WIETE - Gisela Kranz - E-Book

WIETE E-Book

Gisela Kranz

0,0

Beschreibung

Die Erzählerin Wiete, eine Schülerin, leidet unter starken Schulängsten und zugleich unter dem Zerfall ihrer Familie. Nach dem Verschwinden ihres Vaters und dem Tod der Mutter unterbricht sie ihre Aufzeichnungen. Viel später, Wiete ist erwachsen, beginnt ein neuer erzählerischer Absatz ihres Lebens, voller Konflikte, spannender Begegnungen, Glück und unglaublicher Entscheidungen. Ihre Ängste aber verliert sie nicht. Könnte das Ende ein neuer Anfang sein...?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Gisela Kranz

 

 

 

 

 

 

 

 

W I E T E

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright: © 2014 Gisela Kranz

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

ISBN 978-3-8442-9149-0

Vorwort

Die Erzählerin Wiete, eine Schülerin, leidet unter starken Schulängsten und zugleich unter dem Zerfall ihrer Familie. Nach dem Verschwinden ihres Vaters und dem Tod der Mutter unterbricht sie ihre Aufzeichnungen.

Viel später, Wiete ist erwachsen, beginnt ein neuer erzählerischer Absatz ihres Lebens, voller Konflikte, spannender Begegnungen, Glück und unglaublicher Entscheidungen. Ihre Ängste aber verliert sie nicht.

Inhaltsverzeichnis

Teil I Aufzeichnungen

Teil II Einblicke

Teil III Moritz

Teil I     A u f z e i c h n u n g e n

Eine Schülerin versucht verzweifelt, der Umwelt ihre Schulängste zu vermitteln, aber niemand nimmt sie ernst. Sie leidet an diesem Unverständnis und fühlt sich völlig allein gelassen. In ihrem jungen Leben bieten sich viele Chancen, trotzdem glaubt sie, nicht genügend Herzenswärme von ihren Eltern zu bekommen. Die wichtigsten Menschen sind immer dann zu weit weg, wenn man sie gerade dringend braucht. Ihre Aufzeichnungen beschreiben ihre Ängste und ihre ganz persönlichen Nöte.

1

Am frühen Morgen gibt es in unserer Familie ein riesiges Problem vor dem Badezimmer. Jeder glaubt es am eiligsten zu haben und benutzt immer die gleichen  Argumente, sich sofort den Platz im Bad zu sichern. Wir Kinder haben meist unterschiedlichen Unterrichtsbeginn, also ändert sich oft die Reihenfolge. Mein Vater ist, mit kleinen Ausnahmen, meistens der  letzte. Er kommt dann gut oder schlecht gelaunt an den schon fast abgeräumten Frühstückstisch und ist manchmal nicht ansprechbar.

Heute war alles anders. Er  erschien in glänzender Laune, einem strahlenden Gesicht und sagte:

„Kinder nehmt euch heute Nachmittag nichts vor, unser Fertighaus wird endlich geliefert. Es wäre doch spannend, wenn wir uns das Schauspiel gemeinsam anschauen könnten.“

Mein Bruder, er heißt Martin, noch total verschlafen, die Haare auf Sturm gebürstet, den Hals garantiert wieder nicht gewaschen, fragt mit vollem Mund:

„Was soll das denn?“

Mein Vater holte so richtig aus und fing an, langweilig und umständlich den gesamten Bauablauf zu erklären, da brummte Martin, immer noch mit vollem Mund und verschlafener Stimme:

„Papa, bitte keine Vorlesung, ich muss gleich zur Schule.“

In einer Kurzfassung erzählte er etwas von großen Einzelteilen, die von riesigen Schwertransportern abgeladen und am nächsten Tag von Monteuren aufgestellt werden.

„Gut“, sagte Martin, „ich bin dabei!“

Ich weiß nicht, ich finde es super langweilig, zuzusehen wie diese Monsterteile abgeladen werden.

„Geht Mama denn auch mit?“

Nach kurzer Diskussion war sich die gesamte Familie einig, den Nachmittag auf der Baustelle zu verbringen. Rübe, unser Rauhaardackel, saß als erster im Auto, wir mussten uns an ihm vorbeizwängen.

Meine Mutter war sehr aufgeregt und mein Vater klasse gelaunt. Auf dem Bauplatz herrschte große Ruhe. Es passierte nämlich dauernd nichts. Rübe rannte sofort in die Gegend, in der Hoffnung, eine Katze oder ein Wildschwein jagen zu können. Martin langweilte sich tierisch.

„Genau so habe ich mir den Ausflug vorgestellt“,

flüsterte er mir zu.

Außer einer Platte, auf der später das Haus stehen soll und einem riesigen Erdhaufen, war nichts zu sehen. Nachbarn gab es auch noch keine. Die gute Laune meines Vaters verflog wie eine Windwolke am Himmel.

„Wo ist der Hund? Könnt ihr nicht ein bisschen besser auf Rübe aufpassen?“, schrie meine Mutter durch unseren zukünftigen Garten, von dem noch nicht einmal etwas zu ahnen war.                                                                                                                                                                                                        

Endlich fuhr ein riesiger Sattelschlepper auf das Gelände, dem ein Schwertransporter folgte.

Jetzt wurde es richtig spannend. Die Fahrer hatten sich verspätet und wirkten nervös. Es wurde geschrien und geflucht.

Meine Mutter wagte zu fragen, ob es nicht auch anders ginge, als in diesem Ton. Darauf machten ihr die Leute den Vorschlag, sie solle doch abhauen, denn sie müsse ja nicht anschließend auf die Autobahn, und die versäumte Zeit einholen.

Langsam wurde es ungemütlich nasskalt, wir hatten alle keine Lust mehr, hier herumzustehen.

„O.K.“, sagte mein Vater, „wir werden in Zukunft sowieso oft hier sein, dann lasst uns jetzt nach Hause fahren.“

Von diesem Tag an änderte sich unser Familienleben. Es wurde gefaucht, geschimpft, alle nervten sich gegenseitig. Die Zeiten im Badezimmer verkürzten sich täglich, weil mein Vater morgens oft sehr früh zur Baustelle fuhr. Die Monteure ließen auf sich warten. Das Thema Bau sorgte weiterhin für  Hochspannung in unserer Familie. Schlechte Laune wurde Dauerzustand. Bis zu einem ganz bestimmten Montag, da sollte alles ganz fürchterlich losgehen.

Alle waren gespannt auf den nächsten Ausflug zur Baustelle. Der Weg dorthin war zum Einschlafen langweilig. Aber schon von weitem glaubten wir nicht richtig zu sehen.

„Es wird eine Kirche!“, schrie mein Bruder vom Hintersitz. Er war gerade von einem Schlummerschlaf erwacht. Tatsächlich, auf  unserem Grundstück konnte man deutlich eine kleine Dorfkapelle entstehen sehen, mit einem eingebauten Glockenturm.

Entzückend, hätte meine Großmutter gerufen, aber sie war ja nicht dabei. Mein Vater fuhr an den Straßenrand, traute seinen  Augen nicht und schwieg.

Meiner Mutter wurde es schlecht, sie stieg aus, rannte hinter das Auto und musste kotzen.

Martin hörte ich laut Sch….sagen.

Mein Vater lief den Rest zur Baustelle zu Fuß und fing an laut zu schreien. Die Arbeiter, alle aus verschiedenen Ländern, verstanden wenig Deutsch, aber das verstanden sie.

„Aufhören schrie mein Vater, Aufhören! Stopp! Stopp!“

Meiner Mutter ging es wieder besser, aber sie weinte fürchterlich.

Mein Vater ließ den Bau sofort stilllegen, und so begann eine unendliche Geschichte.

Die Fertigkirche wurde natürlich wieder abgeholt, und mit großer Zeitverzögerung lieferten sie unser BIO-Fertighaus. Am Anfang lief alles nach Plan. Wieder die obligatorischen Besichtigungen nach Baubeginn. Und wieder war die Familie vollzählig am Bau. Die Räume konnten schon begangen werden. Martin lief zuerst in sein zukünftiges Zimmer und rief laut:

„Papa, in meinem Zimmer fehlen die Fenster.“

Die Mängel, auch in den anderen Zimmern, häuften sich, und der Ärger wurde immer größer.

Als zwei Wände nicht richtig eingezogen waren und die Badewanne im Wohnzimmer montiert werden sollte, war mein Vater vollkommen am Ende seiner Geduld. Er wurde ganz still, setzte sich in eine Ecke und sagte mit leiser Stimme:

„Das schaffen wir nicht allein, hier läuft alles schief.“

Von nun an fetzten sich meine Eltern regelmäßig auf der Baustelle. Die Arbeiter hatten ein kleines Radio aufgestellt und hörten Musik.

Die Wohnung, in der wir wohnten, hatten meine Eltern schon gekündigt. Die neuen Mieter kamen jeden zweiten Tag angerannt und wollten etwas ausmessen. Es nervte Martin und mich, dauernd aufgeräumte Zimmer vorzeigen zu müssen.

Eines Tages teilten uns unsere Eltern mit, dass wir für kurze Zeit in ein Hotel ziehen würden, bis unser Haus fertig sei. Die Möbel werden für diese Zeit untergestellt.

Und Rübe?

„Keine Frage, der bleibt bei uns.“

Eine Woche später wohnten wir im QUELLENHOF!

„Gute Adresse“, sagten meine Freundinnen.

„Klasse, so gefällt mir das Leben“, sagte Martin.

Während unseres Aufenthaltes im Quellenhof wurde meine Mutter immer hübscher. Sie nahm die Annehmlichkeiten des Hotels in Anspruch. Kosmetik, Sauna, Sonnenbank, alles gehörte zum Service. Und so ging die Zeit sehr angenehm dahin. Von der Baustelle redeten wir sehr selten, dafür war das Leben im Hotel mit den vielen verschiedenen Menschen viel zu aufregend. Den Hotelaufenthalt zahlte natürlich die Fertighausfirma, die uns die Kirche geschickt und das ganze Chaos angerichtet hatte.

Und wieder kam alles anders. Eines Abends durften wir vor dem Essen mit in die Hotelbar. Wir Kinder bekamen ein alkoholfreies Getränk, und unsere Eltern bestellten Sekt. Noch wussten wir alle nicht, was uns erwartet, da raste Rübe durch die Hotelhalle, gezielt zu einer Frau im Nerzmantel und biss sich in den Fellen fest. Wenn Rübe etwas verabscheut, dann sind es Frösche und Nerzmäntel.

„Auch das noch“, schrie meine Mutter etwas hysterisch, unserem Hund nach, „könnt ihr ihn denn nie an die Leine nehmen?“

Die Sache mit Rübe ging ganz gut aus, aber was wir dann zu hören bekamen, schmiss uns fast vom Hocker. Mein Vater machte ein sehr wichtiges Gesicht, er wirkte aber unsicher.

„Ich muss  euch eine Neuigkeit mitteilen. Wir ziehen schon bald an die Ostsee und nicht in das neue Haus. Diese Nachricht habe ich heute von der Direktion unserer Hauptniederlassung erhalten.“

„In die DDR“, schrie Martin durch die Bar.

Mein Vater tat noch wichtiger, als er sagte:

„Ich übernehme eine Niederlassung unserer Bank. Und nebenbei, Martin, eine DDR gibt es nicht mehr. Ich glaubte, du hättest schon davon gehört. Jetzt habe ich es euch gesagt, dort werdet ihr euch  bald alle wohlfühlen.“

Er stand etwas unglücklich vor uns, sein Gesicht verriet seine Unsicherheit.

Große Pause!

Wir schauten uns wie versteinert an. Keiner sagte etwas, nur meine Mutter verschluckte sich und rannte zur Toilette.

Martin erholte sich von diesem Schreck und sagte:

„Das kann nicht wahr sein. Lieber gehe ich in ein Internat, aber nicht in die DDR.“

Ohne das ewige Thema Baustelle kann ich gut leben, aber der Abschied von meiner besten Freundin macht mich heute noch traurig. Und so wohnen wir jetzt alle hier. Rübe hat sich am schnellsten eingelebt. Sein Revier ist jetzt viel größer geworden, doch für ihn gilt nach wie vor, dabei sein ist alles.

Inhalt:                        Ausdruck:                        Orthografie:

„Wiete, deine Fantasie ist zu bewundern, aber sprachlich hättest du dir etwas mehr Mühe geben können.“

2

Das war mein erster Aufsatz nach dem Schulwechsel, zu dem Thema:

„Erzähle eine Geschichte aus deinem Familienleben.“

Ich heiße Wiete und bin bald 15 Jahre alt, mein Bruder heißt Martin, und einen Rauhaardackel, der Rübe heißt, haben wir wirklich. Dass auf unserer früheren Baustelle eine Fertigkirche entstehen sollte, habe ich natürlich erfunden. Das übrige Geschehen stimmt zum größten Teil. Wir sind wirklich während der Bauzeit unseres Hauses in ein Hotel gezogen und von dort in ein kleines Dorf an der Ostsee. Der Ort heißt Blumenhagen im Dierhäger Moor.

Der Schulwechsel ist mir sehr schwer gefallen. Meine Leistungen im Unterricht sind weiterhin mangelhaft und werden von einer krankhaften Angst begleitet. Keiner glaubt mir meine Ängste, und deshalb habe ich mir vorgenommen, Aufzeichnungen zu schreiben. Aber wie geht das? Es soll kein Tagebuch werden, dazu bin ich zu faul, ich möchte einfach nur erzählen, wie es mir nach dem Umzug ergeht, und was ich so erlebe.

Zuerst musste ich mich eingewöhnen. Am Anfang hoffte ich, dass eine neue Umgebung und andere Lehrer eine Besserung brächten, aber der alte Zustand ist schon wieder täglich zu spüren. Ich habe Angst, in die Schule zu gehen.

Unsere Klassenlehrerin heißt Frau Seidenfaden und kann mich vom ersten Tag an nicht leiden. Sie behauptet, ich sei unaufmerksam, unkonzentriert und sprunghaft. Dass ich unter Ängsten leide, könnte sie sich nicht vorstellen. Meine Leistungen entsprächen nicht dem Niveau der Klasse. Meine Eltern sollten es doch einmal mit Nachhilfeunterricht für mich versuchen, damit ich nicht sitzen bleibe. Die anderen Lehrer sind ganz in Ordnung. Der Direktor der Schule ist allerdings nicht nur sehr streng, sondern leider auch ein bisschen spießig.

Das Haus an der Ostsee, einstmals ein Kapitänshaus, ist wunderschön. Bevor meine Eltern es mieteten, wurde es modernisiert. Im Obergeschoss bekam meine Mutter ein Atelier eingerichtet, sie ist Malerin.

Das Haus liegt nicht direkt am Wasser, aber dafür  gibt es einen großen Garten mit alten Obstbäumen, bunt blühenden Stauden und vielen ausgetretenen Wegen. Alles scheint in diesem Garten altmodisch, auch ein wenig verzaubert, richtig zum Wohlfühlen. Für mich ist es ein Traumgarten, den ich von meinem Zimmerfenster aus genießen kann. Oft muss ich an die Menschen denken, die vor langer Zeit hier gewohnt haben. Wie sie wohl aussahen? Hatten sie Kinder? Ich glaube, es waren sehr liebe Leute, denn sie haben Spuren hinterlassen, die jedem auffallen. Besonders freue ich mich über die schönen Bäume, die sie damals als kleine Bäumchen gepflanzt haben. Nur  Rübe, unser Dackel, hat  immer noch das Bedürfnis abzuhauen, trotz des großen Gartens, den er fast allein benutzen kann.

3

Martin hat sein Zimmer mit schrecklichen Blechmöbeln und idiotischen Postern an den Wänden eingerichtet, die er sich selbst ausgesucht hat. Er behauptet, das Ambiente sei rattenscharf.

Meine Mutter fühlt sich hier in Blumenhagen sehr wohl. Sie nutzt viele Möglichkeiten, um in der herrlichen Landschaft zu malen. Wenn sie mit dem Skizzenblock unterwegs ist, vergisst sie uns total. Hat sie ein Motiv gefunden und ist zufrieden mit dem Ergebnis, kommt sie ganz glücklich nach Hause. In unserem Dorf wohnt auch ein Maler, dem eine kleine Galerie gehört. Er heißt Simon Hinnrichs. Wir haben ihn schon mehrmals besucht, und auch er war schon bei uns, um die Bilder meiner Mutter zu sehen. Simon, so möchte er von uns genannt werden, spricht in einer Stunde ungefähr zwei Sätze. Er ist nicht verheiratet, sehr gemütlich und freundlich. Manchmal raucht er eine Pfeife.

Simons Galerie, ehemals ein Fischerhaus, ist der kulturelle Treffpunkt des Dorfes, sagt meine Mutter. Ganz beliebt sind seine Leseabende am Kamin. Zu einem Märchenabend hatte er eine professionelle Märchenerzählerin aus Franken eingeladen. „Märchenkinder-Kindermärchen“ war das Thema. Dazu hatte er passende Bilder ausgestellt. Zwei bekannte Kinderbuchillustratoren hatten Originalzeichnungen mitgebracht, die mir richtig gut gefielen. Es war unser erster gemeinsamer Familienabend nach unserem Umzug. Meine Mutter illustriert auch Kinderbücher. Wenn sie gute Laune hat, darf ich in den Entwurfsmappen blättern. Das finde ich super spannend.

4

Seit dem Märchenabend gibt es bei uns kaum noch Gemeinsamkeiten. So lebt jeder sein eigenes Leben. Martin lässt sich zu Hause kaum noch sehen. Mein Vater hat sich in der Stadt ein Appartement gemietet, weil ihm die Fahrerei angeblich zu anstrengend ist. Wenn Martin Freunde mitbringt, darf ich nicht mit in sein Zimmer, weil ich nicht miterleben soll, wenn sie rauchen und Bier trinken. Doof! Früher war alles viel schöner.

Friedhelm Jacobs ist Martins bester Freund. Er hat sich schon einmal richtig super mit mir unterhalten. Leider ist mir an diesem Tag nichts Tolles eingefallen, um das Gespräch zu verlängern. Martin war sauer und hat mich verwarnt, ich solle seinen Freund bloß in Ruhe lassen.

Mit den Kindern im Dorf habe ich echte Schwierigkeiten, sie sind ganz anders als bei uns im Westen. Als ich in die neue Klasse kam, wollten sie gleich wissen, ob ich auch Jugendweihe hätte. Jugendweihe? Damit konnte ich überhaupt nichts anfangen, obwohl ich das Wort schon gehört hatte.

„Wie geht das? Ich bin christlich getauft.“

„Die weiß nicht, was Jugendweihe ist? Jetzt ist sie total durchgeknallt!“

Sie gingen weg, bis auf drei Mädchen, die mir genau erklärten, wie die Jugendweihe gefeiert wird.

„Die glauben nicht an Gott und gehen auch nicht zur Kirche. Die meisten sind auch nicht getauft.

Du musst mal in ein Lexikon schauen, dort ist der Ursprung  einer Jugendweihe genau erklärt. Vielen geht es um tolle Geschenke, die sie an diesem Tag bekommen.“

Leider gibt es auch Konfirmanden, die genauso denken.

Auch die Erwachsenen sind seltsam. Sie sprechen oft mit mir in einer von mir so genannten Kindersprache, oder wie mit einer völlig Doofen. „Du musst dich an sie gewöhnen“, bekomme ich immer wieder zu hören.

„Das liegt an der Landschaft und dem rauen Klima“, belehrt  mich mein Vater, wenn er gerade einmal da ist und überhaupt mit mir spricht. „Die Menschen an der Küste sind eben nicht so gesprächig wie anderswo“, sagt Simon.

Mit meiner besten Freundin, die ich verlassen musste, als wir wegzogen, habe ich ein Freundschaftsbuch angelegt. Strengste Regel: Es darf keine dritte Person hineinschauen. Ein Freundschaftsbuch ist Geheimnis pur zwischen zwei  Freundinnen. Wir tragen unsere Erlebnisse, Sorgen und Freuden in das Buch ein und tauschen es immer wieder aus. Jetzt müssen wir uns das Buch dauernd zuschicken, das ist sehr umständlich und kostet ganz schön viel Porto. Es kann sein, dass unsere Freundschaft nun regelrecht einschläft. Es passieren ja täglich so viele Dinge, wir kommen gar nicht nach, alles in das Buch einzutragen. Aber wo bleibt das Buch mit unseren Geheimnissen zuletzt?

Meine Mutter hatte, als ich sie um Rat fragte, die bescheuertste Antwort: „Das hättet ihr euch früher überlegen müssen.“

Komisch, ich wollte doch nicht umziehen!

5

Friedhelm Jacobs, Martins Schulfreund, den ich sooo... klasse finde, hat mich zu einer Fahrradtour eingeladen. Er möchte mir die nächste Umgebung unseres Dorfes und sein Elternhaus in Durhagen zeigen. Von meinen Schulängsten erzähle ich ihm nichts. Als Martin von dem Treffen erfuhr, machte er gleich wieder eine unpassende Bemerkung, die ich sofort vergessen habe.

Seit einigen Tagen beobachte ich meine Mutter. Sie hat sich verändert. Martin will davon nichts hören. Wenn ich ihn darauf anspreche, sagt er: „Du spinnst echt!“

Na ja, Brüder sind oft nicht zu gebrauchen!

Monis Gesicht ist dicker geworden und ihre Jeans passen auch nicht mehr. Manchmal hat sie verweinte Augen und sehr schlechte Laune. Wir könnten sie doch zum Beispiel gemeinsam einmal fragen was ihr fehlt. Wir nennen unsere Mutter manchmal Moni, wenn sie nicht dabei ist. Aber sie mag es nicht.

Martin lässt mich jetzt überhaupt nicht mehr in sein Zimmer. Seine Überlegungen würden durch mein Gequatsche gestört. Ich hörte die Flöhe husten, meint er zu wissen. Dazu fällt mir nur ein Wort ein:

Bescheuert!

Sein neuester Vorschlag ist auch etwas ausgefallen, nämlich, Familienangelegenheiten in einer Kneipe zu besprechen. Mit Kneipe meint er das Eiscafé beim Italiener. Darüber muss ich nachdenken, weil ich es mir nicht vorstellen kann.

Heute, nach der Schule, rief meine Mutter mich sofort ins Atelier.

„Wietekind, setz dich bitte zu mir, ich muss dir etwas sagen.“

Sie hatte ihre Malklamotten an und sah richtig cool aus, aber ihr Gesicht schien ernst, und deshalb wurde es mir ganz anders zumute.

„Ich bekomme ein Kind. Es hat sich angemeldet, obwohl wir es uns nicht gewünscht haben. Aber jetzt freuen wir uns sehr.“

Mir fiel nichts anderes ein, als zu fragen:

„Weiß Papa das schon?“

„Natürlich weiß er es, wie kommst du nur auf diese Frage? Nur Martin hat noch keine Ahnung. Ich möchte aber selbst mit ihm sprechen. Wenn er kommt, schicke ihn gleich zu mir. Danke! Freust du dich auf das Baby?“

Meine Beine zitterten, obwohl ich saß. In meinem Zimmer schmiss ich mich auf mein Bett und musste furchtbar heulen. Vor Glück? Oder vor Wut? Vielleicht vor Enttäuschung.

6

Am Abendbrottisch war miese Stimmung. Martin kam wieder einmal zu spät, und meine Mutter war darüber sauer. Martin schrieb in letzter Zeit nur Fünfen. Zu dem neuen Familienereignis soll er zu meiner Mutter gesagt haben, ihm sei in diesem Haus alles egal. Als meine Mutter daraufhin ausrastete, ging er in sein Zimmer und schloss die Türe zu. Auch heute benahm Martin sich ähnlich, nur flüsterte er mir im Vorbeigehen zu:

„Morgen im Eiscafé.“

Dann verschwand er.

Am Wochenende war mein Vater wieder bei uns und spielte den treusorgenden Vater.

„Kinder, freut ihr euch auch auf unser Baby, wie wir? Es wird unser Leben verändern, wir werden wieder eine glückliche Familie sein, wie früher.“

Ach so, dachte ich, wie oft werden wir noch eine glückliche Familie sein?

Unser Familienleben veränderte sich wirklich. Kläre kam als Wirtschafterin zu uns. Ich liebte sie sofort als wir uns zum ersten Mal begegneten und sie mich auch. Dick und gemütlich wuselt sie jetzt im Haus umher als wäre sie schon viele Jahre bei uns. Auch Robert ist neu in unserer Familie. Robert, den wiederum meine Mutter sofort mochte, soll uns Nachhilfeunterricht geben. Er studiert Kunstgeschichte, Philosophie und freie Malerei. Robert kommt zweimal in der Woche zu uns. Ob er zu mir kommt oder zu meiner Mutter, konnte ich bisher noch nicht herausfinden. Die meiste Zeit unterhalten sich die beiden über  Kunstausstellungen, Malerei und ihnen bekannte Künstler.

„Deine Mutter ist eine tolle Frau“,

hat er schon dreimal zu mir gesagt. Na ja, es ist ja auch nicht seine Mutter. Aber sonst ist er ganz nett! Ich hoffe, er kann mir etwas helfen, meine Leistungen in der Schule zu verbessern. Ich schreibe immer noch schlechte Arbeiten und bekomme miese Noten.

Martin und ich, wir treffen uns nun regelmäßig in der Eisdiele bei Mario. Dann reden wir über Probleme in unserer Familie, mit denen wir beide nicht fertig werden. Auch über unsere Fünfen. Oft finden wir keine Lösungen und vertagen unsere Gespräche.

7

Martin ist aufgefallen, dass unser Vater sehr oft am Wochenende nicht erscheint und meine Mutter mit Simon zusammenhockt. Darüber muss ich erst wieder einmal nachdenken und die drei beobachten. Zurzeit bin ich froh und glücklich gestimmt, bis meine Angst vor der Schule mich wieder traurig werden lässt.

Einmal fragte mich ein Lehrer: „Leidest du unter einer Schulphobie?“ Ich wusste nicht was das ist und antwortete: „Das weiß ich nicht.“

„Kann ich mir vorstellen“, murmelte er und ließ mich stehen.