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Selbst Menschen, die mit ihrem Hund täglich draußen sind, haben oft verlernt, die Natur mit allen Sinnen wahrzunehmen. Dabei ist "…Natur unsere Heimat. Und die unseres Hundes", sagt Raoul Weber, "Ich denke, es ist an der Zeit, nach Hause zu kommen. Unser Hund kennt den Weg – folgen wir ihm." In seinem Buch lädt der Tierpsychologe und Wildnispädagoge ein, wieder mehr Wildnis in die Beziehung Mensch-Hund zu lassen, statt ständig neuen Erziehungstrends hinterherzuhetzen, die nur Stress erzeugen. Wer dagegen auf wilden Pfaden die Verbindung zur Natur wiederentdeckt, wird daraus Kraft schöpfen und Inspiration finden – für ein gelassenes und erfülltes Leben mit dem Hund.
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Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Für Nadine, Koyuk und die Mäuse
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Eine kurze Frage: Wann warst du das letzte Mal draußen und hast dabei die Natur bewusst wahrgenommen? Du wohnst in der Stadt und meinst, das ginge nicht so ohne Weiteres? Sorry, zählt nicht! Schon gar nicht, wenn wir uns darauf einigen, dass beispielsweise eine kleine städtische Grünanlage auch als Natur durchgeht. Du überlegst noch, wann es war? Lass dir ruhig Zeit. Du liest schließlich ein Buch. Das solltest du in Ruhe tun und es genießen. Vielleicht wirst du feststellen, dass es mit dem »Bewusst-Wahrnehmen« schon eine Weile her ist? Ganz bestimmt bist du Hundehalter, sonst würdest du dieses Buch vermutlich nicht in den Händen halten. Als Hundemensch ist man natürlich jeden Tag draußen. Aber währenddessen innehalten, vielleicht einmal tief Luft holen und die Natur mit allen Sinnen wahrnehmen und genießen? Das hat man dabei für gewöhnlich weniger auf dem Zettel. Meist ist man mit seinen Gedanken ganz woanders. Zum Beispiel beim Job oder bei einem der vielen kleinen und großen Probleme, die jeder von uns tagtäglich mit sich herumträgt. Sich in der Natur heimisch fühlen, mit ihr verbunden sein – das ist vielen Menschen fremd geworden. Dabei ist Natur unsere Heimat. Und die unseres Hundes. Gemeinsam durchstreiften wir über Jahrtausende die wilde Natur. Wir sind untrennbar mit ihr verbunden. Tief in ihr verwurzelt. Doch während unser vierbeiniger Kumpan niemals den Kontakt zur ihr verloren hat, haben wir uns von der Natur entfernt. Ein ganzes Stück sogar! Fast scheint es, als lebten wir heute in einer ganz anderen Welt. Einer hektischen, zunehmend künstlichen und digitalisierten. Mit einer unüberschaubar großen Menge an technischen Neuerungen und, dank Social Media, Hunderten sogenannter Freunde. Unser Leben als Hundehalter bildet da keine Ausnahme. Leider. Und so hetzen wir den neuesten Errungenschaften und ständig wechselnden Trends zum vermeintlichen Wohl unserer Vierbeiner hinterher und sehen uns dem stetig wachsenden Druck ausgesetzt, ein noch besserer Hundehalter zu werden. Schließlich wollen wir nichts falsch machen und nur das Beste für ihn. Nur … was ist das, das Beste?
Während wir uns das fragen, macht unser Hund das, was er seit Urzeiten macht: Er bleibt treu an unserer Seite. Seien wir ehrlich: Er hat ja auch kaum eine andere Wahl. Und so erträgt er tapfer, wie wir uns auch hier mehr und mehr von der Natur entfernen. Dabei könnten wir unser beider Leben wesentlich einfacher und leichter gestalten, wenn wir uns wieder mehr darauf besinnen würden, wo unsere Wurzeln liegen – und die unseres Hundes. Nur, wie sollen wir das anstellen, wenn es uns manchmal nicht einmal gelingt, unserer naturgegebenen inneren Stimme zu vertrauen? Stattdessen befolgen wir blind die Ratschläge anderer, ignorieren die innere Wildnis unseres Hundes und versäumen es, das Leben hin und wieder auch mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachteten.
Dieses Buch lädt dich ein, wieder mehr Wildnis in deine Mensch-Hund-Beziehung zu lassen. Es soll dir helfen, deine Wurzeln wiederzufinden. Denn mit deiner wiederentdeckten Verbindung zur Natur kannst du lernen, Kraft aus ihr zu schöpfen und Inspiration zu finden, ein gelassenes und erfülltes Leben mit Hund zu führen.
»Natur ist unsere Heimat. Und die unseres Hundes. Ich denke, es ist an der Zeit, nach Hause zu kommen. Unser Hund kennt den Weg – folgen wir ihm.«RAOUL WEBER
Oft werde ich gefragt, wie es dazu kam, dass ich Menschen dabei unterstütze, mit Naturverbindung wieder zu einem gelassenen und erfüllten Leben mit Hund zu finden.
Das ist im Grunde genommen schnell erklärt: Es ist eine wilde Mischung aus meinem früheren Leben als Hundepsychologe und meiner heute gelebten Verbindung zur Natur. Diese Verbindung war nicht immer da. Als junger Mann ging sie mir zeitweise tatsächlich verloren. Glücklicherweise stand sie aber eines Tages wieder vor meiner Tür. Es war in meinen frühen Dreißigern und zunächst schien sie fast ein wenig schüchtern. Ähnlich wie ein Straßenhund, der das Vertrauen in die Menschen eigentlich längst verloren hat, aber dennoch irgendwie das unbändige Verlangen spürt, Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Es schien, als wolle sie zunächst ganz vorsichtig, unverbindlich und zaghaft anfragen, ob ich sie wieder reinlassen würde in mein Leben. Ich wollte! Und schnell war sie wieder ganz die Alte. Die Kraft, die mich als Kind raustrieb in meine Wildnis aus kleinen Bächen und riesigen Pfützen, schweren Stürmen und leichten Brisen, weißen Schnee-Iglus und grünen Baumhäusern. Ich war wieder voll und ganz mit der Natur verbunden.
Naturverbindung bedeutet, Fragen zu stellen. Fragen, die einen bewegen und deren Antworten man herbeisehnt, weil das Herz es wissen möchte. Oft sucht man sogar nach Antworten, ohne die genaue Frage zu kennen. Das klingt schräg – ist aber im Grunde genommen vollkommen natürlich. Denn Natur macht neugierig. Und das auf die vielfältigste Art und Weise.
Nun liegen zwischen Tierpsychologie und Naturverbindung manchmal Welten. Neueste Studie trifft auf uraltes, überliefertes Wissen. Das kann sich wunderbar ergänzen, aber mitunter auch in einem krassen Widerspruch zueinander stehen. Es war ein Prozess, der sich von allein in Gang setzte, ohne dass ich es bemerkte. Ein Weg, den ich beschritt, ohne es anfangs wahrzunehmen, und auf dem mir irgendwann bewusst wurde, dass sich meine Regale mit Fachliteratur zu einem wunderbaren Habitat für Wollmäuse entwickelt haben, ich nun immer weniger auf das mühsam angelernte und in Form von Frontalbeschallung vermittelte Wissen zurückgreife, stattdessen aber zunehmend durch die Natur inspiriert werde.
Lernen ist ein lebenslanger Prozess. Übrigens auch bei Hunden. Und so erfahre ich tagtäglich Dinge »da draußen«, die mich inspirieren, andere Wege zu beschreiten. Wege, die uralt sind und die ich neu entdecke. Viele von ihnen zeigt mir mein Hund. Damit schließt sich auf eine wunderbare Weise wieder ein Kreis, denn schon vor Tausenden von Jahren zogen Mensch und Hund durch die Natur, um gemeinsam das Abenteuer Leben zu bestreiten. Ich finde, sie haben das ziemlich gut hinbekommen, und bemühe mich, ganz im Sinne dieser uralten Tradition weiterzumachen.
Seit Urzeiten laufen Mensch und Hund Seite an Seite durchs Leben. Wissenschaftler vermuten, dass dies schon seit ungefähr 35 000 Jahren so ist. Eine wahnsinnig lange Zeit also. Jahrtausendelang streiften sie gemeinsam durch das Grasland und die Wälder unserer Erde und meisterten all die Herausforderungen, die ein Leben in der Natur unweigerlich mit sich bringt.
Dass der Hund vom Wolf abstammt, ist längst bewiesen. Vermutlich streiften damals einzelne Tiere oder ganze Rudel um die Lager der Menschen und folgten ihnen, wenn sie als Nomaden weiterzogen und dem Lauf der Natur folgten. Für unsere Vorfahren war es dabei (überlebens)wichtig, stets Augen und Ohren offen zu halten. Ob das frühzeitige Erkennen einer vermeintlichen Gefahr oder einer sich bietenden Gelegenheit, an Nahrung zu kommen: Wer in der Natur zuhause ist, geht mit wachen Sinnen durchs Leben. Und so wird es den Menschen damals auch nicht entgangen sein, dass uns Wölfe in ihrem Sozialverhalten sehr ähnlich sind. Übrigens viel mehr als Schimpansen, unseren nächsten Verwandten. Diese Erkenntnis ist also uralt. Kurioserweise scheint sie heutzutage dennoch vor den Türen vieler Haushalte, in denen ein Hund lebt, haltzumachen. Fast so, als stünde hier ein Schild mit der unmissverständlichen Ansage: »Ich muss draußen bleiben!« Schade, denn würden wir uns noch stärker bewusst machen, wie sehr wir in vielen Dingen unserem Hund ähneln, könnten wir viel mehr über ihn erfahren. Ihm sogar ein kleines bisschen in die Seele schauen. Ob es die Angst vor dem »Vermenschlichen« ist, dieses absolute No-Go, das jedem von uns schon am ersten Tag seines Hundehalterlebens eingebläut wird, die uns daran hindert? Kann gut sein.
Für die Wölfe damals hatte das Leben in der Nähe der Menschen viele Vorteile. Zum Beispiel Nahrung durch die anfallenden Essensreste oder Schutz vor Bären und fremden, rivalisierenden Wölfen. Schließlich betritt jeder, der weite Strecken in der Wildnis zurücklegt, früher oder später das Revier eines anderen. Für die dem Menschen folgenden Wölfe eine durchaus gefährliche Situation. In der Nähe des Menschen zu bleiben war also eine gute Idee und zeigt, dass sowohl das Treffen kluger Entscheidungen als auch das Schmieden von Allianzen keineswegs eine Erfindung der Menschen ist.
Ein Sprichwort der nordamerikanischen Ureinwohner lautet: »Die Raben sind die Augen der Wölfe«, und beschreibt damit eine uralte Allianz: Entdecken Raben ein verendetes Tier, machen sie die Wölfe durch ihr Verhalten darauf aufmerksam. Denn Raben haben oftmals Probleme, bei einem noch unversehrten Kadaver an das Fleisch zu kommen. Mit ihren Schnäbeln haben sie kaum eine Chance, die teils dicke und unversehrte Haut des Tiers zu durchdringen. Sie benötigen Hilfe und wissen die Fähigkeiten der Wölfe hier wunderbar für sich zu nutzen: Spätestens wenn diese ihr Festmahl beendet haben, beginnt das der Raben. Auf der anderen Seite bleibt dort, wo Wölfe erfolgreich jagen, stets auch etwas für die Raben übrig. Sie müssen Isegrim einfach nur auf seiner Jagd begleiten und geduldig abwarten. Eine Win-win-Situation also. Doch damit nicht genug. Denn Raben entdecken natürlich nicht nur verendete Tiere, sondern auch potenzielle Feinde. Hoch oben in den Baumkronen sitzend oder am Himmel kreisend, erkennen sie beispielsweise sich nähernde Berglöwen oder Grizzlybären weitaus früher als Wölfe. Gewarnt durch das rabentypische, laute und scharfe »Kraaa« haben diese im Fall einer drohenden Gefahr genug Zeit, ihren Nachwuchs in Sicherheit zu bringen. Übrigens eine Taktik, die auch der Mensch irgendwann übernommen hat: Die Jäger vieler indigener Kulturen wissen noch heute die Sprache der Vögel zu nutzen, um erfolgreich ein Tier aufzuspüren oder einer Gefahr rechtzeitig aus dem Weg zu gehen.
Die Zusammenarbeit von Wolf und Rabe ist jedoch weitaus mehr als eine Symbiose, wie sie oft in der Natur zu finden ist. Zwischen ihnen kann eine individuelle, dauerhafte und stabile Beziehung entstehen. So fand man heraus, dass sich Wölfe mitunter sogar mit Raben sozialisieren. Das bedeutet, dass die Wolfswelpen schon früh, innerhalb einer prägeähnlichen Phase, Kontakt zu »ihren« Raben haben und sie als eine Art Familienmitglieder betrachten. Und auch der Rabennachwuchs lernt beizeiten, dass die vierbeinigen Nachbarn »dazugehören« und von ihnen keine Gefahr ausgeht – vorausgesetzt, man übertreibt es nicht mit der nachbarschaftlichen Nähe. Denn Raben sind eben Raben und lieben es, mit den jungen, noch unerfahrenen Wölfen zu spielen. Dabei schnappen sie im Flug nach den Ohren ihrer vierbeinigen Spielgefährten, ziehen an den Ruten oder stibitzen kurzerhand den Lieblingskauknochen. Die kleinen Wölfe wiederum versuchen mit einem nicht enden wollenden Eifer, sich an die am Boden sitzenden Raben heranzupirschen und diese zu fangen – mit mäßigem Erfolg.
Dass es in der Natur zu artübergreifenden Kontakten kommt, ist nicht ungewöhnlich. Es wäre also nichts Außergewöhnliches, dass vor Urzeiten der eine oder andere Wolf auf die Idee kam, sich etwas näher mit dem Menschen zu beschäftigen. Dass dies keine graue Theorie ist, zeigt uns ein Ereignis der etwas jüngeren Geschichte:
Im Winter 2003 trafen Naturfotograf Nick Jans und seine Labradorhündin Dakota hinter ihrem Haus in der Nähe von Juneau/Alaska auf einen Wolf. Als Dakota begann, auf den Wolf zuzugehen, konnte Nick nur hilflos zusehen. Damals wusste er es noch nicht, aber dieser Tag war der Beginn einer Freundschaft, die nicht nur alte Vorurteile beseitigen, sondern auch eine ganze Stadt auf den Kopf stellen sollte. Denn was er sah, war geradezu unglaublich: Dakota forderte den Wolf zum Spielen auf – und der ging darauf ein. Beide spielten eine ganze Weile ausgelassen im Schnee, bis das Tier wieder in den nahen Wäldern verschwand. Aber es dauerte nicht lange, da kam Romeo, wie er mittlerweile von Nick genannt wurde, zurück und das Spiel begann von Neuem. Die Anwohner, die mit der Zeit Wind von dieser außergewöhnlichen Freundschaft bekamen, trauten Romeo anfangs nicht. Zu tief saßen Vorurteile und Misstrauen gegenüber Wölfen. Im Lauf der Zeit bemerkten sie allerdings, dass Romeo ein außergewöhnlicher Wolf war und von ihm keinerlei Gefahr auszugehen schien. Immer mehr Menschen kamen mit ihren Hunden zum »Mendenhall Glacier Park«, in dem sich Romeo die meiste Zeit aufhielt, wenn er in der Stadt war. Und alle Vierbeiner spielten mit Romeo. Hin und wieder spielte er sogar mit Menschen, indem er ihnen Gegenstände brachte, die sie werfen sollten, damit er sie apportieren konnte. So ging es gut sechs Jahre, bis Romeo im Jahr 2009 durch die Kugel eines Jägers starb. Die Menschen aus Juneau werden diesen außergewöhnlichen Wolf nie vergessen und eine Gedenktafel erinnert heute jeden Besucher daran, dass Wölfe hin und wieder auch Herzen rauben.
Eine schöne und bewegende Geschichte, oder? Leider wäre sie hierzulande undenkbar und Romeo wäre höchstwahrscheinlich nach kürzester Zeit tot. Denn die Bürger von Juneau zeigten ein Verhalten, vor dem Experten in Deutschland eindringlich warnen: Bitte nimm niemals Kontakt zu einem wilden Wolf auf! Er könnte dadurch die Scheu vor Menschen verlieren – und das führt leider meist dazu, dass er erschossen wird. Ein trauriges Beispiel lieferte uns vor wenigen Jahren der Wolf MT6, vielen sicher besser bekannt als Kurti.
Kurti war der erste Wolf Deutschlands, der mit behördlicher Genehmigung getötet wurde. Er zeigte ein auffälliges Interesse an Menschen und näherte sich ihnen mehrmals bis auf wenige Meter. Dabei soll er auch eine Frau mit Kinderwagen verfolgt und deren Hund gebissen haben. Obwohl dieser Vorfall niemals zweifelsfrei belegt oder genau analysiert wurde: Die Politik entschied, dass Kurti sterben muss. Obwohl ihm zuvor durch den hinzugezogenen Wolfsexperten Jens Karlsson vom »Swedish Wildlife Damage Centre« in Grimsö ein ausgeprägtes wolfstypisches Fluchtverhalten attestiert wurde. Viele Fachleute stritten darüber, ob diese, in erster Linie politisch motivierte, Entscheidung richtig war, und zerbrachen sich den Kopf darüber, wie es überhaupt zu diesem außergewöhnlichen Verhalten kommen konnte. Schließlich gelten gerade europäische Wölfe als recht scheu – besonders gegenüber dem Menschen. Verständlich, war er es doch, der sie all die Jahrhunderte über verfolgte.
Es wurde zwar nie zweifelsfrei bewiesen, doch nach Sichtung einiger im Nachhinein aufgetauchter Fotos und Handyvideos geht man inzwischen davon aus, dass Kurti, der mit seinen Geschwistern auf einem Truppenübungsplatz der Bundeswehr aufwuchs, vermutlich dort in jungen Jahren durch Soldaten angefüttert wurde und so seine Scheu vor Menschen verlor. Dies war sein Todesurteil. Dabei tat Kurti nur das, was seine Vorfahren schon vor Jahrtausenden taten und damit ihren unverzichtbaren Anteil dazu beitrugen, dass wir heute mit unseren Hauswölfen durchs Leben gehen dürfen: Kontakt zu uns Menschen aufzunehmen. Geschichte ist leider nicht immer dankbar.
Wann, wie und warum vor so langer Zeit der Grundstein für diese wunderbare Verbindung von Mensch und Hund gelegt wurde, wissen wir nicht. Wir können nur Vermutungen darüber anstellen und werden es wohl nie ganz erfahren. Das mag den Ehrgeiz einiger Wissenschaftler anspornen, auch dieses Geheimnis der Natur zu entlocken. Mir persönlich ist die Antwort auf diese Frage nicht sonderlich wichtig. Egal, wer den ersten Schritt tat, wann genau dieser Pakt geschlossen wurde und aus welcher Motivation heraus dies geschah: In erster Linie bin ich dankbar und froh, dass es so gekommen ist. Und wer weiß? Vielleicht war alles ja doch ganz anders? Eine schöne Legende, wie der Hund zum Menschen kam, erzählt man sich in einigen Stämmen der nordamerikanischen Ureinwohner. Das Wunderbare an diesen alten, mündlich überlieferten Geschichten ist, dass sie sehr lebendig sind. Mit jeder Erzählung verändern sie sich ein wenig, werden durch den Erzähler leicht moduliert und nehmen dadurch stets eine etwas andere Form an. Was bleibt, ist der Kern der Geschichte. Ich habe diese Geschichte vor vielen Jahren gehört und gebe sie aus meinen Erinnerungen wieder:
»Es war zu einer Zeit, in der die Tiere und der Mensch noch in Harmonie zusammenlebten. Eine Zeit, die geprägt war von Wertschätzungund Achtung gegenüber dem anderen. Die Welt befand sich im Gleichgewicht. Jeder nahm Rücksicht auf den anderen und achtete darauf, dass er durch sein Verhalten dem anderen keinen Schaden zufügt. Dabei nahm er sich aus der Natur stets nur das, was er benötigte. Niemalsnahm er zu viel, denn es hätte womöglich zur Folge, dass ein anderesLebewesen dadurch zu wenig zum Leben hätte. Doch eines Tages begann der Mensch, die Bedürfnisse der anderen zu missachten und sich immer mehr Dinge zu nehmen, als er brauchte.Er hielt sich nicht mehr an die uralte Vereinbarung, und es schien ihm egal zu sein, dass die Tiere durch sein Verhalten einen Nachteil erlitten. Und so riefen dieTiere einen Rat zusammen. »Der Mensch trampelt ohne nachzudenkenunser Gras nieder«, berichtete der Büffel. »Und er jagt mehr, als er an drei Tagen essen kann«, ergänzte der Hirsch. Noch viele weitere Tiere beklagten sich, und am Ende beschlossen sie, dass der Bär zum Menschen gehen solle, um mit ihm zu reden. Das tat der Bär auch und bat den Menschen, künftig wieder mehr Rücksicht zu nehmen und auf dieBedürfnisse der anderen zu achten. »Pah!«, sagte der Mensch, nachdemder Bär gesprochen hatte. »Das interessiert mich nicht! Es ist viel bequemer, mehr zu jagen, als ich an drei Tagen essen kann. Und wenn ich dabei Gras zertrete, dann soll der Büffel halt woanders grasen. Was kümmert mich das?!« Also ging der Bär zurück in den Waldund berichtete den anderen von seiner erfolglosen Unterredung mit demMenschen. Die Tiere waren außer sich. Einige waren ratlos, andere wütend. Und wieder andere einfach nur enttäuscht. Doch ihr Klagen und ihr Leid blieben nicht ungehört. Der Schöpfer bekam mit, was auf der Erde geschah, und wurde zornig. So zornig, dass er mit der Faust wütend und kräftig auf die Erde schlug. Ein ohrenbetäubender Donnererklang und die Erde bebte. Alle erschraken fürchterlich, und als sie sichvon dem Schreck wieder halbwegs erholt hatten, sahen sie, was passiertwar: Ein tiefer Riss durchzog die Erde. Er wurde immer größer und bildete schon bald eine tiefe breite Schlucht. Jetzt erkannten die Tiere,was der Schöpfer damit bezwecken wollte. Denn alle von ihnen waren auf der einen Seite. Und nur der Mensch, ganz allein, auf der anderen. Die Schlucht bebte noch immer und sie machte keine Anzeichen, damit aufzuhören und ihr Wachstum zu beenden. Plötzlich, im allerletzten Moment, kurz bevor die Schlucht so groß wurde, dass weder Tier noch Mensch auf die andere Seite hätten gelangen können, war es der Hund, der Mitleid mit dem Menschen bekam. Man konnte sehen, wie es in ihm arbeitete. Wie er mit sich kämpfte. Dann schließlich fasste ereinen Entschluss: Er nahm all seinen Mut zusammen, ging einige Meter zurück und nahm Anlauf. Er rannte auf die Schlucht zu. Immer schneller und schneller. So schnell er nur konnte – und sprang. Er sprangso weit und so hoch, wie er es noch nie zuvor getan hatte, und landete, im allerletzten Moment: auf der Seite des Menschen.«
Wissenschaftlich betrachtet mag diese Version, wie der Hund zum Menschen kam, alles andere als stichhaltig sein. Ich mag sie trotzdem. Oder vielleicht sollte ich besser sagen: gerade deshalb. Denn bei aller Verantwortung, die wir unserem Hund gegenüber haben: Er ist nicht einfach nur ein Wesen, dessen Betreuung wir uns auferlegt haben. Ein ehemals wildes Tier, das wir vor Urzeiten domestizierten. Unser Hund ist, das wird in dieser Geschichte wunderbar deutlich, auch Kumpan. Ein Verbündeter. Und manchmal ist er auch Lehrer – und zwar ein ganz hervorragender, wie du noch erfahren wirst.
