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Kalifornien brennt. Australien brennt, Milliarden Tiere und viele Menschen sterben, Erdteile trocknen aus. Überschwemmungen in Asien, Trockenheit und Hitze selbst in Europa mit immer neuen Rekorden. Die Welt wird langsam nervös. Denn unser Aufheizen der Erde zeigt Wirkung... In unseren global gewordenen Nationen aber stehen konträre Kulturordnungen gegeneinander, ja bekämpfen sich. Und Kapital sucht seinen Vorteil. Da wir all das verursachen, sollten wir diese Probleme diskutieren, wenn uns Nachkommen noch etwas bedeuten. Denn wir stehen vor einer existenziellen Klippe. Unser Verhalten und unser Konsum verursachen Aufheizung, veröden die Natur, lassen Arten sterben. Da hilft es, wenn wir den großen Bogen schlagen, unseren ganzen Entwicklungsweg sehen. Manche treiben trotzdem ungehemmt weiter, manche haben bereits aufgegeben. Vernünftige jedoch suchen heute ernsthaft nach ihrem Beitrag, nach neuen Ordnungen, um das Drohende zu verhindern. Das wird aber nicht leise und konfliktfrei zu haben sein. Es ist höchste Zeit. Noch haben wir eine Chance. Noch aber haben wir die Konsequenz des Globalen nicht begriffen!
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2021
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inhalt
wie geht’s weiter?
klima, corona und kultur
was war?
wie entstand kultur?
was trieb die kultur an?
was ist?
welche schäden zeigen sich schon?
verführt uns kapital?
wie organisieren wir uns?
was ist in bewegung?
was wird sein?
welche ursachen, welche mittel?
behindern uns grenzen?
was können wir beitragen?
ordnen wir uns nachhaltig?
quellen
wie geht’s weiter?
klima, corona und kultur
Für mich begann alles mit der Erinnerung meiner Schwiegermutter. Als Wirtstochter des Gasthofs Adler im kleinen schwäbischen Stetten auf der Ostalb sollte sie, was längst überfällig war, das Fremdenzimmer fegen. Um etwas Ordnung in das Durcheinander des zerstreuten Professors Riek zu bringen, fing sie bei der Bettlade an. Dieser Tübinger war schon etliche Tage einquartiert, da er in der nahegelegenen Vogelherdhöhle im Lonetal nach unserer Vorgeschichte graben wollte. Mit der dicken Staubschicht, die ihr Besen unter der professoralen Ruhestätte hervorholte, kam aber etwas viel Größeres zum Vorschein. Man kann sich ihren Schrecken durchaus vorstellen, als sie doch tatsächlich einen Schädel darunter hervorzog. Just unter dem Bett, in dem Jahre später meine lebenslange Liebe ihren ersten Schrei tat.
Rieks Mannschaft förderte prähistorische Kunstwerke zu Tage: Pferdchen, Mammut und einen Löwenkopf. Sie machten Furore. Dies lockte den Würzburger Anatomen Wetzel nach Tübingen und ins Lonetal zum Hohlenstein-Stadel. Er fand mit seiner Mannschaft dort kurz vor dem letzten Weltkrieg viele Elfenbeinfragmente. Alles wurde eiligst in Holzkisten gefüllt, in seinem Institut gelagert und später dem Museum meiner Geburtsstadt Ulm vermacht. Erst Jahrzehnte danach besann man sich dieser vergrabenen Schätze. Aus dem Sammelsurium vieler bearbeiteter Bruchstücke eines Mammutzahns entstand schließlich ein puzzle: Ein Löwenmann kam zum Vorschein, die wohl früheste Symbolfigur der Menschheit. Wieder Jahrzehnte später arbeitete der Prähistoriker Conard aus Tübingen, diese alten Geschichten auf. Er konnte schließlich an anderer Stelle eine Frauengestalt wieder auferstehen lassen. Die Venus vom Hohlen Fels, die Frau aus dem Achtal bei Schelklingen. Beides Weltkulturerbe! | 32
Symbole verkörpern sich anbahnende Entwicklungen. Sie starten eine, später von vielen getragene, alles überflutende Neuerung, eine neue Konsequenz: Der Löwenmann, eine zielende Idee, signalisiert unseren Aufbruch, unseren kulturellen Anfang. Wird 35.000 Jahre später das Pappschild vom SKOLSTREJK FÖR KLIMATET der Greta Thunberg wieder zum Symbol, kündet wieder eine neue Wende an?
Wie geht’s weiter? Die Kultur bedrängt heute das Klima. Lange Zeit bestimmte das Klima den Naturprozess und damit unseren Entwicklungsgang. Dort, wo das Klima günstig war, konnten wir zum Menschen werden, konnten kulturell reifen. In Gebieten harschen Klimas blieb die Entwicklung zurück. Heute leben wir im Anthropozän, dem Zeitalter des menschgemachten Neuen. Oder schon im digital bestimmten Neuen? Das umschreibt, dass heute nicht mehr der Naturprozess verändert, sondern wir es sind, die unsere Erde zurechtstutzen. Heute handeln wir, erwärmen das Klima, verändern die Erdoberfläche, verarmen und verbrauchen die Natur. Wenn wir unsere Vergangenheit kennen, so der Ansatz, können wir die jetzt notwendigen Entscheidungen sicherer fällen.
Einige sehen für sich eine komfortable Zukunft, sehen alles technisch machbar und allen Naturverbauch unbedeutend. Denn tatsächlich macht erst das Technische uns Menschen zu Menschen. Es brachte und bringt unsere Entwicklung voran, zu allen Zeiten und auf allen Stufen, ob als Faustkeil, ob als Rechenmaschine mit Zuses Elektromagnetschaltern und mit Quantenbits. Andere dagegen haben die starke Befürchtung, dass wir mit unserer technikgetriebenen Evolution auf das Aus zusteuern. Mit unserer verbrauchenden Kulturvariante, eine auf Ausbeutung der Natur aufbauende Wachstumsart. Sie meinen, dass wir durch unser gewinngetriebenes Komfortstreben die Erde weiter aufheizen, die Natur zerstören und uns selbst verdrängen. Denn das Klima verändert sich. Es wird heißer, folgenreich unruhiger. Die Artenvielfalt schwindet. Da stellt sich die Frage nach dem Warum? Warum etwa brennen ganze Landstriche? Warum steigt der Meeresspiegel weltweit? Warum verwüsten Unwetter ganze Regionen und andere trocknen aus? Warum sterben Arten aus? Warum betreiben einige ihre Vorteilsnahme immer aggressiver? Warum lassen andere das alles zu?
Wir agieren innerhalb eines Prozesses, der Naturevolution nämlich. Ein Prozess des permanenten Weiter, der anpassenden Neuerung. Eine auf möglichen Vorteil, auf ausdehnende Vermehrung basierende Entwicklung. Aber immer auch auslesend, verdrängend. Zuerst langsam wirkend, dann immer schneller zur Vielfalt strebend, die Erde immer voller füllend. Auch wir als Teil dieses Prozesses verdrängen. Um zu vermeiden, dass der Naturprozess durch unser Handeln kippt, sollten wir diesen Prozess verstehen. Wir sollten das Vorher und das Jetzt kennen und das daraus folgende Nachher vorausdenken. Auf der einen Seite stehen wir als Störfaktor. Wir erzielen mit Verstand und Gefühl zerstörende Wirkungen. Wir wollen die Vorteile dieses Handelns nicht aufgeben. Manche, beileibe nicht alle, sehen diese Wirkungen und wollen alles möglichst verträglich und ohne dass es weh tut ungeschehen machen. Auf der anderen Seite wirkt der Naturprozess. Er ist ein unerbittlich fortschreitender, ein kompromissloser Gegner.
Unser kultureller Weg droht nach zehntausenden von Jahren zu Ende zu gehen, wenn wir weiter handeln wie bisher. Wir sollten uns darüber klar werden. Um uns unsere Motivatoren, unseren Antrieb bewusst zu machen, sollten wir unseren kulturellen Aufstieg verfolgen. Wie ist es zum Heute gekommen? Unsere Überlebensstrategie waren Märchen, mit denen wir unsere eigene Wirklichkeit modellierten. Starke haben unser Gefühl gelenkt, um damit die tatsächliche Wirklichkeit zu meistern. Dies ließ uns, mit Schwierigkeiten zwar, aufblühen und zu dem werden, was wir heute sind. Wir haben uns allmählich an Lenkung, an Gemeinschaft, an Mittun und Komfort gewöhnt, Eigenverantwortung oft hintangestellt. Dies hat einen Mechanismus etabliert, eine Kultur männlicher Führung, machtbegründet, abgrenzend. Das uns heute behindernde Ergebnis sind viele konkurrierende, gegeneinander streitende Staaten. Denn wir handeln meist gefühlsgetrieben, gruppenegoistisch. Unsere weit fortgeschrittene Entwicklung, unser ausgebildeter Verstand muss uns, wollen wir noch länger auf der Erde überleben, uns besser kontrollieren. Wir müssen die, unseren persönlichen Vorteil suchenden Gefühle zurücknehmen, um Naturverträglichkeit für alle zu erreichen. Es wäre unserem fortgeschrittenen Entwicklungsstand angemessen. Es ist notwendig, wenn nicht bald viele leiden müssen. Denn wir greifen immer stärker in den Naturprozess ein. Es ist unsere eigene Verantwortung, der Natur wieder ihren Platz zurückzugeben, dem entscheidenden Klimastabilisator. Unsere Kindeskinder würden davon profitieren.
Es war also einmal jemand in einer jungsteinzeitlichen Albhöhle im Achtal bei Ulm/Deutschland, der begann, aus einem Mammutzahn eine Figur herauszuschälen. Es wurde eine Frau, die bisher früheste menschliche Skulptur! Diese Venus hatte keinen Kopf, war aber ganz weiblicher Körper: Starke Brüste, hervorgehobene Scheide. Geschnitzte Lust, ein Sexobjekt oder gar ein Schulungsobjekt, Lehrhilfe? Die Venus als weibliche Funktion, der Naturkreislauf von Gebären und Sterben, von Anfang und Verfall. Sollte die Venus Mut machen, gar anmachen, für die lebensgefährliche, aber so notwendige Geburt? Oder war es Anschauung für die werdende Mutter? Die Hege des Nachwuchses war entscheidend, erreichten doch wenige Kinder das Erwachsenenalter. Als Lehrmaterial konzipiert würde dies früh schon unsere naturwissenschaftliche Dimension zeigen. Jedenfalls zeigt sie, dass wir immer auf das Natürliche angewiesen sind.
Kaum später schnitzte im benachbarten Lonetal wieder jemand. Jetzt wurde es ein Löwenmann, ein Mischwesen aus Mensch und Löwe. Schnitzte eine Frau, schnitzte ein Mann? Die Figuren sprechen eine klare Sprache: Der Venus wurde das Gebären zugewiesen, im Löwenmann kam etwas gänzlich Neues ins Spiel. Mann und Löwe, beides aus der Erfahrungswelt, beides dominant, öffneten als Zwitterwesen eine zweite Ebene: Mit Fantasie wurde aus Erfahrenem eine lenkende Männerüberhöhung zusammengesetzt. Wollte der Schamane sich selbst verstärken? Brauchte er den Löwenmann für seine Beschwörungen? Sollte der Löwenmann eine Absicht transportieren, den männlichen Willen nämlich, die Gruppe zu beeinflussen? Wollte der Schnitzer die Gruppe zusammenhalten, wollte er lenken? Jedenfalls zeigt sich hier erstmals unsere sozio-kulturelle Dimension. | 12388
In den Albhöhlen fanden sich aber auch Flöten. War es die Lust an Musik, am Schönen, an gemeinsamer Freude? Die harschen Lebensbedingungen dieser Menschen der Anfangszeit zwangen zum Zusammenhalt. Diese verschiedenen Werke waren Startzeichen einer neuen Phase: Menschen in Europa begannen, den Naturprozess durch ihre Kultur zu erweitern. Wir öffneten uns eine dritte, unsere kreativ-erbauende Dimension.
Geistiges und technisches Können des neuen Menschen waren parallel gewachsen. Ein Quantensprung! Klopften nebenan doch die letzten Neandertaler noch an Faustkeilen und Schabern.
Der beschriebene, sehr persönlich ausgewählte Erkenntnissweg der Altkundler, durchlaufen in nur einem Menschenleben, zeigt mit dieser ersten Menschheitkunst überdeutlich unseren rasanten Erkenntnissprung: Wir erarbeiteten uns nachprüfbares Wissen, das uns heute zu Schädigern macht, uns gleichzeitig aber befähigt dies zu vermeiden. Mit sozio-kulturell zerstückelten Staaten, die gemeinsame Korrekturen unseres Fehlverhaltens behindern. Und mit einer Erbauungsästhetik, die Gefahr läuft, uns abzulenken. Haben wir noch die Kraft, all dies wieder zu unserem win-win zusammenzuführen?
Sexualität/naturwissenschaftlich (Venus), Lenkung/sozio-kulturell (Löwenmann) und Zerstreuung/kreativ-erbauend (Flöten) wurden zu den Merkmalen menschlicher Kultur. Zu unserem zentralen Entwicklungstreiber aber wurde die Lenkung, die das Gefühl nutzte und so Ordnung erzwang. Symbol war der Löwenmann, dieser Mut- und gleichzeitig Angstmacher. Die daran geknüpften Geschichten sollten hoffen lassen und Angst machen, zum Zusammenhalt drängen. Sie wurden zur Anweisung, wie zu handeln sei. Und mit dem Erleben von Lenkerfolg aber begann auch die Absicht, ja Verführung, begannen Lüge und Betrug. Überall verstreut in der Welt schufen sich die Menschengruppen immer mehr solcher unterschiedlichster Motivatoren, Manipulatoren und Verführer. Sie nutzten unsere Gefühle, gaben Hoffnung mit ihren fantastischen Erzählungen vom Woher und Warum. Alle Kulte vom Verursachenden wurzeln hier. Wir begannen, Gefühle zu aktivieren, kreativ zu sein. Es war unsere evolutionäre Antwort auf den zufälligen Prozess der natürlichen Auslese. Diese zielenden Geschichten aber brachten uns letztlich Ordnung, motivierten zum Gemeinsinn, machten uns zum kulturellen Menschen. Erfundene Erzählung als unser großer Antreiber! Vor rund vierzigtausend Jahren emotionalisierten und lenkten diese einfachen Geschichten von Dämonen gerade mal Zehntausende, die in lokal verstreuten Sippengruppen lebten. Genau diese aber trieben unsere steile Karriere. | 43334
Eine sich entwickelnde Art schickte sich an, die Welt zu erobern. Ihre Mythen, Kulte und das, was wir später Religionen nannten, waren der Motor überall in der Welt. Und überall waren es andere, den unterschiedlichen Lebensbedingungen angepasste Lenkungsideen. Wir entwickelten uns jetzt nicht mehr nur zufällig, sondern durch die Absicht hinter den Glaubensgeschichten systematisch getriggert. Als Teil der gesamten Natur, die nichts anderes ist als ein wucherndes Prinzip, Evolution eben. Aus nichts entwickelt sich alles Leben, in dem das Neue das Alte verbraucht und dabei mehr und komplexer wird. Aber immer begrenzt durch das im Weltganzen gerade mögliche. Charles Darwin hat uns dies erstmals erklärt. Wie unvorstellbar schnell veränderten wir Menschen uns, unsere Umwelt und die Natur, heute tun wir das gar explosionsartig beschleunigt. Um uns und unsere Zeitvorstellungen zu relativieren oder einzuschätzen, kann uns die Gesamtschau, das unendlich lange Erdgeschehen helfen. Es ist ein Spiel mit großen Zahlen, kaum vorstellbaren Zeitdimensionen. Verstehen wir dann, wie rasant unser heutiges Handeln schädigt? | 56
Aus einer Energiedichte explodierte wahrscheinlich in einem big bang ein Massensturm. Er dehnt sich seit knapp 14 Milliarden Jahren unendlich langsam wachsend aus. Zu einem Weltall, dessen Weite wir gerade mal erahnen können. Vor über 4,5 Milliarden Jahren musste die Kernfusion der Sonne erst so richtig zünden. Da erst konnte die Erde Form und Drehung finden. Sie klumpte zusammen. Von außen trafen Geschosse auf unsere Erde. Eines davon riss den Mondklumpen aus dem Erdball. Unsere Erdmasse musste ihre Kruste erst abkühlend bilden. Unzählige Vulkane spieen Gestein, entwickelten Wasserdampf und Gase. Und die Sonne schickte ihre UV-Strahlen fast ungebremst auf die bitter kalte Erde. Vor 4 Milliarden Jahren war es soweit. Zufälliger Kometenbeschuss löste wohl eine erste chemische Reaktion aus. Nur Wasser und eine einfache Atmosphäre, gebildet aus Methan, Ammoniak und Wasserdampf, gab es. Eine elektrische Ladung kann darin die ersten Aminosäuren gezündet haben: Den nukleus oder Kern allen irdischen Lebens. Vor 3,5 Milliarden Jahren finden wir die ersten fadenförmigen Cyanobakterien oder Blaualgen. Mit den ersten Stromatolithen zusammen könnten sie durch Fotosynthese den zum Leben notwendigen Sauerstoff gebildet haben. Stromatolithen finden wir noch in Australien. Es wurde durch diesen Puffer wärmer, wurde zu einem Leben ermöglichenden Klima. Und dies deckeln wir gerade mit Klimagasen. Vor etwa 3 Milliarden Jahren haben sich dann aus Biomolekülen zuerst Ribozyme gebildet, das sind aktive Kettenmoleküle. Oder sie haben sich gleich zu ersten Zellen geordnet. | 172120
Primitive Einzeller waren lange Zeit der Standard. Bis der Lebensprozess wieder eine weitere zufällige Wendung nahm: ein Zellkern fasste jetzt alles Erbmaterial zusammen. Über 500 Millionen Jahre alte Gesteinsproben aus Wengan in der Provinz Guizhou/China zeigen erste winzige Embryonen als Vorläufer heutigen Lebens. Von da an bestimmte Wasser über das Leben. Wasser gab’s in flachen Lagunen oder im Meer. Die Meere der Urzeit waren warm, möglicherweise um 40 ºC. Die Landmassen verteilten sich auf wenige Kontinente wie Gondwana. In den Urmeeren entwickelte sich die Reichhaltigkeit. Weichtiere, dann Schnecken, Kopffüßler und Tintenfische, erste kieferlose Fische, Seesterne, Seeigel und Korallen. Dann kam vor etwa 450 Millionen Jahren das Eis und der Meeresspiegel sank um 50 Meter. Ein Massensterben war die Folge. | 35
Im Silur und Devon, zwei Erdzeiten vor 450 bis 350 Millionen Jahren, formte sich Euramerika und wurde langsam grün. Mit den beweglichen Kiefern der Fische begann die Fresspyramide. Gegen Ende des Devon stiegen die Quastenflosser an Land. Im Erdzeitalter Perm bis vor 250 Millionen Jahren verschmolzen alle zuvor getrennten Kontinente wieder zu Pangäa. Später brach dieser im Bereich des Mittelmeeres wieder auf. Am Ende des Perm traf wohl ein großer Meteorit die Erde. Abkühlung und Massensterben waren die Folge. Leben fand sich danach nur noch im Wasser. | 16
Dann brach vor etwa 230 Millionen Jahren die Kreidezeit, die Zeit der Dinos und der mausgroßen Säuger an. Ein Bruchstück Pangäas, das Gondwanaland, teilte sich schlussendlich vor 100 Millionen Jahren in die heutigen Südkontinente. Bis wieder mal ein Meteorit die Erde traf. Dieser Aufprall im Golf von Mexiko vor 66 Millionen Jahren machte den schon angeschlagenen Sauriern vollends den Garaus. Dieser Zufall gab anderen die Chance sich auszubreiten und aufzufächern: Kleine Säuger und Vögel. Affenartige, unsere Urahnen, gingen seit mindestens 12 Millionen Jahren aufrecht. Knochenfunde im Allgäu/Deutschland belegen das. Wir bildeten die erste Worte. Und vor ungefähr 2,5 Millionen Jahren griffen sie dann in Afrika zum ersten Stein. Ließ uns dieser erste Griff vor 150.000 Jahren wirklich zum homo sapiens, zum modernen Menschen werden? Die DNS, der Doppelhelix der Geninformation, beweist diesen Entstehungsweg. | 181922
Leben auf der Erde existiert nur in 12 % der Zeit, in der es die Erde gibt. Um aufrecht zu gehen brauchten wir nur 2,5 % der Zeit, in welcher es Leben gibt. Um dann zum modernen Menschen zu werden vergingen nur noch 1,2 % unserer aufrecht verbrachten Zeit. Symbolfiguren kannten diese schon nach 3 Tausendstel ihrer aufrecht gegangenen Zeit. Es waren wenige zehntausend Menschen. Das jesusphone, verulkender Spitzname des ersten smartphones, krempelt unser Leben seit wenigen Jahren völlig um. Es machte es global-medial, unser privates Leben genauso wie das öffentliche. Und das seit nicht einmal einer Generation. Das ist das kaum vorstellbare 0,4 Tausendstel der Zeit, seit der uns die Märchen von den Überwesen lenken. Diese irrwitzige Geschwindigkeit können wir kaum mehr verarbeiten. Denken wir jetzt fast 8 Milliarden immer enger Verwobenen doch immer noch höchstens in Generationen. Ebenso rasend verbrauchen wir aber auch die Gesamtnatur, heizen der Welt kräftig ein. Warnt uns die Dramatik unseres Werdegangs, wie dringend wir umsteuern sollten?
Wir, die wir uns weise Menschen nennen, entwickelten parallel zum zufällig angeregten Naturwachstum ein weiteres, ein systematisches Wachsen: Den Kosmos der Gedanken und Ideen. Er ist Produkt unseres Verstands, der seinerseits Produkt des Naturprozesses ist. Einmal angeregt, entwickelte er sich ebenfalls systematisch. Doch auch Tiere haben Verstand, je Entwicklungsstand unterschiedlich. Auch sie sammeln Erfahrung. Auch sie speichern beispielsweise Hörmuster, Geruchsmuster oder Flugbilder ihrer Beute und Feinde. Auch sie entwickeln Fluchtstrategien. Auch sie wissen um ihre Ernährungsquellen, geben dies an Nachkommen weiter. Auch sie nutzen sogar Werkzeuge. Menschen sind da nicht einzigartig. Auch ihr Verstand ist quasi Teil der natürlichen Evolution. Zuerst war wenig. Irgendwann war die Zeit reif und Natur begann. Möglicherweise mit dem ersten Aufrichten der Affenartigen, aber sicher mit dem Benutzen des ersten Steins vor nur etwa 2,5 Millionen Jahren begann unsere Entwicklungshilfe Verstand. Wir begannen jetzt, anders als alle anderen Wesen, über die Natur hinweg zu sehen. Irgendwann hatte unser Verstand zufällig eine Idee, machte den entscheidenden Sprung. Eine Idee gebar die nächste, Zusammenhänge bauten auf Einfachem auf. Denkstrukturen entstanden, immer wieder, zufällig und oft sprunghaft. Einmal gedacht, ermöglichten sie gezieltes Handeln. Kommunizierende Menschengruppen trugen die Gedankenwelt weiter. Und mit weiterentwickelten, ausgereifter werdenden Ideen wuchs und wächst auch heute unser Potential, die Qualität unseres Verstands. Die Änderungsgeschwindigkeit geistiger Kraft wächst exponentiell, ist längst größer als der Reproduktionszyklus des Menschen. Das wären heute etwa 30 Jahre. Ideenzyklen messen wir jetzt nur noch in Jahren. Doch längst haben wir unsere bleibende Gebundenheit im Naturprozess längst aus den Augen verloren.
Mit der Idee des geschnitzten Löwenmanns begann der lange Weg unserer emotionalisierenden, aufbauenden, aber auch lenkenden Erzählungen. Diese, dem Kulturfortschritt jeweils angepassten Lenkmärchen, bestimmen Einige heute immer noch. Dieser dominierende Kulturstrang wurde als erster von dreien zur Machtkultur und zum Gewinnstreben weiterentwickelt. Wir steuern unser Handeln mit den so gewachsenen Mechanismen. Und in seiner Besitzorientierung entscheidet er auch heute über unser weiteres Schicksal mit Klima und Natur. Mit dem Schnitzen begannen wir gleichzeitig einen zweiten, einen uns ebenfalls emotional motivierenden Kulturstrang. Flötentöne drückten schon früh Gefühle aus. Ton, Bild, Form und Körper als Ausdrucksmittel wurden kreativ. Fantasie suchte sich dafür immer mehr Formen, immer neu, wurde immer virtuoser. Diese Kreativen wollten anregen, begeistern, aber auch beeinflussen. Und wir beobachteten uns und unseren Entwicklungsgang rational und auf vielfältige Weise. Dieses Wissen half, uns selbst ein wenig zu verstehen. Der dritte Kulturstrang begann, als wir das Feuer nutzten. Er verstärkte unser materielles Handeln, unser Erkennen der Wirklichkeit. Als wir die Kraftmaschine erfanden, verstärkte sich unser Handlungspotential erheblich. Zuerst trieben Muskeln an, dann Wasser und Wind. Feuerkraft machte Maschinen dann zum Motor der Wirtschaft. Wir lernten auch, mit Drehen elektrische Spannung aufzubauen. Mit diesem elektrischen Strom konnten wir Kraft durch Metalldrähte an jeden Ort leiten. Kraft war jetzt überall. Und als wir dann elektrische Minischalter miteinander kombinierten, entstand ein völlig neues Universum, das des Digitalen. Dies verändert unseren Umgang, erleichtert unser Leben, ermöglichte Besitz. Wird dieser gefeierte Siegeszug über die Naturbegrenzungen zum vermeintlichen Sieg, zu unserer Zukunftshypothek?
Mit der Kultur insgesamt kam etwas in Gang, das unsere Evolution beschleunigte und uns weitertrieb. Wir sollten diesen Treibsatz verstehen, insbesondere die Kultur der Anleitung, die Kultur der Macht und die Kultur des Besitzes. Wir tun gut daran dies zu bedenken, wenn wir unsere Schädigungen an Klima und Natur korrigieren wollen. Wohl wurden sich die Einen immer mehr bewusst, beobachteten, erkannten und wiesen nach. Dies entwickelte uns rational. Doch von Anfang an nutzten Andere selektiv Wahrgenommenes für ihre Ziele. Es waren fantastische, träumend verwobene oder bewusst verbogene Erzählungen, die auf unser Gefühl zielten. Schon der Löwenmann zeigt, nicht nur Fantasieren und Schnitzen wollte gelernt sein. Genauso wichtig war es zu erkennen, dass wir einerseits tatsächlich Ordnung brauchen und andererseits lenkbar sind. Ordnung kann idealerweise rational, übereinstimmend und gleichberechtigt entwickelt werden. Ordnung kann aber auch, wie der Löwenmann zeigt, durch emotionale Verstärker, durch Angstmacher erzwungen werden. Denn gezielt ausgeformte Fantasie kann unseren Gefühlen als neue Wahrheit aufgedrängt werden, sie kann lenken, uns aber auch zur gefügigen Masse machen. Einfach etwas zu behaupten, für Ziele zu lügen und zu betrügen, wirkt. Ein Fantasieraum als freie Spielwiese für Verführer, als unser großer Antreiber! Die Geschichten erzählenden Lenker aber, ganz nebenbei bemerkt, definierten für sich Sonderregeln. Sie folgten eigenem Machtinteresse. Mit diesem Vorteil gewann auch das Männliche, das Starke, das Aggressive, die Gewalt. Ein Prozess kam in Gang, machte uns erfolgreich: Wir vermehrten uns. Hören wir ähnliche fakes nicht noch heute, nennen sie jetzt alternative Fakten? Steht also über allem die Frage: Heiligt der Zweck die Mittel?
Die Abhängigkeit vom Gefühl war sicher auch schon in unserer Natur angelegt. Menschen mussten, um zu überleben, ihre Gruppe voranbringen, sie zusammenführen. Dieses Warum und das Woher unserer Existenz, das später beispielsweise zur Gott-Idee führte, beschäftigte viele. Zuerst waren es Landschaften in denen man sich zurechtfinden musste. Überhöhende, die Gefühle aktivierende Geschichten rankten sich also um Landmarken. Dann wurden Sonne, Mond und Sterne zu den großen Machern des Jahreszyklus. Wobei Sonne und Mond ja tatsächlich als bewegte Massen unseren Jahresrhythmus prägen. Später, als Menschen pflanzten und seßhaft wurden, wohnte der Anführer, der Priesterfürst und später der Stadtkönig nahe bei den alles bestimmenden Göttern. Es waren die frühen Stadtvölker von Sumer bis zu den Hethitern. Im Zikkurat, dem Himmelshügel, wusste sich die Stadt in göttlichem Schutz. Wurde der aber entehrt oder zerstört, war die Stadt von allen Göttern verlassen. Die Ordnung war nachhaltig gestört. Genauer: die privilegierte Führung war gefährdet. Spätere machtsichernde Ordnungen sind auf den frühen Tontafeln des Codex Ur-Nammu und der Gesetzstele eines Königs Hammurapi überliefert. Der Götterberg der Ägypter dagegen, die Pyramiden der Pharaos, waren Demonstrationen von ewiger Macht, Egoismus über den Tod hinaus. Später wollte ein Pharao Echnaton nicht nur Anführer, er wollte Gott sein. Die Macht selbst nannte sich Gott, beanspruchte Wahrheit und Besitz gleichzeitig. Sie nutzte die bange Frage nach unserem Existenzgrund aus. | 1112
Wir verfolgen diesen vorderasiatischen Kulturstrang exemplarisch, da er zum Exportschlager für die halbe Welt wurde. Wohl wissend, dass dabei auch viel Blut floss. Wir wissen aber auch, dass Menschen in allen Erdteilen ganz unabhängig voneinander für die Fragen, die der Evolutionszufall aufwarf, naturgemäß ganz unterschiedliche Antworten, ganz unterschiedliche Geschichten fanden. Der wesentliche Grund für unsere Welt der Gegensätze.
Überliefert ist da die Geschichte vom Gilgamesch. Zugleich verführender Held und halbgöttlicher Stadtkönig, ein Sinnbild der Macht. Die Saga ist didaktisch, also belehrend, spannend, dramaturgisch wie ein Bühnenstück. Sie ist aber auch lenkend: so etwa mit der Idee von der großen Flut oder dem Arche-Noah-Prinzip. Diese Idee, wahrscheinlich aus gemachten Erfahrungen überhöht, wird als Zuckerbrot und Peitsche zum Prototyp oder Vorbild überweltlicher (Ver)führung. Denn Regelbrecher werden von einer Flut weggespült und Regelbefolger in einer Arche gerettet. Ein Engel nämlich flüstert den Guten den Rettungsweg zu. Engel als dramaturgische Regieassistenten, mal Boten, mal Handlanger einer Allmacht. Fantasie, je nach Bedarf mit männlicher oder weiblicher Anmutung, mit oder ohne Flügel. Später werden sie zu volksnahen, barocken, nackten Knäblein für gewisse Neigungen.
Semitische Stämme mäanderten schon seit 7.000 Jahren lange durch Mesopotamien, damals ein fruchtbares und attraktives Entwicklungsumfeld. Sie sogen dortige Kultur auf, transformierten sie, brachten sie auf den neuesten Stand, perfektionierten die lenkenden Erzählungen. Ihr schon viel raffinierteres Lenkmodell Gott schuf in 6 Tagen Himmel, Erde, Flora, Fauna und die Menschen. Am Tag 7 schlief er sich aus (1 Mose 1). Das sah Charles Darwin dann später ganz anders. Jüdische Fantasie nutzte auch die große Flut des Gilgamesch und baute sie zur Sündenflut aus, mitsamt der rettenden Arche. Fast sprichwörtlich wurden gar die von besagtem Gott in Stein gemeißelten 10 Gebote: Hammurapis nachempfundene Gesetzstele. Eine erfundene, veritable Ordnung, als göttliche Wahrheit verpackt. Die Juden erfanden auch das Gottesvolk, kultisch begründete Herrschaft. Hinzu kam die Idee vom gelobten Land. Grundbesitz fürs Volk Israel, göttlich absolut versprochen. Mit dem Recht, anderen Land wegzunehmen. All das machte sie zu entscheidenden Stichwortgebern, ihre Lenkgeschichten bekamen eine zentrale kulturelle Bedeutung bis ins Heute. Doch ihr elitäres Gottesvolk wurde zur ausgrenzenden Metapher, zu ihrem Verfallsdatum. Als dann ihr Königtum verfiel, ersehnten sie sich einen kommenden Messias, einen Gesalbten, einen ewigen jüdischen König. Alle Hoffnung zerstob. Eine kleine Gruppe, durch ihre Ordnungsidee gewachsen und zusammengehalten, zerstreute sich in die Welt.
Schon vor 2.500 Jahren aber dachten erste Philosophen konsequent und rational. Diese Griechen entzauberten erstmals die Mythen, Kulte und Religionen als fake. Sie stellten klar, dass die Idee Gott nur einer Erzählung diente, die unsere Fragen nach der Ursache, nach dem Ursprung personifizierte, zu etwas Menschlichem, zu etwas Vorstellbarem machte. Parallel zur Verführung durch solche Glaubensfantasien versuchten sich immer wieder philosophische Denkschulen. Sie regten zur rationalen Sinnsuche und Ordnungsfindung an. Sie erkannten, dass demokratia, also die sich selbst bestimmenden Menschen, von erfundenen Götterordnungen befreien müssen. Selbstbewusst leben heißt, für sich zu entscheiden. Noch aber war unser Wissen lückenhaft.
Vor 2.000 Jahren wurde Jerusalem zerstört, die dortige Theokratie oder Priesterherrschaft beendet und die Juden zerstreut. In diesen Wirren klammerten sich einige an ihre alte Messiasidee, an die Hoffnung auf einen neuen König. Und sie wollten eine neue Ordnung. Dies provozierte. Ein Sektenanführer wurde hingerichtet. Die Sekte floh daraufhin in eine Phantasiewelt. Zu ihrem genialen Vordenker, machte sich der griechische Intellektuelle Paulus. Er erweiterte die jüdische Gottidee, also den bereits erfundenen Schöpfergott um eine neue, eine menschlichere: Er mischte den alten Gott mit einem Menschen. Er inspirierte Autoren, aus dem Schicksal des getöteten Sektenführers Jesus eine neue Heilsgeschichte zu entwickeln. Der plot begann so: Einer der gern genutzten Engel verkündet einer Maria, dass sie Gnade bei Gott gefunden habe. Diese hätt’ sich dreingeschickt. Welch eine Männerfantasie! Die Geburt wurde zum gefühlvollen opening! Dann ein kurzes Wanderpredigerleben und einen Gewalttod als Start für eine neue Gottheit. Diesen musste ein weiterer Engel verkünden: der Sektenführer wäre von den Toten auferstanden. Drei von Paulus Ideen waren für den Religionserfolg entscheidend. Das friedfertige wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar. Der emotionalisierende Gewalttod, archaischen Blutopfern nachempfunden. Und die Pfingstaufforderung an jeden, die Welt zu missionieren. Ein neues, auf Expansion ausgelegtes Führungsmodell, ethniefrei, weltoffen, emphatisch. | 2329
Auch hier wird klar, was Entwicklung ausmacht: Klug die Strömungen und Notwendigkeiten fortgeschrittenen Bedarfs aufnehmen, zusammenführen, selbst wenn die Mittel zweifelhaft sind, und nicht im Überholten stecken bleiben. Damit gewannen die Jesusanhänger den Kulturwettstreit. Die Judenlehre dagegen, spiritus rector oder geistige Anstifterin unserer heute noch anführenden Kultur, hatte dauerhaft verloren. Als kleine Religionsethnie verstand sie es dennoch dauerhaft, mit den jeweiligen Entwicklungsführern mitzuwachsen. Dabei zu sein, aber in anderem Glauben zusammenzuhalten, wurde zur bleibenden Bürde. Es bedeutete, immer wieder dumpfem Abwehrwahn durch Andersgläubige ausgesetzt zu sein.
Mit seinem modernen Ansatz zielte Paulus auf die angesagte römische Weltmacht. Nach aufopfernd durchlittenen 300 Jahren wurde die zwar leidvolle, aber eigentlich friedfertig motivierende Idee zur verpflichtenden Staatsreligion im römisch-kaiserlichen Konstantinopel. Religion und Überwelt wurden wieder Machtbegründung. Die römische Macht eroberte Germanien, Missionare bekehrten Irland und Spanien, auch den Osten bis Afghanistan, ja sogar bis Indien. Nachdem ganz Europa glaubte, aber auch unter christlichen Herrschern ächzte, lockte Übersee. Es war ein unerbittlicher Religionskampf, emotionalisiert mit dem Tod ihrer Menschengott-Idee. Man glaubte durch das Schwert. Durch ein Schwert, das mit glaubender Kraft verblendet zuschlug. Andererseits war die Jesusgeschichte stark genug, bei den Zwangsbekehrten dennoch Hoffnung zu stiften. Europas Führer von Gottes Gnaden beherrschten bald die halbe Welt, nahmen deren Ressourcen. Sind das sich erwärmende Klima und die verkümmernde Natur etwa religionskulturelle Spätfolgen?
Letzter Religionsdesigner dieser Götterfamilie mit Einfluss war der Karawanenhändler Mohammed vor rund 1.400 Jahren. Ein Egomane, ein streng ordnender Dominanter. Wieder musste ein Märchenengel ran, ihm Gottes Willen einzuflüstern. Damit verkaufte er seinen Ordnungswillen, sein Ordnungsgedicht Koran. Tatsächlich stammten Teile seines Engelsgeflüsters aus einem qeryān, einer liturgischen Anleitung der paulinischen Lehre. Er taufte klugerweise den Judengott JHWH in Allah um. Mohammed wollte restriktiv ordnen, wollte Anführer sein. Er regelte streng, detailliert, männerdominant, frauenfeindlich, führungsfixiert, abgrenzend: und tötet sie, wo immer ihr auf sie stoßt. Aber auch: ein Knabe hat soviel Anteil wie zwei Mädchen. Seine negativ zwängende Kampflehre, sein Ordnungsdiktat, verlor im geschichtlichen Führungskampf. Die paulinische Hoffnungsidee dagegen entwickelte sich in letzter Konsequenz zum heutigen Weltstandard. | 242528
Unter anderen steuerte auch Asien Übermänner bei, etwa einen Schöpfer Brahma oder einen begierdelosen Prinzen Gautama. Letzterer wurde ähnlich dem paulinischen Jesus in eine Überwelt transferiert. In eine ideelle Männerüberwelt, die im auseinander triftenden Energie-Masse-Geschehen des Alls nicht existiert. Oder wäre eine Naturmutter Demeter als zeitgemäßer Sarkasmus besser?
Wahrscheinlicher Urknall und tatsächliche Evolution waren für unsere ahnungslosen Urahnen nur ihr verunsichertes Woher und Warum. Damals waren es noch wenige Menschen und getrennt voneinander lebend. Hoffnungserzählungen hat daher jede Ethnie eigenständig entwickelt, jede naturgemäß andere. Eine Erzählung folgte der anderen, eine Religionssekte folgte der anderen, auch das ein Entwicklungsprozess. Mit wachsender Bevölkerung, vermehrten Kontakten und neuen Bedürfnissen entstanden daraus verschiedene Leitordnungen, die sich bereichsweise zu Kulturen konzentrierten. Unser ganzer Kulturreigen basiert auf Ordnungen von Erzählern. Immer noch prallen diese Kulturen in unserer global gewordenen Welt unversöhnlich aufeinander, denn sie basieren auf konträren Ideen, auf unverhandelbarer Fiktion, nicht auf Wirklichkeitswissen. Selbst heutige Religionslehrer verweigern sich Wirklichkeitswissen. Oder tun sie das nur um das unbestreitbar Soziale dieser Überweltordnungen zu erhalten? Noch haben wir nicht begriffen, dass unsere vielen unterschiedlichen Ordnungen und ethischen Grundsätze nur genau einer Naturwirklichkeit gegenüber stehen. Kann das eine globale, jetzt aber nur noch auf nachprüfbarem Wissen aufbauende Gesamtordnung der Milliarden leisten?
Angst vor der fatal unabänderlichen Wirklichkeit ist der Preis dafür, dass wir denken lernten. Lange galt die Angst unserer Lebenswirklichkeit, dann der Wirklichkeit der Welt und heute der Wirklichkeit eines nie erfassbaren Universums. Clevere nutzten diese Angst aus, erfanden Dämone, Götter, Gott, Allah, das Nirvana, mäanderten weiter und formulieren heute noch Mythen, von der Nation oder von dunklen Verschwörungen. Überaus erfolgreich entwickelten sie das Phantasma menschlicher Einzigartigkeit. Ein schützender Fantasieraum, bevölkert mit uns nachempfundenen Handlungsfiguren. Beinahe anfassbar, reduziert aufs menschlich Eingeübte, ließen diese uns hoffen, aber auch fürchten. Also glaubten sie. Alles Glauben spielt sich nur in Kopf und Gefühl ab, hat keine Realität, überdeckt die fatale Wirklichkeit. Es ist Selbstspiegelung, individuelle Pseudosinngebung, Selbstkonditionierung. Klug gelenkt kann es aber auch den Gemeinsinn stärken, kann sozial zusammenführen. Er gibt gerade dadurch Überlebenskraft. Die erfundenen Figuren, viele maßgebende waren männlich, und ihre mitwachsenden Geschichten wirkten, garantierten Einfluss über andere. Die oft poetischen Werke, gesammelte Lebensweisheit, stärkten uns, ließen uns wachsen und immer folgenschwerer handeln. Mit deren erfundenen Protagonisten wurde gehofft, ihnen gerne auch eigene Handlungsfehler zugeschoben. Es ist fast wie kassenfüllendes Kinomärchen oder streaming. Wir wissen, dass es einem raffinierten plot folgt. Als gut Erzähltes scheint uns trotzdem real. Genau genommen waren es Lügen die straften und töteten aber genauso Empathie förderten, sozial zusammenführten. Und frühere Menschen glaubten einer show wohl mehr als wir Aufgeklärten. Noch immer stellen Gaubensfixierte falsch adressierende Fragen. Etwa so lächerlich: Warum lässt Allah zu, dass sich Frauen von Mohammeds Schleier befreien? Oder so tragisch: warum ließ Gott die shoah zu, das deutsche Verbrechen?
Alles zielte auf die Königsidee: Solitär wie der Löwenmann, stark wie Gilgamesch, herrlich wie der semitische Gott, aufopfernd wie der paulinische Menschensohn Jesus oder unerbittlich wie Mohammeds Allah. Die jüdische Idee vom Gottkönig und seinem Gottesvolk gipfelte in kultisch begründeter Herrschaft. Kombiniert mit dem gelobten Land wurde dies zur Landnahme durch starke Völker. Ordnungsgewalt über Volk und Land. Da lebten gerade mal höchstens 500 Millionen Menschen auf der Erde. Es wurde eine lange Phase der Ordnungsfindung mit einer variantenreichen Vielfalt an Kulterzählungen rund um die Welt. Kulte und ihre Fantasien waren teamwork der Männer. Sie kopierten, was zuvor schon erfolgreich war und dichteten daran weiter. Dies brauchte Zeit. Anfangs waren es Jahrtausende, auch noch bei den Juden. Die Jesusidee entwarf ein Paulus und seine Schreiber innerhalb weniger Jahrzehnte. Der kopierende Machtmensch Mohammed schaffte es im Alleingang. All die vielen Glaubenslehren unserer Welt sind Fantasiekaskaden. Die sumerisch-semitisch-paulinische Geschichtengattung, von weißen Männern erdacht, war die erfolgreichste. Die sich so ordnenden und zusammengehaltenen Völker entwickelten sich vorrangig. Waren deren Götterlehre, ihr Glaubenskampf und Wahrheits-Krieg, unser erfolgreichster Entwicklungsanreiz? Wieviele haben glaubend gehofft, wieviele haben einander glaubend geholfen, wieviele damit elitär gelebt, wieviele verblendet gekämpft, wieviele mussten dafür sterben? Warum folgten wir diesen nur zwischen zwei Buchdeckeln existierenden Überwelten, folgten den damit begründeten Ordnungen? | 48
Wir begannen als homo fabula, als immer auf Fabeln und Erzählungen Angewiesene, und konnten so unser Heute gewinnen. Wir fabulieren heute immer noch: Vom Anführer, vom Nationalen, vom erstrebenswerten Besitz, vom sich erfolgreich durchsetzenden Wirtschaften und seinem Antrieb zu Innovationen, von der alles könnenden Technik und deren vielfältigen Überwachungs- und Steuerungsmöglichkeiten. Nur wenige widersprechen den neuen Erzählungen von einer grenzenlosen technologischen Zukunft. Der Teil der Wissenschaft, der allein die Technik als Allheilmittel favorisiert, vernachlässigt seinen eigenen Anspruch auf neutrales Infrage stellen, auf Messen und Nachweisen. Er sieht seine eigene Schädigungen nicht. Zu stark ist unser geldgetriebener Rausch, unsere heute alle und alles beherrschende Geldkultur. Diese Erzählung vom immerwährenden Wohlstand und von dessen Machbarkeit verdeckt die Tatsache, dass unsere exzessive und überbordende Weltnutzung ihr Ende findet. Sicher können uns Gefühle helfen, die Folgen unserer Aufheizung und Naturzerstörung eine zeitlang leichter zu ertragen. Aber die jetzt notwendigen Handlungskorrekturen, nachhaltig und vielleicht auch einschneidend, brauchen unsere ganze rationale Vernunft. Wir müssen endlich zum homo sapiens, zu wirklich denkenden Menschen werden. Nicht mehr die Krönung einer nachweislich erfundenen Schöpfung, sondern ein fehlerbehaftetes Ergebnis des Entwicklungszufalls. Können wir endlich dem double
