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Frauen mögen seltener morden als Männer, vor allem in Serie – doch wenn sie es tun, gehen sie dabei keinesfalls weniger grausam und kaltblütig vor. Ob Beverley Allitt, die als Kinderkrankenschwester unter anderem ein sieben Wochen altes Baby ermordete, Joanna Dennehy, die innerhalb von nur zwei Wochen drei Männer erstach und versuchte, noch zwei weitere zu töten, oder Christa Gail Pike, die ein Schädelfragment ihres Opfers mit nach Hause nahm, um damit ihr Müsli zu frühstücken: Die Untaten, zu denen Frauen fähig sind, können zutiefst schockieren. Allerdings töten Serienmörderinnen häufig aus einem anderen Antrieb und auf perfidere Weise als Männer. In Wie Serienmörderinnen denken taucht der weltweit angesehene britische Kriminologe Christopher Berry-Dee tief in die Psyche dieser Verbrecherinnen ein, enthüllt ihre spezifischen Motive und Vorgehensweisen. Ein aufschlussreiches, packendes und erschütterndes Buch.
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Seitenzahl: 416
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Christopher Berry-Dee
Christopher Berry-Dee
Ein schockierender Blick in die Abgründe des Bösen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Wichtiger Hinweis
Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.
1. Auflage 2023
© 2023 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Die englische Originalausgabe erschien 2018 bei John Blake Publishing unter dem Titel Talking with Female Serial Killers. © 2018 by Christopher Berry-Dee. All rights reserved.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Übersetzung: Mark Bergmann
Redaktion: Caroline Kazianka
Umschlaggestaltung: Catharina Aydemir, Pamela Machleidt
Umschlagabbildung: shutterstock.com/Eshma
Satz: Carsten Klein, Torgau
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-7423-2234-0
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-2009-1
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-2010-7
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.rivaverlag.de
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Für Maui
Dank
Vorwort: Das Frauengefängnis von Sablino
Einleitung
Ist Mord gleich Mord? Eine Bewertung des Bösen
Catherine »Cathy« May Wood und Gwendolyn »Gwen« Gail Graham – die mörderischen Altenpflegerinnen
Weitere mordende Pflegekräfte
Eine Analyse der Motive von Serienmörderinnen
Joanna Christine Dennehy – die Gier nach Blut
Suzanne »Sue« Margaret Basso
Patricia »Pat« Wright
Vier weitere Mörderinnen
Aileen »Lee« Carol Wuornos
Alice Mary Crimmins
Einige der bösartigsten Frauen der Welt – ob längst tot oder noch lebendig
Mary Flora Bell
Eva Dugan
Weitere abscheuliche Mörderinnen
Schlusswort – krank, böse oder bemitleidenswert?
Über den Autor
Mein großer Dank gilt: John Blake, Toby Buchan und dem gesamten Team im John Blake Verlag, Tony Brown, Lizzy, Rod, Clive Sturdy, Ann Sidney, Fi Smyth, Vilija, Ed, Frazer Ashford, Umutetsi, Boris, Jennie, Hollie, Karl, Gary Roberts, Marina Koroleva, Liam Greaney, Laura-Dee Cooper, Sherri, Chris Richardson, Shany, Nicholas Quartermaine, Steve, Ray Pedretti, Brook, Claire, Bree, Willi B. Wilhelmson, Malcolm Powell und Simon Carr.
Während all der Jahrzehnte, in denen ich mich mit Serienmördern und Psychopathen aller Art beschäftigt habe, bin ich auch in vielen Haftanstalten speziell für Frauen gewesen. Eine davon stach unter den anderen ganz besonders heraus: das Frauengefängnis von Sablino. Es verdient aus Gründen, die später deutlich werden, gleich zu Beginn dieses Buchs eine Erwähnung.
Das Gefängnis liegt 45 Kilometer südlich von St. Petersburg, nahe dem Örtchen Uljanowska, das früher Sablino hieß und von dem es seinen Namen hat. 1800 weibliche Häftlinge sitzen dort ein. Es gibt weit und breit nichts, das Gefängnis befindet sich im absoluten Niemandsland.
Eine einzige Straße führt dorthin und auch wieder weg.
Im Winter ist die Umgebung weiß und hart wie ein Gipsverband.
Die Temperaturen können bis auf 35 Grad minus fallen, sodass sogar der Atem gefriert. Mein Bart war weiß wie der vom Weihnachtsmann … Es dauert Monate, bis der Schnee taut und sich die Äcker in der Umgebung in sumpfige Flächen verwandeln. Dort, wo sich der Schnee an den kurzen, kalten Tagen durch Verwehungen gesammelt hat, dauert es sogar noch länger.
Nachts wird die karge Natur gelegentlich von den Scheinwerfern vorbeifahrender Autos erleuchtet und der Blick fällt dann auf vertrocknete Gräser, festgetretenen Schnee, einen zugefrorenen, schmutzig-braunen See – die gleiche giftige Farbe, die auch das Wasser aufweist, das die Anwohner im Umkreis von Hunderten Quadratkilometern aus ihren Wasserhähnen zapfen – und einen umgekippten Strommasten, der wie eine Holzplanke als behelfsmäßige Brücke dient und von Nebel umwabert wird.
Es gibt keinen Bahnhof in Sablino und es ist auch keine Endstation. Kein Zug mit grimmigen Schaffnern in grünen Uniformen und dampfend-heißen Samowaren muss an diesen Ort fahren. Ab und an verirrt sich ein Busfahrer hierher, doch nur, wenn er gute Laune hat und man ihm einen kleinen Bonus zahlt, für den er sich sein Lieblingsgetränk kaufen kann: Wodka. Auf der Rückfahrt ist er vermutlich sturzbetrunken, doch Polizisten halten Busse und lizensierte Taxis normalerweise nicht an, außer sie müssen irgendeine frei erfundene Geldstrafe verhängen, um sich dann selbst etwas zu trinken kaufen zu können.
Als ich das Frauengefängnis von Sablino besucht habe, herrschten 15 Grad minus und die Temperatur sank immer weiter. Draußen tobte ein Schneesturm und die Wärterinnen stapften mit Hunden an der Leine auf ihrer Patrouille durch knietiefen Schnee. In Sablino gab es keinen glänzenden Stacheldraht oder bunte Blumenrabatten am Empfang für die Besucher. Kurzum: Dies war der tristeste Ort der Welt. Als ich das Eingangstor passierte, bearbeiteten die »Mädels« gerade das Eis mit schweren Schaufeln und schippten den Weg frei.
Alle waren über meinen Besuch informiert. Die Polizei von St. Petersburg hatte mein Kommen im Vorfeld angekündigt – im Gegenzug für einen Bonus, versteht sich. Sie wussten davon, seit ich in Busuluk, im Westen der Oblast Orenburg angekommen war. Mein Gastgeber – ein ehemaliger Helikopterpilot der russischen Spezialeinheit Spetznaz – ich gebe ihm hier aus rechtlichen Gründen den fiktiven Namen »Igor« – hatte den Kontakt für mich hergestellt. Sowohl im Zug nach Samara als auch beim Flug nach St. Petersburg reiste ich erste Klasse und gratis. Vielen Dank dafür!
Ich musste mich nicht einmal um ein gutes Hotelzimmer kümmern, auch das wurde – natürlich ebenfalls für einen Bonus – von der Polizei vor Ort organisiert. Taxis? Brauchte ich auch nicht. Die Polizei stellte mir einen ihrer Dienstwagen zur Verfügung. Mit Blaulicht ging es dann schnurstracks in ein völlig ausgebuchtes Restaurant, wo das Vorzeigen des Dienstausweises genügte, damit andere zahlende Gäste, die bereits mit ihrem Abendessen beschäftigt waren, fortgescheucht wurden. Anschließend floss Alkohol in rauen Mengen, bis er jedem zu Kopf gestiegen war und sich alle ewige Freundschaft schworen.
In Sablino leben in den meisten Schlafsälen mit ihren zerbrochenen Fensterscheiben mehr als 100 Frauen zusammengepfercht wie Sardinen in einer Dose. Einige müssen sich ein Bett teilen und schlafen in Schichten, manche haben eine Katze als Haustier. Die Mischung aus den Ausdünstungen vieler Menschen auf engstem Raum, Katzenexkrementen und Urin verursachte bei mir Würgereiz. Es gibt dort keinerlei Privatsphäre. Kein Radio. Nur zensiertes Fernsehen. Keine Heizung. Und das Essen der Häftlinge ist so ekelhaft, dass man es hierzulande nicht einmal an Hunde verfüttern würde.
Und nun schippten sie in kleinen grauen Grüppchen zusammengeschart draußen in der Kälte gebückt Schnee. Alte und junge Frauen, zitternd, in dünner Kleidung und in billigen Plastikschuhen.
Dennoch versuchen die Insassinnen von Sablino das Beste aus ihrer Situation zu machen. Wie eine Mutter Teresa sorgt Gefängnisleiterin Anna für ihre Frauen und bringt Analphabetinnen sogar persönlich Lesen und Schreiben bei. Weil die Mittel vom Staat knapp sind, fertigen die Häftlinge Plastikhüllen für Musikkassetten in einer alten Scheune, durch die der Wind pfeift und in die es reinscheint. Damit verdienen sie gerade genug, um nicht zu verhungern.
Die Chefköchin, die in der dunstigen Gefängnisküche schuftete, ist verurteilt worden, weil sie ihren gewalttätigen Ehemann zerstückelt, sorgfältig zubereitet und ihre nichtsahnenden Freunde und Nachbarn anschließend zu einem kulinarischen Festmahl eingeladen hat. Marinka ist ihr Name und Sie werden später in diesem Buch noch von ihr hören.
Ich schreibe ihr noch immer, bis heute.
Es gibt ein, zwei Serienmörderinnen in Sablino, alles Gangsterbräute aus dem Dunstkreis der Russenmafia, von denen keine wegen Sexualverbrechen verurteilt wurde. (Tatsächlich gab es in der gesamten Einrichtung keine einzige Sexualstraftäterin.) Auch zu deren rostigen Zellen im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses erhielt ich freien Zugang. Dort konnte ich diese Mörderinnen interviewen, nachdem ich päckchenweise Zigaretten verteilt hatte. Sie waren an mehreren Raubmorden und Mafia-Hinrichtungen beteiligt gewesen. Die Gefängnisleiterin lobten sie allerdings in den höchsten Tönen. Und auch mir gegenüber verhielten sie sich äußerst respektvoll.
Hier in Sablino gibt es also keine Serienmörderin wie Rose West oder Myra Hindley.
Auch Luxus gibt es dort nicht, abgesehen von einem irgendwie ganz hübschen kleinen Friseursalon in einem winzigen Raum mit pink gestrichenen Wänden, die Promifotos zieren, die sorgfältig aus westlichen Klatschmagazinen ausgeschnitten worden sind. Als die Frauen mich dazu überreden wollten, mir dort die Haare schneiden zu lassen, lehnte ich dennoch dankend ab.
Es existiert auch eine gut ausgestattete Bibliothek und eine kleine Kapelle, die mir eine der Insassinnen zeigte. Dort betete sie dafür, bald wieder mit ihren Kindern vereint zu sein. Danach führte man mich in eine große Gemeinschaftshalle, wo ich auf Kosten der Häftlinge, deren mageres Gehalt man dafür gekürzt hatte, einem tollen Konzert beiwohnen durfte. So konnte ich mich ein wenig unter die Leute mischen und die Frauen konnten mir »Danke« sagen – nur weil ich bei ihnen war. Ich war der erste Westler, der je ein russisches Frauengefängnis besucht hatte und dort nach Belieben filmen durfte.
Soviel ich weiß, hat man auch nach mir niemanden aus dem Westen dort hineingelassen.
In Sablino werden keine 180 000 Pfund Steuergeld für sogenannte Resozialisierungsmaßnahmen verschwendet wie vor einigen Jahren im britischen Frauengefängnis HMP & YOI Bronzefield, wo die blutrünstige Serienmörderin Joanna Dennehy nun ein deutlich angenehmeres Dasein fristet, als sie eigentlich verdient hätte.
Bei der Aufführung in Sablino standen russische Trachten, Volksmusik und Mütterchen Russland selbst im Mittelpunkt. Die Frauen tanzten nicht in Strapsen und knappen Unterhöschen herum, um im Namen der »Resozialisierung« irgendwelche Spanner heißzumachen, die dafür 40 Pfund Eintritt bezahlt hatten, so wie es in HMP Bronzefield geschehen war. So etwas habe ich weder in Sablino noch in einem der anderen Gefängnisse erlebt, die ich in den vergangenen vier Jahrzehnten besucht habe.
Der – auf Video dokumentierte – Abschied von der Gefängnisdirektorin in Sablino war herzlich. Bevor ich ging, wollte sie unbedingt, dass ich noch vier ihrer Mädchen kennenlerne, die bereits geduldig im Flur vor dem Büro warteten. Sie sprachen gebrochen Englisch. Vor ihrem Aufenthalt in Sablino waren sie, ihren eigenen Worten zufolge, alle mehr oder weniger ungebildet. Nun standen sie vor mir, gebildet, kichernd und voller Vorfreude, weil sie demnächst wieder in die Freiheit entlassen werden würden.
96 Prozent aller inhaftierten russischen Straftäterinnen werden nie wieder straffällig. Ich kann wirklich verstehen, warum das so ist.
Meine Reise nach Sablino wurde von der Londoner Produktionsfirma September Films organisiert, unter Mithilfe der Polizei von St. Petersburg, im Gegenzug für ein paar »Aufmerksamkeiten«: Whisky, Gebäck für die Frauen der Beamten und ein Bündel frischer US-Dollarscheine, die auf dem Schwarzmarkt in Rubel getauscht werden konnten.
Die Gefängnisdirektorin dagegen weigerte sich, auch nur einen einzigen Dollar von mir als Dank für ihre Kooperation anzunehmen. Sie flehte mich an:
»Bitte erzählen Sie jedem in England, wie hart wir hier arbeiten, um uns um unsere Mädchen zu kümmern.« Dann brach sie in Tränen aus.
Ich verließ Sablino und stieg in einen ramponierten Polizeiwagen der Marke Škoda mit dem obligatorischen Sprung in der Windschutzscheibe. Dann wurde ich mit Blaulicht in ein Vier-Sterne-Hotel in St. Petersburg gefahren. Die beiden Beamten, die mich begleiteten, wurden gründlich mit Wodka geschmiert.
Als die Gefängnisdirektorin später die 1000 Dollar fand, die ich heimlich in druckfrischen Noten unter einem Buch auf ihrem Schreibtisch deponiert hatte, rief sie mich an und sagte: »Spasibo, spasibo. In Russland wird man Sie nun als ›Christopski‹ in Erinnerung behalten. Gott schütze Sie!«
Zwei Wochen lang genoss ich eine Gastfreundschaft, wie sie Russen nur uns Engländern entgegenbringen können. Eine Art »Respekt«, während sie den Amerikanern mit ihren frechen Sprüchen und noch frecheren Klamotten wenig abgewinnen können. Die Direktorin von Sablino ist zu Recht stolz auf ihr Gefängnis. Man gewährt mir seit Jahrzehnten ungehinderten Zugang zu Justizvollzugsanstalten auf der ganzen Welt – von den USA über Europa, Indien bis in den Fernen Osten. Und Gott ist mein Zeuge, noch nie habe ich gehört, dass ein Gefängnis 180 000 Pfund dafür ausgegeben hat, eine Show zu produzieren, bei der Häftlinge nur mit Reizwäsche und Straußenfedern bekleidet auf der Bühne umherstolzieren, wie es in HMP Bronzefield der Fall war. Offenbar gibt es für alles ein erstes Mal. Meiner Ansicht nach war diese Performance allerdings eine absolute Ungeheuerlichkeit! Um eine Insassin zu zitieren: »Die Bedingungen hier [in Bronzefield] sind Mist. Eine Scheiß-Frechheit! Die ganze Zeit heißt es nur ›tu dies‹ oder ›tu jenes‹« (Joanna Dennehy, 2014 in einem Brief an den Autor).
Ich werde Sablino niemals vergessen. Auch nicht die aufrichtige Gastfreundschaft der russischen Polizei und Bürger. Während mir gegenüber Menschen wie Joanna Dennehy, die sich über die Bedingungen in Bronzefield beschwert hat, das Verständnis fehlt. Sie fand es offenbar derart furchtbar, dass sie bereits ihre Flucht geplant hatte. Der Plan wurde jedoch vereitelt, nachdem man bei einer Durchsuchung ihrer Zelle detaillierte Notizen dazu gefunden hatte. Die Strafvollzugsbehörde formulierte anschließend folgende Stellungnahme: »Im September 2013 entdeckten Beamte der Haftanstalt Bronzefield bei einer Durchsuchung Hinweise, die als Fluchtplan interpretiert werden können. Der Sachverhalt wurde zügig und ohne sicherheitsrelevante Zwischenfälle aufgelöst und ein Häftling [Dennehy] in den Isolationstrakt verlegt.«
Nachdem ich die Bedingungen in Sablino gesehen habe, ist Bronzefield – mit seinem erstklassig geschulten Personal, Zentralheizung, Klimaanlage, feinstem Essen, Gesundheitsversorgung rund um die Uhr, psychologischer Betreuung und diversen Freizeitangeboten – eine Haftanstalt, in die Straftäterinnen eigentlich ein-, aber aus der sie keinesfalls ausbrechen müssten.
Joanna Dennehy und alle anderen von ihrer widerwärtigen Sorte sollten sich glücklich schätzen!
Ich war von Russland fasziniert, seit ich 1965 als junger Bursche den Film Doktor Schiwago mit Omar Sharif und Julie Christie gesehen habe. Erstmals besucht habe ich das Land im Rahmen einer Studienfahrt meiner Schule an Bord der MS Dunera und seitdem war ich viele Male dort. Ja, Mafia und Polizei arbeiten Hand in Hand. Und ja, Korruption ist ein Riesenproblem. Punkt!
Nachdem ich das losgeworden bin, komme ich zum eigentlichen Thema dieses Buchs Wie Serienmörderinnen denken: der uralten Frage, ob die Weibchen der Spezies Mensch gefährlicher sind als die Männchen.
Christopher Berry-Dee
Südsee
»Ich habe sechs Frauen eigenhändig die Kehlen durchgeschnitten«, flüsterte ich einem Opfer namens Hanen ins Ohr, als sie starb.
(Serienmörderin Sakina Aly-Hamman, die am 16. Mai 1921 gemeinsam mit ihrer Schwester Raya in Alexandria, Ägypten, hingerichtet wurde)
Es ist mir wirklich wichtig, dass Sie diese Einleitung lesen und nicht gleich auf der Suche nach blutüberströmten Leichen, Messern oder anderen Mordwaffen und bei Mondschein hastig ausgehobenen Gräbern direkt ins erste Kapitel springen. Ich bitte Sie aus zweierlei Gründen darum:
Erstens habe ich diese Einleitung geschrieben, damit sie Ihnen einen Mehrwert bietet.
Zweitens haben Sie für dieses Buch bezahlt, deshalb profitieren Sie hoffentlich von jedem einzelnen Wort darin.
Also erst einmal vielen Dank. Weil ich im Alter etwas anderes zu tun haben wollte, als Rosen zu züchten, interviewe ich seit Jahrzehnten männliche Serienmörder, und davon gibt es einige. Würden Sie heute einen Fußball über die Mauern eines amerikanischen Gefängnisses in den Innenhof schießen, dann wird ihn dort mit hoher Wahrscheinlichkeit ein vergewaltigender, psychopathischer männlicher Serienmörder aufheben.
Serienmörderinnen, die allein agieren, sind dagegen so selten wie ein weißer Rabe. In den USA gab und gibt es insgesamt nur um die 50 und in Großbritannien sogar noch viel weniger, was Joseph Rudyard Kiplings Gedicht The Female of the Species (auf Deutsch etwa: »Das Weibchen der Spezies«) aus dem Jahr 1911 Lügen straft. Sechsmal behauptet Kipling darin, dass »die Weibchen ihrer Spezies viel tödlicher sind als die Männchen«. Eine grobe Pauschalisierung, die sich kaum durch Fakten belegen lässt. Nur der Geist des großen griechischen Dramatikers Euripides würde ihm heute vielleicht zustimmen. Der schrieb einst: »Nichts Böseres gibt es irgend als ein böses Weib, doch wiederum auch nichts vollendet Bess’res als ein redliches Weib.« Als Euripides älter wurde, veränderte sich allerdings seine Geisteshaltung. Einmal regte er sich derart auf (vermutlich über eine laufende Scheidung oder irgendeine andere Frauenlist), dass er kommenden Generationen zur Warnung folgende Worte in Stein meißelte: »Furchtbar ist die Kraft der Wellen des Meeres, furchtbar ist der Strom des Flusses und die Hitze des Feuers. Tausend Dinge sind furchtbar, doch nichts ist so furchtbar böse wie die Frau.« Danke Euripides!
An dieser Stelle passt auch das äußerst misogyne und ungerechte Zitat des französischen Autors, Essayisten, Dramatikers und Diplomaten Jean Giraudoux (1882–1944), der ganz undiplomatisch schrieb: »Alle Frauen kommen böse zur Welt. Manche erkennen ihr Potenzial nur später im Leben als andere.« Was seine Frau Suzanne Boland dazu sagte, ist nicht überliefert. Wenn es aber tatsächlich das war, was Giraudoux von Frauen hielt, dann muss seine Frau die Ehe mit ihm als Arrangement betrachtet haben, bei dem beide zunächst nur das Beste voneinander bekamen und am Ende nur das Schlechteste!
Zur Aufklärung jüngerer Generationen darf ich keinesfalls die Äußerungen von Musikern wie Elvis Presley (1935–1977) unterschlagen, der in einem seiner Lieder sang: »Du siehst aus wie ein Engel, bewegst dich wie ein Engel und sprichst wie ein Engel. Doch inzwischen weiß ich: Du bist der Teufel in Menschengestalt.«
Bei Schock-Rocker Alice Cooper (geb. 1948) hieß es: »Satan sandte sie aus den Tiefen der Hölle, ich erkannte sie nicht als die alte Isebel.«
Und auch Billy Joel (geb. 1949) ging hart mit den Frauen ins Gericht: »Sie wird dich gnadenlos schneiden und lachen, während du blutest.«
Was auch immer diese Barden von sich gegeben haben, wir sollten auf keinen Fall glauben, dass die Weibchen unserer Spezies gefährlicher sind als die Männchen. Um das zu belegen, ein interessanter Fakt: Allein im Strafvollzugssystem des US-Bundesstaats Texas saßen und sitzen zu jedwedem Zeitpunkt mehr männliche Serienmörder ein, als in der gesamten dunklen Geschichte der USA und des Vereinigten Königreichs (und vermutlich der Welt) jemals weibliche Serienmörderinnen existiert haben.
Während ich dieses Buch schreibe, befinden sich in den USA etwa 52 Mörderinnen in Haft, einige von ihnen in der Todeszelle. Sie machen nur 2 Prozent aller Todeskandidaten des Landes aus, also einen verschwindend geringen Teil. Viele von ihnen sind Mütter, die ihr gesamtes Leben noch vor sich hatten, bevor sie zu kaltblütigen Mörderinnen wurden. Nun haben sie gar keine Zukunft mehr.
Laut US Bureau of Justice Statistics (BJS), dem Bundesamt für Kriminalstatistik der USA, sitzen meist etwa 2 220 300 erwachsene Männer in US-Staats- und Bundesgefängnissen hinter Gittern und lediglich 111 300 erwachsene Frauen. Die britische Regierung hat bestätigt, dass im Vereinigten Königreich im Schnitt mindestens 82 000 Männer und nur 3919 Frauen inhaftiert sind. Männer landen also mit einer 20-fach höheren Wahrscheinlichkeit im Knast als Frauen. Diese Zahlen zeigen, dass die Weibchen unserer Spezies mitnichten tödlicher, gefährlicher, böser oder kriminellen Machenschaften zugeneigter sind als die Männchen.
Laut FBI befinden sich in den USA zu jeder Zeit etwa 50 männliche Serienmörder auf freiem Fuß. Für Frauen existieren diesbezüglich nicht einmal geschätzte Statistiken, was nicht heißen soll, dass es keine Serienmörderinnen gibt. Meiner Ansicht nach werden aufgrund der stetig wachsenden Drogenproblematik in Amerika und der dramatischen Folgen von Crystal Meth immer wieder auch Frauen zu Serienmördern werden.
Zur kurzen Einordnung: Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Buches belegen Akten die Existenz von insgesamt zwölf englischen Serienmörderinnen in Vergangenheit und Gegenwart, von denen einige allein handelten und andere gemeinsam mit einem männlichen Komplizen: die Krankenschwester Beverley Allitt, die wasserstoffblonde Myra Hindley, Mary Ann Britland, Mary Ann Cotton, Joanna Dennehy, die Kinderpflegerin Amelia Dyer, Catherine Flannigan, Margaret Higgins, Rosemary West, Margaret Waters, Catherine Wilson und Mary Elizabeth Wilson.
Es gibt keinerlei Aufzeichnungen zu Serienmörderinnen aus Schottland oder Wales und nur sechs belegte Fälle aus Australien: Catherine Birnie, Kathleen Folbigg, Caroline Grills, Sarah Makin, Martha Needle und Martha Rendell. In Österreich gab es die »Schwarze Witwe« Elfriede Blauensteiner und die »Todesengel von Lainz«: Maria Gruber, Irene Leidolf, Stephanija Mayer und Waltraud Wagner, vier Krankenschwestern, die zwischen 1983 und 1989 ganze 49 Patienten ermordeten. Aus Tschechien ist zum jetzigen Zeitpunkt nur eine Serienmörderin bekannt: Marie Fikáčková, die 1961 für die Morde an zehn Babys gehängt wurde. Auch in Kanada gab es bis zu diesem Zeitpunkt nur eine: Elizabeth Wettlaufer. Die Dänin Dagmar Johanne Amalie Overby brachte von 1913 bis 1920 zwischen 9 und 25 Kinder um, darunter auch eines ihrer eigenen.
In der Volksrepublik China scheinen gar keine Serienmörderinnen zu existieren, ebenso wenig in Kolumbien, Kroatien, Ecuador, Indonesien, Irak, Iran, Israel, Italien, Jamaika, Japan, Kasachstan, Lettland, den Philippinen, Mazedonien, Neuseeland, Pakistan, Polen und Portugal.
Raya und Sakina Aly-Hamman waren die berüchtigtsten Serienmörderinnen Ägyptens. Sie wurden 1921 gemeinsam mit ihren Ehemännern hingerichtet. In Finnland gab es Aino Nykopp-Koski – die einzige belegte Serienmörderin des Landes, von der fünf Morde und fünf weitere Mordversuche bekannt sind.
In der französischen Geschichte mögen nicht viele Serienmörderinnen auftauchen, dafür waren sie umso fleißiger. Die Aristokratin Marie-Madeleine de Brinvilliers (3 Morde), Hélène Jégardo (23 Morde), Christine Malèvre (30 Morde) und Jeanne Weber, die für 6 Morde verantwortlich war, kommen gemeinsam auf insgesamt 62 Morde, alle begangen von kleinen, zierlichen Damen, die gut und gerne auch als unfreundliche Sprechstundenhilfe oder Politesse mit dem obligatorischen strengen Gesichtsausdruck eine gute Figur gemacht hätten.
Wenn man bedenkt, wie groß das Land ist, kommt Deutschland zum jetzigen Zeitpunkt und der hier zugrunde liegenden Definition von Serienmördern, nur auf magere 26 belegte Serienmörder, von denen lediglich 5 Frauen waren: Die Kölner Krankenschwester Marianne Nölle tötete 7 Patienten und wurde der Morde an 17 weiteren verdächtigt. Sophie Charlotte Elisabeth Ursinus brachte ihre Tante, ihren Liebhaber und ihren Ehemann um. Zwischen 1902 und 1903 vergiftete Elisabeth Wiese, die »Engelmacherin von St. Pauli«, eine Enkelin und vier weitere Kinder mit Morphium und verbrannte die Leichen in ihrem Backofen. Anna Maria Zwanziger vergiftete vier Menschen und wurde 1811 gehängt.
Ungarn führt die Hitliste der Serienmörderinnen mit der »Blutgräfin« Elisabeth Báthory an, einer Art weiblichem Vlad Draculea, die ihre Dienerinnen ermordet und zerstückelt hat. Überlebende bezeugten glaubhaft rund 600 Morde. Báthory wurde 1560 geboren und starb 1614 in Haft. Hochgerechnet sind das im Schnitt elf Morde pro Lebensjahr, was sie nach meinem Wissen zur blutrünstigsten Frau aller Zeiten macht.
In Indien sollte es eigentlich keine Serienmörderinnen mehr geben. Während der Entstehung dieses Buchs erwarteten die Schwestern Seema Gavit und Renuke Shinde ohne weitere verbliebene Rechtsmittel ihre Hinrichtung durch den Strang. Sie wären seit 72 Jahren die ersten Frauen, die in Indien hingerichtet werden. Ich habe Interviews mit beiden geführt und erzähle ihre Geschichte später in diesem Buch. (Anm. d. Red.: Der Oberste Gerichtshof in Mumbai hat die Todesurteile der Schwestern 2022 in lebenslange Haftstrafen umgewandelt, die beide im Yerwada-Gefängnis in Pune verbüßen.)
In Mexiko gab es eine ganze Reihe von Frauen, die mehrfach gemordet haben: Sara Aldrete, die ehemalige Wrestlerin Juana Barraza (die zwischen 42 und 48 ältere Frauen umgebracht hat), die Schwestern Delfina und Maria de Jesús González, Anna Villeda, Silvia Meraz, Felícitas Sánchez Aguillón (auch bekannt als das »Ungeheuer von Colonia Roma«) und Magdalena Solís. Das stellt ein Land wie die Niederlande in den Schatten, wo es bislang nur Maria Swanenburg gab, die in den 1880er-Jahren zwischen 27 und 90 Menschen vergiftet hat.
Allgemein lässt sich bereits ein gewisses Muster erkennen: Wenn wir auf den folgenden Seiten tiefer in den Geist und die Motive von Serienmörderinnen vordringen, werden wir sehen, dass jene, die allein vorgehen, oftmals Gift benutzen und sich Alte, Kranke, Kleinkinder und Babys als Opfer aussuchen.
Häufige Motive sind das Beseitigen einer Rivalin, finanzielle Bereicherung oder pures sadistisches Vergnügen, so wie bei der russischen Adligen Darja Nikolajewna Saltykowa, die im 18. Jahrhundert mindestens 38 Bedienstete auf ihrem Landgut bei Moskau gefoltert und getötet hat.
Irina Gaidamachuk, der »Teufel im Damenrock«, brachte zwischen 2002 und 2010 mit einer Axt und einem Hammer 17 ältere Frauen in der Oblast Swerdlowsk um und kam mit ihrer Strafe noch glimpflich davon. Sie wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt. In russischen Gefängnissen sitzen zudem viele Frauen, die »nur« einmal gemordet haben. Ich habe mit einigen von ihnen gesprochen. Schauen wir dagegen in die Slowakei, nach Slowenien, Südafrika und Südkorea, dann stellen wir fest, dass es dort überhaupt keine Mörderinnen gab und gibt, die mehrfach zugeschlagen haben.
Spanien kommt bislang auf insgesamt zwölf Serienmörder, nur zwei davon waren Frauen: Francisca Ballesteros, alias »La Viuda Negra« (Die schwarze Witwe), die zwischen 1990 und 2004 ihren Mann und zwei ihrer drei Kinder vergiftete. Verglichen mit Enriqueta Martí, die sich selbst als »Hexe« bezeichnete, war sie allerdings ein Leichtgewicht. Martí war offenbar vollkommen verrückt, wenn man den Berichten glauben darf, die über sie existieren. Lange Zeit galt als sicher, dass sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Barcelona mehrere kleine Kinder entführt, weitervermittelt, zur Prostitution gezwungen, getötet und anschließend Zaubertränke aus ihren Überresten hergestellt hat. Letztlich wurde sie selbst Opfer eines Mordes, während sie im Gefängnis auf ihren Prozess wartete. Inzwischen sind jedoch Beweise aufgetaucht, dass die gekochten Knochen, die in ihrem Haus und Kochtopf gefunden wurden, überwiegend von Tieren stammten.
Und das war’s, soweit ich das beurteilen kann. Natürlich kann ich hier aus Platzgründen nicht jedes der 195 Länder dieser Erde aufzählen und ich bin überzeugt, dass interessierte Leser noch weitere Serienmörderinnen aufspüren werden, die in irgendeinem Land in Haft sitzen, ob im Osten, Westen, Norden oder Süden der Erde. Da das nun geklärt ist, fragen Sie sich vielleicht, warum ich überhaupt ein Buch über Serienmörderinnen und Einmaltäterinnen schreibe.
Das war wie so oft nicht meine eigene Idee. Während meiner jahrzehntelangen kriminologischen Forschung und unzähligen Interviews mit mordenden Psychopathen und Vertretern der Strafverfolgungsbehörden (wobei man manchmal kaum einen Unterschied merkt zwischen einem mordlustigen Hinterwäldler-Bullen wie Frederick Allan Gore oder Gerard John Schaefer und einem durchgeknallten mordenden Versicherungsmakler wie Michael Bruce Ross), dem gelegentlichen Aufklären ungelöster Mordfälle, dem Aufsuchen von Tatorten, beim Schreiben von über 30 Büchern und den unzähligen Versuchen, in Gefängnisse hineinzugelangen, die eigentlich dafür gebaut wurden, Menschen darin zu hindern hinauszugelangen, ist mir ehrlicherweise nicht ein einziges Mal der Gedanke gekommen, ein Buch über die Abgründe des schöneren Geschlechts zu verfassen. Die Idee dazu stammte von meinem Verleger hier in England, John Blake, der dazu mit ziemlicher Sicherheit vom besten Cheflektor inspiriert wurde, den ein Autor sich nur wünschen kann: dem einzigartigen Toby Buchan. Beiden muss just in jenem Moment ein mörderisches Licht aufgegangen sein, als ich kurz davorstand, mich in meinem Ruhestand der Rosenzucht zu widmen oder ganz in die Vollen zu gehen und mir einen Schrebergarten zu suchen, um dort Biogemüse anzubauen.
Jedenfalls war mir, kurz nachdem der Vorschlag zu diesem Buch in meinem E-Mail-Postfach eingetrudelt war, selbst ein Licht aufgegangen. Kein grelles Blitzlicht, eher ein gedimmtes Flackern, während ich müde zu Bett schlurfte. (Schlafen ist mein zweites Hobby geworden, seit ich unaufhaltsam in die Alterssenilität rutsche und mich einem Lebensabschnitt nähere, in dem ein Pfleger nachts meine Windeln wechseln muss.) »Mensch, Christopher«, dachte ich, »warum bist du eigentlich nicht längst selbst auf diese Idee gekommen? Vor 30 Jahren zum Beispiel … du alter Dummkopf!« Und während ich begann, über den Vorschlag nachzudenken, kamen mir einige Hindernisse in den schläfrigen Sinn.
Ohne mich auch nur ansatzweise auf die misogynen Pfade begeben zu wollen, die der oben zitierte Jean Giraudoux – zumindest kurzzeitig – beschritten hat, fiel mir plötzlich auf, dass ich viele Frauen oftmals nur sehr schwer verstehe. Das gilt vor allem für diese hausmütterlichen unter ihnen, die gern andere Menschen zerstückeln und sogar aufessen, wenn sie das Bedürfnis haben, das beste Stück eines Mannes in Butter zu braten. (Also jenes Körperteil, das für einen Großteil unseres Denkens verantwortlich ist. Und nein, ich meine nicht das Gehirn.)
Ich habe tatsächlich eine russische Mörderin getroffen, die genau das getan hat. Und nicht nur das, sie ging sogar noch weiter und verpackte alles in kleine, feinsäuberlich verschnürte Päckchen aus Butterbrotpapier und verkaufte das »Fleisch« an ihre Nachbarn. Im Rahmen einer TV-Dokumentation traf ich diese imposant gebaute Frau im Frauengefängnis von Sablino, wo sie den Posten der zaklyuchenneyye shef-povar (der Chefköchin) innehatte. Ehrlich gesagt hatte und habe ich sogar ein gewisses Verständnis für diese Frau, die ihren gewalttätigen und brutalen Ehemann getötet hat. Und ich glaube, Ihnen wird es ähnlich ergehen, wenn Sie ihre Geschichte kennen: Ihr Mann ließ sich regelmäßig mit Wodka volllaufen und schlug sie anschließend grün und blau. Beschwerte sie sich, warf er sie kurzerhand aus der Wohnung und ließ sie bei minus 20 Grad vor der Tür in der Kälte frieren. Als sie einmal an das Fenster klopfte, öffnete er es, übergoss sie mit Feuerzeugbenzin und zündete sie an, damit sie sich »aufwärmen« konnte. Doch damit ist die Geschichte dieser Frau noch nicht zu Ende. Der Mann vergewaltigte die beiden gemeinsamen kleinen Kinder, eines davon ein gerade einmal dreijähriger Junge. Weil sie keinen anderen Ausweg wusste, schnappte sie sich eine Axt, die im Holzstapel vor dem Haus steckte, und hackte dieses Monster damit in Stücke. Gut gemacht!
Das zweite Hindernis, das es im Hinblick auf dieses Buch von mir zu meistern galt, war die unwiderlegbare Tatsache, dass Frauen multitaskingfähig sind, während wir Männer – vor allem ich – kaum in der Lage sind, uns auf eine Sache so richtig zu konzentrieren (auch wenn es dafür kaum wissenschaftliche Belege gibt). Mich in die Köpfe von männlichen Serienmördern zu versetzen fällt mir leicht, weil ich mich als Mann eben besser in sie hineinfühlen kann. Wir Kerle sind eigentlich einfach gestrickt, unser Verstand arbeitet stets in eine Richtung, weshalb wir uns immer nur auf eine Sache auf einmal konzentrieren, daran denken oder sie tun können. Mich in den Geist dieser sogenannten Alpha-Männchen einzuspüren ist deshalb ein Kinderspiel für mich. Frauen sind da ganz anders, viel komplexer gestrickt und unterscheiden sich in dieser Hinsicht massiv von Männern.
Trotz dieser Bedenken gefiel mir die Idee immer besser, dieses Buch zu schreiben, zumal ich über die Jahre eine Vielzahl von Serienmörderinnen und Einmaltäterinnen interviewt, mit ihnen gearbeitet und teils lange mit ihnen in Kontakt gestanden hatte.
Mit Aileen »Lee« Carol Wuornos zum Beispiel, die am 9. Oktober 2002 von der Strafvollzugsbehörde Floridas hingerichtet wurde. Mein Buch Monster schildert detailliert das Leben und die Verbrechen von Wuornos und diente als Grundlage für den 2003 erschienenen gleichnamigen Kinofilm mit Charlize Theron in der Hauptrolle.
Eine weitere Serienmörderin, mit der ich längere Zeit Kontakt hatte, ist die Britin Joanna Dennehy. Dennehy leidet an einer sexuell sadistischen Störung und liebt Blut. Aktuell verbüßt sie eine lebenslange Gefängnisstrafe in der Haftanstalt HMP Bronzefield im englischen Ashford. Wer mit ihr anbändelt und im Bett landet, kann sich glücklich schätzen, wenn er am nächsten Morgen wieder aufwacht. Und dabei spielt das Geschlecht keine Rolle, denn Dennehy ist bisexuell und hat bereits versucht, zwei weibliche Mithäftlinge in Bronzefield zu töten, darunter auch Rose West.
Was mich wieder zu dem Versuch zurückbringt zu verstehen, was im Kopf einer Frau vor sich geht. Stellen Sie sich vor, Sie müssten sich in die Gedankenwelt einer Person wie Dennehy versetzen, die, schon bevor sie zur Mörderin wurde, in die Psychiatrie eingewiesen worden ist – und das zweimal!
Im Allgemeinen definieren wir eine Serienmörderin als Frau, die mindestens dreimal getötet hat, jeweils mit einem gewissen Abstand zwischen den Morden. Eine Massenmörderin bringt dagegen mehrere Menschen auf einmal um. Sie erschießt beispielsweise so viele Opfer wie möglich an ein und demselben Ort, weil sie irgendein tief sitzender Kummer quält oder ihre Haare an diesem Tag einfach nicht gut liegen. Eine Amokläuferin ist wiederum eine Mörderin, die herumläuft und wahllos jeden tötet, der ihr vor die Flinte gerät. Derartige Amokläufe können mehrere Minuten und gar Stunden dauern, bis irgendwann die Polizei eintrifft und die Täterin festnimmt oder unschädlich macht. Womit wir uns in diesem Buch nicht befassen werden, sind Terroristinnen und Kriegsverbrecherinnen, die barbarische Grausamkeiten verantworten, denn diese Frauen sind noch mal ein gänzlich anderes Kaliber.
Ein großer Teil dieses Buch dreht sich um Serienmörderinnen, die also mindestens dreimal getötet haben, mit Pausen zwischen den Morden. Viele dieser Frauen wären niemals zu Mörderinnen geworden, hätten sie nicht mit einem Komplizen zusammengearbeitet, oftmals Männer, die meist der dominantere Part des Paares waren. Myra Hindley beispielsweise wäre aus eigenem Antrieb nie zur Serienmörderin geworden, hätte ihr Liebhaber Ian Brady sie nicht mit seinem manipulativen Einfluss dazu gebracht, die abscheulichsten Verbrechen zu begehen – was Hindleys Schuld natürlich keineswegs abmildert.
Ähnlich verhielt es sich meiner Meinung nach mit Rosemary und Frederick »Fred« Walter Stephen West. Auch hier war Fred der Dominantere des tödlichen Duos. Bei Joanna Dennehy war es allerdings genau andersherum: Sie war die manipulative Teufelin, die ihren Komplizen Gary Stretch, alias »The Undertaker« (Der Totengräber), kontrollierte.
Das oben Gesagte gilt natürlich auch für männliche Serienmörder. Wie auch immer: Stellen Sie sich beim Lesen dieses Buchs den schwächeren zweier solcher Komplizen vor wie ein Utensil im mörderischen Werkzeugkoffer des dominanteren Charakters. Fred West setzte seine Frau häufig als Köder ein – als Werkzeug, wenn Sie so wollen –, mit dem er nichtsahnende Frauen in sein tödliches Netz lockte. Genauso nutzte Ian Brady Myra Hindley, um einiger Kinder habhaft zu werden. Für Dennehy war Gary Stretch gewissermaßen ein Multifunktionswerkzeug, mit dessen Hilfe sie die blutrünstigsten Morde beging. Ähnlich wie Cathy May Wood, die ohne die Unterstützung ihrer grenzenlos debilen lesbischen Partnerin Gwendolyn Graham niemals fünf ältere Bewohner eines Altenpflegeheims hätte umbringen können.
Man kann wohl sagen, dass Frauen in der Regel eine instinktive mütterliche Fürsorge auszeichnet. Die meisten Menschen können deshalb nicht begreifen, wie eine Frau – als Mutterfigur – so abgrundtief böse Triebe haben kann, den kranken, unbezwingbaren Drang oder die perverse Lust spüren kann, ein menschliches Leben auszulöschen. Das gilt vor allem für besonders schreckliche Fälle wie das Quälen und Ermorden kleiner Kinder, wie es Myra Hindley getan hat, aber auch andere, auf die ich später in diesem Buch noch eingehen werde.
Deborah Denno, Rechtsprofessorin an der Fordham Law School, erklärte 2017 in ihrer TV-Dokumentation Women on Death Row (auf Deutsch etwa: Frauen im Todestrakt): »Frauen gelten gemeinhin als fürsorglich. Wenn sie dann Gewaltverbrechen begehen, löst sich dieses Bild oder die allgemeine Einschätzung auf, wodurch die Frauen mitunter noch schrecklicher und monströser erscheinen als Männer.«
Man kann sich kaum vorstellen, dass eine Frau Eltern ihre wehrlosen Babys wegnimmt, sie erwürgt, ihre bedauernswerten kleinen Körper in Zeitungspapier einwickelt und wie einen Haufen Müll entsorgt. Welches Motiv steckt hinter solchen Taten?
In Mumbai gingen Seema Gavit und Renuke Shinde sogar noch weiter. Sie entführten Kinder aus den schmutzigen Slums und Gassen der indischen Hauptstadt, schlugen sie, brachen ihnen Arme und Beine, zertrümmerten ihnen die Kiefer, verätzten ihre Gesichter und Körper mit Säure und zwangen sie zu betteln und zur Prostitution. Waren die Kinder nicht mehr »brauchbar«, wurden sie erdrosselt. Ich hatte als Einziger Zugang zu diesen perfiden Mörderinnen, die im Todestrakt des Arthurs Road Jail genannten Gefängnisses in Mumbai einsaßen. Was Sie später noch über sie lesen werden, wird Sie schockieren. Was waren ihre Motive? Nun, ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie sich bereits eine Antwort darauf überlegt haben. Vielleicht liegen Sie richtig damit, vielleicht auch nicht. Die Frage, wer wann und warum ein Verbrechen begangen hat, fasziniert True-Crime-Fans, die sich wie Sherlock Holmes fühlen, und Nachwuchs-Columbos gleichermaßen.
Oftmals wird dabei generalisiert, alle Serienmörder seien Psychopathen. Das stimmt meines Erachtens nicht. Das Etikett »Psychopath« oder »Soziopath« lässt sich einem Serientäter nur allzu bequem anhängen, obwohl es häufig überhaupt nicht zutrifft. Sie werden vielleicht überrascht oder gar geschockt sein, dass ich absolut nicht der Meinung bin, Aileen Wuornos sei eine Psychopathin gewesen – auch wenn das für alle Experten, die bis ans Ende ihrer Tage das Gegenteil behaupten werden, nur schwer zu akzeptieren sein mag.
Doch keine Sorge, auch diese mörderische Medaille hat zwei Seiten.
In den seltenen Fällen, in denen ich angebliche »Reue« bei Serienmördern erlebt habe, studierte ich ihre Körpersprache und sah ihnen tief in die Augen. Selbst wenn dann ein paar Krokodilstränen flossen, habe ich das Theater sofort durchschaut. Die Tränen und das Bedauern gelten nie den Opfern ihrer Verbrechen oder deren Angehörigen und Freunden, die durch die perfiden Taten dieser Monster unheilbare Narben in ihren Seelen davontragen, sondern immer nur sich selbst und der Situation, in die sie sich gebracht haben. Um es mit der Bibel zu sagen: »Und ich will euch heimsuchen nach der Frucht eurer Taten, spricht der Herr. Und ich will in ihrem Wald ein Feuer anzünden, dass es alles um sie herum frisst« (Jeremiah 21,14).
Nun bin ich keineswegs ein bibeltreuer Fanatiker, dieser Vers passt an dieser Stelle aber recht gut. Ich möchte nämlich ein wenig abschweifen und Ihnen Judias »Judy« Buenoano vorstellen, die mehr als ein Jahrzehnt in einer Todeszelle in Florida verbracht hat, bevor sie im Staatsgefängnis in Starke am 30. März 1998 um 7:01 Uhr auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde. Ich traf diese eiskalte Killerin einmal ganz kurz persönlich, als ich die Serienmörderin Aileen »Lee« Carol Wuornos besuchte, hatte aber jahrelang immer mal wieder Briefkontakt zu ihr. Sie ist das perfekte Beispiel für eine gewissenslose Serienmörderin.
Buenoano wurde am 4. April 1943 als Judias Welty in Quanah geboren, einem kleinen Städtchen in Texas mit etwa 2000 Einwohnern und Verwaltungssitz des Hardeman County. Ich bin oft und lange durch Texas gereist und liebe den sogenannten »Lone Star State«. Über Quanah kann ich Ihnen allerdings nicht viel erzählen, außer dass es um 1884 als Haltestelle von der Eisenbahngesellschaft Fort Worth and Denver Railway gegründet wurde. Benannt hat man es nach Quanah Parker, dem letzten Komantschenhäuptling, dessen Name »Quanah/Kwana« so viel bedeutet wie »unangenehmer Geruch« – was viel über die Ausprägung seiner Körperhygiene aussagt. Trotzdem hatte der alte Haudegen sieben Frauen, wenn auch nicht alle gleichzeitig, wie man mir versichert hat.
Auf der Website des Örtchens wird Buenoano als ehemalige Bürgerin der Stadt gelistet. Davon abgesehen hat Quanah nicht sonderlich viel Aufregendes zu bieten, außer dass zu den namhaften Söhnen der Stadt William »Bill« Lawrence, ein hochdekorierter Soldat aus dem Zweiten Weltkrieg, sowie ein ehemaliger Baseball-Profi gehören. Außerdem stammen von dort ein gewisser Welborn Barton Griffith Jr., ein Offizier, der ebenfalls im Zweiten Weltkrieg gedient hat, ein ehemaliger Radiomoderator namens John Sandford Gilliand Jr., ein Astronaut namens Edward »Ed« Givens, ein Chemieingenieur namens Fred Chase Koch – Gründer von Koch Industries – und der Texas Ranger William »Bill« Jesse McDonald alias »Captain Bill McDonald«.
Meinen amerikanischen Lesern zuliebe kann ich das Thema Quanah an dieser Stelle nicht abhaken, ohne zu ergänzen, dass Ed Givens die Reise ins Weltall nie angetreten hat. Er starb leider bei einem Autounfall, bevor er für einen Weltraumflug eingeteilt werden konnte, und hat so auf ganz irdische Weise das Zeitliche gesegnet.
Bill Evans war ein 1,88 Meter großer Pitcher, der als Einwechselspieler erst für die Chicago White Sox und später für die Boston Red Sox gespielt hat. Er war bekannt für seine Würfe mit rechts. Gut gemacht, Bill!
Wenn Sie Welborns Namen im Internet eingeben, werden Sie feststellen, dass ihm durchaus Beachtung zuteilwurde, allerdings hat seine Geburtsstadt es schändlicherweise versäumt, seine Leistungen zu würdigen und ihm zu Ehren eine Statue zu errichten. Was uns zu Fred Koch bringt, von dem es in Quanah ebenfalls keine Statue gibt.
Koch war ein international erfolgreicher Geschäftsmann, der sein ganzes Leben mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte und bei der Entenjagd schließlich einen tödlichen Herzinfarkt erlitt. Laut seinem Sohn David spürte er »starkes Herzklopfen und schoss an diesem Tag ganz und gar nicht gut. Irgendwann kam ein einzelner Vogel angeflogen. Vater zielte und traf ihn. Die Ente stürzte zu Boden. Er drehte sich zum Belader um und sagte: ›Junge, das war ein ganz vortrefflicher Schuss!‹ Dann fiel er tot um.«
Zu guter Letzt war da noch der großartige Texas Ranger Bill McDonald, den sie unbedingt im Internet nachschlagen sollten. Er verkörperte eine Seite des Gesetzes, während auf der anderen natürlich Judy Buenoano stand alias »Die schwarze Witwe«.
Buenoano wurde dafür verurteilt, erst ihren Ex-Mann James Goodyear und später auch ihren Lebensgefährten Bobby Joe Morris mit Arsen vergiftet zu haben. Danach vergiftete sie ihren querschnittsgelähmten Sohn Michael und warf ihn (noch lebend) aus einem Kanu ins Wasser. Er ertrank, weil ihn das Gewicht seiner Arm- und Beinschienen in die Tiefe zog. Ihr Motiv war Gier, sie wollte die Lebensversicherungen ihrer Opfer kassieren. Lassen Sie mich dennoch versuchen zu beschreiben, wie diese Frau auf jeden, der sie je getroffen hat – mich eingeschlossen –, wirkte:
Sie erschien in ihrer Art extrem glaubwürdig, war schlank, fast schon zerbrechlich. Stellen Sie sich ein sonntägliches Kirchentreffen vor, wo ältere und junge Damen mit mildtätigem Blick und in adretten Kleidern geschäftig umherschwirren. Denken Sie an eine nette Arzthelferin, die typische Unschuld vom Lande, eine Grundschullehrerin oder die gute Seele der Gemeinde … und Sie haben das perfekte Bild von Judy Buenoano vor Augen. Und dann lesen Sie ihr schauriges Gedicht Masken, das sie kurz vor ihrer Hinrichtung nervös zu Papier gebracht hat. Darin offenbart sich alles, was man von einer Psychopathin erwarten würde, die bis zu ihrer unabwendbaren Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl jede Schuld von sich weist: »Lasst euch von mir nicht täuschen. Lasst euch nicht täuschen von meinem Gesicht, denn ich trage 1000 Masken; Masken, die auszuziehen ich nicht wage, und keine von ihnen bin ich. Die Kunst der Täuschung liegt mir im Blut, doch lasst euch nicht täuschen. Bei Gott, lasst euch nicht täuschen.«
Ich habe das Gerichtsgebäude besucht, in dem Buenoano zum Tode verurteilt wurde. Über der Richterbank steht folgender Bibelvers aus dem fünften Buch Mose (16, 20): »Was Recht ist, dem sollst du nachjagen.« Buenoano war die erste und letzte Frau, die in Florida auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde. Fred A. Leucher, technischer und organisatorischer Experte für Hinrichtungsapparaturen in drei US-Bundesstaaten, sagte bei ihrer Anhörung vor dem Gnadenausschuss aus, die Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl sei eine grausame und unmenschliche Strafe. Mit grimmiger Miene ergänzte er: »Diese Frau [Gnadengesuch # 160663] Buenoano wird bei lebendigem Leib verbrennen.« Leucher ist niemand, den ich zu einer Party einladen würde.
Ich würde an dieser Stelle gerne ein wenig abschweifen, um die Stimmung wieder etwas zu heben. Bei der Inspektion von Floridas elektrischem Stuhl hatte Leucher festgestellt, dass das Gerät nicht ordnungsgemäß funktionierte und eine Generalüberholung, die 3425 Dollar kosten würde, nötig war, was dem Bundesstaat allerdings »zu teuer« erschien. Da fehlen einem die Worte … umgerechnet gerade einmal 3300 Euro, um eine angeblich humane Tötungsmaschine zu reparieren? Das ist weniger als das Monatsgehalt eines Abgeordneten in Florida!
Laut Experte Leuchner, der die Generalüberholung natürlich selbst vorgenommen hätte, setzte sich diese Summe folgendermaßen zusammen: »Das Angebot umfasst selbstverständlich eine Fußraste, zwei Elektroden für die Beine sowie einen Ersatzhelm und die Versandkosten.« Er ergänzte: »Die alte Fußraste aus Armeezeiten und der Kupferstreifen, die einst als Provisorium von Mr. Robin Adair [Repräsentant der Strafvollzugsbehörde Floridas] entwickelt wurden, der für die Konstruktion von elektrischen Stühlen überhaupt nicht ausgebildet war, sind für eine fachgemäße Exekution ungeeignet.« Er schloss seine Beurteilung mit dem Fazit: »Diese Frau wird regelrecht gefoltert werden und ganz extreme Qualen erleiden.« Hätten Sie nicht auch so geurteilt?
In der Nacht vor ihrer Hinrichtung bekam Buenoano Besuch von ihren beiden Kindern, einer Cousine und einem Priester, der ihr die Kommunion erteilte. Laut Protokoll schlief sie von 1 bis 4 Uhr morgens. Dann erhielt sie ihre Henkersmahlzeit: gedünstetes Gemüse, frische Erdbeeren und einen heißen Tee.
Ein amerikanischer Henker, der inzwischen im Ruhestand ist (ich bevorzuge den von mir selbst erfundenen Begriff »Electrocutioner«, eine Kombination der Begriffe »Electro« und »Executioner«, also Henker), erzählte mir einmal: »Diese Henkersmahlzeiten dienen den Todeskandidaten nur als Futter für die Seele und erfüllen keinen nährwertbezogenen Zweck. Die Art der Mahlzeit spielt keine Rolle, außer für den anschließenden Obduktionsbericht, für den auch der Mageninhalt bestimmt werden muss. Nächste Frage, bitte.«
Diese klare Aussage gefiel mir, vor allem, weil er mich danach noch zum Essen einlud und mir dabei vorführte, wie ein perfektes Steak aussehen muss: Es muss außen scharf angebraten und innen noch rosig sein und ein wenig ruhen, bevor es verzehrt wird. Dazu Pommes mit Ranch-Dressing und Bratensoße – köstlich!
Als Buenoano kurz nach 7 Uhr den Hinrichtungsraum betrat, hielt sie die Hände zweier männlicher Beamter, die ihr beim Gehen halfen, ganz fest. Sie war kreidebleich, verängstigt und stand kurz vor einem Kollaps, war aber gleichzeitig entschlossen, ihrem Tod mit einer Art stoischer Würde entgegenzutreten.
Nachdem sie von eigens dafür eingeteilten Freiwilligen festgeschnallt worden war , wurde sie gefragt, ob sie noch irgendwelche letzten Worte zu sagen hätte. Mit kaum hörbarer Stimme entgegnete sie: »Nein, Sir.«
Kurz darauf wurde der Schalter umgelegt. Der Strom floss, ihre Fäuste ballten sich verkrampft. Auf dem 75 Jahre alten, schäbigen und mangelhaft funktionierenden Eichenstuhl wirkte sie fast zwergenhaft. Unter der Maske, die man ihr über den Kopf gestülpt hatte, und der behelfsmäßigen Kupferelektrode an ihrem rechten Bein stieg Rauch empor. Wie Leucher korrekt vorhergesagt hatte, wurde Buenoano zu Tode gequält – bei lebendigem Leib verbrannt –, so wie es dem fiktiven Charakter Eduard »Del« Delacroix, gespielt von Michael Jeter, in Stephen Kings Film The Green Mile aus dem Jahr 1999 ergangen ist.
Das war es dann. Bedenkt man die furchtbaren Verbrechen, für die Buenoano verurteilt worden ist, könnte man sagen, sie hätte dieses furchtbare Ende auch verdient. Manch einer mag das vielleicht anders sehen. Was ich auf jeden Fall betonen möchte, ist, dass die Todesstrafe – wie grausam sie auch sein mag – absolut keine abschreckende Wirkung besitzt, wie man am Fall von Buenoano eindrucksvoll sehen kann.
Während eines Interviews in der Haftanstalt HMP Bronzefield sagte die Serienmörderin Joanna Dennehy einmal zu mir: »Christopher, Sie zu töten wäre gut für mich.«
Rose West machte mir einen Heiratsantrag. Meine Reaktion darauf darf ich auf Anraten des Anwalts meines Verlegers in diesem Buch nicht abdrucken, weil sie sicher einige intellektuelle Leser und Leserinnen mit zart besaitetem Gemüt verschrecken würde.
Die Serienmörderin Aileen Wuornos machte mir glücklicherweise keinerlei intime Avancen. Dafür mochte die zierliche Melanie »Mel« McGuire das Chanel-Parfum »Egoist«, mit dem ich meine Briefe an sie großzügig versah. Die auch als »scharlachrote Frau« und »Eiskönigin« bekannte McGuire sah im echten Leben einmal aus wie ein hinreißendes Model vom Cover eines Hochglanzmagazins und gibt sich wie eine feine Dame, in Wirklichkeit ist sie aber eine kaltblütige Mörderin.
Die belesene Brünette aus der Upper-Class von New Jersey ist eine echte Femme fatale, die ihren Mann Bill erst unter Drogen gesetzt, dann erschossen und schließlich mit einer Motorsäge zerteilt hat, bevor sie seine Überreste im Wasser der Chesapeake Bay versenkte. Mir schrieb sie: »Mein liebster Christopher, wir würden das perfekte Paar abgeben. Am liebsten esse ich asiatisch (egal ob chinesisch oder japanisch), französisch (hier im Gefängnis bekommt man einfach kein gutes Foie gras) und Meeresfrüchte (hallo, ich komme schließlich von der Küste). Italienisch zähle ich bewusst nicht auf, das ist mein ›Alltagsessen‹.«
Und Veronica »VerLyn« Wallace Compton? Die habe ich Anfang der 2000er-Jahre im Western Washington Correctional Centre for Women (WWCCW) in Gig Harbor für meine zwölfteilige TV-Reihe The Serial Killers (auf Deutsch etwa: Die Serienmörder) interviewt.
Zwischen 1979 und 1980 feierte Compton jede Nacht wilde Partys und war dabei ständig berauscht von Kokain, das ihre Fantasie genauso beflügelte wie den enormen bisexuell ausgerichteten Drang, das Fleisch der Macher, Entscheider und auch Richter in der Millionenmetropole Los Angeles so richtig durchzupeitschen. Einen Teil ihrer Geschichte, in ihren eigenen Worten erzählt, finden Sie in meinem Buch Talking with Serial Killers 2 (auf Deutsch etwa: Wie Serienmörder denken, Band 2), im Kapitel über den Serienmörder Kenneth Alessio Bianchi, in den sie sich verliebt hatte und in dessen Auftrag sie erfolglos versuchte, eine Frau namens Kim Breed zu töten.
In den späten 1970ern war VerLyn eine hinreißende Schönheit mit verführerischem schwarzen Haar. Bei ihrer Figur blieb Männern (und vielen Frauen) die Spucke weg. Eine Frau sagte einmal: »VerLyn hat eine Figur, für die viele Frauen sterben würden.« Selbst nach 15 Jahren im Knast sah sie noch immer gut aus. Sie war quirlig und hochintelligent – und sie bot mir abseits der Kameras an, eine außerordentlich erotische Beziehung mit ihr einzugehen. Was sie aus ihrem bereits gut dokumentierten Lebenslauf damals verheimlichte: Während sie plante, Ken Bianchi zu heiraten – der damals wie heute und den Rest seines wertlosen Lebens in der Haftanstalt Walla Walla in Washington einsitzt –, hatte sie bereits Kontakt zu Douglas Clark, dem sogenannten »Sunset Strip Killer«. Mit ihm wollte sie eine Leichenhalle eröffnen, um Sex mit den Toten zu haben. Einmal gelang ihr sogar die Flucht aus dem Gefängnis. Inzwischen hat sie ihre Strafe allerdings verbüßt und wurde offiziell entlassen.
1989, als sie noch im Gefängnis einsaß, heiratete sie Professor James Wallace von der Universität von Eastern Washington. In einem Interview mit der Zeitung The Spokesman-Review erzählte Wallace, dass Compton den Drogen abgeschworen, einen Berufsabschluss erlangt und zu Gott gefunden habe. 1993 brachte das Paar eine Tochter zur Welt.
Wie Männer töten auch Frauen aus vielerlei Gründen. Allerdings wird dieses Buch Ihnen zeigen, dass kaltblütige Serienmörderinnen sich von ihren männlichen Kollegen dennoch unterscheiden wie Tag und Nacht.
Viel Spaß beim Lesen. Und haben Sie bitte keine Albträume!
Auf diese durchaus irritierende Überschrift folgt ein sehr kurzes Kapitel, das sich mit der Frage beschäftigt, wie man die Bösartigkeit eines Menschen messen und bewerten kann. Eines haben alle Mörder gemein: Ihre Opfer sind tot. Unser Gradmesser zur Beurteilung der Bösartigkeit ist, wie und mit welchen Mitteln ein Täter seine Opfer umbringt.
Lassen Sie das erst mal einen Moment lang sacken. Manche Menschen sterben schnell und schmerzfrei, andere auf schreckliche Art und Weise. Eine mörderische Krankenschwester spritzt ihren Patienten vielleicht eine Überdosis Insulin, während diese in ihrem Krankenbett schlummern. Die Opfer spüren in diesem Fall nichts von ihrem Tod und entschlafen friedlich. Am anderen Ende des Spektrums haben wir den Crystal-Meth-gestörten Teenager, der Geld für seine Droge braucht und seine Opfer stundenlang schlägt, quält, mit dem Messer bearbeitet oder sogar anzündet, bis sie endlich tot sind.
Es gibt Fälle, in denen Frauen Kinder einfach erstickt haben, und dann wiederum solche, in denen mehrere Babys bei lebendigem Leib in Öfen verbrannt wurden. Manche Frauen wollen ihren Ehemann oder Liebhaber loswerden und jagen ihm deshalb eine Kugel in den Hinterkopf. Die Opfer sind überrascht, spüren kaum Schmerzen und sind augenblicklich tot. Ob die Leiche anschließend zersägt wird, ist dem Opfer egal. Einer Jury und einem Richter allerdings nicht, es wird ihr Urteil beim Prozess mit Sicherheit beeinflussen. So wie das Verfahren gegen die schöne Mörderin Jodi Ann Arias zeigte, die für den Mord an ihrem Ehemann, den damals 30-jährigen Travis Victor Alexander, eine lebenslange Haftstrafe ohne Chance auf Bewährung absitzt. Sie hat ihn am 4. Juni 2008 in dessen Wohnung in Mesa, im US-Bundesstaat Arizona, erschossen und danach auf grauenvolle Weise mit mehr als 20 Messerstichen verstümmelt.
