Wie Gott in Frankreich - Jean Thomas Weber - E-Book

Wie Gott in Frankreich E-Book

Jean Thomas Weber

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Beschreibung

Was die französische Welt bewegt: Siebenundsechzig Aufsätze von einem Auslandschweizer, der seit mehreren Jahrzehnten im Burgund lebt, sind in diesem Buch versammelt. Der Autor wirft einen «schweizerischen» Blick auf Frankreich und eine «französischen» auf die Schweiz. Diese doppelte Perspektive ist für beide Seiten gleichermassen entlarvend wie bereichernd. Viele nationale Eigenheiten werden geistreich und mitunter kritische beleuchtet, doch zugleich ist in jedem der kleinen Essays die tiefe Liebe des Autors zu seinen beiden Heimatländern spürbar.

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Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Wie Gott in Frankreich

Vorwort des VerlegersVorwort des AutorsDouze bonnes raisons d'émigrer en FranceBauen und WohnenLe MontagnonOn peut tout faireLiebe auf den zweiten Blick (Debut)Liebe auf den zweiten Blick (Suite)Goldener BodenLa vie commune – ZusammenlebenLe coq et le renardCallgirlsCoucouDéchets – MüllDroit humain spécifique françaisEs lebe die Mässigkeit – Vive la tempéranceEssen wie Gott in FrankreichSchnell unterwegsFais du feu dans la cheminée…Gaspillage – Die VerschwendungHommes & FemmesIl ne fait pas trop chaudIn BorgognaJohnnyKönig KundeLa BanqueLogistikMusulmanNäheProtestantRot – blau – grünSchönheitenSoziales NetzAb siebzigIm SpitalSpitalimpressionenVacances d’été – SommerferienVentre de charme – der WaschbrettbauchVon Sex und anderen DingenWas französische Kinder essenMa retraite – Mein RuhestandMit achtzig unterwegsDie „hohe“ PolitikLe changement c’est maintenant!Les électionsDémocratieLa retraiteLa République en grève – Die Republik im StreitGare Centrale MâconMade in FranceVive l’EmpereurDie DoppelkrönungPartizipative DemokratieEn colère – ZornigLaïcitéDas neue ArbeitsgesetzSteuernEconomie – WirtschaftEmmanuel Macron: Hype oder Revolution?Chère BibiEurope – Macrons EuropaVous les Suisses, vous avez bien juste…„Gilets jaunes“ – Die GelbwestenLa France profondeLa France profonde – Das ländliche FrankreichJugendzeitJouvenceaux & JouvencellesL’alambic – Die BrennereiÊtre aîné – Erinnerung vom OktoberChasseursMariagesSankt BlasiusSchlusswort200.000Jean Thomas WeberImpressum

Vorwort des Verlegers

Des Schweizers Optik ist für gewöhnlich, dass massenhaft Ausländer in die Schweiz strömen, jenes gelobte Land, wo Milch und Honig fliessen. Es wurde sogar eine Initiative eingereicht, um die Einwanderung zu stoppen – was sich als untauglich erwiesen hat, aber dennoch von Volk und Ständen angenommen wurde. Dabei wird ausgeblendet, dass es auch eine helvetische Auswanderung gibt. Die ist gar nicht so unbedeutend. Annähernd zehn Prozent aller Schweizer wohnten am 31. Dezember 2017 ausserhalb der Schweiz, nämlich ehr als 750.000 Schweizer bei einer Einwohnerzahl von 8,42 Millionen (2017). Es zeigt sich nämlich, dass man anderenorts auch leben kann, ja sogar teils noch besser als in der Schweiz. Was bewegt etliche Eidgenossen, ihr himmlisches Land hinter sich zu lassen, um geruhsam ein angenehmes Leben im „bösen“ europäischen Ausland zu führen?

Der Autor dieses Buches schildert ebenso eindrücklich wie witzig die Freuden und  (milden) Leiden eines ausgewanderten Helvetiers, der durchaus gut und zufrieden seine Zelte in Frankreich aufschlägt und sich dort heimisch fühlt. Die Erfahrung zweier Kulturen bereichert und macht auch die Würze dieses Buches aus, denn der Autor wirft einen „schweizerischen Blick“ auf Frankreich und einen „französischen“ auf die Schweiz. Das ist amüsant und zeigt, dass die Schweiz zwar ein durchaus lebenswertes Land ist, aber bei Weitem nicht das einzige. Auch andere Nationen haben Ideen und machen etliches sehr gut, was in eidgenössischer Nabelschau gerne aus der Optik fällt. So lernt man beim Lesen dieses Buches auf unterhaltsame Weise viel über Frankreich, aber ebenso viel über die Schweiz.

Nach der Lektüre dieses geistreichen Bändchens drängt sich eine Erkenntnis zwingend auf: „Ouvrez les fenêtres, chers Confédérés“1 und „Vive l’amitié Franco-suisse! Vive l’Europe!“2, denn da leben wir Eidgenossen – ob es uns passt oder nicht!

Bern, im Januar 2019

Walo C. Ilg

Öffnet die Fenster, liebe Miteidgenossen!

Es lebe die französisch-schweizerische Freundschaft, es lebe Europa!

Vorwort des Autors

Die Aufsätze entstanden spontan, hatten sich aber seit geraumer Zeit irgendwo im Kopf eingenistet. Sie sind thematisch geordnet und sollen Ihnen Lust machen, einfach querbeet zu lesen.

Viel Spass!

jtw 2018

Douze bonnes raisons d'émigrer en France

oder:

Zwölf gute Gründe, nach Frankreich auszuwandern

In der Schweiz ist alles geregelt… im Guten wie im Schlechten.

In Frankreich ist sehr vieles geregelt, aber meistens lässt man den Bürger in Ruhe.

„In Frankreich ist es verboten, zu verbieten.“

Perfektionismus ist etwas, was sich nur Schweizer leisten können.

Alte Bauten, grosse Häuser mit viel Umschwung sind in Frankreich noch erschwinglich.

Schweizer Handwerker arbeiten nicht besser, nur wesentlich teurer.

En France

lebt es sich grundsätzlich günstiger. Das hat auch viel mit den Margen der Anbieter zu tun.

Kranksein ist in Frankreich noch bezahlbar, Altwerden auch.

Natürlich bleibt man immer „le Suisse“, aber dies ist nie ein Grund zu persönlicher Ablehnung.

In der Schweiz bewegt man sich nie allein, in Frankreich können Sie stundenlang durch die Natur wandern, ohne irgendjemandem zu begegnen.

Morgendliches Erwachen mit dem Konzert von Nachtigall, Amsel und Cie.

Vieles in Frankreich erinnert an meine Jugendzeit: hohes Gras, natürliche Hecken, unverbaute Strassenränder und der Fluss, der sich seinen Lauf weitgehend selber sucht.

Bauen und Wohnen

Le Montagnon

Am 3. November 1991 erwarben wir unser erstes Heim im Burgund. Ein Traum aus goldenen Kalksteinen.

Ein Traum aus goldenen Kalksteinen, bei dem man nur an einer Ecke nicht ins Freie sehen konnte, weil da noch ein Turm angebaut war, oder wie es die Wirtin in Bonnay wenig charmant ausdrückte: „Ce n’est pas une maison, c’est une ruine.“1 Spontan war ich zutiefst beleidigt. Immerhin hatte dieser Steinhaufen einen Namen, „Le Montagnon“. Zusammen mit den Handwerkern bauten wir die ehemalige Weinpresse und Teile der Aussenbefestigung des Châteaus mit viel Ideen, ebensoviel Ökologie und noch mehr Angespartem zu einem Bijou um, das der zu Beginn stark zweifelnde Maurer Roland nach der Fertigstellung stolz zukünftigen Kunden präsentieren wollte.

Damalige Kollegen stellten verständlicherweise Fragen; was will der denn damit im jugendlichen Alter von achtundvierzig? „Vorbereitung auf die dritte Lebensphase“ als Antwort liess einige Zweifel zu. Zwölf Jahre später, mit Blick auf mögliche Frührenten, begriffen auch jene, die damals an meinem Geisteszustand zweifelten, dass noch etliche Jahre auf neue Inhalte warteten.

Eigentlich suchten wir ganz woanders. Nach vielen Fahrten nach Italien mussten wir endgültig wahrnehmen, dieser Traum bleibt ein Traum: Mittlerweile zu teuer, schwierige Gesetzeslage und vor allem zu weit weg. 

Der nächste Traum hiess Ardêche. Der Anbieter, ein Auslandschweizer, gab sich alle Mühe, uns mehrere Objekte schmackhaft zu machen, von einer ganzen Siedlung hoch über einem Hugenottenfriedhof bis zu einer trockengelegten Mühle. Eine weitere Erkundigung im Herbst liess uns verzichten, zu viele Kastanien, zu dunkel, zu einsam. Und immer noch acht Stunden von unserer Stadt entfernt. Aber wir gaben nicht auf.

Eine andere Heimfahrt führte uns dank Wetterbesserung in die Höhen des Beaujolais und hinunter ins Clunysois. Alte Erinnerungen an eine christliche Jugendsünde. Anderntags die Vitrinen der Immobiliers, drei Vorschläge: Billighaus neben Bauernhof mit lärmenden Hunden, altes Steinhaus in den Hügeln zum Mont St. Vincent, im strömenden Regen abends nicht mehr gefunden, und das Montagnon. 

Wir waren hingerissen von dem Innenhof mit wild spriessenden Bäumen hinter drei Meter hohen Mauern, von der bemoosten Treppe und dem Turm. Immerhin, die Dächer über Haus und Turm waren bereits renoviert. Der Immobilier warnte uns, das werde viel Arbeit bedeuten, aber wir waren nicht zu halten und hinterlegten die Zusicherung, in den nächsten Tagen ein Depot zu senden.

Und eben, am 3. November standen wir wieder in Cluny, mit einem Scheck der Leuenbank Uster, hörten uns das Unverständliche von Madame le Notaire an und wurden stolze Besitzer einer baufälligen Liegenschaft im Burgund. Die Verkäufer luden uns zu sich nach Hause ein. Während Madame in der Küche stand, nahmen wir den Apéritif im Restaurant le Zoo. Bruno bestellte „trois canons“2, und es blieb nicht bei einem. Und man reservierte ein Zimmer, so schnell reist man nicht wieder zurück.

Wenn wir bedenken, wie heftig damals in der Schweiz Hauskäufe durch zwar schon lange ansässige Ausländer bekämpft wurden… Unsere Bedenken wurden umgehend zerstreut, ihr seid ganz einfach willkommen. Soyez bienvenue en France!3

Das ist kein Haus, sondern eine Ruine.

Drei Gläschen Wein

Herzlich willkommen in Frankreich!

On peut tout faire

Wir hatten eben die Liegenschaft „Le Montagnon“ in Besanceuil gekauft; im schönsten Dorf im Südburgund, wie die Einheimischen sagen.

Gewappnet mit einem Planungsmodul aus dem Internet, vielen Ideen, wenig Kenntnissen und Erfahrungen im Bau, aber beseelt mit unserem ureigenen Enthusiasmus, auch so was zu schaffen. Zugegeben etwas gar naiv, aber das ist das Recht der Optimisten. Wir brauchten ein Jahr, um zurecht zu kommen; siebzig Quadratmeter Leerraum, sechs Meter bis zum First, ein Traum von Dachstuhl, gleichgross der offene Keller, der Wehrturm auf drei Etagen, Schiessscharten. Ehemaliges Pressoir des benachbarten Schlosses, Teil der Wehranlage.

Freund Michael, Architekt und Bau-Allrounder, hatte die Idee: Mezzaninen1! Der eine Zwischenstock als eigene neue Ebene, der andere als Vorraum und Zugang zum oberen Turmzimmer. Eigentlich dachte er an eine Stahlkonstruktion. Roland, unser Baumeister, kannte nur den Umgang mit Eisen und Beton und meinte: „On peut tout faire!“2 Um die Ebene zum Turmzimmer zu erschliessen, baute er eine gewendelte Steintreppe ein, die er aus einem mittelalterlichen Haus in Cluny mitgenommen hatte. 

Ein Wunsch führte zum nächsten, zu einer Terrasse im Hof und zu einem Baugesuch für zwei Fenstertüren, was indessen abgelehnt wurde. Nur zwei kleine Fenster wurden bewilligt, weil im Perimeter des Schlosses zwingend nur kleine Fenster im mittelalterlichen Stil möglich waren. Dass beide Fenster von aussen nicht einsehbar waren, war für die Behörde ohne Belang, da mochte der châtelain3 selbst beteuern, er müsse auf die Turmterrasse steigen, um uns in den Garten schauen zu können und damit auch die Fenster zu sehen. So stockten die Ausbaupläne.

Im Frühling fragte uns deshalb Roland, ob wir immer noch den Wunsch nach einer Terrasse hätten. Dem war so. Also brach er ein Riesenloch in die Hauswand, und ich fürchtete: Was, wenn diese neunzig Zentimeter starke Mauer bricht?

„Dann baut man eben wieder neu auf“, sagte Roland. „On peut tout faire!“

Wir haben auf dieser Terrasse in der Abendsonne mit manchem canon angestossen.

In der Endphase wurden die Steinwände verfugt, um das Mikroklima in den Mauern zu erhalten. Unser Baumeister wollte Gutes tun, und füllte die Fugen mit rotem Sand aus dem Fluss. Es war schrecklich anzusehen, Roland liess die Fugen weiss malen, aber das sah ebenso schrecklich aus. Roland riss die Brille herunter und geriet in Rage!

Neubeginn war angesagt. Roland brachte zwei Leute mit, wir erklärten unsere Idee. Margrit war die kompetentere von uns beiden, schliesslich stammt sie aus einer Malerfamilie. Kalk mit Bier soll es sein, mit breiter Quaste über die Steinmauern aus lockerer Hüfte gestrichen. Und wir hinterher, mit nassem Schwamm, um die schönen Steine wieder abzuwischen. Ein volles Tageswerk, bis alle Wände eine Pracht waren. Und Roland bestätigte: „On peut tout faire.“

Für uns, vor allem für mich, war über die Jahre das „Montagnon“ zu klein geworden, und die steinerne Wendeltreppe aus dem Abbruch in Cluny konnte ich nicht mehr leicht erklimmen. 

Neue Besitzer wurden schnell gefunden, die nach ihrem Einzug eigene Wünsche realisierten. „On peut tout faire“ gilt für jedermann.

PS: Lustig ist, die Handwerker meldeten auch nach Jahren: „Heute waren wir in Ihrem Haus in Besanceuil.“

Halb- oder Zwischengeschoss

Alles ist machbar

Schlossherr

Liebe auf den zweiten Blick (Debut)

Wie überall, auch bei uns klappte es nicht immer auf Anhieb. Wie Andersens Märchen vom „Hässlichen Entlein“ zeigt, haben die wenigsten das Auge dafür, was hinter einer düsteren, grauen Fassade steckt. 

Das „Montagnon“ ist endlich fertig, nach sieben Jahren Umbau, werkeln und werken. Dann viel freie Zeit, keine Pflichten, nur Ferien und Ausflüge in die Umgebung. Wir beide ohne ein neues Projekt. War’s das bereits? Allerdings schlief der „Jagdtrieb“ nicht sehr tief.

Bis wir bei einem kleinen Bummel im „chef-lieu du canton“1 auf ein leeres Lokal stiessen mit der verheissungsvollen Anschrift À vendre, der alten Tafel nach zu schliessen schon seit längerer Zeit. Vorbeischauen beim Notar, eine erste Besichtigung, noch kein Blick für Details, viele Zimmer, Ebenen, alter Kram. Aber ein Stadthaus, Rue du Commerce au Rue de l’Espérance, Ecke Marktgasse zur Hoffnungsgasse, mit Hintereingang an der Rue des Chapeliers, der Hutmachergasse. Immer dieselben Strassennamen, wie in Zürich, in Bern, in den mittelalterlichen Städten im ehemaligen gemeinsamen Reich. Der Preis war klein, die Begeisterung gross, allerdings nur meinerseits. Margrit liebt dieses Haus nicht so spontan. Zurück in der Schweiz, im realen Leben ohne wirkliche Ruhe, vergassen wir erst mal das Haus und die sehr kleine Anzahlung.

Bis im November. Per Fax am Arbeitsplatz erreichte uns die Nachfrage des Notars, wie es nun weitergehe; ich trug die Botschaft nach Hause an den Mittagstisch. Zwischen Abräumen und Kaffee meinte Margrit:

„Wenn du es für hunderttausend kriegst, kannst du es kaufen.“ Ein Scherz!

Zurück im Büro schrieb ich ein Fax: „Unser letztes Angebot sind 100.000 ffrs“; zwei Stunden später erhielten wir die Zusage, mit der Einladung, bald im Notariat zu erscheinen. Dank verschiedenen Abwertungen waren dies damals gerade noch 25.000 Schweizerfranken. „Pour un bout de pain, on dit“2.

Nun, der bout de pain sollte doch etwas härter sein als erwartet. Aber erst mal vereinbarten wir den Termin und trugen mit einem kleinen Scheck zum Gelingen des Vorvertrages bei. Von da an waren wir zum Teil freudig, vor allem aber gespannt, was da auf uns zukommen könnte. Aber es war Winter, keine Ferienzeit.

Nach drei Monaten kam die Stunde der Wahrheit: den Kaufvertrag unterschreiben. Man trifft sich im Warteraum, wir freundlich aufgeräumt, der Verkäufer sichtlich genervt; aber selbst sein Sohn, Leiter der örtlichen Bank, winkte ab; man muss froh sein, das Objekt loszuwerden. Der Spatz in der Hand usw. Dann die Unterschrift, Scheckübergabe, kurzer Händedruck, die Schlüssel zum Haus. Eine erste Visite zeigt, das Dutzend Kübel und Büchsen reicht nicht aus, den Regen aufzuhalten. 

Nicht nur, weil das Haus an der Hoffnungsgasse liegt, auch nach Sichtung sämtlicher anstehender Renovationen erschien uns der Arbeitstitel „Espérance“ angemessen. Und es heisst auch heute so. Was dann folgte, ergäbe eine längere Geschichte. Versuchen wir es mit einer Kurzform:

Also, wieder einmal Masse nehmen, Ideen erwägen und verwerfen, dann Pläne schmieden und entwerfen und nicht zuletzt unseren Baumeister Roland zu Rate ziehen. Dann entscheiden: Was darf bleiben, was muss raus? Die Spraydose wird eingesetzt. Alles, was in Signalrot markiert wird, kommt weg! Und damit wieder zurück an die Arbeit zu Hause. Die Handwerker sind schnell gefunden, man kennt sich schon oder sie erscheinen auf Einladung des Baumeisters. Die Kostenvorschläge scheinen uns reell, Roland beginnt mit der Arbeit. Dass er neunzehn Lastwagenfuhren Schutt abtransportiert, ist ein Detail, die Entschuldigung bei den Nachbarn ein Muss. Und mit jedem Abbruch geht es zurück in Richtung Vorgeschichte. 

Nach der Einschätzung des Architect de Batiments de France stammt das Haus aus der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. Dass er die Aussenfassade dementsprechend renovieren will, ist nicht verhandelbar. Der ABF ist die Instanz in Baufragen und Denkmalschutz, seine Entscheide sind ohne Rekursmöglichkeit; bleibt nur noch ein Gnadengesuch beim Staatspräsidenten. Die Fenster müssen wieder mit steinernem Kreuz versehen werden, sagt der ABF. In einem schriftlichen Entscheid heisst es, die Fassade müsse partiell geöffnet werden, um das Baumaterial erkennen zu können. Beim nächsten Besuch aus der Schweiz liegt die ganze Fassade unten, auf Geheiss des ABF. Monsieur le Maire bekniet mich, ein Subventionsgesuch zu stellen, ansonsten wird das alles nichts. Schlussendlich – keiner soll das Gesicht verlieren – werden die Fensterkreuze mit dreissig Prozent subventioniert. Die neue Fassade kostet dreimal so viel wie kalkuliert. Zwischendrin habe ich mich deswegen an einer Renovationsbaute in Zürich orientiert. Die Steinmetzarbeit wäre um das Zehnfache teurer geworden.

Dann endlich das Dach. Auf unsere Anfrage nach Devis3 bei drei Unternehmen ergab in der gesetzten Frist gerade mal eines. Ein zweiter sagte treuherzig, er habe ja seinen Konkurrenten Mass nehmen sehen, und der dritte schrieb einen erzürnten Brief, er habe keine Zeit für derartige Dinge. Im Perimeter4 der Kirche gelegen, wurde erwartet, dass dieselben Ziegel verwendet werden, je hälftig die alten und neue. Das hat zur Folge, dass der Dachdecker alle paar Jahre die alten verfrorenen Ziegel ersetzen muss. Diese Vorschrift gilt allerdings anscheinend nur für Auswärtige; die drei Dächer, die auf diese Weise gedeckt wurden, gehören Schweizern. Hingegen wurde das mittelgrosse Dachfenster, weil von der Kirche abgewendet, ohne Umstände bewilligt. Dass einer unserer Nachbarn ohne Bewilligung kirchenseitig ein grosses Dachfenster erstellte, bleibt unter uns. Für alle Umbauten hatten wir auf dem Computer eigens erstellte Pläne vorgelegt und ohne Umstände innert drei Monaten Bewilligungen erhalten.

Heute braucht es beinahe für jede neue Dachrinne den Beizug eines Architekten. Das ist umständlich und teuer, aber wenigstens arbeitsplatzerhaltend.

Kantonshauptstadt

Für ein Stück Brot, wie man sagt

Kostenvoranschlag

Baurechtlicher Schutzbereich eines Gebäudes

Liebe auf den zweiten Blick (Suite)

Im Espérance, unserem neu gekauften Haus, gab es jede Menge verschiedener Etagenhöhen. Allein im Erdgeschoss zählte man vom Verkaufsraum dieser ehemaligen Charcuterie bis zum hintersten Atelier fünf Ebenen, nicht bedeutend in der Höhe differierend, aber wir fanden, dass es besser sei, sie auszugleichen. Zwei Ebenen durften nicht angetastet werden, weil der Laden mit einem Terrazzoboden aus den dreissiger Jahren ausgelegt war, und das Mittelstück sollte die Bodenheizung aufnehmen. In einer Mauernische versteckte sich eine uralte Toilettenschüssel mit einem Abfluss, von dem nicht klar war, wohin er führte. Die musste raus, wenn auch ungerne, sehr ungerne, wie Baumeister Roland sagte. Trotzdem. Nach ein paar wuchtigen Schlägen klappte das Ganze nach innen und gab einen kleinen Gewölbekeller unter der Strasse frei. Das Gewölbe war im Wesentlichen intakt, abgesehen von den Spuren einiger Jahrhunderte. Paolo, der portugiesische Arbeiter, wusste, wie man die Gewölbeschäden beheben konnte. Portugiesen können das anscheinend noch. Eine Woche schauten deshalb die Anwohner interessiert in ein grosses Loch in der Rue des Chapeliers, wo Paolo fachkundig das Gewölbe wieder schloss.

Im kleinen Atelier fand sich ein kleiner viereckiger Zementdeckel, der hohl tönte, wenn man mit dem Pickel darauf klopfte. Also öffnen. Darunter befindet sich ein schöner runder Ziehbrunnen, sechs Meter tief, der Wasserstand ist gleichmässig, leicht fliessend. Die Historie spricht zwar von einer Quelle unter dem Taufstein der benachbarten Kirche, aber die Laborprobe zeigt wenig gesegnetes, dafür von Phosphaten belastetes Wasser aus den Rebbergen über der Stadt. Deshalb verzichteten wir auf eine Nutzung und versahen den Brunnen stattdessen mit einem massiven Gitter und einer Beleuchtung.

Irgendwann wurde die Decke der Wursterei angehoben. Um eine durchgehende Ebene im mittleren Stockwerk zu schaffen, musste auf das ehemalige Niveau zurückgebaut werden. Allerdings gab es da noch ein naives Kunstwerk eines italienischen Kriegsgefangenen: die Darstellung eines Schlachters, der mit geschliffenem Metzgermesser einer fliehenden Sau hinterherrennt. Wir wissen genau, weshalb wir dem Wunsch des ABF nach einer Innenbesichtigung partout nicht entsprechen wollten; wetten, er hätte das Gemälde umgehend unter Schutz gestellt und damit den ganzen Umbau verhindert. Baumeister Roland löste die Angelegenheit souverän und aus eigener Kompetenz.

Im mittleren Stockwerk, zugänglich über zwei Stufen von der Hutmachergasse aus, waren es einst sechs Räume, nach dem Rückbau in den mittelalterlichen Zustand noch drei. Im jetzigen Salon säumen kleine Sitzbänke aus Stein die Fenster, die mit einer morschen Holzverkleidung verdeckt waren, und das ehemalige Cheminée1 wurde wiederhergestellt. Das Obergeschoss war leer, frei für eigene Ideen, für Einbauten, die man zum modernen Leben braucht, immer unter Berücksichtigung der gegebenen Strukturen. Auf einen weiteren Ausbau unter dem hohen Dachgiebel konnte verzichtet werden, dieser liesse aber noch einiges zu.

Zurück ins Erdgeschoss: Auf rund siebzig Quadratmetern wurden eine Kunstgalerie und ein Webatelier2 eingerichtet; ab 2004 fanden in diesen Räumen rund vierzig Monatsausstellungen statt. Über Jahre hinweg war dieser Ort ein Treffpunkt für Kultur und Handwerk. Jean-Pierre, ancien conseiller générale3, empfand das Espérance, wie er sagte, als das schönste Haus im Zentrum unserer Kleinstadt. Nicht nur Kapital steckt in dieser schönen Baute, auch alle Ferien und freien Tage, über Jahre hinweg. Bauteile wurden aufgefrischt, Margrit hat alle Türen gekonnt und aufwändig bemalt. Sie dekorierte das ganze Haus, wobei sie eine ausgewogene Verbindung von Bestehendem und Modernem verwirklichte. Daran ist auch ihre zu Beginn sehr zurückhaltende Liebe gewachsen. 

Die wenigsten haben ein Auge dafür, was hinter einer düsteren, grauen Fassade steckt. Wir haben es gesehen und wieder sichtbar gemacht!

Kamin

Im Sinne von "weben" – hat nichts mit dem Internet zu tun

Ehemaliger Generalrat, also Mitglied der Legislative des Departements Saône et Loire

Goldener Boden

Einst schrieb ich: Schweizer Handwerker arbeiten nicht besser, nur wesentlich teurer. Les artisans français haben dazu gelernt…

Im vergangenen Vierteljahrhundert (sic!), in dem wir in unserer zweiten Heimat Häuser renovieren – immerhin sind es bereits dreieinhalb – ist die moderne Zeit auch nicht spurlos vorübergegangen. Einst klagte unser Plombier1, von seinem Handwerk werde die kommende Generation wohl nicht mehr leben können. Heute heisst das Unternehmen „Père et fils“, der Vater lebt die meiste Zeit in der französischen Karibik, und die beiden Söhne ernähren sich und ihre Kinder immer noch vom selben Gewerbe. Die Zeiten, in der unser Baumeister Roland seine günstigen Preise mit den Worten „wir haben nie hungern müssen“ begründete, sind definitiv vorbei, aber seitdem sind auch wieder fünfzehn Jahre vergangen.