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Eine außergewöhnliche Frau, jung, reformorientiert, Rabbinerin in Deutschland. Und sie kann erzählen. Elisa Klapheck berichtet nicht nur von ihrem Weg ins Rabbinat. Sie zeichnet das Porträt einer ganzen Generation junger Juden - persönlich und politisch zugleich. Brisant, klar, spannend zu lesen. Elisa Klapheck hat ihre 2005 verfasste Autobiografie überarbeitet und um ein Kapitel erweitert, das erstmals ihre Arbeit als Rabbinerin seit 2005 beschreibt.
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Seitenzahl: 272
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Elisa Klapheck
Wie ich Rabbinerin wurde
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012Alle Rechte vorbehaltenwww.herder.deUmschlaggestaltung: Finken & Bumiller, StuttgartUmschlagmotiv: © Andreas ArnoldISBN (E-Book): 978-3-451-33917-2ISBN (Buch): 978-3-451-30474-3
1. Tora und Politologie
2. Jüdische Identität
3. Journalistin
4. Deutsches Judentum
5. Amalek
6. Egalitäre Minjanim
7. Rabbinerinnen
Rabbinerin nicht nur für den Schabbat
Glossar
Es begann in Michals Garten.
Zwischen Obstbäumen und riesig hoch gewachsenem Gras sitzen Gabi, Rita und ich um einen verrosteten Gartentisch herum. Der Tisch sieht aus, als würde er schon seit Ewigkeiten an genau dieser Stelle stehen, allen Witterungen und Jahreszeiten ausgesetzt.
Es ist ein wunderbarer frühsommerlicher Nachmittag im Jahre 1983.Michal tritt durch die Hintertür des Hauses in den Garten. Hochschwanger hält sie ein großes Kuchenblech über ihren Bauch. Wir sehen ihr gespannt entgegen, niemand sagt etwas. Der Moment ist fast peinlich, aber irgendwie auch witzig. Auf dem Tisch liegen vier Bücher, die uns verlegen machen.
Ich besitze meinen Tanach erst seit Kurzem. Für teures Geld habe ich mir das dicke, in schwarzes Leder eingebundene Werk in Hebräisch mit Übersetzung beim Victor-Goldschmidt-Verlag in Basel bestellt. Ich bin überhaupt nicht religiös. Die anderen auch nicht. »Gott« ist ein merkwürdiges Wort für mich. Auch die anderen Wörter, die mir in Verbindung mit der Bibel einfallen – Glaube, Gnade, Frommsein, Demut – finde ich befremdlich. Der Religionsunterricht in meiner Kindheit hat mich nicht überzeugt. Als ich 13Jahre alt bin, nutze ich die erste Gelegenheit und wähle das Fach ab. Seitdem bin ich, wenn überhaupt, nur noch zu den hohen Feiertagen in die Synagoge gegangen. Ein Stündchen zu Rosch Haschana, bis ich das Schofar gehört habe, gerade mal zu Kol Nidre an Jom Kippur, wobei ich den Gottesdienst stets vor seinem Ende wieder verlasse – um zu essen, zu trinken, zu rauchen, was auch immer. Alle paar Jahre mal einen Seder an Pessach, wobei es mir in bewanderterer jüdischer Gesellschaft stets unangenehm ist, dass ich außer dem Ma Nischtana keine anderen hebräischen Pessach-Liedermitsingen kann.
Neulich habe ich meiner Freundin und Iwrit-Lehrerin Michal vorgeschlagen, ab jetzt die Bibel in Hebräisch zu lesen – also das, was tatsächlich im Original steht. Es klingt geradezu verwegen. Ich bin selbst verblüfft von meiner Idee, und mehr noch von dem kühnen Unterton, den ich in meiner Stimme vernehme: »Let’s read the Bible in Hebrew!« Ich sei so weit. Michals promptes »Yeah…« und ihr belustigtes Gesicht dazu bedeuten, dass sie auf die unterschwellige Verwegenheit reagiert – als heckten wir etwas aus, als würden wir uns auf ein verbotenes Feld wagen.
Michal besuche ich regelmäßig, um von ihr Iwrit zu lernen. Dafür bringe ich ihr Deutsch bei. Vor noch nicht langer Zeit ist sie mit Sven in ein weit vom Hamburger Stadtzentrum entfernt gelegenes Häuschen gezogen. Beide sind Naturfreaks. Michal ist in einem Kibbuz in der Nähe des Gaza-Streifens aufgewachsen. Bevor die beiden nach Hamburg gekommen sind, haben sie irgendwo in der kanadischen Wildnis gelebt.
Sven hat in einem Seitenteil des Gartens Beete angelegt, auf denen das Gemüse wächst, das er und Michal für sich zum Essen brauchen. Michal studiert nicht, arbeitet nicht und macht eigentlich auch sonst nicht so richtig etwas. Sie wartet auf ihr Kind. Zu unserem Treffen hat sie Gabi eingeladen, ebenfalls eine Israelin, die aber schon seit Jahren in Deutschland lebt, eine Zeit lang Psychologie studiert hat und jetzt in einem Hamburger Blumengeschäft arbeitet. Ich habe Rita mitgebracht. Sie stammt aus Köln und hat dort, ähnlich wie ich früher in Düsseldorf, den Kindergarten der Jüdischen Gemeinde und später deren Religionsunterricht besucht. Jetzt studiert sie an der Hamburger Kunsthochschule Buchillustration und -design.
Wir sitzen also in Michals verwunschenem, verwildertem Garten mit den vier dicken Bibeln, die zwischen den Kaffeetassen und Kuchentellern auf dem verrosteten Gartentisch liegen, und sehen schweigend zu, wie Michal den Pflaumenkuchen anschneidet. Plötzlich platzt sie, als wäre es ein Gag, in die gespannte Stille hinein:
»Bereschit bara Elohim et haschamajim we’et ha’arez!« (»Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.«)
Alle lachen.
Rita setzt eins drauf:
»We ha’arez haijta tohu wawohu!« (»Und die Erde war wüst und leer.«)
Noch mehr Gelächter.
Wie von selbst nehmen wir unsere Bibeln und schlagen sie auf.
Zum ersten Mal sehe ich den ersten Satz in seinen hebräischen Buchstaben. Flirrend, weil noch ungewohnt, sprechen sie mich aus archaischer Ewigkeit an. Der erste Buchstabe: ein großes, fett geschriebenes Bet (B), dem eine Reihe von sieben hebräischen Wörtern folgt, mit vokalisierenden Punkten und Strichen über und unter, ja sogar in den Buchstaben, die mir zwar vertraut, aber doch noch nicht sofort zugänglich sind.
Michal und Gabi sprechen fließend Hebräisch und haben keine Mühe zu lesen. Rita, die längere Zeit in einem Kibbuz gelebt und außerdem ein paar Semester Judaistik in Köln studiert hat, kommt einigermaßen gut durch den Text. Ich hingegen kann mich nur mit größter Mühe durch das Hebräisch kämpfen. Für fast alle Wörter brauche ich eine Übersetzung.
Das ist mein Vorteil.
Mir zuliebe lesen die anderen ganz langsam, Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe. Bei jedem Wort, das ich nicht kenne – bei fast jedem Wort also frage ich nach einer genauen Übersetzung. Michal und Gabi, die beiden Israelinnen am Tisch, wissen sie mitunter auch nicht genau. Es stellt sich heraus, dass jedes hebräische Wort mehrere Bedeutungsebenen hat. Das liegt an der semitischen Grammatik, nach der sich in jedem Wort ein Stamm von drei Konsonanten verbirgt, dessen Bedeutung jedoch in verschiedene Richtungen gehen kann. So fangen wir an, über die verschiedenen Bedeutungen eines jeden Wortes zu diskutieren.
Lange sprechen wir über die ersten drei Worte der Hebräischen Bibel: Bereschit bara Elohim… (»Im Anfang schuf Gott…«). Rita bemerkt, dass das hebräische bara (»schaffen«) etymologisch mit dem Wort brit (»Bund«) zu tun haben könnte. Bereschit bara Elohim – »Im Anfang schuf Gott«. Ich frage in die Runde hinein, ob dieses »Schaffen« oder »Schöpfen« nicht zugleich auch als ein Akt des »Verbindens« zu verstehen sei: »Im Anfang verband Gott Himmel und Erde.« Nicht dass die Elemente des Alls nicht schon da gewesen wären. Sie bekämen jedoch erst eine Existenz in der Zeit, wenn sie als miteinander verbunden, in ihrer Beziehung zueinander gesehen würden: Leben entsteht in Beziehungen. Das bedeutet, dass der erste Satz in der Hebräischen Bibel keine willkürliche Schöpfung von einem willkürlichen Gott aus einem willkürlichen Nichts behaupten, sondern aufzeigen wolle, wie sich die Elemente aufeinander beziehen. »Gott« wäre dabei möglicherweise nur der Teil des menschlichen Bewusstseins, der anfängt, sich der Verbindung zwischen allem Leben gewahr zu werden. Der eigentliche kreative Schöpfungsakt läge dann darin, Beziehungen herzustellen.
Der erste Buchstabe ist nicht Aleph (A), sondern Bet (B). Der Anfang besteht bereits in der Vielheit, symbolisiert im zweiten Buchstaben des hebräischen Alphabetes mit dem Zahlenwert zwei. Be…heißt auf Hebräisch aber auch »in«. Der Anfang entsteht in der Mitte einer Vielfalt.
Was heißt Elohim – ins Deutsche übersetzt: »Gott«? Warum steht nicht El, also »Gott« im Singular? Elohim hat eine Pluralendung. Gabi verweist darauf, dass Gott an manchen Stellen im Tanach auch als Eloha bezeichnet wird. Ist Eloha nicht »Gott« mit einer weiblichen Endung? In der deutschen Übersetzung steht immer nur die eine Form »Gott«. Vielleicht drückt das hebräische Wort Elohim aus, dass im Anfang alles eins war – El und Eloha, männlich und weiblich, Elohim, Singular und Plural.
Als ich nach diesem Treffen mit meinem neu gekauften Tanach wieder nach Hause fahre, bin ich völlig high. Ein neuer Anfang ist gemacht. Ich habe drei Freundinnen und einen gemeinsamen Anhaltspunkt. Ab jetzt würde ich mich aus meiner labyrinthischen Bezugslosigkeit herausbewegen, in der ich mich befinde, seitdem ich wieder in Deutschland lebe. Wir würden uns von nun an jede Woche treffen, weiter lesen und weiter diskutieren.
Michal habe ich durch einen Aushang am Schwarzen Brett im Eingangsbereich der Hamburger Mensa kennengelernt. Jedes Mal, wenn ich an dem Meer von Zetteln mit Wohnungsgesuchen, Kauf- und Verkaufsangeboten vorbeigehe, springen mir das mit schwarzem Filzstift geschriebene »I teach Hebrew« und die dazugehörende Telefonnummer ins Auge. Doch erst als ich aus meiner Studenten-WG ausziehe, schreibe ich mir die Nummer auf und rufe an. Ich bin noch etwas niedergeschlagen von dem Gespräch mit meinen Mitbewohnern, das mir das Gefühl vermittelt, mich hoffnungslos im Abseits zu befinden. Die beiden haben mir kurz zuvor eröffnet, dass sie von mir enttäuscht seien: Ich würde an keiner der gemeinschaftlichen Aktivitäten wie etwa am gemeinsamen Kochen teilnehmen. Sie wünschten sich eine Mitbewohnerin, die zu einer wirklichen Gemeinschaft beitrage. Mit dem Gefühl, jetzt eine Entscheidung treffen zu müssen, steige ich aufs Fahrrad und fahre zur Mensa, wo der Zettel hängt.
Ein Jahr zuvor, als ich mein zukünftiges Domizil in Hamburg suche, träume ich selbst auch von einer WG, deren Bewohner sich mit ihren unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichen Lebenswegen gegenseitig anregen. Der Hamburger Wohnungsmarkt bietet mir jedoch nicht meine Traum-WG.Es herrscht Mangel an günstigen Unterkünften. Mit mir konkurrieren Tausende anderer Studenten, die ebenfalls die Anzeigen lesen und sich um die wenigen frei gewordenen Zimmer in den Wohngemeinschaften bewerben. In einer Wohnung im Hamburger Stadtteil Ottensen ist ein schönes, geräumiges Zimmer mit zwei großen Fenstern frei. Schon als ich es sehe, male ich mir aus, wie ich es einrichten würde. Der eine WG-Bewohner studiert Physik, der andere Englisch auf Lehramt. Beide sind aus Norddeutschland und zum Studium nach Hamburg gezogen. Ich gebe mich in dem Vorstellungsgespräch so kommunikativ und Anteil nehmend, wie ich mich in meiner Phantasie gerne sehe. Die beiden entscheiden sich für mich – und eine Weile glaube ich, mich in dieser WG durchaus wohlfühlen zu können.
Doch schnell kapsele ich mich ab, schließe die Tür meines Zimmers, wenn meine Mitbewohner in der Küche kochen, bewege mich in meinem Zimmer nur ganz leise, um ihre Aufmerksamkeit nicht auf mich zu ziehen, und gebe Ausreden an, wenn sie abends ins Kino gehen und mich fragen, ob ich mitkommen wolle.
Als sie mir sagen, wie enttäuscht sie sind, fragen sie mich auch, warum ich mich von ihnen abwende. Unvermittelt kommt es mir über die Lippen: Ich fühle mich »als Jüdin« von ihnen unverstanden.
Nicht nur von ihnen. Insgesamt fühle ich mich alleine. Ich habe nicht damit gerechnet, dass mich meine Rückkehr nach Deutschland zunächst in die Depression führen würde. Täglich sitze ich unglücklich gestimmt im Vorlesungssaal oder Seminarraum – finde weder einen Bezug zu der Art, wie die Themen des Studiums der Politologie behandelt werden, noch zu den Studenten, die um mich herumsitzen. Ich kann meinen Kommilitonen weiß Gott nicht vorwerfen, allesamt Nazis zu sein oder aus der Geschichte nichts gelernt zu haben. Es ist eine sehr regierungskritische Zeit. In der Folge des Nato-Doppelbeschlusses fahren unzählige Studenten aus Hamburg zu den großen Demonstrationen nach Bonn und andernorts, etwa nach Gorleben, wo sie gegen den Bau des Atommüll-Endlagers protestieren. Viele von ihnen, so empfinde ich, haben sehr viel mehr Mut als ich, trotzen der Staatsmacht, lassen sich auf den Demos von der Polizei zusammenschlagen und nehmen in Kauf, mehrere Tage in Haft zu verbringen. Helmut Kohl ist noch nicht lange neuer Bundeskanzler. Im Eingangsbereich der Mensa hängt ein Plakat mit seiner Karikatur als »Birne«. Gegenüber den anderen Studenten, die in den Seminaren des Institutes für Politische Wissenschaft der Uni Hamburg die Regierungspolitik gnadenlos niedertheoretisieren, nehme ich mich naiv und brav aus. Zwar denke ich überhaupt nicht regierungskonform, doch bringe ich, wenn überhaupt, nur eine bemühte Mitempörung auf. Auch die beiden Studenten in der WG denken politisch links, betonen immer wieder, wie wichtig es sei, »Widerstand zu leisten«, und grenzen sich dabei – ausgesprochen und unausgesprochen, in jedem Fall aber deutlich – auch vom Versagen der Deutschen gegenüber dem NS-Regime ab.
Der eine stammt aus einem norddeutschen Dorf, in dem seine Eltern einen Bauernhof betreiben. Er ist noch mit Plattdeutsch aufgewachsen und studiert als Erster seiner Familie an einer Universität. Der andere hat schon vor seinem Studium eine Berufsausbildung gemacht, mehrere Jahre gearbeitet und sich dabei in der Gewerkschaft engagiert. Über den zweiten Bildungsweg hat er das Abitur nachgeholt und kann jetzt studieren. Mich beeindrucken solche Aufbrüche aus sozialen Lebenswelten, die anders sind als die, die ich kenne. Grundsätzlich verkörpern sie eine Aussage, die meiner eigenen Anschauung entspricht: Emanzipation durch Bildung – gleiche Chancen für alle.
Aber jetzt, da das Stichwort »Jüdin« gefallen ist, klafft plötzlich ein Graben zwischen ihnen und mir, der bis zu diesem Augenblick noch nie so unüberbrückbar deutlich für mich zu spüren gewesen ist.
Die beiden Studenten haben ihn offensichtlich schon länger empfunden. Einer von ihnen entgegnet aufgebracht, dass er das nicht gelten lassen könne. Wenn ich mich als »Jüdin« bezeichne, komme es ihm wie ein Vorwand vor. Beide hätten sich um mich bemüht und versucht, mich einzubeziehen. Ich könne ihnen nicht vorwerfen, dass sie mich als Jüdin ausgrenzten. Meine jüdische Herkunft spiele für sie überhaupt keine Rolle. Wenn ich mich damit herausredete, »anders« zu sein, und mich deswegen ausschließe, erscheine ihnen dies inzwischen, als machte ich mir selbst etwas vor, als stähle ich mich aus einer Verantwortung, ohne dass ihnen die Gründe dafür ersichtlich wären. Weder würde ich als Jüdin anders leben noch andere Dinge tun noch anders sein.
Während sie reden, fühle ich mich unbeteiligt. Ich versuche zu erklären: Ich sei anders geprägt als sie. Doch meine Worte verirren sich in dem Graben zwischen uns. Sie verstehen nicht, was ich meine, wissen nichts darauf zu antworten. Ich habe keine Lust, konkreter zu werden und mich danach schlecht zu fühlen. Ich schlage vor auszuziehen. Es ist kein Abschied im Groll. Die beiden bieten mir großzügig viel Zeit an, eine neue Bleibe zu suchen. Später helfen sie mir beim Umzug in die winzige Dachwohnung, die ich im Stadtteil Altona gefunden habe.
Studiere ich das falsche Fach? Habe ich einen Fehler gemacht, nach Deutschland zurückzukehren? Ist Hamburg nicht die richtige Stadt für mich?
Warum habe ich so viel darangesetzt, wieder in Deutschland zu leben? Ich hätte es nicht gemusst. Es gab noch andere Möglichkeiten, aus Nimwegen, der katholischen Universitätsstadt in den Niederlanden, wegzugehen. Ich hätte auch nach Amsterdam ziehen können – eine Stadt, die viel mehr weltstädtisches Flair besitzt als jede deutsche Stadt. Ich hätte nach den zweieinhalb Jahren an der Universität in Nimwegen jetzt, da ich volljährig bin und nicht mehr in der Nähe meiner Eltern in Düsseldorf zu leben brauche, auch einen meiner alten Träume wahr machen können – in Paris studieren oder vielleicht sogar in New York!
Dass ich meinen Willen durchzusetzen verstehe, habe ich meinen Eltern bewiesen. Die halbjährige Lateinamerikareise unmittelbar nach der Zwischenprüfung versuchen sie noch zu verhindern: Trotzdem toure ich gemeinsam mit einer niederländischen Studienfreundin sechs Monate lang durch Süd- und Mittelamerika. Gegen meine Entscheidung, das Studium in Hamburg fortzusetzen, bringen Lilo und Konrad nur noch stillen Widerstand auf. Wäre es Paris gewesen, hätten sie mich unterstützt – weg von Deutschland, hin zu einem internationalen Leben.
Warum ausgerechnet Hamburg? Es gibt keinen Grund, hierhin zu ziehen. Ich kenne die Stadt nicht. Aber abgesehen von Düsseldorf, wo ich geboren bin, kenne ich auch keine andere deutsche Stadt. Es ist weder die Attraktivität der Universität noch sind es die Professoren des Instituts für Politische Wissenschaft, von denen ich unbedingt etwas lernen will, die mich nach Hamburg ziehen. Es sind lediglich ein paar Vorstellungen, die mich leiten, einen – letztlich beliebigen – Ort in Deutschland zu wählen, um wieder anzuknüpfen: Hamburg als eine Hafenstadt, das verbinde ich mit Weltoffenheit; Hamburg als eine verhältnismäßig liberale Stadt, das verbinde ich mit einer angelsächsischen Mentalität; Hamburg als eine schöne, gar elegante Stadt, ein wenig wie Paris. Das ist alles.
Dabei ist es gar nicht so einfach, in Hamburg anzukommen. Die Universitätsbehörde teilt mir während der Lateinamerikareise mit, dass sie meine Zeugnisse nicht anerkennt – weder meine Zwischenprüfung an der Universität Nimwegen noch mein englisches Abitur, das ich an einer internationalen Schule, einem Internat in den Niederlanden, gemacht habe. Ich stehe plötzlich ohne etwas da.
Meine Eltern sind darüber nicht unglücklich. Lilo besitzt in der Nähe von Nimwegen ein Haus, das sie von der Wiedergutmachung gekauft hat. Dort verbringt sie fast jedes Wochenende. Ich habe sie gebeten, während meiner Lateinamerikareise meine Studentenmöbel mit nach Düsseldorf zu bringen. Als ich zurückkomme, steht alles noch dort – meine Bücher, das Regal, der Schreibtisch, alles. Triumphierend zeigt mir Lilo den Brief der Universitätsbehörde, die meine Abschlüsse nicht anerkennt, redet nur von dem »Scheiß-Hamburg« und versteht nicht, warum ich da hinwill.
Ich kann selbst auch nicht sagen, was mich zu meiner Entscheidung veranlasst hat. Vielleicht die deutsche Sprache, die ich in den Niederlanden zunehmend verlerne und die ich brauchen werde, um mich ausdrücken zu können. Vielleicht die intellektuellen Tiefgänge des »deutschen Geistes«, die ich in der pragmatischeren Mentalität der Niederländer vermisst habe und die ich in New York ebenso wenig finden würde. Was immer es ist, ich würde Lilo die Gründe nicht vermitteln können. Nach den Jahren, die ich nicht zu Hause, sondern im Internat aufgewachsen bin, ist ein Band zwischen uns zerrissen. Es hat alles damit zu tun, dass ich Jüdin bin.
Lilo ist 1935 in Rotterdam geboren. Dorthin sind ihre Eltern geflüchtet. Lilo spricht, als sie als kleines Mädchen irgendwann in den 40er Jahren in einem Versteck in Deutschland untergebracht wird, nur Niederländisch und Französisch. Da hat sie schon eine lange Odyssee durch Europa hinter sich – angefangen 1940 mit dem deutschen Bombardement auf Rotterdam, dann die Flucht nach Belgien, Frankreich und schließlich in die Schweiz, die alle deutschen Juden wieder nach Deutschland zurückschickt. Unter Deutschen zu leben bedeutet für Lilo, täglich die Zeichen der Verfolgung wiederzuerkennen. Die kleinste Unstimmigkeit im Alltag reicht aus, das Horrorszenario ihrer Kindheit heraufzubeschwören. Demgegenüber bleibt »Holland« für Lilo das Sinnbild einer toleranten, liberalen und gerechten Gesellschaft, die stets die jüdischen Flüchtlinge willkommen geheißen hat: das Land Spinozas, des marranischen Juden, der die philosophischen Grundlagen für den modernen freiheitlichen Staat legt, und das Land Rembrandts, der sich mit dem »Volk Israel« identifiziert, jenes kleine Land ohne Anspruch auf Weltherrschaft, das, wie Lilo meint, ohne Vorurteile sei, aufgeschlossen und weltoffen, ja schon fast selbst jüdisch, und das so furchtbar unter der deutschen Besatzung gelitten hat – unter der Zwangsarbeit im »Arbeitsdienst«, dem Hungerwinter von 1944, als die Menschen, wie Lilo es ausdrückt, »wie die Fliegen auf der Straße zusammenklappen«, und dem Ende des Krieges, als die abziehenden Deutschen alle Deiche stechen, um das ganze Land unter Wasser zu setzen.
Mein Vater, ein erfolgreicher moderner deutscher Kunstmaler, verhält sich gegenüber den wachsenden seelischen Problemen meiner Mutter hilflos. Sie belasten zunehmend die Familie und führen zu immer unerträglicher werdenden Spannungen zwischen Lilo und mir. Mit 13Jahren werde ich in ein Internat im Nordosten der Niederlande eingeschult.
Ich lerne jedoch andere Niederlanden kennen als Lilo – ich erlebe ein Land, in dem ein jüdisches Mädchen in den 70er Jahren mindestens genauso viele unangenehme Erfahrungen machen kann wie zur gleichen Zeit in Deutschland. In dem Internat leben überwiegend Schüler aus Familien der vermögenden niederländischen Unternehmerschicht. Die Nachkriegszeit, in der es noch einfach ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden – das heißt zwischen Freiheit und Gerechtigkeit auf der einen Seite und deutscher NS-Besatzung und Willkürherrschaft auf der anderen–, ist dieser jüngeren Generation kaum mehr präsent.
In Internaten treffen sich nicht unbedingt die Begabtesten und Kultiviertesten, sondern oft die Kinder, an denen die Eltern gescheitert sind. Auch hier in der International School Eerde ist dies so. Ich empfinde mich unverhofft an einen Ort verbannt, dessen Atmosphäre fortwährend von Gewalt getränkt ist. Unter den Jugendlichen herrscht eine klare Hackordnung. Als Deutsche, die anfangs noch mit Akzent Niederländisch und Englisch spricht, habe ich schlechte Karten. Ich wirke arglos, mache anfangs immer meine Hausaufgaben, schwänze den Unterricht nicht, interessiere mich für den Schulstoff, schließe mich den Kiffrunden nicht an und lasse es bei den Avancen eines Jungen, obwohl ich verliebt bin, nicht richtig zum Sex kommen, was sich unter allen Jungen herumspricht. Ich bin das duitse trutje – das »deutsche Schnepfchen«. Was deutsch ist, ist verpönt. Eigentlich bin ich selbst auch deutschfeindlich gesinnt. Ich habe aber nicht erwartet, selber einmal zur Zielscheibe für deutschfeindliche Sprüche zu werden. Doch auch mein Jüdischsein erntet verächtliche Bemerkungen.
Aus dem alten Schulrektor, Kees Oudshoorn, spricht noch die geistige Haltung, mit der Quäker hier in den 30er Jahren ein Internat für jüdische Flüchtlingskinder aus Deutschland eingerichtet haben, um sie für die Emigration nach England vorzubereiten. Mehrere Freunde von Lilo und Konrad sind auf diese Schule gegangen. Herr Oudshoorn, selbst auch ein Quäker, verehrt Lilo und behandelt mich mit besonderem Wohlwollen. Ich besuche ihn regelmäßig zu Hause in seinem Arbeitszimmer mit einer damals für mich beeindruckend großen Bibliothek. Er redet über Literatur, Geschichte und Politik, mitunter auch über meine Zukunft, was ich wohl studieren würde. In ihm begegne ich einem konservativen und zugleich liberalen Ethos, das von grundsätzlicher Anteilnahme für den Anderen bestimmt ist. Herr Oudshoorn erläutert mir zum Beispiel, warum er als gut verdienender Schulrektor Mitglied der VVD, der niederländischen rechtsliberalen Partei, geworden sei. Politische Einstellungen, so erklärt er, seien relativ: Würde er aus einer Arbeiterfamilie stammen und hätte er als junger Mann um Bildung und bessere Berufschancen kämpfen müssen, wäre er möglicherweise Kommunist geworden.
Diese Souveränität, die stets einen Kern von Milde enthält, sich sogar aus ihr speist, ist typisch für seine, die Kriegsgeneration, aber schon nicht mehr für die Eltern seiner Schüler. Einer von ihnen erzählt in meiner Anwesenheit einen »Judenwitz«. Er will mich damit vor den anderen Schülern aufziehen. Ich versuche moralisch zu kontern und werfe ihm vor, die »Opfer« zu verhöhnen. Er entgegnet: »Objektiv gesehen war Hitler ein intelligenter Politiker, dem es gelungen ist, die Wirtschaftskrise zu beheben. Als Deutsche müsste dir das doch recht sein.« Mein Herz klopft ohnmächtig: »Ich bin aber Jüdin.« Er sagt mir ins Gesicht: »Mal bist du Deutsche. Und wenn’s dir recht ist, bist du wieder Jüdin.« Die anderen pflichten seinen Worten mit zustimmenden Geräuschen bei. Eine Schülerin, mit der ich ein Jahr lang das Zimmer teilen muss, erklärt zu Beginn des Schuljahres gegenüber der »Hausmutter«, dass sie bereit wäre, mit jedem Mädchen das Zimmer zu teilen außer mit einer Jüdin. Als wir beide dasselbe Zimmer bekommen, frage ich sie, warum sie keine jüdische Zimmerpartnerin wolle. Sie sagt: »Ich kann Juden nicht ausstehen. Die reden immer nur vom Holocaust und dass sie Opfer sind.«
In den zynischen Sprüchen der Schüler spiegelt sich die Unternehmerideologie der Eltern wider. Es ist ein Liberalismus der Gewinner. Wer erfolgreich ist, braucht sich um die anderen nicht zu scheren. Die weniger Erfolgreichen, die gar Gescheiterten und vor allem die »Underdogs« sind alle selbst schuld an ihrer Lage. Es gehört zu dieser Ideologie – zumindest so, wie sie in diesen Jugendlichen widerhallt–, »seine Meinung zu sagen«, das heißt ein Recht darauf zu haben, den vom Schicksal weniger Begünstigten unverblümt auf sein Unvermögen zu verweisen.
Einmal im Monat fahre ich mit dem Zug nach Hause. Die Fahrt dauert etwa fünf Stunden, ich muss mehrfach umsteigen. Die Schienen, die Zuggeräusche, meine Einsamkeit beim Warten auf den Bahnsteigen, der Anblick der Güterwaggons auf den Abstellgleisen, in die ich meinen projektionsbereiten Blick versenke, die tabuisierten Konflikte zu Hause, die sich in hässlichen Szenen zwischen Lilo und mir entladen, ebenso wie die einschüchternde, verletzende Grobheit der Schüler im Internat – dies alles verwandle ich zu einer Reise auf Gefühlsbahnen, die ich als zutiefst »jüdisch« empfinde und auf denen ich immer wieder meinen eigenen Weg ins KZ phantasiere. In dieser Zeit läuft die Serie »Holocaust«. Als meine Mitschüler und ich sie abends im Fernsehen sehen, leite ich aus dem Geflecht meiner unglücklichen Gefühle längst eine »jüdische« Identität ab, von der ich noch nicht weiß, dass sie zur selben Zeit Tausende von Juden in meinem Alter ebenfalls so oder ähnlich herausbilden. Ich werde später Jahre brauchen, um mich von ihr wieder zu befreien – es ist die Identität der »zweiten Generation«, der Kinder der Überlebenden der Schoa.
Obwohl Lilo und Konrad um mein Leiden im Internat wissen, heißen sie diese sich in mir formende jüdische Identität doch gut. Ich soll Jüdin sein. Ich soll eine Identität annehmen, die immer wieder bewirkt, dass man anders ist und nicht dazugehört. Die damit verbundenen schmerzlichen Erfahrungen werden hingenommen, da gerade durch sie die Werte entstehen, die Lilo und Konrad bejahen. Über meine Beschreibungen der Schüler wird bei uns zu Hause gelacht. Ich stelle deren geistlose Primitivität heraus und lande damit Punkte in meiner Familie. Wir sind – schon aufgrund unserer Wahrnehmung der anderen – anders. Mit der in meiner Familie gepflegten jüdischen Identität ist es von vornherein unmöglich, zur Masse des Normalen und Durchschnittlichen, zu jeder Art von Mehrheit zu gehören. Man braucht deshalb nicht religiös zu sein. Die jüdische Religionspraxis ist nur eine der vielen Möglichkeiten dieser Identität. Die meisten Juden sind nicht religiös. Auch Lilo und Konrad sind es nicht. Man braucht für diese Identität nicht einmal Jude zu sein, wie Konrad selbst auch kein Jude ist. Aber die jüdische Religion weiß um den Preis, den man für diese Identität zahlt. Konrad begrüßt es deshalb, wenn seine Kinder auch am religiösen Leben teilnehmen, auch wenn er dieses selbst nicht praktiziert. Als ich mich an einem Jom Kippur zunächst weigere, mit Lilo in die Synagoge zu gehen, weil mich die endlosen Stunden mit hebräischen Gebeten langweilen, sagt Konrad: »Heute ist Jiskor. Die Mama denkt an ihren ermordeten Vater. Du solltest sie dabei unterstützen.«
Konrad identifiziert sich mit dem Außenseitertum eines Franz Kafka oder Gustav Mahler. Er will nicht als »deutscher Künstler« gelten, pocht darauf, dass »echte« Kunst nicht national gebunden sei, und fühlt sich unter seinen surrealistischen Freunden in Paris zu Hause, die ihn nicht als »Deutschen« abstempeln, sondern als »Künstler« akzeptieren. Als er Lilo heiratet, tritt er aus der evangelischen Kirche aus. Er unterstützt Lilos Engagement in der Jüdischen Gemeinde. Sie organisiert Kunstauktionen für die WIZO, deren Erlös karitativen Zwecken in Israel zugutekommt. So bringt sie die Künstlerszene in die Gemeinde. Konrad, der bei solchen Anlässen als Auktionator fungiert, ist unter den Düsseldorfer Juden sehr populär. Niemand wirft ihm vor, Deutscher zu sein. Auch seine Eltern sind in der Gemeinde geachtet: Anna, Professorin und Kunsthistorikerin, die regelmäßig Ausstellungsrezensionen in der Rheinischen Post veröffentlicht und ein Buch über den Maler Jankl Adler geschrieben hat, und Richard, auch er ein Kunsthistoriker, der unter den Nazis aus der Kunstakademie hinausgeflogen ist, nicht lange danach stirbt, aber wichtige Bücher über jüdische Baudenkmäler am Niederrhein und über die Synagoge in Essen verfasst hat.
Als mein zwei Jahre jüngerer Bruder, David, seine Bar Mizwa macht, hält Konrad eine Rede, bei der alle Gemeindemitglieder weinen. Die meisten Anwesenden der älteren Generation sind Überlebende aus Konzentrationslagern. Konrad sagt, dass er, obwohl er selbst kein Jude sei, das Judentum seiner Kinder immer gefördert habe, damit sie wissen, dass sie einen Ort haben, an dem sie immer zu Hause sind. Wo immer auf der Welt wir – David und Elisa – seien, bräuchten wir bloß am Schabbat in die Synagoge zu gehen. Wir würden dort Menschen antreffen, die allein schon als Juden Weltbürger seien – und die eine 2000Jahre alte Geschichte des Andersseins und damit der Menschlichkeit in sich trügen, wodurch sie immer auch um die andere Seite des gerade Angesagten wüssten.
Lilo schenkt mir ein Buch von Helen Epstein: Children of the Holocaust. Conversations with Sons and Daughters of Survivors. Dieses Werk ist das erste dieser Art, das sich den Kindern der Überlebenden der Schoa widmet. Es prägt in den kommenden Jahrzehnten den Begriff »zweite Generation« und beschreibt, wie die Eltern das in der Schoa erlittene Trauma unbewusst an ihre Kinder weitergeben. Es beschreibt auch, wie die Kinder versuchen, sich dessen zu erwehren, dabei jedoch Gefühle von Schuld und Verrat gegenüber den überlebenden Eltern entwickeln.
In dieser Geste erkenne ich, dass Lilo versteht, was zwischen ihr und mir vorgeht. Ich will nicht annehmen, was sie mir aufzwingen will – wenn sie nachts in mein Zimmer kommt und mich weckt, um mir unvermittelt zu beschreiben, wie die Nazis ihre Großeltern, Isaak und Charlotte, abholen und das alte Paar die Treppe hinunterprügeln; oder wie die Nazis kommen, irgendetwas von ihren Eltern, Anita und David, wollen, und als Lilos Hund, ein Foxterrier namens Schuschu, bellt, diesen vor ihren Augen erschießen; oder wie sie mit französischen Kindern in der Baracke eines Arbeitslagers haust und als erste deutsche Worte »Scheiss-Jude« und »Herr Hitteler« lernt; oder wie sie nach der Befreiung monatelang nur Graupensuppe essen darf, weil ihr ausgehungerter Kindermagen kein festes Essen mehr verträgt; oder wie sie und Anita jahrelang auf David warten, der aus Auschwitz nicht mehr zurückkommt. Anfangs höre ich beklommen zu, später versuche ich, sie zu unterbrechen, dann schreie ich. Sie soll aufhören! Da ich herausgefunden habe, dass manches, was sie erzählt, allein schon zeitlich nicht stimmen kann, glaube ich ihr fast nichts mehr und werfe ihr vor, die Nazizeit zu benutzen, um mich damit zu drangsalieren.
Die eigentliche Initiationsszene geschieht, noch Jahre bevor ich ins Internat eingeschult werde, als ich mich mit meinem Bruder streite und ihn unversehens ohrfeige. Lilo, die diese Szene beobachtet hat, ist fassungslos: »Was? Du schlägst deinen jüngeren Bruder – den Schwächeren? Wie ein SS-Mann!« Dann reißt sie mich an der Hand in Konrads Zimmer. Dort steht ein großer Bücherschrank mit vielen Kunstbüchern. Daneben ein Regal mit »jüdischer« Literatur. Es sind Bücher über das NS-Regime. Lilo zieht den Band Der gelbe Stern heraus und fordert mich immer wieder auf, die Fotos anzusehen. Zum ersten Mal sehe ich die Schwarzweiß-Aufnahmen von SS-Männern und gepeinigten Juden, von ausgehungerten, halb toten Menschen im Warschauer Ghetto und von Leichenbergen in Auschwitz.
Lilo ist von ihrem Verhalten selbst schockiert. Sie verbietet mir, noch mal an dieses Bücherregal zu gehen. Ich sei noch zu jung dafür. Doch ich kann mich von diesem Thema nicht mehr lösen. Wenn ich zu Hause allein bin, gehe ich sofort an das Regal und lese so in kürzester Zeit alles, was Lilo dort an Literatur über die NS-Zeit gesammelt hat. Es sind zwei lange Bücherreihen mit Berichten von Überlebenden, Analysen des NS-Systems und immer wieder albtraumhaften Fotos von Massengräbern, Ghettos und Lagern, von Gaskammern, Krematorien, Baracken und Stacheldraht, von Kindern mit eintätowierten Nummern auf dem Arm, von nackten Männern und Frauen vor der Gaskammer, von gefolterten, ausgemergelten Menschen in Häftlingsuniformen. Irgendwo dort ist auch ein Teil meiner Familie verschwunden. Heimlich durchstöbere ich den Biedermeiersekretär in Lilos Zimmer und finde dort Dokumente, die ihren Vater, David, für tot erklären, Briefe von einem Freund Davids an Anita, der in derselben Baracke in Auschwitz war und mit ihm zusammen Sklavenarbeit geleistet hat, einen Ausweis Anitas vom Entschädigungsamt und ihre Anerkennung auf Wiedergutmachung.
All dies beziehe ich auch auf mich. Aber aus Lilos Mund ertrage ich es nicht, es zu hören. Ich flüchte zu »Oma Anna« – meinem einzigen Großelternteil, der noch am Leben ist, Konrads Mutter, die Kunstprofessorin. Sie gehört zur ersten Generation von Studentinnen in Deutschland. Ich besuche sie, sooft ich kann. Anna erzählt mir »bessere« Geschichten, von denen ich nicht genug hören kann – wie sie aus ihrem großbürgerlichen Elternhaus ausbricht und zeitgleich mit Hannah Arendt in den 20er Jahren in Marburg Philosophie, Kunstgeschichte und Archäologie studiert, wie sie eine Romanze mit ihrem Professor hat, wie mein Großvater Richard, ein Lebemann und Kunstprofessor, nach nur einer Begegnung mit ihr beschließt, sie zu heiraten, wie sie und Konrad in einem sächsischen Dorf von den Russen befreit werden und sie als einzige Nazi-Gegnerin einen bevorrechtigten Status vor all den anderen Frauen genießt. »Elisa ist mein Kind«, sagt Anna. Sie erzählt mir, dass sie sich eine weniger schwierige Schwiegertochter als Lilo gewünscht habe – eine, die »in einer netten Gesellschaft nicht gleich von Auschwitz anfängt und damit die Stimmung zerstört«. Anna ist die Einzige, der ich die Szenen zwischen Lilo und mir anvertraue, wenngleich ich ihr die schlimmsten Momente nicht beschreibe. Ich gehe nur bis zu einem gewissen Punkt – ab da schütze ich Lilo, vielleicht auch mich selbst. Auch wenn ich Lilo kaum etwas glaube, will ich nichts von Anna hören, das Lilos Erinnerungen entwerten könnte. Anna meint, dass Lilo in eine gesellschaftlich höher stehende Familie eingeheiratet habe und deswegen dankbar sein müsste. Doch Lilo meint, dass Annas Familie, also Konrads Verwandte, in ihrem arroganten, bildungsbürgerlichen Dünkel nicht besser seien als all die anderen Deutschen, die – selbst wenn sie keine Nazis waren – unbeteiligt zusahen, als die Juden abholt wurden.
Nach nur drei Jahren muss mich Lilo wieder aus dem Internat abholen. Meine Eltern wollen es mir zuerst nicht glauben: Mit zielstrebiger Disziplin habe ich es geschafft, schon mit 16Jahren das englische Abitur abzulegen – viel früher als erwartet. Lilo, die mich drei Jahre zuvor ins Internat gefahren hat, holt mich wieder ab. »Ich weiß ja, dass du dich stärker als ich fühlst«, hat sie mir schon oft gesagt, oder: »Jetzt kannst du dich mir ja wieder überlegen fühlen.« Doch auf der Autofahrt nach Düsseldorf schweigen wir beide.
Als die Universitätsbehörde meine Abschlüsse nicht anerkennt, fahre ich nach Hamburg, gehe zum Leiter des Instituts für Politische Wissenschaft und nötige ihm eine Unterschrift ab, die alle niederländischen Zeugnisse nachträglich anerkennt. Innerhalb weniger Tage finde ich das Zimmer in der WG.
