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Es muss etwa im Sommer 2018 gewesen sein, als mich meine Freundin aus heiterem Himmel fragte, ob ich jemals daran gedacht hätte, mich komplett in eine Frau verwandeln zu lassen. Sie meinte vor, dass es interessant sein könnte. Ich druckste ziemlich herum, und ehrlich gesagt war mir der Gedanke vielleicht schon mal für den Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf gegangen, aber ich hatte ihn verworfen, weil ich absolut sicher war, dass das Ergebnis nicht annähernd meinem Qualitätsstandard entsprechen würde. Dann kam Weihnachten 2018 und ihr Geschenk war genau das: ein Makeover. Sie hatte mit der Geschäftsführerin eines Service gesprochen, alle Optionen geprüft, Vorbereitungen getroffen, das volle Programm. Keine Chance für mich zu kneifen! Am Valentinstag 2019 fand das Styling statt und Wiebke wurde geboren. Seitdem entwickle ich eine weibliche Persönlichkeit und habe begonnen, diese Welt als Frau zu erobern, alles unterstützt von meiner geliebten Freundin.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 167
Veröffentlichungsjahr: 2025
Prolog
03. Mai: Therapiesitzung
04. Mai: Golf mit Bintje und zwei Einladungen
05. Mai: ich weihe meine Nachbarn ein
07. Mai: Freiheit und ein weiteres Outing
08. Mai: Muttertag…
09. Mai: ein Tag im Homeoffice
10. Mai: ein weiterer Tag im Homeoffice
11. und 12. Mai: Homeoffice continued…
13. Mai: weiter im Outing- Marathon
14. Mai: etwas Shopping
16. Mai: Queeres im Alltag
18. Mai: Ohrlöcher stechen, fast!
19. Mai: Homeoffice, was sonst? Therapiesitzung
20. Mai: Was wohl? Na, Homeoffice natürlich
21. Mai: Ohrlöcher! Und endlich das Outing bei Ralph!
22. Mai: keine Reaktion von Ralph, Radtour
23. Mai: Och nee!!!
24. Mai: wieder normal
25. Mai: Wiebke hilft Ralph
26. Mai: Wandert Wiebke oder nicht?
27.-29. Mai: die virtuelle Wiebke
30. - 31. Mai: Besuch bei Nadine und Ben in Fischbach
Mai 2022: ein Rückblick
01. Juni: Abteilungsmeeting in Mannheim
11. Juni: Teenas Party
12. Juni: nach Teenas Party
16. bis 25. Juni: Urlaub auf Langeoog
26. Juni: ein Wiebke-Tag
29. Juni: Outing bei meinem Sohn
01. Juli: Krebsdiagnose, Videocall mit Martin, Telefon mit Natasha
02. Juli: Besorgungen mit dem Fahrrad
03. Juli: eine abendliche Radtour
04. Juli: Wiebke im Homeoffice
05. Juli: Wiebke beim Therapeuten
06. Juli: Hach, wie befreiend!
07. Juli: wieder ein voller Tag Wiebke
08. Juli: schon wieder zum Arzt
09. Juli: mein Sohn hatte einen Unfall
10. Juli: ein ganzer Tag Wiebke, Besuch bei Ralph & Sabrina
12. Juli: Klinikbesuch, Treffen mit Annika und Mark
13. Juli: Waschtag und wieder Krankenhaus
14. Juli: Essen gehen mit Ralph und Sabrina
15. Juli: Homeoffice und 20 km- Radtour
16. Juli: Besorgungen am Samstag morgen
17. Juli: kaputte Schulter
18. Juli: weitere Untersuchungen und Besorgungen
19. Juli: Dagmar kommt nicht zu Besuch
21. Juli: Therapietermin…
22. - 27. Juli: Lenny ist zu Hause
28. Juli: Natasha verlässt das Schwesternzeit- Forum
29. Juli: Wiebke is back
30. Juli: Videocall mit Ophélia
31. Juli: Wiebke zu Hause und in der Nachbarschaft
Alphabetisches Personenverzeichnis
Nachwort
Über die Autorin
Impressum
Wiebke werden VI
Teil VI eines Tagebuchs von jemandem, der genetisch als Mann geboren und als transident diagnostiziert wurde (Mai bis Juli 2022)
Dies ist der sechste Teil meines ständig wachsenden Tagebuchs und ich empfehle dringend, zuerst die früheren Teile zu lesen. Ich hatte mein drittes Buch mit der Feststellung beendet, dass ich keine weiteren Teile veröffentlichen werde, es sei denn, es gäbe größere Fortschritte zu vermelden. Damals hatte ich nicht damit gerechnet, aber es ist passiert! Deshalb habe ich im Herbst 2022 in kurzer Zeit drei neue Folgen meines Tagebuchs veröffentlicht und dies ist die spätere deutsche Übersetzung. Ich habe die Diagnose, bin seit einem Jahr in der Transition und habe natürlich mein Tagebuch weitergeschrieben und einen Punkt erreicht, an dem das Publizieren wieder Sinn macht. Die Geschwindigkeit meines Fortschritts hat zugenommen und meine soziale Transition ist auf mehr als halbem Weg. Dieser Teil deckt den Zeitraum zwischen Mai und Juli 2022 ab.
Heute gab es wieder eine dreieinhalbstündige Therapiesitzung. Davon bestand die erste halbe Stunde aus Terminvereinbarungen für das gesamte laufende Jahr plus einem Termin im Januar 2023. Dabei hatte ich die Befürchtung, mich in diesem Termin überhaupt nicht hinsetzen zu dürfen. Mein Therapeut Herr Dr. Krecké hatte endlich einen Antrag bei der Krankenkasse gestellt und ich war in einem Schreiben informiert worden, dass mir zwölf Sitzungen genehmigt werden. Diese zwölf Sitzungen waren aber tatsächlich schon lange vorbei. Er hat mich beruhigt, es geht weiter.
Wie üblich hat auch diese Sitzung viele Drehungen, Wendungen und Volten gehabt. Und, ebenfalls wie üblich, möchte ich darüber im Einzelnen gar nicht berichten. Aber an einer Stelle hat der Therapeut über eine lange Formulierung eine große Traurigkeit und Unzufriedenheit bei mir ausgelöst, die nicht wie üblich in Demotivation übersetzt wurde, sondern ganz im Gegenteil dazu geführt hat, dass ich dringend etwas tun wollte, nämlich mich bei meinen Nachbarn öffnen. Er sagte sinngemäß, es gebe da eine Freizeit- Wiebke, die überall zu Hause sei, außer zu Hause. Das wäre zwar nett, aber damit würde ich nicht weiterkommen. Er fragte, wie lange ich das denn noch tun wolle.
Ich musste ihm vollkommen recht geben! Wenn ich weiterhin auf andere Leute Rücksicht nehme, bzw. sogar noch viel schlimmer, auf das, was ich denke, was die Bedürfnisse von anderen sind, dann komme ich nie weiter. Nach der Sitzung ist ein Plan gereift, den ich zwei Tage später umgesetzt habe.
Heute Nachmittag habe ich eine 9- Loch Runde Golf mit Bintje vereinbart, nach dem Spiel haben wir vor dem Clubhaus auf der Terrasse gesessen und etwas getrunken. Während der Runde erzählte ich ihr davon, wie gerne Wiebke einmal Golf spielen würde und sie sagte, dass sie da dann auch gerne dabei wäre. Wir haben locker ins Auge gefasst, am Sonntagmorgen ganz früh zu spielen. Ich vermute, ich muss mich erst daran gewöhnen, als Wiebke auf dem Platz zu stehen, und wer weiß, auf welche Schwierigkeiten ich dabei stoße, die ich jetzt noch nicht vorhersehen kann. Da ist es einerseits gut, wenn jemand dabei ist, und andererseits aber ebenso gut, wenn auf dem Platz nicht allzu viel los ist. Als wir am Clubhaus saßen, schlug Bintje vor, ich solle doch am 17. Juni mit ihr auf Norderney Golf spielen, es gebe dort ein Turnier, und sie sehe eine Möglichkeit, mich da rein zu bringen, ohne dass ich eine DGV- Mitgliedskarte auf Wiebkes Namen bräuchte. Bintje ist wohl ein bisschen ein Springinsfeld, das geht mir deutlich zu schnell. Ganz abgesehen davon, am 16. Juni fahre ich ja sowieso mit Hedda nach Langeoog.
Als nächstes schlug Bintje vor, ich könnte doch am kommenden Samstagabend mit ihr und einer Freundin zusammen essen gehen. Das ginge rein terminlich tatsächlich, aber ich kenne die Freundin ja nicht. Bintje erzählte mir, es sei eine Ex- Freundin, meinte auch, ich müsste sie kennen. Sie zeigte mir ein Foto, aber ich kannte die Frau nicht. Es hat mich nicht wenig irritiert, als Bintje mir sagte, diese Ex- Freundin sei etwa 20 Jahre älter, also Mitte 70, und sie gehe bis heute davon aus, dass sie gar keine Ex- Freundin sei. Aber weiter nachgefragt habe ich auch nicht. Trotzdem habe ich dankend auf die Einladung verzichtet, auch wenn es natürlich eine gute Gelegenheit für Bintje wäre, Wiebke kennenzulernen.
Teena ist zwar im Moment im Urlaub in Kroatien, hat aber am Abend eine neue Einladung für eine Party ausgesprochen, für den 11. Juni, wieder bei ihr im Soundbunker in Wahlstedt. Ich habe zugesagt und am nächsten Morgen auch ein Hotelzimmer in der Nähe gebucht. Wer weiß, möglicherweise geht jetzt das Gleiche wieder los wie bei meiner ersten Party dort: vielleicht suche ich wieder wochenlang nach einem schlagenden Outfit. Vielleicht mache ich es mir aber auch etwas einfacher: Gern würde ich mal meine neuen Ziegenlederpumps ausführen und ich habe mir überlegt, dazu passt hervorragend eine ripped Jeans, möglicherweise mit einer Netzstrumpfhose darunter. Allerdings habe ich im Moment weder eine ripped Jeans noch die Netzstrumpfhose. Ich denke darüber noch ein paar Tage nach und wahrscheinlich werde ich dann bestellen, es ist ja noch etwas Zeit…
Den Plan, der seit der letzten Therapiesitzung (also vorgestern) gereift war, habe ich heute auch durchgeführt. Durch eine besondere Situation trafen sich ganz viele Nachbarn in meiner Straße bei meinen direkten Nachbarn und natürlich war auch ich dabei. Wir haben etwas besprochen, was die ganze Straße angeht, die Stadt möchte uns nach 87 Jahren mit dem “Endausbau” der Straße beglücken und wir haben uns abgestimmt, wie wir auf diese Posse reagieren wollen. Anschließend bin ich einfach länger geblieben, bis ich Janka und Steffan für mich alleine hatte und habe ihnen einen verkürzten Coming-out Brief vorgelegt. Im Unterschied zu meinem normalen Vorgehen habe ich ihnen gar keine Wahl gelassen, also nicht gefragt, ob sie die Information haben möchten oder nicht. Sie bekamen direkt folgendes zu lesen:
“Hallo,
die Gelegenheit möchte ich nutzen und Dir etwas von mir erzählen, um Irritationen so weit wie möglich vorzubeugen. Es macht einfach Sinn, jetzt, wo Lenny auf absehbare Zeit nicht mehr bei mir sein wird, möchte ich mir einen Freiraum verschaffen und mit offenen Karten spielen.
Ich habe eine besondere Aufgabe, eine besondere Befindlichkeit, mit in die Wiege gelegt bekommen. Schon in meiner frühen Kindheit hatte ich ein diffuses Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmt, ich habe es aber verborgen, in mir verschlossen und mich geschämt. Für die längste Zeit hatte ich dafür keine Worte, keine Kategorien, keine Erklärung, niemanden, den ich zu fragen gewagt hätte, schon gar niemanden, von dem ich eine sinnvolle Antwort hätte erwarten dürfen. Ich habe gehofft, es ginge weg... Aber es ging nicht weg! Erst durch das aufkommende Internet habe ich überhaupt verstanden, dass ich nicht der einzige Mensch auf der Welt bin, der so tickt wie ich. Ich habe versucht, meinen Frieden mit der Situation zu machen. Und das versuche ich heute noch! Meine Hedda, der ich davon von Anfang unserer Beziehung an bzw. sogar schon vor dem Anfang erzählt habe, unterstützt mich dabei nach Kräften. Ich weiß nicht, womit ich so viel Liebe, Freundschaft und Verständnis verdient habe, aber ich weiß, dass ich ihr niemals genug werde danken können für das, was sie für mich bedeutet und für mich tut.
Ich möchte dir offenbaren, dass ich mich als geschlechtlich nicht eindeutig empfinde. Spätestens seit dem Kindergarten fühle ich mich nicht wohl in der ausschließlich männlichen Rollenzuschreibung. Jahrzehnte habe ich ein gedankliches und mittlerweile zeitweise auch tatsächliches Doppelleben geführt, das ich nun sukzessive aufgeben möchte. Die meiste Zeit entspreche ich überwiegend den in mich gesetzten Erwartungen an das Verhalten eines Mannes. Zunehmend öfter aber erlaube ich mir, in die weibliche Rolle zu schlüpfen und lebe meine andere Seite aus. Seit August letzten Jahres befinde ich mich in einer Therapie und die Diagnose “Transidentität” wurde bereits gestellt.
Oft werden bei der Auseinandersetzung mit dem Thema zwei wichtige verschiedene Begrifflichkeiten nicht unterschieden: Die eigentliche Sexualität oder auch „sexuelle Orientierung“ bezieht sich auf die romantische und/ oder physische Liebe, sie ist von sich selbst auf andere gerichtet. „Gender“ hingegen umfasst, wie man sich fühlt und (unter Umständen) wie man wahrgenommen werden möchte. Also selbstbezogen, es geht um Identität.. Bei mir geht es ganz eindeutig um Identität, das ist mir wichtig, dir das klar zu machen.
Ich habe mich viel zu lange versteckt und das will ich nicht mehr, denn man hat nur zwei Leben und das zweite beginnt, wenn man merkt, dass man nur eins hat! Deswegen habe ich beschlossen, mich auch Dir zu öffnen, einfach weil ich Gerüchten vorbeugen möchte. Nach Jahrzehnten, in denen ich gegen mich selbst gekämpft habe, möchte ich endlich sein können, wer ich wirklich bin!
Wenn Du möchtest, ist dieses Schreiben nicht das Ende, sondern der Anfang meiner Öffnung. Ich beantworte Dir gerne Fragen, die ich offen gelassen habe! Es gibt auch keine peinlichen Fragen! Andererseits ich werde mich Dir auch nicht aufdrängen, wenn Du nicht fragst, kann ich das akzeptieren.
Ich danke Dir, dass Du bis hierher gelesen hast. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn Du die Information nicht allzu breit streuen würdest, denn es gibt nach wie vor wichtige Menschen, Lenny zum Beispiel, die davon noch nichts wissen.
P.S: Und weil ich weiß, dass bei Menschen, die zum ersten Mal mit dieser Thematik konfrontiert werden, alle möglichen komischen Bilder im Kopf entstehen, weil sie in den Medien jahrzehntelang ausschließlich in verächtlich machender Weise behandelt wurde, ist es mir wichtig, dass Du Dir auch ein Bild machen kannst. Daher biete ich Dir an, welche zu zeigen. Es hilft, die Situation zu verstehen.”
Anschließend habe ich wie üblich Fotos gezeigt. Es hat mich in diesem Fall mal wieder sehr viel Mut und Überwindung gekostet, das zu tun. Die beiden sind aus meiner Sicht ausgesprochen konservativ. Aber ich traf auf Verständnis, in Jankas Fall sogar auf Kenntnis: Sie ist Lehrerin und hat in ihrem Kollegium eine trans Frau, erzählte sie. Steffan, der Rechtsanwalt, sagte, er halte es mit dem Alten Fritz: "Jeder sollte in seiner Fasson glücklich werden”.
Als ich vor kurzem mit Sabrina essen gegangen war, bin ich Janka ja über den Weg gelaufen. Ich habe ihr bei dem Outing auch gesagt, dass sie mich ja schon gesehen hat. Ihr war das nicht bewusst, so wie ich schon vermutet hatte. Sie zeigte sich mit diesem Wissen tief beeindruckt, “wie vollständig die Verwandlung sei!”
Nachdem das so gut gelaufen ist, bin ich anschließend zu Herbert Stettner auf der anderen Seite meines Hauses gegangen. Seine Frau Heidi war auf Mallorca und so konnte ich mich nur ihm öffnen. Ich habe Herbert beim Abendessen gestört aber er hat sich Zeit genommen und auch ihm habe ich den Brief zu lesen gegeben und die Bilder gezeigt. Er hatte ausgesprochen großes Interesse und hat sehr viel gefragt. Bei ihm vermute ich auch, dass er in den kommenden Tagen nochmal vorbeikommen wird und weitere Fragen stellt, was ich befürworte. Er wird auch Heidi davon erzählen und da ich sie von allen am offensten einschätze, denke ich, dass sie auf jeden Fall kommen und fragen wird.
Nun habe ich also eine Situation, in der ich auch zu Hause annähernd frei agieren kann. Meine direkten Nachbarn werden sich nun nicht mehr wundern, wenn da eine fremde Frau mit meinem Auto fährt oder einen Schlüssel für meine Haustür hat. Das ist wirklich befreiend und macht mich für den Moment erstmal sehr glücklich!
Die Nacht von Freitag auf heute habe ich bei Hedda verbracht. Hedda hatte allerdings den ganzen Samstag in einem ihrer Ehrenämter zu tun und so bin ich nach dem Frühstück wieder nach Hause gefahren. Wir hatten am Abend zuvor sehr lange miteinander geredet und ich war davon noch müde, deswegen habe ich mich, nachdem ich zu Hause angekommen war, erstmal zwei Stunden hingelegt und geschlafen. Dann aber habe ich mir überlegt, meine neue Freiheit zu nutzen. Draußen war es schön und ich hatte sowieso einige Besorgungen zu machen und daher habe ich mir ein leichtes Outfit zusammengestellt, eine einfache Blue Jeans und dazu eine Bluse mit einem ziemlich tiefen Ausschnitt. Dann habe ich mich geschminkt, wegen meiner Golfbräune auch den Ausschnitt, und frisiert.
Schon während ich mich geschminkt habe, habe ich Steffan gesehen, der in seinem Garten arbeitete, aber das stört mich ja nun nicht mehr, also habe ich meine große Handtasche genommen und das Haus verlassen. Steffan machte gerade Pause, als ich auf ihn zuging, stand er an der Straße. Wir haben dann kurz miteinander geredet und ich habe keine besondere Irritation auf seiner Seite festgestellt. Er sagte, Janka und er hätten natürlich noch über mich gesprochen, und eine Frage, die aufgetaucht sei, sei, ob ich dann auch einen anderen Namen hätte. Das habe ich ihm beantwortet und ergänzt, dass “Thomas” ja in meinem gegenwärtigen Zustand ziemlich unpassend wäre und die Frage daher schlau. Da er weiterarbeiten wollte, habe ich ihn verlassen und mich auf den Weg zum Bauernhof gemacht, um Eier zu kaufen. Das ist eine etwa 4 km lange Wanderung und ich habe sie sehr genossen. Im Unterschied zu meiner Wanderung auf Amrum war ich der Witterung angepasst gekleidet und die frische Frühlingsluft in meinem Ausschnitt fühlte sich toll an.
Als ich wieder zurückkam, war Steffan mit seiner Arbeit fertig und ich habe ihn nicht mehr gesehen. Die Eier habe ich in den Kühlschrank gestellt und als nächstes eine Milchflasche eingepackt. Dann bin ich mit dem Fahrrad zu einem anderen Bauernhof gefahren, eine etwa 11 km lange Radtour. Ach, vorher habe ich noch die Schuhe gewechselt. Auf der Wanderung hatte ich die Schuhe an, die ich auch auf Amrum zum Wandern benutzt hatte, für die Radtour bin ich in leichte Ballerinas geschlüpft. Die Temperatur war dafür passend. Nach etwa einer halben Stunde war ich wieder zu Hause.
Etwas später ist mir eingefallen, ich brauche ja noch Ingwer für Montag für den Tee und habe beschlossen in den nächsten Supermarkt zu gehen. Als ich schon mal da war, habe ich dann auch noch andere Sachen gekauft. Ich bin zu Fuß zum Supermarkt gegangen und als ich zurückkam, kam gerade Becky, Jennas Tochter, mit ihrem Freund auf den Hof gefahren. Jenna hatte Beckys Hund den Tag über beaufsichtigt. Früher hätte mich eine solche Situation völlig überfordert, heute nicht mehr: ich bin einfach auf die beiden zugegangen, habe “Hallo” gesagt und war dann ganz überrascht, dass ich mich gar nicht vorstellen musste, denn Becky hat mich erkannt. Ich habe die Haustür aufgeschlossen, die beiden reingelassen und zu Becky gesagt, dass ihre Mutter ihr den Rest erklärt. Sie konterte mit: “das braucht sie nicht, da weiß ich schon ziemlich genau Bescheid.” Insgesamt war das alles unglaublich schön, ich habe mich sehr, sehr wohl gefühlt, eine totale Befreiung!
Später am Abend habe ich noch eine Stunde mit Maddie und Sigrid telefoniert. Maddie wird auch zur nächsten Party in Wahlstedt kommen und das freut mich sehr! Sigrid kann leider nicht oder maximal später, denn sie hat Spätschicht im Edeka “Frauen” in Itzehoe.
Heute ist Muttertag und da muss Wiebke im Schrank bleiben, zumindest bis die Muttertagsfeierlichkeiten vorbei sind. Aber ich habe morgens Jenna ein Stockwerk höher angerufen um zu fragen, wie es ihr geht. Sie hat Corona und zusammen mit ihrem Lupus Erythematodes haut sie das ganz schön um. Sie sagt, sie sei drei Tage wie tot gewesen, aber jetzt geht es langsam wieder.
Natürlich kamen wir auch auf Becky zu sprechen, Selbstverständlich hatten die drei (also auch Beckys Freund) anschließend über mich geredet. Becky ist völlig cool mit der Situation, sie hat sehr viel Verständnis geäußert, wörtlich hat sie zu ihrer Mutter gesagt "gut, wenn das jetzt rausbricht, das muss doch wie ein Gefängnis sein!”. Ihr Freund sagte wie üblich gar nichts. Ich habe Becky anschließend eine Nachricht gesendet und ein Gespräch angeboten. Sie hat darauf geantwortet, das bräuchte sie nicht, und wollte nur wissen, ob "Thomas" jetzt mein Deadname sei oder wie ich angesprochen werden wollte. Sie benutzte tatsächlich das Wort "Deadname", was mich denken lässt, dass sie über die Eigenschaft "trans" tatsächlich schon recht gut Bescheid weiß.
Etwa um die Mittagszeit, als ich gerade mit meiner Mutter beim Essen saß, rief Ralph an, er hatte Probleme, E-Mails raus zu senden, und ich habe ihm versprochen, ihm zu helfen. Das habe ich dann ab kurz nach 16 Uhr getan und es war recht einfach, es hat kaum fünf Minuten gedauert. Anschließend haben wir zu dritt, also auch mit Sabrina, zusammen gesessen und dann auch noch gegrillt. Als Ralph gerade mal nicht da war, hat mir Sabrina Polster gegeben, die man auf die Zehen ziehen kann, wenn man Pumps trägt. Sie sollen helfen, das angenehmer zu machen. Und das tun sie auch, ich habe es noch am Abend ausprobiert. Leider sind sie aber auch sichtbar. Sabrina sagt, man dürfe sie nur so weit ziehen, dass das nicht passiert, aber dann sind sie für mich nicht mehr angenehm.
