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Die Geschichte der deutschen Literatur ist Entwicklung, Wandlung, Werden und Sein des deurschen Menschen. Dichtung und Literatur ist die grandiose Entäußerung von Menschen, die begnadet sind, aus und mit dem Wort eine neue Gestalt zu einem neuen Leben erstehen zu lassen. Viele Tausende von Romanen, Novellen, Dramen, Gedichten stapeln sich jährlich auf, einige Hundert retten sich über die Jahre hinüber in das Gedächtnis von Menschen, einige wenige bleiben geistiger Bestand von Generationen. Sammlung und Sichtung ist in den meisten Fällen nach Stilbegriffen, nach "Richtungen" geschehen. Jahrhunderte werden aufgeteilt nach Wellenbergen und Wellentälern; Analogien haben psychologische Formeln eingeführt; die Geschichte ist vom Rückschauenden rekonstruiert worden als Schöpfungsprozess in ihrer Zeit, mit biologischen, evolutionistischen, mechanistischen Bestimmungen, als Folge aus Folge. Es ist das Thema der geistigen Erziehung aus dem 18. Jahrhundert. Deshalb hat der Autor der eigentlichen Geschichte der Literatur einen Überblick über die letzten fünf Jahrzehnte vorausgeschickt, um aus ihnen die Zusammenhänge klarzumachen, in denen die Schaffenden gelebt haben. Das Gesicht dieser Jahrzehnte ist eine Beschreibung und Darstellung der geistigen und materiellen Inhalte der Deutschen, eine umrisshafte Ordnung der politischen, wissenschaftlichen, religiösen, sozialen, ökonomischen, literarischen Ereignisse, die in einen Zeitraum von zehn Jahren gehören, ohne dass sie mit einer Jahreszahl als abgeschlossen gedeutet werden. Insgesamt hat der deutsche Literaturhistoriker Brand das literarische Schaffen aus fast vierzig Jahren eingeordnet, klassifiziert und mit Informationen über unzählige Titel versehen. Dies ist Band eins von zwei.
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Seitenzahl: 797
Veröffentlichungsjahr: 2023
Werden und Wandlung
Eine Geschichte der deutschen Literatur 1880 - 1940, Band 1
GUIDO KARL BRAND
Werden und Wandlung Band 1, Guido Karl Brand
Jazzybee Verlag Jürgen Beck
86450 Altenmünster, Loschberg 9
Deutschland
ISBN: 9783849664060
www.jazzybee-verlag.de
VORWORT.. 1
DAS GESICHT DER JAHRZEHNTE.. 4
VERSUCH ZUR KLÄRUNG DER LITERARISCHEN RICHTUNGEN.. 144
MITTLER UND VERMITTLER.. 168
DIE ZEIT IST ABGELAUFEN... 201
MACHT DES ALLTAGS UND CHRONISTEN DES TÄGLICHEN LEBENS. 220
"AUF SCHWANKER LEITER DER GEFÜHLE". 286
"DAS IST DER HUMOR DAVON" - HUMOR ALS WELTANSCHAUUNG319
DEUTSCH GROßGESCHRIEBEN - DEUTSCHHEIT ALS CHARAKTER.. 355
Die Geschichte der deutschen Literatur ist Entwicklung, Wandlung, Werden und Sein des deutschen Menschen. Dichtung und Literatur ist die grandiose Entäußerung von Menschen, die begnadet sind, aus und mit dem Wort eine neue Gestalt zu einem neuen Leben erstehen zu lassen. Viele Tausende von Romanen, Novellen, Dramen, Gedichten stapeln sich jährlich auf, einige hundert retten sich über die Jahre hinüber in das Gedächtnis von Menschen, einige wenige bleiben geistiger Bestand von Generationen. Sammlung und Sichtung ist in den meisten Fällen nach Stilbegriffen, nach "Richtungen" geschehen. Jahrhunderte werden aufgeteilt nach Wellenbergen und Wellentälern; Analogien haben psychologische Formeln eingeführt; die Geschichte ist vom Rückschauenden rekonstruiert worden als Schöpfungsprozess in ihrer Zeit, mit biologischen, evolutionistischen, mechanistischen Bestimmungen, als Folge aus Folge. Es ist das Thema der geistigen Erziehung aus dem 18. Jahrhundert.
Es gibt letzten Endes keinen Bereich der schöpferischen Tätigkeit als das Dichten, das die Universalität des Lebens so in sich begreift. Das einfache Wort, der Satz, die Zusammenhänge von Sätzen sind über die Grammatik hinaus der Raum, in dem das Geschehen, das Tun, Handeln, Wollen, Gefühl, das Geistige und Seelische mitgeteilt werden. – Ein Buch umschließt nicht nur das Schicksal der Personen, sondern es ist der Raum, in dem das irgendwie gesehene Leben lebendig ist. Das hat - vorläufig - nichts damit zu tun, ob das Buch schlecht ist, ob und wie es gestaltet ist; sondern es ist die noch einmal erschaffene Realität eines Seins, die der Leser zu sich, zu seiner Umwelt in Beziehung bringt. Das Buch ist nicht nur eine ästhetische Beigabe für unser Dasein, es ist auch vom Verfasser her kein isolierter Gegenstand, sondern geistig ist es vom Dichter her: der Ausdruck eines Seins; vom Leser her: die Erlebbarkeit der neuen Gestaltung. Inwieweit nun der Literarhistoriker den Inhalt beschreibt, sprachlich vergleicht, miteinander in Beziehung setzt, inwieweit er ästhetische Formeln zugrunde legt, biologische Gesetzmäßigkeiten anwenden zu müssen glaubt, philosophische Deutungen ermöglicht, das kann nur die Intensität seiner geistigen Spannkraft bestimmen. An dem Material selbst wird nichts geändert. Die Geschichte der Literatur hat es von allen Seiten her versucht: stilvergleichend, dialektisch, generationsorientierend, philologisch, motivvergleichend.
Ich habe den Versuch gemacht, grundsätzlich mit den alten Klassifizierungen zu brechen. Es ist hier niemand naturalistisch oder expressionistisch. Der Dichter, Schriftsteller, Literat steht zuerst einmal als beziehungsreiches und Beziehung spendendes Wesen in der Mitte der Welt; er ist zuerst einmal ein Gestalter von Dingen, Menschen und Zusammenhängen und ein Schöpfer einer Geistwelt, die erst wieder aus dem Buch heraus durch den Leser lebendig wird. Ohne diesen, ohne dessen Echo ist und bleibt sie tot. Diese Zusammenhänge sind durch keine Stilunterschiede wie Naturalismus oder Neue Sachlichkeit zu erklären, sie sind nicht durch Einteilung wie Roman – Drama – Lyrik zu gewinnen. Das sind Äußerlichkeiten, mit denen man in das innere Wesen des Geistes und seiner Schöpfungen nicht eindringt.
Ich habe den Versuch gemacht, die Zeiten zu binden durch Werke gleichgearteter Wesenheit. Es gibt Romane aus 1885, die von denen um 1930 nur durch die gewandelte Grammatik entfernt sind. Das Wesen der lyrischen Hingabe ist in keinem Jahrhundert als solches verändert, denn es bleibt nur das Werden des lyrischen Gestaltens. Ich habe versucht, andere, keine "neuen" Oberbegriffe zu finden und die Vielfalt des Dichterischen und Literarischen darunter zu ordnen. Der Inhalt ist kein anderer, nur seine Deutung. Es sind Schaffende in einem Raum beieinander, der auf den ersten Blick als Diskrepanz erscheint; aber jene gehören doch zusammen. Es ist keine Philologie, sondern nur der Versuch, den Ablauf der Geistesgeschichte der Menschen in eine eigene wesenhafte Struktur zu formen; der Wille, das Leben und Schaffen der einzelnen Individualität in die Gesamtheit eines Gestaltungswillens einzuordnen. Es ist keine Geschichte ohne Namen, wie Windelband einmal eine Geschichte der philosophischen Probleme schreibt, ohne das Werk einzelner als Beispiel zu geben. Sie sind ihm nur der Fundus gewesen, aus dem heraus er einen einzigartigen Überblick gibt. Eine Geschichte der deutschen Literatur verfolgt einen Zweck: nicht nur Ordnung in das Problemdenken zu bringen, sondern auch in das Geschichtsdenken. Aus diesem Grunde sind weder Name noch Werk zu entbehren. Nur ist Naturalismus kein Merkmal der Geschichte, aber das Kapitel: die vier Wesenheiten des deutschen Menschen. Denn diese formen Werden und Wandlung. Wenn ich somit die bisherigen literarhistorischen Begriffe in einem kleineren gesonderten Kapitel behandle, so will ich damit nicht ihre Geschichte schreiben, sondern die "Richtung" festlegen, die einmal in irgendeinem Jahrzehnt eine Rolle gespielt hat. Es gibt keinen Typus des Naturalismus. Und Literaturgeschichte ist am allerwenigsten eine Typenlehre. So habe ich in diesem Kapitel den Versuch gemacht, die Richtung aus und in ihrer Zeit zu klären, und damit sind sie für das Gesamtwerk als abgeschlossen und erledigt zu betrachten. Diese Begriffe erscheinen bei keinem irgendwie gearteten Dichter, Literaten und Schriftsteller.
Dieser Begriff bedarf keiner Deutung. Es gibt Dichter, die zuzeiten so gut wie Literaten, und Schriftsteller, die so vorzüglich wie Dichter schreiben. Ihre Klärung ist eine ästhetische Definition. In der Geschichte spielt sie nur intuitiv eine Rolle.
Somit kann ich nur wiederholen: Der große Inhalt der deutschen geistigen Bewegung im Allgemeinen, der literarischen im Besonderen steht jedem einzelnen in den zahllosen Werken zur Verfügung. Literaturgeschichte ist lediglich die Ordnung nach einer Methode. Diese, die ich anwandte, stellt den Versuch dar, die geistige Wesenhaftigkeit der Jahrzehnte und ihrer schöpferischen Menschen in ihrem geistigen und seelischen Aspekt zu erfassen.
Deshalb habe ich der eigentlichen Geschichte der Literatur einen Überblick über die letzten fünf Jahrzehnte vorausgeschickt, um aus ihnen die Zusammenhänge klarzumachen, in denen die Schaffenden gelebt haben. Das Gesicht der Jahrzehnte ist eine Beschreibung und Darstellung der geistigen und materiellen Inhalte des deutschen Menschen, eine umrisshafte Ordnung der politischen, wissenschaftlichen, religiösen, sozialen, ökonomischen, literarischen Ereignisse, die in einen Zeitraum von zehn Jahren gehören, ohne dass sie mit einer Jahreszahl als abgeschlossen folgehaft gedeutet werden. Die Ereignisse greifen vor und zurück, sie kommen aus der Vergangenheit und weisen in die Zukunft, und die Darstellung soll nur zeigen, in welcher Welt, in welcher Zeit der Mensch, der imstande ist, die Sprache als dichterisches Formelement zu verwenden, lebt. Es schien mir nicht unwichtig, und es ist zum ersten Mal der Versuch gemacht, die geistige Haltung des deutschen Menschen in Verbindung mit der dichterischen Produktion zu bringen. Aus dem profanen Sein begreift sich ohne weiteres manche Wandlung eines dichterischen Werkes. Es ist eine Stoffsammlung mit dem Zweck, einen Boden zu schaffen, aus dem der Leser Anschauung und Zusammenhänge der Epochen gewinnt.
Für die aufopfernde Tätigkeit und Mitarbeit an diesem Werk gehört Frau H. Brün mein tiefster Dank.
Berlin, im November 1932
Guido K. Brand
1880 / 1890 / 1900 / 1910 / 1920
1880
Eduard von Hartmann, der, sechsundzwanzigjährig, Die Philosophie des Unbewussten (1869) veröffentlicht, leitet das Jahrzehnt mit einem Artikel über "Religiöse Reformbestrebungen der Gegenwart ein: "Wir leben anerkanntermaßen in einer Zeit so großer Umwälzungen, wie dieselben seit der Renaissance und Reformation nicht dagewesen sind." Die "Konsolidierung der Nationalstaaten", die einheitliche Organisation des Weltverkehrs durch Dampf und Elektrizität, die Aneignung der gesamten Weltliteratur und das Abstreifen der Fesseln der Autorität der Kirche sind für ihn Merkmale dieser großen Veränderung des Zeitbildes. Es ist die bewusste und empfundene Gültigkeit einer Gegenwartsbestimmung, doch - historisch gesehen - eine Übertreibung.
Für die bisherige deutsche Geschichtsschreibung war dieses Jahrzehnt eine unschöpferische, geistig belanglose Übergangszeit, ein Stilchaos in den Künsten, eine Zeit platter Lebenshaltung, niveauloser, phrasenhafter Struktur. Oberflächenhafter Betrachtung der achtziger Jahre, deren Inhalt aus einem schon begonnenen Kampf um eine neue Weltanschauung mit all ihren Hilfsdisziplinen und aus der Durchsetzung eines literarischen und dichterischen Ausdrucks besteht, mag aus kühn hingeworfenen Selbstäußerungen einer flammend begeisterten Jugend und aus dem Schweigen resignierenden Alters das Bild einer epigonenhaften Zeit entwachsen. Die bewunderungswerte Zähigkeit aber, mit der eine Schicht der älteren Generation von Schaffenden und Genießenden an dem Bestand und Besitz erlebter, deutscher Kultur festhält, die hemmungslose Kühnheit, mit der das Neue von den Jungen verteidigt wird, ergeben mit der Massenhaftigkeit interesseloser Gleichgültigkeit, wie sie jede Zeit immer und immer aufweisen wird, ein typisches Bild des deutschen Menschen.
Zehn Jahre erst sind vergangen, seitdem die Deutschen vor Paris standen, neun seit Errichtung des Kaiserreiches; Jahre des Kulturkampfes, Jahre schwindelhafter Unternehmungen, Aufregungen der Gemüter und des Geistes durch Milliardenziffern, Zusammenbrüche, Vermögensverluste; politische Umschichtungen durch die Fortschritte der Sozialdemokratie, Schwankungen des Liberalismus, kluge Taktik und Strategie des Zentrums, Machtworte der Feudalen, Erfindungen, Raum- und Zeitüberwindung von bisher ungeahntem Ausmaß, technische Errungenschaften, Fortschritte der Medizin, der Chemie, Physik; Zustrom neuer Geisteswerte aus Frankreich, Russland, Skandinavien, Amerika; Ausdehnung des deutschen Machtgefühls über die Grenzen Europas hinaus: all dies lagert im Bewusstsein des Jahrzehnts, das mit 1880 beginnt.
Zwei Größen beherrschen Meinung und Sinn, fordern zum Widerstand, feiern Triumphe und sind eines Tages aus dem geistigen Bild Deutschlands zurückgedrängt. Sie gelten nicht mehr als Wirklichkeit; aber als erfüllte Zeit, als Exponenten und Wirkungsfaktoren sind sie noch auf Jahre hinaus lebendig: Bismarck und Zola.
Die heutige Generation macht sich kaum einen Begriff von der Heftigkeit des Kampfes um diese beiden Persönlichkeiten. In keinem Jahrzehnt nach ihrem Abgang von der Schaubühne der Politik und der Literatur gibt es einen derartigen leidenschaftlichen Aufprall von Meinungen um Person und Werk. Ein Vergleich ist nur möglich mit den Auseinandersetzungen unserer letzten zehn Jahre um zwei Probleme: Die Friedensidee (Stresemann-Briand) und den Nationalsozialismus (Hitler). Stresemann lebt nicht lange genug, um das Werk zu vollenden, und die Träger der nationalsozialistischen Idee sind eine Welt von der Realität der politischen Idee des großen Kanzlers entfernt. Bismarck und Zola sind Mittelpunkt einer Neuordnung des Geistes, der politischen, wirtschaftlichen, literarischen und dichterischen Anschauung. Um diese Neuordnung kreist die lebendigste, fortschrittlichste Gedankenarbeit: die Naturwissenschaft. Diese Neuordnung, die zuerst mit einer politischen Orientierung nach der Proklamation von Versailles beginnt, erlebt ihren heftigsten Ausdruck in den achtziger Jahren, da Richtung und Ziel nur von wenig Erkennenden bestimmt wird: Bismarck erreicht die Einheit des Reiches, den Zusammenschluss der deutschen Stämme, rüttelt in der Masse den Sinn für das Politische auf. Zola gewinnt die Front eines Stils, der in Formgebung und Ausdruck einen neuen geistig-gestaltenden Raum schafft. Von unten her wächst eine neue Menschenschicht hinein. Man überhört zu leicht unter dem Eindruck des literarischen Lärms und des verbissen bekämpften Erfolges von Gerhart Hauptmanns Erstlingswerk (Vor Sonnenaufgang) die geistige Bewegung und Haltung des deutschen Menschen vor diesem Sieg. Dass im Oktober 1889 die Freie Bühne dieses Stück aufführen konnte, eine Entscheidung für die neue Kunst, hat seinen Grund in der Wandlung der Anschauung, der Stilmittel und der Lebensformen, die vom Politischen, Sozialen und Wissenschaftlichen her aufs äußerste beeinflusst werden. Das Ringen um die Befreiung von den Kolossen Bismarck und Zola sowie um die Führung der neuen Bewegung und Wahrung des alten Bestandes ist von einer Vielfalt der Probleme und einem Umfang, den das nächste Jahrzehnt nicht mehr aufweisen kann. Die Erreichung des Zieles verbreitert schon den Streit um das Neue in Einzelheiten, Nichtigkeiten, bei denen es nur um Begriffe, nicht mehr um das Wesen der Sache geht. Die neun Jahre – vom Beginn unserer Betrachtung bis zu dem denkwürdigen Theaterskandal in Berlin - stehen nicht isoliert in der Geschichte des deutschen Geistes; Zusammenhänge mit der Vergangenheit und der "unbewussten" Zukunft liegen immanent als Ursprung, erkannt oder unerkannt, aber immer wesenhaft.
Nicht zum mindesten sind die Zeitgenossen durch ihre Kampfesweise an dem Urteil schuld. Keine Epoche schreckt vor persönlichem Pamphletismus, vor unsachlichem Angriff zurück. Auch dieses Jahrzehnt nicht. In nichts stehen die Anfeindungen dieser Periode an Verbohrtheit, Schärfe und Überspitztheit einer anderen Zeit nach. Die Revolution des Geistes, die Aufrüttelung des Menschen durch die Rasanz, mit der die Ereignisse der Technik und Erfindungen, die Erkenntnisse der Naturwissenschaften hereinbrechen und vom Denkapparat des Jahrzehnts Besitz ergreifen, gestalten eine neue Grammatik, gegen die eine humanistische und hellenisch orientierte Generation nur grammatikalischen Widerstand leisten kann. Der Kampf um die Schule, um ihren Inhalt, um ihre geistige Überbürdung tobt nicht minder, als um die Stellung einer Menschenschicht, die sich einen neuen, sozial höheren Posten erobern will. Gegen die geringen Löhne der Arbeiter und Arbeiterinnen, gegen die Beschäftigung von Kindern in den Fabriken wird ebenso mit schärfsten Ausdrücken Front gemacht wie gegen die Herrschaft des Militärs. Die "falsche Richtung des Geschmackes" ist nicht zum geringsten Teil schuld an dem sozialen Elend, das mit unerhörter Anklage in die Welt geschrien wird. Überproduktion, schlechte Löhne - "in Breslau verdienen Maschinendreherinnen in der Posamentenfabrikation, Strohhutnäherinnen, Packmädchen in Zigarettenfabriken, Arbeiterinnen in der Buntpapierfabrikation auch bei übermäßigen langen Arbeitsschichten drei bis fünf Mark Wochenlohn" die Sucht, immer das Neueste zu besitzen, Förderung des Pumpens bei Kaufleuten, Handwerkern wird mit einem Fanatismus gegeißelt, der erst den Sieg des Naturalismus in seiner menschlichen Tragweite erkennen lässt. In einer zeitgenössischen Schilderung der sozialen Verhältnisse heißt es, dass Kinder bei 25 Grad Hitze schwarze Handschuhe tragen müssen, kleine Mädchen Visitenkarten austauschen, minderwertige Galanteriewaren den Markt verstopfen, Farbdrucke die Wohnung in eine Bildergalerie verwandeln: es sind, heute gesehen, im großen Geschehen der Zeit, Nichtigkeiten, die die Entwicklung nicht aufzuhalten vermögen und im Umfang des Lebensstandards der Reichen und Feudalen keinen Deut ändern, aber diese Sätze, in deutschen Zeitungen und Zeitschriften immer und immer wiederholt, finden schließlich in den Romanen, in sozialen Dramen Eingang.
"Darum schneidet die Frau Büroassistenten-Gattin ihren Kindern die Brotschnittchen so dünn, bringt sie so selten Fleisch auf den Tisch, lässt sie ihre Familie in einem licht- und luftlosen Alkoven schlafen, damit sie samt Fräulein Töchtern ein wandelndes Modejournal darstellen und ihre Freundinnen in einem stets aufgeräumten, mit tausend geschmacklosen Kleinigkeiten vollgepfropften Salon empfangen können, damit auch der Mann auf die standesgemäße Skat- und Vereinsfexerei mit obligatem Kneipenleben nicht zu verzichten braucht." Das steht 1888 in einer Zeitschrift. Der Unterschied gegen spätere Jahrzehnte ist nur, dass die Grammatik und diese Dinge keine Probleme mehr sind. Diese Menschen, Literaten, Schriftsteller, Journalisten, Dichter bluten noch, schreien auf; vierzig Jahre später konstatiert erschreckende Kühle die Tatsache des ewigen Klassenkampfes. Die Verschiebung der sozialen Verhältnisse nach dem Deutsch-Französischen Krieg, das Expansionsbedürfnis des Deutschen Reiches in die Welt und des Einzelnen innerhalb seiner Schicht, die fanatischen Auseinandersetzungen in dem "Kulturkampf" aus den siebziger Jahren – noch ist nur ein Waffenstillstand – die wirtschaftlichen Bedingungen, die reportagehaft in jeder Jahresübersicht zu einer Krise führen, ihre rücksichtslose, umstürzlerische Kritik schaffen eine Basis, aus der dem Gesicht der Zeit Gehässigkeit, Intoleranz, Übertreibung anwächst.
Im tiefsten Grunde ist das deutsche Volk in seiner Gesamtheit enttäuscht über den Erfolg des Krieges von 1870/71. "Ich will euch sagen, was wir brauchten! Ein Sedan brauchten wir, in dem wir die Rolle der Franzosen spielten, ein neues Jena, das uns aufrisse von dem stinkenden, verfaulten Lotterbett, auf das uns die Bourgeoisie geworfen! Ein Sedan brauchen wir, sage ich euch, damit dieses Gesindel, das seit 1870 im Vaterland herrscht, Jobber und Unteroffiziere, erfährt, dass es noch etwas Höheres gibt, als Börsenschwindel und Exerzierdrill! Zittern müssen sie, damit sie hören. Ach! Ein Königreich für einen Krieg, einen gesunden, frischen Krieg, in dem die Geister erwachen und die Herzen sich rühren und wieder die Kraft herrscht und die Leidenschaft und das Genie sein Recht erhält, statt des Geldsacks und des Kragenknopfs"... schreibt Conrad Alberti in seinem "Sozialen Roman" Die Alten und Jungen (1889).
Wer diesen Roman liest, ohne die Geschichte seiner Zeit zu kennen, würde mit seinem Urteil fehlgehen, wenn er ihn lediglich als Kraftäußerung des in diesem Jahre schon verfemten Alberti nehmen würde. Er liest sich wie ein Wutausbruch, eine berserkerhafte Studie der achtziger Jahre, die ein Wort immer wieder hinausschreien: "Die Wahrheit, die Wahrheit, welche nur die Wirklichkeit erzeugt – war ihre Göttin, die einzige, welche sie anerkannten, vor der sie knieten, auch wenn dieselbe alle Prüfungen über sie herabschickte." (Ebenda S. 88.) ("Dieselbe war etwas wie ein Urwort der Zeit.) .... Tag um Tag in Bewegung versetzt durch die Meldungen von neuen Siegen der Wissenschaft, der Technik - von neuen Ansichten erfüllt durch Darwin, Marx und Wundt." Auch dieser Satz steht in dem gleichen Roman.
Der Deutsch-Französische Krieg ist zu kurz, um von der Masse begriffen zu werden. Bismarck ist der Heros des Volkes, das Heer die unantastbare Macht des neuen Reiches. Wilhelm der Große, um dessen Denkmal in Berlin später ein unwürdiger lächerlicher Streit entsteht, seine Militärs sind für den bourgeoisen Verstand der Inbegriff der deutschen Weltgeltung. Kritik wagt sich langsam, von unten her, von dem Proletariat, von Literaten und Schriftstellern her, gegen ihr Werk; mehr: gegen ihre Institution und den unerträglichen Druck, der auf die geistige und wirtschaftliche Ausdehnung der neuen Generation lastet. So heißt es im zweiten Band von Albertis Roman von Bismarck: "Er ist es, der die idealen Instinkte unseres Volkes bannt und zurückhält, sie brutalisiert, militarisiert. Erst mit seinem Tode wird die Welt wieder aufatmen, wird wieder der Geist als Geist herrschen, wenn er aus der königlich-preußischen Dienstuniform entlassen ist." Und das letzte Wort in diesem aufschlussreichen Roman gilt der Entlassung Bismarcks und der Thronbesteigung Wilhelms II.: "Der Wechsel einer Generation hatte sich vollzogen."
Die innere Haltung dieser Epoche ist bestimmt durch Leistungen, die, gewaltig, begeistert erlebt, aber kaum in ihrer Zukunftswirkung erkannt werden. Leistungen schnellen den Wertmesser der Zeit in eine Höhe, auf der später das deutsche Volk - solipsistisch im Bann seiner Errungenschaften der Gegnerschaft Europas anheimfällt. Zeitgenossen prägen charakteristische Ausdrücke: Zeitalter der Elektrizität, Zeitalter des Dampfes. Sie nennen es ein herzenskaltes, nervöses, heuchlerisches Zeitalter, "wesentlich geschaffen zum verstandesklugen Sammeln und Erfinden." Wie jede Epoche sieht sie sich selbst als eine Zeit des Überganges. Otto Weddigen, ein kluger Politiker seiner Zeit, glaubt 1881 feststellen zu müssen, es sei wahr, dass das verflossene Jahrzehnt nur wenig große Schöpfungen in der Dichtung aufzuweisen hätte: "Es hat dies eben zum Teil seinen Grund darin, dass die produktiven Geister mehr oder minder in das politische Getriebe hineingezogen sind - in die Kämpfe der Gegenwart. Und auch dieses ist von Vorteil." Vierzig Jahre später klagen die Zeitungen, dass das deutsche Volk zu wenig politisiert sei.
Die Politik zehrt an der schöpferischen Tätigkeit, die Technik scheucht die bürgerliche Behäbigkeit auf. Wenn um 1880 vom Zeitalter des Dampfes die Rede ist, nach einer Statistik in Maschinen und Anlagen über 11 Milliarden Mark investiert sind und 46 Millionen "Dampfpferde" arbeiten, wenn konstatiert wird, "dass der Dampf seine reichsten Errungenschaften hinter sich hat", und Werner von Siemens, der damals schon Allgewaltige der Elektrizität, berechnet, dass die Kohlenfelder der Erde im Jahre 2130 vollständig zu Ende sind, so ist Bewunderung und Ängstlichkeit gleichermaßen im Gemüt des Deutschen wach.
Ein Überblick über die Auseinandersetzungen, widerstreitenden Meinungen, Mahnungen und kühnen Ausblicke führt zu einem seltsamen Ergebnis dieser Zeit. Trotz aller gewaltigen Fortschritte, trotz allen Aufruhrs und Aufschwungs: Es lebt in den deutschen Menschen von damals eine Angst. Angst, der bürgerlichen Atmosphäre entrissen zu werden, plötzlich hilflos zu sein; im Gewirr der Drähte, des eben erfundenen Glühlichts, des Phonographen, der Trambahn heimatlos zu sein. Es ist die Angst, die andere vor dem Genie Bismarcks haben oder vor der zynischen Offenheit Zolas und seiner Anbeter. Alle Ideale des deutschen Bürgers werden zu Hilfe gerufen, in Schule und Haus beschworen, in Fabrik und am Biertisch und gegen die junge Generation wird das große Wort: Nationalismus geschleudert.
Das Wort hat damals einen anderen Sinn. Es ist bürgerlicher gemeint, der Sinn von der Politik, von der Nationalökonomie her gedeutet, nicht vom Machthunger einer Partei, die andere als Feinde des Staates oder des monarchischen Prinzips erklärt. Nationalismus ist die politisch-staatliche Orientierung eines siegreichen Volkes - Bismarck hat zwar selbst zugegeben, dass der Zufall auch Frankreich hätte siegen lassen können - das der Welt mit einem Junker an der Spitze Widerpart hält. Es ist der Kampfruf gegen Europa, gegen den internationalen Einfluss auf Lebenshaltung, woher er auch immer kommen möge, gegen die Einwirkung fremdländischen Geistes auf die Literatur. Immer wieder wird zwar dem Nationalismus der Segen des Kosmopolitismus gegenübergestellt, der den deutschen Menschen fähig mache, die anderen Völker zu verstehen und in der Welt zu bestehen. Dieser Urkampf um Begriff und Leben im Staat ist keine Einzelerscheinung irgendeines Jahrzehnts, sondern die typische Struktur des deutschen Geistes überhaupt. Walther von der Vogelweide oder Luther oder Max Scheler sind nur die Exponenten ihrer Zeitanschauung. Die Forderung einer bestimmten Schicht, dass Deutschland eine Nation werden möge, ist eine Erkenntnis, die Jahre später den Krieg aufkommen lässt. "Im Kriege erst – meint Max Scheler – werden sich jene großen machtvollen geistigen Kollektivpersönlichkeiten, die wir "Nationen" nennen, ihrer Existenz und ihres Wesens voll bewusst ...im Frieden ist die Nation für ihre Glieder mehr ein symbolischer Begriff als ein anschauliches, erlebtes, selbst daseiendes Etwas; mehr eine komplizierte Kollektion und Relation als eine substantielle Person. Erst im Krieg wird dieser Begriff mit jener Anschauung und jenem geheimen Leben erfüllt, die auch noch im Frieden sein, hier nur für Anschauung und Gefühl, unerreichbares Fundament bilden" (Der Genius des Krieges und der deutsche Krieg (1915]). Diese Sätze haben für den Krieg 1870/71 dieselbe Gültigkeit und wenn zehn Jahre später der ewige Mahnruf zur Besinnung des Deutschen auf seine nationalen Eigenschaften erklingt, so ist schon die Spannung deutlich zwischen dem Erlebnis und dem symbolhaften Komplex Nation.
Die seelische Struktur der achtziger Jahre ist zwiespältig. Der Saturiertheit einer Schicht steht das flammende Aufbegehren einer anderen gegenüber. Dieser uralte soziale Gegensatz ist nur in der Behandlung als öffentliche Meinung sichtbarer. Die Latenz des Spannungsverhältnisses gibt dem volkhaften Zustand etwas Nervöses, Lauerndes. Was sich in Deutschland vollzieht - unter einem späteren Schlagwort: Alldeutschland - das wird mit gleichen Mitteln in anderen Ländern eingeleitet: 1883 wird die Alliance Française gegründet und 1886 zu einer Institution d'interêt public erklärt. Die Imperial Federation League sammelt 1884 in England zu einer nationalen Front. Der Panamerikanismus findet in dem Staatssekretär Blaine einen fanatischen Verfechter der Monroedoktrin; vor dem unter Russlands Führung vorstoßenden Panslawismus ängstigt sich mit Ausnahme Frankreichs das westliche Europa.
Die Behandlung der nationalen Frage mit dem Endzweck "eine Vielheit von Menschen, die durch eine Vielheit gemeinsamer Kulturelemente und eine gemeinsame geschichtliche Vergangenheit sich geeinigt und dadurch von anderen unterschieden weiß" (Jellinek) zu schaffen, mit einer nationalen Literatur als Gesamtausdruck ist mehr theoretisch und schon verloren, als man den generellen Standpunkt aufstellt. Eine ähnliche Begriffsformulierung findet John Stuart Mills in Representative Government: "Das stärkste Moment von allen ist eine gemeinsame politische Vergangenheit, der Besitz einer nationalen Geschichte und darauf fußend, Gemeinsamkeit in den Erinnerungen".
Aber die Jugendlichkeit des Reiches hatte noch nicht diese Voraussetzung.
Der lähmenden Wirkung Bismarcks gegenüber empört sich das Freiheitsgefühl der Jugend, der Wille der sozialistischen Bünde; gegen den aus Russland importierten Nihilismus schließt sich die Reaktion zusammen. Gegen Zola kämpft die Hochzucht derer um Paul Heyse, Julius Wolff und Rudolf Baumbach. Gegen Darwin die Kirche. Gegen die Elektrizität der bürgerliche Haushalt mit der Petroleumlampe, gegen das Telefon der Briefschreiber. Bakunin, Herzen, Turgenjew schrecken mit ihren Theorien die Träume der Bürger; die Diskussionen über den Anarchismus sind endlos. Anlass hierzu sind das Petersburger Winterpalastattentat (1880), die Ermordung des amerikanischen Präsidenten Garfield (1881).
Überall lebt die Angst.
Das deutsche Volk ist verloren und stürzt in den Abgrund, wenn es in diesem amerikanischen Tempo" weitermacht, ein Ausdruck, der 1883 schon zu lesen ist. Man wehrt sich gegen die Einführung einer neuen Rechtschreibung (1884), gegen die Fremdwörterseuche, gegen das Gelehrtendeutsch, das Ausdrücke wie "seelischer Typus" – "intelligible Zone" - "Kulturdomäne" – "Tableau" – "Substrat" – "monumentale Konstruktion" – "lapidares Organ" – "sublimiert" – "primär" gebraucht; alles Ausdrücke, die von der Psychologie herkommen. Als Rettung aus dem Chaos der Grammatik betrachtet man die Einrichtung einer "Akademie der deutschen Sprache". Man spottet über Makart, vergöttert Böcklin, kämpft um Menzel. Dahn, Ebers, Jensen sind die Herren der Massen; Bleibtreu, Max Kretzer, Conrad Alberti werden lächerlich gemacht. Gegen die Frauenemanzipation und das "schriftstellernde Weib" werden Jahrgänge von Zeitschriften mobilisiert; die Ärztin gilt als eine "permanente Lebensgefahr" und doch bemängelt man, dass zur Bildung des Charakters junger Mädchen keine Zeit bleibe. Diese Klage spielt in vielen Romanen eine Rolle. Der Parlamentarismus ist ein notwendiges Übel; am Ende eines Jahres ist die politische Lage wenig erfreulich, Kriegsgefahren drohen. Wirtschaftliche Krisen stimmen die Tonart des Jahrzehnts pessimistisch. In der Eisenindustrie erfolgen Arbeiterentlassungen, die journalistisch für und gegen die sozialistisch-kommunistische Bewegung ausgenutzt werden. Die Lagerbestände auf den Kohlenhalden werden bedrohlich; Zuckerfabriken halbieren wegen Überproduktion (1884), Lohnherabsetzungen empören die Gewerkschaften, Streiks machen die dröhnenden Arbeitsstätten stumm.
Das Nationaldenkmal am Niederwald (1883) wird mit ebenso bombastischen Aufsätzen, Tausenden von Gedichten und Hymnen eingeweiht wie der Kölner Dom (1880) oder der Anhalter Bahnhof in Berlin. Aber trotz alles Aufputschens ist kein einheitliches Ziel weder in der Begeisterung noch im Genuss. Als Ursache gilt der Milliarden- und Gründungsschwindel aus dem vorhergehenden Jahrzehnt, der eine Interessenjagd ins Leben gerufen hat, "durch welche der reine Äther der Kunst verdumpfen muss." Der Leitartikler Boxberger hält es für unmöglich, dass der Zerbrochene Krug von Kleist eine Klassenliteratur werden könne: "... ein Stück in einer Klasse zu erklären, das auf einem unsittlichen Abenteuer aufgebaut ist, das, muss ich gestehen, würde ich nicht für passend finden." Das Passende und Unpassende ist mehr als in einem anderen Jahrzehnt Maßstab der ethischen Gesinnung. Trotzdem werden keine Bücher gekauft, eine Klage, die immer wieder auftaucht, und in Romanen ironisiert wird: "Der Deutsche hat es nie für eine Ehrenpflicht gehalten, die Werke seiner Dichter zu kaufen. Romane bezieht er aus der Leihbibliothek; Epen in Versen liest er nur, wenn sie mit besonderen Reizmitteln ausgestattet sind, wie z. B. diejenigen Hamerlings und auch dann kauft er sie nicht, sondern borgt sie und zwar womöglich vom Autor selbst; ernste Dramen sieht er sich kaum einmal auf der Bühne an, geschweige denn, dass er sie in der Buchausgabe lesen sollte und Lyrik legt er höchstens zu Weihnachten als Allotria seinen Töchtern auf den Nipptisch, und zwar meistens auch nur, wenn und insofern sie bataillonsweise aufmarschiert, d. h. in Anthologien vereinigt ist" (1881). In den Blättern für literarische Unterhaltung wird 1880 behauptet: "Die anständige deutsche Männerwelt nimmt an der schönen Literatur einen beklagenswert geringen Anteil." Der Literaturpapst der Zeit, Rudolf Gottschall, immer ein ehrlicher, wenn auch einseitiger Kämpfer, schreibt 1880: "Das gegenwärtige Niveau ist das Tiefste, welches die Theatergeschichte des 19. Jahrhunderts in Deutschland aufzuweisen hat." Eduard von Hartmann schreibt, dass die Lesefaulheit und Kaufunlust der Deutschen, wo es sich nicht um Unterhaltung und Zeitvertreib handelt, größer sei, als man denke und es fehle ihm nicht an Vorwänden, um dieselben vor sich selbst zu bemänteln. Das Missverhältnis der Leser und Schriftsteller sei schon rein zahlenmäßig daran schuld.
Das alles findet seinen Niederschlag in der erzählenden Literatur. So ist der junge Hoffmeister in Albertis Roman Die Alten und Jungen: "ein Mensch, der sich in dieser Zeit der Schablone, der Fabrikarbeit, der Zinkätzung, des schwarzen Fracks und des Volapük noch eigene Gedanken gestattete, so abweichend von jedem Alltäglichen, der noch an eine echte reine ernste Kunst glaubte in dem Jahrhundert der Goldschnittlyrik, der Gartenlaubenromane, der Familienjournale, der Bauräte, der Salonmaler, der Operetten und der Wandernden Ausstattungs-Hoftheater" (S. 67). In einem Café ist überall dieselbe schäbige Eleganz, die gleichen Tapeten, Vorhänge, Türzieren, Teppiche, Sessel, Diwans von buntgemustertem Stoff, schlechte Nachahmungen persischer Muster, wertloser billiger Zunder, der Luxus und Reichtum erheuchelt - derselbe matte trübe Glanz des Gases - die gleiche dumpfige Atmosphäre von hundert widerlichen Gerüchen durchsetzt, vom Duft nach schalem Bier, abgestandenem Wein, menschlichem Atem und der sauren Ausdünstung des entblößten Fleisches" (S. 173). Jarociner spendet in diesem Roman zwar zehntausend Mark für sein Gartenfest, verbietet aber seiner Tochter, ein Buch für drei Mark zu kaufen, wenn sie es für dreißig Pfennig in der Leihbibliothek haben kann. Der Jour fixe ist eine Einrichtung, die sich die Reichen leisten, Dichter werden "herumgereicht", die Börsengerüchte platzen ebenso in die Unterhaltungen wie in den Romanen zwischen 1920 und 1930. Richard Wagner ist "hysterisch, komödiantisch, gemacht". Stinkerts Oper Der Pfeifer von Kundelfingen ist ein Riesenerfolg (Alberti nimmt nur andere Namen)
Eugen Zabel hält es für unmöglich, dass die deutsche Nation in der Atmosphäre des Parsifals lange atmen kann, während Tausende schon nach Bayreuth pilgern, wo Richard Wagner als "Wort- und Tondichter" im Adressbuch steht. Dem einen ist seine Musik ein "Dunst der Romantik", der "die nackte Prosa des Zustandes, das Abenteuerliche des ganzen Versuchs künstlich verdecken soll"; die anderen sind von Bayreuth hypnotisiert.
Um die Zeitung geht der gleiche Kampf. Man wirft ihr vor, dass sie das Buch verdränge, keine ideellen Interessen vertrete; ein Geschäft, höchstens noch, ein politisches Agitationsmittel, Abonnentenfang, Geldgewinn sei und "möglichst vielen Leuten die Disziplin einer politischen Partei beizubringen". Die Zeitungslektüre frisst sich tief in die wertvolle Zeit des Kulturmenschen, und die tägliche Gewohnheit des rasch genießenden Lesers eines bunten Vielerlei ist der Übung, der Fähigkeit eines abgespannten, nach Verständnis und Beherrschung ringenden Lesers von Werken, die der Ausdruck von Gedankensystemen sind, nicht förderlich. Vergnügung, Ausspannung, Bierkonsum (in Berlin tauchen die bayrischen Bierstuben auf, Conrad Alberti nennt eine von ihnen in seinem Roman "Zum scharfen Radi") werden verantwortlich gemacht für den "erschreckenden Rückgang der allgemeinen Bildung der höheren Stände" (Eduard von Hartmann (1887]).
In diesem Zustand brüllen die Antisemiten nach nationaler Kunst: "Nur Pflanzenkost ermöglicht ein tiefes Seelenleben. Die Juden und das Fleisch müssen raus aus Deutschland dann werden wir sofort eine nationale Kunst haben" (1889). Sie konnten es nicht hindern, dass an Theater, Konzertunternehmungen, Zeitungen die Lubliner, L'Arronge, Blumenthal, Kadelburg mit ungeheurem Erfolg tätig sind und Maximilian Harden, Alfred Kerr, Leo Berg, Jacobowski mit ihrer scharfen Kritik im Kommen sind. Von Treitschke, Adolf Wagner, Stöcker und ihren minderbegabten aber umso lauteren Anhängern unterstützt, ist der Antisemitismus nicht minder ein Problem als zwischen 1920–1930, da Delmonts Juden in Ketten, Landsbergers Berlin ohne Juden, Bronnens antisemitische Begeisterung, die judenfeindlichen Ausschreitungen auf den Straßen Berlins die Gemüter bewegen. In diesem Lärm geht Jakob Wassermanns Verteidigungsschrift Mein Weg als Deutscher und Jude unter, ebenso wie 1880 Theodor Mommsens groß gedachter Aufsatz Auch ein Wort über unser Judentum: "Ein gewisses Abschleifen der Stämme aneinander, die Herstellung einer deutschen Nationalität, welche keiner bestimmten Landsmannschaft entspricht, ist durch die Verhältnisse unbedingt geboten und die großen Städte, Berlin voran, deren natürliche Träger. Dass die Juden in dieser Richtung seit Generationen wirksam eingreifen, halte ich keineswegs für ein Unglück und bin überhaupt der Ansicht, dass die Vorsehung weit besser als Herr Stöcker begriffen hat, warum dem germanischen Metall für seine Ausgestaltung einige Prozent Israel beizusetzen waren." Der jüdische Mensch als eine besondere Form des menschlichen Seins" ist erst ein Problem unserer Generation, und darüber lese man bei Martin Buber, Jakob Wassermann nach.
Trotz aller Mimikry an die Gewaltstimmung flutet das Leben unter dem Einfluss der Naturwissenschaften in Begeisterung über deutsche Leistungsfähigkeit. Die Konzentration in einigen Städten sammelt die Kräfte und spannt Brücken. Berlin, "nachgerade eine der bestverleumdeten Städte der Welt", wird in dieser Zeit ein "Wasserkopf" genannt. Die sozialen und sittlichen Zustände sind katastrophal: "Im Schatten der Eichen auf jeder Bank ein Pärchen, innig verschlungen, Wange an Wange, liebestraumumfangen, als bestehe der Rest der Welt nicht für sie. Auf allen Wegen, in den Gärten, über die Dämme huschend, verliebte Pärchen, Stutzer, Studenten, Ladenschwengel, Soldaten, Haustöchter, Ladenmädchen, Zofen, elegant aufgedonnert, in kattunener Einfachheit, Arm in Arm lachend, kosend, ihren Empfindungen vor der Welt nicht den mindesten Zwang anlegend. In dem Halbdunkel jeder Haustüre Männlein und Weiblein Leib an Leib gepresst, eine meilenlange Stadt der Liebe und des Genusses."
In Romanen, die sich damals mit Berlin, mit München oder Wien beschäftigten, stehen solche Sätze. Es ist die Sachlichkeit der Großstadt, die schon viel früher entdeckt wurde als von der jüngsten Generation (Günther Birkenfeld: Im dritten Hof links) angenommen wird. "Bildungspöbel" ist ein Wort, das in Berlin aufkommt, dem die zahlreichen Lexika der feinen Sitten angepriesen werden, neben Literaturkenntnissen auch Benehmen bei Hofe, auf Reisen, in Salons, im Wirtshaus zu haben. Comte Vassili, ein Pseudonym, schreibt ein Buch über La Société de Berlin voll Pikanterien, über die sich Wolfgang Kirchbachs Helden seines Romans Die Kinder des Reiches (1883) entrüsten: "Ich bin stolz, eine Preußin, eine Märkerin zu sein; aber schäme mich ehrlich des possenhaften Volkes, das diese Stadt bewohnt ... dieses Berliner Volk redet eine unehrliche Sprache." Ja, diesem Berliner Volk ist auch ein anderer Frühling beschieden: "ein Lenz, wie ihn nur die Mark ihren Menschen geben kann, wie ihn die Natur keinem anderen Lande, keinem anderen Volke zu bieten wagen würde, als diesen Leuten ohne Poesie, voll kranker Sinnlichkeit, die hündisch genügsam sind, wo sie keck sein sollen und frech, wo Zurückhaltung am Platze wäre, vernünftig trocken, wo sich alle Welt austollt und sentimental, wo man der Nüchternheit bedarf" (Conrad Alberti).
Berlin wächst in diesen Jahren mit einer Unaufhaltsamkeit, die es gar nicht gewollt hat. Für die damalige Zeit werden phantastische Zahlen für den Verkehr errechnet. Die "Wilde Jagd nach dem Glück", ein Gemälde, das ungeheures Aufsehen erregt, wird symbolisch für die ganze Zeit. Gegen die Ernüchterung wird das Monumentale gefordert, das der stimmungslosen Arbeit einen Anstrich von fantastischem Gemüt geben soll. Julius Rodenberg (geb. 26. Juni 1831 zu Rodenberg in Hessen, gest. 11. Juli 1914 zu Berlin, der kluge, geistige, mit Witz und Vornehmheit begabte Herausgeber der von ihm 1874 gegründeten Zeitschrift Die Deutsche Rundschau, der Freund Gottfried Kellers, Conrad Ferdinand Meyers, der Ebner-Eschenbach, und wenn niemand sich seines Werks erinnern möchte, so müsste er immer an die tiefgütige Freundschaft mit Meyer denken, dem er in allen dichterischen Nöten ein Helfer und Förderer war; ihr Briefwechsel erscheint 1918) - dieser Rodenberg, weniger in Erinnerung als Verfasser von Romanen (Die Grandidiers 1878, Klostermanns Grundstück 1892), viel lebendiger in seinen Reiseschilderungen und mit dem Wissen, das er sich auf den jahrelangen Wanderungen mitgebracht hat, ein intensiver Beobachter von Städten, Landschaften und Menschen, Kulturkritiker und Zeitschilderer, schreibt in den Bildern aus dem Berliner Leben: "Der Fremde, der nach Berlin kommt, wird zuerst und vor allem den Eindruck des Kriegerischen, des Soldatischen erhalten. Von der Säule des Belle-Alliance-Platzes bis zu der des Königsplatzes, welch' ein weiter Weg! aber wir haben ihn doch gemacht, und er ist eine einzige lange Siegesstraße. Der militärische Lorbeer erleuchtet und verdunkelt hier alles; das Geschlecht, welches zwischen diesen Zeichen aufwächst, muss ein kriegerisches genannt werden, ein Volk von Soldaten. Aber die Trophäen sind auch ringsum aufgesteckt. Was wir geworden, das sind wir durch Krieg geworden. Der Krieg! Das heißt die Geltendmachung einer jungen kräftigen Volksindividualität, das Sprengen von Fesseln, welches sein natürliches Wachstum zurückgehalten, das Ringen um die höchsten idealen Güter, der Krieg von 1864, 1866, 1870 - immer gewaltiger in seinen Dimensionen, immer wuchtiger in seinen Erfolgen, Krieg predigt hier alles. Aber jenen Krieg, dessen höchster und letzter Preis der Friede, das Glück und die Freiheit des Vaterlandes ist.
Ja, wenn wir einen Bismarck hätten für den Roman und einen Moltke für das Epos oder das Drama, welch ein Drama, welch ein Epos, welch einen Roman würden wir haben. Aber sie hatten anderes zu bringen, diese beiden, etwa des Preises nicht minder wert und für den Moment wichtiger. Wie Goethe von Friedrich dem Großen gesagt hat, wird man einst von diesen Großen sagen, dass sie nationale Taten vollbrachten, unsere Literatur mit einem neuen Lebensgehalt erfüllten. Sanftere, den Künsten des Friedens holdere Zeiten werden vielleicht einst wieder kommen; aber wie die Welt nun einmal ist und wer weiß wie lange noch sein wird, sind der Staatsmann und der Soldat und etwa noch der Maler, der Bildhauer, der sie verherrlicht, nicht aber der Schriftsteller und der Dichter, die Männer, welche Preußens Ruhm ausmachen und vor allem, wenn nicht ausschließlich, daselbst geehrt werden.
Justinus Kerner hat einmal gesagt, dass Berlin der Kopf sei, der für Deutschland denke, doch ich glaube, dass schon jetzt auch das Herz Deutschlands in Berlin schlägt - es liegt in dem natürlichen Verlauf der Dinge, dass für die deutsche Literatur wie für alle anderen wichtigen Lebensäußerungen unserer Nation Berlin dereinst der schöpferisch anregende Mittelpunkt sein wird."
Soldatischer Geist überträgt sich auf das bürgerliche Leben, dem aus wirtschaftlichen Gründen eine Portion Feudalismus beigemischt wird. Preußische Zucht wird als vornehmster Charakterzug gepriesen und gegeißelt. Im Roman, auf dem Theater lässt sich die militärische Institution alles gefallen: der schneidige Leutnant wird zur dümmsten Karikatur und zum blödesten, mit sämtlichen Mängeln behafteter Hanswurst. Sein Bursche ist immer ein militärischer Trottel mit Bauernschlauheit. Die Situationskomik ist eine Schreibtischerfindung, und während die Wachparade donnernd, jubelnd begrüßt wird, belacht man im Berliner Theater die possenhafte Verulkung eines bewunderten Standes.
Max Nordau, seit Jahren in Paris, innerlich verbannt wie Heinrich Heine, lässt 1883 sein aufsehenerregendes Buch Konventionelle Lügen erscheinen, das nach sechs Wochen schon die vierte Auflage, nach sechs Jahren die vierzehnte Ausgabe erlebt. Die dokumentarische Bedeutung dieses Buches ist enorm, die historische unzweifelhaft. Begriffen wird sie nur im Zusammenhang mit den deutschen Zuständen, die sonst nur wenige sehen. Es macht den Anspruch, "die Anschauungen der meisten auf der Höhe der zeitgenössischen Bildung stehenden Menschen getreu wiederzugeben". Man lebt den Schein des deutschen Menschen, der theoretisch feststeht, dessen Zeithaftigkeit der damalige Privatdozent Rudolf Eucken beschreibt: "Verlangen nach reinen Tatsachen, das Verstehen der gegebenen Lage aus dem geschichtlichen Werden, die Unterordnung des individuellen Daseins unter das gesellschaftliche Leben". Die Freiheit des Individuums aber ist das Verlangen der neuen Generation. Noch beklagt sich Nietzsche, dass man keines seiner Werke lese.
Des britischen Außenministers Henderson Rundfunkrede an das amerikanische Volk Anfang Dezember 1930 hätte auch damals gehalten werden können: "Wir stehen an einem Wendepunkt der Geschichte, an dem wir zwischen Krieg und Frieden, zwischen Zusammenarbeit und Konflikten, zwischen einer fortschreitenden und veredelnden Zivilisation und einem Rückfall in die Barbarei der Vergangenheit zu wählen haben." Während man aber in diesem Jahrzehnt von der Besinnung spricht, klärt man das Volk damals nur dann auf, wenn die Kriegsgefahr vorüber ist (1880, 1885). Alexander Dumas schreibt in seinem Monsieur Alphonse (1880): "...dann werden nicht Armeen von 2–300000 Mann, wie wir es jüngst mit Schaudern erlebt haben, aufeinanderstoßen, nein, die Völker werden in Massen von Millionen sich aufeinander wälzen. Der Erdboden, der diese furchtbaren Heere trägt, wird nicht imstande sein, sie zu ernähren und infolgedessen werden sie sich notwendigerweise gegenseitig völlig aufreiben müssen. Die Wissenschaft wird inzwischen solche Fortschritte gemacht haben, dass man sich auf der Erde, unter der Erde, auf dem Meer, unter den Wellen, vielleicht in den Lüften bekämpfen und töten wird. Hunderttausende von Leichen werden die Erde düngen. Blitzende Raketen werden ganze Städte einäschern und durch explodierende Minen wird man ganze Viertel des Erdballes in die Luft sprengen ...
Die Phantasie dieses Menschen war so ungeheuerlich, dass die Wirklichkeit kaum etwas mehr als 30 Jahre brauchte, um nachzuhinken. Bismarck schließt Bündnisse und ruft jenen, denen sie nicht recht sind, zu: "Solange meine Kraft reicht, fechte ich." Seine Entlassungsgesuche sind Launen des märkischen Junkers: "Ich habe gelebt und geliebt, gefochten auch und ich habe keine Abneigung mehr gegen ein ruhiges Leben. Das einzige, was mich in meiner Stellung hält, ist der Wille des Kaisers, den ich in seinem hohen Alter nicht habe verlassen können ... ich habe beschlossen, solange ein Faden an mir ist, will ich dem Vaterland dienen." Wilhelm I. war, als Bismarck das sagte, 83 Jahre alt. Das Wort: "Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen lässt" - gesprochen am 6. Februar 1888 – wird seit jeher nur im ersten Teil zitiert. Den Nachsatz von der Gottesfurcht, tief eingewurzelt in dem Genie, ist so lange unterschlagen worden, bis der deutsche Mensch an dem "Nichts - fürchten – als" verblutete. Als der Kaiser stirbt, ist außer Moltke niemand mehr da. Der Kronprinz ist krank, liegt schon im Sterben.
Die neue Ära beginnt hundert Tage später.
Dieses Dezennium als Schlussakkord eines innen- und außenpolitischen Aufstiegs, sozialer Erfolge – 1881 Gesetz zur Förderung des Wohls der Arbeiter, 1884 über die Krankenversicherung, 1884–1887 Unfallversicherung, das Ansiedlungsgesetz für Posen und Westpreußen 1886, der Erwerb der Kolonien Westafrika, Togo, Kamerun (1884), Ostafrika, in Australien 1885 – vergrößert das Selbstbewusstsein der Deutschen als Nation. Unter Vermeidung des Konflikts mit England meint Bismarck: "Wir wären begierig zu erfahren, weshalb das Recht zu kolonisieren uns versagt sein sollte." Eine solche vorsichtige Sprache, hinter der das persönliche Machtgefühl und die Erinnerung an die Taten stehen, wird im nächsten Jahrzehnt nicht mehr gesprochen: der junge Kaiser, dessen erstes Ziel der Besuch fremder Länder, Herrscherzusammenkünfte und selbstherrliche Gewaltausübung ist, sieht sich nach Bismarcks Entlassung einer von diesem Koloss befreiten Clique gegenüber, die er als Dekorum für sein Kaisertum braucht. Mit ihm beginnt die Verflachung und Zersplitterung der großen Idee. An seine Stelle tritt - unter dem vermeintlichen Einfluss "praktischer Aufgaben", wie man es damals nannte, - die Monumentalisierung des Gefühls, die Zeit der Denkmäler, der symbolischen Verherrlichung. Neben dem politischen Aufschwung greift der Erfolg der Technik, der Naturwissenschaften tief in das Leben der Deutschen ein. Dieser Kampf reicht bis zu den reinen Prinzipienstreitigkeiten, bis zu den pädagogischen Auseinandersetzungen um die Jugenderziehung, um die Lehrfächer in den Schulen: Hie klassisch-humanistisch, hie naturwissenschaftlicher Unterricht. Im Kampf gegen Schelling-Hegel und seiner Schüler, deren Einfluss sich auch auf die staatspolitische Theorie und Praxis bemerkbar macht, wird das neue Lebensgefühl, das die Entdeckungen und Erfindungen im Menschen erweckt, ein Lebenskampffaktor: Herr zu werden über die Erscheinungen der Natur, der man bisher nur durch das reine Denken überlegen zu sein schien. Mit Hebel und Schrauben kommt man ihr. In Auguste Comtes' Einteilung der Wissenschaften: Mathematik - Astronomie Physik Chemie - Biologie - Soziologie hat man einen neuen Bundesgenossen. Seine Philosophie, deren Ursprung schon 2000 Jahre alt war, wird zur Basis der neuen Lebensgestaltung und Geisteshaltung. Am unmittelbarsten verknüpft mit den literarischen Erscheinungen dieses Jahrzehnts, die Basis von Hunderten von Romanen, ist der Darwinismus. Ernst Haeckel, der große Prophet, wird mit seinen schon vor den achtziger Jahren erschienenen Werken der Evangelist des neuen Menschengeschlechts. (Generelle Morphologie 1866, Natürliche Schöpfungsgeschichte 1868, Anthropogenia 1874, Freie Wissenschaft und freie Lehre (gegen Virchow] 1877.) Um ihn scharen sich begeisterte wissenschaftliche Anhänger – Jäger, Schleicher, Ernst Krause, Caspari, Carneri, Du Prel, Paul Rée und August Weismann, mit ihm geht die neue Jugend: die Welt wird von der Natur aus begriffen. Die Entdeckungen Helmholtz’, die der "strahlenden Elektrizität" des großen Physikers Hertz, deren Auswertungen im populären Sinne gedeutet werden, dass "wir gewissermaßen im Hausrock mit der Elektrizität verkehren", die Erinnerung an Robert Mayers Gesetz von der Erhaltung der Kraft, die Atomistik, die Hirnanatomie und Phrenologie, die mathematischen, physikalischen und astronomischen Fortschritte, die technischen Anlagen in den Großstädten, die Ausbreitung der Industriewerke: es ist das Jahrhundert par excellence. Wenn auch Du Prel 1885 meint: "Wir sind sehr zivilisiert mit unseren Eisenbahnen, Telegraphen, Konditoreien und Theatern; aber von einer das Volk gleichmäßig durchtränkenden Kultur fehlt uns noch sehr viel", so deutet er nur den immer herrschenden Zwiespalt zwischen Zivilisation und Kultur an. Die Frage des Kanaltunnels zwischen Frankreich und England hält 1882 die ganze Welt in Atem. Mit ihr werden nicht nur die militärisch-politischen Konsequenzen diskutiert, sondern ebenso intensiv die technischen Voraussetzungen und Durchführungen.
Scheffel ist nicht nur der Lieblingsdichter der studierenden Jugend, Dahn, Wolff, Jensen, Ebers erreichen ungewöhnliche Auflagenziffern, fünfundzwanzigjährige und fünfzigjährige Schriftstellerjubiläen von lebenden Autoren werden ebenso gefeiert wie Schiller, Goethe, Dante, Mozart; die großen "Schlachtenpanoramen", plastische Darstellungen, kriegerische Situationen aus 1870/71 werden von einer begeisterten Menge angestaunt und bewundert. Anton von Werner, Bracht, Röchling, Schlabitz, Hollgreve bauen diese englische Erfindung als "Erziehungsinstitut" zu Wanderausstellungen aus.
Aber Edisons Phonograph, der in dem Engländer L. Scott (1857) seinen Vorgänger hatte, die Erfindung der Grammophonplatte durch den Deutschen E. Berliner (1887), die sensationelle Elektrizitätsausstellung von 1881 in Paris graben sich grandioser in die Lebensführung ein als die Talmikunst der Ferien der Ausstattungsstücke, die man aus Paris einführt. Das elektrische Licht und das Telefon sind die großen Sensationen, wie 50 Jahre später der Fernseher oder als Marconi von seiner in einer italienischen Bucht liegenden Jacht mit Kurzwellen ein Lichtmeer auf der Ausstellung in Melbourne entzündet. Dass aus der weit von der Ausstellung abgelegenen Pariser Oper mit damals noch plumpen Hörern, die Übertragung einer musikalischen Aufführung gehört werden kann, das ist eine Revolution des menschlichen Daseins. Das Radio wird vorausgeahnt: "Erst wenn man so weit sein wird, dass man die Empfänger oder récepteurs', welche man heute noch braucht, entbehren kann und die Töne unvermittelt in den offenen Raum hineinquellen, wird sich diese Lautübertragung auch wirklich allerseits voller und unbezweifelbarer Anerkennung erfreuen." Die Kraftübertragung, die Versuche, das Wachstum der Pflanzen durch Elektrizität zu fördern, ihr Einfluss auf die Medizin, die Steuerung des unbemannten Trouvéschen Bootes sind nur von Wissenschaftlern begriffene Probleme. Schon wird ein Patentstreit zwischen Edison und Siemens ausgetragen. Ein gigantischer Kampf um die Monopolisierung beginnt, der sieben Jahre später einem Roman des Amerikaners Bellamy zum Vorbild dient. 1883 wird schon überheblich festgestellt, dass Telefonie und Telegraphie keine Neuerscheinungen mehr brauchen. Auf dem gleichen Draht mehrfach gleichzeitig zu telefonieren und telegraphieren ist schon erfunden. Mitte dieses Jahrzehnts erscheint ein "Roman" in 17 Telegrammen von Karl von Schlözer. Die Auswirkung des "Telegrammstils", später als Erfindung von den Impressionisten in Anspruch genommen, hat ihren Anfang genommen.
Auf anderen Gebieten ist erfinderischer Geist nicht minder erfolgreich. Die Fortschritte der Photographie können nicht übergangen werden, da unter ihrem Einfluss die Grammatik sich fühlbar ändert: der Reisephotograph entsteht, Schilderungen in Novellen und Romanen werden mit "photographischer Treue" gegeben und die Bezeichnung "photographischer Roman" ist das Charakteristikum einer literarischen Strömung. Man entdeckt nicht nur, dass das künstlerische Auge des Malers, Zeichners ganz falsch gesehen hat: aus den "Augenblicksbildern", die man mit 1/5000 stel Sekunde aufnimmt, ersieht man das Wunder der Bewegung. Anschütz fotografiert Tiere in der Bewegung, setzt die Bilder nebeneinander: es ist der Anfang des Films. Voigtländer, Steinheil, Thury arbeiten neben Anschütz an dem Wunder des Objektivs: Fotogewehre, Fotorevolver, opernglasartige Miniaturapparate werden konstruiert. Was dem Film erst 40 Jahre später gelingt, versucht schon Anschütz: die Bahn eines Geschosses aufzunehmen. Das "lebende Bild" taucht auf: der Amerikaner Eastman (er erschießt sich 1932 als vielfacher Millionär), der mit seinem Kodak die ganze Welt erobert, entdeckt die Nitrozellulose als neue, ungeheuer verbesserte Fotoschicht und am 6. Oktober 1889 wird die erste synchronisierte Bilderreihe vorgeführt: "Guten Morgen, Herr Edison, wie gefällt Ihnen der Kinematograph?" waren die geistreichen und epochemachenden Worte, die von der Projektionsfläche herabklangen. Der Tonfilm ist geboren. In Puppenköpfen werden kleine Phonographen eingebaut, "die durch ein Uhrwerk getrieben und nicht nur Papa und Mama, sondern ganze Sätze rufen". In Hamburg macht der Ingenieur Huber Versuche, "elektrische Bahnen mit Akkumulatorenbetrieb zu verwenden".
Der Erfinder Christian Bauer sieht die "Schraube", den Propeller als einziges Mittel der Fortbewegung an: die Lenkbarkeit des Luftschiffes ist in der Idee da.
Ins Literarische übertragen ist es der endgültige Vormarsch Zolas, die Auswertung des Daseins durch die Alberti, Kretzer, Wolfgang Kirchbach, Wilhelm Arent, Karl Henckell. Am dichterischsten: in Detlev von Liliencron.
"Erkenntnistheorie und kein Ende, so möchte man fast angesichts des ganzen gegenwärtigen Zustandes unserer philosophischen Literatur ausrufen" steht auf dem einen Blatt. Wogegen Eduard von Hartmann schreibt, dass die moderne Wissenschaft Gefahr läuft, im empirischen Material zu ersticken und im Spezialistentum zu verknöchern. Er entdeckt gegenüber der naturwissenschaftlichen Selbstherrlichkeit die Synthese von Naturwissenschaft und spekulativer Metaphysik. Seine Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins (1879), seine Religionsphilosophie (1882) und Ästhetik (1886) haben nur einen vorübergehenden Erfolg. Wilhelm Wundt (geb. 16. August 1832 in Neckarau, gest. 31. August 1920) beherrscht diese Epoche neben Darwin, der 1882 stirbt, - mit der grandios angelegten Systematik seines Werkes. Vor 1880 ist schon ein Teil seiner epochalen Schriften erschienen; seine Versuche auf dem Gebiet der experimentellen Psychologie sind schon gemacht, 1880 kommt die Logik, 1889 System der Philosophie. Der "Kosmos", die Zeitschrift des Darwinismus, wird 1877 gegründet, geht aber 1886 schon wieder ein. Sein Erbe ist der Monismus. Richard Avenarius (geb. 19. September 1843 in Paris, seit 1877 Prof. Zürich, gest. 18. August 1896) und Ernst Mach (geb. 18. Februar 1838 Turas [Mähren), gest. 19. Februar 1916 Haar b. München) begründen ihr empirio-kritizistisches System: 1888-1890 erscheint die Kritik der reinen Erfahrung, 1883 Machs Mechanik. Der junge Wilhelm Ostwald (geb. 2. September 1853 zu Riga, 1882 Prof. in Riga, seit 1887 in Leipzig, gest. 1932) verteidigt und verkündet sein energetisches Prinzip. Die Sinneswahrnehmungen, Raum, Zeit, Gedächtnis, Gefühle, Wille, Denken, Sprache, der Mensch als Ganzes, Völker, Religion, Gehirn, alles wird in Instituten und mit Experimenten untersucht. Die Zeitschrift für Völkerpsychologie ist ein Sammelbecken der Erkenntnisse der Zeit. Karl Stumpf (geb. 21. April 1848) lässt 1883–1890 sein grundlegendes Werk über die Tonpsychologie erscheinen, Leipzig wird das Zentrum der Experimentalpsychologie. Noch arbeiten die reinen Logiker Siegwart, Erdmann, Maier, Brentano, schon ist Edmund Husserl mit seinem die philosophische Systematik erschreckenden Werk Über den Begriff der Zahl auf dem Plan. Theodor Lipps versucht in München eine Synthese zwischen Logik und Psychologie: Grundtatsachen des Seelenlebens 1883, Psychologische Studien 1885. Rehmke fundiert die Philosophie der Grundwissenschaft: Die Welt als Wahrnehmung und Begriff 1880. Dilthey veröffentlicht den ersten Band zur Einleitung in Geisteswissenschaften 1883, Die Einbildungskraft des Dichters 1887. Generationen fußen auf seinem Gedankenbau. Eucken, der Jenaer Philosoph, kämpft für einen Neoidealismus: Die Einheit des Geisteslebens in Bewusstsein und Tat der Menschheit 1888. Ein Überragender, Einsamer verströmt sein Werk: Nietzsche.
Zehn Jahre dahin –
kein Tropfen erreichte mich,
kein feuchter Wind, kein Tau der Liebe,
- ein regenloses Land ..." klagt er, den bald die Umnachtung umfängt. 1889 versinkt sein Geist in das unerforschliche Dunkel. Vielen unverständlich, von vielen begeistert empfangen als Befreier des Geistes aus den Fesseln der Schulphilosophie und verhärteten Grammatik. Die Morgenröte erscheint 1881, die Fröhliche Wissenschaft 1882, Also sprach Zarathustra 1883–84, Jenseits vom Gut und Böse 1886. Der erste Plan zum Willen zur Macht entsteht, er arbeitet am Fall Wagner, am Ecce homo. Die Genealogie der Moral erscheint 1887, Die Götzendämmerung 1889. Er irrt von den Städten in die Einsamkeiten, von den Bergen in das südliche Italien. Obgleich er 1888 behauptet, dass nicht eines seiner fünfzehn Werke es auch nur zu einer "mäßig achtbaren Besprechung" gebracht habe, hat doch Georg Brandes schon öffentliche Vorträge über seine Philosophie gehalten. Er fragt im Ecce homo: "An welcher deutschen Universität wären heute Vorlesungen über meine Philosophie möglich?" Erst in der Mitte des nächsten Jahrzehnts ist er "kollegfähig". Nietzsche ist geist-historisch gesehen der gigantische Gewinn des Jahrzehnts. Das Erlebnis aber bleibt hinter der Erkenntnis zurück. 1914 tragen Soldaten den Zarathustra in ihrem Tornister.
Ein anderer, Schopenhauer, beherrscht die Zeit in ihrer geistigen Grundhaltung. Die weltanschauliche Geste des Jahrzehnts lebt sich im Weltschmerz, im Pessimismus aus, trotz aller Errungenschaften des lebendigen Tätigseins. Er ist der Modephilosoph, der Schuldige für das schmerzhafte Erlebnis. Dichter, Schriftsteller, Journalisten, Feuilletonisten, Politiker, Militärs gehen in seine Schule. Irgendwie wird er zum Helfer in einer geistigen Not, die aus dem Zwiespalt des materialistischen und idealistischen Denkens entsteht. Er ist der Künder der indischen Religion, die von Paul Deussen, Hermann Oldenberg, Neumann in unvergleichlichen Übersetzungen und Ausdeutungen nahegebracht werden. Eduard von Hartmann erkennt zwar 1888 Schopenhauers Einfluss, dem 1920 vielleicht der Oswald Spenglers vergleichbar ist: "Poetische Naturen, ohne die Befähigungen, ihren Schmerz künstlerisch zu objektivieren, religiöse Gemüter, die sich von der christlichen Religion unbefriedigt abgekehrt und vergeblich nach einem Ersatz für das Verlorene gespäht hatten, zartbesaitete Seelen, die vom Mitgefühl mit allem sie umgebenden Elend schier erdrückt wurden, sinnige Geister, denen die Rätsel des Lebens keine Ruhe ließen und die durch ihre Vorbildung nicht instand gesetzt waren, wissenschaftlich strengen philosophischen Untersuchungen zu folgen – teils waren es Männer und Frauen von höchster Bildung und hoher gesellschaftlicher Stellung, noch weit mehr aber halbgebildete Subalterne, Elementarlehrer, Buchhalter, Unterbeamte usw., welche von der hier gebotenen Vereinigung von Eigenschaften gefesselt und so zugleich mit einem guten Teil Philosophie bekanntgemacht wurden". Nur "kollegiale" Abneigung kann diesen unwahren Satz so hämisch abfassen, ebenso wie es eine Unterstellung ist, die Zunahme der Selbstmorde mit der Schopenhauerschen Philosophie in Verbindung zu bringen.
Die größten Gegensätze herrschen auf allen Gebieten des künstlerischen Ausdrucks: Literatur, Musik und bildende Kunst bewegen sich in den weitesten Grenzen ihrer Darstellungsmittel. Einfluss fremder Anschauungen, philosophischer Deduktionen, wissenschaftlicher Fortschritte ändern das Ethos auf allen Seiten. Vom Pathos nationaler Grammatik bis zur Nüchternheit eines sozialen Wahrheitsfanatismus, von der Verlogenheit schönrednerischer Komposition bis zur nackten, vor keinem Motiv zurückschreckenden Darstellung.
Man schreibt mit viel philosophischem Ballast, mit moralischem Sentiment, lässt in langen Dialogen große Weltanschauungsgegensätze aufeinanderprallen; ebenso wie, herzlos stilisiert, Kaffeehäuser, Bordelle, Hinterhäuser beschrieben werden. Wenn der "Jahresbericht der Ältesten der Kaufmannschaft von Berlin", eine der seriösesten Vereinigungen, im Jahre 1888 mitteilt: "Andererseits wird von den Freunden des Kunstgewerbes geklagt, dass Stoff und Arbeit in jeder denkbaren Art billiger zu schaffen angestrebt und so auf eine Verflachung der Kunst hingewirkt wird; zahlreiche tüchtige Talente, Künstler und Modelleure und Zeichner müssen sich in den Dienst der heutigen Massenerzeugung stellen. Dazu kommt die stetige Veränderung des Geschmackes bei dem nervös überreizten Leben der modernen Gesellschaft, die den Genuss nur noch in dem Wechsel vom Neusten zum Allerneusten findet. Der plötzliche Wechsel, wie ihn die jüngste Zeit mit dem Übergange von Renaissance und Barock zum Rokoko gebracht hat, kann dem wahren Interesse der Kunstindustrie nicht dienlich sein. Die Stilhascherei kann nichts Gutes, nichts Dauerndes bringen", so ist die Anklage kein leeres Gerede, sondern ein aus Produktion und Absatz konstatierter Verfall. Die niedrigsten, instinkthaften Befriedigungen bei Wurst und Bier, in großen Gärten mit operettenhafter Aufmachung, die die äußerste Anspruchslosigkeit der Zuschauer verlangen, die Aufführungen von Grillparzers Ahnfrau vor Bier- und Kaffeetischen in Sommertheatern, wo im erleuchteten Park ein Rummelplatz mit Salontirolern, Schwertschluckern, Kugelläufern und Trottelkomikern das Publikum während der Pausen und nach der Vorstellung unterhält: sie finden keinen geringeren Kritiker als den 28 jährigen Maximilian Harden, der mit unerhörter Schärfe die geistige und gesellschaftliche Situation Berlins an den Pranger stellt. Als grammatikalisches Beispiel seien zwei Stellen aus den Romanen Nichts für Kinder und Buch der Unschuld von Oskar Welten, dem deutschen Zola" (kein Mensch kennt ihn heute) zitiert: "Mir zittert jedes Herz - Fühlen Sie nur selbst. Und an Hans herantretend, griff sie nach seiner Hand und drückte sie völlig unbefangen unter ihren vollen Busen. "Nicht wahr, wie's zittert!" fuhr sie, mit sich selbst beschäftigt, fort und presste ihr kleines weiches Patschhändchen mit den Grübchen in jedem Gelenk fest auf seine Hand, die er höchst linkisch drehte, um ja nicht mehr als den Herzschlag zu spüren." Oder: "Er schob den schmalen Ärmel etwas zurück und presste auf das schneeweiße nackte Gelenk flammende Küsse, deren feuchte Glut wie durchsickernd durch die feinen blauen Pulsadern sich verzehrend dem betäubten Mädchen mitteilten. Und jetzt gruben sich seine Zähne wollüstig in das volle Fleisch ihres Armes, dass Martha völlig außer sich, ihm mit einem leisen Schrei denselben entriss."
Wie sieht fünfzig Jahre später die Schilderung einer Liebesszene aus? Bei Kasimir Edschmid (Die achatenen Kugeln, Sport um Gagaly), Otto Zarek (Die Begierde), Günther Birkenfeld (Dritter Hof links)? Es ist nicht nur eine Wandlung der Diktion, des Melos, sondern auch des Arrangements, des Milieus. Die Zeit des Flying Scotch und des Segraveschen Rennbootes vermittelt eine andere Umgebung als die Epoche der "Besuchshütchen", der Plisseeröcke und der Cul de Paris. Die Wohnräume der Sachlichkeit, des Dessauer Bauhausstils mit den bilderlosen Wänden sind damals mit modern frisierten Renaissancemöbeln, mit ein wenig Japan, Orient, Barock, Rokoko angefüllt, der "Salon" ist gegen die anderen Räume abgeschlossen und nur sonntags geöffnet oder wenn man einen "Dichter herumreicht". Makart, der vierundvierzigjährig in Wien 1884 stirbt, ist der Genius der Zimmereinrichtung.
"Er war ein ins Große und Ganze der Kunst strebender Genius, dem jeder Stil und jede Gattung von Kunst geläufig war und dienen musste zu dem gleichen Ziele der Verschönerung des Lebens. In dieser Universalität seines Könnens und Strebens erinnert er an die großen Meister der alten Zeit, denen auch die Kunst nur ein Eines, Ungeteiltes, war, die unsere handwerksmäßige Beschränktheit und Einseitigkeit nicht kannten." So sieht ihn seine Zeit. Paul Meyerheims, Deffregers Ruhm kann kaum noch erschüttert werden: seinen Speckbacher, Das letzte Aufgebot, Der Ball auf der Alm, seit 1868 schon berühmt, liebt das Volk. Die Wanderausstellungen der Munkacsy, Wereschtschagin sind überfüllt; Uhde macht Aufsehen mit seinen Gemälden "Lasset die Kindlein zu mir kommen" und "Komm Herr Jesu, sei unser Gast" (1885); Lenbach wird "modern bis zur Affektation" genannt, Menzel ist nur von wenigen gekannt, Böcklins Jahresproduktion entfacht Begeisterung und Widerspruch, Hans Thoma in Frankfurt ist heftig umstritten. "Wir leben in der Zeit der Denkmäler", ruft ein Kritiker aus und stellt fest, dass neben Kaiser Wilhelm, Goethe, Mörike, neben den gefallenen Soldaten die Eichendorff, Gutzkow, Mozart, Richard Wagner Standbilder erhalten sollen. Es ist die Zeit, da einzelne Bilder von den Kunstkritikern in spaltenlangen Artikeln philosophisch, malerisch, episch ausgedeutet und zu Sensationen gemacht werden. In diesem Jahrzehnt sterben Anselm Feuerbach (1880), Ludwig Richter (1884), Hans von Marées (1887), 1889: Liebermanns Lehrer und Maler des berühmten Bildes mit dem langen Titel: König Wilhelm nach der Schlacht bei Königgrätz von den Seinen umdrängt: Carl Steffeck.
Diese Bogenweite von Makart bis zu Hans von Marées ist in jedem anderen künstlerischen Ausdruck sichtbar. Die Münchener bringen "schwere Bauernkost" nach Berlin in einer "lorbeerreichen und lukrativen Mission des oberbayerischen Volkstums"; sie sind die süddeutschen Missionäre, die in den kalten Norden Deutschlands ziehen: Ganghofers und Neuberts Stück Der Herrgottschnitzer von Ammergau mit obligatem Schuhplattler stehen am Anfang des Jahrzehnts. Die Ifflandiaden Paul Lindaus, denen selbst Rudolf von Gottschall gewandte Beherrschung der Technik, geschickte Erfindung und Anlage, Eleganz und Geistreichigkeit im Dialog nicht abstreiten will und dem er neben dem Mangel an dichterischer Kraft den "Feuilletongeist mit scharfem Blick für alle durch Arrangement erreichbaren Bühnenwirkungen" konzediert. Die historischen und romantischen Dramen herrschen, wie in der Malerei die monumentalen und süßlichen Bilder. Josef Kürschner, dessen Lebenswerk noch Generationen dienstbar ist, schildert die Zustände des deutschen Theaters in seinem Jahrbuch: "Die Novitäten verlaufen sich ins Platte und Triviale, ja direkt Gemeine; die Schauspielkunst, meist geübt ohne ideale Begeisterung, dienend nur als melkende Kuh, artet in zerstörende Virtuosität aus. Der Stand der Bühnenangehörigen, mehr und mehr durchsetzt mit Individuen zweifelhafter Beschaffenheit, bringt auf der einen Seite Versumpfung und Stagnation hervor, während er sich auf der anderen in dünkelhaftem Hochmut weit über seine Bedeutung erhebt." Rudolf von Gottschall vernichtet die zeitgenössische Theatergeschichte mit einem Federstrich. Wie 1930 sitzen schon 1880 der Intendant der Berliner Hofbühne, zwei Leiter angesehener Theater über den Einsendungen zu einem Preisausschreiben und streichen das preisgekrönte Stück, Nissels Agnes von Meran, nach zwei eklatanten Aufführungen im Spielplan. Sechshundert Stücke sind bei einem Preisausschreiben des neugegründeten Stadttheaters in Frankfurt am Main eingegangen, zehn sind in engere Wahl gekommen. Eine Arbeit des Herkules würdig; "während welcher einer der Preisrichter starb, ein anderer entsetzt auf einige Wochen die Flucht nach Nizza ergriff". Und ein Preisrichter empfiehlt das Lesen von Manuskripten als "Strafe für ganz erhebliche Verbrechen gegen die bürgerliche Gesellschaft". Jedes Jahr wird das gleiche Urteil gefällt. Im Schauspiel, in der Operette, im Lustspiel, im Schwank überall dieselbe Öde und Unfruchtbarkeit. Fiasko über Fiasko. Die Tragödie stirbt selbstverständlich aus, die Ballettkunst, die der berühmte Taglioni als Ballettmeister beherrscht, geht ihrem Ende entgegen; der deutsche Operettenkomponist schwankt zwischen Klassik und Moderne; die alte Berliner Posse ist seit Kalischers Tod (1872) zu einem qualvollen asthmatischen Dasein" verurteilt. Das dreihundertjährige Jubiläum des Théâtre Français wird in Deutschland zu einem Fest der Erweckung der deutschen Bühne gemacht; Blumenthal, 1888 Gründer des Berliner Lessingtheaters, will ein "Theater der Lebenden" schaffen; trotz Possart, der als der beste deutsche Regisseur bezeichnet wird, trotz der Berühmtheiten wie Matkowsky in Hamburg, Kainz in Berlin sind die Defizite ungeheuerlich. Der Theaterhimmel schwankt über Gut und Böse, zwischen Herrigs Kaiser Friedrich Rotbart, August Seelmanns Adelheid von Waldersee und Gerhart Hauptmanns Vor Sonnenaufgang. Für die Theaterproduktion stirbt Jacques Offenbach, der Heros der Operette 1880 und Anzengruber 1889. Der große Regisseur Max Reinhardt führt 1931 Die schöne Helena auf und Anzengrubers Viertes Gebot erschüttert die gleiche Generation.
Zwischen den Volksbühnenprojekten in Berlin, die 1889 endlich zur Verwirklichung gebracht werden und den Festspielhausplänen in Worms, die ein Anhänger Richard Wagners, Friedrich Schön, durchsetzen will, fehlt es den deutschen Theatern an der "Freiheit von veralteten Vorurteilen, von einem falschen nur für die Bühnenwelt zugeschnittenen Sittlichkeitsbegriff und von der übertriebenen Rücksichtnahme auf den Geschmack des lieben Publikums". Für eine ganze Reihe von Misserfolgen wird folgendes geltend gemacht: "Würde das Werk unter französischer Flagge segeln, sicherlich wäre ein Wettlaufen um dasselbe, nicht etwa deshalb, weil es gut ist, sondern – weil es von einem Franzosen ist". 1930 lesen wir in einer ganzen Reihe von Zeitungen die gleiche Argumentation. Es ist die Zeit der großen Schauspieler: Ludwig Barnay, Friedrich Haase, Kainz, Matkowsky, Niemann-Raabe, Possart; der Ausländer Coquelin, Sarah Bernhardt, Rossi, Salvini, Sonnenthal, Gabillon, der Wolter und Hohenfels.
Ibsen, Björnson, Zola, Tolstoi neben Schiller, Goethe, Shakespeare. Der junge Kerr schreibt über Strindbergs Vater: "Was die Technik des Dramas betrifft, so steht sie auf der allermodernsten Höhe der Situation ... es ist einseitig, es ist stellenweise unreif und es hat Unwahrscheinlichkeiten aufzuweisen: der dramatischen Gestaltungskraft, zum Scharfsinn, der radikalen Kühnheit des Verfassers wird man eine gewisse Bewunderung nicht versagen können. Es spricht für ein starkes Talent."
Die Hofoper und das Hoftheater spielen in einer Anzahl von Städten eine besondere Rolle, weil sich mit dem Glanz des Hofes bestimmte Aufgaben für den Intendanten ergeben. Eine Bilanz aus dem Jahre 1886/87 für Berlin erhellt die Situation: "Die Hofoper fand mit ihrer sorgfältig vorbereiteten Pièce de résistance, Rufers Merlin, nur eine laue Aufnahme; das Königliche Schauspielhaus hielt einen durch nichts gestörten Winterschlaf. Das Wallnertheater erfreute sich erst zuletzt mit einer Berliner und einer französischen Posse eines gewissen Erfolges; im Friedrich-Wilhelmstädtischen und Walhallatheater wollte keine einzige der neuen Operetten einschlagen; das Victoriatheater endete kläglich, die Reihe seiner Durchfälle mit dem geistlosen Ausstattungsstück Das Zwanzigste Jahrhundert. Am besten, aber ohne eigentlichen Treffer überstand das Residenztheater diese schwierigen Zeitläufe. Auch das Deutsche Theater kann sich nicht persönlich brüsten. Der Erfolg von Blumenthals Schwarzem Schleier erwies sich nicht als nachhaltig, woran übrigens auch die unglückliche Besetzung der Hauptrolle die Schuld tragen mag. In seiner Genügsamkeit erklärte sich das Publikum schon von den nichtigen Goldfischen befriedigt. Den einzigen großen Erfolg hatten Gäste von auswärts: Die Meininger mit ihrer geschmackvollen Ausstattung ,Der Jungfrau von Orleans', wobei wenigstens die Darstellerin der Titelrolle auch einen schauspielerischen Sieg errang. Den eigentlichen Ausländern ging es minder gut. Sir Sullivans Oratorium fiel ebenfalls durch, wie seine parodistische Operette Patience, und Ibsen fand mit den Gespenstern, dem Volksfeind und Rosmersholm nur bei der Claque einer vorlauten literarischen Clique Beifall und nach den ersten Aufführungen leere Häuser - ganz wie es in Augsburg und München der Fall gewesen ist. Nur um ein wenig besser wollte es den Franzosen glücken. Georgette erreichte die fast obligatorische 100. Aufführung nicht, Feuillets Chamillac war ein unerbittlicher Durchfall, und nur die Nachbarinnen von Raymond hielten sich im Wallnertheater einige Zeit über Wasser. Kurz, überall Misserfolge für Bühnenleiter und -schreiber ... die Direktoren wechseln und mit ihnen hoffentlich auch der Unstern. Victoria-, Walhalla- und Residenztheater bekommen neue Leiter und ändern zum Teil ihre künstlerische Richtung. Das Königliche Schauspielhaus leider noch schwer unter den Nachwirkungen des Systems Hülsen, der neue Intendant hieß Graf von Hochberg, dem gelungen war, so ziemlich jeden künstlerischen Geist und Zug daraus zu vertreiben."
Ehe der Sturm 1889 auf der Freien Bühne mit Gerhart Hauptmanns Erstlingswerk entfacht wird, orakelt Maximilian Harden noch einmal, dass "unsere Theaterherrlichkeit vielleicht bald ihrem Untergange in ödeste Schau und Spektakellust nach englischem Muster entgegenflorieren" wird.
Mit der Kritik steht es nicht besser. Albert Dresdner, später ein nicht ungewandter und ideenreicher Essayist enthüllt einmal ironisch den "Theaterkritiker in der Westentasche": Kenntnisse sind nicht erforderlich, man muss nur geistreich sein und Geschmack haben, einer literarischen Partei angehören, auf Idealismus, Realismus, Naturalismus schwören, den Inhalt ausführlich erzählen, witzige Bemerkungen machen, auf die Stimmungen des Publikums horchen; Kunstgeheimnisse der Malerei und Skulptur verwenden, Ausdrücke wie "sichere oder graziöse Linienführung", "pastoser Vortrag", "Rembrandtsches Halbdunkel", "leuchtendes Kolorit", "Schlaglichter" gebrauchen, um den Aufsatz in genialem Licht erscheinen zu lassen. Auch ehe noch eine "Kritik der Kritik" geschrieben wird oder A. Halbert seine Zeitschrift gleichen Namens herausgibt, werden Stimmen über die Kritikertätigkeit laut, die bedenklich stimmen: Die Kritik der Fachblätter mag noch einiges Ansehen bei ihrem besten Leserkreise haben; aber der feste Leserkreis der Journale wird selbst immer kleiner und das Einzelabonnement wird mehr und mehr durch die Teilnahme am Journalzirkel verdrängt, deren Inhalt kaum noch gelesen, sondern mit skeptischer Miene durchblättert wird ... Auf die Kritik der gewöhnlichen Unterhaltungsblätter, bibliographischen Unternehmungen und Tageszeitungen legt heute kaum noch irgendjemand welchen Wert. Eduard von Hartmann meint (1889), dass nur eine Konzentration aller literarischen Anzeigen Deutschlands auf ein einziges Blatt der jetzigen ruinösen Zerstreuung der Inserate abhelfen könne und der einzig gangbare Weg sei das Inseratenmonopol. Von außerordentlichem Wert sei die mündliche Empfehlung, wobei er an Webers Dreizehnlinden, Stindes Familie Buchholz, Nordaus Konventionelle Lügen erinnert. Die Kritik habe sich erst nach mehreren Auflagen veranlasst gesehen, sich damit zu befassen: "Man kann die literarische Kritik niemals die Mutter, man kann sie höchstens die Hebamme des Erfolges nennen; aber sie ist noch dazu eine Hebamme, die gewöhnlich zur Entbindung zu spät kommt, bloß noch das Kind zu baden und zu wickeln nötig hat und dabei häufig noch demselben mehr schadet als nützt." Mit seiner Meinung steht er nicht allein. Der langjährige Herausgeber der Gegenwart, einer Zeitschrift von Bedeutung, Zolling, auch Verfasser eines Bismarckromans, stellt fest, dass man "die Allmacht der Mode und die Ohnmacht der Kritik" so recht fühlt, wenn man die Auflagenziffer der Werke eines Dahn, Ebers oder Wolff mit ihrem inneren Wert vergleiche. Wolffs Rattenfänger von Hameln, Der wilde Jäger seien in 50000 Exemplaren verbreitet, von seinem Recht der Hagestolze werden in vierzehn Tagen 12000 Exemplare verkauft. Buchbesprechungen erfolgen noch drei Jahre nach Erscheinen mit einer Ausführlichkeit, als wären es die wichtigsten Objekte.
Der geheime König in der Musik ist Richard Wagner. Der Alleinherrscher auf der Opernbühne ist Verdi. 1882 wird der Parsifal vollendet, 1883 stirbt Wagner. Ein ungeheurer Schatten lastet auf dem musikalischen Schaffen der Zeit. Niemand kann über die Aufgewühltheit und Ekstase der Melodie hinaus. Er hemmt die Produktion, wie Bismarck das politische Denken. Gustav Freytag lehnt Richard Wagner wie Jakob Burckhardt ab. Nietzsches Schrift erscheint später. Verdi, im gleichen Jahre wie Wagner geboren, ist der Einzige, der den Ansturm überdauert. Es gibt keine Schüler im eigentlichen Sinne, die Suggestion der Musik erstickt sie in der Nachahmung. Bizets Carmen (1875) wird von Nietzsche hypertrophiert. Die "Wagnerschen Kapellmeister-Opern" erscheinen Jahre später. Richard Strauß komponiert 1889 seinen Don Juan und Tod und Verklärung. Der naive geniale Anton Bruckner, Gustav Mahler bringen, widerstrebend aufgenommen, Kompositionen vor das Publikum, von der Kritik zur Weltanschauung ausgedeutet. Brahms schafft Musik im Geist der modernen Zeit: "philosophisch pessimistisch und resigniert."
