Wertschätzung als Haltung - Beate Maria Weingardt - E-Book

Wertschätzung als Haltung E-Book

Beate Maria Weingardt

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  • Herausgeber: Camino
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2018
Beschreibung

Wertschätzung ist nicht nur die Voraussetzung für gelingende Beziehungen, ob nun zum Partner, als Eltern, zu Freunden oder Arbeitskollegen. Sie ist weit mehr als das, so Beate M. Weingardt, nämlich der Schlüssel zum Lebensglück. Das Buch erläutert die Vorteile von Wertschätzung in Beziehungen und zeigt anhand von detaillierten Übungsbeispielen auf, wie man dies in den Alltag integrieren kann. Denn Wertschätzung tut sowohl dem Empfänger, als auch dem Geber gut.

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Seitenzahl: 242

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BEATE MARIA WEINGARDT

Wertschätzung als Haltung

Gut mit sich und anderen umgehen

Für Freya, Richard und Carl-Christian –meine Enkelkinder, von und mit denen ichso vieles über Wertschätzung lernen kann.

1. Auflage 2018

Ein -Buch aus der

© Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart, 2018

Alle Rechte vorbehalten.

Coverfoto: Brücke im Centovalli-Tal, © Roland Gerth

Satz: wunderlichundweigand

Druck und Bindung: Finidr s.r.o., Český Těšín, Tschechische Republik

www.caminobuch.de

ISBN 978-3-96157-011-9

eISBN 978-3-96157-990-7

Inhalt

Vorwort

1.Einschätzung – Schlüssel der Lebensbewältigung

1.1Der grundlegende Unterschied zwischen Einschätzung und Wertschätzung

1.2Einschätzungskompetenz als Voraussetzung der Lebensbewältigung

1.3Einschätzungskompetenz, moralisches Urteilsvermögen und die Paradiesgeschichte (1. Mose 3,1–13)

1.4„Weisheit“ und Einschätzungskompetenz – ein Ausflug in die alttestamentliche Weisheitsliteratur

2.Wertschätzung – Schlüssel zum Lebensglück

2.1Der Unterschied zwischen Wertschätzung und Respekt

2.2Wertschätzung – Sehnsucht des Menschen

2.3Was meine ich mit Wertschätzung?

2.4„Bei mir bist du schön“ – Wertschätzung als Wertschöpfung

2.5Was uns zum Blühen bringt – die Wirkung der Wertschätzung

3.Bedingte Wertschätzung

3.1Bedingte Wertschätzung hat Gründe

3.2Gründe für die bedingte Wertschätzung von Menschen

3.3Das Problem der bedingten Wertschätzung

3.4„Ich war einmal Feuer und Flamme für dich“ – kurze und ironische Anleitung zur Beendigung von Freund- und Partnerschaften aller Art

3.5Sind Liebe und Wertschätzung identisch?

3.6Die Bedeutung der Emotionen für die bedingte Wertschätzung

3.7Empathie und Wertschätzung

4.Wertschätzung als Haltung

4.1Was ist unter einer Haltung der Wertschätzung zu verstehen?

4.2Wahrnehmen – Annehmen – Ernstnehmen: Helga B. und Herr P.

4.3Gründe für Wertschätzung als Haltung

4.4Wertschätzung als Haltung äußert sich im Verhalten

4.5Die Haltung der Wertschätzung – am Beispiel der Beziehung zwischen Eltern und Kindern

4.6Die Haltung der Wertschätzung und ihre Grenzen

5.Die Haltung der Wertschätzung und der Glaube

5.1Die Haltung der Wertschätzung und das Gebot der Nächstenliebe

5.2Unbedingte Wertschätzung – das Wesen Gottes im Alten Testament?

5.3Unbedingte Wertschätzung – das Wesen Gottes in den Worten und Taten Jesu

6.Wertschätzung in unserer Gesellschaft – im Schwinden begriffen?!

6.1Erziehung – das Kind wird mit dem Bade ausgeschüttet

6.2Stress und fehlende Wertschätzung

6.3Leistungsorientierung und fehlende Wertschätzung

6.4Ichzentrierung als Wertschätzungshindernis

6.5Angst vor Einschränkung durch Bindung und Verbindlichkeit

6.6Handys und Wertschätzung

6.7Einige Beispiele für den Schwund der Wertschätzung im öffentlichen Leben

7.Wertschätzung konkret

7.1Wie kann man Wertschätzung ausdrücken?

7.2Einschätzung und Wertschätzung ergänzen sich

7.3Wie du dich selbst wertschätzt, wirst du andere wertschätzen – die Bedeutung der Selbstwertschätzung

7.4Wertschätzung und „gewaltfreie Kommunikation“

7.5Wertschätzung als Lebenshaltung – der Reichtum der Genügsamkeit

7.6Wertschätzung als Lebenshaltung – ein Weg des Glücks

7.7Wertschätzung als Haltung Gott gegenüber – das Beispiel Hiob

Danksagung

Kleine Literaturauswahl

Vorwort

Wir waren zum Bergwandern ins herbstlich warme Tessin gefahren und wohnten in einem Hotel direkt am Lago Maggiore mit Balkon zum See. Ein kräftiger Bergbach floss durch den Garten in den See und vereinte sich mit dem meist sanften Plätschern der Wellen zu einem beständigen, angenehmen Wasserrauschen.

Am zweiten Tag unseres Aufenthalts kam zögernd ein kleiner, älterer Herr auf mich zu. Etwas verlegen sprach er mich an: „Entschuldigen Sie, darf ich fragen, ob Sie heute Nacht jemanden schnarchen gehört haben?“ – „Nein“, antwortete ich, „wir haben nichts gehört!“ – „Es ist nämlich so“, sagte er, „dass ich schnarche, und wir wohnen im Zimmer neben Ihnen, da war ich mir nicht sicher …“ – Ich versicherte ihm erneut, dass wir bestimmt nichts gehört hätten (dem Wasser sei Dank!), und mit erleichterter Miene zog er von dannen. – Dass es ihn Überwindung gekostet hatte, mich zu fragen, war offensichtlich. Seine Sorge, er könnte uns mit seinen unfreiwilligen Schlafgeräuschen gestört haben, beeindruckte mich. Zeigte es doch, dass ihm das Wohl seiner Zimmernachbarn nicht gleichgültig war.

Kam es daher, dass wir uns in einem sogenannten „christlichen“ Gästehaus befanden, wo ein etwas anderer Geist und Umgang herrschte? Keineswegs, denn nicht alle Gäste waren so rücksichtsvoll wie dieser Mann. Gleichzeitig mit uns war eine Gruppe von Christen und Christinnen zu Gast, deren Leiter schon dadurch auffiel, dass er nicht nur sehr häufig, sondern auch extrem laut und anhaltend lachte. Ich fuhr jedes Mal zusammen, wenn wieder eine seiner „Salven“ durch den Speisesaal dröhnte, in dem sich alle Gäste zum Frühstück und Abendessen zusammenfanden. Diesem Zeitgenossen (den ich einmal am Nebentisch darüber reden hörte, dass die Beziehung zu Gott die wichtigste Beziehung im Leben sein müsse) war es offenbar völlig gleichgültig, dass er mit seinem geräuschvollen Gelächter seine Nächsten auch stören könnte.

Doch steht in der Bibel nicht: „Liebe Gott – und liebe deinen Nächsten wie dich selbst“? Und gehört es nicht zur Liebe bzw. zur Wertschätzung der Mitmenschen, Rücksicht auf sie zu nehmen? „Respekt“ kommt von dem lateinischen Verb „re-spicere“, was auf Deutsch „zurückschauen, um sich schauen, Rücksicht nehmen“ bedeutet!

Aus welchem Grund aber ist es der einen Person wichtig und der anderen nicht, den Mitmenschen mit Wertschätzung zu begegnen? Davon unabhängig: Weshalb benötigen wir sie so dringend und warum beschenkt sie nicht nur den, der sie empfängt, sondern auch den, der sie erweist? Noch grundsätzlicher gefragt: Was ist Wertschätzung überhaupt? Woher nehmen wir sie? Und wie zeigen wir sie? Wo kann man sie lernen? Was geschieht, wenn sie verweigert oder entzogen wird? Beim Rückblick auf die vergangenen Jahre fiel mir auf, dass mich das Thema der Wertschätzung immer mehr und immer bewusster beschäftigte. Das hat verschiedene Gründe:

Seit ich Enkelkinder habe, nehme ich staunend wahr, dass Kinder zu Beginn ihres Lebens von einer grenzenlosen Bereitschaft zur Wertschätzung erfüllt sind.

Seit ich – nunmehr bald zwei Jahrzehnte – verheiratet bin, erlebe ich auf eine für mich nie gekannte Weise, was es heißt, einen zu tiefster Wertschätzung bereiten Menschen als Gegenüber zu haben. Diese Erfahrung hatte ich zuvor in dieser Intensität – und Kontinuität – nicht gemacht.

Für mich als Theologin ist es selbstverständlich, mich immer wieder intensiv mit der Bibel zu beschäftigen, insbesondere mit Leben und Lehre Jesu von Nazareth. Dabei festigte sich im Laufe der Jahrzehnte meine Überzeugung, dass das entscheidende Thema Jesu die Verkündigung und Verkörperung der unbedingten Wertschätzung war. Sie bildet das Fundament der Beziehung zwischen Gott und Mensch.

Da es für mich als Psychologin außerdem naheliegt, mich mit den psychischen Bedürfnissen und Befindlichkeiten des Menschen zu beschäftigen, wurde mir immer bewusster, dass alle bedeutsamen Lebensfragen mit dem Thema der Wertschätzung verknüpft sind. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass es mit der Wertschätzung in unserer Gesellschaft nicht zum Besten steht.

Mein Buch hat sieben Kapitel. Das erste Kapitel widmet sich der Fähigkeit zur Einschätzung, ohne die wir uns im Leben nicht zurechtfinden. Im zweiten Kapitel geht es um die Frage, was Wertschätzung eigentlich bedeutet, worin sie sich beispielsweise von Einschätzung oder von Respekt unterscheidet. Das dritte Kapitel befasst sich mit der „Standardversion“ der Wertschätzung. Es ist jene Wertschätzung, die wir als positive emotionale Reaktion auf positive Signale oder Erfahrungen empfinden. Das, was wir als angenehm oder als für uns positiv bedeutsam erleben, wird für uns wichtig und wir verleihen ihm einen ganz persönlichen Wert. – Doch was geschieht, wenn sich Positives wandelt? Wenn sein Leuchten verblasst, wenn die Flamme erlischt, wenn sich womöglich Erfreuliches in Unerfreuliches wandelt und aus Begeisterung Enttäuschung wird? Bedingte Wertschätzung reagiert darauf, denn es gehört zu ihrem Wesen, flexibel zu sein. Sie reagiert mit Einschränkung oder Entzug der bisher empfundenen Wertschätzung. Das ist verständlich und naheliegend. Wenn wir allerdings dauerhafte Verbindungen anstreben, beispielsweise in Partnerschaft, Elternschaft oder Freundschaft, können wir auf diesem Fundament nichts aufbauen, das Bestand hat. Stattdessen benötigen wir eine andere, stabilere Form der Wertschätzung, wenn Beziehungen verlässlich und dauerhaft sein sollen.

Für diese Form wähle ich den Begriff einer „Haltung der Wertschätzung“. Mit ihr befassen sich das vierte und fünfte Kapitel des Buches. Diese Haltung ersetzt die bedingte Wertschätzung keineswegs, sondern ergänzt und übersteigt sie. Eine Haltung der Wertschätzung bringt enorme Vorteile mit sich, sie erfordert jedoch Arbeit und hat auch ihre Grenzen.

Doch kann man willentlich wertschätzen? Ist das nicht nur um den Preis der Gefühlsfeindlichkeit oder Gefühlsverdrängung möglich? Keineswegs. Bei der Haltung der Wertschätzung geht es nicht darum, Gefühle abzuwerten, sie gar zu verleugnen. Ihr Ziel ist vielmehr, einen Reifungsprozess im Umgang mit Gefühlen und eigenen Bedürfnissen in Gang zu setzen.

Dass dieser Prozess nicht von selbst in Gang kommt, macht Kapitel sechs deutlich, in dem ich einige Gründe für den vielfach zu beobachtenden Mangel an Wertschätzung in unserer Gesellschaft darlege. Das siebte und letzte Kapitel bekräftigt demgegenüber noch einmal, weshalb es sich lohnt, Wertschätzung als Lebensthema und Lebenshaltung zu wählen.

Alle drei dargestellten Formen des „Schätzens“ – Einschätzung, bedingte Wertschätzung sowie eine Haltung der Wertschätzung – sind, so soll dieses Buch aufzeigen, lebensnotwendig. Doch meine ich, dass Glück, verstanden als persönlich gesuchte und erarbeitete Lebensqualität, nur mit einer Haltung der Wertschätzung zu finden ist. Erst sie ermöglicht es uns, unsere Beziehungen bewusst so zu gestalten, dass wir dem nahekommen, was Jesus von Nazareth lehrte – und was er selbst verkörperte. Eine Haltung der Wertschätzung gibt unserem Handeln und Verhalten einen Spielraum, der auf der Basis der bedingten Wertschätzung allein niemals möglich wäre. Die geistig-seelische Anstrengung, die notwendig ist, um immer wieder zu dieser Haltung zu finden – auch sich selbst gegenüber –, ist eine „Win-Win-Situation“: Sie bereichert den, der sie praktiziert, und den, dem sie gilt.1

1Zur Sprache: Aus Gründen der Einfachheit wähle ich bei Substantiven die aktuelle Form der Schreibung mit „*“ (z. B.: Leser*innen), um maskuline und feminine Form zu verbinden. Bei Relativsätzen oder Personalpronomen verzichte ich der Einfachheit halber auf die Doppelung der/die, sondern wähle in der Regel die männliche Form. Ich bitte, darin keine Diskriminierung des weiblichen Teils der Menschheit, zu dem ich ja selbst gehöre, zu sehen.

1

Einschätzung – Schlüssel der Lebensbewältigung

1.1Der grundlegende Unterschied zwischen Einschätzung und Wertschätzung

Heutzutage kennen die Menschenvon allem den Preis und von nichts den Wert.2

OSCAR WILDE (1854–1900)

Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass es sich bei der Wertschätzung um etwas grundlegend Verschiedenes zur Einschätzung handelt. Zwei Erlebnisse sollen deutlich machen, worin dieser Unterschied besteht.

I.

Ich erinnere mich genau an den alten Teddybär meiner frühen Kindheit, dem im Lauf der Zeit ein Bein und ein Arm abhandengekommen waren. Zwar bemerkte ich, dass aus den dadurch entstandenen Öffnungen immer wieder holzmehlartige Partikel seines Innenlebens herausrieselten, doch das störte mich nicht im Geringsten. Eines Tages war er verschwunden. Ich war ungefähr vier Jahre alt und fragte meine Mutter, ob sie wüsste, wo mein Teddybär sei. Sie antwortete: „Den habe ich im Ofen verbrannt, er war ja kaputt!“ Ich begann zu weinen und meine Mutter schaute mich überrascht an. In diesem Moment begriff ich, dass ihr nicht klar gewesen war, wie viel das ramponierte Plüschtier mir bedeutet hatte!

Der Unterschied zwischen Einschätzung und Wertschätzung lässt sich kaum einfacher veranschaulichen. Meine Mutter sah das Stofftier mit den nüchternen Augen der Hausfrau nach rein sachlichen Kriterien an – es war schwer beschädigt und verursachte lästige Verunreinigungen der Wohnung, denn ich schleppte ihn mal dahin, mal dorthin. Ich hingegen gab dem Teddy völlig unabhängig von seinem jämmerlichen Zustand einen persönlichen Wert. Weshalb? Vermutlich, weil es mein Teddybär war, mein einziger, mit dem ich schon einige Zeit in vertrauter Gemeinschaft lebte. Daran hatte meine Mutter bei ihrer Entsorgungsaktion offenbar nicht gedacht. Unser Verhältnis zu diesem Plüschtier war völlig verschieden. Meine Mutter schätzte das Tier nach seinem „Restwert“ sowie „Verschmutzungspotenzial“ ein, für mich hingegen war es ein treuer und unersetzlicher Kamerad.

II.

„Diese Uhr repariert mein Bruder nicht mehr!“, teilte mir die resolute Geschäftsinhaberin mit, nachdem sie mit meiner kaputten alten Armbanduhr Marke „Meister Anker“ aus den hinteren Räumen ihres Geschäfts wieder auftauchte. Gefragt nach dem Grund, holte sie den Uhrmachermeister persönlich aus seiner Werkstatt. Er erklärte mir, dass es sich bei meiner Uhr um ein billiges Fabrikat handle, das es überdies gar nicht mehr gebe und bei dem sich eine solch aufwendige Reparatur, wie sie nun nötig sei, nicht mehr lohne. „Aber mir ist es diese Uhr wert, dass ich sie noch einmal reparieren lasse, auch wenn es teuer wird!“, gab ich ihm mit einem für meine Gewohnheiten geradezu flehentlichem Augenaufschlag zu verstehen. „Mir nicht!“, erklärte er ungerührt und verabschiedete sich kühl.

Enttäuscht und empört verließ ich den Laden – entschlossen, nicht so schnell aufzugeben, sondern bei einem anderen Uhrmacher zwei Straßen weiter mein Glück zu versuchen. Dort wurde ich völlig anders behandelt. Man werde einen Kostenvoranschlag für die Reparatur machen und mir daraufhin die Entscheidung überlassen, ob ich die Reparatur durchführen lassen wolle oder nicht, wurde mir freundlich mitgeteilt. Dank dieser Alternative trage ich die Uhr heute noch mit großer Freude.

Was aber war beim ersten Uhrmacher geschehen? Der erfahrene Feinmechaniker hatte meine Uhr unter rein fachlichen Gesichtspunkten beurteilt und war zu der Einschätzung gekommen, dass der Preis der Reparatur den Restwert dieser Uhr bei Weitem übersteigen würde. Also „weg damit und eine neue gekauft“, so seine unausgesprochene Empfehlung. Was ihn nicht im Geringsten interessierte, war der Wert, den ich meiner Uhr unabhängig von ihrem Material- oder Restwert gab. Er war nicht bereit, darauf Rücksicht zu nehmen. Meine Uhr war für mich jedoch kostbar, weil ich sie originell, schön und praktisch fand und weil ich trotz jahrelanger Suche nie mehr eine Uhr mit dieser Spange (statt eines Armbands) gesehen hatte. Ihr Wert bestand für mich folglich nicht in ihrem Verkehrswert, den jeder Pfandleiher wahrscheinlich ähnlich gering eingeschätzt hätte wie jener Uhrmacher, sondern in dem Wert, den ich ihr verliehen hatte. (Eine andere Besitzerin an meiner Stelle hätte sie möglicherweise längst dem Restmüll anvertraut, um sich etwas Kostbareres oder Moderneres zuzulegen.)

Deutlich wird an beiden Beispielen: Während der Vorgang des Einschätzens darin besteht, ein Merkmal, einen Sachverhalt, eine Entwicklung oder einen materiellen Wert möglichst präzise unter gewissen Gesichtspunkten wahrzunehmen, bedeutet Wertschätzung die kreative und individuelle Entscheidung, einen Wert zu geben, sprich: eine „Wertverleihung“ vorzunehmen. Man könnte auch sagen: Einschätzung ist ein Vorgang des Erkennens, Wertschätzung ist ein Akt des An-Erkennens.

Aus diesem Grund wird der etwas sperrige Begriff „Wertschätzung“ häufig durch das schlichtere und umgangssprachlich häufiger verwendete Wort „Anerkennung“ ersetzt. Sie ist ein fundamentaler Bestandteil der Wertschätzung – aber Wertschätzung beinhaltet bedeutend mehr.

1.2Einschätzungskompetenz als Voraussetzung der Lebensbewältigung

Faszinierend an Kindern ist, dass sie sich zu Beginn ihres Lebens für alles interessieren, was ihnen begegnet und sie umgibt. Verbunden mit dieser Aufgeschlossenheit ist eine grenzenlose Bereitschaft zur Wertschätzung. In ihren Augen ist alles interessant und alles wertvoll, was ihre Aufmerksamkeit zu fesseln vermag. Wenn ich mit meiner zweijährigen Enkelin nach einem Regen einen Spaziergang machte, so war sie regelmäßig fasziniert von den toten Regenwürmern, die auf dem Weg lagen. Sie fasste sie an und wollte sie am liebsten mit nach Hause nehmen. Wie alle Kinder kannte sie die Kategorie „eklig“ oder „unnütz“ nicht. Stopfte sie sich etwas zu viel Schokolade in den Mund und ich jammerte, nichts abbekommen zu haben, so holte sie bereitwillig ein Stück davon wieder heraus und schob es mir zwischen die Zähne. Umgekehrt wurde dies von mir natürlich ebenso erwartet. Doch dieses Paradies der Unwissenheit, des Nicht-Urteilens sowie der absoluten Freiheit von Ekel-, Scham- und Schuldgefühlen währte nicht allzu lange.

Wir Erwachsene lehren unsere Kinder, die Dinge und Verhaltensweisen zu bewerten – das muss sein, damit sie sich in unserer Welt, genauer: in dem kulturellen Milieu, in dem sie aufwachsen, zurechtfinden. So müssen sie beispielsweise in einer Umgebung, in der es fremde Menschen gibt, lernen, zu unterscheiden, wem zu vertrauen ist und wem nicht. Denn so wunderbar grenzenloses Vertrauen ist – wie das bezaubernde Wort „Vertrauensseligkeit“ zum Ausdruck bringt –, so riskant ist es auch. Märchen machen dies deutlich. Da fallen Hänsel und Gretel arglos einer bösen Hexe in die Hände und bringen sich in Lebensgefahr. Dornröschen berührt unvorsichtig die Spindel der unbekannten alten Spinnerin und sinkt prompt in einen hundertjährigen Schlaf. Und Hans im Glück lässt sich von jedem Fremden, der seinen Weg kreuzt, gutgläubig übers Ohr hauen, bis er schließlich mit leeren Händen dasteht. Ihm bleibt die Zuflucht zur Mutter, doch damit wird nicht, wie oft oberflächlich interpretiert, ausgedrückt, dass er nun „im Glück“ ist. Ganz im Gegenteil: Der Weg zurück in die mütterliche Obhut zeigt, dass er ein Kind geblieben ist und sein Leben aus eigener Kraft nicht zu meistern vermag.

Gerade das Märchen „Hans im Glück“ macht darüber hinaus deutlich, dass derjenige, der in der Fremde sein Glück machen möchte, nicht nur die Kompetenz benötigt, den (Verkehrs-)Wert von Objekten realistisch zu erkennen, sondern dass es auch wichtig ist, Menschen und ihre Ziele richtig einzuschätzen.

Nicht nur die Lebensbewältigung hängt, so gesehen, ganz entscheidend von Einschätzungsvorgängen ab, sondern auch unsere Kontakte und Verbindungen mit anderen Menschen.

Wie Daniel Goleman schon vor über zwanzig Jahren in seinem Werk über „Emotionale Intelligenz“3 umfangreich darlegte, ist die Fähigkeit zur Empathie die entscheidende Voraussetzung für sozialen und damit sowohl beruflichen als auch privaten „Erfolg“. Nur wer sich vorstellen kann, wie andere Menschen geistig und emotional „gestimmt“ sind bzw. „ticken“, kann sein eigenes Verhalten dementsprechend daraufhin abstimmen. Dies ermöglicht es, die eigenen Ziele mit möglichst wenig Reibungsverlust zu verfolgen. Gleichzeitig wird durch Empathie auch Vertrauen geschaffen, denn der einfühlsame Mensch, der seine Mitmenschen richtig einschätzt, kann ihren Bedürfnissen und Erwartungen Rechnung tragen, sofern er dies möchte. Menschen hingegen, die nur schwer die Gedanken, Gefühle und Reaktionen ihrer Beziehungspartner nachvollziehen oder vorwegnehmen können, haben langfristig ein Problem damit, Beziehungen aufrechtzuerhalten, die für beide Seiten befriedigend und bereichernd sind.

Ich beobachte oft Personen, die ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis haben, ohne dabei zu berücksichtigen, dass die meisten Mitmenschen auch selbst zu Wort kommen wollen. Die Folge: Man hört ihrem Redeschwall bei der ersten Begegnung noch höflich zu, doch bei der zweiten Begegnung ist man schon darauf bedacht, nicht wieder in diese Rolle gedrängt zu werden, und sucht, oft unter einem Vorwand, möglichst schnell das Weite. Weitere Begegnungen werden eher vermieden oder kurz gehalten, damit der Redselige keine Gelegenheit mehr hat, einen „mit Beschlag zu belegen“. Nicht selten beklagen derart mitteilsame Zeitgenossen, dass ihnen niemand so richtig zuhöre bzw. sie in Unterhaltungen zu wenig zu Wort kämen. Verfügten sie über mehr Empathie, könnten sie die Bedürfnisse ihrer jeweiligen Gesprächspartner sensibel wahrnehmen und darauf achten, dass in ihren Gesprächen der andere ebenso häufig Rederecht hat wie sie selbst.

Nicht zuletzt gehört zur erfolgreichen Lebensbewältigung die Fähigkeit, sich in unterschiedliche Rahmenbedingungen einzufügen. Wie verhalte ich mich als Neuling in einer bestehenden Gruppe, wie finde ich meinen Platz als Berufsanfängerin in einem erfahrenen Team, welche Assimilation wird von mir verlangt, wenn ich in ein fremdes Land und eine mir bislang fremde Kultur komme? Und wie viel Anpassung ist geboten, wenn ich heirate und möglicherweise Teil einer mir bis dato völlig fremden Familie werde?

Das Leben mit seinen wechselnden Situationen und Bezugsgruppen verlangt von uns immer wieder die Fähigkeit einzuschätzen, was von uns erwartet wird. Besser gesagt: Wir sollten einschätzen können, welches Verhalten in welchem Kontext angemessen ist, um nicht zum Störfaktor oder Außenseiter, zum chronischen Fettnäpfchentreter oder unfreiwilligen Elefanten im Porzellanladen zu werden.

Deshalb ist Einschätzungskompetenz eine entscheidende Voraussetzung des Lebensglücks, denn von der gelungenen Integration in Teams, Gruppen und Verbände aller Art hängt in der Regel auch die individuelle Zufriedenheit eines Menschen ab. Anders gesagt: Nichts belastet die Psyche eines Menschen – und damit auch langfristig die Gesundheit – mehr, als Ausgrenzung und Isolation, Zurückweisung und fehlende Akzeptanz zu erleben.

Auch in meiner Tätigkeit als Referentin ist es von großer Bedeutung, das Publikum in mehrerer Hinsicht richtig einschätzen zu können, um erfolgreich zu sein. Was ich nicht wissen kann, sind die Vorstellungen der Einzelnen bezüglich der Themen meiner Vorträge. Sie sind individuell oft sehr verschieden, obwohl ich in der Regel versuche, die Thematik in Titel und Pressetext möglichst klar zu formulieren, um keine falschen Erwartungen zu wecken. Recht gut einschätzen kann ich m. E. jedoch die Art und Weise, wie man einen Vortrag darbieten sollte, damit man nicht nur in den ersten zehn Minuten aufmerksame Zuhörer hat. Sehr wichtig ist hier beispielsweise eine klare Sprache, obwohl sie immer die Gefahr birgt, die Dinge zu sehr zu vereinfachen. Ebenso unentbehrlich ist persönliche Authentizität, denn das Publikum spürt, ob man sich hinter seinen Worten als Mensch verbirgt oder ob man sich selbst als Person mit einbringt. Männer und Frauen aller Bildungsschichten und Altersstufen haben ein sehr feines Gespür für Aufrichtigkeit. Sie wollen keine Selbstdarstellung, sondern, sofern passend, ehrliche Selbstmitteilung. Auch teilt sich die Grundstimmung, mit der ich referiere, dem Publikum unweigerlich mit. Der Tiefgang in der Sache sollte mit Humor und Fröhlichkeit verbunden sein.

Schätzt man die Menschen, die einem zuhören, richtig ein, so kann man nach meiner Erfahrung getrost auf die Kraft des Wortes vertrauen und benötigt nicht zwingend auch noch die Macht der Bilder. Zweifellos sind Bilder in vielen Fällen bereichernd und unterstützend, sei es, um etwas zu veranschaulichen, sei es, um Aussagen zu unterstreichen, zu verdeutlichen, aufzulockern usw. Auch ist es für viele Menschen hilfreich, wenn nicht nur das Ohr, sondern auch das Auge angesprochen wird. Dennoch habe ich den Eindruck, dass heute oft versucht wird, mit Bildern (Powerpoint) die Aufmerksamkeit des Publikums zu fesseln, weil man es der gesprochenen Sprache allein nicht mehr zutraut.

Ich mache dagegen immer wieder die erstaunliche Erfahrung, dass das gesprochene Wort eine faszinierende Macht besitzt. Wer beobachtet, wie gebannt Menschen – vom Kind bis zum Erwachsenen – einem guten Erzähler, einer guten Referentin lauschen, der weiß, dass das Hören für unsere geistig-seelische Entwicklung und Aktivität mindestens so bedeutsam ist wie das Sehen.

1.3Einschätzungskompetenz, moralisches Urteilsvermögen und die Paradiesgeschichte (1. Mose 3,1–13)

In dem Maß, wie ein heranwachsender Mensch lernt, zunehmend für sich selbst und sein Handeln verantwortlich zu sein, muss er auch Urteilsvermögen und Einschätzungskompetenz erwerben. Dass diese Entwicklung ihren Preis hat, macht die hochsymbolische Erzählung von den ersten Menschen, Adam und Eva4, deutlich. Sie spielt im „Paradies“, was übersetzt „umgrenzter Raum“ bedeutet. Adam und Eva leben darin wie zwei Kinder – ohne Arbeitszwang, ohne Mühsal, ohne Schamgefühle, ohne jegliche Verantwortung. Der Garten begrenzt ihren Spielraum, schützt sie gleichzeitig aber auch vor der gefährlichen Außenwelt, die (nach hebräischem Denken) nicht wohlgeordnet wie der Garten, sondern chaotisch ist. Es entspricht dem „Paradies der Kindheit“, dass die beiden noch keine Sexualität kennen (sie sind sich der Unterschiedlichkeit ihrer Geschlechter nicht bewusst) – und keine Moral, denn sie „wissen nicht, was gut und böse ist“. Mit diesem Ausdruck bezeichnet die hebräische Sprache die ethische Verantwortlichkeit des Menschen. Sie setzt Urteilsfähigkeit voraus und ist ein wesentlicher Bestandteil der geistigen und emotionalen Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen. Schließlich sind „gut und böse“ Beurteilungen, denen klare Unterscheidungs- und Bewertungsprozesse zugrunde liegen.5

Typisch für ein kindliches Gemüt, ist Eva grenzenlos gutgläubig und damit leicht beeinflussbar. Sie bemerkt nicht, dass die sprechende Schlange die Anweisung Gottes (Kapitel 2,16–17: „Ihr dürft von allen Bäumen im Garten essen außer vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, denn an dem Tag, wo ihr von ihm esst, müsst ihr sterben“6) keineswegs korrekt wiedergibt, sondern absichtlich übertreibt: „Sollte Gott etwa gesagt haben, dass ihr von keinem Baum im Garten essen dürft?“ Hätte Eva die Verzerrung bemerkt, wäre sie möglicherweise misstrauisch geworden. Stattdessen antwortet sie der Schlange (sinngemäß) vertrauensvoll: „Doch, wir dürfen von allen Bäumen essen, nur nicht vom Baum der Erkenntnis, sonst sterben wir!“ Die listige Schlange hat ihr erstes Ziel erreicht: Eva richtet ihre Aufmerksamkeit auf den Baum und seine verbotenen Früchte. In einem zweiten Schritt weckt die Schlange Evas Begehren nach Erkenntnis und verbindet es mit einer wiederum maßlos übertreibenden Vorhersage: „Ihr werdet (dann) sein wie Gott.“ Eva ist auch jetzt außerstande, mit Argwohn oder wenigstens Skepsis zu reagieren – verständlich, denn Kinder verfügen über diese Fähigkeit, die eine Menge an Erfahrungen voraussetzt, erst im Lauf der Zeit.

Der dramatische Höhepunkt ist erreicht, als die Schlange bei Adam und Eva auch noch gezielt Misstrauen gegenüber dem „Übervater“ Gott provoziert. Dies gelingt ihr, indem sie zum einen betont, dass die Menschen nach dem Genuss der Frucht mitnichten sterben würden. Zum andern unterstellt sie Gott höchst eigennützige Motive für sein Verbot: „Er will nur nicht, dass ihr werdet wie er!“ Erst Eva, dann Adam übertreten daraufhin das Verbot Gottes – und das Überraschende geschieht: Die Verheißung der Schlange trifft – abgesehen von der kühnen Übertreibung – tatsächlich ein! Die beiden ersten Menschen sterben keineswegs des Todes, sondern erleben das, was wir alle nicht in einem plötzlichen, sondern allmählichen Prozess während der Kindheit durchlebt haben: den „Verlust der Unschuld“. Und das in zweifacher Hinsicht: Adam und Eva beginnen, sich ihrer unterschiedlichen Geschlechter bewusst zu werden – „Sie erkannten, dass sie nackt waren.“ Damit nicht genug: Sie entwickeln auch Schuldgefühle. Schuld setzt ethische Verantwortlichkeit – das heißt: das soeben erworbene „Wissen um gut und böse“ – voraus!

Deutlich werden ihre Schuldgefühle darin, dass sie Gott furchtsam ausweichen: „Adam und sein Weib versteckten sich im Garten, als sie Gottes Schritte hörten“! Als Gott Adam fragt, weshalb er sich verstecke, lügt er7 – ein weiteres Indiz, dass etwas unwiederbringlich verloren ging, nämlich die kindliche Unbefangenheit, die zunächst weder Schuld noch Lüge kennt. Auf das Verbergen folgt das Verleugnen, und als dies nichts hilft, folgt ein dritter Schritt, der beweist, dass Adam zu moralischem Bewusstsein erwacht war: Er versucht, die Schuld auf Gott und Eva abzuwälzen: „Die Frau, die du mir gegeben hast, hat mich verführt!“ Gott lässt diese Ausrede nicht gelten und weist Adam und Eva aus dem Paradies hinaus in eine Welt, die der Mensch sich erst erschließen muss. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt für die beiden: das Leben „im Schweiße ihres Angesichts“ mit Mühsal, Schmerz, Gefahren und Abhängigkeiten. Es ist das Leben eines erwachsenen Menschen, das Leben auf eigene Verantwortung, mit eigenem moralischem Bewusstsein – und doch ganz und gar nicht sich selbst überlassen (vgl. Kapitel 5.2).

Die Paradiesgeschichte vermittelt auf sehr hintergründige und höchst beeindruckende Weise eine schmerzliche Tatsache: die moralische Mündigkeit des Menschen, die eine Grundlage der Einschätzungskompetenz und damit auch der Lebensbewältigung bildet, ist nur um den Preis des Lebens „jenseits von Eden“ zu gewinnen. Die neue Freiheit wird teuer erkauft, denn sie ist nicht nur mit Erkenntnis und Wissen, sondern auch mit dem Bewusstsein eigener Schuld und Schuldfähigkeit verbunden.

1.4„Weisheit“ und Einschätzungskompetenz – ein Ausflug in die alttestamentliche Weisheitsliteratur

Es gibt nicht nur ein Artensterben, es gibt auch ein Wörtersterben. Zu den Substantiven, die heute immer weniger in Gebrauch sind, gehört zweifelsohne der Begriff der Weisheit (und sein Gegenbegriff, die Torheit). Es scheint, als ob unsere Zeit das Bewusstsein dafür verliert, dass es das gibt: weises – oder törichtes – Denken, Reden und Handeln. Wer sich allerdings in der Philosophie ein wenig auskennt, der weiß, dass das Streben nach Weisheit und die Frage, was darunter zu verstehen ist, sowohl in der fernöstlichen als auch in der griechischen Philosophie und nicht zuletzt in der Hebräischen Bibel, unserem „Alten Testament“, eine zentrale Rolle spielen.

Im Folgenden möchte ich mich auf zwei wichtige Bücher der sogenannten Weisheitsliteratur im Alten Testament beschränken: das Buch der Sprüche („Proverbien“) sowie das Buch „(Jesus) Sirach“.8 Zunächst fällt auf, dass im Hebräischen nicht streng unterschieden wird zwischen den Begriffen Einsicht, Verstand, Klugheit und Weisheit. Sicherlich sind Bedeutungs- und Verwendungsunterschiede zu finden, doch sind sie nicht gravierend. „Ich, die Weisheit, pflege der Klugheit, verfüge über Erkenntnis und guten Rat“, heißt es beispielsweise in Sprüche 8,12 und acht Kapitel später lesen wir: „Das Herz des Weisen macht seinen Mund klug und mehrt auf seinen Lippen die Belehrung“ (16,23). Auch in dem Spruch: „Durch Weisheit wird ein Haus gebaut, durch Klugheit gewinnt es Bestand und durch Einsicht werden die Kammern gefüllt mit allerlei kostbarer, lieblicher Habe“ (Sprüche 24,3–4) kann man zwischen den drei verwendeten Begriffen Weisheit, Klugheit und Einsicht keinen bemerkenswerten Unterschied erkennen.

Ebenso werden die Gegenbegriffe Narrheit, Torheit, Einfalt, Unverständnis oft synonym verwendet. „Ein weiser Sohn ist seines Vaters Freude, aber ein törichter Sohn ist der Kummer seiner Mutter“ (Sprüche 10,1). Sirach schreibt: „Das Herz des Toren ist wie eine löchrige Zisterne, es kann keinerlei Weisheit festhalten“ (21,14).9 Was aber wird als weise, klug, verständig, einsichtig charakterisiert?

Es ist bezeichnend für hebräisches bzw. jüdisches Denken, dass das konkrete Verhalten, die Lebenspraxis im Mittelpunkt der Überlegungen steht. Die Klugheit und Einsicht, der Verstand und die Weisheit einer Person werden erkennbar an der Art und Weise, wie sie ihr Leben führt und ihre Beziehungen gestaltet. Tiefschürfende Betrachtungen und Gedanken sind kein Selbstzweck, sondern dienen immer einem Ziel, nämlich der Frage: Was folgt daraus für die Praxis?

Die Propheten, die über Jahrhunderte hinweg immer wieder in Israel auftraten, prangerten deshalb auch in erster Linie die Kluft zwischen Reden und Handeln, zwischen frommen Lippenbekenntnissen und realem Verhalten an. Eindringlich machten sie darauf aufmerksam, dass Gott sich nicht an Versprechungen, Ritualen und Worthülsen orientiert, sondern am konkreten Verhalten, vor allem am Verhalten Schwächeren gegenüber.

Auch Jesus von Nazareth stand in dieser Tradition, wie vor allem die drei Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas bezeugen. Besonders deutlich wird dies in der sogenannten „Bergpredigt“ des Matthäusevangeliums. Wenn man die Kapitel 5 bis 7 aufmerksam liest, stellt man überrascht fest: Aussagen über den „richtigen Glauben“ bzw. die „richtigen Überzeugungen“ über Gott oder gar Jesus fehlen komplett, stattdessen dominieren Anweisungen für die Lebenspraxis jener Menschen, die im Vertrauen auf Gott leben. Man könnte auch sagen: Jesus schildert in einer Fülle von Anwendungsfeldern, wie Glaube sich im Alltag praktisch auswirkt und bewährt. „Wer meine Worte hört und sie tut, ist klug“