Wie Psychopathen denken - Christopher Berry-Dee - E-Book + Hörbuch

Wie Psychopathen denken Hörbuch

Christopher Berry-Dee

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Beschreibung

Ein Sportler, ein Hausarzt und ein Liebhaber – Mörder wie Oscar Pistorius, Harold Shipman und John Cannan haben gezeigt, dass in jedem Menschen ein psychopathischer Killer stecken kann. Der weltbekannte britische Kriminologe Christopher Berry-Dee hat zehn inhaftierte Psychopathen, darunter auch berüchtigte Serienmörder, zu ihren Motiven befragt. In diesem Buch beschreibt er jeweils ihre ganz besonderen Eigenschaften – wie etwa ihr Charisma sowie ihre Emotions- und Reuelosigkeit –, und wie sich diese zu einer absolut tödlichen Mischung entwickeln konnten. Denn nicht umsonst gelten sie als die erbarmungslosesten und gefährlichsten Killer der Welt.

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Zeit:10 Std. 9 min

Veröffentlichungsjahr: 2022

Sprecher:Sebastian Pappenberger

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Christopher Berry-Dee

Wie Psychopathen denken

Christopher Berry-Dee

Wie Psychopathen denken

Eine schockierende Reise in die tiefsten Abgrunde der menschlichen Seele

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de/ abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

Wichtiger Hinweis

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

5. Auflage 2025

© 2022 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Die englische Originalausgabe erschien 2017 bei John Blake Publishing unter dem Titel Talking with Serial Killers. © 2017 by Christopher Berry-Dee. All rights reserved.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Übersetzung: Mark Bergmann

Redaktion: Caroline Kazianka

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer in Anlehnung an das Original

Satz: Carsten Klein, Torgau

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-7423-2049-0

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1811-1

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Für Claire, die mir während der Recherche und des Schreibens an diesem Buch gefühlt ständig im Nacken saß, und für meinen Sohn Jack. Gott schütze euch beide.

Inhalt

Dank

Ein Brief von Professor Annabel Leigh

Wer mit Ungeheuern kämpft

Einleitung

Psychopathie

Von Bestien und Wilden

Professor Robert Hares Psychopathie-Checkliste

Die Anfänge

Aggressiver Narzissmus und Psychopathie

Fallstudie Bestie Oscar Pistorius – Schüsse im Dunkeln

Fallstudie Psychopath Harold Shipman – Der Höllendoktor

Fallstudie Bestie Melanie »Mel« Lyn McGuire – »Die Eiskönigin«

Fallstudie Psychopath Michael Bruce Ross – Der psychopathische Meister der Manipulation

Fallstudie Bestie Kenneth Alessio Bianchi – Hochstapler par excellence

Fallstudie Psychopath Das Shawcross-Geständnis

Fallstudie Bestie John David Guise Cannan – ein äußerst britisches Monster

Fallstudie Psychopath Kenneth Allen McDuff – »Big Mac«

Fallstudie Bestie John »JR« Robinson

Schlusswort: Hätten Sie sie erkannt?

Fazit

Über den Autor

Dank

»Ein Unverständiger glaubt noch alles; aber ein Kluger gibt acht auf seinen Gang. Ein Weiser scheut sich und meidet das Böse; ein Tor aber fährt trotzig hindurch.«

Sprüche 14: 15–16

In all den Jahren der Recherche und während des Schreibens an diesem Buch habe ich immer wieder gemerkt, dass ich in Gefahr war, selbst in einen Abgrund tiefster Finsternis zu stürzen, an einen – wie Sie als Leser bald feststellen werden – dunklen Ort, in eine Welt voll unermesslichen Leids, zerschundener Körper und Familien, die nach dem Verlust ihrer Liebsten für immer zerstört sind.

Nun mögen Sie sich zu Recht fragen, wie man eine solche Aufgabe überhaupt bewältigen kann, ohne selbst dabei in Mitleidenschaft gezogen zu werden, hatte doch der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche bereits warnend gemahnt:

»Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.«

Nun, die Antwort auf diese Frage ist simpel: Ich genoss während des gesamten Prozesses die Unterstützung zahlreicher Menschen, Organisationen und Institutionen, die mir klaglos ihre wertvolle Zeit zur Verfügung gestellt haben. Würde ich jeden Unterstützer hier aufzählen, alle Strafverfolgungsbehörden und deren Mitarbeiter in den unterschiedlichen Zuständigkeitsbereichen, bei FBI und FDLE, dem U.S. Marshals Service und der britischen Polizei, in Behörden aus fernen Ländern wie Singapur, Malaysia, Russland, der Ukraine und Indien, alle Strafvollzugsbeamte, Richter, Staatsanwälte und Strafverteidiger, einige Psychiater und viele Psychologen, Gerichtsbeamte und Nationalarchive und all jene, die durch die Täter in diesem Buch auf furchtbare Weise betroffen sind – Verwandte und Angehörige der Opfer und der Mörder selbst –, dann hätte ich problemlos eine ellenlange Danksagung verfassen können. Einige von ihnen werden Erwähnung finden in diesem Buch oder in einem der anderen, die ich bei John Blake (London), Virgin Books (London), WH Allen (London) und Ulysses Press (Berkeley, California) veröffentlicht habe.

Auch vonseiten der Medien wurde mir eine immense Unterstützung zuteil, von anerkannten Zeitungsreportern und geschätzten Investigativjournalisten auf beiden Seiten des »Großen Teichs«, so etwa Stephen Wright (Daily Mail), aber auch von TV-Produzenten wie meinem langjährigen Freund Frazer Ashford (ehemals Crystal Vision), von der TwoFour Group und ITV.

In den Ausführungen zum Monster Neville Heath verwende ich Material aus der Magazinreihe »Murder Casebook« (auf Deutsch etwa: Fallbuch Mord). Heath ist ein Paradebeispiel für eine aggressiv-narzisstische, psychopathisch mordende Persönlichkeit. Was für ihn galt, bevor er in den 1940er-Jahren schließlich gehängt wurde, gilt insofern auch heute noch.

Professor Robert Hare, den Erfinder der sogenannten PCL-R-Checkliste, habe ich zwar nie persönlich kennengelernt (vielleicht laufen wir uns ja irgendwann einmal über den Weg), dennoch empfehle ich gerne die Lektüre von Jon Ronsons aufschlussreichem und gut verständlichem Sachbuch Die Psychopathen sind unter uns, das einen spannenden Einblick in Hares bahnbrechende und international anerkannte Arbeit gibt. Auch Ronson stand bereits mehrmals am Rand des finsteren Abgrunds. Wie ich trat er immer wieder einen Schritt zurück und vielleicht fragt er sich ebenfalls, warum er nie hineingestürzt ist. Laut dem britischen Autor und Journalisten Will Self ist Ronsons Buch auch ziemlich unterhaltsam geschrieben und da gebe ich ihm Recht. Im Gegensatz dazu sind Themen wie aggressiver Narzissmus, Psychopathie und Bestialität ganz und gar nicht lustig, was das vorliegende Buch deutlich machen wird.

Zu meinem Glück bin ich nie in den Abgrund gestürzt, der sich in den Köpfen von Psychopathen und Bestien auftut. Ich danke deshalb insbesondere all jenen, die mich immer dann wieder zurückgezogen haben, wenn ich kurz davor stand.

Christopher Berry-Dee

Ehemaliger Chefredakteur von The New Criminologist und vormals Leiter des Criminology Research Institute (CRI)

Ein Brief von Professor Annabel Leigh

Lieber Christopher,

wenn du versuchen möchtest, dich in den Geist eines Serienmörders hineinzuversetzen und auch dessen gute Seiten zu sehen, dann werden diese Meister der Manipulation dies als Zeichen von Schwäche werten und dein Vorhaben wird scheitern, denn Psychopathen besitzen keinerlei Gewissen. Natürlich ist jeder Fall anders, aber die Erkenntnis ihrer Perversionen und Bedürfnisse ist meist der einzige Weg zum Erfolg, denn diese Menschen lernen niemals aus ihren Fehlern.

Verwende die »Viktimologie« gegen sie, das ist deine stärkste Waffe. Beim homosexuellen Sexualmörder John Wayne Gacy hättest du deutlich mehr Erfolg gehabt, wenn du dich in deinen Briefen an ihn als attraktiver junger Mann ausgegeben hättest – notfalls mit einem gefälschten »hübschen« Foto von dir. So hätte Gacy sich sexuell mit dir identifizieren können und du wärst in seinem Unterbewusstsein ein mögliches Opfer geworden, während er in seiner Gefängniszelle zu deinem Foto masturbiert hätte.

Wie viele Kriminologen und Psychologen übersiehst auch du manchmal das Offensichtliche. Bei allem Respekt: Ihr blickt zu selten über den Tellerrand hinaus. Wenn du eine Mörderin anschreibst, dann musst du sie auf multisensorische Weise ansprechen: Deine Worte müssen zu ihrer Denkweise passen, fotografische, visuelle Reize ihrem favorisierten Opfertyp entsprechen und das Allerwichtigste ist der Geruchssinn. Der Duft eines teuren Parfums wird noch in ihrer Zelle schweben, lange nachdem sie deine geschriebenen Worte gelesen hat. So wird dein Brief zu etwas Besonderem, der Erinnerungen an eine bessere, längst vergangene Zeit hervorruft.

Bei Männern funktioniert diese Strategie sogar noch besser. Ein sexy Foto, ein Spritzer Parfum und sie können gar nicht anders, als zurückzuschreiben, weshalb ich mich auch bei Mister John »JR« Robinson genau dieser Strategie bedient habe.

Auch wenn ich damit äußerst unprofessionell klingen mag, so glaube ich doch, dass deine vielen interessierten Leser die Deutlichkeit meiner folgenden Aussage schätzen werden: Mr. Robinsons Gedanken waren den Großteil seines Lebens von dem Bereich zwischen seinen Beinen geprägt. Ich wüsste nicht, warum sich das geändert haben sollte. Auf jeden Fall hoffe ich, dass mein Briefverkehr mit JR für dich und deine Leser von Interesse ist.

In der Zwischenzeit freue ich mich darauf, dich bei deiner eigenen Kontaktaufnahme mit Mr. Robinson zu unterstützen. Ich bin gespannt, wohin uns das führen wird.

Zu guter Letzt wünsche ich dir im Namen von allen hier in Quantico viel Erfolg!

Annabel Leigh

Leitende FBI-Sonderermittlerin und Professorin für Strafrecht (Name zum Schutz ihrer Identität geändert, d. Red.), in einem Brief an den Autor.

Wer mit Ungeheuern kämpft

DIES SIND EINIGE AUSZÜGE AUS MEINEN KONTAKTVERSUCHEN:

»Sehr geehrter Herr Dee, vielen Dank für Ihren Brief. Ich war in den vergangenen acht Monaten ziemlich beschäftigt. Die meiste Zeit über schaue ich Football im Fernsehen. Ich kann gerne einen Kontakt zu meiner Anwältin und Ehefrau Teena herstellen. Sie wurde damit beauftragt, das Auto und den Roller zu übergeben, die beim angeblichen Mord an Julie Dart und bei der Entführung von Stephanie Slater verwendet wurden. Einen Besuch im Gefängnis kann ich arrangieren, weil die Sicherheitsmaßnahmen hier [in der Justizvollzugsanstalt Full Sutton] äußerst lax sind.«

Von: Michael Benniman Sams, Insasse #HP2510 – Brief an den Autor, Januar 1995

»Die Lügen, die über mich und die Dinge, die ich angeblich gesagt und getan habe, verbreitet werden, sind zu zahlreich, als dass ich mir darüber Gedanken machen könnte … nun machen Sie mich wirklich wütend.«

Von: Joanne Christine Dennehy, Insassin #A0616A, britische Serienmörderin – Brief an den Autor, 8. Juni 2014

»Christopher, Sie haben bei ihr (Dennehy) ganz offensichtlich einen wunden Punkt getroffen.«

Von: Martin Brunning, Chefermittler der Sonderermittlungseinheit für Schwerverbrechen in Cambridgeshire & Hertfordshire, im englischen Bedfordshire – E-Mail an den Autor, 2014

»Ich weiß, wo du wohnst. Du fährst einen silbernen Mercedes. Aber ich werde dafür sorgen, dass nichts und niemand dir oder deiner Familie wehtun wird, denn ich habe Freunde in deinem Land, die mir helfen.«

Die schaurige Begrüßung des Autors durch Serienmörder Harvey Louis Carignan in der Minnesota Correctional Facility (MCF) im US-amerikanischen Stillwater, 1996

»Verdammt noch mal, ich habe zwei Stunden lang auf dich gewartet. Was glaubst du, wer ich bin? Ich habe Besseres zu tun!«

Von: Ronald »Butch« DeFeo Jr. (dessen Morde die Vorlage zum Film The Amityville Horror aus dem Jahr 2005 boten), Insasse #75-A-4053 in der Green Haven Correctional Facility in Stormville, im US-Bundesstaat New York – zu Autor und Filmteam, 23. September 1994

»Im Namen aller US-Polizeibehörden, denen Sie über die Jahre assistiert haben, bitte ich Sie, das beigelegte Geschenk als kleines Zeichen unserer aller Wertschätzung anzunehmen.«

Von: Lieutenant Glenn R. Miner, New York State Police – Brief an den Autor, 21. August 2013

»Vielen Dank für Ihre Bücher (Wie Serienmörder denken I und II). Sie haben einen Platz in unserer Studienbibliothek gefunden. Beigefügt erhalten Sie ein paar kleine Aufmerksamkeiten zum Dank für Ihre Unterstützung.«

Von: Dr. Gregory M. Vecchi, Abteilungsleiter der Verhaltensanalyseeinheit des FBI in Quantico, Virginia 22135 – Brief an den Autor, 26. Oktober 2009

»Nach Ihrem Brief an den Gerichtsmediziner von West London habe ich mich sofort auf die Suche nach den Dokumenten zu Muriel Maitland gemacht, die Sie angefordert hatten. Wie es der Zufall will, sollten diese Papiere demnächst vernichtet werden, Ihre Anfrage ging aber glücklicherweise noch rechtzeitig ein.«

Von: Louise Hall, Büro des Gerichtsmediziners von West London – Telefongespräch mit dem Autor, 2. Januar 2012

»Vielen Dank für Ihren Antrag auf Einsicht der Beweismittel (Fotokopien), nach r. 57 Regularien der Gerichtsmedizin von 1984 (Beweise von Muriel Maitland vom Mai 1957). Beigefügt sind 47 Seiten.«

Von: Louise Hall, Büro des Gerichtsmediziners von West London – Brief an den Autor, 5. Januar 2012

»Ich habe die Dokumente der gerichtsmedizinischen Untersuchung erhalten, die Sie uns übersendet haben und von denen wir dachten, dass sie bereits vernichtet seien. Für alle weiteren Informationen, auf die Sie im Rahmen Ihrer Recherche stoßen und die uns bei unseren Ermittlungen zum unaufgeklärten Fall der 1957 in Cranford Park, London, ermordeten Muriel Maitland helfen könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar. Wir haben einen forensischen Wissenschaftler damit beauftragt, nach den Dokumenten und physischen Beweismitteln zu suchen, die Sie benötigen. Halten Sie mich bitte darüber auf dem Laufenden, wie Sie vorankommen … Ich werde Sie informieren, sobald wir nennenswerte Fortschritte gemacht haben, auch hinsichtlich der Wiederherstellung von Fall-Dokumenten und Beweismitteln. Vielen Dank für all Ihre Unterstützung und viel Erfolg!«

Von: MetPol SCDI, Sonderermittlungseinheit für Mord und Schwerverbrechen von New Scotland Yard – Briefverkehr mit dem Autor, ca. Januar 2012

»Er ist Brite (dieser Autor) und vollkommen verrückt. Ich arbeite seit 20 Jahren in der Mordkommission, aber der Kerl jagt mir eine Heidenangst ein. Er hat mich dazu gebracht, ihm die Carignan-Akten rauszugeben … wofür ich mächtig Ärger mit meinem Vorgesetzten bekommen habe. Dann hat er Harv gelesen wie ein offenes Buch und anschließend allen Seelenklempnern den Vogel gezeigt, die ihn rehabilitieren wollten. […] Harvey Carignan ist der verdammte Teufel! Den hätte man schon vor Jahren auf dem Stuhl grillen sollen, die Menschen hätten Schlange gestanden, um den Schalter umzulegen. Und nach seinem Tod hätte man ihm einen Pfahl durchs Herz bohren, ihn verbuddeln und eine Woche später wieder ausgraben sollen, um ihm einen weiteren Pfahl reinzurammen, damit er auch wirklich tot ist, verdammt noch mal!«

Von: Detective Russell J. Kruger, Chefermittler des Minneapolis Police Department, 15. Juni 1995

Einleitung

Willkommen in »Christophers Welt«. Dies ist eine Eintrittskarte in die hochgradig verstörenden, dunklen Abgründe des Geistes von Psychopathen und Bestien. Ich darf dabei Ihr »Reiseführer« sein und nun, da Sie dieses Buch lesen, müssen Sie mir folgen, ob Sie wollen oder nicht!

Ich interviewe seit Jahrzehnten mordende Psychopathen und Bestien und habe währenddessen ganz nebenbei noch mehrere unaufgeklärte Mordfälle lösen können. Ich war daher wenig überrascht, als mein langjähriger Verleger John Blake mich eines Tages bat, das Buch Wie Psychopathen denken zu schreiben. Johns Bedingung lautete, Sie – den Leser – dabei mitzunehmen, und zwar ohne Wenn und Aber. Punkt! Ich mag diese lockere und doch direkte amerikanische Art: »’N schönen Tag noch, Leute!« So viel vorweg: Einen schönen Tag werden Sie beim Lesen der folgenden Seiten sicher nicht haben. Punkt!

Das Buch sollte auch vom Titel her – so Johns Idee – an meinen Bestseller Wie Serienmörder denken anschließen. In meinem Archiv lagerten noch Tausende unveröffentlichte Briefe, Dokumente und anderes unbenutztes Material. Daher beschloss ich, diese wertvollen und einzigartigen Quellen ordentlich zu entstauben und in dem Buch zu verarbeiten, das Sie gerade in Ihren Händen halten. Klingt einfach, war es letztlich aber ganz und gar nicht.

Denn als ich bereits 45 000 Wörter des vertraglich vereinbarten 75 000 Wörter umfassenden Manuskripts fertiggestellt hatte (am Ende wurden es ca. 80 000 Wörter), erreichte mich plötzlich eine E-Mail meines Chefredakteurs Toby Buchan. Sinngemäß schrieb er: »Ach ja, Christopher … wir dachten eher an alle Arten von Psychopathen und Bestien. Nicht nur an die Mörder, mit denen du in der Vergangenheit bereits gesprochen hast.«

Und schon stand ich wieder am Anfang, war zurück auf Seite eins.

Seit Jahren beharre ich darauf, dass die Straftäter, die ich interviewt habe und zu denen ich teils bis heute Kontakt halte, in einer Welt leben, in der Elefanten fliegen und Bleikugeln hüpfen können und Feen herrschen. Diese Umschreibung stammt eigentlich nicht von mir, sondern von einem guten Freund, dem ehemaligen Richter Stuart Namm aus Suffolk County in Long Island, der mich bei vielen meiner TV-Dokumentationen beraten hat. Er sagte das einmal, als wir im Jahr 2000 in seinem Pool schwammen und uns unterhielten. Auf jeden Fall musste ich infolge der etwas verspäteten Instruktionen von John und Toby feststellen, dass offenbar viele in einer Welt leben, in der Elefanten fliegen und Bleikugeln hüpfen können und Feen herrschen.

Wir sind umgeben von soziopathischen und korrupten Politikern, die »uns belügen und wie Idioten behandeln«, schrieb Max Hastings in der Daily-Mail-Ausgabe vom 9. Dezember 2015. Von geldgierigen Bonzen, die sich selbst die Taschen vollstopfen, von skrupellosen Hochstaplern wie dem inzwischen verstorbenen Verlags-Tycoon und Erzschwindler Robert Maxwell (der vermutlich vom Mossad eliminiert wurde), den man nur als aufgeblasenen, psychopathischen und größenwahnsinnigen Tyrannen bezeichnen konnte und der der wahren Bedeutung dieser Worte mehr als gerecht wurde.

Daneben gibt es religiöse Führer, verrückte Ärzte, Psychiater und Abertausende Idioten, die mit ihrer beinahe grenzenlosen Macht allen anderen das Leben schwermachen können, nur weil sie mit Schutzwesten und einer Ausrüstung ausgestattet sind, die alle Spezialeinheiten vor Neid erblassen lassen würden.

Kriminelle Psychopathen und Bestien, die andere umbringen, werden eingesperrt, manche sogar hingerichtet – und das ist aus meiner Sicht auch gut so. Der gewissenlose Direktor einer insolventen Bank, dessen strafbar fahrlässiges Handeln Zehntausende seiner Kunden in den finanziellen Ruin und teils in den Selbstmord getrieben hat, weil sie plötzlich vor dem Nichts standen, erhält als »Strafe« dagegen eine millionenschwere Abfindung in Form einer Rente, die größer ist als das Bruttoinlandsprodukt von Griechenland, plus eine Berufung ins britische Oberhaus.

Der Autor Anthony Trollope schrieb 1875 in seinem literarischen Meisterwerk The Way We Live Now (auf Deutsch etwa: Wie wir heute leben), die ganze Bande (Politiker) sei »falsch von Kopf bis zu den Zehen« und gehöre »ausgepeitscht«. Während psychopathische und bestialische Mörder hinter Gittern versauern, sitzen diese soziopathischen »Schlipsträger« in Nadelstreifen auf teuren Yachten und erwerben die schönsten Anwesen auf der ganzen Welt, obwohl sie die Gesellschaft betrogen und unermesslichen Schaden angerichtet haben. Dort feiern sie dann ihre Erfolge und Exzesse, vollkommen unfähig, Reue zu empfinden. Diese Menschen wissen vermutlich nicht einmal, wie das Wort Reue geschrieben wird. Doch ich schweife ab …

All jene, die sich vor allem für die Gedankenwelt von Mördern interessieren, wird dieses Buch nicht enttäuschen. Zum ersten Mal in der Kriminalgeschichte habe ich einen der brutalsten Serienmörder der Welt gebeten, zwei meiner Bücher zu rezensieren und seine »Expertenmeinung« zu den darin geschilderten Fällen abzugeben.

Keith Hunter Jesperson, der sogenannte »Happy Face Killer«, sitzt aktuell im Staatsgefängnis von Oregon eine lebenslange Haftstrafe ab. Ich schickte ihm Exemplare meiner Bücher Wie Serienmörder denken (die inzwischen Pflichtlektüre für Studenten der Verhaltensanalyseeinheit des FBI in Quantico, im US-Bundesstaat Virginia sind) und war gespannt darauf, wie dieser großspurige Kerl – ein Mann ohne Gewissen oder auch nur den kleinsten Funken Reue für seine abscheulichen Taten –, dieser fast zwei Meter große, abstoßende Mensch andere Psychopathen und Bestien analysieren und bewerten würde. Einige Auszüge aus Jespersons Kritik haben ihren Weg in dieses Buch gefunden. Seine Aussagen werden Sie vermutlich genauso überraschen wie meine Freunde beim FBI.

Einmal schickte er mir ein Blatt Papier mit dem Umriss seiner rechten Hand und schrieb dazu: »Um jemanden zu erwürgen, braucht man Hände, die so groß sind wie diese.« Er prahlte, dass es immer noch unzählige »Mörder-Groupies« gäbe, die ihn heiraten wollten, und legte als Beweis dafür den Brief einer Bewunderin bei, der mit einem roten Lippenabdruck versehen war, der allerdings ganz und gar nicht nach Lippenstift aussah. »Menstruationsblut«, behauptete Jesperson.

Natürlich haben die Anwälte meines Verlags mir strikt verboten, den Namen der Dame zu nennen, die Jesperson dieses Symbol ihrer Zuneigung zukommen ließ. Mit meinem Buch Wie Psychopathen denken möchte ich dennoch aufklären. Vor Jahren veröffentlichte ich einen viel gelobten Artikel im Fachblatt The Justice of the Peace, dessen Leser vor allem Rechtswissenschaftler und Richter sind. Letztere sind befugt, bei ihren Urteilen mildernde Umstände zu berücksichtigen, die durch forensische Psychiater der Verteidigung präsentiert werden, welche meist, wenn auch nicht immer, aus öffentlichen Mitteln bezahlt werden.

Sie können sich sicher vorstellen, dass Psychiater der Anklage – die ebenfalls ein kleines Vermögen aus öffentlichen Geldern beziehen – in der Regel anderer Meinung sind als ihre Kollegen auf der anderen Seite des Gerichtssaals. Sperrt man ein halbes Dutzend solcher »Seelenklempner« gemeinsam in einen Raum, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich alle auf eine Sache einigen können, genauso groß wie Ihre oder meine Chance, im Lotto zu gewinnen.

Dieses Buch dokumentiert nur einige wenige, besonders tragische Fälle, in denen Mörder wieder auf freien Fuß gesetzt wurden, nur um danach immer und immer weiter zu morden. Der Massenmörder Paul Beecham, den ich in der psychiatrischen Hochsicherheitsklinik Broadmoor interviewt habe, ist ein solcher Fall. Rita Riddlesworth, ein freundliches Mitglied des britischen Freiwilligen-Netzwerks League of Friends, verliebte sich nach einem Besuch in Beecham und engagierte sich fortan für dessen Freilassung, der 1985 tatsächlich stattgegeben wurde. Am Ende brachte Beecham sie um, bevor er sich selbst in den Kopf schoss. Aber zu Paul kommen wir später noch.

Überraschenderweise gibt es auch viele überzeugte Gläubige, die sich für die Resozialisierung von Monstern wie Kenneth Alessio Bianchi einsetzen (dem als »Hillside Strangler« berüchtigten US-Serienmörder, der Frauen und Schulmädchen vergewaltigt und erwürgt hat). So schrieb Frederick Ellsworth, ein Priester der orthodoxen »Christ the Healer«-Kirche im USBundesstaat Washington, doch tatsächlich folgende Bewährungsempfehlung zugunsten dieses abscheulichen Monsters:

»Ken ist sehr offen, er teilt seine Gedanken bereitwillig mit anderen und ist dabei äußerst zugänglich. Ich habe zwei kleine Töchter daheim und würde ihn sogar in meinem Haus willkommen heißen. Er würde gut zu meiner Familie passen, seine Briefe waren stets etwas ganz Besonderes.«

Außerdem erklärte Bruce Zicari, ein Steuerberater aus Penfield, New York:

»Ich möchte noch einmal betonen, wie sehr ich Kenneth Bianchi schätze. Ich bin mir sicher, dass er erfolgreich sein kann, ganz egal welchen Karriereweg er für sich wählen mag.«

Bianchi ist ein brutaler, sado-sexueller Serienmörder, der mindestens 15 Frauen und Kinder auf dem Gewissen hat. Trotzdem durfte er an der Priesterausbildung einer kirchlichen Hochschule teilnehmen, die er auch bestand, sodass er 1986 von der katholischen Kirche zum Priester geweiht wurde, weshalb er sich fortan als »Hochwürden K. Bianchi« bezeichnen kann. Im Fernstudium schloss er Studiengänge zu östlichen Religionen, Naturreligionen, Judentum und biblischer Archäologie ab und schrieb eine eigene Predigt mit dem Titel »Word on the Word«. Später verklagte er den US-Spielkartenhersteller Eclipse Enterprises aus Forestville, Kalifornien, auf mehrere Millionen Dollar Schadenersatz, weil die Firma ohne vorherige Genehmigung ein Foto von ihm verwendet und somit sein »Urheberrecht verletzt« habe, wie er sich 1995 in einem Brief an mich beschwerte.

»Mein Mann und ich haben uns letztlich wegen all dem Stress scheiden lassen«, erklärte mir daraufhin Katherine Yronwode, die ehemalige Besitzerin von besagter Firma, 1995 in einem Telefongespräch. »Unsere Arbeit der letzten 20 Jahre war umsonst. Ich kann Ihnen nicht sagen, was ich von Bianchi halte, weil er mich sonst vielleicht wieder verklagt. Ich bin pleite. All unsere Träume, die finanzielle Absicherung unserer Kinder, ihre College-Ausbildung, eine Zukunft ohne finanzielle Verpflichtungen – all das wurde von ihm zunichtegemacht.«

Im Gefängnis wurde der Kindermörder Kenneth Bianchi (der mich inzwischen ganz und gar nicht mehr leiden kann) Mitglied der American Bar Association, einer Vereinigung von Anwälten und anderen Juristen. Unterstützt und finanziert durch das sogenannte »Improvement Programme« der Strafvollzugsbehörde im Bundesstaat Washington, hatte er die Klage gegen Katherine Yronwode angestrengt. Anschließend beschwerte er sich beim Staat darüber, dass man mir erlaubte, in sein Privatleben einzudringen. Als ich einmal seine Zelle betrat, ohne vorher einen Termin mit ihm vereinbart zu haben, flippte er völlig aus und versuchte sogar, mich zu verklagen. Zum Glück unterlief ihm dabei ein Fehler. Da ich in England lebe, war ich vor seinen juristischen Schritten sicher. Man kann sich das kaum vorstellen: Allein die Androhung eines Rechtsstreits, auch wenn sie – wie sich später herausstellte – jeglicher Grundlage entbehrte, sorgte in meinem Verlag für allerhand sorgenvolle Gesichter, das können Sie mir glauben!

Ich heiße Sie nun also willkommen am Rand des Abgrunds, in dieser heimtückischen Welt der Psychopathen und Bestien. Tauchen Sie mit mir ein in dieses Höllenloch und Ihr Leben wird danach nicht mehr dasselbe sein.

Psychopathie

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Auffassung verbreitet, der Begriff »Psychopathie« sei politisch inkorrekt, weshalb insbesondere manche mit einer linksliberaleren Einstellung versuchten, stattdessen den Begriff »Soziopathie« zu etablieren. Tatsächlich sind beide Begriffe aber so eng miteinander verwoben, dass es eigentlich unmöglich ist, eine genaue Unterscheidung vorzunehmen. Jüngst ist man daher wieder auf Psychopathie umgeschwenkt.

Jon Ronson, Autor von Die Psychopathen sind unter uns: Eine Reise zu den Schaltstellen der Macht, wäre nie und nimmer auf die Idee gekommen, »Psychopath« durch »Soziopath« zu ersetzen. Ich würde außerdem behaupten, die dreiteilige US-Dokumentation Meet the Psychopaths (auf Deutsch etwa: Treffen mit Psychopathen) hätte Tausende Zuschauer weniger gehabt, wäre sie mit dem Titel Meet the Sociopaths (auf Deutsch etwa: Treffen mit Soziopathen) beworben worden. Und das aus gutem Grund: Der Begriff »Soziopath« klingt harmloser, weniger schockierend. Der Wortbestandteil »sozial« impliziert Gemeinschaft und Zusammenleben und lässt den Schluss zu, das entsprechende Individuum würde lieber in einer Gemeinschaft leben als allein. Mit dem Begriff »sozial« verbinden wir Freundlichkeit und Gemeinschaftssinn. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass die Charaktere in diesem Buch keinerlei soziale Eigenschaften besitzen. Wenn überhaupt, dann müssten wir das Präfix »dis-« voranstellen, sie also als »dissozial« bezeichnen, was aber wiederum kein sonderlich griffiger Buchtitel gewesen wäre.

Das Gute am Begriff Psychopath ist, dass man ihn nach Herzenslust anpassen und erweitern kann: »psychopathisch«, »psychopathologisch«, »Psychopathie« oder schlicht »Psycho«, wobei man bei letzterer Variante sofort an den gleichnamigen Horrorfilm von Alfred Hitchcock aus den 60er-Jahren mit Anthony Perkins und Janet Leigh in den Hauptrollen denken muss. Viele von Ihnen kennen sicher die legendäre Szene, in der Leigh unter der Dusche von Perkins erstochen wird. Wenn wir bei Wortassoziationen bleiben wollen: Nehmen Sie die Begriffe »Schweigen« und »Lämmer«, dabei wird Ihnen sofort der Thriller Das Schweigen der Lämmer aus dem Jahr 1991 in den Sinn kommen, in dem es um den blutrünstigen Psychopathen Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) geht.

»Psychopath« ist keine positive Bezeichnung, vielmehr läuft es einem dabei eiskalt den Rücken herunter und die Nackenhaare stellen sich auf – übrigens ein physiologischer Vorgang, der bei Menschen häufig kurz vor dem Tod oder einer Hinrichtung beobachtet wird.

Es wurden bereits Hunderte Bücher, Artikel und wissenschaftliche Fachaufsätze zum Thema Psychopathie veröffentlicht, darunter Titel wie Are you a Psychopath? (auf Deutsch etwa: Sind Sie ein Psychopath?) und Psychopaths – How Can You Spot One? (auf Deutsch etwa: Woran erkennen Sie einen Psychopathen?). Dementsprechend spannend fand ich es, als mein Verleger mich fragte, was ich denn vom Arbeitstitel Wie Psychopathen denken halten würde. Anfangs war ich noch der Meinung, dass dieses Thema eigentlich ausreichend behandelt worden ist, erkannte aber schnell, dass es durchaus noch Bedarf für ein weiteres Buch gab. Ich fragte mich allerdings, warum man nun mich damit beauftragte, jenes Buch zu schreiben?

Falls Sie noch kein Buch von mir gelesen haben: Ich habe bisher mit mehr als 30 Serienmördern Interviews von Angesicht zu Angesicht geführt, dazu mit einigen Massenmördern, Amokläufern und dem einen oder anderen Einmaltäter. Der Großteil der Mörder, mit denen ich gesprochen habe, verspürt den psychopathischen Drang, sich unschuldige Opfer zu suchen, um sie auf ganz schreckliche und unmenschliche Weise zu töten.

Ich habe den größten Respekt vor all jenen, die das Studium der Psychopathie zu ihrem Lebenswerk erkoren haben. Dennoch sind wir uns vermutlich alle darin einig, dass unser Verständnis der Funktionsweise des menschlichen Gehirns noch immer in den Kinderschuhen steckt. Dementsprechend gibt es unterschiedliche Meinungen zu den Ursachen von Psychopathie, je nachdem, wen man fragt und auf welcher Seite des »Spielfelds« dieser Jemand sitzt. Forensische Psychiater und Psychologen geben bei ihren Einlassungen vor Gericht (oder wo sonst ihre »Expertengutachten« benötigt werden) deshalb häufig vollkommen gegenteilige Einschätzungen ab. Außerdem ist es oft so, dass – sobald jemand glaubt, den Auslöser von Psychopathie gefunden zu haben – das Kind ja längst in den Brunnen gefallen ist.

Neueste Untersuchungen zeigen, dass die Amygdala im Gehirn häufig in Konflikt mit dem Frontallappen gerät. Außerdem scheint ein Mangel an Serotonin eine Ursache für Psychopathie zu sein und Grund dafür, warum Mörder diese abscheulichen Dinge tun. Wir werden überhäuft mit Begriffen wie »Verdrängung«, »missverstandene Bedürfnisse«, »hemisphärische Asymmetrie« oder »wiederholte Störung der Affektkontrolle«. Offenbar ist die Amygdala dafür verantwortlich, wenn im frontalen Cortex die Sicherungen durchbrennen und die Nerven durchdrehen.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie der Psychiater Dr. Dennis Philander während der Verhandlung im Fall des Serienmörders Harvey Carignan (ein Mann, zu dem ich selbst jahrelangen Kontakt pflegte und den ich persönlich interviewt habe) frustriert die Hände in die Luft streckte. Nachdem er den Gerichtssaal verlassen hatte, rief er aufgebracht: »Warum können sich nicht zwei Kollegen wenigstens einmal auf eine Diagnose einigen?« Und bevor er wütend davonstürmte, brüllte er noch: »Genau das ist unser aller Problem: Wir können uns nie auf etwas einigen. Zum Teufel mit seiner Amygdala! Sollte mein Klient das nächste Mal in einer weißen Robe und Ledersandalen im Gerichtssaal erscheinen, werde ich seinem Anwalt mitteilen, dass er von mir keine Hilfe erwarten kann, schließlich gab es von Gott auch keine.«

»Ihre (psychopathische) roboterartige Grausamkeit äußert sich in der Entmenschlichung anderer, einem verkümmerten Gewissen und in der Unfähigkeit, jegliche Form von Mitgefühl zu empfinden. Sie sind üblicherweise aalglatt, wortgewandt, sehr akkurat und gekünstelt – und verhalten sich gleichermaßen kontrolliert und kontrollierend. Hinter einer ›Maske des Wahnsinns‹ leben sie ein oberflächliches und häufig destruktives Leben.«

Dr. Richard Kraus

Was ich Ihnen nun sage, wird sie erstaunen: Wussten Sie, dass ein normaler Mensch über 100 Milliarden Gehirnzellen verfügt und dass ein zusätzliches Chromosom in jeder Zelle bei einem Mann mit XYY-Syndrom weiteren 100 Millionen Chromosomen entspricht? Forschungsergebnisse des weltweit renommierten Wissenschaftlers Dr. Arthur Robinson decken sich mit der Arbeit von Dr. Richard Kraus, der sagt: »Untersuchungen zeigen, dass Männer mit XYY-Syndrom, verglichen mit ihrer Inzidenz in der Bevölkerung, lebenslang ein zwanzigfach höheres Risiko besitzen, in einer psychiatrischen Anstalt oder im Gefängnis zu landen – das ist ein nicht unerhebliches Risiko.«

Dr. John Money scheint diese Erkenntnis zu stützen und misst der entsprechenden Debatte eine große Bedeutung zu. Er veröffentlichte einen Artikel namens »Human Behavior Cytogenetics« im Fachmagazin Journal of Sex Research, in dem er schreibt: »Es scheint eindeutig, dass ein zusätzliches Chromosom im Kern jeder Gehirnzelle einen Menschen auf irgendeine Weise anfälliger für die Ausbildung mentaler Verhaltensstörungen und -anomalien macht, was möglicherweise einer der Auslöser für gewaltsame Psychopathie ist.«

Während meiner Recherchen zum Fall des amerikanischen Serienmörders Arthur John Shawcross (inzwischen verstorben) bin ich auf Erstaunliches gestoßen. Neben dem eben beschriebenen XYY-Syndrom litt Shawcross außerdem an einer Anomalie im Stoffwechsel. Viele von uns kennen Stoffwechselprobleme nach durchzechten Nächten mit einem extra-scharfen Döner als Betthupferl. Shawcross aber hatte Probleme mit dem kaum bekannten Stoff Kryptopyrrol, der eine äußerst unangenehme Stoffwechselstörung auslösen kann. Kryptopyrrol war damals derart unbekannt, dass die Hälfte der Experten, die Dr. Kraus konsultierte, noch nie davon gehört hatten und die Mitarbeiter im Biochemielabor der Universität von Rochester nicht einmal wussten, wie man das Wort schreibt. Ihre Reaktion: »Klingt wie aus einem Superman-Film.« Das alles mag sehr weit hergeholt erscheinen, doch ob Sie es glauben oder nicht: Wenn jemand zu viel Kryptopyrrol in sich trägt, dann ist das ein sehr ernsthaftes Problem.

Im Fall von Arthur Shawcross analysierte Dr. Kraus Blut und Urin des Mörders im Labor. Während die Werte von Kupfer, Zink, Eisen und Histamin im Normbereich eines gesunden Menschen lagen, brachte die Urinanalyse ein unerwartetes Ergebnis: Der Kryptopyrrol-Wert lag bei »H 200,66 µg/100 ml«, obwohl der Normalwert zwischen 0 und 20 liegen sollte. (Das »H« war Labor-Kurzschrift für »hoch«.)

Der Begriff Kryptopyrrol ist vom griechischen Wort kryptos abgeleitet, das so viel wie »verborgen« bedeutet, und pyre stammt vom griechischen Wort für »Feuer«. Sowohl im Griechischen als auch im Lateinischen wurde daraus die Wortkombination pyrrole gebildet, was so viel heißt wie »feuriges Öl«. Kryptopyrrol besagt wörtlich übersetzt also »verborgenes, feuriges Öl«. Es besitzt eine ähnliche chemische Struktur wie andere bekannte Wirkstoffe, die der Hirnfunktion schaden, etwa LSD (die »psychedelische« Droge Lysergsäurediäthylamid). Ein erhöhter Kryptopyrrol-Wert ist zwar kein Anzeichen einer spezifischen Krankheit, gilt bei extremen Werten aber als biochemischer Marker für eine psychiatrische Störung, genau wie eine auf einem handelsüblichen Fieberthermometer angezeigte erhöhte Temperatur ein Indikator für eine körperliche Erkrankung ist. Dieses biochemische Abbauprodukt (5 Hydroxyl [l]-Kryptopyrrole Lactam) kommt beim Menschen normalerweise gar nicht oder nur in äußerst geringen Mengen vor und kann an einer malvenfarbigen Schattierung des Urins erkannt werden.

Dr. Klaus ahnte, dass er hier eine wichtige Entdeckung gemacht hatte, und setzte seine Forschungen bis spät in die Nacht hinein unermüdlich fort. Dabei fand er heraus, dass bereits ein Kryptopyrrol-Wert von mehr als 20 µg/100 ml ein Grund zur Besorgnis darstellt. Noch mal: Der Wert von Shawcross lag bei unglaublichen 200 µg/100 ml!

Kryptopyrrol beeinflusst auch die Produktion von Gallenflüssigkeit. In extremen Mengen vorhanden, kann es gemeinsam mit Vitamin B6 und Zink eine Stoffwechselstörung namens Pyrrolurie hervorrufen. Diese Tatsache stellte sich als weiteres wichtiges Puzzlestück zum Verständnis der Ursachen von Shawcrosses Psychopathie heraus, denn Menschen, die an Pyrrolurie leiden, funktionieren in einem kontrollierten Umfeld mit wenig Stress, einer ausgewogenen Ernährung und einer gewissen Struktur sehr gut. Von der anfänglichen Eingewöhnungsphase einmal abgesehen, die alle Insassen einer Haftanstalt durchmachen, fühlte sich Shawcross in den festen Strukturen des Strafvollzugs, mit durchgetakteten Tagen und einer ausgewogenen Ernährung, ziemlich wohl – wie übrigens die meisten Serientäter, die ich interviewt habe.

Gleichwohl scheinen solchermaßen Betroffene in einem weniger kontrollierten Umfeld, wie wir es außerhalb der Gefängnismauern vorfinden, zu leiden. Sie sind dann bei Provokationen nicht in der Lage, ihre Wut zu kontrollieren, leiden unter Stimmungsschwankungen, vertragen keinen Lärm, reagieren empfindlich auf helles Licht und sind eher »Nachtmenschen«. Sie lassen das Frühstück meist ausfallen, können sich selten an Träume erinnern und besitzen ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis, weshalb sie vermutlich schlechte Lügner sind. Manchen fehlen Pigmente in der Haut, wodurch sie unnatürlich blass wirken, zudem wird ihr Haar häufig schon frühzeitig grau und sie sind nur bedingt in der Lage, mit Stress umzugehen. Solche Menschen sind äußerst gefährliche Individuen und stellen eine ernste Gefahr für die Allgemeinheit dar.

Da ich Shawcross selbst viele Jahre lang studiert und ihn mehrfach interviewt habe, hatte ich einen guten Einblick in seine Persönlichkeit. Es scheint – und da stimmt Dr. Kaus mir zu –, als entsprächen Arthur Shawcrosses Symptome in jeder Hinsicht denen eines Menschen mit abnormal hohen Werten dieser toxischen »chemischen Invasion«. Während ich Shawcrosses Lebensgeschichte buchstäblich von der Wiege bis zur Bahre eingehend untersucht habe – einschließlich der elterlichen Situation, der abnormalen EKGs, seiner allgemeinen Nervosität, des stetig abnehmenden Ehrgeizes, der schlechten schulischen Leistungen und verminderten sexueller Potenz –, fand ich heraus, dass der Ursprung all dieser Probleme in seiner Vergangenheit lag.

Auch wenn sie keine Entschuldigung für seine furchtbaren Verbrechen sein dürfen, waren die Anomalien Auslöser für eine ausgeprägte Reizbarkeit, die Wutausbrüche, die Unfähigkeit, bei Provokation seinen Zorn zu kontrollieren und Stress zu bewältigen, die Stimmungsschwankungen, die Gewaltausbrüche und sein psychopathisches Verhalten. Und all diese Auffälligkeiten, die auf ein erhöhtes Risiko rückschließen lassen, extrem gewalttätig zu werden, waren evident im Verhalten dieses Mannes. Er war gewissermaßen eine »menschliche Zeitbombe«. In meinem Bestseller Wie Serienmörder denken habe ich Shawcross ein ganzes Kapitel gewidmet.

Ein weiteres Kapitel widmete ich Kenneth Alessio Bianchi, den ich als durchweg böse bezeichnen würde, weil ihm jegliches Mitgefühl für andere fehlt. Wenn Sie eine Begriffserklärung für »böse« suchen, dann würden Sie sie finden, wenn Bianchi Sie mit seinen kalten pechschwarzen Augen anstarren würde. Er ist einer der kaltblütigsten Menschen, die ich je interviewt habe – und glauben Sie mir, das will was heißen! Er ist allerdings kein Psychopath, denn der Begriff ist medizinisch und juristisch fest definiert.

Während der Verhandlung im Fall dieses abscheulichen sado-sexuellen Serienmörders, 1979 im US-Bundesstaat Washington, konnte sich eine Gruppe der angesehensten Psychiater Nordamerikas nicht auf eine Diagnose zu dessen Geisteszustand einigen – sie kann es bis heute nicht. Ein erfahrener Ermittler verriet mir damals seine ganz persönliche und – zugegebenermaßen – äußert direkte Einschätzung: »Als der Teufel persönlich mal in ein Scheißhaus gewichst hat, kam wenig später Bianchi rausgekrochen.«

»Offenbar ist Ken immer dann losgezogen, um jemanden umzubringen, wenn er Streit mit einer Freundin oder irgendein anderes Problem hatte. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass er damals, zwischen 1971 und 1973, diese drei Schulmädchen getötet hat. Das habe ich auch der Polizei gesagt.«

Frances Bianchi, Kenneth Bianchis Adoptivmutter, in einem Interview mit dem Autor, 1996

Bianchi log, um sich cleverer erscheinen zu lassen, als er tatsächlich war. Er wollte auf keinen Fall unterlegen wirken in den Augen von Gleichaltrigen, die alle erfolgreich waren, während er immer wieder scheiterte. Er wollte für etwas bewundert werden, das er gar nicht war. Auf der Universität versagte er in allen Kursen kläglich und seine Bewerbung bei der Polizei wurde abgelehnt. Stattdessen bot man ihm den Job eines Gefängniswärters an, den er ablehnte. Er wollte in allem, was er tat, brillieren.

Wenn man sich Bianchis Geschichte ansieht, merkt man, dass er sich stets viel zu hohe Ziele setzte, weil er sich selbst als »einzigartig« betrachtete.

Frauen, die auf den gut aussehenden und überzeugenden Lügner hereinfielen, blickten schnell hinter seine falsche, großspurige Fassade – sobald er sie nämlich betrog – und verließen ihn. Er war nicht in der Lage, die Bedürfnisse anderer zu erkennen oder sich in ihre Gefühle hineinzuversetzen, auch nicht bei seiner Mutter Frances oder später seiner (inzwischen verstorbenen) Lebensgefährtin Kellie Kay Boyd. Er sah sich als etwas Besonderes. Hochnäsig und egozentrisch glaubte er fest daran, besser zu sein als alle anderen Menschen. Daher fühlte er sich ihnen überlegen und behandelte sie entsprechend herablassend. Trotzdem scheiterte Bianchi immer wieder und man kann erkennen, dass seine oberflächlichen zwischenmenschlichen Beziehungen und sein Streben nach Erfolg – im Grunde sein gesamtes Ego – die ganze Zeit über an einem seidenen Faden hingen, wie ein Luftballon, der kurz vor dem Platzen steht. Mit seiner Selbstsucht, Großspurigkeit und Arroganz und durch das ständige Ausnutzen von anderen richtete er sich selbst zugrunde. Wie feuchter Zement, der langsam zerfällt, bröckelte auch sein Ego.

Nachdem dieses barbarische Monster im Oktober 1979 lebenslang ins Gefängnis kam, schaltete sich die Kirche ein und kam zu dem Schluss, Bianchi sei »ein guter Mann, der zu Gott gefunden« habe. Wie bereits erwähnt, erklärte ein Priester sich sogar bereit dazu, jeden von Bianchis Bewährungsanträgen zu unterstützen, und versicherte: »Sollte Ken entlassen werden, würden wir ihn bei uns zu Hause willkommen heißen. Ich würde ihm mit meiner Frau und meinen beiden Töchtern unter einem Dach definitiv vertrauen.«

Bianchi machte später erst seinen Bachelor und dann seinen Doktor in Rechtswissenschaft und wurde Mitglied des Juristenbundes National Bar Association. 1988 behauptete er in einem Brief an mich, einen weiteren Studienabschluss erlangt zu haben.

Bianchi zeigte Anzeichen einer dissoziativen Identitätsstörung und nannte sich selbst auch »Steve« und »Billy«. Psychiater untersuchten ihn nach seiner Inhaftierung diesbezüglich gründlich. Zuletzt wurde sein Hang zu wechselnden Identitäten immer stärker. In kürzester Zeit legte er sich eine Reihe neuer, blitzsauberer Alter Egos mit elegant klingenden italienischen Namen zu, die er auch offiziell äußerte: »Anthony D’Amato« (was so viel bedeutet wie »des geliebten«) und »Nicholas Fontana«. Obwohl schwer von Aknenarben gezeichnet, hatte diese Bestie eine ganze Horde weiblicher Verehrerinnen, die es gar nicht abwarten konnten, ihn zu heiraten.

Kein guter Plan! Einmal hat er in drei Jahren drei Frauen geheiratet, nur um sich anschließend sofort wieder von ihnen scheiden zu lassen.

Auch als er noch auf freiem Fuß war und Morde beging, entwickelte Bianchi eine Reihe falscher Identitäten. In Los Angeles gab er sich als Psychiater mit Namen »Dr. Bianchi« aus, hatte aber keinerlei Patienten.

Also wurde er kurzerhand zum Pseudo-Polizisten »Captain Bianchi«, während er als Wachmann in der kleinen Hafenstadt Bellingham, Washington, arbeitete, wo er zwei Studentinnen umbrachte. Am Ende hatte er mindestens elf Morde an Frauen plus zwei an Schulmädchen auf dem Kerbholz. Nebenbei gilt er nach wie vor als Hauptverdächtiger für die Vergewaltigung und den Mord an drei jungen Mädchen in Rochester, New York, in den frühen 1970er-Jahren. True-Crime-Fans kennen diese Mordfälle unter dem Namen »Die Alphabet-Morde« oder »Doppelinitial-Morde«, weil die Vornamen aller drei Opfer mit denselben Buchstaben begannen wie ihre Nachnamen: Carmen Colon (10), Wanda Walkowitz (11) und Michelle Maenza (11).

»Chris, ich habe die sieben Seiten, die du benötigst, wirklich verloren.« Bianchi 1996 in einem Brief an den Autor. Es ging um seine Aufenthaltsorte und seine Blutgruppe, im Zusammenhang mit den Morden an Karen

Mandic und Diana Wilder am 11. Januar 1979 in Bellingham. (Die Dokumente wurden später in seiner Zelle versteckt gefunden, nachdem der Autor eine entsprechende Suche veranlasst hatte.)

Detective Terry Wight, einer der Polizisten, die Bianchi in Bellingham verhaftet hatten, meinte: »Uns ist scheißegal, ob er ein Psycho ist oder nicht. So viel ist sicher: Bianchi ist entweder ein verdammt guter Schauspieler oder ein Meister im Lügen. Schauen Sie sich diese Tatortfotos an und dann sagen sie mir, ob es die Eltern dieser toten Mädchen interessiert, was in seinem Gehirn los ist.«

Detective Wight hatte recht. Er war ein Polizist ganz nach meinem Geschmack.

Als ich später mit dem Forensiker Robert Knudsen bei Steak und Pommes in einer Bar in Bellingham zusammensaß, ging der noch weiter und sagte: »Bianchi ist genauso ehrlich wie ein Politiker. Ich habe ihm ganz klar gesagt: ›Wir haben deinen Wagen und wissen, dass du bei dem Haus warst, wo die beiden Mädchen getötet wurden. Wir haben Zeugen, Fingerabdrücke und sogar DNA auf deiner verdammten Hose. Die Laboranalyse wird zeigen, dass du Mistkerl ein Mörder bist. Mein Vorgesetzter will dich hängen sehen. Also: Wollen wir uns nun ernsthaft unterhalten oder willst du lieber gleich Selbstmord begehen, indem du uns hier verarschst?‹ Hey Chris, willst du noch ein Bierchen, Kumpel?«

Das Bier habe ich gern angenommen, denn ich mochte auch Bob Knudsen.

Detective Richard Crotsley von der Mordkommission des LAPD lieferte folgende Einschätzung: »Hätte Bianchi seine Klappe gehalten, wäre selbst der unfähigste Pflichtverteidiger in der Lage gewesen, so viele Nebelkerzen zu werfen, dass er innerhalb weniger Stunden wieder draußen gewesen wäre. Und hätten sich zu allem Überfluss auch noch die Seelenklempner beschwert, man dürfe Bianchis durchgeknalltes Hirn nicht vergessen, dann wäre eine Handvoll Psychiater mindestens ein Jahrzehnt lang damit beschäftigt gewesen, sich auf seinen Geisteszustand zu einigen. Die Folgen wären eine Endlosschleife aus Berufung und anderen Rechtsmittelverfahren und ein Trip in die bundesstaatliche Nervenheilanstalt für weitere Untersuchungen gewesen, sodass Bianchi jahrelang zwischen Knast und Klapsmühle hin- und hergependelt wäre. Und da unser Justizsystem ohnehin auf der Felge fährt, würde die Menschheit zum Zeitpunkt seiner Verurteilung wahrscheinlich längst auf dem Mars spazieren gehen. Der Schweinehund soll hängen!« Auch diese Meinung gefiel mir sehr, weil ich sie teilte.

Für Sie als Leser ist es wichtig zu verstehen, dass ich dieses Buch aus meiner persönlichen Erfahrung heraus schreibe, mit den Informationen, die ich aus Briefen und Interviews mit diesen Mördern und anderen Verbrechern gesammelt habe. Wie die Polizisten, die den Horror und das Leid aufklären müssen, die diese Monster verursacht haben, sage ich nur, was ich denke, und schreibe es nieder. Dabei ist mir nicht wichtig, mich der Meinung all der Fachleute anzupassen, die Vorträge über kriminelle Psychopathie halten und große Reden schwingen, obwohl sie noch nie eine dieser Bestien zu Gesicht bekommen haben. Kurz gesagt: Ich bin genau wie Sie. Vergessen Sie alle Fachbegriffe und die wohlklingenden Bezeichnungen, die Ärzte diesen furchtbaren Bestien verpassen. Manche Menschen sind eben gut und andere ganz abscheulich böse – das müssen wir einfach so akzeptieren.

Hier ein weiteres passendes Beispiel: Dr. Harold Shipmans Patienten, seine Frau sowie seine engsten Freunde und Kollegen (viele von ihnen Psychiater), mit denen er teils jahrzehntelang zusammengearbeitet hat, hielten den Hausarzt für nichts anderes als einen fürsorglichen Doktor. Entsprechend groß war der Schock, als herauskam, dass Shipman einer der gewissenlosesten Serienmörder war, den die Welt je gesehen hat. Über 200 Patienten waren nach seinen Hausbesuchen nie wieder aufgewacht, weil er ihnen eine tödliche Injektion verabreicht hatte. Hätten Sie so etwas für möglich gehalten? Stellen Sie sich vor, es ginge um Ihre Mutter, die sich, von ihren schmerzenden Füßen einmal abgesehen, bester Gesundheit erfreut und ihnen am Telefon freudig erklärt, Dr. Shipman komme diesen Nachmittag vorbei. »Er ist so ein netter Kerl«, schmachtet sie. »Er hat einen Vollbart, weißt du. Und er kleidet sich wie dein Vater, Gott habe ihn selig: Tweed-Sakko, Cordhose, karierte Baumwollhemden und lederne Halbschuhe. Dein Vater war auch Patient bei ihm.«

Am selben Abend erreicht Sie ein weiterer Anruf, bei dem Sie erfahren, dass Ihre Mutter in der Leichenhalle liegt, gestorben eines »natürlichen Todes«. Und kurz nach der Einäscherung bemerken Sie, dass sie ihren gesamten Besitz von 400 000 Euro – eigentlich Ihr Erbe – Dr. Shipman vermacht hat, der gerade dabei ist, sich klammheimlich nach Spanien abzusetzen.

Man darf gar nicht daran denken!

Wenn also irgendwer behaupten sollte, dass Sie nach der Lektüre eines Buchs, dem Lesen eines Zeitungsartikels, dem Studieren einer wissenschaftlichen Schrift oder gar nach einer TV-Sendung in der Lage wären, im Fall der Fälle einen gemeingefährlichen Psychopathen zu erkennen, dann rate ich Ihnen, dies entschieden zu hinterfragen. In den meisten Fällen, die ich in diesem Buch schildere, haben die Opfer die tödliche Gefahr, in der sie schwebten, erst erkannt, als es viel zu spät war. Shipmans Opfer verloren ihr Leben ohne den leisesten Verdacht, dass ihnen ein durchgeknallter Mörder gegenübersaß.

Ich möchte den Fall von Syed Farook und Tashfeen Malik als weiteres Beispiel anführen, das meinen Standpunkt noch einmal unterstreicht. Die beiden – ein Ehepaar aus Redlands, Kalifornien – haben den schlimmsten islamistischen Anschlag in den USA seit dem 11. September 2001 geplant und ausgeführt. 14 Menschen starben, 21 wurden schwer verletzt.

Das Paar hatte ein sechs Monate altes Baby, beide trugen während des Anschlags kugelsichere Westen und Kampfanzüge und waren rechtmäßige US-Bürger mit Green Card. Am 2. Dezember 2015 wählten Farook (28) und Malik (27) das Inland Regional Centre im kalifornischen San Bernardino als Schauplatz für ihr Massaker, eine gemeinnützige Einrichtung für Menschen mit Entwicklungsstörung. Die Attentäter starben bei einer Schießerei mit den Einsatzkräften im Kugelhagel. Das FBI stellte anschließend, neben einem Gebetsteppich, 5000 Schuss Munition, 12 Rohrbomben und verschiedene Gegenstände zur Herstellung von Waffen in der Garage des Paares sicher.

Die Psychopathen Farook und Malik haben diesen Anschlag lange geplant und schließlich ausgeführt, obwohl sie alle Vorteile des Lebens in einer freien Gesellschaft genossen. Sie lagen dem Staat auf der Tasche und entschieden dennoch, ohne jegliche Skrupel einen derart grauenvollen und kaltblütigen Massenmord zu begehen – so gefühllos, dass sie dabei nicht einmal an die Zukunft ihres eigenen Babys dachten.

Ahnten Freunde und Familie nichts davon, dass Farook und Malik in Wahrheit unheilbare Psychopathen waren? Einer der Anwälte von Farooks Familie, Mohammad Abuershaid, meinte dazu: »Sie [Malik] war äußerst konservativ. Sie blieb als Mutter stets zu Hause (in den USA werden solche Frauen als ›Homemaker‹ bezeichnet) und die Familie war völlig geschockt, als sie von dem Anschlag erfuhr. Niemand hat so etwas kommen sehen.« Farooks Schwester Saira sagte ebenfalls aus, sie sei von den blutrünstigen Taten ihrer Familienmitglieder geschockt gewesen: »Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass mein Bruder oder meine Schwägerin zu so etwas fähig sind.« Statt Homemaker wäre die Bezeichnung »Bombmaker« in diesem Fall wohl zutreffender gewesen.

Wir leben in keiner Utopie, wie sie sich Kriminalautor Joel Norris gewünscht hat. Er träumte von einer Welt, in der wir Psychopathen erkennen können und den Behörden melden, wenn jemand die entsprechenden Merkmale erfüllt. Natürlich gibt es Anzeichen im Verhalten eines Menschen, die wir von außen wahrnehmen können. Allerdings sind nicht alle Menschen mit diesen Eigenschaften auch kaltblütige Mörder, die es nicht kümmert, ob sie leben oder sterben. Mindestens 1 Prozent der Bevölkerung besitzt irgendwie geartete psychopathische Wesenszüge. Es könnte also auch Ihr Partner, Ihre Frau, Ihr Zahnarzt oder ein bis an die Zähne bewaffneter machtbesessener Polizist sein. Dennoch müssten Sie schon eine Menge Pech haben, um tatsächlich auf einen psychopathischen Mörder zu treffen.

»In einer Gesellschaft gibt es Regeln, an die wir uns alle halten müssen. Die meisten von uns kennen diese Regeln und befolgen sie auch, weil die Strafe für Missachtung dieser Regeln äußerst empfindlich ausfallen kann. Leider gibt es aber auch Menschen, die diese Regeln verletzen und dafür in einigen US-Bundesstaaten mit dem Tod bestraft werden können. Diese Menschen haben ihre Wahl bewusst getroffen und sind für ihr Schicksal selbst verantwortlich.«

Stuart Namm, Richter am Amtsgericht von Suffolk County, Long Island (USA), in einem Gespräch mit dem Autor, 1994

Auf beiden Seiten des Atlantiks (und auch überall sonst auf der Welt) versuchen psychopathische Mörder immer wieder, durch Plädieren auf Unzurechnungsfähigkeit schweren Strafen zu entgehen, haben damit im Allgemeinen aber nur selten Erfolg. Das liegt daran, dass Psychopathen im Alltag anderen Menschen gegenüber derart normal auftreten, dass selbst jene, die ihnen nahestehen – Familie, Freunde und Kollegen – nichts von ihren geheimen und abartigen Exzessen ahnen.

Der amerikanische Gerichtspsychiater Dr. Martin Blinder hat es 1973 in seinem Buch Psychiatry in the everyday practice of Law (auf Deutsch etwa: Psychiatrie in der täglichen Praxis des Rechts) treffend formuliert: »Auf den ersten Blick scheint ein Psychopath ganz normal zu sein.« Im Weiteren beschreibt Blinder Persönlichkeitsmerkmale, die einen Psychopathen häufig auszeichnen: »Er leidet weder an Wahnvorstellungen oder Halluzinationen noch an Gedächtnisverlust, sondern erfasst die Realität sehr gut. Seine Störung äußert sich vielmehr in unberechenbarem Verhalten, der chronischen Unfähigkeit, einen Belohnungsaufschub abzuwarten, sich gesellschaftlichen Normen anzupassen und Beziehungen zu formen, sowie in fehlender Impulskontrolle und niedriger Frustrationstoleranz.«

Was einen Psychopathen motiviert, ist der Drang danach, sich das zu nehmen, was er will, völlig egal, welche Konsequenzen damit verbunden sind. Er ist vollkommen gefühllos, außer wenn es um seine eigenen Bedürfnisse geht. Seine Unfähigkeit, die Bedürfnisse oder Rechte anderer zu erkennen, hat zur Folge, dass er sie entweder lapidar beiseitewischt oder einfach für seine eigenen Zwecke missbraucht. Natürlich werden nicht alle Menschen mit psychopathischen Tendenzen zu Mördern, sie können aber mitunter gewalttätiges oder extremes Verhalten zeigen, das als Ventil für aufgestaute Emotionen und innere Spannungen dient.