Wild, Wild Ghost - Oder: wenn Western auf Geisterjagd trifft - Annika Hanke - E-Book

Wild, Wild Ghost - Oder: wenn Western auf Geisterjagd trifft E-Book

Annika Hanke

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Seit Jahren arbeitet die junge Robyn Moore in der Londoner Detektei Robinson & White, um ihrem Ziel einen Schritt näher zu kommen: in der Zeit reisen zu können und ihren verschwundenen Vater zu suchen. Doch dazu muss sie zuerst die Prüfung zum Special Ghost Agent absolvieren. Gar nicht so einfach, dennoch gibt Robyn alles und schafft es schließlich, ins Saint Louise des Jahres 1899 zu reisen. Eigentlich sollte sie sich, im Wilden Westen angekommen, darauf konzentrieren, den Geist von John Cartwright zu erlösen. Allerdings nutzt Robyn die Chance, um endlich in der Vergangenheit zu graben und nach ihrem Vater zu suchen. Alles läuft gut, bis sie auf dem Anwesen der Familie Cartwright auf den Geisterjäger Anthony Walker trifft, der kein anderes Ziel zu verfolgen scheint, als sie zur Weißglut zu treiben, denn leider hält man im Wilden Westen nichts von starken Frauen oder der Gleichberechtigung. Bis auf einer gemeinsamen Reise plötzlich die Stimmung zwischen den beiden umschlägt. Allerdings will das Jahr 2025 Robyn zurück und ihre Gefühle machen keinerlei Sinn … nur wie sagt sie das ihrem Herzen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 520

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Wild, Wild Ghost

ODER: WENN WESTERN AUF GEISTERJAGD TRIFFT

ANNIKA HANKE

Copyright © 2026 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Ela Bloom

Korrektorat: Lillith Korn

Layout Ebook: Stephan Bellem

Buchsatz: Julian Behrendt & Astrid Behrendt

Umschlag- und Farbschnittdesign: Hannah Sternjakob

Bildmaterial: Shutterstock

Druck: Booksfactory

ISBN 978-3-69130-097-0

Alle Rechte vorbehalten

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von §44b UrhG ausdrücklich vor.

Triggerwarnung

Dieses Buch spielt im Wilden Westen, in der fiktiven Stadt Saint Louise, und enthält daher Darstellungen von Alkohol- und Nikotinkonsum, Pferden bzw. Reitunfällen, Gewalt, Waffengebrauch, nicht einvernehmlichem körperlichen Kontakt, einem veralteten Frauenbild, Verletzungen (Blut), Nahtod, Tod sowie psychischen Belastungsreaktionen wie Panikattacken und Erbrechen. Zudem behandelt die Geschichte Abschied, Trauer und die damit verbundenen seelischen Schmerzen.

Weitere Triggerthemen: Gewässer, Krankheit (physisch und psychisch), Versagensängste, Wildnis, Einsamkeit, Liebe, schwierige Familienverhältnisse, Vergangenheitsbewältigung.

Bitte gehe achtsam mit dir um, falls diese Themen für dich belastend sein könnten.

Inhalt

Der Prolog

Das 1. Kapitel

Das 2. Kapitel

Das 3. Kapitel

Das 4. Kapitel

Das 5. Kapitel

Das 6. Kapitel

Das 7. Kapitel

Das 8. Kapitel

Das 9. Kapitel

Das 10. Kapitel

Das 11. Kapitel

Das 12. Kapitel

Das 13. Kapitel

Das 14. Kapitel

Das 15. Kapitel

Das 16. Kapitel

Das 17. Kapitel

Das 18. Kapitel

Das 19. Kapitel

Das 20. Kapitel

Das 21. Kapitel

Das 22. Kapitel

Das 23. Kapitel

Das 24. Kapitel

Das 25. Kapitel

Das 26. Kapitel

Das 27. Kapitel

Das 28. Kapitel

Der Dank

Drachenpost

Für alle, die eine Flucht aus dem Alltag suchen.

Für die Gamer unter euch, denen Red Dead Redemption 2 vielleicht genauso viel bedeutet wie mir.

Für Arthur Morgan.

Und auch ein kleines bisschen für Dutch van der Linde.

Der Prolog

Oder:

Wie ein Geist erlöst wird

Ich habe die Akte, die du wolltest.« Quinn wedelte mit einem dünnen Papphefter vor meiner Nase herum, ein triumphierendes Grinsen auf den Lippen. »Sollte ein Spaziergang werden.«

Aufgeregt griff ich nach dem einen Ende des Hefters – Quinn hielt das andere weiterhin fest.

Die hochgewachsene Rothaarige beugte sich zu mir herunter. »Vergiss nicht, dass ich an deiner Erfolgsquote beteiligt war. Nicht jeder leistet so gute Aufklärungsarbeit.«

»Dann werde ich wohl auf ewig in deiner Schuld stehen«, erwiderte ich mit einem Zwinkern. »Wobei mir nicht ganz klar ist, wieso du beim Aufklärungsteam bleibst, anstatt selbst Geister zu erlösen.«

Quinn nahm ihre Finger von der Akte und setzte sich halb auf meinen Schreibtisch. »Möglich, dass ich das in Amerika machen werde.« Sie verschränkte die Arme locker vor der Brust.

Plötzlich war die Akte nicht so wichtig wie meine liebste Kollegin. »Amerika?«

»Ich habe gekündigt. Mit den Überstunden und meinem Resturlaub ist heute mein letzter Tag.«

Ganz automatisch schob ich die Unterlippe zu einem Schmollmund nach vorn. Quinn war nicht nur die beste Kollegin, sie war ein Vorbild. Obwohl sie sich nie hatte zur Geisterjägerin ausbilden lassen und stets die verpönte Recherchearbeit für uns verrichtete, war sie die Heldin der Detektei.

»Also sagst du mir gerade, dass wir nicht mehr zusammenarbeiten werden und du nicht mitbekommst, wie ich Special Ghost Agent werde?«

Sie zuckte mit den Schultern und warf sich die kupferroten Locken über eine. »Sieht ganz danach aus, Kleines. Amerika ist nicht aus der Welt, wir werden uns eines Tages wiedersehen.«

»Was willst du auf der anderen Seite des Planeten machen?«

»Geister jagen.«

Ich ließ die Akte fallen und gestikulierte mit den Händen, schloss die gesamte Detektei ein. »Und das kannst du in London nicht?«

Quinn lachte ihr glockenhelles Lachen, das so manche Person in ihren Bann zog. »Könnte ich. Aber ich brauche mal wieder ein Abenteuer. Ich bin viel zu lange in England, mich zieht es woanders hin. Es war von Anfang an klar, dass meine Zeit in London ein Ablaufdatum hat.«

»Ein Teil von mir hat offenbar gehofft, dass du es dir anders überlegst.«

»Da muss ich dich enttäuschen.« Sie zwinkerte mir zu und stand von meinem Tisch auf. »Und jetzt auf zu deiner Geisterjagd, Süße.«

»Wollen Sie mir noch etwas über den Fall sagen, Miss Carter?«, fragte ich in gespielt professionellem Ton.

»Der Geist einer alten Dame, Mrs Walsh. Sie treibt ihr Unwesen an der Themse, der Promenade an der Tower Wharf. Gerüchten zufolge wartet sie auf ihren Ehemann, weil die beiden zu Lebzeiten oft dort spazieren gegangen sind. Wenn du mich fragst, was ein baldiger Special Ghost Agent mit Sicherheit niemals tun würde, ist es mit einem Blick auf ihren Mann gegessen. Möglich, dass ich mit ihm gesprochen habe. Du musst also rein theoretisch bloß zur Themse und die beiden zusammenbringen. In« – sie warf einen Blick auf die Wanduhr – »einer halben Stunde triffst du dich mit Mr Walsh.«

Ich stieß ein langes Seufzen aus, das aus den Untiefen meines Herzens kam. »Ganz ehrlich, Quinn, was soll ich nur ohne dich machen?«

»Diese Detektei hat mehr als genug Aufklärungsteams. Du wirst mit jemand anderem zusammenarbeiten, der Informationen zu einem Geist beschafft.« So lapidar es klang, doch Quinns Arbeit, beziehungsweise die der Teams, war mit die wichtigste in der Detektei. Dabei handelte es sich um Mitarbeitende der Einrichtung, die Hinweisen auf Geistersichtungen nachgingen. Sie fanden heraus, um welchen Geist es sich handelte, wie er gestorben war und aus welcher Zeit er stammte. Anhand dieser Informationen konnten wir den Fall einem Geisterjagenden zuordnen.

Quinn arbeitete für mich oft über die klassischen Grenzen hinaus, übernahm, soweit es kein komplexer Fall war, den ersten Kontakt mit den Hinterbliebenen und bereitete die Erlösung so vor, dass ich praktisch kaum etwas machen musste, außer vor Ort zu sein. In meiner Anfangszeit bei Robinson & White war ich ganz auf mich allein gestellt gewesen, um die Arbeit vollständig kennenzulernen. Quinn und das Aufklärungsteam arbeiteten erst seit drei Monaten an meiner Seite.

»Ich werde dich vermissen«, gestand ich ihr.

Sie warf mir einen Luftkuss zu. »Man sieht sich immer zwei Mal im Leben, Süße.« Mit diesen Worten verschwand sie in den vorderen Teil der Detektei und ließ mich zurück.

Seufzend öffnete ich die Akte und ging die Informationen durch. Es stand nur darin, was Quinn mir erzählt hatte.

»Dann wollen wir mal, Mrs Walsh«, murmelte ich, klappte das Dokument zu und stand auf. Bevor ich die Detektei verließ, blockte ich mir in unserem digitalen Kalender einen Slot, damit jeder, der Zugriff darauf hatte, wusste, wo ich mich befand. Im Gehen warf ich mir meinen Trenchcoat über.

Da London heute gut gesinnt war, regnete es nicht und ich konnte die Strecke von Whitechapel zum Tower of London zu Fuß zurücklegen. Ich durchquerte das Viertel Aldgate, lief vorbei an alten Backsteinfassaden, viktorianischen Laternenmasten und modernen Glasgebäuden. Der Mix aus Historischem und der Moderne gefiel mir. So hatte eine Stadt für mich auszusehen – mit der Zeit gehend, aber auch Kultur und Geschichte bewahrend.

Nach zwanzig Minuten Fußmarsch kam ich am Tower Hill Park an, einem kleinen Grünstreifen mit Blick auf die beeindruckende Festung. Für heute entschied ich mich, durch den Park hindurch zu schlendern, anstatt an ihm vorbei, und spürte schon nach wenigen Schritten den Wind vom Fluss her. Kühl, salzig und mit dem feuchten Gestank nach Algen, Schlamm und Schiffsöl zerrte er an meinen Kleidern. Nachdem ich die Menschenschlange vor dem Eingang hinter mir gelassen hatte, gelangte ich zur Tower Wharf, einer kleinen Promenade direkt an der Themse. Aus der Ferne klang das dumpfe Dröhnen eines Dampfers, der sich durch das Wasser zog. Möwen stürzten sich gierig auf Brotkrumen, die Kinder oder ältere Leute zu Boden warfen, oder Essensreste, die achtlos liegen geblieben waren.

Ich hielt inne und schaute mich an der Promenade um. Tatsächlich fand ich recht schnell einen älteren Herrn, der auf einer Bank saß und auf den Fluss blickte.

»Mr Walsh?«, sprach ich ihn an.

Er wandte mir das Gesicht zu – ein breiter, weißer Schnauzer prangte unter seiner Knollennase und tiefe Falten zeichneten sein Gesicht.

»Sind Sie die Geisterjägerin?«

Mit einem Lächeln im Gesicht nickte ich und streckte ihm die Hand entgegen. »Robyn Moore, freut mich, Sie kennenzulernen. Meine Kollegin Miss Carter hat bereits mit Ihnen gesprochen?«

»Sie sagte, dass meine liebe Abigail keine Ruhe findet.« Bedauernd zog er die buschigen Augenbrauen zusammen, was sein gesamtes Gesicht verdunkelte.

»Deswegen treffen wir uns. Ich bin mir sicher, dass wir es gemeinsam schaffen, ihr ihren Frieden zu schenken. Darf ich?«, fragte ich, bevor ich mich neben ihn auf die Bank setzte. »Erzählen Sie mir von Ihrer Frau und der Themse. Was hat sie für eine Bedeutung für Sie?«

»Vor siebenundsechzig Jahren habe ich an genau dieser Stelle um ihre Hand angehalten.« Mr Walsh lächelte bei dieser Erinnerung. »Auch unsere Hochzeitsfotos sind ein halbes Jahr später hier entstanden. Von da an sind wir jeden Sonntag hergekommen, selbst, während wir berufstätig waren. Das war unsere gemeinsame Zeit, die uns alles bedeutete.«

»Das tut sie noch, Edmund.«

Beinahe hätte ich den Temperaturunterschied nicht wahrgenommen, denn der Wind frischte so nah an der Themse auf. Doch nun spürte ich die Kühle, die mit einer Geistererscheinung einherging, deutlich.

Mr Walsh, der die dünne Stimme seiner verstorbenen Frau ebenfalls wahrgenommen hatte, riss die Augen auf und drehte sich zu ihr um.

»Oh, Abigail«, brachte er hervor.

Die silbrig schimmernde Silhouette der Dame glitt in unsere Richtung, während Mr Walsh aufstand und auf sie zutrat. Eine Mutter mit Kind warf uns einen verängstigten Blick zu, weshalb ich eine beruhigende Geste machte. Der Abschnitt der Themse war zu dieser Zeit nicht allzu stark besucht, trotzdem war jede der spazierenden Personen eine potenzielle Störquelle. Ich beobachtete meine Umgebung genau, fand jedoch niemanden, der uns groß Beachtung schenkte. Typisch London – jeder hatte ein Smartphone am Ohr oder schaute darauf, rannte beschäftigt von A nach B.

Ich lenkte meine Aufmerksamkeit wieder zu Mrs Walsh. Die Geistergestalt hatte sich soweit manifestiert, dass ich ihre Kleidung und die gelockten Haare unter einer Mütze erkennen konnte. Falten gruben sich in ihr Gesicht, vor allem kleine Lachfältchen um ihren Mund und die Augen herum.

»Ich habe dir immer gesagt, dass ich vor dir gehen möchte. So schnell habe ich dann allerdings nicht damit gerechnet.« Mrs Walsh wollte nach den Händen ihres Mannes greifen, ihre waren jedoch nicht länger dafür gemacht, Berührungen zu schenken. Als er seine Hände ausstreckte, fasste er lediglich durch die Gestalt hindurch.

Mr Walshs Unterlippe zitterte, als er verstand, dass er seine Frau niemals wieder würde berühren können. »Wie soll ich bloß einen weiteren Tag ohne dich überleben, Abigail?«

Ihr Blick wurde weich. Liebevoll. »Wir haben wunderbare Kinder und Enkelkinder, mein Liebster. Deine Aufgabe ist nicht mit meinem Tod erledigt.«

»Mrs Walsh?«, ging ich vorsichtig dazwischen. »Mein Name ist Robyn Moore, ich bin von der Detektei Robinson & White und möchte Ihnen helfen, diese Welt zu verlassen.«

»Sie sind jung für eine Geisterjägerin«, stellte sie ganz richtig fest. »Ich habe von solchen Detekteien gehört. Ist mein Edmund Ihretwegen zu unserem Platz gekommen?«

»Eine Kollegin hat mit ihm gesprochen, ja.«

»Danke, dass Sie uns ein letztes Mal zusammengebracht haben.«

Mr Walsh zog seine Nase hoch, die Luft schien zu vibrieren, während die Tower Bridge sich erhob, um ein größeres Schiff passieren zu lassen. Blätter raschelten durch einen Windstoß, ein Pulk Möwen erhob sich kreischend vom Boden.

»Versprichst du mir, unseren Kindern weiterhin ein guter Vater zu sein? Und unseren Enkeln ein fantastischer Großvater?«

In Mr Walshs Augen glitzerten Tränen. »Das verspreche ich dir, meine Liebste.«

Als nichts geschah, wandte Mrs Walsh sich mir zu.

»Wenn Sie Ihren Frieden gefunden haben, Mrs Walsh, hält Sie nichts mehr auf dieser Welt. Ihrem Mann wird es gutgehen, ebenso Ihrer Familie. Sie werden mit warmen Herzen an Sie zurückdenken und glücklich über die vielen Jahre sein, die Sie Ihnen schenkten.«

Der Geist von Mrs Walsh leuchtete stärker auf. Einzelne silberne Lichtpunkte stiegen von ihrer Gestalt hoch in den Himmel. Sie schloss die Augen, richtete das Gesicht nach oben, als würden Engel nach ihr rufen. Es war ein befreiender Gedanke, dass jemand im Himmel auf sie wartete, dass es so etwas wie das Paradies gab. Das alles beinhaltete das Erlösen von Geistern. Die Seelen lebten wo auch immer weiter und wurden wiedergeboren, sobald ihre Zeit gekommen war. So hatten wir es in der Ausbildung gelernt.

»Lassen Sie los«, sagte ich mit Nachdruck.

Und das tat sie. Die Hände weiterhin nach ihrem Mann ausgestreckt, lösten sich unaufhaltsam feine schimmernde Partikel von ihr, bis sie schließlich gänzlich vom Winde verweht wurde und ihr Geist nicht länger auf der Erde verweilte.

Als würde die Welt selbst den Atem anhalten, verklangen alle Geräusche, die Umgebung verblasste und das, was blieb, war ein tiefes Gefühl von Frieden, Dankbarkeit und nach Hause kommen.

Mr Walsh war der Erste, der seine Worte wiederfand. »Ich danke Ihnen, Robyn. Vielleicht können wir jetzt besser mit ihrem Tod umgehen.« Er griff nach meinen Händen und drückte sie.

»Nicht dafür.« Das meinte ich so. Es war zwar mein Job, Geister zu erlösen und ihnen Frieden zu schenken, doch ich tat es gern. Die Dankbarkeit und innere Ruhe zu fühlen, wenn ein Geist endlich diese Welt verlassen konnte, war viel mehr wert als jedes Geld der Welt.

Bevor einer von uns etwas sagen konnte, klingelte mein Handy. »Entschuldigen Sie mich«, bat ich, trat ein paar Schritte zur Seite und nahm den Anruf entgegen.

»Robyn? Bist du noch an der Themse? Es gibt Arbeit für dich.«

Das 1. Kapitel

Oder:

Wie diese Geschichte begann

Selbstverständlich, Miss, bei Robinson & White arbeiten ausschließlich die besten Geisterjäger. Sie müssen sich daher keine Sorgen machen. Wir helfen Ihnen gewiss weiter.« Nach Beenden des Telefonats schwand mein gefaktes Lächeln und ich stieß ein Seufzen aus, während ich die Stirn gegen die Tischplatte lehnte.

»Schwieriger Fall?«, fragte mich Luke mit einem Lachen in der Stimme und ich brachte bloß ein Murren zustande, ehe ich den Kopf anhob.

»Miss Hampshire, die wieder mit dem Geist von Sir Henry zu kämpfen hat.« Ich räusperte mich und sprach die nächsten Worte nasaler und gewählter aus, imitierte damit die Stimme der in die Jahre gekommenen Miss Hampshire. »Sie möchte gerne erfahrene Herrschaften haben und nicht so einen Stümper wie beim letzten Einsatz. Sir Henry ist nämlich immer noch nicht aus ihrem Keller verschwunden.«

Luke versuchte gar nicht, sich das Schmunzeln zu verkneifen. »Ich bin mir sicher, dass Noah hervorragende Arbeit geleistet hat und Sir Henry seit ungefähr« – er warf einen Blick auf unseren Jahreskalender, auf dem alle Geister vermerkt wurden, die wir erlösten – »sechsundvierzig Tagen nicht mehr in ihrem Keller herumspukt. Es grenzt an eine Katastrophe, dass wir seitdem zweimal wieder bei ihr waren.«

»Möglicherweise solltest du selbst zu ihr und deinen Special-Ghost-Agent-Ausweis zeigen wie einer vom FBI. Dann bin ich mir sicher, dass Miss Hampshire sofort daran glaubt, dass Sir Henry erlöst wurde.« Ich warf ihm ein Zwinkern zu, was er mit einem Augenverdrehen quittierte.

»Eigentlich bin ich hier, um dir Neuigkeiten zu übermitteln«, rückte er mit dem wahren Grund für seinen Besuch bei mir heraus.

Sofort saß ich kerzengerade in meinem Bürostuhl und schaute ihn aufmerksam an. Das Einzige, weswegen Luke, mein Mentor, zu mir kommen könnte, war meine anstehende Prüfung. Beziehungsweise die Zulassung zur Abschlussprüfung der Special Ghost Agents.

»Warst du beim Prüfungsausschuss?«

Luke nickte. Sein kantiges Gesicht zeigte keinerlei Regung, ich konnte nicht sagen, ob er gute oder schlechte Neuigkeiten für mich hatte. In seinen stahlblauen Augen stand ebenso kein Hinweis für mich.

Regelrecht theatralisch atmete er ein und lehnte sich gegen den Schreibtisch des Empfangs unserer Detektei. »Es war ein sehr langes Gespräch, ich habe wirklich, wirklich viel Zeit dort verbracht. Sie haben gesagt, dass es bisher niemand mit gerade zwanzig Jahren geschafft hat, zur Prüfung zugelassen zu werden. Und sie haben sich deine bisherigen Geisterfälle genau angesehen.«

»Luke, spuck’s bitte aus.« Mein Bein wackelte auf und ab, weil ich so sehr darauf brannte, zu erfahren, was er wusste.

»Na ja, ich habe ihnen erzählt, dass unsere fleißige Robyn Moore eine sehr engagierte Mitarbeiterin ist und Robinson & White in den letzten zwei Jahren zu einer der renommiertesten Detekteien aufgestiegen ist. Natürlich habe ich nicht ausgelassen, darauf hinzuweisen, dass du einen großen Teil dazu beigetragen hast.« Er verschränkte die Arme locker vor seinem Oberkörper und sah zu mir herunter. In keiner Weise belehrend oder abwertend, sondern einfach, weil ich saß und kleiner war als er. Mit einem Schlag wurde sein Blick offener, winzig kleinen Lachfältchen erschienen um seine Augen und sein Gesicht hellte sich auf. »Sie haben dich zu der Prüfung zugelassen.«

Laut quietschend sprang ich auf und fiel meinem Mentor um den Hals.

»Hey, hey!«, sagte er und lachte, hielt mich fest, weil ich uns beide beinahe rückwärts vom Tisch befördert hätte. »Die Zulassung zur Prüfung heißt nicht, dass du sie auch bestehst. Nun musst du einen kühlen Kopf bewahren und einen taktisch schlauen Fall heraussuchen.«

»Ich weiß, ich weiß. Aber ich bin dem Abschluss einen großen Schritt nähergekommen. Dank dir!«

»Nein, dank deinen Fähigkeiten als Geisterjägerin.«

Mit einem Schulterzucken nahm ich das Kompliment an. »Na gut und selbstverständlich dadurch. Das muss gefeiert werden! Lädst du mich zum Essen ein?«

»Ich dich? Sollte es nicht andersherum sein?«

Freundschaftlich schlug ich ihm gegen die Brust, fuhr meinen PC herunter, weil die Detektei sowieso zumachte, und warf meinen Trenchcoat über. »Du bist a) der Ältere von uns beiden und b) auch noch ein Mann. Leben wir in der Welt, in der Miss Hampshire lebt, ist es regelrecht deine Pflicht, mich zum Essen einzuladen.«

Er rieb sich die Stelle, obwohl der Schlag ihm gar nicht wehgetan haben konnte. »Miss Hampshire ist wirklich nicht im 21. Jahrhundert angekommen«, überlegte er laut, nickte daraufhin allerdings. »Gut, ich schätze, du hast mich überredet. Lass mir eine Viertelstunde, um etwas zu erledigen.« Er verschwand in seinem Büro, was mir die Chance gab, meinen Schreibtisch aufzuräumen.

Nicht direkt aufräumen im Sinne von alles glänzend putzen – eher eine Akte verschwinden lassen. Luke musste nämlich nicht unbedingt wissen, wie intensiv ich mich mit dem Fall meines Vaters beschäftigte.

Er war vor einem Jahr verschwunden, nach diesem einen Job in Saint Louise niemals zurückgekehrt. Da er nicht direkt in der Detektei angestellt gewesen war, weil er als Freelancer gearbeitet hatte, hatte niemand etwas unternommen oder wusste von seinem Verschwinden. Freelancer galten unter den Geisterjagenden als verpönt, weil die großen Detekteien keine Kontrolle über sie hatten und sie nicht zu hundert Prozent nach ihren Regeln spielten. Sie mussten die Akten ihrer angenommenen Fälle an die zuständige Detektei weitergeben, geschah allerdings etwas Ernstes, standen sie auf der Prioritätenliste nicht weit oben.

Ich hatte jegliche Akten zu seinem Auftrag gelesen, wusste genau, in welche Stadt er gereist war. Bisher hatte sich mir keine Möglichkeit geboten, die Hinweise vor Ort durchzugehen, sollte es überhaupt welche geben. Dass wir einen ungeklärten Fall in der Nähe von Saint Louise in Utah hatten, schien Schicksal zu sein. Als wollte eine höhere Macht, dass ich handeln konnte.

Nachdem ich die Dokumente in meiner Schublade versteckt hatte und Luke aus seinem Büro gekommen war, verließen wir die Detektei. Nicht nur sein dunkelblauer, dreiteiliger Anzug, die schokoladenbraunen Haare und das weiße Hemd zeigten, dass er – in meinen Augen – Sinn für Stil hatte, sondern auch sein Mercedes 300er SL in hellblau-metallic.

Zugegeben, den Wagen hatte er von seinem Großvater geerbt, allerdings hatte er ihn selbst restauriert und wieder aufgebaut. Deswegen durfte das Schmuckstück zu Recht sein ganzer Stolz sein.

»Mylady«, bat er mich und hielt mir die Tür des Oldtimers auf.

»Danke«, erwiderte ich und stieg ein. Obwohl wir Kollegen waren und er mein Mentor war, standen wir uns viel näher als bei einem oberflächlichen Arbeitsverhältnis. Wir witzelten viel herum, er war wie ein großer Bruder für mich, der auf mich aufpasste und mich unterstützte, wo er konnte. Und das bedeutete, dass er mir half, ein Special Ghost Agent zu werden – genau wie er. Würde ich Fälle aus der Vergangenheit annehmen können, könnte ich dem Verschwinden meines Dads auf den Grund gehen.

»Hast du einen bestimmten Wunsch?«

»Bitte?«, hakte ich nach. Meine Gedanken hatten mich zu sehr eingenommen.

Luke schmunzelte. Unter seinem dunklen Dreitagebart zeigten sich ein paar Grübchen. »Ob du einen bestimmten Essenswunsch hast.«

»Oh, nein. Das überlasse ich ganz dir, schließlich wirst du dein Geld los.«

»Du bist unverbesserlich. Woher hast du das bloß?« Er schüttelte den Kopf, startete den Motor und fuhr souverän vom Parkplatz der Detektei.

London bei Tag war ohne Zweifel die schönste Stadt für mich – am Abend, sobald die Sonne unterging oder untergegangen war, zeigte sie sich von einer ganz anderen Seite. Heute war ein für Oktober beinahe untypisch warmer Tag gewesen. Die Sonne hatte geschienen, bis die Regenwolken sie am Abend vertrieben hatte. Mittlerweile hörte ich aber keine Tropfen mehr auf das Dach prasseln, so sehr war der Regen abgeflacht.

»Hast du dich bereits über die Jahreszahlen informiert? Was für einen Job willst du annehmen?«

Ich tat, als würde ich überlegen und als hätte ich mir nicht längst einen Fall herausgesucht. »In der Kartei der offenen oder ungelösten Fälle gibt es einige interessante. Ein Geist war dabei, der unterhalb des Elizabeth-Towers gesehen wurde. Oh, und einen, der in einem Teil der Universität sein Unwesen treibt, der soll allerdings aus dem Jahr 1899 stammen und in Amerika gelebt haben.«

»Amerika 1899?« Skeptisch hob Luke eine Augenbraue und sah mich bei einer roten Ampel an. »Da waren die Zeiten des Wilden Westens gerade ein paar Jahre vorbei. Es gab noch sehr viele Banden, Räuber, Überfälle. Frauen haben kein hohes Ansehen genossen … bist du dir sicher, dass du da hinwillst?«

Ich nickte eifrig. »Klingt nach einer sehr spannenden Zeit, ein neues Jahrhundert hat die Leute erwartet. Außerdem bin ich ein großer Western-Fan.« Und der letzte Auftrag meines Vaters beschäftigte sich mit einer Reise in ebendieses Jahr. Also bot sich mir meine erste echte Chance, Hinweise auf ihn zu finden.

»Dass du ein Western-Fan bist, ist die schlechteste Begründung für so einen Auftrag.« Luke schüttelte schmunzelnd den Kopf und brachte uns auf den Parkplatz eines italienischen Restaurants. »Hör zu, in der Zeit zu reisen und einem Menschen, der vor hundert Jahren gelebt hat, zu sagen, dass er sterben wird, ist kein Vergnügen. Das bedeutet viel Arbeit, viel Zwischenmenschliches. Damals waren die Geisterjagenden echte Jäger. Sture, vom Leben abgehärtete Männer, die nichts vom Erlösen wussten und gewiss nichts von Frauen hielten. Das heißt, du reist dort nicht hin, weil du irgendetwas cool findest, du reist dort hin, weil du einem Geist seinen Frieden schenken willst. Und es passt sowieso nicht zu dir, so zu denken, Robyn. Ich kenne dich ganz gut. Was steckt wirklich hinter dem Jahr 1899?«

Sobald Luke den Motor ausgestellt hatte und das Radio ebenfalls verklang, kehrte eine beinahe erdrückende Stille im Inneren des Wagens ein.

»Die Geschichte des Mannes interessiert mich«, antwortete ich schließlich. Obwohl ich nicht laut sprach, dröhnte meine Stimme wie ein Pistolenschuss durch den Wagen. »Er ist der Sohn eines reichen Tabak-Farmers und findet in England seinen Tod. Das ist ziemlich dramatisch und traurig, weil er nicht bei seiner Familie gestorben ist. Ich möchte sie gerne wieder vereinen.«

Obwohl Luke zustimmend brummte, funkelte die Skepsis in seinen Augen argwöhnisch. »Das klingt schon eher nach dir, das kann ich akzeptieren, denke ich. Komm, lass uns Essen gehen.«

Das italienische Restaurant war eine ausgezeichnete Wahl. Zur Feier des Tages bestellte Luke sogar ein Glas Rotwein für mich mit und wir stießen auf meine Zulassung zur Prüfung an.

»Hast du gar keine weiteren Fragen?« Luke legte den Kopf schief.

»Zur Prüfung?«

Er nickte.

»Doch, klar. Mir brennen einige Fragen auf der Zunge, allerdings weiß ich, dass du als mein Mentor nichts sagen darfst. Wir verstehen uns gut, keine Frage, trotzdem bist du im Job mein Vorgesetzter.« Ich zuckte mit einer Schulter. »Außerdem will ich, nur weil wir uns verstehen, keinen Vorteil gegenüber anderen Geisterjagenden haben. Die Prüflinge wissen bloß, dass sie in die Vergangenheit reisen werden und dürfen sich den Fall aussuchen, das ist alles.«

So jedenfalls die Theorie. Ich war mir nicht sicher, ob ich ganz allein oder mit Luke reiste. Dachte ich darüber nach, wäre es vermutlich sinnvoll, wenn ein Special Ghost Agent den Prüfling begleitete. Weil was, wenn mir etwas zustieß oder ich nicht zurückkehren konnte? Falls ich mit dem Menschen nicht zurechtkam, sodass ich ihn erlösen konnte? Es gab einige Probleme und Komplikationen, die bei so einem Job auftreten konnten, auch wenn ich in unserer Zeit genügend Geister erlöst hatte. Jemanden dazu zu bringen, sich mit dem Tod anzufreunden und seinen Frieden damit zu schließen, war nie leicht. Ganz gleich, in welchem Jahrhundert man sich befand. Allerdings gab es das kleine, aber feine Problem, dass ich nicht allein wegen der Prüfung in den Wilden Westen reisen wollte. Luke konnte mich unmöglich begleiten – er würde früher oder später herausfinden, dass ich meinen Vater suchte.

»Du bist dir sicher, dass du das hinbekommst, oder?«

»Ich habe halt nicht umsonst zwei Jahre dafür gearbeitet.« Direkt nach meinem High-School-Abschluss war ich zur Detektei gegangen und hatte mit der einfachen, einjährigen Ausbildung gestartet. Da ich durch Dad bereits viel über die Geisterjagd wusste, konnte ich die Ausbildung mit Bestnoten abschließen. Dad war damals so stolz auf mich gewesen, bis seine Krankheit ihn allmählich verschlungen hatte. Nichts hatte ihn davon abgehalten, weitere Aufträge in der Vergangenheit anzunehmen, vom letzten war er nicht mehr zurückgekehrt. Und ich hatte es mir zum Ziel gesetzt, so hart zu arbeiten, dass ich schnellstmöglich zum Special Ghost Agent aufsteigen konnte. Meine gelösten Fälle in dem Jahr, das ich bei Robinson & White angestellt war, sprachen definitiv für sich und somit blieb ihnen gar keine andere Wahl, als mich und die Fortbildung zu fördern.

»Touché. Und du bist nicht umsonst zu unserer jüngsten und besten Geisterjägerin aufgestiegen. Ich glaube an dich, Robyn. Von Anfang an.« Er lächelte mich warm an.

»Ich weiß. Und dafür schätze ich dich sehr, Luke.« Wir stießen wiederholt unsere Gläser zusammen und ich nahm einen Schluck Wein. Bald kam meine Pizza und Lukes Pasta und wir bedankten uns bei dem Personal.

»Wie war deine Prüfung damals?«

»Damals«, echote Luke zwischen zwei Bissen und schnaubte belustigt. »Was denkst du, wie alt ich bin?« Er richtete das Revers seines Jacketts.

»Na, so wie du deinen Anzug zurechtrückst, schätze ich dich auf Mitte Fünfzig.« Wir lachten beide. »Du bist sechsundzwanzig, das weiß ich. Und du hattest deine Prüfung wann? Mit dreiundzwanzig?«

»Vierundzwanzig.« Er seufzte. »Es ist zwei Jahre her. Absolut kein Damals.«

Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und schwenkte den letzten Rest des Weins im Glas. »Vor zwei Jahren warst du vier Jahre älter, als ich jetzt bin. Das ist ganz schön alt, mein Lieber«, zog ich ihn weiter auf.

»Charmant wie eh und je. Iss auf oder ich erzähle dir gar nichts über meine Prüfung.«

»Aye, aye, Käpt’n.« Ich grinste ihn breit an, kippte den Schluck Wein in einem Zug hinunter und tat wie geheißen.

»Mein Auftrag für die Prüfung brachte mich in das Jahr 1888«, erzählte Luke, nachdem er die Pasta aufgegessen hatte. »Es handelte sich um eine Frau, die von Jack the Ripper umgebracht worden war und verständlicherweise nicht mit ihrem Tod hatte abschließen können. Jene Tage waren von Dunkelheit bestimmt und das Volk hatte Angst vor dem berüchtigten Mörder. Es war erdrückend und Furcht einflößend, dennoch war ich der Meinung, die Frau hatte es verdient, erlöst zu werden. Ich hatte Mitleid mit ihr, weil sie Jahrzehnt um Jahrzehnt in London festhing, ohne mit dem kaltblütigen Mord an sich selbst abschließen zu können.«

Das Grinsen verging mir recht schnell. Mir war nicht klar gewesen, dass ein Opfer des Serienmörders weiterhin in unserer Welt wandelte.

»Wie nobel von dir, so einen Fall anzunehmen«, erwiderte ich leiser, bei Weitem nicht so triezend und feixend wie vorher.

Luke fuhr sich bloß mit einer Hand über den Bart. »Ich muss es nicht unbedingt an die große Glocke hängen. Jeder macht irgendeinen Auftrag, das ist unser Job, nicht wahr?« Er bedeutete dem Kellner, der uns das Essen gebracht hatte, dass wir zahlen wollten.

»Stimmt. Trotzdem kann es hart sein, in die Geschichten Unschuldiger einzutauchen.«

»Niemand hat je gesagt, dass das, was wir tun, leicht ist. Dennoch ist es das Richtige und deswegen tun wir es.« Er warf mir ein Lächeln zu und schenkte dem Kellner seine Aufmerksamkeit, als dieser mit der Rechnung kam. Luke zahlte mit Karte, reichte ihm etwas Trinkgeld und begleitete mich schließlich nach draußen. Es herrschte Schweigen zwischen uns, als er mir die Tür seines Wagens öffnete und auch noch, als wir losfuhren.

Bei einer Ampel hielt Luke den Blick stur geradeaus und ich versuchte nicht, das Gespräch wieder aufleben zu lassen. Dass er die Finger kräftiger um das Lenkrad schlang und seine Kiefer mahlten, zeigte mir, dass er nicht gern über dieses Thema sprach. Einige Herzschläge lang öffnete ich das Fenster, Big Ben schlug neun und irgendwo erklang das schimpfende Hupen an entfernten Kreuzungen. Die Ampel sprang auf Grün, Motoren heulten auf oder wurden gestartet und der Verkehrslärm schwoll zu einem unangenehmen Geräuschpegel an, weshalb ich das Fenster wieder schloss.

Luke und ich schwiegen den Rest der Fahrt, während ich das vorbeiziehende London betrachtete. Schnuckelige kleine Cafés reihten sich an Buchläden, Fassaden aus viktorianischem Backstein zogen an uns vorbei wie eine verblassende Erinnerung. Die Lichter der Stadt spiegelten sich in den Scheiben am Rand parkender Autos, die voller Regentropfen hingen. Den ganzen Tag über hatte die Sonne es nicht geschafft, diese zu trocknen, und jetzt war es zu spät, die Nacht war hereingebrochen.

Als wir an meiner kleinen Wohnung ankamen, blieb es weiterhin ruhig zwischen uns.

»Danke dir für das Essen und die Heimfahrt.«

»Gern. Morgen schauen wir uns die Aufträge gemeinsam in der Detektei an, okay? Ich will, dass du weise wählst und dich gut auf die Reise vorbereitest. Wir haben wenig Zeit.«

»Hat dir der Prüfungsausschuss bereits ein Datum genannt?«

»Nein. Bist du zur Prüfung zugelassen, hast du eine Woche, die du dich auf den Auftrag vorbereiten kannst. Deswegen ist es wichtig, sich zügig auf einen Auftrag festzulegen. Je schneller du weißt, welchen Geist du erlösen willst, desto schneller kannst du mit ihm sprechen und hast mehr Zeit.«

Ich nickte. Und schluckte zeitgleich den aufkommenden Kloß in meinem Hals herunter. »Kein Problem.«

Das bedeutete, dass ich innerhalb einer Woche den Geist finden, mich mit ihm gutstellen und ihm beibringen musste, dass ich ihn erlösen wollte. Dabei durfte ich nicht vergessen, mich mit dem Jahr 1899 auseinanderzusetzen, mir zu merken, welche Worte ich dort partout nicht benutzen durfte. Außerdem war da die Chance auf meinen Undercover-Job, um meinen Vater zu finden. Diese würde ich mir garantiert nicht entgehen lassen.

Klang nach einem absoluten Kinderspiel, oder nicht?

Das 2. Kapitel

Oder:

Wie ich dachte,

dass mein Plan funktionierte

Spoiler-Alarm: Es war kein Kinderspiel.

Ich war morgens um acht Uhr direkt in der Detektei und setzte mich an die Stapel der bisher ungelösten Fälle. Manche landeten darauf, sobald der Geist sich nicht erlösen lassen wollte oder man ihn in der Vergangenheit nicht ausfindig machen konnte. Manchmal gab es Aufträge, die wichtiger waren – wurde ein Geist zum Beispiel rachsüchtig und wir mussten schnell handeln, oder er begann, Menschen um Hilfe zu bitten. Dadurch rückten andere Fälle in den Hintergrund. Und genau so ein Fall war der, den ich ins Auge gefasst hatte. Mein Geist an sich war harmlos und tat niemanden etwas, deswegen war sein Fall bislang nicht gelöst worden. Wir hatten zu viele Aufträge für zu wenig Geisterjagende – plus die akuten Anrufe oder angeblichen Geistersichtungen von Leuten, die uns bloß einen Streich spielen wollten.

Dabei zog ich mir ganz gezielt die Akte von John Cartwright heraus – der Geist aus dem Jahre 1899. Für mich war es besiegelt, für Luke wollte ich allerdings wenigstens so tun, als hätte ich mich mit anderen Aufträgen auseinandergesetzt.

Als ich durch die Seiten blätterte, fiel mir auf, dass es sich um den Spätsommer handelte. So wie ich mich erinnerte, war mein Vater Anfang des Jahres öfter dort gewesen und schließlich nicht zurückgekehrt. Es war zwar nicht optimal, über ein halbes Jahr später in diese Zeit zu reisen, allerdings definitiv besser als nichts. Ich würde hoffentlich trotzdem einen Hinweis auf ihn erhalten. Irgendwer hatte ihn dort möglicherweise gekannt und konnte mir helfen, ihn ausfindig zu machen. Das war alles, was zählte.

»Du bist schon da«, begrüßte Luke mich gegen zehn, als er ins Büro kam.

»Ich habe bereits angefangen, mich über John Cartwright zu informieren«, erwiderte ich und wedelte mit der Akte in der Luft.

»Na schön, 1899, hm?« Er seufzte und stellte seine Tasche an den Schreibtisch, ehe er sich gegen diesen lehnte und mir die Akte aus der Hand nahm, um sie selbst durchzublättern. Ich beobachtete dabei seine Gesichtszüge und versuchte, seine Reaktion abzuschätzen. Allerdings hatte Luke lediglich die Augenbrauen zusammengezogen und ließ sich nichts ablesen.

»Was kannst du mir über ihn sagen?«

Ich fühlte mich wie in der Schule bei einem Referat und wusste instinktiv, dass ich ihn davon überzeugen musste, dass das der richtige Job für mich war. Daher setzte ich mich gerade hin, schob eine blonde Strähne hinter mein Ohr und berichtete, was ich in den letzten zwei Stunden gelesen hatte.

»John Cartwright wird 1878 geboren und ist der Sohn eines reichen Tabak-Farmers. Das Anwesen der Cartwrights liegt in der Nähe der Stadt Saint Louise. Nach seinem zweiundzwanzigsten Geburtstag reist er nach England, um das Geschäft seines Vaters zu expandieren. Auf der Überfahrt erkrankt er an Tuberkulose und erliegt ihr wenige Wochen später. Seitdem ist er gefangen, in einem Teil des Imperial Colleges London, auf dessen Grund zur damaligen Zeit eine Arztpraxis gestanden hatte. Er verstirbt in der Praxis und kann seitdem nicht fort. Selbst als die Uni gebaut wurde, hing er automatisch dort fest.«

Luke nahm den Blick nicht von der Akte, vermutlich las er in den Dokumenten genau das, was ich ihm gerade erzählt hatte.

»Was heißt das für dich?«

Die Frage brachte mich ins Straucheln, gleich darauf konnte ich mir denken, was er wissen wollte. »Das bedeutet für mich, dass ich den Geist aufsuche, ihn von meinem Vorhaben berichte, mit seiner Hilfe in das Jahr 1899 reise und mich mit ihm zu seinen Lebzeiten anfreunde. Ich muss vor seiner Abfahrt nach Großbritannien mit ihm über sein Schicksal reden und er muss Frieden mit seinem Tod schließen.«

Luke klappte die Akte zu und verschränkte die Arme vor der Brust. Heute trug er einen hellgraukarierten Anzug, der seine dunklen Haare und blauen Augen hervorhob.

»Du scheinst dich gut damit auseinandergesetzt zu haben. Was ist mit den anderen Fällen?«

»Die anderen Fälle interessieren mich nicht so sehr wie dieser. Ich will nach Saint Louise.« Bei meinen Worten runzelte er die Stirn und ich beeilte mich, dem etwas hinzuzufügen. »John zu helfen, würde mir viel bedeuten. Er ist seit unzähligen Jahren allein und versteckt sich in einem Gebäude, das es zu seinen Lebzeiten nicht gegeben hat. Das muss schrecklich sein. Außerdem scheint mir der Fall zu unwichtig für das Tagesgeschäft zu sein, als dass wir ihn bald aufnehmen würden. Deswegen habe ich ihn für die Prüfung gewählt, damit er abgeschlossen wird.«

»Okay. Wenn du meinst, dass das der richtige Fall für dich ist, werde ich dich darin unterstützen. Mr White und ich treffen uns zum Lunch, daher werde ich ihm dort von deiner Wahl erzählen.«

Mein Grinsen war vermutlich eine Spur zu breit, aber ich war froh, dass Luke seinen Frieden mit meiner Wahl schloss.

»Danke. Ernsthaft.«

»Klar.« Ein Seufzen, als wäre es keineswegs klar. »Maggy muss mit ihrer Katze zum Tierarzt, kannst du heute bitte den Empfang übernehmen?« Er reichte mir die Akte zurück.

»Na klar, ich kümmere mich drum.«

»Sag Bescheid, falls Kundschaft kommt, ich muss einige Dinge erledigen.«

Ich nickte, nahm meine Sachen und wechselte vom Büro nach vorn in den Empfangsbereich. Solange es ruhig war, hörte ich nicht auf, über das Jahr 1899 und die Zeit des Wilden Westens zu lesen. Es interessierte mich brennend – da ich das Okay von Luke hatte, umso mehr. Außerdem versuchte ich, irgendwie zwischen den Zeilen zu erfahren, was mein Vater in dieses Jahr gelockt hatte. Als Luke zum Lunch aufbrach, scrollte ich mich erneut durch seinen letzten Fall.

Es war nichts Außergewöhnliches gewesen, bloß ein einfacher Mann, der sich halbtot auf ein Schiff schleppte und dort umgekommen war. Nichts, was auf den ersten Blick sehr verzwickt oder kompliziert wirkte. Ich verstand nicht, wieso er nicht zurückgekehrt war. War er verletzt worden? Daran wollte ich nicht denken.

Gerade als ich mich tiefer in das Archiv graben wollte, riss mich das Telefon aus meiner Recherche.

»Herzlich willkommen bei Robinson & White, Ihrer Detektei für Geister. Sie sprechen mit Robyn Moore, was kann ich für Sie tun?«, sagte ich den Spruch der Detektei auf.

»Guten Tag, mein Name ist Mrs Smith. Ich, ähm. Ich glaube, ich habe einen Geist auf dem Dachboden.«

»Haben Sie den Geist gesehen?«

»Ich nicht, meine Tochter. Kommt jemand vorbei?«

»Ist Ihre Tochter zu Hause? Ich kann Ihnen eine Fachkraft schicken, der mit der Zeugin sprechen müsste, um sich ein Bild über den Fall zu machen.«

»Sie ist gerade in der Schule und kommt am Nachmittag wieder. Wäre es nicht so oder so möglich, dass sich jemand das Haus ansieht?«

Ich schaute in unseren digitalen Kalender, um die aktuellen Fälle der Kollegen und Kolleginnen zu checken. Mir wurde ein in Hellgrün hinterlegter Slot bei Noah angezeigt. »Mrs Smith unser Agent Mackenzie hätte in einer halben Stunde Zeit für Sie. Bleiben Sie bitte dran, während ich mit ihm rede.« Per Knopfdruck stellte ich sie in die Warteschleife und wählte Noahs Nummer.

»Hey, Blondie.«

Mein Augenrollen über seine Begrüßung war mir mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen. Noah hielt sich nämlich für superwitzig und konnte es nicht lassen, mir lächerliche Spitznamen zu geben. »In der Leitung ist eine Dame, die einen Geist auf dem Dachboden vermutet. Kannst du hinfahren und dir das genauer ansehen?«

»Was kriege ich dafür?«

»Dass du deinen Job machst? Lass mich überlegen …« Ich machte eine Kunstpause. »Nichts. Oh, oder deinen Lohnscheck am Ende des Monats. Ich schreibe die Adresse auf und sage, du bist in einer halben Stunde da, danke.« Ehe er zu einer Antwort ansetzen konnte, legte ich auf und holte mir die Klientin zurück ans Telefon.

»Hören Sie? Mr Mackenzie macht sich gleich auf den Weg, würden Sie mir Ihre Adresse verraten?«

Nachdem ich alles notiert hatte, wünschte ich ihr einen schönen Tag und legte schließlich auf. Danach klickte ich doppelt auf den freien Slot im Kalender und trug die Adresse für Noah ein.

»Danke, Blondie«, raunte er plötzlich hinter mir und ich erschrak. Dass er aus seinem Büro gekommen war, hatte ich gar nicht gehört.

»Nenn mich nicht so, Arielle.«

Er verdrehte die Augen bei der Anspielung auf seine roten Haare, verkniff sich tatsächlich jegliche weiteren Kommentare und verließ die Detektei.

Die Stunden und Minuten, in denen Luke bei seinem Lunch war, fühlten sich zäh an. Es war ein ruhiger Tag, weshalb ich mich der Recherche widmen konnte. Ich nahm mir vor, John morgen im College aufzusuchen und mit ihm zu reden. Hoffentlich wollte er erlöst werden – manche Geister waren nämlich nicht bereit, mit dem Tod abzuschließen und sich von dieser Welt zu trennen. Nicht selten kam es dazu, dass sie zu wütenden Geistern wurden. Hatten sie diesen Status erreicht, war es schwieriger, sie zu erlösen. Im Notfall mussten die Geisterjagenden dann zu veralteten Praktiken greifen – und den Geist töten. Wie genau das ablief, wusste ich nicht, da ich zum Glück bislang nicht in solch eine Situation geraten war. Und ich konnte auch ganz bestimmt gut darauf verzichten.

Es war Nachmittag, als Luke zurückkam, und mein Feierabend stand kurz bevor. »Der Lunch hat sehr lange gedauert.«

»Wir hatten einiges zu besprechen und waren zusätzlich bei einem anderen Termin zusammen.« Er zog seine Jacke aus und hing sie an die Garderobe. Sobald er die Hände frei hatte, klatschte er einmal. »Was soll ich sagen, Mr White ist einverstanden mit deiner Wahl. Wir haben für morgen früh ein Meeting angesetzt, in dem wir die Vorgehensweise besprechen. Ich werde als dein Mentor mit dir den Fall betreuen, wir reisen also gemeinsam in die Vergangenheit.«

»Ich mache das nicht allein?«

Luke hob eine Augenbraue. Das tat er, sobald er mir gegenüber skeptisch war. Und in letzter Zeit tat er es öfter. »Willst du mich etwa nicht dabeihaben? Tut mir leid, das ist Vorschrift. Niemand, der kein Special Ghost Agent ist, reist allein in der Zeit. Und selbst dann nur im äußersten Notfall. Oh, oder man ist Freelancer«, fügte er verächtlich hinzu. Sein Tonfall war wie ein Stich in meinem Herzen, weil er das Wort ausspie, als hätte er Gift im Mund.

Ich presste die Lippen aufeinander. Wie stellte ich es an, Luke im Dunklen zu lassen, während ich nach meinem Vater suchte? Einerseits war ich froh, ihn dabei zu haben – als Frau allein im Wilden Westen konnte ich mir nicht vorstellen. Andererseits würde es schwer sein, Luke an der Nase herumzuführen. Und wenn er wusste, dass ich nicht ausschließlich die Prüfung im Kopf hatte, würde er den Job nicht tolerieren. Mein wasserdichter Plan schien gerade ein paar Risse zu bekommen. Dabei musste es funktionieren. Es gab in England derzeit keine anderen Fälle, die mich nach Saint Louise führten.

»Ich bin froh, dass du dabei bist. Somit kann praktisch nichts schiefgehen.« Das Lächeln, das ich aufsetzte, hätte falscher nicht sein können, dennoch hoffte ich, dass Luke es übersah.

Er nickte langsam. »Mach Feierabend. Ab morgen früh wird es ernst.« Mit diesen Worten ließ er mich allein am Empfang und ging nach hinten ins Büro.

Am liebsten hätte ich geschrien. Stattdessen raufte ich mir die Haare und sah mit Sicherheit aus, als hätte sich ein Vogel auf meinem Kopf einnisten wollen. »Das ist alles gar kein Problem, Robyn. So leicht gibst du nicht auf«, sagte ich zu mir selbst und hoffte, dass wenigstens ein kleiner Teil mir Glauben schenken könnte.

* * *

»Ich habe absolut keine Ahnung, wie ich das schaffen soll«, sagte ich und seufzte ein paar Stunden später. Obwohl ich meiner besten Freundin das Herz ausgeschüttet hatte und es mir dadurch besser gehen sollte, schmeckte der alkoholfreie Cocktail heute bitter.

Maria spießte zwei Pommes auf ihre Gabel. »Wieso siehst du ein Problem darin, dass Luke dich begleitet? Oder wieso denkst du, dass er dich nicht bei der Suche nach deinem Vater unterstützen würde?«

»Niemand aus der Detektei hat nach ihm gesucht, Maria. Die haben gesagt, er wäre bei einem Auftrag ums Leben gekommen und waren fertig mit ihm, weil er ein Freelancer war. Nichtsdestotrotz weiß ich, dass da etwas anderes dahintersteckt. Er war ein guter Agent.«

»Robyn, ich will nicht arschig klingen, oder so, weil du mit am besten weißt, dass er krank war. Was, wenn er in der Vergangenheit plötzlich nicht länger wusste, wo oder wer er war und absolut verwirrt umhergestreift ist? Dass er sich allein um Aufträge gekümmert hat, ist sowieso verantwortungslos gewesen.«

Plötzlich schmeckten die Pommes fad. Sie musste mich nicht daran erinnern, dass mein Vater psychisch krank war. Er hatte mich nach dem Tod meiner Mutter aufgezogen, und ich hatte seine Krankheit in jeder einzelnen Facette miterlebt. Viele hatten verächtlich gesagt, dass er wahnsinnig geworden war, dass ihm der Job als Geisterjäger nicht guttat. Meine Behauptung hingegen war stets gewesen, dass er lediglich zerstreut wäre und es sich wieder geben würde. Irgendwann hatte ich eingesehen, dass er Hilfe benötigte, doch die hatte er partout nicht gewollt. Wir hatten uns in einem Teufelskreis befunden, bis er mich irgendwann öfter und länger für eine Geisterjagd verlassen hatte. Dadurch hatte ich früh gelernt, auf mich allein aufzupassen.

»Ist mir klar«, lenkte ich ein. Was brachte es, gegen die Wahrheit anzukämpfen? »Ich möchte Gewissheit, verstehst du? Oder wenigstens den Versuch, ihn zu finden.«

»Du könntest die Prüfung deswegen nicht bestehen.«

»Er ist mein Vater. Was auch immer danach aus mir und meiner Karriere wird – es ist ein Preis, den ich bereit bin zu zahlen.« Ursprünglich hatte ich sowieso keine Geisterjägerin werden wollen. Dad hatte mir viel darüber beigebracht, aber in seine Fußstapfen hatte ich nicht treten wollen.

Maria nickte und ihre schulterlangen, dunkelbraunen Locken hüpften dabei auf und ab. »Dann unterstütze ich dich, so gut ich kann. Ich bin absolut kein Fan davon, dass es ausgerechnet diese Zeit sein muss. Weißt du, wie gefährlich es dort war? Und was machst du, wenn du deine Periode bekommst? Reagieren Tiere nicht auf dein Blut?«

»Ich habe genug über das Jahr recherchiert, ich weiß, was auf mich zukommt. Außerdem habe ich Luke dabei, mir wird sicher nichts passieren«, erwiderte ich und meinte es ernst. In dieser Situation konnte Maria mir nicht helfen, allerdings bedeutete mir allein das Angebot eine Menge. »Und für die Reise werde ich die Anti-Baby-Pille durchnehmen, damit es gar nicht so weit kommt, dass ich meine Periode bekomme. Genug von mir und dem Fall. Was gibt es bei dir Neues?«

Dadurch, dass ich in letzter Zeit zu viel gearbeitet hatte, um zur Prüfung zugelassen zu werden, hatten wir uns seltener gesehen. Ich wusste, dass mein Pensum nicht gesund war, aber ich wollte das von ganzem Herzen.

»Jordan hat mich letzten Freitag angesprochen.« Sie grinste bis über beide Ohren und trotz ihres sonnengebräunten Hauttons konnte ich erahnen, dass sie rot wurde. »Wir sind uns in letzter Zeit jeden Tag in der Bibliothek über den Weg gelaufen und er hat nach einem Date gefragt. Am Samstag sehen wir uns ein Fußballspiel zusammen an, sein Cousin ist in einem Team.«

»Na endlich schleicht ihr nicht länger umeinander herum! Ich freue mich sehr für dich.« Seit Maria ihn vor einigen Wochen in der Universitätsbibliothek gesehen hatte, redete sie quasi ununterbrochen von Jordan. Allerdings war sie zu schüchtern, um auf ihn zuzugehen, weshalb ich drauf und dran gewesen war, ein Date für die beiden auszumachen – davon hatte sie mich im letzten Moment abgehalten.

»Hoffentlich vertreibe ich ihn beim Spiel nicht, weil ich Ahnung von Fußball habe.« Sie seufzte.

»Nein, sollte er ernsthaft Interesse an dir haben, findet er es heiß, dass du selbst gespielt hast, glaub mir.«

»Meinst du?«

»Selbstverständlich. Ihr teilt eine Leidenschaft und die verbindet. Mach dir nicht zu viele Sorgen und sei ganz du selbst.«

Wir aßen unsere Burger auf und ich trank meinen Cocktail. Dabei ließ ich den Blick schweifen. Es war ein hübsches Lokal mit rustikaler Einrichtung, schummrigem Licht und vielen Pflanzen. Das Ambiente gefiel mir, es hatte eine heimelige, warme Atmosphäre.

»Weißt du, was witzig ist?«, fragte Maria.

»Hm?«

»Du bist absolut aufmerksam, sobald es um mich und Jordan geht und versuchst, mir zu helfen. Dass da allerdings ein Typ an der Bar sitzt und dich den ganzen Abend über ansieht, bemerkst du nicht.« Sie deutete unauffällig auf einen der Kerle im Holzfällerhemd.

Seufzend verzog ich das Gesicht. »Aktuell habe ich keine Zeit für Dating oder Beziehungen. Mir sind andere Dinge deutlich wichtiger, als mich auf irgendwelche Typen einzulassen.« Ich winkte ab. »Gehen wir?«

»Willst du schon los?«

»Ich muss morgen früh raus, weil wir ein Meeting für meine Prüfung haben.«

Maria exte ihre Cola und nickte. »Na gut, da sag ich nicht nein.«

Nachdem wir bezahlt hatten, liefen wir zu meinem Wagen.

»Sag mir die Wahrheit, Robyn. Wieso hast du für dich keine Zeit?«

»Oh, Maria«, quengelte ich und seufzte tief. »Du weißt, wie viel ich gerade zu tun habe, und ich will mich nicht ablenken lassen. Es gibt Wichtigeres als Dates.«

»Okay, okay, ich bin ruhig. Ich würde mir nur wünschen, dass du was für dich tust.«

»Die Prüfung ist für mich.«

»Die Prüfung ist für deinen Vater.«

»Akzeptier bitte, dass mir der Job und meinen Vater zu finden gerade wichtig ist. Habe ich erreicht, was ich will, kann ich mich um mein Liebesleben kümmern. Es steht ganz unten auf meiner Prioritätenliste.«

Ich drehte demonstrativ das Radio lauter, um jegliche weitere Versuche von Maria, über mein Liebesleben zu reden, zu unterbinden. Zum Glück lag ihr Appartement nicht allzu weit entfernt und ich hatte sie schnell abgesetzt. Wir beide wohnten in Tooting, weshalb ich mir erlaubte, mit dem Auto zu fahren. Nicht selten wichen wir beide allerdings auf die Bahn aus, da der Verkehr in London kein Zuckerschlecken war.

»Sehen wir uns noch mal vor deiner Prüfung?«

»Ich kann nicht sagen, wie aufwendig die ganze Vorbereitung tatsächlich werden wird, daher verspreche ich dir lieber nichts.«

Maria pustete sich eine Locke aus dem Gesicht und ließ den Sicherheitsgurt hochrollen. »Melde dich, sobald es dir wieder passt.«

»Das mache ich. Wir sehen uns, versprochen.« Ich umarmte sie über die Mittelkonsole hinweg, weil ich nicht wie ein kompletter Arsch wirken wollte. Sie sorgte sich und wollte das Beste für mich, was ich ihr hoch anrechnete. Meine Freizeit war gerade schlicht und ergreifend zweitrangig für mich. Ich hatte einen Plan und mir diesen in den Kopf gesetzt – und mittlerweile war ich kurz davor, mein Ziel zu erreichen. Wie gedankenlos es wäre, sich auf den letzten Metern auf andere Dinge zu konzentrieren.

Nachdem sie ausgestiegen war, lenkte ich den Wagen zurück auf die Hauptstraße und fuhr zu meiner Wohnung. Dort angekommen sprang ich unter die Dusche, schlüpfte in eine Jogginghose und einen Oversize-Pullover und blätterte erneut durch die Akte meines Falls. Bilder des Cartwright-Anwesens waren angeheftet – ein großes Haus mit einer traumhaften Veranda und weißen Säulen, die ebenfalls weiße Balkone im ersten Stock trugen. Davor lagen endlos weite Felder, auf denen der Tabak angebaut worden war. Ein weiteres Bild zeigte die Stallungen weiter hinten und mehrere kleinere Häuser, die für die Angestellten dienten.

Das Anwesen war weitläufig und wirkte friedlich. Ein Teil von mir freute sich darauf, bald selbst dort sein zu können und die versteckten Winkel zu entdecken. Das erste Mal, seit ich wusste, dass ich die Prüfung ablegen würde, spürte ich das nervöse Kribbeln in meinem Bauch, weil ich nach Saint Louise reisen durfte. Ganz gleich wie atemberaubend die Architektur der jetzigen Zeit war, die Vergangenheit mit eigenen Augen sehen zu können, erfüllte mein Herz ein klein wenig. Es würde ein Haufen Arbeit werden, mich mit John anzufreunden und ihm schließlich die Botschaft über seinen baldigen Tod zu übermitteln – allerdings würde es eine Aufgabe werden, der ich gerne nachging, da ich wusste, welchem Zweck der ganze Aufwand diente.

John sollte durch mich erlöst werden, seine Familie wiedersehen und Frieden finden.

Und ich meinen Dad.

Das 3. Kapitel

Oder:

Wie sich mir ein Pferd in den Weg stellte

Manchmal lief so ziemlich alles schief, was schieflaufen konnte. Nicht nur, dass ich mit der Akte ineiner absolut ungesunden Position auf der Couch einschlief und meine Haare dementsprechend aussahen, als hätte eine Bombe eingeschlagen, nein, die District Line verspätete sich mal wieder und obwohl ich mir einen guten Puffer eingerechnet hatte, kam ich zu spät zu der wichtigsten Besprechung in meiner bisherigen Laufbahn. Das warf bestimmt ein ambitioniertes Licht auf mich.

»Es tut mir so unendlich leid, die Bahn war das reinste Chaos«, entschuldigte ich mich aufrichtig, als ich das große Besprechungszimmer erreichte. Wie ich es dabei schaffte, nicht absolut abgehetzt zu erscheinen, war ein Wunder. Weder mein Dutt, den ich mir notdürftig gebunden hatte, glich einem Vogelnest, noch hatte meine Bluse eine Falte. Das zeigte mir ein Seitenblick in die Spiegelung der Glasfront zu meiner Rechten.

Luke sowie Mr White saßen am Tisch, hatten jeweils eine Tasse vor sich stehen und warteten auf mich. Lange war mir nichts so unangenehm gewesen.

»Sollten Sie bereits in London Schwierigkeiten haben, stellt sich mir die Frage, wie Sie den Anforderungen in Saint Louise gewachsen sein wollen?« Mr White hob die Augenbrauen und der Tonfall seiner Stimme klang verächtlich. Die Art, wie er mich begutachtete, war herablassend. Er schlug die Augen auf meine Akte nieder, die vor ihm lag, und checkte mit Sicherheit, ob ich tatsächlich so jung war, wie ich wirkte.

»Nett, dass Sie sich Sorgen machen, Mr White. Ich bin mir recht sicher, dass der Verkehr – der damals in Saint Louise bloß aus Kutschen und höchstens ein paar Straßenbahnen bestand – nicht halb so stockend und üppig ist wie in einer Großstadt des 21. Jahrhunderts.«

Sein Luftholen war deutlich hörbar, ehe er die Finger verschränkte, während er sich in seinem Stuhl zurücklehnte. Ups. Hatte er nicht damit gerechnet, dass ich mich nicht kleinlaut zurückzog und um Gnade bettelte?

Luke versuchte, mich mit einem gekünstelten Mix aus Lachen und Räuspern zu retten. »Offenbar sind wir alle etwas angespannt heute.« Er wandte mir das Gesicht zu und verzog den Mund, als würde er mich für meine schnippischen Worte tadeln wollen.

»Sie sind schlagfertig«, bemerkte Mr White, ohne Luke zu beachten. So ein Fuchs. »Fein, das wird Ihnen im Wilden Westen helfen. Miss Moore, kommen wir zum Punkt. Wir sind hier, weil Sie die Prüfung zum Special Ghost Agent ablegen wollen.« Er zog sich die Dokumente des Falls heran. »John Cartwright, Sohn eines reichen Tabakhökers. Verstarb im Alter von zweiundzwanzig an der Folge einer schweren Tuberkulose-Erkrankung, die er sich bei der Überfahrt nach England von erkrankten Matrosen eingefangen hat. So weit richtig?«

Ich nickte. »Richtig.«

»Besprechen wir die Vorgehensweise«, warf Luke ein. »Miss Moore ist eine begnadete Geisterjägerin, sie hat im letzten Jahr mehr als vierzig Prozent unserer gesamten Erlösungen durchgeführt.«

»Das bedeutet, Sie sind sehr tüchtig. Warum?«

Verwirrt blinzelte ich Luke mehrfach fragend an. Mein Mentor runzelte selbst die Stirn, als wüsste er nicht, was meine Beweggründe für eine Rolle spielten. Und ich wusste es ebenfalls nicht.

»Sir?«, hakte ich nach.

»Miss Moore, Sie sind zwanzig Jahre jung. Was animiert Sie dazu, so viele Geister zu erlösen?«

»Tja, ich denke, dass ich damit Gutes bewirken kann. Geister, die nicht mit ihrem Tod abschließen können, müssen sich schrecklich fühlen. Ihnen Frieden zu schenken und dabei zu helfen, dass sie ihren Tod hinter sich lassen können, empfinde ich als einen sehr ehrenhaften Job.«

Der Inhaber der Detektei hob die Augenbrauen an und nickte, bevor er den Blick wieder auf die Unterlagen senkte. Die Skepsis brachte mich aus dem Konzept. Sollte es ihm gleich sein, wieso ich mich nach der Schule für eine Ausbildung anstelle eines Studiums am College entschieden hatte.

»Mr White, verstehen Sie mich bitte nicht falsch, was hat das mit der Vorbereitung auf die Prüfung zu tun?«, fragte ich.

»Nichts«, erwiderte er. Die Wangen waren so eingefallen, dass sie bei seinem Kopfschütteln schlackerten wie die herunterhängenden Lefzen einer Bulldogge. Je länger ich ihn ansah, desto ähnlicher wurde er dieser Hunderasse mit seiner Knubbelnase, den großen Poren und Narben im Gesicht. Vielleicht hatte er in seiner Jugend mit Akne zu kämpfen gehabt, weshalb mir die hässlichen Gedanken ihm gegenüber direkt leidtaten. »Es interessiert mich.«

Was für ein komischer Kerl.

»Kommen wir zum Eigentlichen.« Luke deutete auf die Akte. »Ich habe mir Gedanken gemacht, was am sinnvollsten ist. Da Frauen zu dieser Zeit keine Gleichberechtigung oder gar ein hohes Ansehen genießen konnten, werde ich einen reichen Engländer mimen, der in das Tabakgeschäft einsteigen möchte.«

Ich runzelte die Stirn. »Und in welcher Beziehung sollen wir zueinanderstehen?«

Luke öffnete den Mund, als würde er etwas sagen wollen, allerdings kam ihm offensichtlich keine zündende Idee.

Beinahe hätte ich die Augen verdreht. »Wie wäre es, ein Geschwisterpaar aus England zu spielen, das in Amerika von den Jägern lernen will? Somit ist es völlig legitim, dass du deine kleine Schwester mitnimmst und wir müssten nicht so tun, als wären wir ein Paar oder so.« Allein bei dem Gedanken schauderte es mir.

»Wie wollen Sie Kontakt zu den Cartwrights aufnehmen?«

»Ich habe gelesen, dass Mr Cartwright zu dieser Zeit ein Lokal in der Innenstadt betrieb und dort des Öfteren zugegen war. Dementsprechend werden wir den richtigen Zeitpunkt abwarten und ihn in ein Gespräch verwickeln.«

»Und Sie wollen so an den Sohn herankommen?« Mr White runzelte die Stirn.

»Das werden wir vor Ort sehen. Zudem muss ich dringend mit dem Geist von John sprechen. Ich möchte wissen, wie er war und was er für Interessen hatte.«

Mr White nickte. Fast ein bisschen anerkennend, weil er die Mundwinkel dabei leicht nach unten zog. »Sie sind klug, Miss Moore. Den Geist als Informationsquelle einzubeziehen, ist sinnvoll, viele, die die Prüfung ablegen wollen, sehen nämlich nicht das, was direkt vor ihnen liegt. Im Grunde genommen ist er alles, was Sie brauchen.«

Aufregung kribbelte bei seinen Worten in meinem Bauch. Anfangs mochte ich nicht viel von ihm gehalten haben – Liebe auf den ersten Blick war das mit Sicherheit nicht – allerdings konnte ich nicht umhin, dass mir seine Meinung etwas bedeutete. Schließlich sprach ich mit dem Mr White. Demjenigen, dem die Detektei zur Hälfte gehörte und der mit seinem Partner Mr Robinson unzählige Geister erlöst hatte. Ein Vorbild für viele von uns. Sprach er ein Kompliment aus, durfte ich mir das ruhig zugutehalten.

»Kommen wir zu der Art des Zeitreisens.« Er beugte sich zur Seite und kramte in seiner Tasche nach einem Gegenstand. Nachdem er fand, was er suchte, stellte er eine Schatulle auf den Tisch. Als er sie öffnete, kam eine goldene Taschenuhr zum Vorschein, mit feinen Gravierungen verziert.

Auf den ersten Blick war es bloß eine einfache Taschenuhr. Zu damaligen Zeiten mit Sicherheit prunkvoll und viel wert, jedoch eben nur eine Uhr.

Bei genauerem Betrachten konnte ich allerdings die kleinen Knöpfe sehen und das Rädchen an der oberen Seite, entdeckte die Ziffern eines Datums.

Einfache Geisterjagende wussten nicht, wie Special Ghost Agents in der Zeit reisten. Würde jeder nach eigenem Belieben in der Zeit reisen dürfen, würde es keinerlei Regeln oder Grenzen mehr geben. Daher war es wichtig, dass eine Weiterbildung als Muss galt, dass genau gelehrt wurde, wie wir mit Geistern aus der Vergangenheit umgingen. Eine Zeitreise war kein Ferienjob oder Abenteuer – es handelte sich um ein ernstes Business.

»Wissen Sie, was das ist?« Mr White beäugte mich neugierig.

»Eine Taschenuhr, Sir«, erwiderte ich langsam. »Das Datum verrät mir, dass damit in der Zeit gereist werden kann, allerdings erschließt sich mir nicht, wie es funktionieren soll.«

Ein Lächeln von Mr White. Ein echtes. »Magie, Miss, einfache und gleichzeitig unverständliche und wunderschöne Magie. Diese Taschenuhr ist das wichtigste Instrument der Geisterjagenden. Einzig und allein, wenn der Geist selbst bereit ist, abzuschließen, können Sie ein bestimmtes Datum eingeben und dank dieser Übernatürlichkeit, die wir niemals vollständig verstehen werden, werden Sie in sein Leben und seine Zeit gezogen.«

Mir war nicht klar, was ich erwartet hatte. Ich hatte mir das Zeitreisen schwerer vorgestellt, als würde ich vorher ein Lamm beim dritten Vollmond des achten Monats nach dem Frühlingsbeginn opfern müssen.

»Der Geist bringt mich in seine Zeit«, wiederholte ich für mich zum Verständnis. »Ist die Zeit begrenzt, die ich dort verbringe? Oder kann ich so weit zurück, wie ich will?«

»Selbstverständlich gibt es gewisse Regeln in der Zeitreise. Dazu gehört, zu wissen, dass Sie in der Vergangenheit niemanden retten dürfen. Sie dürfen nicht den natürlichen Lauf der Geschichte verändern. Ist jemand dazu bestimmt, zu sterben, geschieht es so oder so. Greifen Sie nicht ein.« Er bedachte mich mit einem strengen Blick, ehe er fortfuhr. »Sie können auch niemanden mitnehmen, außer Mr Monroe natürlich. Aber eine Person aus dem Jahrhundert, in das Sie reisen, in unsere jetzige Gegenwart zu bringen, funktioniert nicht. Außer sie gehört ursprünglich in unsere Zeit. Da eine Zeitreise stets mit dem Geist selbst verbunden ist, können Sie nicht x-beliebig durch die Vergangenheit reisen. Daher ist es Ihnen möglich, um die vier, fünf Wochen vor seinem Tod in sein Leben zu treten, nicht eher.«

»Weil die Reise sich auf seinen Tod bezieht. Das ist das ausschlaggebende Ereignis, richtig?«

»Richtig.«

Die Zahnräder in meinem Kopf fassten zu schnell ineinander und drohten heiß zu laufen. Eine Zeitreise war mit dem Tod desjenigen Geistes gekoppelt, den man erlösen wollte. Wie kehrte man dann zurück?

»Was, wenn ich es nicht in der vorgegebenen Zeit schaffe?«

»Wird der Geist vor seinem Tod, nicht erlöst, kann es passieren, dass Sie in der Zeit festhängen, deswegen reist niemand unserer Agents je allein.« Mr White lehnte die Fingerspitzen aneinander und sich im Stuhl zurück. »Ihre Begleitung ist Ihr Notfallplan.«

»Und sobald ich den Auftrag beendet habe, kehre ich automatisch zurück?«

»Sobald der Mensch sich mit seinem Tod abgefunden hat, ist die Arbeit erledigt und Sie werden in der Vergangenheit nicht weiter gebraucht. Der oder die Erlöste muss die Uhr berühren. Hat die Person wahrlich ihren baldigen Tod akzeptiert, wird die Taschenuhr Sie automatisch zurück in unsere Gegenwart bringen. Es gibt allerdings einen Haken dabei. Sollten Sie John Cartwright, sagen wir, nach zwei oder drei Wochen erlösen, sind Sie gezwungen, die vollen vier Wochen dortzubleiben, bis der letzte Tag auf der Taschenuhr gezählt ist. Ein früheres Zurückkehren ist leider nicht möglich.«

Ich atmete tief durch. »Das bedeutet, wir sind in der Vergangenheit gefangen, bis John stirbt?«