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Das Leib-Seele-Problem ist eines der größten Rätsel der Philosophie und Naturwissenschaft. Es ist bisher völlig unklar, wie das menschliche Gehirn subjektive Erlebnisgehalte hervorbringen kann. Weder dualistische Ansätze noch der vorherrschende materielle/physische Monismus fanden bisher eine Lösung. Die Alternative könnte in einer Umkehrung des Monismus liegen: Nicht das Materielle, sondern das Mentale ist das eigentlich Seiende. Da Geist offensichtlich in Vielheit vorliegt, kann es zu Wirkungen kommen. Diese Relationen bilden dann in der Summe das, was wir als Materie wahrnehmen. Materie stellt Information dar, aus der das Mentale wiederum ganzheitlich symbolisieren kann. In der kosmologischen Entwicklung baut sich der subjektive Geist so unbewusst eine „informelle Leiter“ aus objekthaften Strukturen, welche ihm den Aufstieg zu komplexeren Einheiten, bis hin zum Bewusstsein, ermöglicht. Wir Menschen sind der gelungene Aufstieg des Geistes mithilfe der Materie. Durch das Gehirn gelingt uns eine sehr komplexe Form ganzheitlicher Symbolisierung, subjektive Qualia, welche unsere „Seele“ formen. Aus diesem Prozess entsteht unsere duale Erfahrung von Geist und Leib. Das einfache Prinzip bildet eine Trias aus Einheit, Differenz und differenzierte Einheit: Das einzige ontologische Sein ist Geist. In der Vielheit des Geistes kommt es zu Wirkungen, welche die Materie bilden. Materie wiederum kann die Vielheit des Geistes zu einer „Proto-Seele“ zusammenführen. Für den Menschen gilt: Unser Geist vereint sich durch den Leib zur Seele. Die Theorie lässt sich auf den gesamten Weltprozess anwenden und widerspricht weder der Quantenphysik, noch der Kosmologie oder der Evolution und lässt sogar manches verständlicher erscheinen: Die Phänomene von Raum, Zeit und Materie/Energie werden plausibel dargestellt. Die Verbindung von Quantenphysik und Allgemeiner Relativitätstheorie gelingt über den Welle-Teilchen-Dualismus. „Dunkle Materie“ wird nicht benötigt, weil bei großen Skalen die Gravitationskonstante variiert. Der Zusammenhang von Geist und Materie zeigt sich als Substanz und Wirkung. Der Prozess der Evolution wird durch „Beseelung“ beschleunigt. Die menschliche Seele erzeugt aus den neuronalen Informationsmustern ganzheitliche Symbolisierungen, die sogenannten Qualia als subjektive Erlebnisgehalte. Bewusstsein entsteht durch einen Differenzierungsprozess in der Subjekt-Objekt-Wahrnehmung. Bewusstsein und Freiheit sind identisch.
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Seitenzahl: 173
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Ein monistisches Weltprinzip
Ausgehend von unseren Naturerfahrungen,
insbesondere dem Leib-Seele-Problem,
wird ein triadisches Grundprinzip erstellt:
Geist bildet die ontologische Substanz in Vielheit,
welche die Materie „erwirkt“,
wodurch vielfacher Geist zur „Seele“ vereint wird.
Dies wird anschließend mit den Konzepten
der Quantenphysik,
der Allgemeinen und Speziellen Relativitätstheorie,
der Evolution und Hirnforschung verknüpft.
Hinweis für eBook-Leser:
Wegen detaillierter Grafiken ist eine kleinere Schriftgröße vorteilhaft.
Der Grund der Welt
1 Unsere Natur-Erfahrungen
1.1 Was ist Materie?
1.2 Geist gehört zur „Natur“ des Menschen
1.3 Der Mensch als erkennendes Wesen
1.4 Der Zusammenhang von Geist und Materie
1.5 Die Potenzialität des Geistes
1.6 Die Vielheit des Geistes
1.7 Die Schöpfermacht des Menschen
2 Systematik der Theorie
2.1 Der Mensch, Schlüssel zum Verständnis
2.2 Geist – Substanz der Realität?
2.3 Das Grundprinzip
2.3.1 Potenzialität von Geist und „Raum“
2.3.2 Der Geist in Vielheit
2.3.3 Die schöpferische Einheit des Geistes durch die Qualia
3 Der Aufstieg des Geistes
3.1 Systemerstellung – Definitionsphase
3.2 Systemstart – Urknall
3.3 Systementfaltung
3.4 Systementfaltung im Kleinen – Quantenphysik
3.4.1 Teilchen oder Felder?
3.4.2 Welle-Teilchen-Dualismus
3.4.3 Verschränkung
3.4.4 Der rechnende und sich selbst informierende Geist
3.5 Systementfaltung im Großen – Kosmologie
3.5.1 Die Gravitation in der allgemeinen Relativitätstheorie (ART)
3.5.2 Die Expansion des Universums
3.5.3 Spezielle Relativitätstheorie (SRT)
3.6 Systementfaltung im Komplexen – Evolution
3.6.1 Atomphysik und Chemie
3.6.2 Der Beginn des Lebens
3.6.3 Biologie
3.6.4 Das Prinzip der Evolution
3.6.5 Entstehung des Bewusstseins
3.6.6 Die leib-seelische Einheit des Menschen
3.6.7 Die Verbindung von Gehirn und Seele
3.6.8 Neuronale Daten und Qualia
3.6.9 Ein energetisches Problem
3.6.10 Die Auflösung des Bieri-Trilemmas
3.6.11 Die Freiheit des Geistes
3.6.12 Das Ende – der Tod des Menschen
4 Schlussbetrachtung
5 Anhänge
5.1 Verbindungen, Abgrenzungen
5.2 Weiterführende Themen
5.2.1 Künstliches Bewusstsein?
5.2.2 Außerirdisches Bewusstsein?
Verwendete Literatur
Was ist wirklich? Woraus besteht die Realität? Aus Materie? Aus Geist? Oder aus beidem?
Wie hängt alles zusammen? Gibt es vielleicht ein einheitliches Prinzip, für alles, für das Kleinste und für das Größte? Ist ein einfaches System denkbar, welches das reale und doch so gegensätzliche Erleben von „materiell“ und „geistig“ zusammenführt? Lässt sich die „Dualität in der Erfahrung“1 von Geist und Materie in einen Monismus überführen – den wir ja letztlich benötigen, wenn wir ein zugrunde liegendes Einheitsprinzip finden wollen?
Meine Antwort ist ein klares Ja. Es ist möglich, und zwar in einer Weise, die einerseits die Erkenntnisse der Naturwissenschaften nicht infrage stellt – ja sogar deren Diskrepanzen erklärt –, andererseits aber auch unsere subjektive Geist-Erfahrung als „real“ begreift.
Als Geisteswissenschaftler schlage ich mich dabei ganz auf die Seite des Geistes, und gehe davon aus, dass dieser das Grundlegende unserer Welt darstellt. Allerdings geht es hier nicht um Gott, sondern nur um die Welt. Es erscheint zunächst ungewöhnlich, dass ein Theologe rein naturphilosophisch argumentiert und Religion beiseite lässt. Meiner Überzeugung nach hat Gott einfachen, leeren Geist erschaffen, und diesen in eine gewisse Eigenständigkeit entlassen, damit er seinen eigenen Entwicklungsweg gehen kann. Erst in einem zweiten Buch möchte ich der Verbindung zum Schöpfer nachspüren. Hier soll es sich auf die Eigenentwicklung der Welt beschränken, deshalb also dieses zunächst auch eigenständige erste Werk.
Schon von Jugend an interessierte ich mich für Physik, Kosmologie und Evolution. In einer Phase unbekümmerter Naivität wollte ich sogar mal Astronaut werden. Nach meiner Elektrikerlehre strebte ich ein naturwissenschaftliches Studium an, wandte mich dann aber doch der Theologie zu. Die Welt des Geistes und vor allem philosophische Fragen waren für mich nicht weniger faszinierend. Vor einigen Jahren entwickelte sich aus dem angesammelten Wissen in beiden Bereichen diese vorliegende Idee eines graduellen mentalen Monismus, der die Dualität der Erfahrung von Geist und Leib integriert.
Die Theorie ist mit etwas philosophischer Neugierde gut zu verstehen, da ein einfaches, triadisches Prinzip zugrunde liegt, das sich auch mit den etablierten wissenschaftlichen Theorien verträgt:
Die ontologische Substanz der Realität ist Geist, nichts anderes.
Allerdings liegt diese in Vielheit vor, sodass es zu Wirkungen kommen kann, welche letztlich die Materie bilden.
Diese Materiestrukturen können das plurale Mentale in einem dritten Schritt vereinen und somit „Seele“ und „Bewusstsein“ ermöglichen.
Besonders verneigen möchte ich mich vor dem Jesuiten und Paläontologen Teilhard de Chardin (+1955). Meine Diplomarbeit über ihn und seinen Versuch einer Synthese von Materie und Geist haben mich sicher auch auf diese ungewöhnliche philosophische Reise geschickt.
Harald Günthner, im Dezember 2015
1 Brüntrup, Godehard: Das Leib-Seele-Problem. 2012, S. 8ff.
1.1 Was ist Materie?
„Real ist, was ich anfassen kann!“
In der Alltagserfahrung erscheint das Stoffliche als Substanz der Wirklichkeit, denn es drängt sich allen Sinnen regelrecht auf, und materielle Eigenschaften können mit unzähligen Messgeräten „objektiv“ erfasst werden. Deshalb suggeriert der allgemeine Eindruck: Materie ist wirklich!
Damit könnte sich aber auch ein klarer Zugang zum Leib-Seele-Problem eröffnen: Wenn wir meinen, dass Materie real sei, müssten wir darin auch den verborgenen Mechanismus finden, durch den der Geist aus dieser Materie hervorgeht, erzeugt wird! Wenn also das Stoffliche in seine Bestandteile zerlegt und verstanden würde, dann ließe sich auch die Frage nach dem Mentalen in irgendeiner Weise lösen!
Durch die Erforschung des Materiellen findet die moderne Physik allerdings den Geist nicht. Stattdessen stößt sie dort unten, in den elementarsten Tiefen, auf ganz außerordentliche Phänomene. Das Seltsame ist: Es findet sich keine materielle Grundsubstanz! Vielmehr dürfte Materie die Summe permanenter Wechselwirkungen zwischen unbestimmten Erscheinungen sein, deren wahres Wesen sich in Wahrscheinlichkeiten verflüchtigt.
Ein Atom besteht zu 99,9999999999999 Prozent aus gähnender materieller Leere, in welcher sich elektrische und magnetische Felder ausbreiten.2 Auch die Hand eines Physikers, die das Material berührt, besteht aus diesem Vakuum und diesen Wirkungen. Es wirkt etwas aufeinander, reagiert etwas miteinander, aber faktisch ist alles eine eigenartige Leere, aus der heraus sich etwas „tut“. Das Nichts ist irgendwie doch nicht nichts. Ich erfahre also etwas Festes, kann Dinge anfassen, festhalten, obwohl weder das Ding noch meine Hand irgendeine massive Materie sind, sondern weil in einer großen Leere Wirkungen unter bestimmten Voraussetzungen entstehen. Egal, mit welchen Bildern, Modellen ich diese Reaktionen beschreibe, zusammenfasse, es ändert nichts an der Tatsache, dass keine ontologische Substanz zu finden ist.
Wir können auch anders fragen: Woraus sollte denn eine materielle Grundsubstanz bestehen, die uns zufrieden stellen würde? Phantasieren wir einmal und stellen uns solch ein Basis-Materie-Material vor und bezeichnen wir es – weil es ja etwas ganz Neues wäre – mit einem neuen Begriff, zum Beispiel „Substantium“. Damit hätten wir endlich das feste Material, aus dem alles besteht. Aber nun möchte der neugierige Physiker doch irgendwann wissen, woraus dieses „Substantium“ aufgebaut ist, aus irgendetwas muss es ja bestehen! Was würde er finden? Eine neue Substanz, noch kleinere Materieteilchen? Ein „Sub-Substantium“? Dies wäre möglich – aber wir merken, dass wir so in eine unendliche Geschichte einsteigen. Es würde theoretisch nicht mehr aufhören. Das Spiel „Schachtel-in-der-Schachtel-in-der-Schachtel“ endet so lange nicht, bis in einer wirklich letzten Schachtel nur noch die absolute Leere zu finden ist. Entweder es gibt unendlich viele Schachteln oder es endet im Nichts. Die Quantenphysik hat gezeigt, dass uns in der Tiefe das materielle Nichts erwartet, dass aber etwas nach bestimmten Prinzipien „wirkt“. Also muss da etwas sein, denn nur nichts kann ja nichts bewirken.
Ein scheinbarer Ausweg aus dem ontologischen Dilemma wäre, statt fester Materie „Felder“ anzunehmen. Ein Feld ist verstehbar als räumlich ausgebreitete Information, das je nach Beanspruchung Wirkungen hervorbringt, die man als „Teilchen“ bezeichnen kann.
So kann ein Photon als die elementare Anregung des elektromagnetischen Feldes interpretiert werden.3 Alle Materiewirkungen könnten Anregungen von Feldern sein. Damit wäre das Feld die eigentliche ontologische Substanz, das Seiende, aus dem alles entstünde.
Woraus aber besteht das Feld, das Informationen trägt? „Feld“ bezeichnet ja nur etwas Raumgreifendes, ohne die sich ausbreitende Entität ontologisch zu klären. Die Bezeichnung ist deshalb zwar ein hilfreiches sprachliches Konstrukt, das sich aber bei der Suche nach der Grundlage der Realität als Sackgasse erweist.
Meinard Kuhlmann untermauert diese Sichtweise:
„Sowohl in der Teilchen- wie in der Feldinterpretation der Quantenphysik werden die vertrauten Begriffe ‚Teilchen‘ und ‚Feld‘ derart weit gefasst, dass sich allmählich die Meinung durchsetzt, die Welt könnte aus etwas ganz anderem bestehen.“4
Da also unklar ist, ob nun Teilchen oder Felder das Grundlegende seien, fragen Philosophen der Physik nach grundsätzlich anderen Lösungen:
„Demnach besteht die materielle Welt letztendlich aus weniger fassbaren‚Gegenständen‘ wie Relationen oder Eigenschaften. Eine besonders radikaleTheorie sagt, dass sich alles vollständig auf Strukturen reduzieren lässt – ohneirgendeinen Bezug auf Einzeldinge.“5
Kuhlmann, Physiker und Philosoph, bringt also die Idee eines Strukturenrealismus ins Spiel:
„Warum kennen wir nur die Relationen zwischen den Dingen und nicht dieDinge selbst? Die einfachste Antwort lautet: es gibt nur Relationen. […] dasklingt wie eine Heirat ohne Brautleute.“6
Ebenso hatte bereits Heisenberg verstanden, wie sehr die Quantentheorie das materielle Fundament der Welt erschüttert:
„In der Philosophie des Demokrit sind Atome ewig und unzerstörbare Einheiten der Materie, sie können sich niemals ineinander verwandeln. In Bezug auf diese Frage aber wendet sich die moderne Physik offensichtlich gegen den Materialismus des Demokrit und entscheidet sich für Plato und die Pythagoreer. Die Elementarteilchen sind sicher nicht ewige und unzerstörbare Einheiten der Materie, sie können tatsächlich ineinander umgewandelt werden. […] Die Elementarteilchen in Platos Dialog Timaios sind ja letzten Endes nicht Stoff, sondern mathematische Form. […] In der heutigen Quantentheorie können wir kaum daran zweifeln, dass die Elementarteilchen letzten Endes auch mathematische Formen sind.“7
Aus welcher ontologischen Substanz aber bestehen rein mathematische Formen?
Sprache wiederum benennt Seiendes und bezeichnet dessen Beziehungen zueinander, sie ist nicht das Seiende selbst, das sie beschreibt. Deshalb sind auch die mathematischen Formen, von denen Heisenberg spricht, nichts Existierendes an sich, sondern sie benennen dies und stellen Beziehungen verständlich dar.
Heisenberg hat, angelehnt an Immanuel Kants Begriff des „Dinges an sich“ formuliert:
„Für den Atomphysiker ist das ‚Ding an sich‘, sofern er diesen Begriffüberhaupt gebraucht, schließlich eine mathematische Struktur.“8
Mit dem mathematischen Formalismus aber hat der Physiker eben das ‚Ding an sich‘, die ontologische Substanz, gerade nicht ergriffen, sondern er beschreibt damit nur Beziehungen, Wirkungen, die sich zwischen „Dingen“ abspielen.
Der 2014 verstorbene Quantenphysiker und langjährige Begleiter Heisenbergs, Hans-Peter Dürr, bringt das mit einfachen Worten auf den Punkt:
„Wenn wir die Materie immer weiter auseinandernehmen, bleibt am Ende nichts mehr übrig, was uns an Materie erinnert. Am Schluss ist kein Stoff mehr, nur noch Form, Gestalt, Symmetrie, Beziehung. Materie ist nicht aus Materie zusammengesetzt!“9
„Es ist, als ob man sagt, am Anfang gibt es nur Software und gar keine Hardware. Eine Software, die man nicht begreifen kann, die nur eine Gestalt, aber keine Existenz im ursprünglichen Sinne des Wortes hat. Es gibt nur eine Beziehungsstruktur, es gibt keine Objekte. Die Frage, was ist und was existiert, kann nicht mehr gestellt werden.“10
Das Doppelspaltexperiment in der Quantenphysik belegt auf sehr anschauliche Weise das, was Dürr meint:
Eine Strahlenquelle sendet „Lichtteilchen“ aus. Diese gelangen an eine Blende, die mit zwei Spalten versehen ist. Ein Stück hinter der Blende befindet sich eine lichtempfindliche Platte, welche Photoneneinschläge registriert. Schießen wir solch ein „Teilchen“ nun auf diese Blende mit dem Doppelspalt, kann es entweder nur durch Spalt A oder nur durch Spalt B. Es gibt vernünftig nur eine Möglichkeit (Abb. 1).
Abb. 1: Klassisches Partikelverhalten
Es müssten sich also bei vielen Photonen mit der Zeit am Schirm zwei eindeutige Einschlagstellen zeigen, gemäß den beiden möglichen „Flugbahnen“. Der „gesunde“ Menschenverstand erwartet, dass ein Partikel aufgrund seines eng umgrenzten Ortes nicht zugleich an mehreren Orten sein kann.
Aber tatsächlich geschieht etwas anderes: Auf dem Detektorschirm zeigen sich nicht zwei klare Einschlagorte, sondern es bildet sich ein wellenartiges Intensitätsmuster ab, so als würden nicht Partikel sondern Wellenfronten an einen Strand anlaufen und miteinander interferieren, sich auslöschen oder verstärken. Wird immer nur ein Photon losgeschickt, dann zeigt sich zwar zunächst ein bestimmter Punkt am Schirm, aber je mehr Photonen eintreffen, desto deutlicher summieren sich die Punkte wieder zu einem Wellenmuster. Sie werden als „Teilchen“ ausgesandt und auch absorbiert, aber die Ausbreitung geschieht „wellenartig“. Es ist also keine eindeutige Teilchenbahn feststellbar, vielmehr breitet sich die Ortsinformation über das Teilchen „raumartig“ aus. Am Doppelspalt geht damit das Teilchen nicht durch A oder B, sondern die Wellenfunktion geht sowohl durch A als auch durch B (Abb. 2). Erst am Detektorschirm „kollabiert“ diese zur Teilchenreaktion.
Abb. 2: Quantenobjekt als Wellenfuktion
Dieses unerwartete Ergebnis findet sich bei allen Quantenobjekten, nicht nur bei Photonen. Es offenbart sich eine Doppelnatur, ein eigenartiges janusköpfiges Verhalten: In der Wechselwirkung verhalten sich die Teilchen wie klar lokalisierte Objekte im Raum, in der Ausbreitung gehen sie aber in einen unverstandenen raumartigen Modus über. Diese beiden Aspekte bilden logische Gegensätze, die einander ausschließen, sie können nicht zugleich real sein. Dennoch kann das Quantenobjekt als Ganzes nur angemessen als Teilchen und als Welle beschrieben werden.
Es ist, als könne die Wirklichkeit hinter der materiellen Erscheinung zwischen zwei Gegensätzen hin und her springen, je nachdem, was benötigt wird.
Auch im Doppelspaltexperiment zeigt sich wieder die ungelöste Substanzfrage, denn diese Wellenfunktion benötigt kein Medium. Unsere Erfahrung kennt immer Träger: Meereswellen benötigen das Wasser als Medium, Schallwellen breiten sich in Luft aus. Aber die Quantenwelle braucht offensichtlich keinen Träger im physikalischen Sinne. Die Wellenfunktion darf man sich nicht als wirkliche realistische Welle vorstellen, sondern eher als eine Art statistische Wahrscheinlichkeitsverteilung. Sie beschreibt nur die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Teilchen an einem bestimmten Ort gefunden werden kann, sobald man es nachmisst. Erst der Messvorgang selbst lässt das Quantenobjekt an einer Stelle „erscheinen“ – zwischen den Messungen kann man über den Ort und die Art der Existenz des Teilchens nichts Genaues sagen.
Der Detektorschirm beim Doppelspaltversuch ist solch eine Messeinrichtung, die eine Aufenthaltswahrscheinlichkeit zu einem realen „Teilchen“ werden lässt. Solange ein Quantenobjekt nicht gemessen wird, existiert es nicht im Raum, trotzdem trifft man es irgendwo an, sobald es mit etwas anderem wechselwirkt. Erst dieser Vorgang hat zur Folge, dass das Objekt tatsächlich real wird. Dazu schreibt Zeilinger, dass
„[…] es nur dann sinnvoll ist, von einer physikalischen Größe – eben vom Weg oder vom Interferenzbild – zu sprechen, wenn diese tatsächlich gemessen wird und die Messung des einen die Beobachtung des anderen ausschließt […] Ansonsten hat man darüber zu schweigen.“11
Diese seltsamen Phänomene machen zunächst tatsächlich sprachlos. Aber der Philosoph darf weiterdenken: Wäre es möglich, dass die Quantenobjekte, aus denen alle Materie besteht, aus einem noch unverstandenen Sein heraus erzeugt werden? Ist Materie doch nur etwas Sekundäres? Gibt es vielleicht einen tieferen Seins-Grund, aus dem sie hervorgeholt wird?
Die Wirkungen selbst bedürfen keiner besonderen Reflexion. Sie können ja gemessen werden, zum Beispiel die Ladung, der Spin, die Masse eines „Teilchens“. Es muss nur deutlich bleiben, dass der Begriff „Teilchen“ ein reiner Modellbegriff ist. Aus objektiv messbaren Erscheinungen wird fälschlicherweise auf eine Realität geschlossen, die mit dem Wort „Elementarteilchen“ bedacht wird. Die Wirklichkeit „an sich“, also die Substanz, welche die Wirkungen hervorbringt, bleibt zunächst verborgen.
Zweifellos muss ein ontologischer Träger der Messergebnisse vorhanden sein, denn es wird ja etwas registriert, und dieses „Etwas“ benötigt auch eine reale Grundlage. Nur dürfen die Wirkungen nicht mit der Trägersubstanz gleichgesetzt werden, was aber geschieht, wenn behauptet wird: ,Ein Elektron ist Masse, Spin, Ladung etc.. Korrekter wäre die Formulierung: ‚Bestimmte physikalische Reaktionen werden unter dem Begriff ‚Elektron‘ zusammengefasst‘. Unsere Alltagssprache darf uns hier nicht dazu verführen, Modelle der Wirklichkeit mit der Wirklichkeit selbst gleichzusetzen.
Das Modell „Teilchen“ scheint eher mit Relation, Struktur, Beziehung als mit ontologischer Substanz übereinzustimmen. Diese Auffassung teilt auch Thomas Görnitz:
„Die Quantenphysik charakterisiere ich als eine Physik der Beziehungen, der Beziehungen zwischen Individuen und innerhalb von Ganzheiten.“12
Die physikalische Erfahrung von Materie lässt sich nach all dem Gesagten folgendermaßen zusammenfassen:
Materie ist im Wesentlichen Relation, Beziehung, Wirkung.
Die Substanzfrage ist damit aber noch nicht geklärt.
1.2 Geist gehört zur „Natur“ des Menschen
Während der Ausarbeitung überlegte ich immer wieder, warum die Idee eines mentalen Monismus so unpopulär ist.
Wir leben in einem technisch-wissenschaftlichen Paradigma, das extrem erfolgreich viele Lebensbereiche durchdrungen hat. Quantenphysik wurde zu Technik, die Relativitätstheorie und die Evolutionstheorie lassen uns die Welt in einem Ausmaß verstehen, wovon unsere Ahnen nicht einmal träumen konnten.
Die dafür notwendige wissenschaftliche Methode braucht das prinzipiell allen zugängliche Objekt, damit jeder die Beobachtungen verifizieren oder falsifizieren kann. Somit werden exzellente Resultate erzielt, und der Erfolg gibt offensichtlich Recht. Wer wollte es verdenken, dass sich darauf Generationen eingeschworen haben.
Allerdings ist dazu anzumerken, dass noch etwas Wichtiges fehlt: Es wird so getan, als gehöre der erkennende Geist nicht zur Natur.
Die aktuelle Naturwissenschaft steckt deshalb in einem Dilemma: Entweder wird das Mentale als nicht zur Natur gehörend ignoriert, oder man betrachtet es lediglich als eine reine Funktion des Gehirns. Beides halte ich für falsch:
Das Leugnen der Realität des subjektiven Geistes ist letztlich wissenschaftliche Kapitulation vor einem offensichtlichen Phänomen der menschlichen Natur. Im Grunde handelt es sich dann um reduzierte Natur-Wissenschaft, denn sie spricht dem Geist seine „Natürlichkeit“ ab.
In eine noch größere Sackgasse führt die bis heute unbegründete Annahme, der Geist könne aus dem Objekt „Gehirn“ heraus abgeleitet werden. Damit wird eine Vorentscheidung getroffen (Geist ist rein zerebrale Funktion), es wird ein Pfad ausgewählt und beschritten, der sich erst sehr spät als Irrweg erweisen kann: „Bald, bald haben wir es gelöst, nur noch diese und jene neuronalen Zusammenhänge untersuchen, dann …“. Angesichts der Komplexität des Gehirns könnte so noch jahrzehntelang ergebnislos geforscht werden.
Nein, ich bin überzeugt, dass es ganz anders geht: Die Methodik muss erweitert werden. Bisher sieht der Wissenschaftler das Gehirn als Objekt vor sich, als etwas, das er erkennen kann. Aber er muss außerdem realisieren, dass er selbst der Erkennende ist, er selbst das Subjekt ist, welches das Denkorgan betrachtet. Der Erkennende und das Erkannte gehören beide zur Natur und müssen darum auch in ihrer eigentümlichen Einheit und Differenz erforscht werden. Echte Natur-Wissenschaft hat sich also ernsthaft darum zu bemühen, die Eigenart des erkennenden Subjekts zu integrieren. Solange dies nicht gelingt, bleibt ihr Sichtfeld eingeschränkt und es besteht ständig die Gefahr, das Subjekt als Naturereignis zu ignorieren, weil nicht sein kann, was – noch – nicht verstanden wird. Es wird also wichtig sein, sich dem Phänomen ‚Erkennender Geist und erkannte Materie‘ als Ganzes zu nähern und es nicht vorschnell in eine Richtung aufzulösen, nur damit es wieder in alte Denkschemata passt. Die Erweiterung der Methodik benötigt einen ganzheitlichen Blick, eine Zusammenschau von Subjekt und Objekt. Wie dies gelingen kann, wollen wir nun schrittweise aufzeigen.
In dem geistigen Monismus, den ich darstelle, identifiziere ich dasjenige Sein, das erkennen kann, mit dem Geist, der damit als Subjekt auftritt. In diesem Sinne spreche ich also immer wieder vom subjektivierenden Geist oder kurz vom ‚subjektiven Geist‘.
Oft wird das Wort ,Subjektivität’ auch im Sinne einer höchst individuellen Anschauungsweise gebraucht, die eben gerade nur für den gilt, der etwas „auf seine Weise“ betrachtet. „Es ist ja nur subjektiv, weil nur Du es so siehst“. Der Geist ist also im Erkennen immer auch eigenschöpferisch tätig. Eine Fledermaus erfährt ihre Umwelt anders als ein Mensch, und auch mehrere Menschen können aus ein und derselben Datenlage höchst unterschiedliche Interpretationen erstellen. Subjektivität meint also in diesem Konzept, dass ein Seiendes zu einem eigenschöpferischen Erkenntnisakt fähig ist. Spannend wird es dadurch, dass der Geist offensichtlich nur durch Materie an Außendaten herankommt, er also das Objekt ,Leib’ benötigt, um sich als erkennendes Subjekt zu betätigen. Subjekt und Objekt sind nicht zu trennen und treten im Leib-Seele-Problem als eine ‚differenzierte Einheit‘ auf, die genauer zu untersuchen ist.
Jeder von uns erlebt seine Gedanken und Gefühle in äußerst intensiver Weise. Ich genieße die wärmende Sonne auf meiner Haut, schmecke die süße Schokolade im Mund, leide an meinen Zahnschmerzen und ärgere mich über das Jucken eines Mückenstiches. Freude und Trauer, Verliebtsein und Eifersucht, Angst und Wut gehören unbestreitbar, genauso wie das Spüren meiner Leiblichkeit, zu meiner menschlichen Natur und sind deshalb Naturerfahrungen. Wir können durch unsere Selbstwahrnehmung gar nicht anders, als „uns“ gerade darin Wirklichkeit zuzusprechen.
