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Es muss etwa im Sommer 2018 gewesen sein, als mich meine Freundin aus heiterem Himmel fragte, ob ich jemals daran gedacht hätte, mich komplett in eine Frau verwandeln zu lassen. Sie meinte vor, dass es interessant sein könnte. Ich druckste ziemlich herum, und ehrlich gesagt war mir der Gedanke vielleicht schon mal für den Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf gegangen, aber ich hatte ihn verworfen, weil ich absolut sicher war, dass das Ergebnis nicht annähernd meinem Qualitätsstandard entsprechen würde. Dann kam Weihnachten 2018 und ihr Geschenk war genau das: ein Makeover. Sie hatte mit der Geschäftsführerin eines Service gesprochen, alle Optionen geprüft, Vorbereitungen getroffen, das volle Programm. Keine Chance für mich zu kneifen! Am Valentinstag 2019 fand das Styling statt und Wiebke wurde geboren. Seitdem entwickle ich eine weibliche Persönlichkeit und habe begonnen, diese Welt als Frau zu erobern, alles unterstützt von meiner geliebten Freundin. Dieser Band 5 ist ein Tagebuch meiner Aktivitäten und Gefühle als Frau zwischen Jamuar und April 2022. Spätere Ausgaben werden veröffentlicht, so wie sich meine alternative Persönlichkeit entwickelt und genügend Material vorhanden ist.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2025
Prolog
01. Januar: Sabrinas neues Profilbild
02. bis 08. Januar: eine zweite Woche in Köln
02. Januar: Reisetag
03. Januar: Outing bei Johannes
04. Januar: ein ruhiger Tag
05. Januar: wieder ein eher ruhiger Tag
07. Januar: Ausgehen am Freitagabend
08. Januar: Die Woche ist wie im Fluge vergangen
Quintessenz der Woche
13. Januar: Therapietermin
21. Januar: zzzzz
26. Januar: Planung abgeschlossen
29. Januar: "Probe" für Amrum
03. Februar: Tessa und die TERFs
16. Februar: Wiedererweckung
17. Februar: Relaxen
18. Februar: Tessa und die Nazi- Schlampe, Outing bei Kenshin
20. Februar: Wiebke zu Hause
22. Februar: Das Outing geht weiter…
25. bis 27. Februar: ein Hamburg- Wochenende
25. Februar: Reisetag
26. Februar: Restaurant Falkenstein
27. Februar: Heimreise
06. März: Ben kommt zu Besuch
10. bis 12. März: Gesundheitsprobleme, ein totes Telefon und sinnlose Diskussionen
13. März: Wiebke verbringt den Tag, mucho Kommunikation
18. März: Zoom-Meeting mit Martin
19./20. März: lange Diskussion mit Hedda
21. März: Pläne mit Sabrina
22. März: ein Abend mit Sabrina
24. März: Vincenzo treffen in Dortmund
26. März: ein Tag in Timmendorfer Strand
28. März: das Biopsieergebnis
29. März: Therapiesitzung
30. März: weiteren Urlaub planen
31. März: Outing bei Mark am TDoV
01. April: nach dem Outing
02./03. April: Klärung mit Hedda, Partyvorbereitung
04. April: Hedda ist richtig schnell! Noch ein spontanes Outing
05. April: ein abgebrochenes Outing und eine unerwartete Wendung bei meinem Amrum- Urlaub
07. bis 14. April: Party in Wahlstedt & Urlaub auf Amrum
07. April: Das Packrätsel
08. April: Reise und Abendessen
09. April: Besuch bei der Kosmetikerin, die Party!
10. April: eine unerwartet lange Anreise
11. April: ein Tag mit Sigrid & Maddie: Erkundung der Insel mit dem Bus
12. April: Erkundung der Insel mit dem Fahrrad
13. April: Erkundung der Insel zu Fuß
14. April: Heimreise
Quintessenz
17. April: Ostern mal anders
29. April - 01. Mai: Outings beim BSW
Alphabetisches Personenverzeichnis
Nachwort
Über die Autorin
Impressum
Wiebke werden V
Teil V eines Tagebuchs von jemandem, der genetisch männlich geboren wurde, die sich aber als transident definiert(Januar bis April 2022)
Dies ist der fünfte Teil meines ständig wachsenden Tagebuchs und ich empfehle dringend, zuerst die früheren Teile zu lesen.
Ich habe mein drittes Buch mit der Feststellung beendet, dass ich keine weiteren Teile veröffentlichen werde, es sei denn, es gäbe größere Fortschritte zu vermelden. Damals hatte ich nicht damit gerechnet, aber es ist passiert! Deshalb habe ich im Herbst 2022 in kurzer Folge drei neue Bände meines Tagebuchs in englischer Sprache veröffentlicht. Da war ich seit einem Jahr im Umbruch, habe natürlich mein Tagebuch weitergeschrieben und war an einem Punkt angelangt, an dem das Veröffentlichen wieder Sinn machte. Diese deutschsprachige Version erstelle ich, weil mir die Nachfrage dafür gespiegelt wurde. Dieser Teil deckt den Zeitraum zwischen Januar und April 2022 ab.
Der Tag war ausgefüllt mit Nichtstun, außer sich von der langen Nacht zuvor zu erholen und Neujahrsgrüße zu verschicken und zu beantworten. Als ich meiner Nachbarin Sabrina eine Nachricht schrieb, sah ich, dass sie ein neues Profilbild hatte. Es war eines der Bilder, die ich in meinem Bad gemacht hatte, als ich ihr Make Up- Nachhilfe gegeben hatte. Ich kann nicht beschreiben, wie sehr mich das berührt hat! Offenbar schätzt sie nicht nur das Erlebnis, sondern auch das Ergebnis gefällt ihr immer noch so gut, dass sie sich anderen so präsentieren möchte, wie sie damals aussah. Ich fragte sie, ob jemand darauf reagiert habe und es gab tatsächlich eine positive Reaktion von einer Freundin.
Nachdem ich zwei Nächte bei Hedda übernachtet hatte, fuhr ich am Morgen des 2. Januar nach Brackwede und nahm mein Auto mit nach Hause. Dort habe ich den Rucksack gegen meine Arbeitstasche getauscht, alle Zähler abgelesen, Post gecheckt, die Pflanzen gegossen und bin dann im Männermodus zurück nach Köln gefahren und habe mich um meinen Körper gekümmert. Ich habe mich gründlich rasiert, eine Gesichtsmaske aufgetragen, meine Nägel gefeilt und Klarlack aufgetragen. Ich ging früh schlafen, da ich am nächsten Morgen um sechs Uhr zur Arbeit aufstehen musste.
Für heute hatte ich wieder ein Outing geplant, diesmal bei Johannes, einem ehemaligen Mannheimer Kommilitonen, der in Köln lebt. Unser Treffen war für 15 Uhr angesetzt. und deshalb hatte ich bis dahin ein paar Einschränkungen, weil ich für das Outing im männlichen Modus sein wollte. Obwohl ich es gerne getan hätte, habe ich darauf verzichtet, Wiebke- Kleidung anzuziehen. Außerdem trug ich weder die Perücke, noch habe ich meine Nägel lackiert, außer mit dem Klarlack, den ich gestern aufgetragen hatte. Etwas Lustiges muss hier hinzugefügt werden. Mein ganzes Leben lang bin ich es gewohnt, meine weibliche Persönlichkeit vor anderen zu verbergen. Allerdings hatte Dagmar dem Hausmeister letzte Woche gesagt, dass eine Freundin diese Woche ihre Wohnung nutzen würde, damit der Hausmeister nicht misstrauisch werden würde, wenn ihm im Treppenhaus ein unbekanntes Gesicht begegnet. Da Dagmar eine Freundin erwähnt hatte, fühlte ich mich gehemmt, das Gebäude im Männermodus zu verlassen. Das genaue Gegenteil von dem, was ich gewohnt bin. Als ich das merkte, musste ich schmunzeln. Es stellte sich heraus, dass es eine gute Sache war, auch für die Arbeit männlich zu sein, denn wir hatten ein Remote- Teammeeting und etwas seltsames passierte: Unser Chef bat uns, die Kameras anzuschalten, etwas, das wir zuvor selten getan hatten...
Als die Arbeit erledigt war und 15 Uhr näher rückte, sorgte ich dafür, dass mein Handy ausreichend geladen war, nahm eine Maske usw. und fuhr zum Rudolfplatz, um dort Johannes zu treffen. Er kam genauso pünktlich, wie ich es von ihm kenne. Er schlug ein Kölsch vor und hatte auch den richtigen Ort im Kopf, dachte er zumindest. Am Ende hatten wir dort insgesamt vier Kölsch (es sind nur 0,2 Liter pro Glas), bevor wir woanders hingingen. Der erste Ort war laut, zu laut, um das Outing zu beginnen, also habe ich gewartet.
Wir sind nicht lange gelaufen. Das mussten wir erst einmal nicht, es gab eine große Auswahl an Restaurants in dieser Gegend, aber es hatte auch angefangen zu regnen, also wollten wir lieber früher als später wieder drinnen sein. Wir entschieden uns für das La Strada und ich wählte absichtlich einen ruhigen Tisch hinten im Lokal. Dann, nachdem wir unsere Bestellung aufgegeben hatten, kam ich gleich zur Sache und tat es genau so, wie ich es meistens mache. Nachdem er den zweiten Teil gelesen hatte, schloss Johannes die Schutzhülle meines Handys mit einem lauten Knall und sagte: „Ok, wir haben alle unsere Probleme. Das ändert nichts zwischen uns.“
Das sagte er, aber seine Körperhaltung sagte etwas anderes, sie hatte sich von offen zu abwehrend verändert. Ich zeigte ihm natürlich die Bilder, und er sah sich vielleicht 8 oder 10 davon an, hörte dann aber auf. Die Abfolge der Ereignisse ist immer zu schnell, um alles im Detail zu verfolgen, aber er fing an, Fragen zu stellen, was nun meine Pläne seien. Ich verstand, dass er wissen wollte, ob ich vielleicht eine soziale Transition machen oder mich vielleicht bis zu einem gewissen Grad operieren lassen wollte, und antwortete darauf, aber im Nachhinein glaube ich nicht, dass er das meinte. Denn ziemlich bald fand ich mich dabei, ihm den Unterschied zwischen Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung zu erklären. Ich musste das vier Mal machen und glaube immer noch nicht, dass er es verstanden hat. Ich schätze, obwohl er äußerlich ziemlich ruhig geblieben ist, ist er innerlich ausgeflippt, weil er befürchtete, ich würde ihn anmachen. Seine Gesten sahen oft so aus, als würde er einen imaginären Angriff abwehren. Er hat lange gebraucht, um sich zu beruhigen, und ich glaube, das hat er auch nur, weil das Gehirn irgendwann aufhört, Adrenalin auszuschütten, weil man sich nicht länger angespannt halten kann. Ich glaube nicht, dass meine Information, dass er von mir nichts zu befürchten hat, wirklich angekommen ist. Wir redeten noch lange weiter, ungefähr zwei Stunden und aßen zwischendurch, aber es wurde ziemlich klar, dass er wieder nach Hause wollte, bevor der Abend zu Ende war. Wir haben uns um halb sechs voneinander verabschiedet. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine Weile dauern wird, bis ich von ihm höre, wenn überhaupt.
Ich ging zurück in meine Wohnung und ehrlich gesagt hatte sich mein Drang, Wiebke endlich wieder etwas Freiraum zu lassen, immens aufgestaut. Also habe ich mich aus keinem anderen Grund umgezogen und geschminkt, als es zu wollen. Ich hatte auch das Bedürfnis nach High Heels und schlüpfte in meine grünen Stiefeletten. Als ich fertig war, beschloss ich, einen Spaziergang zu machen und erkundete eine Stunde lang den westlichen Teil meiner Nachbarschaft, da ich die noch nicht gesehen hatte. Wieder zu Hause zog ich mir vernünftigeres Schuhwerk an, aber das hatte ich definitiv gebraucht, um mich nach diesem Tag und dem Ausflug weiblicher zu fühlen. Schließlich schrieb ich dieses Tagebuch weiter und ging gegen 11 Uhr ins Bett.
Ich habe als Wiebke mittlerweile eine gewisse Routine mit Arbeitstagen entwickelt, aber aufgrund der gestrigen Erfahrung beschlossen, das heute zu ändern. Es bestand eine geringe Chance, dass mich jemand vor der Kamera sehen wollte, also machte ich mein Gesicht nicht zurecht und trug auch männliche Kleidung vom Gürtelbereich aufwärts, bis das letzte geplante Treffen am Mittag stattgefunden hatte.
Dann habe ich mich komplett angezogen und geschminkt und den Rest des Arbeitstages en femme verbracht. Ich hatte keine weiteren Termine und keine anderen Pläne für den Tag, also habe ich nach der Arbeit eine Stunde lang geschlafen und dann die Wohnung aufgeräumt. Später an diesem Tag habe ich Müll eingesammelt und habe ihn weggebracht. Es gab ein paar Dinge, die ich brauchte, wie Brot und Zahnpasta, aber als ich unten war, bemerkte ich, dass es regnete, und ich hatte den Regenschirm oben gelassen. Ich war einfach zu faul, um ihn zu holen und Besorgungen zu machen, also bin ich nach dem Entsorgen des Mülls einfach wieder zurück in die Wohnung gegangen. Stattdessen habe ich eine ausgiebige Körperpflege gemacht, gebadet, mich rasiert, eine Gesichtsmaske aufgetragen und so weiter.
Tagsüber hatte ich Ben und Nadine nochmal einen weiteren Vorschlag gemacht, uns am nächsten Tag zu treffen, Frankfurt war immer noch nur eine Stunde entfernt. Diesmal sagte Ben, dass er es schaffen würde und wir telefonierten, um die Details abzustimmen. Aber dann fand ich heraus, dass er immer noch nicht geimpft war, also konnten wir kein Café, Restaurant oder was auch immer betreten. Eine Möglichkeit wäre gewesen, dass er mich am Flughafenbahnhof abholt, mich zu ihnen nach Hause holt und dann ein paar Stunden später wieder zum Flughafen bringt. Das würde für ihn aber zwei Stunden Fahrt bedeuten. Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, dass ich mit dem Zug bis zu deren Ort fahre, aber das hätte meine Reisezeit verdoppelt. Die dritte Möglichkeit, draußen zu bleiben, wollte ich aufgrund des Wetters gar nicht in Betracht ziehen. Wir waren uns einig, dass keine der Optionen realisierbar war, und haben das Ganze abgeblasen. Nach dem Anruf habe ich eine Entscheidung getroffen: Ich werde mich nicht wieder versuchen, mich mit ihnen zu treffen, bis sie entweder geimpft sind oder die Pandemie einen erträglichen Zustand erreicht hat.
Später an diesem Tag schrieb ich Teena eine Nachricht zu meiner Woche und sie war sehr interessiert. Teena ist eine Frau der schnellen und ungewöhnlichen Entscheidungen, z. B. war sie kürzlich mit einer Freundin (Hani) für weniger als 48 Stunden in Paris, flog an einem Samstag um 6 Uhr morgens hin, sah sich tagsüber zuerst die Sehenswürdigkeiten an und feierte dann die ganze Nacht, dann wieder Sightseeing. Sie bekam bestenfalls drei oder vier Stunden Schlaf. Wenn ich das täte, würde ich hinterher wahrscheinlich einen guten Bestattungsunternehmer brauchen… Wie auch immer, als sie von meinen Plänen für Freitagabend erfuhr, beschloss sie, dass sie auch kommen und Hani mitnehmen wollte, damit ihr auf der Reise nicht langweilig würde. Zum Glück konnte ich sie dazu überreden, einen Zug zu nehmen, anstatt zu fliegen.
Aber was waren meine Pläne für Freitag? Angefangen hatte alles damit, dass ich Suzy Metzner wiedersehen wollte, zuletzt habe ich sie vor zwei Jahren in München getroffen. Wir haben unsere Termine gemeinsam so abgestimmt, dass es in dieser ersten Woche des Jahres 2022 passen würde. Es ergaben sich zwei Abende, nämlich der 6. und 7. Januar (der Freitag).
Als nächstes fragte mich eine Schwester namens Theresa, die in der Nähe von Köln lebt, ob ich Zeit für ein Treffen finden würde. Wir haben bisher vielleicht zwei oder drei Sätze miteinander gesprochen, aber warum nicht? Dann fragte ich Suzy, ob sie an diesem Freitag etwas gegen weitere Gesellschaft hätte, sie verneinte und kündigte an, dass sie in diesem Fall eine gewisse Annika mitbringen würde. Ich sagte Theresa, dass wir uns treffen könnten. Dann hat Dagmar (sozusagen meine Vermieterin) eine Nachricht geschickt und überlegt, ob sie von Donnerstag bis Samstag wieder mitkommen möchte. Ich erzählte ihr von den Plänen für Freitag und lud sie ein.
Schließlich entschied sich Teena, wie beschrieben, ein sehr günstiges Zugticket für die Hin- und Rückfahrt zu nutzen, das ich für sie gefunden hatte. So fährt sie nun für einen Abend rund 900 km mit dem Zug nach Köln. Ein dolles Ding! Auch wenn es nur 56€ pro Fahrgast kostet.
Die heutige Arbeit war etwas herausfordernder als sonst und hat mich etwas mehr erschöpft. Deshalb brauchte ich nach der Arbeit ein Nickerchen! Während der Arbeitszeit habe ich eine Gruppe in Signal für die Teilnehmer des Freitagstreffens erstellt und im Kattwinkel reserviert.
Nach meinem Mittagsschlaf ging ich Wasser, Zahnpasta, Brot etc. einkaufen. Als es Zeit zum Bezahlen war, entschied ich mich für eine dieser neuen Selbstbedienungskassen, an denen man die Artikel selbst scannt und dann mit Kreditkarte bezahlt. Ich habe versucht, die Anweisungen buchstabengetreu zu befolgen, aber ich bin wahrscheinlich zu alt. Auf jeden Fall hatte ich bereits einen Gegenstand gescannt, als dieses verdammte Ding mir sagte, ich solle meine Tasche in einem bestimmten Bereich abstellen. Ich tat das und als nächstes sagte es mir, ich solle das Gemüse auf eine Waage legen. Aber ich hatte kein Gemüse in meinem Einkaufswagen! Und ich habe keinen Weg drumherum oder einen Abbrechen- Button gefunden. Der Kassierer schrie aus der Ferne, ich sollte dies und das machen und ich versuchte es, aber nichts ging und irgendwann schnappte ich mir einfach alle meine Sachen und schrie zurück, ich würde mich anstellen und es auf die altmodische Art machen. Ich hatte immer noch keinen Abbrechen- Button gefunden und das Ding wiederholte ständig die Anweisungen, zumindest bis ich den Supermarkt verließ. Der Kassierer war sauer auf mich und hatte kein Problem damit, dem auch Ausdruck zu verleihen. als ich an der Reihe war, aber da ich keine Ahnung hatte, was ich falsch gemacht hatte und folglich auch kein Schuldgefühl, schimpfte ich nur zurück. So eine Situation hatte ich als Wiebke noch nie und ich finde sie schon deshalb erwähnenswert, weil ich mich auch in dieser Situation nicht enttarnt fühlte. Ich war nur diese Trulla, die keine Ahnung hatte, wie man moderne Technik bedient.
Nach dem Vorfall dachte ich, ich brauche eine kleine Abkühlung, also machte ich trotz des Gewichts, das ich tragen musste, einen Umweg nach Hause. Es funktionierte, ich hatte mich beruhigt, als ich wieder vor meiner Haustür stand.
Der Rest des Tages war wieder ruhig. Ich habe niemanden getroffen, aber eine Stunde mit Hedda telefoniert und dann meine Lieblings- Radiosendung gehört. Um 23 Uhr bin ich eingeschlafen. Aber es gibt etwas aus dem Chat zu berichten, während die Radiosendung lief. Mike, den ich auf Facebook entfreundet habe, kommentierte und reagierte auf eine Reihe meiner Beiträge, die ich alle ignorierte. Er hat sogar ein GIF mit jemandem gepostet, der mit einer Regenbogenfahne tanzt. Ich könnte sagen, ich weiß nicht, was ich davon halten soll, aber ich denke, ich weiß es genau: Er versucht, den Kontakt wiederherzustellen. Er tut dies jedoch auf völlig ungeeignete Weise. So wie ich es sehe, versucht er, das zu lösende Thema zu ignorieren und es stattdessen mit unverbindlichen Gemeinplätzen zu überspielen. Er ist offensichtlich nicht bereit, dorthin zu gehen, wo es wehtut, und ich werde seine Annäherungsversuche weiterhin ignorieren.
06. Januar: Treffen mit Suzy und eine Katastrophe…
Der Arbeitstag war aufgrund des heutigen Datums langweiliger als sonst. Der 6. Januar ist ein Feiertag (Dreikönigstag) in den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen leben (und arbeiten, was eher der Punkt ist) in Bayern, daher war mit Anrufen von ihnen nicht zu rechnen. Ich hatte Lust, mich noch weiblicher zu kleiden als den Rest der Woche, habe aber nur das grundlegendste Make-up gemacht. Suzy und ich verabredeten uns am frühen Morgen für 18 Uhr im Restaurant Klaaf und ich plante, das Make-up rechtzeitig für dieses Treffen fertigzustellen.
Dann, eineinhalb Stunden nach Beginn des Arbeitstages, erhielt ich eine E-Mail von Margit. Ich habe sie ab und zu in meinem Tagebuch erwähnt, sie ist die einzige Person, die von meiner kurzen Begegnung mit diesem „Crossdresser- Forum“ im Herbst letzten Jahres übrig geblieben ist. Unsere E-Mail- Korrespondenz hat seitdem eine beachtliche Größe und Tiefe erreicht, sie ist in knapp vier Monaten auf über 250 Seiten angewachsen. Außerdem hatten wir, während ich in Graal-Müritz war, ein einstündiges Online- Meeting und ein paar Wochen später haben wir mal telefoniert.
In der zweiten Hälfte dieser Korrespondenz hatte ich ein wachsendes Unbehagen gespürt, ich fühlte, dass sie zunehmend von meinen Nachrichten abhängig wurde. Ich hatte meine Bedenken darüber geäußert, dass ich ihre Erwartungen an und Prognosen bezogen auf mich vielleicht nicht erfüllen könnte (oder wollte), genauso wie ich versucht hatte, sie dazu zu bringen, sich auf ihre 30-jährige Beziehung zu ihrer Frau zu konzentrieren, denn von meiner Seite aus schien es, als ob… nun, es war keine Nachlässigkeit, aber vielleicht Gleichgültigkeit? – als wäre sie ihrer Partnerin gegenüber zu gleichgültig. Ich muss gestehen, dass ich das schon lange hätte kommen sehen sollen, aber ich wollte es nicht wahrhaben.
In ihrer Nachricht heute Morgen gestand sie mir, dass sie sich in mich verliebt hat…
Zu dieser Anwandlung könnte man viel sagen:
Ich könnte wahrscheinlich noch viel mehr Punkte anbringen, aber es spielt keine Rolle. Was zählt: Im Moment weiß ich nicht, was ich tun soll! Dieser Austausch kann definitiv nicht so weitergehen wie bisher. Ich muss für mich selbst herausfinden, ob und wenn ja, inwieweit und unter welchen Bedingungen es weitergehen kann oder soll, was ich davon habe und ob es für Margit sinnvoll ist. Ich weiß es einfach nicht!
Andererseits muss ich ihr etwas sagen. Überhaupt nicht zu reagieren, selbst zwei Tage lang nicht zu reagieren, kann sie in tiefe Qualen versetzen. Das möchte ich auf keinen Fall! Wenn ich nur jemanden hätte, mit dem ich darüber sprechen könnte, aber ich glaube, ich müsste zu viele geheime Informationen über sie preisgeben, um auch nur halbwegs ein fruchtbares Ergebnis zu erzielen.
Eines ist jedoch absolut klar: Es ist überhaupt keine Frage, ob ich eine Art Beziehung mit ihr anstrebe oder nicht. Und für die Zukunft muss ich meinen Kommunikationsstil generell ändern, damit das nicht wieder vorkommt. Wie ich das bewerkstelligen kann, ist allerdings ein Rätsel, ich kann ja zum Beispiel meine Empathie nicht einfach herunterregulieren.
