Werte und Normen in der Sozialen Arbeit - Peter Eisenmann - E-Book

Werte und Normen in der Sozialen Arbeit E-Book

Peter Eisenmann

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Beschreibung

Das Buch beschäftigt sich mit der zentralen Frage nach einem wertorientierten und an Normen ausgerichteten Sozialen Handeln und dessen philosophisch-ethischer Grundlegung. Neben ethischen Wert- und politischen Grundwerte-Konzepten, den sozialen Normen und spezifischen Formen ethischen Handelns im Kontext des Sozialen thematisiert das Buch u.a. die kardinale Forderung nach Herstellung und Bewahrung "Sozialer Gerechtigkeit" als besondere Herausforderung normenorientierter Sozialer Arbeit. Das Buch liefert nicht nur ein theoretisches Fundament, sondern geht auch praxisorientiert vor, indem klare Bezüge zu verschiedenen Handlungsfeldern und Aufgabenbereichen der Sozialen Arbeit hergestellt werden.

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Seitenzahl: 572

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Das Buch beschäftigt sich mit der zentralen Frage nach einem wertorientierten und an Normen ausgerichteten Sozialen Handeln und dessen philosophisch-ethischer Grundlegung. Neben ethischen Wert- und politischen Grundwerte-Konzepten, den sozialen Normen und spezifischen Formen ethischen Handelns im Kontext des Sozialen thematisiert das Buch u.a. die kardinale Forderung nach Herstellung und Bewahrung 'Sozialer Gerechtigkeit' als besondere Herausforderung normenorientierter Sozialer Arbeit. Das Buch liefert nicht nur ein theoretisches Fundament, sondern geht auch praxisorientiert vor, indem klare Bezüge zu verschiedenen Handlungsfeldern und Aufgabenbereichen der Sozialen Arbeit hergestellt werden.

Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann lehrte bis zur Emeritierung an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt.

Peter Eisenmann

Werte und Normen in der Sozialen Arbeit

Philosophisch-ethische Grundlagen einer Werte- und Normenorientierung Sozialen Handelns

2., überarbeitete und erweiterte Auflage

2., überarbeitete und erweiterte Auflage

Alle Rechte vorbehalten © 2006/2012 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart

Print: 978-3-17-022299-1

E-Book-Formate

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978-3-17-023523-6

epub:

978-3-17-027882-0

mobi:

978-3-17-027883-7

„Um fremden Wert willig und frei anzuerkennen und gelten zu lassen, muss man einen eigenen haben.“ (ARTHUR SCHOPENHAUER)

*

„Ethik ist nicht etwa (nur) Handlungstheorie, sondern eine Lehre von den unüberschreitbaren Grenzen des Handelns.“ (GEORG PICHT)

*

„Die Grundregeln der Gerechtigkeit werden von einem Schleier der Unwissenheit gewählt.“

Inhaltsverzeichnis

Einführung

A Sozialphilosophische Grundannahmen

I Mensch und Gesellschaft

1 Anthropologische Grundüberlegungen

a) Der individualisierte Mensch

b) Der vergesellschaftete Mensch

c) Der Mensch zwischen Individualität und Sozialität

2 Die Gesellschaft im Wandel der Strukturen

a) Von der Großfamilie zum Single-Haushalt

b) Sesshaftigkeit, Mobilität, Flexibilität und Multioptionalität

II Verwirklichung des Menschen in sozialen Beziehungen

1 Differenzierungsmerkmale

a) Personalität des Menschen

b) Familie und sonstige semiadäquate Lebensgemeinschaften

c) Gemeinschaft – Gesellschaft – Staat

2 Wandlungsprozesse und soziale Folgeaspekte

B Grundlagen der Philosophie/Ethik

I Ethisch-philosophische Grundlagen Sozialer Arbeit

1 Ethik und Moral: eine Begriffsabgrenzung

2 Die Bedeutung der Ethik für die Soziale Arbeit

3 Die ‚Goldene Regel‘ und die Frage der Handlungsgerechtigkeit

4 Von der Allgemeinen Ethik zur Angewandten Ethik

II Theorien ethischer Grundtypen

1 Grundnorm und ethische Sichtweisen

a) Die deskriptive Ethik

b) Die normative Ethik

c) Die Metaethik

d) Die Diskursethik

e) Vergleichende Zusammenfassung

2 Typisierung ethischer Begründungslehren und Argumentationsmodelle

a) Die Teleologie

b) Die Deontologie

c) Die Axiologie

d) Der situationsbezogene Erklärungsansatz

e) Der normenorientierte Erklärungsansatz

III Formen ethischen Handelns in der Sozialen Arbeit

1 Die Tugendethik

a) Tugendmerkmale

b) Tugendarten

c) Kardinal- und sonstige Tugenden

d) Tugendethik als Motivationshilfe und/oder Prinzipientreue

2 Die Pflichtethik

a) Kants kategorischer Imperativ in der Grundformel

b) Die Bedeutung von Freiwilligkeit und Freiheit im kategorischen Imperativ

c) Die Selbstzweckformel des kategorischen Imperativs

d) Kants hypothetischer Imperativ

3 Die Nutzenethik

a) Der Nützlichkeitsgrundsatz oder das Utilitätsprinzip

b) Vom Konsequenz- zum Sozialprinzip

4 Die Verantwortungsethik

a) Der Verantwortungsbegriff

b) Bestimmungselemente ethischer Verantwortung

c) Der Gegensatz von Gesinnungs- und Verantwortungsethik

5 Die Wirtschaftsethik

a) Wirtschaftsethische Grundsätze und Fragestellungen

b) Die ethische Begründung der Marktwirtschaft

c) Die Relevanz der Wirtschaftsethik für das Soziale Handeln

6 Die Medizinethik und die Pflegeethik

a) Medizinisches Handeln

b) Grundsätze und Prinzipien der Medizinethik

c) Die ethische Verantwortung in der Pflegepraxis

7 Die Sozialethik

a) Ursprünge und Zielsetzung der Sozialethik

b) Sozialstaatliches Handeln aus sozialethischer Verpflichtung

8 Modelle und Methoden zur ethischen Urteilsfindung

a) Das 3-Stufen-Modell nach H. Baum

b) Das 4-Schritte-Modell nach V. Tschudin

c) Das 6-Schritte-Modell nach H.-E. Tödt

d) Das 4-Punkte-Grundmodell und sonstige Modellvorschläge

C Wert und Wertekonzept

I Der Wert als ethische Kategorie

1 Aspekte einer philosophiegeschichtlichen Bestimmung des Wertbegriffs

2 Die Bedeutung der Werte in unserer Zeit

3 Das Individuum und seine Wertbeziehungen

4 Die Werte und ihre soziale Funktion

5 Wertewandel und Werteakzeptanz

a) Wertbindung und Wertminderung

b) Wertewandel und/oder Akzeptanzveränderung

c) Von der Wertorientierung über die Beliebigkeit zur Orientierungslosigkeit des Handelns

II Der Wert als politische und soziale Kategorie

1 Grundwerte und Grundrechte

a) Zusammenhänge und Differenzierungen

b) Grundwerte und ihr sozialer Bezug

c) Bildung als sozialer Kardinalwert

2 Soziale Grundrechte

a) ‚Soziale‘ Freiheitsrechte

b) ‚Soziale‘ Gleichheitsrechte

c) Soziale Teilhaberechte

3 Sozialprinzipien als Grundwerte für den gesellschaftlichen Konsens

a) Das Gemeinwohlprinzip

b) Das Solidaritätsprinzip

c) Das Subsidiaritätsprinzip

4 Von der Wertbindung über den Wertewandel zum Normenkonflikt

D Die Norm im Kontext des Sozialen

I Norm und Normenverständnis

1 Die Norm: eine begriffliche Klärung

a) Wesensmerkmale der Norm

b) Normenarten und -bewertungsstufen

c) Systematik der Normenvielfalt

2 Die Pluralität der Handlungstypen in der Normtypologie

3 Das Verhältnis der Norm zum Wert

a) Das Normenverständnis des Individuums

b) Kriterien einer Normwerdung von Werten

II Norm und Sozialverhalten

1 Norm und Sanktion

a) Zusammenhänge und Differenzierungen

b) Normensetzung und -kontrolle durch Gesellschaft und Staat

c) Von der Norm zum Wert

2 Soziale Normen

a) Wesen und Art sozialer Normen

b) Versuch einer theoretischen Begründung

c) Zur Bedeutung und Funktionalität sozialer Normen

E „Soziale Gerechtigkeit“: Kardinalwert oder normierte Illusion

I Soziale Gerechtigkeit als Wertkonzept

1 Soziale Gerechtigkeit: eine begriffliche Klärung

a) Philosophische Grundlegung und allgemeines Gerechtigkeitsverständnis

b) Formale und materiale Gerechtigkeit

c) Leistungs-, Start-, Bedarfs- und Verteilungsgerechtigkeit

d) Chancengleichheit und Gerechtigkeit

e) Soziale Teilhabe durch Bildungsgerechtigkeit

2 Gerechtigkeitstheorien im philosophisch-ethischen Kontext

a) Gerechtigkeitstheorien im ausgewählten Überblick

b) Die Bedeutung des Kontraktualismus 25 am Beispiel der Gerechtigkeitstheorie von John Rawls

c) Kritik an der Gerechtigkeitstheorie von Rawls

d) Gerechtigkeit im „Capability Approach“ von Amartya Sen und Martha Nussbaum

II Soziale Gerechtigkeit als Forderung normorientierten sozialen Handelns

1 Soziale Gerechtigkeit als sozialpolitisches Leitziel

a) Soziale Gerechtigkeit als politischer Leitbegriff

b) Soziale Gerechtigkeit im Sozialstaat

2 Soziale Gerechtigkeit in der Sozialen Arbeit

a) Bedürfnisse und Erwartungen

b) Möglichkeiten und Grenzen

F Ethische Kodifizierungen

I Die Menschenrechte und die Würde des Menschen

1 Menschenrechtsverständnis

2 Die Menschenwürde im Gesamtkontext der Menschenrechte

3 Menschenrechte und deren Verletzung

a) Die Menschenrechte verbessernde Maßnahmen

b) Die Menschenrechte verschlechternde Maßnahmen

II Berufs- und standesethische Postulate

1 Grundsätzliche Anmerkungen

2 Ethische Kodices

G Reflexion

Verzeichnis der verwendeten bzw. empfohlenen Literatur

Personenverzeichnis

Stichwortverzeichnis

Einführung

Das Verhältnis der Sozialen Arbeit zu den Werten und Normen, zur Ethik, wird nicht zuletzt durch das Verhältnis der in ihr Handelnden zu ihr und zu sich selbst, zu dem eigenen Anspruch und zu dem der anderen an den Grad der Professionalität und dazu, was man darunter versteht, geprägt. Dies will heißen, dass das Bild, das die Soziale Arbeit über ihre Akteure nach innen wie nach außen vermittelt, seine Prägung durch die dem Sozialen Handeln zugrundeliegenden Wertvorstellungen und Zielsetzungen, aber auch durch notwendige Standards und Normensetzungen erfährt.

Die Entwicklung der Gesellschaften hat gerade in den letzten Jahren seit einer nationalen wie auch internationalen Veränderung der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lage von Personengruppen, Bevölkerungsteilen und Völkerschaften gezeigt, wie wichtig es ist, die Soziale Arbeit als eine gesellschaftsumfassende soziale Tätigkeit verstehen zu lernen, die nur noch bedingt etwas mit dem klassischen ‚Streetworkertum‘ zu tun hat. Sie hat sich von der Armen- und Gestrandeten-Hilfe zu einem Eckpfeiler des eine Gesellschaft tragenden Gesamtgebäudes entwickelt, der wiederum auf klaren Wertekonzepten und Normenfestlegungen fußt. Hierzu tragen die verschiedenen Formen des Sozialen Handelns, die sich aus der Beschäftigung mit den Grundsätzen unterschiedlicher ethischer Sichtweisen ergeben, bei.

Der Professionalisierungsgrad einer beruflichen Tätigkeit lässt sich auch an der Verinnerlichung des diese bestimmenden und leitenden ethischen Grundverständnisses messen. Es gilt dieses Grundverständnis dort, wo es fehlt, zu wecken und dort, wo es erkennbar ist, zu vertiefen. Dabei soll nicht unterstellt werden, dass jede Person, die in der Sozialen Arbeit tätig werden will oder bereits tätig ist, nicht über eine gewisse ethische Grundhaltung verfügt, ihr nicht bereits bestimmte Werte wichtiger sind als andere oder noch kein praktikables Normenverständnis vorhanden ist. Jeder Mensch verfügt über irgendwelche Vorstellungen, die sein Handeln lenken und bestimmen. Dadurch aber, dass er mit ähnlichen oder anderen Vorstellungen entweder seiner Klienten oder aber der Kollegen konfrontiert wird, ist es unerlässlich, sich mit diesen und weiteren ethischen Konzepten, mit Werten und Normen auseinander zu setzen.

Es muss von vorneherein darauf hingewiesen werden, dass es weder eine spezifische Ethik der Sozialen Arbeit, noch spezifische sich auf das Soziale Handeln beziehende Werte und Normen gibt. Dadurch dass die Soziale Arbeit eine Human- oder Menschenrechts-Profession ist, kann sie sich all die ethischen Grundsätze, wie auch die Werte- und Normensetzungen, die für das menschliche Zusammenleben in einer Gesellschaft, für die zwischenmenschliche Beziehungen Gültigkeit besitzen, für ihr eigenes Verständnis und Handeln nutzbar machen.

Dieses Buch will den Versuch unternehmen, bei einer Klärung der Fragen nach einem wertorientierten und an Normen ausgerichteten Sozialen Handeln und dessen philosophisch-ethische Grundlagen behilflich zu sein; es setzt sich zum Ziel, sowohl für die Studierenden wie auch für die Praktizierenden der Sozialen Arbeit und der Pflegeberufe das Bewusstsein für ein ethisch motiviertes Handeln zu schärfen. Selbstverständlich wendet es sich auch an jene Personen, die in verschiedenster Form durch Soziales Handeln in den Umgang mit Menschen, sei es im pädagogischen Bereich oder in der Personalführung involviert sind. Das heißt, dass es den Blick öffnen will für den Umgang mit unterschiedlichen Grundsätzen und Wertvorstellungen, Leitideen, Maßstäben oder Idealen ebenso wie mit Normierungen, Richtlinien oder gesetzlichen Vorgaben. Dabei geht es weniger darum, Handlungsanweisungen oder Handreichungen auszuarbeiten, die dann ja doch in jedem Einzelfall angepasst werden müssten – auch wenn immer wieder exemplarische Verdeutlichungen vorgenommen werden. Es sucht eigentlich die Konfrontation des Sozialarbeiters bzw. -pädagogen, des Pflegepersonals oder anderer mit Menschen umgehenden Personen mit den Vorstellungen, die es in einer philosophischen Betrachtung des Verhältnisses des Menschen in und zur Gesellschaft gibt. Dies geschieht ohne dabei den Anspruch zu erheben, eine umfassende Darstellung liefern zu wollen. Letzteres war von vorneherein nicht Absicht des Autors und ließe sich auch nicht in einem überschaubaren Rahmen verwirklichen. Aber auch dieses Zugeständnis soll als Anreiz im Sinne einer vertiefenden Beschäftigung mit der Materie verstanden werden.

Aufgrund langjähriger Praxis kann die ‚Sinnfrage‘, die Frage nach den eigentlichen Motiven eines in seiner ganzen Bandbreite Sozialen Handelns als relativ unbeantwortet gesehen werden, wenngleich sich das Bedürfnis nach Klärung nahezu in allen Studienordnungen zum Beispiel für die Soziale Arbeit oder der Sozialpädagogik niederschlägt. So sehen die Rahmenstudienordnungen etwa für den Fachhochschulstudiengang ‚Soziale Arbeit‘, aber auch für den Studiengang ‚Pflege- und Gesundheitsmanagement‘ in vielen Bundesländern die Beschäftigung mit den Werten und Normen vor, ohne zugleich die fundamentale Bedeutung für eine qualifizierte Berufsausübung entsprechend zu würdigen. Vielfach wird die Beantwortung von Fragen dazu anderen wissenschaftlichen Disziplinen, wie der Soziologie, der Pädagogik oder der Psychologie, überlassen, ohne dabei zu erkennen, dass die Philosophie die eigentliche Grundlage für deren Erkenntnisse darstellt.

Ausgehend von sozialphilosophischen Grundannahmen, die sich mit dem Stellenwert des Menschen in Gesellschaft mit anderen ergeben, werden Differenzierungen und Wandlungen in den Beziehungen der Person zu Familie, Gemeinschaft, Gesellschaft und Staat vorgenommen. Hierbei stehen die sich aus Veränderungen in den jeweiligen Strukturen ergebenden sozialen Folgeaspekte im Mittelpunkt des erkenntnisleitenden Interesses.

Ein anschließend erfolgender Rückgriff auf die ethisch-moralischen Grundlagen, wie sie sich in verschiedenen theoretischen Konzepten zur Ethik niedergeschlagen haben, führt zu einer Darstellung ausgewählter ethischer Sichtweisen und verschiedener Begründungsmodelle. Hierbei soll das Grundverständnis gelegt werden für die spezifischeren Formen ethischen Handelns, wie sie für den gesamten sozialen Bereich eine berechtigte Relevanz beanspruchen können. Aus den unterschiedlichen, Schwerpunkte setzenden Ethiken lassen sich für den einzelnen in sozialen Handlungsfeldern Tätigen durchaus Handlungsanweisungen ableiten, wie sie zum Teil aus spezifisch praxisbezogenen Beispielen und entsprechenden Merksätzen entnommen werden können.

Die anschließende Auseinandersetzung mit den Werten geschieht einerseits durch ihren Bezug zu Ethik und Politik im Allgemeinen, andrerseits zum Sozialen im Speziellen, wobei der Übergang zu einem aus den Werten resultierenden Normenverständnis dadurch erleichtert wird, dass die Systematik des Vorgehens die gleiche ist und letztlich in eine vertiefte Aufarbeitung der ‚sozialen Gerechtigkeit‘ mündet. Hier liegt es im besonderen Interesse des Autors von einem zunächst grundlegenden Gerechtigkeitsverständnis zu einem bewussten Erfassen der ‚sozialen Gerechtigkeit‘ zu gelangen. Die Komplexität gerade dieser Materie macht es dabei erforderlich, dass man sich mit speziellen gerechtigkeitstheoretischen Konzepten im philosophisch-ethischen Kontext beschäftigt, was insbesondere mit einer ausführlichen Darlegung der Gerechtigkeitstheorie von John Rawls geschieht.

Abschließend gilt es auf den kardinalen Wert der ‚Menschenwürde‘ im Zusammenhang mit den Menschenrechten einzugehen. Dieser Grundwert ist gerade für all jene von besonderer Wichtigkeit, die es in ihrem beruflichen Handeln mit spezifischen Schicksalen und problematischen Lebenslagen von Menschen zu tun haben, die der professionellen Hilfe bedürfen. So werden der Schutz und die Achtung der Menschenwürde – eingebettet in die allgemeinen unveräußerlichen Menschenrechte – zum zentralen Ausgangs- und Endpunkt jeglichen Sozialen Handelns. Überall dort, wo eine Missachtung dieser Rechte festzustellen ist, kommt es zu Diskriminierungen, Armut, Flucht und Vertreibung. Deshalb sind ethische Kodifizierungen notwendig, die allerdings nur dann über verbale Bekundungen hinausgehen, wenn sie rechtlich verbindlich gemacht werden und deshalb einklagbar sind. Auch hierauf soll schließlich mit diesem Buch hingewiesen werden.

Es soll zum einen noch angemerkt werden, dass aus Gründen der Vereinfachung mit den verwendeten Personen- und Berufsbezeichnungen gleichwertig beide Geschlechter gemeint sind, auch wenn sie nur in der männlichen Form auftreten. Auch wurden die Begriffe ‚Sozialarbeiter‘ und ‚Sozialpädagoge‘ bewusst weitgehend synonym verwendet.

Zum anderen gilt an dieser Stelle mein herzlicher Dank meiner Frau Irmgard, für die Geduld, die sie während der gesamten Phase der Texterstellung aufzubringen hatte. Mein Dank gilt aber auch meinem Sohn Frank-Tobias, Dipl.Soz.Päd. und Diplom-Psychologe, für die unterstützende technische und argumentative Hilfe. Zudem schulde ich Herrn Prof. Dr. habil. Gerd Wehner Dank, der mir als freundschaftlich verbundener Kollege mit so mancher beispielhaften Erläuterung hilfreich zur Seite stand.

Schließlich danke ich Herrn Dr. Klaus-Peter Burkarth für die Bereitschaft der Aufnahme des Themas in das Verlagsprogramm und für die rasche Fertigstellung dieses Buches.

Anmerkungen zur 2., überarbeiteten und erweiterten Auflage

Der seit dem Erscheinen der Erstauflage des Buches erfolgte Einsatz für die Studierenden der Sozialen Arbeit sowohl in Diplom- wie auch in Bachelor-Studiengängen, aber auch die Nachfrage vieler anderer, die im weiten Feld des Sozialen Handelns tätig sind oder tätig werden wollen, hat die Erkenntnis bestärkt, eine Neuauflage des Werkes vorzunehmen. Dabei geht es nicht um eine grundsätzliche Veränderung, sondern vielmehr um eine behutsame und präzisierende Überarbeitung vereinzelter Textstellen, um die Aktualisierung der Literaturangaben, um eine Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit durch ein ausführliches Stichwortverzeichnis. Zudem erfolgt die thematische Erweiterung einzelner Kapitel, insbesondere hinsichtlich der Einbeziehung des in jüngster Zeit in zunehmendem Maße höchst gesellschaftsrelevant erachteten Faktors ‚Bildung‘, der Arm-Reich-Problematik und die auch daraus resultierende und durch das ‚Capability-Approach‘-Konzept von Amartya Sen und Martha Nussbaum ergänzte, vertiefende Frage nach der ‚Sozialen Gerechtigkeit‘.

Die Zweitauflage setzt bewusst auf eine Hervorhebung philosophischer Grundannahmen einer ethischen Bewertbarkeit Sozialen Handelns, um sich von den in den letzten Jahren aus vorwiegend theologisch orientierter Feder stammenden Werken zur Ethik der Sozialen Arbeit behutsam ergänzend abzugrenzen.

Roth, im Juni 2012

Peter Eisenmann

ASozialphilosophische Grundannahmen

IMensch und Gesellschaft

1Anthropologische Grundüberlegungen

Handeln in der Sozialen Arbeit bedeutet Handeln an der Gesellschaft, in der Gesellschaft und mit der Gesellschaft. Der Begriff des Sozialen lässt sich aus dem lateinischen socialis ableiten und meint somit einerseits ein kameradschaftliches, geselliges, freundschaftliches Verhalten gegenüber den gesellschaftlichen Mitgliedern. Andrerseits bezieht er sich – die Bundesgenossen explizit meinend – auf die Ordnung der menschlichen Gesellschaft und folgert geradezu die Verpflichtung zu einem gemeinschaftsfördernden wie auch gemeinnützigen Verhalten eines jeden Einzelnen.

Nun wissen wir, dass sich im Laufe der historischen und politischen Entwicklung gesellschaftliche Systeme unterschiedlichster Art herausgebildet haben und sich zumeist auf differenzierte sogenannte „Menschenbilder“ beziehen. Die Unterschiedlichkeit der Ordnungsentwürfe wird mit den verschiedenen Sichtweisen und Denkhaltungen bezüglich des Menschen und seines Stellenwertes im Rahmen des Gesellschaftlichen begründet. Dabei geht es heute nicht mehr nur darum, das Woher und das Wohin des Menschen zu reflektieren, sondern es gilt sich stärker denn je über die Einbettung des Einzelnen in den gesellschaftlichen Rahmen, über sein Verhältnis zu den Mitmenschen und zur Gesamtheit aller Gedanken zu machen.

Wenn also bereits Aristoteles (384–322 v.Chr.) davon überzeugt gewesen ist, dass der Mensch ein politisches Wesen darstellt, das sich nur in der Sozialität mit anderen zu verwirklichen weiß, und er zugleich behauptete „alle Menschen haben also von Natur aus den Drang nach einer solchen Gemeinschaft“1, so meinte er damit, dass der Staat zu den „naturgemäßen Gebilden“ gehört und der Mensch „von Natur aus ein staatenbildendes Lebewesen“ ist. Aristoteles setzt also voraus, dass die Gemeinschaft als gesellschaftliche Organisation in einem Staat natürlicherweise besteht und ursprünglicher als der Einzelne ist – Letzterer also in die Gemeinschaft hineingeboren wird, „da der Einzelne nicht autark für sich zu leben vermag“ und er sich deshalb auch sonst wie „ein Teil zu einem Ganzen“ verhält.2 Allerdings gibt Aristoteles sofort zu bedenken, dass der Mensch in einer gesellschaftlichen Formation leben muss, die für Gesetz und Ordnung sorgt, da er sonst ohne dieses Eingebundensein als das schlechteste aller Lebewesen gilt. Der Mensch als natürliches Wesen verfügt von Natur aus über eine Vielzahl von Tugenden – wie etwa die Klugheit oder die Tüchtigkeit –, die er allerdings durchaus im falschesten, also entgegengesetzten Sinne einzusetzen vermag und deshalb umso stärker der Ordnung einer staatlichen Gemeinschaft bedarf.

Der zu Beginn genannte Begriff des Sozialen, also socialis, steht in engem Zusammenhang mit socius, dem Gefährten, der als Bundesgenosse mit anderen ein Bündnis eingeht und sich in einer verbindenden, teilnehmenden Gemeinschaft zum gemeinsamen Handeln zusammenschließt. Wie wir im weiteren Verlauf sehen werden, gilt es dann aber ein gemeinsames Handeln und ein funktionierendes gesellschaftliches Zusammenleben erreichen und absichern zu können. Dies wiederum bedeutet, dass Handlungsmuster und Vorgehensweisen, über die ein gemeinsamer Konsens zu erzielen ist, vorgegeben werden müssen. Um dies erreichen zu können, muss eine gewisse Gemeinsamkeit von Wertvorstellungen und -konzepten hergestellt werden. Als Mindestanforderung hierbei gilt die Verständigung darüber, welche Werte gemeint sind und mittels welcher Normen diese letztendlich durchgesetzt werden sollen.

Um nun den „politischen Menschen“ des Aristoteles in eine Ordnung einbringen zu können, muss man sich Gedanken darüber machen, wie man grundsätzlich diesen Menschen einschätzt, was und wie man über ihn denkt. Dabei geht es zunächst weniger um seine Herkunft und seine Zielbestimmtheit. Es geht, noch dazu unter steter Berücksichtigung des Sozialen, also des Gemeinschaftlichen, um seinen Stellenwert innerhalb der Gesellschaft, der er angehört. Es stellt sich die Frage nach dem Verhältnis des Einzelnen zu seinen Mitmenschen einerseits und andrerseits zur Gesamtheit aller, der societas.

a)Der individualisierte Mensch

Beschäftigt man sich mit dem Menschen, so steht vom Grundsätzlichen her zunächst der Einzelne im Vordergrund jeglicher Überlegungen. Dies beginnt im klassischen Denken der Philosophen des Altertums, setzt sich über die Epochen des Mittelalters bis in die neuzeitlichen Sichtweisen fort und tritt, wie wir wissen und nicht selten beklagen, auch nicht in der Modernität des Heute außer Kraft.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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