, darunter, und das L, das darauf besteht, alles von oben herab zu beeinflussen, oben darüber. Manchmal zeichnet man auch noch eine Linie um das ganze Gefüge, um anzudeuten, dass erst die drei Elemente in ihrer Gesamtheit das vollständige Bild der Persönlichkeit ausmachen (Abb. I).
Das Persönlichkeitsgefüge
Wir haben bisher gesehen, welche drei seelischen Elemente in uns angelegt sind und wie sie entstehen. Nun stellt sich zunächst die Frage, wie die Elemente sich im Einzelnen äußern, wie sie sich zueinander verhalten und woran man sie in der Praxis erkennen kann.
Bisher haben wir uns die Elemente der menschlichen Persönlichkeit an Szenen aus der Kindheit verdeutlicht.
Die Perspektive der frühen Kindheit ist uns allen ja noch in Erinnerung. Aber auch als Erwachsene durchleben wir immer wieder die gleichen Gefühle, die uns von der Kindheit her vertraut sind. Was anders geworden ist, sind meist die Anlässe. Wenn ein Erwachsener in ein Examen geht oder von seinem Partner oder Vorgesetzten kritisiert wird, braucht er ja wohl keine schmerzhafte körperliche Züchtigung zu befürchten, aber was ihm von früher her geblieben ist, ist der Erlebnisablauf, das Reaktionsschema, an das er sich als Kind einmal gewöhnt hatte.
Ein Kind, das sich früh an das Gefühl der Angst gewöhnt hat, wird auch später im Leben bei allen möglichen Gelegenheiten mit Angst reagieren.
Der Examenskandidat, der dieses Gefühl früh gelernt hat, kann genau wissen, dass zu irgendwelchen Befürchtungen gar kein Grund besteht, weil er tadellos vorbereitet ist – sobald er vor dem Prüfungsausschuss steht, produziert er wieder das bekannte Gefühl, und von allem Gelernten und eben noch Gewussten fällt ihm nichts mehr ein. Der Kandidat erlebt wohl jene Seite seines kindhaften Elements, die wir mit dem Schlüsselwort Leiden bezeichnet hatten. Aber die Angst ist nur eine von vielen Erlebnisweisen, die alle Leiden in der einen oder anderen Form bedeuten.
Ein Kind, das immer wieder zu hören bekommt: »Wie kannst du nur« oder »Du solltest dich was schämen«, gewöhnt sich allmählich an das Gefühl der Schuld.
Ein Kind, dem ständig gesagt wird: »Spiel nicht mit den Kindern aus der Siedlung oder auch von diesen arroganten Akademikern – da weiß man doch nie, wo man dran ist«, ein Kind, das dahinter den Argwohn spürt: »Denen kann man nicht trauen, wenn’s drauf ankommt«, gewöhnt sich unmerklich an das Gefühl von Misstrauen oder, wenn die frühen Warnungen sich irgendwann mal als scheinbar begründet erweisen sollten, gar an Hass.
Angstgefühle, Schuldkomplexe, Argwohn und Hassanwandlungen sind verbreitete Äußerungen des K im Leiden. Trotz, Groll und Rachsucht sind nicht weniger häufig.
Solange jemand im K »Leiden« ist, wirkt er niedergeschlagen, traurig, schüchtern, verschlossen, ängstlich, oder er ist quengelig, eigensinnig und missmutig, ärgerlich und bockig, trotzig, aufsässig oder wütend, oder aber hämisch, schadenfroh, übelnehmerisch, nachtragend, neidisch, eifersüchtig, gemein. Und immer wenn er den Kopf hängen lässt, weint, sich blockiert, sich schuldig fühlt und zurückzieht, sich lähmt, wenn er schmollt und grollt, sich ärgert und trotzt, herumstrampelt und tobt und die Gegend vollschreit, dann ist er im K »Leiden«.
Einige der beschriebenen Reaktionen sind ganz natürlich und können in entsprechenden Situationen völlig normal sein. Wenn eine Gefahr auf mich zukommt oder mir ein Verlust droht, ist Angst die natürliche Reaktion meines Organismus. Dadurch werden ja, sobald die Schrecksekunde überwunden ist, blitzschnell Energien zu Flucht oder Abwehr mobilisiert.
Wenn ich einen Verlust erlitten habe, vielleicht für immer Abschied nehmen musste von einem geliebten Menschen, ist es verständlich, dass ich traurig und niedergeschlagen bin. Und wenn sich mir ein unerwartetes Hindernis in den Weg stellt, reagiere ich ganz natürlich mit Angst und Zorn. Nur wenn ich bei allen möglichen Gelegenheiten oder gar ohne ersichtlichen Anlass aus dem K »Leiden« heraus reagiere, dann empfinden andere (und vielleicht auch ich selbst) das als unangemessen, dann ist da etwas nicht in Ordnung. Der Grund dafür liegt oft in der frühen Kindheit. Und die Folgen können sehr ernst sein, wenn sie ein Leben lang anhalten und den Menschen, der die frühen Reaktionsschemata nicht überwindet, um innere Erfüllung und äußeren Erfolg bringen. Es ist ein richtiger Teufelskreis: Wer häufig, in allen möglichen Situationen, das Gefühl der Angst, der Schuld oder des Misstrauens erlebt, trübt sich dadurch leicht den Blick für die Wirklichkeit, vergrößert damit seine Schwierigkeiten und hemmt sich bei der Lösung anstehender Probleme. Dadurch, dass ihm seine Ängstlichkeit, seine Bedrückung oder sein Argwohn trotz gegenteiliger Worte anzumerken sind, fühlen sich andere in seiner Gegenwart unbehaglich oder abgewertet und gehen ihm aus dem Weg, wenn sie können. In der TA-Literatur bezeichnet man diesen Menschentyp als Verlierer.
Nicht an der beruflichen Position, am Fehlen von (oder Pochen auf) Bankkonto, Titel und Ehrenzeichen lässt sich ablesen, ob jemand ein Verlierer ist, sondern eher daran, ob er Freunde hat und fähig ist, sich auch Ruhe zu gönnen und sein Dasein wirklich zu genießen.
Gleichfalls im kindhaften Ich-Zustand, aber in gänzlich anderer Atmosphäre stellt sich das Erlebnis des Spielens dar. Das K »Spielen« zeigt sich in mannigfacher Weise, wenn jemand zeichnet und malt, knetet und formt, bastelt und baut, umherforscht und herumprobiert, etwas entwirft und erfindet, wenn er sich Überraschungen ausdenkt, andere verblüfft und neckt, reizt und manipuliert, wenn er sich tummelt und lärmt und nackt herumspringt, und auch, wenn er aus reiner Neugier und Experimentierlust Lebewesen quält. Er ist in solcher Verfassung verspielt und impulsiv, unbefangen und ungehemmt, und leicht auch selbstsüchtig und bedenkenlos.
Auch die Sinnen- und Seelenfreuden, die wir mit dem Schlüsselwort Genießen gekennzeichnet haben, werden schon in den ersten Lebensjahren geweckt, und je ungetrübter wir sie in der Kindheit erleben, umso freier und natürlicher können wir sie auch als Erwachsene auskosten. Die Weise, in der sich das Hochgefühl äußert, ändert sich ein ganzes Leben nicht wesentlich: Ob beim fröhlichen Aufnehmen einer guten Nachricht, beim glücklichen Staunen über eine Überraschung oder beim spontanen Mitfreuen über den Erfolg eines anderen, zum Beispiel einen Sieg im Sport: Man braucht nur einem begeisterten Reporter zuzuhören, wie er sich von seinem Schwung forttragen lässt und Tausende mit fortreißt … Anders und doch verwandt ist das wohlige Behagen des Urlaubers, der am Strand die Sonne, sich und die Welt genießt.
Wie sehr das Hochgefühl der spontanen Freude ein Leben lang etwas Kindhaftes behält, zeigt sich mit aller Deutlichkeit im Verhalten der Zuschauermenge, wenn bei einem spannenden Fußballspiel das entscheidende Tor fällt.
Wenn wir das K »Genießen« ebenfalls durch eine Reihe von Eigenschafts- und Tätigkeitswörtern weiter veranschaulichen wollen, so wären Wörter zu nennen wie zuversichtlich, unbekümmert und übermütig, spontan, fröhlich und frei, lebendig, schwungvoll und herzlich, sinnlich, lustvoll und ungezügelt, zärtlich, zutraulich und liebevoll. Diese Seite kindhaften Erlebens drückt sich aus in Lachen und Lächeln, Pfeifen und Singen, Tanzen und Springen, Hüpfen und Faulenzen, im Anschmiegen und Umarmen, im Schmausen und Schmusen. Wer früh viel Sonne aufnimmt, wer sich als Kind ungetrübt den Freuden des Herzens und der Sinne hingeben darf, in dem strahlt die natürliche Wärme ein Leben lang weiter.
Ein Kind, das immer wieder erlebt, dass es mit seiner spontanen Freude die Eltern nicht stört, sondern dass die Mutter sich mitfreut und der Vater mit ihm lacht, gewöhnt sich an das Gefühl der ungebrochenen Freude.
Ein Kind, das immer wieder erlebt, dass es mit allen Schwierigkeiten zu seinen Eltern kommen kann und dass diese ihm helfen und es nicht zurückweisen, auch wenn es sich ungeschickt verhalten hat, sondern für alle Probleme mit ihm gemeinsam eine Lösung suchen, gewöhnt sich an das Gefühl des spontanen Vertrauens.
Wer als Erwachsener leicht das Gefühl echter Freude und ungebrochenen Vertrauens erlebt, auch in schwierigen Situationen, der ist leichter imstande, Aufgaben klar zu sehen und angemessen zu lösen. Dadurch dass er Freude und Vertrauen ausstrahlt, wirkt er auf viele Menschen anziehend, sie suchen seine Gegenwart und kooperieren gern mit ihm. Kein Wunder, dass ihm im Leben vieles wie von selbst gelingt; deshalb sprechen wir bei diesem Typ auch vom Gewinner.
Natürlich handelt es sich bei den Typen Gewinner und Verlierer um eine psychologische Modellvorstellung; in reiner Ausprägung gibt es den »Nur-Gewinner« oder den »astreinen Verlierer« gar nicht. Dennoch hat eine solche Typisierung ihren Wert für die Praxis der Menschenkenntnis: An ihr lassen sich aufschlussreiche Zusammenhänge aufzeigen. Verbinden wir einmal ein paar Überlegungen dazu mit Beobachtungen aus dem Alltag!
Wir tun im Leben immer gern das, was wir können. Wer gut Tennis spielt, sucht auch Gelegenheiten, wo er spielen kann, nicht nur, um es vor anderen zu zeigen, sondern auch, um sich selbst zu erleben. Ähnliches gilt auch für die gelernten Gemütsreaktionen. Der Gewinner sucht im Leben instinktiv Situationen, die ihm die Gefühle der Freude und des Vertrauens bestätigen. Der Verlierer ist natürlich nicht bewusst darauf aus, Unangenehmes zu erleben, aber eigenartigerweise geht er eher auf Situationen zu, die ihm Gelegenheit geben, die ihm vertrauten Gefühle von Angst, Schuld und Misstrauen wieder »auszukosten«. Er leidet natürlich unter diesen Gefühlen, verwünscht sie und beklagt sich darüber; das Wort »auskosten« soll nur besagen, dass er in solch misslichen Situationen sich selbst in einer Weise erlebt, die ihm von klein auf bekannt ist, und insofern bringt ihm auch das vertraute negative Gefühl eine Art Bestätigung: Er hatte ja gleich gewusst, wie es gehen würde!
Aber es braucht nicht einmal eine unterschiedliche Situation zu sein, in die sich der Gewinner und der Verlierer begeben, sondern wenn sie in die gleiche, vielleicht durchaus schwierige Situation kommen, so trägt der Gewinner seinen Optimismus hinein und erlebt sie als Chance, Bereicherung oder sogar Beglückung, weil er sich dort seine Fähigkeiten erneut beweisen und dazulernen kann, und der Verlierer bringt Skepsis und Verzagtheit mit – wahrscheinlich als »Realismus« und »Illusionslosigkeit« deklariert – und schafft sich damit die Möglichkeit, wieder einmal Angst oder Selbstvorwürfe oder Misstrauen zu erleben und sich insofern das zu bestätigen, was er immer schon wusste über sich selbst und den Gang der Dinge. In diesem Sinn ist auch das zwanghafte Aufsuchen von negativen Erlebnissen für den Verlierer ein »Gewinn«, nämlich ein Zuwachs an Selbstgewissheit.
Wir haben gesehen, dass jedes gesunde Kind spielt, allein oder mit anderen. Viele Kinderspiele sind Formen des Wettbewerbs, wo die Kräfte gemessen werden und einer oder eine Seite gewinnt, also die stärkere, schnellere oder klügere. Der Sieger im Spiel ist aber nicht immer der Gewinner im psychologischen Sinne. Ist der Sieger ein Gewinner, freut er sich über seinen Sieg, aber hat es nicht nötig, maßlos zu triumphieren, er weiß ohnehin, dass morgen vermutlich wieder ein anderer siegen wird. Ist er aber ein Verlierer, prahlt er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit mit seinem Sieg (wohl, weil er im Tiefsten empfindet, irgendetwas sei trotzdem mit ihm nicht in Ordnung) oder wertet ihn gleich irgendwie ab (»Na gut, ich habe die meisten Punkte, aber wenn dies oder jenes nicht gewesen wäre, hätte ich es erheblich besser gemacht …«).
Wir alle haben als Kind wohl Wettbewerbs- und Vergleichsspiele gespielt, auch wenn sie nicht ausdrücklich so genannt wurden. Denken wir nur an das naive Bestreben, mit dem Spielzeug den Spielgefährten zu übertrumpfen. Die Devise war immer die gleiche: »Meins ist besser als deins«, mit wem wir uns auch gerade verglichen haben, mit dem großen oder kleinen Bruder, mit dem Mädchen von nebenan oder mit den großen Jungs, die schon in die Schule gingen. Meins ist besser, das hieß damals größer, schöner, bunter, stärker, schneller, tüchtiger, angesehener. Meins, das war der Ball, das Spielzeugauto, die Mütze, das Haus, der Bizeps, der Vater. Das Kind erlebt bei diesem Spiel unzählige Male, dass es nichts einbringt als Einsamkeit oder Demütigung. Das mag zunächst befremdlich klingen, doch es lässt sich rasch erklären, wenn man die verschiedenen denkbaren Möglichkeiten systematisch analysiert. Entweder habe ich recht und »meins ist wirklich besser als seins«, dann gibt er es mir zurück und rächt sich, oder er stimmt mir zwar zu, aber sicherlich ohne echte Freude, oder aber er geht seiner Wege; ein echtes Miteinander, bei dem beide sich wohlfühlen, haben die Verfasser bei einem solchen Vergleichsspiel jedenfalls noch nicht erlebt. Oder aber der andere beweist mir, dass Seins doch besser ist als Meins, und trumpft auf, und dann bin ich meistens verstimmt, und das ganze Spiel macht mir keinen Spaß mehr. Und doch habe ich es selbst angefangen, und ich habe sogar etwas gewonnen, nämlich die Bestätigung, dass es jedes Mal so ausgeht, wie schon immer. Natürlich werde ich mich darüber beklagen, aber im Tiefsten habe ich es wohl gar nicht anders gewollt. Wenn ich es in der Hand hatte, so ein Spiel zu beginnen oder bleiben zu lassen, dann muss mir letztlich an diesem Spielgewinn doch gelegen haben, sonst hätte ich es gar nicht angefangen. Und auch der andere hätte sich nicht darauf eingelassen, wenn er nicht seinerseits irgendetwas dabei gefunden hätte.
Wir brauchen nur die Situation von Hänschens Spielauto auf den neuen Sechszylinder von Hans zu übertragen, um zu sehen, wie viele Spiele sich in der Erwachsenenwelt ausgesprochen oder unausgesprochen immer noch um das Auto drehen. Immer noch lautet die Devise: Meins ist besser (größer, schöner, bunter, schicker, und trotz Energiekrise auch stärker oder schneller) als deins. Ärzte und Psychologen beobachten, welch ungeheure Energie der Erwachsene darauf verwendet, sich mit zäher Beharrlichkeit immer wieder neu die Abfuhr zu holen, an die er gewöhnt ist. Sie sprechen von Psychospielen, die das K des Menschen aus der Kindheit mitschleppt und ein ganzes Leben lang immer wieder inszeniert.
Nehmen wir ein weiteres Beispiel, um deutlich zu machen, welch breiten Raum solche Psychospiele im Leben einnehmen. Wenn das Kind Strafe befürchten muss, liegt nichts näher als die natürliche Reaktion, die Schuld für sein Verhalten rasch auf einen anderen abzuschieben. Adam hat durchaus aus eigenen Stücken in den Apfel gebissen (wenigstens unterstellen wir das), aber als er zur Rede gestellt wurde, kam ihm sofort in den Sinn: »Das Weib, das du mir gegeben hast …«, und schon waren in einem Satz zwei Schuldige gefunden. Ich hätte es ja richtig gemacht, wenn ich nur gekonnt hätte, wie ich wollte, aber meine Mutter (oder meine Schwester, oder mein Lehrer) … Wir brauchen uns nur umzusehen, die Schuld für den Irrtum bei der Berufswahl, die aufgelöste Verlobung, die plötzliche Kündigung, den missglückten Urlaub, den verpfuschten Tag oder die verkorkste Einladung liegt in den allermeisten Fällen beim anderen. Dieses Psychospiel heißt »Wenn du nicht wärst« und wird wohl gelegentlich in allen Familien gespielt, in manchen Ehen mit Verbissenheit über Jahrzehnte hinweg, aber auch in der Firma, in der Schule1, in den Parteien und Vereinen. Hier holt sich der Psychospieler Bestätigung für eine andere Grundeinstellung, nämlich: »Die Mitmenschen taugen nichts, der andere ist nicht in Ordnung.« Und weil er diese Bestätigung immer wieder braucht, deshalb wehrt er sich auch so hartnäckig dagegen, das Spielchen aufzugeben und ganz einfach seinen Anteil Mitverantwortung zu übernehmen für ein Geschehen, an dem er doch zweifellos auch beteiligt war und von dem er sich zumindest nicht zurückgezogen hat.
Wann bin ich nun im L? Sobald ich sicher weiß, wie die Dinge eigentlich sind und was denn nun richtig ist, und mich angesprochen fühle, wenn andere das nicht wissen oder noch nicht richtig oder noch nicht sicher genug wissen, wenn ich dann mein Wissen weitergebe, dann bin ich im L. Und wenn ich anfange zu erklären und mit Wonne erlebe, wie die anderen das aufnehmen, wenn ich sie korrigiere und lobe und zurechtweise und anerkenne und immer wieder ausbessere, dann bin ich im L, und zwar, um das Schlüsselwort wieder aufzugreifen, im L »Wissen«. Wer solchen L-Impulsen folgt, drückt das in seinem Verhalten eher als »Belehren« aus; das wirkliche »Wissen« kann ja niemand sehen. Streng genommen müsste unser Schlüsselwort also heißen »Wissen weitergeben« – wenn wir uns dennoch für »Wissen« entschieden haben, so auch wegen des einprägsamen Stabreims Wissen, Werten, Wiegen …2
Im L »Wissen« wirkt der Mensch klug und erfahren, dabei bisweilen eingefahren und festgelegt, und schließlich oft genug voreingenommen, besserwisserisch oder gönnerhaft.
Aber auch die Energie und Unerbittlichkeit, mit der ich für Ordnung sorge und Menschen fordere, zu Leistungen zwinge und notfalls maßregele, kann eine eigene Genugtuung auslösen. Nicht jeder Trainer ist ein Leuteschinder; aber wer seine Mannschaft nicht »rannimmt« und auch dann noch hart anfasst, wenn die Grenzen der Leistungsfähigkeit erreicht sind, der wird diese Grenzen auch nicht erweitern und keine wirklich einsatzfähige und leistungsstarke Mannschaft heranziehen. Die Frage, wozu die Mannschaft überhaupt so schlagkräftig sein muss, stellt sich für das L nicht, denn die Wertordnung, aus der heraus andere gefordert, belohnt und bestraft werden, wird nicht infrage gestellt.
Wenn wir uns das Werten wieder mit Eigenschaften und Tätigkeiten verdeutlichen, nennen wir kritisch, fordernd, selbstgerecht, eingebildet und autoritär; typisch für diesen Ich-Zustand ist eine immer etwas gereizte Verfassung. Sie zeigt sich im ständigen Begutachten und Bewerten, im Befehlen, Beherrschen, Schimpfen, Schikanieren und Tyrannisieren anderer.
Schon beim »Wissen«, noch mehr beim »Werten« fällt die Selbstverständlichkeit auf, mit der das L die eigene Einstellung als für alle anderen verbindlich erlebt. Das kommt daher, dass die Anschauungen, die dahinter stehen, die Inhalte unseres L einmal unbesehen übernommen worden sind in einem Alter, als wir noch viel zu klein waren, um sie überhaupt prüfen zu können. In der Regel werden sie nun ein Leben lang ungeprüft weitergeschleppt, ohne dass wir noch hinsehen, ob sie für die heutige Situation überhaupt zweckmäßig sind.
Wer von seinen Eltern früh aufgenommen hat, dass man die Dinge nicht übertreiben und die Kirche im Dorf lassen soll, bei dem ist im L auch die gewährende Seite gut entwickelt, und der wird seinerseits seinen Kindern oder seiner Umgebung gegenüber gern im L »Wiegen« auftreten. Vielleicht wählt er gar einen betreuenden, beratenden oder helfenden Beruf, wird Arzt oder Seelsorger, Kindergärtnerin oder Fürsorgerin. Lisa durfte ihre Puppe ausgiebig wiegen, verhätscheln und versorgen. Kein Wunder, dass wir sie fünfzehn Jahre später als Schwester Lisa im Krankenhaus wiedersehen und die Patienten strahlen, wenn sie ins Zimmer kommt und die Medikamente bringt.
Eigenschaften, die diese Seite des Eltern-Ichs kennzeichnen, sind: mitfühlend, verständnisvoll, wohlwollend, versöhnlich, unterstützend, ermutigend, anregend, fördernd, selbstlos, aufopfernd. Unter den Tätigkeiten sind zu nennen: helfen, betreuen, schützen, trösten, ermutigen, hätscheln, retten.
Die unterschiedlichen Äußerungen der Persönlichkeitselemente sind nicht an sich »gut« oder »böse«, sondern ihre positiven oder negativen Auswirkungen ergeben sich oft als eine Frage des Maßes. Das kann man gut bei Lehrern (oder Seelsorgern, oder Psychologen) beobachten, die mit ihrem ewigen Begutachten leicht Verstimmung auslösen, auch wenn das Gutachten positiv ausfällt. Gerade beim L kommt es sehr darauf an, ob der andere meine Belehrung, mein Eingreifen, meine Betreuung überhaupt braucht (oder jetzt noch oder gerade jetzt braucht). Sogar bei den verinnerlichten L-Geboten, mit denen ich mich selbst zur Ordnung rufe, hängt es oft von Ausmaß und Häufigkeit, Zeitpunkt und Situation ab, ob sie mir mehr nutzen oder schaden.
Viele L-Botschaften führen den Menschen in innere Konflikte, und bei vielen tut er gut daran, einmal zu überprüfen, ob sie noch angemessen sind. Viele aber bieten auch Schutz vor Gefahren oder ersparen unnötigen Aufwand.
Auch das L erfindet Psychospiele. Wahrscheinlich liegt der tiefste Grund für die meisten Spielchen in einem unruhigen, unglücklichen K, aber die Ausgestaltung einiger Abläufe geschieht aus dem Eltern-Ich heraus.
Wir können die Leistung eines anderen, etwa des eigenen Kindes, eines Schülers, eines Mitarbeiters mit ganz verschiedenen Einstellungen betrachten oder entgegennehmen. Wir können uns darauf konzentrieren, was sie uns bringt, das ist durchaus berechtigt. Wir können auch wohlwollend darauf blicken, welchen Erfolg oder welchen Fortschritt sie für den bedeutet, der sie erbracht hat. Und wir können insgeheim darauf aus sein, vielleicht irgendwo einen Fehler, eine Unvollkommenheit zu entdecken, und weil nichts im Leben ganz perfekt zu sein pflegt, werden wir den Mangel dann auch bald feststellen und gleich darauf deuten: »Da habe ich dich erwischt!« Das Psychospiel »Da habe ich dich erwischt« ist ein ausgesprochenes L-Spiel, und man trifft es in so vielen Familien und Lehrerkollegien, vor allem in den Direktionsbüros fast aller Unternehmen an.
Die wirklichen Schlüsselwörter des R heißen »wie viel«, »wie groß«, »wie lange«, »woher« oder »wozu«. Das R entwickelt sich bei vielen Menschen nie besonders stark und bleibt bedeutungslos neben einem übermächtigen K oder einem stets fordernden L. Lebt der Mensch hingegen so gut wie nur noch in seinem R-Bereich und kostet überall das einwandfreie Funktionieren seines Denkapparates aus, nimmt das R also gewissermaßen zuviel Raum ein, löst es alle L-Botschaften auf und überschattet sogar die Regungen des K, dann wirkt so eine Persönlichkeit bald farblos und uninteressant.
Der Vorgang des ruhigen Überlegens und reifen Urteilens ist nun einmal undramatisch, dabei »passiert« nicht viel, jedenfalls nicht vieles, das gleich ins Auge fällt, und so nimmt das Erwachsenen-Ich denn auch in den Beschreibungen der TA meist am wenigsten Platz ein. Da das R-Geschehen nach außen wenig sichtbar ist, erfasst der Leser es am besten, indem er seiner bei sich selbst innewird, und am klarsten, wenn er es mit den Reaktionen vergleicht, die aus den beiden anderen Elementen kommen. Nehmen wir dazu wieder ein Alltagsbeispiel: Es ist die Rede von einem neuen Beruf, von einer Tätigkeit, die es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab und die für mich zur Umschulung infrage kommt. Meine Reaktion aus dem K heraus kann sein: »Mensch, das ist aber schwierig, das schaffe ich doch nicht.« Oder aber: »Tolle Sache, lass mich erst mal machen, in drei Jahren bin ich ein reicher Mann.« Aus dem L heraus kann ich so reagieren: »Das gibt es ja gar nicht, das kann überhaupt nicht funktionieren, denn …« (und dann kommt alles, was ich schon weiß, ehe ich mich näher mit dem Neuen befasst habe). Die R-Reaktion könnte heißen: »Wie viele Leute brauchen mich, wenn ich da einsteige? Wie viele üben das schon aus? Wie viel kostet mich die Grundausstattung? Wie groß ist der Bedarf, den ich selbst erfüllen kann? Wie lange brauche ich, bis ich Geld verdiene? Woher kommt auf die Dauer mein Einkommen? Wozu muss ich jetzt was tun?« – Es liegt auf der Hand, dass diese Reaktion größere Aussicht hat, Probleme sinnvoll zu erfassen und wirklich zu lösen.
Das R hat die doppelte Fähigkeit, in der Gegenwart zu leben und doch in der Vorstellung prüfend in die Zukunft zu blicken. Das R bleibt im Hier und Jetzt; wo es die Vergangenheit einbezieht, stützt es sich auf die selbst gemachten (oder glaubhaft berichteten, einleuchtenden) Erfahrungen; und wo es in die Zukunft greift, erlebt es diese als nicht festgelegt, sondern grundsätzlich offen, und prüft, welche der verschiedenen, an sich nebeneinander vorstellbaren Denkmöglichkeiten am meisten Aussicht auf Verwirklichung hat.
Ehe ich im R eine Entscheidung treffe, beziehe ich meine eigene Verfassung mit ein: Ich nehme meine Bedürfnisse und Gefühle, die ganze Breite meiner K-Impulse wahr, und ich höre auch meine L-Botschaften und frage mich, wieweit ich gut daran tue, mein Handeln auch auf meine Wertvorstellungen und meine Ansprüche an mich selbst auszurichten.
Das reflektierende Element wird dann besser verstanden, wenn es in diesem weiten Sinne gesehen wird. Realität erfassen heißt dann nicht nur Erfassen der physischen Realität wie beim Landvermesser, nicht nur Aufnehmen all dessen, was ich zählen, wiegen, abmessen, in Zeitbegriffen oder Währungseinheiten ausdrücken kann, sondern auch das Erfassen seelischer und sogar denkerischer Wirklichkeit. Auch das reflektierende Miterleben psychischer Zustände, auch das registrierende Nachvollziehen innerer Vorgänge ist eine Äußerung des R, und schließlich auch das Innewerden gedanklicher Kongruenzen (»Mensch, da fiel bei mir der Groschen: so stimmt’s!«) und das Sich-nicht-abfinden-Können mit logischen Widersprüchen.
