Wild Garden - Sven Nürnberger - E-Book

Wild Garden E-Book

Sven Nürnberger

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Beschreibung

Welche Lebensbedingungen herrschen am Naturstandort bestimmter Pflanzen? Mit dieser Erkenntnis sowie der gärtnerischen Ableitung und gestalterischen Interpretation im eigenen Garten beschäftigt sich dieses anspruchsvolle Gartenbuch. Anhand ausgewählter Vegetationsbeschreibungen begeben Sie sich auf eine spannende Reise in unterschiedliche Regionen der Erde. Schrittweise wird das Nachempfinden des Naturstandortes im eigenen Garten beleuchtet und die Möglichkeiten für eine naturnahe Gartengestaltung, in der die Ästhetik und die Erfüllung der Lebensbedingungen harmonieren, aufgezeigt.

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Sven Nürnberger

WILD

GARDEN

Gärten naturalistisch gestalten

Mediterrane Pflanzengemeinschaft mit Schmalblättriger Ölweide (Eleagnus angustifolia) und Echter Feige (Ficus carica). Im Vordergrund verstärken die verblühten Doldenschirme des Berg-Laserkrautes (Laserpitium siler) die Leichtigkeit der Szenerie.
Harmonischer Übergang der Lebensbereiche Hochstaudenflur, südpazifisches Tussock und Gunnera-Hangmoor. Im Vordergrund blühen Pyrenäen-Eisenhut und Fuji-Distel (Steingarten im Palmengarten Frankfurt).

INHALT

Warum „Wild Garden“?

STANDORTBEOBACHTUNG ALS INSPIRATION

Die Natur interpretieren

VEGETATIONSBILDER DER NORDHALBKUGEL

Die Alpen / Inspirationen für den Steingarten

Interpretationen alpiner Vegetationsbilder im Garten

GARTENSPECIAL:

ALPINE PFLANZEN AUF DEM ZAUBERBERG

DAS ALPINUM SCHATZALP

Monsunvegetation am Berg Emei

Monsungeprägte Vegetation im Garten

Graslandschaften

Mediterrane Vegetationsbilder Südeuropas

GARTENSPECIAL:

VON GRASLANDSCHAFTEN UND MEDITERRANER FELSHEIDE

DER BOTANISCHE GARTEN WÜRZBURG

VEGETATIONSBILDER DER SÜDHALBKUGEL

Südafrika / Standortbeobachtung in den Drakensbergen

GARTENSPECIAL:

DIE DRAKENSBERGE IM GARTENBILD

DER FRANKFURTER PALMENGARTEN

Die Vegetation des südlichen Südamerikas / von Santiago zur Magellanstraße

Die Falklandinseln / Subantarktischer Archipel im Südatlantik

Die Vegetationsbilder Südamerikas und der Falklandinseln im Garten

Neuseeland, Australien und Tasmanien / Exotische Landschaften im Südpazifik

GARTENSPECIAL:

EIN GARTEN DER SÜDHEMISPHÄRE IM NORDEN EUROPAS

DER GARTEN MCHARDY

NATURNAHE GARTENBILDER VERBINDEN

Modellierung / Mit Gestein und Totholz gestalten

Gestaltung besonderer Standorte

Pflanzensäume

GARTENSPECIAL:

VERSCHACHTELTE LEBENSBEREICHE

IM PALMENGARTEN FRANKFURT

Klimatische Vielfalt in mitteleuropäischen Gärten

SERVICE

Pflanzen für Ihren Garten

Weiterführende Literatur

Bezugsquellen und Informationen im Internet

Autor und Dank

In diesem Buch beschriebene Gärten

Raoulia mammilaris im Spannungsfeld zwischen Kultur- und Naturlandschaft.

WARUM „WILD GARDEN“?

Pflanzengesellschaften in ihrer natürlichen Umgebung, mit ihrer Vielfalt an Formen und Farben – ursprüngliche Landschaftsbilder berühren und inspirieren naturverbundene Menschen.

Das Schwinden von natürlichen Lebensräumen und Biodiversität weltweit, der Klimawandel und eine fortschreitende Urbanisierung und die damit verbundene Entfernung des Menschen von einer natürlichen Umgebung sind Entwicklungen, auf die es auch aus gärtnerischer Sicht offensiv zu reagieren gilt. Der Rückgang von Gartenflächen im Stadtgebiet, die zunehmenden Veränderungen der Standortbedingungen in Gärten und im öffentlichen Grün durch bauliche Maßnahmen und klimatische Veränderungen erfordern Lösungen.

Dieses Buch entstand aus der puren Freude und Faszination an den Prozessen in der Natur und der Dynamik interpretierter Lebensräume im Garten. Es soll zum Beobachten und Forschen anregen und die Freude an der Pflanzenwelt nachhaltig befeuern. Es soll helfen, Gartenpflanzen in ihrem natürlichen Ursprung, ihrer Lebensweise und ihrem charakteristischen Ausdruck als Individuen und Vegetationselemente zu verstehen. Es soll Möglichkeiten für eine naturnahe gestalterische Verwendung von Pflanzen aufzeigen, fern von Dogmen. Es soll die Beobachtung schärfen und dazu animieren, die Ästhetik und den Ursprung von Leben intensiver zu erleben und in den Garten einfließen zu lassen und nicht zuletzt dazu, unsere Umgebung durch Pflanzen lebenswerter zu gestalten.

Die Beobachtung der Natur schafft eine unerschöpfliche Grundlage für eine innovative und kreative Umsetzung im Gartenbild, ob analog zum Vegetationsbild, unkonventionell, verspielt oder dezent akzentuiert. Das, was wir von der Natur in den Garten übertragen, suchen wir in der Natur auch immer wieder auf. Der Wiedererkennungswert eines Landschaftsaspektes im Garten kann eine Verbindung schaffen, die unsere ursprüngliche Nähe zur Natur erneuert – eine Verbindung aus Leidenschaft, Erkenntnis, Entwicklung und Bewahrung, die dem bereits naturverbundenen Gartenmenschen wohlvertraut ist und ebenso Neugierige und Abenteuerlustige erreichen kann, die sich von Vielfalt und natürlichen Formen und Farben angezogen fühlen.

Im Fokus dieses Buches steht die Veranschaulichung der Lebensbedingungen von Pflanzen am Naturstandort und die gärtnerische Ableitung und Interpretation. Anhand von ausgewählten Vegetationsbeschreibungen wird der Leser an unterschiedliche Lebensbedingungen von Pflanzen herangeführt.

Das Eingangskapitel gibt einen Einblick in den Aufbau von Pflanzengemeinschaften, in ihre Lebensbedingungen und ihren ästhetischen Ausdruck. Diese Kernbetrachtungen dienen als Schlüssel für die optimale Gestaltung der Lebensbereiche unserer Gartenpflanzen.

Darauf aufbauend werden im mittleren Buchteil klimatisch verschiedene Regionen der Nord- und Südhalbkugel beschrieben. Die daraus gewonnenen Informationen für eine Umsetzung von Vegetationsaspekten im Garten werden an Beispielen naturalistischer Pflanzungen veranschaulicht.

Das letzte Kapitel behandelt die schrittweise Entwicklung naturalistisch geprägter Lebensbereiche und ihre Verschachtelung zu einem fließenden Gesamtbild.

Wie viel Naturnähe einen Garten prägen soll, welche Aspekte vom Naturstandort übertragen werden und welche Komponenten intensiviert, vermischt oder künstlerisch interpretiert werden, steht jedem frei. Die richtige Dosis ist bekanntlich entscheidend.

Gärten sind Versuchsfelder. Sie stehen für Entwicklung. Wir kreieren, beobachten, lernen. Nichts steht wirklich still.

Sven Nürnberger

STANDORTBEOBACHTUNG ALS INSPIRATION

Die emotionale Wirkung, die ein Landschaftsbild im Betrachter hervorruft, folgt gewissen Regeln, wenngleich die Einzelerfahrung davon abweichen kann. Diese Erfahrungen übertragen wir in unsere Gärten wie ein Maler eine Idee auf die Leinwand.

Die windbeherrschten Weiten der Patagonischen Steppe bieten unzählige Inspirationen für das betrachtende und erlebende Auge. Hier scheint die Vegetation selbst zu malen. Die schwarzen Blütenstände von Hordeum comosum, einer südamerikanischen Gerste, wirken wie feine Pinselhaare im kontrastreichen Strauchland.

DIE NATUR INTERPRETIEREN

Die Lebensbedingungen einer Pflanze in einem spezifischen Klima, einer bestimmten Gemeinschaft und Umgebung wahrzunehmen, ermöglicht ein intensiveres Verständnis für die Bedürfnisse von Gartenpflanzen. In der modernen naturnahen Pflanzenverwendung ist die Kenntnis der Wachstumsbedingungen einer Pflanze und ihres natürlichen Habitats sowie seiner Ökologie von großer Bedeutung für das Wohl der Pflanze. So können Sie wichtige Rückschlüsse aus der Standortbeobachtung ziehen und die in der Natur wirksamen Wachstumsfaktoren in die „künstliche“ Umgebung mit einbeziehen.

Die Pflanzen sollen in einer ihrer Lebensweise entsprechenden Gemeinschaft bestehen und wirken – ob dauerhaft oder pionierhaft funktionell. Die Gesundheit und die natürlichen Wuchseigenschaften einer Pflanze werden durch die Optimierung der Anzucht- und Erhaltungsbedingungen gefördert, ob in Topfkultur oder in der Pflanzung.

Die Standortbeobachtung liefert Ihnen wertvolle visuelle Informationen für das gestalterische Konzept Ihres Gartens. Denn den Aufbau einer Pflanzengesellschaft – oder im größeren Maßstab eines Vegetations- oder Landschaftsaspektes – können Sie mit etwas Erfahrung wie einen Bauplan lesen und in seiner groben Zusammensetzung übertragen. Vegetationsbestimmende Elemente dienen als Grundlage für die gestalterische Gerüstbildung eines Themas.

Je mehr Informationen zum Standort vorliegen, umso mehr gestalterische und kulturtechnische Details und Verknüpfungen lassen sich in Abhängigkeit des gewünschten Pflegeaufwands in ein Pflanzbild übernehmen. Der analytischen Ableitung des Bauplans steht Ihre unmittelbare persönliche Erfahrung der Landschaft gegenüber. Bausteine wie Farbe, Kontur, Kontrast und Komposition verbinden sich in der Erfahrung von Klima, Jahreszeit und Topografie mit Ihren Sinnen und Gefühlen.

Naturinspirierte Einflüsse haben einen festen Platz in der Gartenwelt seit William Robinson im Jahre 1870 seiner Vision in Gravetye Manor mit dem Buch The „Wild Garden“ einen Namen gab. Es war die Zeit atemberaubender Pflanzenexpeditionen nach Nordamerika, in den Himalaya und die südliche Hemisphäre. Viele neu entdeckte Pflanzenarten erreichten die Gärten Europas und die komplexen Lebensgemeinschaften ferner Regionen wurden erkundet und dokumentiert. In dieser Zeit kam es zu einem Bruch mit den formalen Gartenbildern der Viktorianischen Ära. Naturalistische Stilelemente und naturnahe Anlagen etablierten sich zunehmend unter dem Einfluss der Arts and Crafts-Bewegung und des Cottage Garden-Stils und stießen auf dem europäischen Festland und in Amerika auf reges Interesse.

Botanische Gärten entwickelten gemäß ihres Lehrauftrags geografisch geordnete Nachempfindungen von Pflanzengesellschaften analog zu den herkömmlichen Sammlungsbereichen. Der Taxonom und Pflanzengeograf Adolf Engler entwickelte in Berlin-Dahlem ein pflanzengeografisches Modell der gemäßigten Nordhemisphäre mit Wäldern, Steingärten, Steppen und Heiden auf einer Fläche von 13 Hektar. Pioniere wie das Ehepaar Renton im schottischen Perth zeigten im Branklyn Garden, wie die Standortbeschreibungen britischer Pflanzenjäger auf eine Gartensituation übertragen werden konnten. Informationen zu natürlichen Habitaten waren hierfür von großer Bedeutung, handelte es sich doch häufig um neu entdeckte Arten aus fernen, vormals unbekannten Regionen.

DIE LEBENSBEREICHE DER PFLANZEN

Pflanzensoziologische Abteilungen botanischer Gärten versuchen anhand von Zeigerpflanzen, vegetationstypische Merkmale hervorzuheben. Die Lebensbereiche des Gartens wie Uferzonen von Fließgewässern, frische nährstoffreiche Böden in offenen Lagen und Gehölzränder werden nach dem pflanzengeografischen und ökologischen Vorbild angelegt (Botanischer Garten Frankfurt).

Die Ableitung der Standortbedingungen von Stauden auf entsprechende Gartensituationen fassten Hansen und Stahl in dem Buch „Die Stauden und ihre Lebensbereiche“ zusammen. Sie nimmt im Rahmen von Standortempfehlungen auch Bezug zur Spanne (Amplitude), in der sich eine Pflanze im Garten gut entwickelt, und beschreibt somit ihre Funktionalität. In Kombination mit dem von Sieber entwickelten Kennzeichenschlüssel-System lassen sich Staudenarten gezielt Gartensituationen zuordnen, was die Recherche für den Pflanzenverwender sehr erleichtert. Es sind Systeme, die keiner geografischen Einordnung bedürfen und die Möglichkeit eröffnen, Stauden gleicher Ansprüche miteinander zu kombinieren (Seite 12). Die ökologische Standortamplitude und der ästhetische und funktionelle Gartenwert stehen bei dieser Betrachtung im Fokus. Sie ist so flexibel anwendbar, da sie sowohl Wildarten und Art-Selektionen als auch Hybriden einbezieht. Im Folgenden wird der Begriff Mixed Garden (in Anlehnung an Mixed Border) für diesen Ansatz verwendet.

Der Lebensbereich ohne geografische Bindung: Anhand einer Hochstauden-Pflanzung auf der Schatzalp bei Davos lässt sich das Konzept des Mixed Garden veranschaulichen. Der Standort liegt in heller, durchgehend sonniger Lage. Der Boden der Hanglage ist frisch bis feucht, schwach sauer, tiefgründig und nährstoffreich. Der Standort liegt auf ungefähr 1850 m Höhe und entspricht klimatisch der natürlichen Verbreitung subalpiner Hochstaudenfluren der Alpen und ebenso der Amplitude von Hochstauden unterschiedlicher Hochgebirge der Erde. Typische Zeigerpflanzen wurden gerüstbildend kombiniert: Rhabarber-Arten wie Rheum alexandrae und R. tanguticum, Stängelbildende Fackellilien (Kniphofia caulescens), Storchschnäbel, Ligularien und Astrantien. Die Ränder wurden mit Bergenien und Taglilien bepflanzt.
Auf einem gegenüberliegenden Beetstreifen wurde ein üppiges Astrantien-Sortiment mit weiteren Selektionen und Hybriden fülliger Hoch- und Wiesenstauden in Kombination gepflanzt. Eryngium alpinum-Auslesen und Eryngium × zabelii-Hybriden sowie Frauenmantel und wuchtige Flockenblumen fügen sich in den voluminösen Rahmen ein. Die kühle, lichtreiche Situation ist für Wildstauden und Hybriden prädestiniert, deren genetischer Ursprung in kühl-feuchten Gebirgslagen liegt.

EINBLICKE IN DIE PFLANZENSOZIOLOGIE

Die Pflanzensoziologie als Disziplin der Geobotanik (systematische Gliederung und Beschreibung von Vegetationseinheiten) beschreibt Vegetationstypen und ihre Pflanzengesellschaften anhand von Zeigerarten, die an spezifische Standorte angepasst auftreten. Innerhalb einer Pflanzengesellschaft stehen bestimmte Zeigerpflanzen mit anderen Arten in einem gemeinschaftlichen ökologischen Verband. Zeigerarten können dominant und gerüstbildend auftreten und ökologisch wie auch visuell ein Vegetationsbild prägen. Ebenso können sie aufgrund spezieller Anpassungen eine Pflanzengesellschaft auch unauffällig kennzeichnen, wie zum Beispiel Sonnentau in Hochmooren.

Die Existenz und der spezifische Aufbau einer Pflanzengesellschaft werden von vielen unterschiedlichen Einflüssen bestimmt. Klimatische Gegebenheiten wie Kälte, Wärme, jahreszeitlich geprägte Niederschlagszyklen und -mengen oder kurze Vegetationsphasen begrenzen die Verbreitungsmöglichkeiten. Die Topografie und Geologie einer Landschaft, zum Beispiel eine niederschlagszugewandte Gebirgsflanke eines Vulkangebietes, die physikalischen und chemischen Eigenschaften des Bodens, Bodenleben, Erosion, Wasserführung und Herbivorie (Fraßfeinde) und die Verbreitungsökologie von Arten führen zu weiterer Ausdifferenzierung und können sowohl limitierende Stressfaktoren darstellen und bestimmte Arten ausschließen als auch Pflanzengemeinschaften fördern, die solchen Umweltbedingungen standhalten oder sogar davon profitieren. Pflanzengemeinschaften können Zeigergesellschaften für eine ökologische Nische sein oder großräumig angepasst auftreten (z. B. durch Stressfaktoren) und dadurch ein Landschaftsbild bestimmen.

Steppengebiete zum Beispiel sind von Gräsern und weiteren trockenresistenten Stauden und von niedrigen Strauchgesellschaften geprägt. Solche baumlosen Gesellschaften können durch eine für Großgehölze ungünstige Niederschlagsverteilung entstehen. Regelmäßige Flächenbrände während Trockenzeiten, permanenter Windeintrag und natürliche oder agrarwirtschaftliche Beweidung können die Bildung dieses Vegetationstyps noch verstärken. In subalpinen, alpinen und borealen Regionen können auch Kälte, kurze Vegetationszyklen, fehlender Bodenhorizont, Wassermangel oder -überschuss (Moorbildung) sowie Herbivorie zur Bildung baumfreier Gesellschaften führen.

Vegetationskunde wird umso verständlicher und anschaulicher, wenn man die Vegetation vor Ort kennenlernt. Denn zu den wichtigen Faktoren, die Sie sich auch theoretisch aneignen können, kommt Ihre persönliche Wahrnehmung und Erfahrung. Regionstypische heftige Wetterwechsel in Minutenabständen zu erleben, freigewaschene Wurzelsysteme mitsamt des anstehenden Bodenprofils zu entdecken oder die Wiederbesiedelung (Sukzession) einer Landschaft nach einem Vulkanausbruch zu verfolgen, ergänzen das angelesene Wissen. Ihr Auge wird geschult und Sie beginnen, die sichtbaren Leitpflanzen einer Vegetation wahrzunehmen und Habitate an ihrem topografischen, hydrologischen und geologischen Bild zu erkennen. Anhand typischer Kriterien lassen sich Pflanzenarten und -gesellschaften oft schon aus der Ferne bestimmen. Die Beurteilung der Umgebung lässt auf ganz bestimmte Arten schließen. Zudem können Sie am Naturstandort gezielt Ausschau nach attraktiven Pflanzen und natürlichen Kombinationen halten, die Ihren Garten attraktiv machen.

ABLEITUNG VOM NATURSTANDORT

Je mehr Sie eine Pflanze verstehen lernen, umso gezielter können Sie mit ihr arbeiten. Mit jedem Gang in die Natur können Sie den ursprünglichen Lebensbereich auch von Gartenpflanzen besser nachvollziehen und die Fülle möglicher Gartensituationen im natürlichen Habitat studieren, um daraus Inspirationen für künftige Gestaltungsideen zu gewinnen. Eine kulturtechnische Interpretation von der natürlichen Umgebung abzuleiten, kann zur nachhaltigen Optimierung der Gartenpflanzung führen.

Oft hat man aber während einer Exkursion, Wanderung oder Reise nur eine Momentaufnahme des ganzen ökologischen Systems. Eine vorangehende oder nachfolgende Recherche anhand von Fachliteratur, Vorträgen und fachlichem Austausch liefert wichtige und wertvolle Ergänzungen. Je anspruchsvoller das Pflanzensortiment wird, umso wichtiger werden Details zur geografischen Herkunft, zur Bodenchemie, zu Klima und Vegetationsrhythmus.

Veranschaulichen lässt sich die Ableitung von natürlichen Standortbedingungen auf den Lebensbereich im Garten mit einem Beispiel aus der Kultur von Stauden hoch gelegener Gebirgswiesen. Viele Pflanzenarten stehen im Hochgebirge sonnenexponiert, leiden aber in der Flachlandkultur unter zu hohen Temperaturen. Um Stress und mögliche Verbrennungen zu verhindern, können Sie ihnen im Garten einen hellen, aber vor zu starker Einstrahlung geschützten Pflanzplatz einrichten. Ebenso kann sich ein drainierter Hang für Pflanzen aus wintertrockenen Gebieten als überlebenswichtig erweisen.

Man beginnt, Analogien zu entdecken: Der Lebensraum der Stranddistel lässt sich im Garten leicht nachempfinden. Der kurzlebige Doldenblütler besiedelt Strände und Dünen mit feinem Küstensand vom Mittelmeergebiet bis nach Nordeuropa. Diese Art kann unter anderem mit dem Küsten-Meerkohl (Crambe maritima), Strandhafer (Ammophila arenaria), Dünen-Rot-Schwingel (Festuca rubra subsp. arenaria) und Salzmiere (Honckenya peploides) vergemeinschaftet sein. Ein sonnenexponierter Standort im Garten, mit feinem Sand dünenförmig aufgeschüttet, kommt dem Standort mit einfachen Mitteln nahe. Für den wuchernden Strandhafer empfiehlt sich eine Isolierung durch eine Rhizomsperre. Gesellen Sie nun noch Tamariske, Currystrauch (Helichrysum italicum subsp. serotinum) und Dünen-Dichter-Narzisse (Pancratium maritimum) sowie Dünen-Weide (Salix repens subsp. dunensis) dazu, verwandeln Sie zum Beispiel die Schotterwüste eines tristen Vorgartens in einen gärtnerisch anspruchsvollen Mikrokosmos mit Urlaubserinnerungs-Charakter.

Ebenso können steile rissige Kalksteinfelsen im Hochgebirge dem Lebensbereich Natursteinmauer im Garten entsprechen. Rispen-Steinbrech (Saxifraga paniculata subsp. paniculata), Berg-Hauswurz (Sempervivum montanum subsp. montanum), Bunt-Schwingel (Festuca varia), Gewöhnliche Alpen-Aurikel (Primula auricula), Zwerg-Glockenblume (Campanula cochleariifolia) und Stängelloses Leimkraut (Silene acaulis subsp. acaulis) sind typische Zeigerpflanzen, die in dieser Kombination auch im Gartenbild funktionieren können und genauso ästhetisch wie am Naturstandort wirken.

In der Natur können Pflanzengesellschaften ein ganzes Landschaftsbild weiträumig bestimmen (zum Beispiel Heide- und Graslandschaften borealer Regionen) oder mit weiteren Gesellschaften ein Mosaik nischenhaft angepasster Gemeinschaften innerhalb größerer landschaftsprägender Gesellschaften bilden.

Die Strand-Distel (Eryngium maritimum) im Küstensand auf Sardinien.
Eryngium maritimum in einem Sandbeet mit Küstenpflanzen aus aller Welt (Palmengarten Frankfurt).
Ein Vegetationsaufbau endet nach einer Standortneubesiedelung im Idealfall im Klimax-Stadium eines Waldes. Anhand eines licht- und niederschlagsreichen Gebirgswaldtyps in Sichuan lässt sich die vertikale Schichtung einer Vegetation gut veranschaulichen. Fabers Tanne (Abies fabri) bildet auf 2000 m Höhe die Baumschicht, Rhododendron-Arten dominieren die Strauchschicht im oberen Felsabschnitt. Die unteren Flanken sind baumlos, hier herrschen laubabwerfende Sträucher, Rhododendren und Klettergewächse vor. Die Krautschicht siedelt im oberen Bereich in einem humusreichen Oberboden, die Krautschicht der Felsflanken sitzt in humosen Felsnischen. Die Moosschicht ist aufgrund des Monsun-Klimas artenreich. Darunter befindet sich die Wurzelschicht, die sich bis in die Felsschichten hinein verankert.
Am Beispiel eines Vegetationsbildes am Klausenpass, einer Passhöhe zwischen den Schweizer Kantonen Uri und Glarus, wird deutlich, wie nahe unterschiedlichste Gemeinschaften miteinander auftreten können. Der obere Bildrand zeigt die von der Felswand abgehenden Schutthalden, alpine Rasen grenzen an die Randbereiche an und bilden nach unten eine geschlossene Vegetationsdecke, die lediglich durch Blöcke und Felskuppen unterbrochen wird. Linksseitig erstreckt sich Rhododendron hirsutum-Gebüsch. Die erodierte, spalten- und taschenbildende Felskuppe bietet einen Lebensraum für Farne, Stängelloses Leimkraut und Alpen-Gänsekresse.

GERÜSTBILDUNG UND VERSCHACHTELUNG

In der aus Grasarten und Weiß-Klee gebildeten Grundfläche stehen Einblütiges Ferkelkraut, Arnika, Bart-Glockenblume, Teufelskralle, Ampfer, Schafgarbe, Flockenblume, Hornklee, Pippau und Hahnenfuß. Eine gleichmäßige, feingliedrige Verteilung ist erkennbar. Gelbblütige Korbblütler, Hahnenfuß und Hornklee leuchten aus der Grundfläche fernwirkend heraus und werden von leichten Blau- und Violetttönen neutralisiert. Blüten- und Fruchtstände von Ampfer und Gräsern wirken kontrastreich. Leuchtend weiß stehen Schafgarben im Hintergrund.
Zeigerpflanzen für bodensaure Magerrasen, wie Arnica montana und Campanula barbata, lassen erkennen, dass es sich um eine saure Auflage über dem anstehenden Kalkmassiv handelt (Eggberge, Kanton Uri).

Das Erscheinungsbild einer Pflanzengesellschaft wird, wie bereits angesprochen, visuell von prominenten Pflanzenarten bestimmt, die zum Beispiel durch Dominanz, Silhouette, Farb-, Kontrast- und Textureigenschaften auffallen. Die Mengenverteilung der einzelnen Arten innerhalb der Pflanzengesellschaft folgt einer gewissen Regelmäßigkeit. Deutlich lässt sich dieses Phänomen beim Wandern durch Bergwiesen erkennen. Handelt es sich um extensiv bewirtschaftete magere Mähwiesen, ist die Artenvielfalt tendenziell hoch. Stauden und Einjährige haben die Möglichkeit, auszureifen und sich zu versamen. Dadurch ist die Formenvielfalt groß und detailreich. Bergwiesen können für die Anlage von Wiesen im Garten als Vorbild dienen. Gartenbesitzer im Tiefland müssen jedoch berücksichtigen, dass durch die unterschiedlichen Klimabedingungen das Ergebnis nur zum Teil dem Vorbild entsprechen wird. In Flachlandgärten sind daher Wiesen-Vorbilder des Flach- und Hügellandes die erste Wahl. Sie können durch konkurrenzstarke Arten des Berglandes ergänzt werden.

Die gleichmäßige Verteilung der Arten lässt sich auch als Verzahnung oder Verschachtelung bezeichnen. Diese Verschachtelungen wirken von oben gesehen wie Mosaike und sind besonders auffällig und attraktiv in Pflanzenverbänden von alpinen Matten- und Polsterpflanzen. Solche Pflanzenverbände sind häufig heftigem Wind, Kälte und intensiver Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Sich miteinander in einer Lebensgemeinschaft zu verschachteln bietet den Vorteil, gemeinsam den verankernden und nährenden Boden vor Erosion zu schützen und zu bedecken. Zudem bildet der Verband einen Schutz vor Kälte und Austrocknung.

Gestalterisch lassen sich solche Verschachtelungen besonders gut mit südamerikanischen und südpazifischen Gattungen nachempfinden. Geeignete Gattungen sind zum Beispiel Andenpolster (Azorella), Stachelnüsschen (Acaena), Schafsteppich (Raoulia), Knäuel (Scleranthus), Fiederpolster (Leptinella) und niedrige Heidekrautgewächse.

Gerüstbildung einer patagonischen Felsheide bei Gobernador Costa, Argentinien. Aufgrund des anstehenden Ryolith-Massivs und einer sommerlichen Trockenzeit stehen Zwergsträucher (Junellia) und Gräser (Jarava) gerüstbildend in lockeren Verbänden. Trockenkünstler wie die Korbblütler Nassauvia axillaris und Mutisia retrorsa, Austrokakteen, Meerträubel und Stachelnüsschen finden in den Zwischenräumen ihre Nische und konkurrieren mit den Nachbarpflanzen um Wasser und Nährstoffe. Verändern sich die Standortbedingungen, verändert sich auch das Verhältnis der Anzahl von Individuen zueinander. Nur wenige Meter weiter oben folgt dem Felsabschnitt ein schuttreiches, kühl-windiges Plateau. Die Sträucher gehen in eine Mattenform über und dominieren in dünner Besiedelung die Gesellschaft.
Mengenverteilung in einer Hochstaudenflur am Nebelhorn bei Obersdorf, Allgäu. Der Alpendost (Adenostyles alliariae) bildet mit einem violetten Schleier eine Grundfläche. Die großen Doldenteller des Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium) verteilen sich gleichmäßig in der Grundfläche und heben die kerzen- und rutenförmigen Blüten- und Fruchtstände hervor. Das Alpen-Greiskraut (Senecio alpinus) verteilt sich in kleinerer Anzahl, aber ebenso regelmäßig in der Fläche. Die Hochstaudenflur besteht aus wenigen, innerhalb dieser Gemeinschaft und unter optimalen Standortbedingungen konkurrenzfähigen Pflanzenpartnern. Das Nährstoffangebot ist in der frischen, drainierten Sohle aufgrund der oberhalb gelegenen Weidewirtschaft sehr hoch.
Standortbeispiel im Nationalpark Torres del Paine, Chile. Das Andenpolster Azorella monantha bildet ein flaches Grundgerüst, das von weiteren Arten durchwachsen wird. Kontrastreich stehen die jungen Igelposter von Mulinum spinosum in der Gemeinschaft. Das Bild erscheint stabil, dennoch wird sich langfristig das Igelposter über den Teppich legen und das stellenweise Absterben der Azorellen einleiten. Während der Schneeschmelze, durch Unwetter und durch Vergreisung alter Büsche entstehen in der Vegetationsdecke jedoch viele Freiflächen, die erneut von den Teppichverbänden eingenommen werden.

LANDSCHAFTSERFAHRUNG AUTHENTISCH SPIEGELN

Die Stimmung und Atmosphäre, die uns am Naturstandort begegnet, prägt sich in unser gärtnerisches Gedächtnis ein und sucht im Garten nach Entfaltung. Achten Sie darauf, welche Landschaften Ihnen besonders intensiv in Erinnerung bleiben und fragen Sie sich warum? Diesen besonderen Momenten und der Verbindung zu den Elementen der Natur auf den Grund zu gehen, lohnt sich, um Ausschnitte dieses Ganzen in den Garten zu transportieren. Unendliche Weite, Wetter, tiefstehendes Herbstlicht, Konturen im Nebel oder das Rauschen eines Wildbaches. Diese Aspekte verbinden sich mit der Umgebung. Sie sind Aspekt und Teil des Ganzen.

Die saisonale Ausstrahlung von Landschaftsbildern kann besonders kraftvoll und wandelbar sein. Das Leuchten fruchtender Vogelbeeren im Morgenlicht, neongrüne Moospolster im winterlichen Laubwald, die Massenblüte von Busch-Windröschen und weiße Blütendolden auf sommerlichen Waldlichtungen sind saisonale Beispiele, für die wir empfänglich sind und auf die wir jedes Jahr warten. Genauso verhält es sich mit unseren Gartenbildern. Wie sehr sehnen wir uns nach Farbe und nach der Entfaltung unserer Pflanzen im Frühjahr, nach Blühfolgen im Hochsommer, sind fasziniert von den Stimmungen des Herbstes und versuchen mit der Betonung von Kontur, Rindenfarben und -strukturen, winterblühenden Pflanzen und immergrünen Gewächsen den Garten auch im Winter zu erleben.

Die Aussagekraft und Authentizität eines Vegetationsbildes kann durch die Herausbildung von Atmosphäre und Ausdruck, zum Beispiel Dynamik, Wildnishaftigkeit, Stille und Lichtspiel, gefördert werden. Schlüsselelemente wie Wasser und Licht intensivieren die Gesamtwirkung von Vegetation, vergehenden und sich wandelnden Organismen, Gestein und Boden.

Wasser ist verbindend und tragend und Wasser ist wandlungsfähig. In einer Teichfläche wirkt es beruhigend, in einem wilden Bachlauf dynamisch. Sickernd und rieselnd strahlt es Lebendigkeit, Frische und Sinnlichkeit aus. Es zerstört und erschafft Neues. Es zeigt sich lichtbrechend in Regen- und Tautropfen, jahreszeitenprägend in Septemberdunst und Herbstnebel und in der Wechselwirkung mit der Vegetation im Wind- und Lichtspiel.

Landschaftsaspekte auf Ihren Garten zu übertragen, gelingt Ihnen dann authentisch, wenn Sie auch die Wechselwirkungen zwischen der Vegetation und den verschiedenen Elementen eines Standortes mit einbeziehen. Die naturnahe Modellierung einer Pflanzung verbindet daher bauliche, ökologische, kulturtechnische und ästhetisch-atmosphärische Kriterien miteinander.

Die charakteristische Topografie eines Vegetationsausschnittes können Sie schon während der Modellierungsphase unter Verwendung von Naturmaterialien herausbilden. Um zum Beispiel einen Waldrandaspekt nachzuempfinden, bietet sich die Ausgestaltung mit Totholz, Mulch, Laub- oder Nadelmull und Gesteinsblöcken bzw. Findlingen an. Typische Waldpflanzen, wie Wurmfarne, Maiglöckchen, Wald-Geißbart und Schwalbenwurz-Enzian, können Sie gerüstbildend in das Modell einbeziehen. Rohhumus fördert die Bildung von Mikrohabitaten. Mit einer gezielten Modellierung können Sie natürliche Kreisläufe initiieren.

In einer Steingartenanlage gibt es mannigfaltige Möglichkeiten, Gestein naturnah, ökologisch und funktionell einzusetzen. Felsabbrüche, kleine Kämme, Block- und Schutthalden, Felstaschen und -terrassen am Standort lassen sich im Steingarten verkleinert simulieren und bilden sein Skelett.

Übertragen Sie die Raumwirkung von Vegetationsbildern proportional auf die passenden Gartensituationen. Wo ist Weite möglich, wo lohnt es sich, kleinteilig zu verschachteln? Verbinden Sie Gartenräume miteinander!

Snow Tussock (Horstgras-Gesellschaft) im Hochgebirge der neuseeländischen Südinsel. Hier wird die Kraft von Licht, Wasser, Wind und Weite deutlich. Das Licht durchflutet die gedrehten Blattspitzen und die Spelzen der Gräser und verleiht ihnen eine große Leuchtkraft und Kontrastwirkung. Die Konturen und unterschiedlichen Grüntöne der Begleitpflanzen heben sich dezent ab. Der Blick fällt unweigerlich auf das ruhende Schwarzwasser am Fuße des Gräserhangs. Es strahlt eine geheimnisvolle Atmosphäre aus. Die Oberfläche der Graslandschaft erscheint homogen und auf den ersten Blick artenarm. Zwischen den Grashorsten finden jedoch zahlreiche Pflanzenarten ihre Nische.

VEGETATIONSBILDER DER NORDHALBKUGEL

Um dem Ursprung der Lebensbereiche unserer Gärten auf den Grund zu gehen, begeben wir uns jetzt auf die Reise in Heimatgebiete von Gartenpflanzen. Jedem Einblick in natürliche Lebensräume folgt eine praxisnahe Episode mit Interpretationsbeispielen, die auf den Garten übertragen werden können. Eine Vielzahl dekorativer Freilandpflanzen entstammt der kühl-gemäßigten Klimazone der Nordhalbkugel. Zu ihnen gehören viele verlässlich winterharte Pflanzen aus winterkalten, kontinentalen Gebieten und Hochgebirgen. Ebenso zählen Pflanzenarten klimamilder Zonierungen dazu, zum Beispiel mediterrane Pflanzen mit einer ausgeprägten sommerlichen Trockenphase und Arten der sommerfeuchten Subtropen Asiens.

Wollgras-Uferzone am Tiefengletscher (Furka-Gebiet, Schweiz).
Blick auf die Bernina-Gruppe und das Val Roseg im Ober-Engadin, Schweiz. Der Abstieg von der Fuorcla-Hütte führt über artenreiche alpine Rasen und Wiesen.

DIE ALPEN / INSPIRATIONEN FÜR DEN STEINGARTEN

Gebirgspflanzen in ihrem natürlichen Umfeld zu beobachten und ihre Lebensweise zu verstehen, gehört zu den interessantesten Exkursen in unserer heimischen Flora. In den Bergenhöhen gewinnt man einen guten Eindruck von den dort wirksamen Naturgewalten. Der Blick über die höchsten Gipfel schafft eine große Nähe zum Ursprung des Lebens und beeindruckt durch Weite und Erhabenheit. Das Gefühl, welches uns Pflanzeninteressierte auf den Höhenwegen der Alpen begleitet, ist beflügelnd und erfüllend. Ein Lernfeld von unglaublicher Schönheit.

Die Alpen sind ein aufschlussreiches Exkursionsgebiet, um bekannte Pflanzenarten in einem landschaftlich vertrauten Rahmen genauer unter die Lupe zu nehmen. Blauer Eisenhut, Mannstreu, Edelweiß und Alpenrose sind charakteristische Vertreter der Alpenflora. Viele Gartenpflanzen haben ihren Ursprung in dieser artenreichen Flora. 8 bis 10 % der Gefäßpflanzen des Alpenraumes sind endemisch, das sind mehr als 400 Pflanzenarten, die nur in diesem Gebirgssystem auftreten, häufig lokal sehr begrenzt.

Scheuchzers Glockenblume (Campanula scheuchzeri), Stängelloser Enzian (Gentiana acaulis), Trollblume (Trollius europaeus), Wald-Storchschnabel (Geranium sylvaticum) und Knabenkräuter gehören auf Wanderungen häufig zu den wiederkehrenden Begleitern, säumen Wegränder und blühen in Matten und Wiesen. Fetthennen-Steinbrech (Saxifraga aizoides), Simsenlilien und Fettkraut stehen in Quellfluren und auf sickernassen Felsen an, und in Kalkschutthalden und Schotterrasen finden Alpen-Kratzdistel (Cirsium spinossissimum), Zwerg-Glockenblume (Campanula cochleariifolia) und Weiße Silberwurz (Dryas octopetala