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Soll ich? Soll ich nicht? Wenn ja: Wann? Und wie geht es dann weiter? Früher oder später stellen sich jeder Frau diese Fragen. Christiane Röhrbein zeigt in ihrem Buch, was sich wirklich hinter dem Kinderwunsch verbirgt, so dass sich jede Leserin über ihre persönlichen Motive und Erwartungen bewusst wird und so eine Entscheidung für ein Leben mit oder ohne Kinder leichter fällt.
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Seitenzahl: 283
Veröffentlichungsjahr: 2006
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
ISBN 978-3-636-07075-3 | Print-Ausgabe ISBN 978-3-86882-099-7 | E-Book-Ausgabe (PDF)
Auszug aus Shirley Seul, Goodbye, Baby: © 2003 bei Verlag Frauenoffensive München Wir danken dem Verlag für die freundliche Abdruckgenehmigung.
E-Book-Ausgabe (PDF): © 2009 bei mvgVerlag, FinanzBuch Verlag GmbH, München. www.mvg-verlag.de
Print-Ausgabe: © 2006 bei mvgVerlag, Redline GmbH, Heidelberg. Ein Unternehmen von Süddeutscher Verlag | Mediengruppe www.mvg-verlag.de
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlaggestaltung: Atelier Seidel, Neuötting Redaktion: Tanja Loos, Paderborn Satz: Redline GmbH, J. Echter Druck und Bindearbeiten: Ebner & Spiegel, Ulm Printed in Germany 07075/020602
Soll ich? Soll ich nicht? Wenn ja: Wann? Und wie geht es dann weiter? Die Kinder-Frage begleitet Frauen von der Pubertät bis zu den Wechseljahren. Und selbst wenn die eigene Familienplanung abgeschlossen ist, überlegen viele: Was soll ich meiner Tochter raten?
Kinder kann man nicht zurückgeben – deshalb fällt die Entscheidung so schwer. Zumal es nahezu unmöglich ist, sich vorzustellen, wie sehr ein Baby das eigene Leben umkrempelt.
Klar gibt es handfeste Gründe dagegen: Kinder kosten Geld, lassen aufregende Paarbeziehungen zu Arbeitsgemeinschaften verkümmern, schmälern Karrierechancen. Wer viel zu verlieren hat, scheut dieses Risiko. Die Folge: 42 Prozent der Akademikerinnen bleiben kinderlos.
Auf der anderen Seite werden Eltern für ihre Mühe auch belohnt: Babys sind süß, Kinder halten jung, wer sich fortpflanzt, lebt in seinen Söhnen und Töchtern weiter. Und erfüllt angesichts des drohenden Rentenlochs geradezu eine patriotische Pflicht.
Nun setzt, wenn wir ehrlich sind, niemand Nachwuchs in die Welt, um sein Land vor der Vergreisung zu retten. Wenn Menschen sich für oder gegen das Kinderkriegen entscheiden, dann wollen sie vor allem das Beste für sich selbst.
„Was wären wir ohne unsere Kinder?“, hört man häufig. Der Satz ist aufschlussreich! Denn die Sprösslinge sind oft nötig: als Lebenssinn, als Kitt für eine brüchige Beziehung, als Ausrede für berufliches Scheitern, als Unterhaltungsprogramm.
Nun ist Eigennutz nicht automatisch schlecht. Die Frage ist nur, ob all die Wünsche, die ein Kind erfüllen soll, wirklich von ihm erfüllt werden können, ohne dass seine eigene Entwicklung darunter leidet.
Genau darum geht es in diesem Buch. Christiane Röhrbein hat nichts gegen Kinder. Im Gegenteil. Sie plädiert nur für ehrliche Bilanzen: Jeder Mensch mit Kinderwunsch sollte vorab klären, ob er unterm Strich mehr zu geben hat, als er für sich selbst herausholen möchte. Damit möglichst viele Menschen aus der Fülle und nicht aus der Not geboren werden.
Sonja ist gerade mit ihrer Familie in die USA gezogen, wo ihr Mann für fünf Jahre einen Job bekommen hat. Sie hat sich in Deutschland vom ohnehin ungeliebten Schuldienst freistellen lassen und überlegt, ob sie die „freie“ Zeit nutzen soll, um ein drittes Kind zu bekommen. Kaum hat sie in ihrer neuen Heimat ihren Computer angeschlossen, erhält sie eine E-Mail von ihrer Freundin Hanne: „Stell dir vor, ich bin schwanger.“ Zwischen Frankfurt und Seattle entspinnt sich eine lebhafte Debatte zum Thema „Warum wollen wir Kinder?“.
Anfangs sind Hanne und Sonja noch genauso naiv wie die meisten von uns. Kinder sind süß, sagen sie; Kinder geben dem Leben einen Sinn; Kinder gehören einfach dazu.
Mit der Zeit kommen sie sich selbst auf die Schliche. Stellen fest, dass ihr Kinderwunsch immer dann besonders drängend wird, wenn Mangel herrscht: Wenn die Beziehung nicht viel hergibt, Berufsperspektiven fehlen, Anerkennung ausbleibt, Zweifel an den eigenen Fähigkeiten nagen. Langsam reift bei ihnen die Erkenntnis, dass Elternschaft nur dann gelingen kann, wenn sie sich aus der Fülle speist: aus einem Übermaß an Freude, Lust, Energie, Möglichkeiten. Am Ende haben beide ihr Leben verändert. Und sind in der Lage, eine verantwortliche Entscheidung zu treffen.
Hanne und Sonja gibt es gar nicht. Ich habe sie mir nur ausgedacht. Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind allerdings nicht immer zufällig. Die beiden haben nicht nur viel mit dem zu tun, was ich selbst in meinen verschiedenen Lebensphasen (kein Kind, ein Kind, zwei Kinder) gefühlt und gedacht habe, sie spiegeln auch meine Wahrnehmung von Freunden, Bekannten und Verwandten, knüpfen an zahllose Gespräche an und reflektieren meine Lektüre.
Hanne und Sonja können nicht alles wissen. Vieles eignen sie sich im Laufe der Zeit an. Anderes, was uns und ihnen nützlich sein könnte, habe ich in Kästen dazugestellt. Das durchbricht zwar die Fiktion, erhöht aber den Gebrauchswert des Buches.
Apropos Fiktion:
Ein klassischer Ratgeber ist dieses Buch nicht. Das liegt daran, dass Kinderwünsche aus einem Stoff gewebt sind, der sich gegen eine rein sachliche Darstellung und eine saubere Kapiteleinteilung sperrt.
Jeder, der mal in sich selbst hineinhorcht, stellt fest: Die Kinderfrage ist ein Wust. Vorgeschobene Gründe, unbewusste Motive, Tagträume, Fantasien, Stimmungen, Klischees, die jeweilige Tagesform, Lebenslügen und gesellschaftliche Erwartungen spielen eine Rolle, wenn wir uns Kinder wünschen. Hinzu kommt, dass sich Gefühle und Einstellungen genauso wie die Bedingungen für das Leben mit Kindern im Laufe eines Lebens verändern. Ursprüngliche Motive verlieren an Bedeutung, neue treten langsam in den Vordergrund.
Die E-Mail verleitet als schriftliches Medium zu einer gewissen gedanklichen Ordnung und ist zugleich offen für die Unübersichtlichkeit der Verhältnisse. Denn die Tatsache, dass das Knäuel auf Anhieb unentwirrbar scheint, entbindet uns nicht von der gestellten Aufgabe: Seit Kinder planbar sind, also auch verhindert werden können, wird die bewusste Entscheidung für oder gegen sie zur moralischen Pflicht. Viele Frauen erleben das als Belastung. Aber was hilft es? Es gibt nun mal Verhütungsmittel. Im 21. Jahrhundert können wir uns nicht mehr mit dem Schicksal herausreden.
Thema: Stell dir vor!Datum: 10.2.From: [email protected]: [email protected]
Liebe Sonja,
wahrscheinlich hast du dich gewundert, weshalb ich letzte Woche auf deiner Abschiedsparty so neben der Spur war. Genau genommen laufe ich seit Tagen vollkommen orientierungslos durch die Gegend und frage mich unablässig, ob meine Ahnung stimmt oder nicht. Seit heute Morgen habe ich Gewissheit: Ich bin schwanger.
Nie werde ich vergessen, wie ich auf das Testfeld starrte, das sich langsam verfärbte: blau, blau, blau! Kein Zweifel möglich. Oh Baby!
Ich nehme an, du kannst dir vorstellen, in welches Chaos mich diese Neuigkeit gestürzt hat. Soll ich? Soll ich nicht? Die Gedanken wirbeln nur so durcheinander, nichts passt zusammen. Ich – eine Mutter? Bloß nicht! Ich – eine Mutter? Ja, Jaaaaah!
Bitte antworte mir ganz schnell und sag mir, was ich tun soll,
deine Hanne
Ungeplant heißt nicht immer unerwünscht
Laut einer Studie der pro familia ist mehr als die Hälfte aller Schwangerschaften in der Bundesrepublik ungeplant. Das wirft ein Licht auf die Ambivalenz des Kinderwunsches. Obwohl es heutzutage möglich ist, eine Empfängnis fast hundertprozentig zu verhindern, gibt es offenbar Beziehungen und Situationen, in denen Frauen und Männer eine klare Entscheidung nicht treffen wollen oder können. Ungeplant heißt also nicht automatisch unerwünscht. Experten schätzen, dass letztlich etwa zwei Drittel aller Kinder erwünscht und ein Drittel unerwünscht ist. Die Forschung hat es in dieser Frage allerdings nicht leicht. Denn wer gibt schon zu, dass er sein Kind nicht gewollt hat? Hinzu kommt: Die Einstellungen der Eltern ändern sich häufig im Verlauf der Schwangerschaft und während des Zusammenlebens mit dem Kind. Aus einer ursprünglichen Ablehnung kann langsam eine bejahende Haltung werden. Umgekehrt kann eine anfänglich hohe Motivation in Ablehnung umschlagen. Welche Folgen haben die Gefühle der Eltern für die Entwicklung eines Kindes? Fest steht, dass bewusste Unerwünschtheit ebenso wie unbewusste Ablehnung häufig schwer wiegende körperliche und seelische Folgen haben. Nach Ansicht namhafter Psychoanalytiker und Psychotherapeuten spricht sogar vieles dafür, dass die Benachteiligung der Ungeliebten bereits vor der Geburt beginnt: Schon das Ungeborene spürt, ob es willkommen ist oder nicht.
Buchtipp: Häsing, Helga/Janus, Ludwig (Hg.): Ungewollte Kinder, 2001 (s. Anhang)
Thema: RE: Stell dir vor!Datum: 10.2.
From: [email protected]: [email protected]
Liebe Hanne,
ich fall in Ohnmacht! Ein Baby! Ich hatte mir in der Tat schon Sorgen gemacht. Dachte, das Fest hätte dir nicht gefallen, oder du wärest aus irgendeinem Grunde sauer. Aber jetzt erst mal herzlichen Glückwunsch! Auch wenn du selbst dich noch nicht so ganz freuen kannst: Ich freue mich für dich. Ich freue mich sogar ganz schrecklich!
Du wirst sehen: Ein ganz neues, wunderbares, aufregendes Leben erwartet dich. Klar, Kinder machen Mühe. Du wirst unzählige schlaflose Nächte verbringen, jahrelang nur noch klebrige Türklinken anfassen, permanent Rotznasen abputzen, Tausende von Fischstäbchen braten und, was vielleicht das Schlimmste ist, noch mal – dem Turbo-Abitur sei Dank! – zwölf Jahre zur Schule gehen. Aber was zählt das gegen die Freude? Kinder machen unwiderstehliche Komplimente, riechen gut und legen einem hinreißende kleine Liebesbriefe aufs Bett.
Darf ich es Frank schon erzählen? Der findet das bestimmt auch ganz toll.
Alles Liebe,
deine Sonja
Thema: Chaos im KopfDatum: 11.2.
From: [email protected]: [email protected]
Liebe Sonja,
es wäre mir lieber, wenn die Sache erst mal unter uns bleibt. Zumindest so lange, bis ich weiß, was ich will.
Es ist nämlich so, dass ich völlig hin- und hergerissen bin zwischen Baby-Lust und Baby-Panik. Einerseits kann ich es kaum erwarten, mein Kind im Arm zu halten und meine Nase in seine kleine Halsgrube zu stecken. Schon jetzt ist mir das Wesen, das in meinem Bauch wächst, näher als jeder andere Mensch.
Andererseits mache ich mir schwere Vorwürfe: Wie konnte ich so leichtsinnig sein? Denn die Schwangerschaft ist ja kein Unfall, sondern dadurch entstanden, dass ich in letzter Zeit immer öfter die Augen zugemacht habe, wenn mein Verhütungscomputer rotes Licht gab. Nach dem Motto: Wird schon nichts passieren.
Und das ausgerechnet jetzt, wo die Leute aufs Geld sehen wie noch nie und ein kleiner Buchladen wie meiner kaum eine Chance hat, sich gegen die Konkurrenz der großen Ketten und Internet-Läden zu behaupten. Wenn ich dann noch dauernd höre, dass unsere Generation beizeiten anfangen muss, fürs Alter vorzusorgen, wird mir ganz anders. Wie soll ich das hinkriegen, wo ich doch jetzt schon jedes Monatsende knapp bin? Und wie soll ich da noch für ein Kind sorgen, geschweige denn in zwanzig Jahren Studiengebühren für seine Ausbildung hinblättern?
Und dann Heiko als Kindsvater – unvorstellbar! Unsere Beziehung ist ja ganz nett, aber nichts wirklich Ernstes. Er jedenfalls hat immer ganz klar gesagt, dass er sich nicht als Familienvater sieht. Er verhandelt übrigens gerade mit einer Filmproduktions-Firma in Berlin – kann sein, dass er in zwei Monaten gar nicht mehr in Frankfurt lebt. Nun ja, selbst schuld, wenn ich demnächst ein Hartz-IV-Fall bin.
Blöd, dass du ausgerechnet jetzt nach Seattle gezogen bist. Ich hoffe, es gefällt dir gut und Frank ist mit seinem neuen Job zufrieden.
Ich vermisse dich und unsere Gespräche,
deine Hanne
Thema: RE: Chaos im KopfDatum: 12.2.
From: [email protected]: [email protected]
Liebe Hanne,
dass ein Kind in die Lebensplanung passt, kommt meiner Erfahrung nach selten vor. Irgendwie ist der Zeitpunkt immer falsch. Jeder normale Mensch hat mindestens zehn gute Gründe parat, sich keinen Nachwuchs zuzulegen. Also wird das Kinderkriegen immer weiter nach hinten verschoben. Und wenn es endlich so weit ist, heißt es: Achtung, fertig, kinderlos!
Was soll der Blödsinn? Ich will deine Sorgen bestimmt nicht klein reden, aber du solltest auch bedenken: Unsere Großmütter haben ihre Kinder in viel schwereren Zeiten gekriegt. Und doch habe ich noch nie gehört, dass eine gesagt hätte: Ich wäre lieber kinderlos geblieben. Klar liest man jeden Tag: Steuern rauf, Renten runter. Ich bin zwar nicht mehr in Deutschland, aber die Panik schwappt sogar nach Amerika zu mir herüber, zumal Frank mir jeden Tag einen Stapel deutscher Zeitungen aus dem Büro mitbringt. „Den Deutschen fehlt der Wunsch zum Kind“, lese ich jeden Tag und – gerade gestern in der „Süddeutschen“: „German Angst macht unfruchtbar.“ Wobei sich der Autor zum Glück nicht daran beteiligt, das letzte zeugungswillige Paar mit liebevoll geschilderten Bedrohungsszenarien zu verprellen, im Gegenteil: „Alles, was Spaß macht, kostet nun einmal Geld“, schreibt er und: „Leute, rechnet nicht, macht einfach. Rechnen macht arm. Machen macht glücklich.“
Genauso ist es, meine Liebe! Kinder sind unsere Zukunft. Kinder zeigen einem, was wirklich wichtig ist. Kinder bedeuten einfach: mehr Leben!
Im Übrigen lassen sich Bedingungen umgestalten. Wenn man will, kann man sie passend machen. Du schaffst das schon, da bin ich mir sicher. Zur Not auch ohne Heiko. Du hast bislang doch immer alles hinge-kriegt.
Deine Sonja (die immer zu dir steht!)
Thema: German AngstDatum: 13.2.
From: [email protected]: [email protected]
Liebe Sonja,
du hast ja so Recht – einerseits: Vielleicht ist dieses Kind genau die Herausforderung, die ich brauche, ein Anstoß, meine irgendwie immer noch studentische Existenz hinter mir zu lassen, Verantwortung zu übernehmen und meinem Leben eine Richtung zu geben. Wie sagt man so schön: Man wächst mit seinen Aufgaben. Hoffentlich ist das bei mir auch so.
Andererseits habe ich das Gefühl, dass man als Eltern verdammt allein gelassen wird. Klar kriegt man vorab jede Menge Applaus – zumal jetzt, wo Zeugungspatrio-tismus gefragt ist: Neue Kinder braucht das Land!
Auf der anderen Seite muss man die Folgen der Kinderaufzucht doch ganz allein tragen. Ein Beispiel: Die neue Regierung schafft die Eigenheimzulage ab: Wer hat denn bislang davon profitiert? Zu zwei Dritteln waren das Familien – weil die einfach mehr Platz brauchen. Anderes Beispiel: Rot-Grün strich die Ausbildungszeiten in der Rentenversicherung. Wen trifft das denn? Doch nicht die Leute, die ein ganzes Berufsleben ununterbrochen einzahlen und sich ohne allzu große Opfer nebenbei noch eine private Alterssicherung aufbauen können! Die werden die drei Jahre schon verschmerzen. Das trifft doch Frauen, die ihre Berufstätigkeit unterbrechen oder in Teilzeit gehen, um nachmittags Vokabeln abzuhören und ihre Kinder zu Klavierstunden zu kutschieren. Also diejenigen, die nicht zuletzt aufgrund ihrer Qualifikation in der Lage sind, die zum Himmel stinkenden Defizite unseres Halbtags-Bildungssystems – selbstverständlich zum Nulltarif – auszugleichen.
Will ich mir das antun? 42 Prozent der Akademikerinnen sagen: No, thanks. Aber komisch. Irgendetwas in mir sagt: Jetzt erst recht!
Woher kommt diese Stimme, fragt sich
deine Hanne
Deutschland – kein Kinderland
Die Geburtenrate liegt in Deutschland auf einem Niveau, bei dem jede neue Generation rund ein Drittel kleiner ist als die letzte, hat das Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) in München festgestellt. 2003 kamen in Deutschland 706 000 Kinder zur Welt, 1964 waren es noch 1,35 Millionen gewesen. Das Berliner Forsa-Institut untersuchte die Gründe für diesen Rückgang und kam zu folgenden Ergebnissen: 44 Prozent der 18- bis 49-Jährigen fehlt der richtige Partner zur Familiengründung.40 Prozent der 349 befragten kinderlosen Frauen und Männer verzichteten aus Unsicherheit über ihre berufliche Zukunft auf Nachwuchs.Bei 34 Prozent der Befragten steht der Verlust der persönlichen Unabhängigkeit im Vordergrund.29 Prozent führten höhere Kosten an.Selbst 75 Prozent der Kinderlosen empfinden laut der Umfrage das Klima in Deutschland als kinderfeindlich. In Geschäften, öffentlichen Verkehrsmitteln und Restaurants würden Kinder oft als störend empfunden.
Thema: RE: German AngstDatum: 13.2.From: [email protected]: [email protected]
Liebe Hanne,
diese Stimme kommt aus deinem tiefsten Inneren und sie weiß: Das Kind, das in dir wächst, wird Kräfte mobilisieren, die du dir nie zugetraut hättest.
Im Übrigen solltest du bedenken: Es stimmt zwar, dass Eltern von der Gesellschaft ziemlich allein gelassen werden – was Kinderbetreuung oder einen finanziellen Ausgleich angeht. Auf der anderen Seite bringen Kinder aber auch Menschen zusammen: weil Kinder die Verbindung zur jüngeren Generation herstellen – man kriegt mit, welche Musik angesagt ist und welche Jeans gerade gar nicht gehen. Weil Eltern sich – notgedrungen – Netzwerke schaffen, allein schon, um die Betreuung irgendwie hinzukriegen oder um abgelegte Klamotten weiterzugeben. Weil Kinder uns zwingen, über Dinge nachzudenken, die wir vorher nicht für unsere Angelegenheiten gehalten haben: den Handymast neben dem Kindergarten, den Schuldenberg, die Aussichten für die nächste Generation.
Im Kleinen sieht man das doch schon jetzt: Plötzlich tauchen Themen wie Bildungsmisere in deinem Wortschatz auf. Überhaupt finde ich das ganz toll, dass wir jetzt, wo du schwanger bist, wieder viel mehr gemeinsam haben.
Nicht, dass ich dich beneidet hätte. Aber ich kam mir, seit Anna-Lisa und Milan auf der Welt sind, manchmal schon recht dürftig vor, wenn du von deinem ausgeschlafenen Erwachsenenleben berichtetest. Interessanter Job, Gesangsstunden, Chorauftritte, aufregende Pläne, mit der Clique in smarten Bars herumhängen und bis morgens um drei Krimis lesen – das hat doch was! Während ich mit Ach und Krach meine Halbtagsstelle schaffte und ansonsten nur Milchreis und Masern im Kopf hatte.
Wirklich schade, dass wir uns ausgerechnet jetzt nicht sehen können. Das waren noch Zeiten, als wir im selben Haus wohnten und nur durch eine Zimmerdecke getrennt waren. Oft horchte ich abends beim Abendbrotmachen auf deine Schritte im Treppenhaus. Weißt du noch? Wenn du dann „auf einen Sprung“ hereinkamst, hockten wir oft noch stundenlang zusammen. Auf diese Weise hast du wenigstens eine solide Ausbildung im Kinder-ins-Bett-Bringen erhalten. Jetzt müssen wir mit E-Mails vorlieb nehmen. Nun ja, besser als gar nichts.
Schreib mir bald,
deine Sonja
Thema: Oh Baby!
Datum: 14.2.
From: [email protected]: [email protected]
Liebe Sonja,
ich war heute Morgen beim Frauenarzt: Er hat mir herzlich gratuliert und gesagt, dass ich mit fünfunddreißig im besten Alter bin. Mit dem Baby sei auch alles in Ordnung. Das hat mich wieder aufgerichtet. Denn das Gespräch mit Heiko war ziemlich herb.
Ich weiß nicht, was ich mir vorgestellt hatte: Mein Leben ist schließlich kein Hollywoodfilm und Heiko, wie gesagt, nicht der Typ, der vor Freude Purzelbäume schlägt, wenn er hört, dass er Vater wird. Trotzdem hatte ich insgeheim gehofft, dass er mich in den Arm nimmt und „Wir schaffen das schon“ oder etwas ähnlich Aufmunterndes murmelt – schließlich habe ich ja auch meine Zweifel. Stattdessen kam erst mal gar nichts. Heiko stocherte ewig lange in seinem Kartoffelgratin herum, schließlich schob er seinen Teller weg und sagte, ohne mich anzusehen: „Hanne, das musst du entscheiden.“ Das Wort „entscheiden“ hat reingehauen!
Ich habe mir jetzt vorsorglich einen Beratungstermin bei pro familia geben lassen.
Ziemlich fertig,
deine Hanne
PS. So toll ist mein Single-Dasein nun auch wieder nicht. Klar war ich oft froh, dass ich mich nach einem Besuch bei euch in mein sauberes und ruhiges Apartment zurückziehen konnte. Oft kriegte ich aber auch den Blues, sobald ich allein auf meinem krümelfreien Sofa hockte. Wer fragt schon nach mir? Wer braucht mich wirklich?
Thema: RE: Oh Baby!
Datum: 15.2.
From: [email protected]: [email protected]
Liebe Hanne,
bist du verrückt? Was willst du denn bei pro familia? Lass dir doch bloß nicht einreden, dass es da noch was zu entscheiden gibt. Du willst das Kind doch! Stell dir mal vor, du würdest es tatsächlich abtreiben. Es ist ja nicht so, dass uns in unserem Alter reihenweise Männer über den Weg laufen, die drängeln, Verantwortung für eine Familie zu übernehmen. Das kann noch ewig dauern, bis du den Ideal-Vater triffst. Und bis dahin fängst du jedes Mal an zu heulen, wenn du an einem Kinderwagen vorbeikommst.
Trotzdem kann ich verstehen, dass du enttäuscht bist. Insgeheim sind wir Frauen gegen jede Vernunft davon überzeugt, dass das Kind ein Allheilmittel ist. Wenn das Baby erst mal da ist, wird sich schon alles finden, denken wir. Wenn der angehende Vater das anders sieht, fühlen wir uns abgelehnt. Der Wunsch nach einem Kind ist bei uns in erster Linie etwas Körperliches, fragt nicht nach Kosten und guten Gründen. Das hat auch damit zu tun, dass wir jeden Monat daran erinnert werden, dass unser Körper auch als Brutkasten zu gebrauchen ist. Bei den meisten Männern ist der Kinderwunsch, wenn überhaupt, nicht so drängend. Denn Vaterschaft ist eher eine sozial vermittelte Identität. Selbst Frank, der im Prinzip eine Familie wollte, ist mir in dieser Frage hinterhergestolpert. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten wir erst einmal ein paar Jahre kinderlos zusammengelebt.
Dein Heiko hat mit dem Thema offenbar gar nichts am Hut. Vielleicht gehört er zu den Spätberufenen, die Mitte fünfzig plötzlich ihren Familiensinn entdecken. Aber das würde dir dann auch nichts mehr nützen. Jetzt mal Hand aufs Herz: Ich kenne jede Menge Frauen, die ihren Kinderwunsch aus Rücksicht auf ihre zögerlichen Männer nach hinten geschoben haben, bis es für sie zu spät war. Andere klammern sich an das Prinzip Hoffnung und suchen, wenn die sich irgendwann ins Nichts verflüchtigt, mit Ende dreißig panisch einen neuen Mann – den Zuschlag kriegen dann oft Typen, deren einzige Qualifikation darin besteht, dass sie sich nicht vehement gegen das Thema Fortpflanzung wehren. Willst du bei diesem traurigen Spiel mitmachen? Nein, meine Liebe, so hart das klingt: Je eher du Heiko aus deinem Leben streichst, desto eher hast du den Kopf frei, um über die wirklich wichtigen Dinge nachzudenken.
Tut mir Leid, aber so sehe ich das.
Deine Sonja
Thema: Richtiger ZeitpunktDatum: 20.2.From: [email protected]: [email protected]
Liebe Sonja,
den Beratungstermin habe ich abgesagt. Danke, dass du mir den Kopf zurechtgerückt hast. Es stimmt, dass ich das Baby will. Auch habe ich in der Tat große Angst, dass es irgendwann mal zu spät sein könnte. Denn das, was du über den „richtigen Zeitpunkt“ geschrieben hast, ist sehr wahr.
Genau genommen wünsche ich mir schon lange ein Kind.
Soll ich dir ein Geheimnis verraten? Wenn ich in der Nähe der Hauptwache war, habe ich es immer so eingerichtet, dass ich rein zufällig bei Prénatal vorbeikam. Dann habe ich mir diese ganzen faszinierenden Utensilien angeschaut und mir vorgestellt, wie ich mein Baby bade, anziehe und füttere.
Dass das Kinderhaben in der Realität nichts mit solchen Puppenmutter-Fantasien zu tun hat, weiß ich auch. Gerade deshalb habe ich mir immer gesagt: Du musst erst einmal Boden unter den Füßen, was Eigenes aufgebaut haben. Schließlich wollte ich nicht werden wie meine Mutter, die einen schweigenden Groll gegen meinen Vater hegte, weil der seine Talente entwickeln und sich auf internationalen Kongressen wichtig machen konnte. Während sie sich mit liegen gelassenen Anoraks, verhauenen Mathearbeiten, aufgeschlagenen Knien und Hundescheiße an Kinderstiefeln herumschlagen musste.
Zuerst galt es, die Buchhändlerlehre möglichst gut abzuschließen. Danach die erste Stelle. Du erinnerst dich, ich war damals mit Rainer zusammen. Mit dem hätte ich mir ein Kind vorstellen können. Aber er studierte noch und wovon hätten wir leben sollen? Irgendwann erschien mir mein Job immer dröger und ich beschloss, noch zu studieren. Kurz darauf ging die Beziehung zu Rainer kaputt.
Nach der Zwischenprüfung bekam ich die Hilfskraftstelle in der Bibliothek und lernte Ronald kennen. Der brauchte ziemlich lange, bis er seine alte Freundin verdaut hatte. Als er so weit war, begannen bei mir die Examensvorbereitungen. Ein Baby hätte da wirklich nicht gepasst.
Nach dem Examen dann die bange Frage: Was nun? Ich lebte von der Hand in den Mund, schrieb hier einen Hörfunkbeitrag, da einen Artikel für ein Literaturlexikon und machte ein unbezahltes Praktikum nach dem anderen. Nicht der ideale Zeitpunkt für die Gründung einer Familie. Dann ergab sich ganz kurzfristig das Ding mit dem eigenen Laden. Mein Traumladen! Ich habe mich in dieses Abenteuer gestürzt und vergaß das Thema Fortpflanzung. Die Beziehung zu Ronald war über dem ganzen Stress ohnehin auf der Strecke geblieben.
Vor etwa einem Jahr fing es an, dass ich abends, wenn ich in meine leere Wohnung zurückkam, immer öfter in Katerstimmung verfiel. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das Eigentliche an meinem Leben noch fehlt. Nennen wir es Bodenhaftung. Oder Verankerung. Aber damit ist es jetzt vorbei. Nie habe ich mich, im wahrsten Sinne des Wortes, so erfüllt gefühlt.
Obwohl ich absolut nicht weiß, wie das rein praktisch funktionieren soll …
Schreib mir bald wieder,
deine Hanne
Thema: Technik und TerrorDatum: 20.2.
From: [email protected]: [email protected]
Liebe Hanne,
ich bin froh, dass du dich so entschieden hast. Alles andere wäre die größte Dummheit deines Lebens gewesen.
Jetzt zum Drumherum: Du klagst ja schon lange darüber, dass der Buchladen nicht so gut läuft. Gibt es irgendeine Idee, mit der man das Geschäft ankurbeln könnte? Sodass du wenigstens halbtags jemanden einstellen könntest, der dich vertritt? Oder könntest du dir vorstellen, dein Baby tagsüber in eine Krippe zu bringen? Andere Möglichkeit: Kennst du vielleicht eine Frau, die auch ein Kind erwartet und mit der du dich bei der Kinderbetreuung abwechseln könntest? Mit der du vielleicht sogar zusammenwohnen würdest? Wird Heiko für das Kind zahlen? Könnten dir deine Eltern Geld leihen?
Du wirst ganz bestimmt kein Fall für ALG II. Dafür bist du nicht der Typ. Mit ein bisschen Improvisationstalent kriegst du das schon hin. Zur Not kann man die Buchmesse auch mit Kinderwagen besuchen!
Und vergiss nicht: Schwerer ist oft leichter. Dann sind die Verhältnisse wenigstens klar. Denn es gibt auch Alleinerziehende in der Ehe!
Halt die Ohren steif,
deine Sonja
Westdeutscher Betreuungs-Notstand
Nur für 8,5 Prozent der Kleinkinder unter drei Jahren steht ein Krippenplatz bereit. Kindergärten in den alten Bundesländern entlassen ihre „Kunden“ in der Regel noch vor dem Mittagessen. Hortplätze gibt es nur für 5 Prozent der Schulkinder. Die Folge: Hunderttausende Mütter müssen ihre Berufspläne in den Wind schreiben. Während kinderlose Paare zu 90 Prozent als Doppelverdiener Geld scheffeln, sind nur bei 70 Prozent der Elternpaare beide Partner berufstätig. Die Quote sinkt mit zunehmender Kinderzahl – nur noch 55 Prozent der Familien mit drei Kindern beziehen ein zweites Gehalt. Dieses ist meistens nur ein Teilzeitlohn, der größtenteils für die Betreuung der Kleinen draufgeht. Angesichts der schrumpfenden Geburtenrate und dem sich abzeichnenden Mangel an qualifizierten Arbeitskräften werden diese Zustände zunehmend auch von Politik und Wirtschaft kritisiert. Was die Umsetzung notwendiger Gegenmaßnahmen angeht, kann von einem Durchbruch allerdings noch längst nicht die Rede sein. „Wenn wir das Tempo der vergangenen zehn Jahre weitermachen, dann brauchen wir 120 Jahre, um das derzeitige Niveau Frankreichs zu erreichen, und 304 Jahre, bis wir so weit sind wie die Dänen“, hat die SPD-Politikerin Renate Schmidt im April 2005 gegenüber der Zeitschrift BRIGITTE gesagt. Die allgemeine Zögerlichkeit hat allerdings nicht nur mit leeren Kassen zu tun. Denn das westdeutsche Familienbild ist nach wie von einer tiefen Abneigung gegen Gemeinschaftserziehung geprägt. Entsprechend sieht ein normaler Werktag in der Ideal-Familie immer noch so aus: Morgens geht Papi in die Arbeit, Mami geht mit dem Baby zum Babyschwimmen und wenn mittags die Große aus der Schule kommt, steht das Essen auf dem Tisch. Nachmittags übt die Mutter Rechtschreibung mit der Älteren und macht mit dem Baby im Kinderwagen einen Spaziergang im Park, wo sie sich mit anderen Müttern über Giftstoffe in Beruhigungsschnullern austauscht. Abends kommt Papi nach Hause und darf stolz auf seine Familie sein. Mütter auf Dienstreisen und Väter, die vom Büro aus per E-Mail die Hausaufgaben kontrollieren, sind in diesem Szenario nicht vorgesehen.
Thema: RE: Technik und TerrorDatum: 21.2.
From: [email protected]: [email protected]
Liebe Sonja,
ziemlich viele Fragen. Zu viele für mich im Moment. Ich bin noch völlig überrumpelt von der neuen Situation. Vielleicht sind es auch die Hormone. Jedenfalls fehlt mir die Kraft und der Weitblick, um das Organisatorische anzupacken. Für heute nur so viel:
Als Ersatz für meine eigene Arbeit müsste ich mindestens zwei Frauen engagieren. Wer außer mir selbst stellt sich schon sechs Tage die Woche in den Laden und verzichtet auf seinen Jahresurlaub? Kinderkrippe – weiß nicht. Vielleicht sehe ich das falsch, aber jeder, der nur ein einziges Mal ein Buch über Entwicklungspsychologie aufgeschlagen hat, weiß doch, wie wichtig die ersten drei Jahre sind. Eine Kinderkrippe kann doch immer nur eine Notlösung sein, oder? Jedenfalls hält sich bei mir hartnäckig der Gedanke, dass nur aidskranke Alkoholiker ihre Kinder dort hinbringen. Stimmt schon, politisch korrekt hört sich das nicht an. Dafür scheint es aber wahr zu sein: Vor ein paar Tagen habe ich mir eine neue Brille ausgesucht und wurde von einer Frau beraten, die früher mal Erzieherin war und den Job geschmissen hat, weil sie den nicht mehr ausgehalten hat. Wir kamen ins Gespräch und sie hat von sich aus gesagt, dass hierzulande die wenigen Krippenplätze, die es gibt, von Kindern aus Problemfamilien besetzt werden. Mit sämtlichen Verhaltensstörungen, die man sich vorstellen kann.
Ich weiß, so was darf man nicht laut sagen. Aber jetzt mal unter uns: Will man das für sein Kind? Eher nicht! Aber das mit der Mütter-WG ist eine gute Idee. Ich werde darüber nachdenken.
Lass von dir hören,
deine Hanne
Thema: Noch ein Kind?
Datum: 25.2.
From: [email protected]: [email protected]
Liebe Hanne,
ich kann mir vorstellen, dass du erschöpft bist. Tut mir Leid, dass ich so vorgeprescht bin. Vielleicht sollte ich, statt dich auszuquetschen, mal was von mir erzählen.
Glaub ja nicht, dass ich mit dem Thema „Kind“ abgeschlossen habe, bloß, weil ich nun schon zwei habe. Als ich von deiner Schwangerschaft erfuhr, fühlte ich gleich wieder so ein merkwürdiges, wehmütiges Ziehen in der Bauchgegend. Ich kriege das öfter, wenn mir eine Geburtsanzeige ins Haus flattert, wenn ich im Wartezimmer meines Gynäkologen in den Ratgeberbroschüren für Schwangere blättere oder wenn eine Freundin mit ihrem Neugeborenen vorbeikommt.
„Was wäre wenn …?“, fragt dann, ganz vorsichtig, eine Stimme, die ganz tief aus meinem Inneren kommt. Erinnerungen tauchen auf: an die feierliche, erwartungsvolle Stimmung, die sich im Haus verbreitet, wenn der Geburtstermin näher rückt. An das Gefühl des Einsseins mit dem Leben, wenn die Hebamme einem das glitschige, zerknautschte Wesen auf die Brust legt, das nun tatsächlich auf der Welt ist. An das erste Lächeln, die erste durchgeschlafene Nacht, den ersten Schnupfen. An den Geruch von verschwitzten Kinderköpfen nach einem langen Sommernachmittag im Garten …
Blödsinn, sagt der Verstand, zwei Kinder sind mehr als dir gut tut. Hast du etwa nicht genug von voll gesabberten Blusen, mit Karottenmus bespuckten Pullovern, Ringen unter den Augen und hormonumstellungsbedingtem Haarausfall? Würdest du nicht lieber mal wieder Tennis spielen oder tanzen gehen, statt aufs Neue Beckenbodenübungen zu machen und weitere drei Jahre Kindergarten-Elternabende zu besuchen?
Klar, sagt das Herz. Sicher wäre das schön! Endlich mal wieder schick angezogen, fit und gepflegt herumlaufen, bevor das Alter kommt und sich die erotische Tarnkappe über mich senkt. Aber andererseits: Nie habe ich mich so wohl gefühlt wie in der Zeit meiner ersten Schwangerschaft. Ich hatte seidiges Haar, eine glatte Haut und zum ersten Mal im Leben das Gefühl, wirklich etwas zu leisten. Von einem Tag auf den anderen fühlte ich mich anerkannt und wichtig.
Gut, die Kotzerei am Anfang. Aber dann ging es mir hervorragend. Ich machte jeden Tag eine Stunde Gymnastik, kochte mir Gemüsesuppen, gönnte mir jeden Tag einen ausgiebigen Mittagsschlaf, machte lange Spaziergänge. Und ich hatte ein gutes Gewissen dabei. All das geschah schließlich für einen guten Zweck.
Und dann die erste Zeit mit Anna-Lisa. Sicher war das anstrengend. Aber andererseits: Nie habe ich mir so wenig Fragen gestellt wie damals. Immer wusste ich, was ich zu tun hatte: stillen, wickeln, Baby tragen, Windeleimer leeren, Waschmaschine füllen, Baby tragen, füttern, wickeln, Baby tragen, Wäsche aufhängen, Baby tragen und so weiter und so fort. Meine ganze Existenz hing von dem Kind ab. Niemand wollte von mir wissen, wie ich mir meine Zukunft vorstellte. Meine einzige Aufgabe bestand darin, den jeweiligen Tag zu meistern.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich über ein drittes Kind nachdenke. Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht so recht, was ich mit fünf Jahren Amerika anfangen soll.
Was sagst du dazu?
Deine Sonja
Thema: Tolles Gefühl!
Datum: 28.2.
From: [email protected]: [email protected]
Liebe Sonja,
ich kann verstehen, dass du dich mit dickem Bauch gut gefühlt hast. Mir geht es auch so. Es ist ein tolles Gefühl, ein Kind in sich wachsen zu lassen. Ehrlich gesagt bin ich richtig stolz auf meinen Körper, dass er zu einer solchen Leistung fähig ist. Irgendein kluger Wissenschaftler hat mal den Begriff von der „Funktionslust“ geprägt. Damit ist, glaube ich, die Freude daran gemeint, dass die eigene Biologie zum Zuge kommt. Dass unsere Gebärmutter, unsere Eierstöcke und unsere Brüste nicht brachliegen, sondern ihren Zweck erfüllen. Offenbar gibt es in den meisten Menschen eine tief verwurzelte Scheu vor dem Leerlauf einer sexuellen Funktion: Fruchtbar sein ist eindeutig schöner als unfruchtbar zu sein!
Ich merke vor allem, dass ich mir selbst gegenüber viel nachsichtiger geworden bin. Früher war mein erster Gedanke morgens immer: Was muss ich heute alles erledigen? Wie kann ich das schaffen? Heute fällt mir als Erstes das Baby ein und ich fühle mich unbeirrbar. Ich mache meinen Job, funktioniere weiter – klar –, aber der Druck ist weg.
Dir kann ich es ja sagen: Ich habe gestern sogar schon einen winzig kleinen Strick-Schlafsack nebst passendem Mützchen gekauft. Albern, nicht? Wo ich noch nicht einmal im dritten Monat bin.
Dass du über ein drittes Kind nachdenkst, freut mich natürlich. Allein schon, weil ich mich – wenn das tatsächlich klappen sollte – in guter Gesellschaft fühlen würde. Wir könnten dann gemeinsam in Glückshormonen baden, über Folsäuremangel fachsimpeln und die Liste der angesagten Vornamen durchgehen. Andererseits hast du dich doch so sehr auf deine Auszeit in den USA gefreut. Was ist passiert?
Liebe Grüße,
deine Hanne
Thema: Sinn und RichtungDatum: 1.3.
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Liebe Hanne,
als wir noch in Deutschland waren und ich jeden Morgen in die Schule musste, habe ich immer gedacht: Wie herrlich wäre es, wenn ich Zeit hätte, meine Sachen zu machen! Okay, der Job als Lehrerin hatte auch seine schönen Seiten. Aber nach zwei Jahren Referendariat und alles in allem fünf Jahren Schule hatte ich genug davon.
Du warst ja oft dabei, wenn ich Pläne machte: Meine Englischkenntnisse wollte ich verbessern, amerikanische Literatur studieren, Fotos sortieren und in Alben kleben (altmodisch, aber schön!), einen PDA kaufen und mit Daten füttern, um endlich von der Sorge befreit zu sein, ich könnte eines Tages mein ohnehin unlesbares Adressbuch verlieren. Vielleicht wollte ich sogar eine Doktorarbeit schreiben.
Jetzt sitze ich in meinem Vorstadt-Bungalow zwischen meinen Umzugskisten und habe nicht einmal Lust auszupacken. Anna-Lisa ist bis 15.00 Uhr in der Schule; Milan immerhin bis 13.00 im Kindergarten. Frank ist vollkommen abgetaucht in seinem neuen Job. Klar, der braucht sich keine Fragen zu stellen – wegen ihm sind wir schließlich hier. Er hat eine Aufgabe, einen Dienstwagen, ein Büro, zwei Sekretärinnen, einen vollen Terminkalender. Er selbst sagt: Ich bin in der Tretmühle. Ich hingegen bin vollkommen am Schwimmen. Keiner will was von mir, außer einem Haufen Handwerker, die an allen Ecken des Hauses herumhämmern, pinseln, kacheln, Kabel verlegen und Dreck machen (ich werde fast wahnsinnig!).
