9,99 €
Rowohlt E-Book Monographie Willy Brandt hat entscheidend mitgewirkt an der Aussöhnung von Ost und West nach dem Kalten Krieg. Und wie wenigen Politikern gelang es ihm, auch die Herzen der Menschen zu erobern – sie nannten ihn liebevoll «Willy». Unbestritten ist er einer der bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts. Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2013
Carola Stern
Rowohlt E-Book Monographie
Willy Brandt hat entscheidend mitgewirkt an der Aussöhnung von Ost und West nach dem Kalten Krieg. Und wie wenigen Politikern gelang es ihm, auch die Herzen der Menschen zu erobern – sie nannten ihn liebevoll «Willy». Unbestritten ist er einer der bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts.
Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.
rowohlts monographien
begründet von Kurt Kusenberg
herausgegeben von Uwe Naumann
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober 2013
Copyright © 1988, 2002 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Redaktionsassistenz Katrin Finkemeier
Das Bildmaterial der gedruckten Buchausgabe ist im E-Book nicht enthalten
Umschlaggestaltung Ivar Bläsi
(Abbildung: akg-images, Berlin [Willy Brandt, 1983])
Satz CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-644-50171-3
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.
Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
www.rowohlt.de
Kindheit und Jugend – Lübeck (1913–33)
Emigration – Skandinavien (1933–46)
Berlin (1946–66)
Kanzlerkandidat (1960–65)
Der Außenminister (1966–69)
Der Bundeskanzler (1969–74)
Weltbürger und Patriot (1974–92)
Zeittafel
Zeugnisse
Bibliographie
1. Willy Brandt als Autor
2. Bücher über Willy Brandt
3. Weitere Literatur zum Thema
Dank
Alle streben danach, «sich abzurackern und frühzeitig fertig zu machen. Hab’s zwar auch nicht besser getrieben, aber ich hab’s ausgehalten», schreibt der dreiundsiebzigjährige August Bebel im Sommer 1913 aus der Schweiz an Karl Kautsky. «Freilich nun ist’s aus.» Am 13. August, ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, stirbt der Vorsitzende der damals größten und erfolgreichsten sozialdemokratischen Partei Europas unweit von Chur in einem Sanatorium.
Über ein halbes Jahrhundert später sieht einer der Nachfolger Bebels in der SPD, der Bundeskanzler Willy Brandt, endlich die Chance gekommen, den großen Ausgleich zu schaffen, von dem Bebel schon gesprochen hat, […] das Vaterland der Liebe und der Gerechtigkeit zu gestalten – soweit man dies auf Erden zustande bringen kann[1].
Wie ernst war dies Programm gemeint? Wurde einer Tradition die Reverenz erwiesen? Sollte sozialdemokratische Kontinuität beschworen werden? Oder wollte ein Politiker mitten im Atomzeitalter, nicht mehr weit entfernt vom Jahr 2000, ernsthaft wagen, eine schöne Utopie des 19. Jahrhunderts zu verwirklichen? Stammen Brandts politische Motive aus der deutschen Arbeiterbewegung des vorletzten Jahrhunderts, aus der Sozialdemokratie der Bebel-Zeit?
Als Bebel stirbt, kommt Brandt zur Welt – nur wenig später, doch noch im selben Jahr; wird er in den Sozialismus sozusagen hineingeboren. Dieser Sozialismus hat in den zwei Jahrzehnten, in denen Brandt in Lübeck aufwächst, noch viel mit dem des Kaiserreichs zu tun. Gewiss, als der Junge bei der Kindergruppe des Arbeitersportvereins und den sozialistischen Kinderfreunden angemeldet wird, ist Deutschland Republik. Als er zur Jugendweihe geht, regiert in seiner Heimat, der 700 Jahre alten «Stadt der sieben Türme», erstmals ein Sozialdemokrat als Bürgermeister. Als er Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) wird, wählt der Reichstag in Berlin den Sozialdemokraten Hermann Müller zum Kanzler einer Koalitionsregierung. Im Unterschied zum Kaiserreich sind die Sozialdemokraten an der Macht beteiligt. Aber das heißt nicht, dass sie sich gleichberechtigt, als Bürger unter Bürgern fühlen können. Die meisten einfachen Parteimitglieder leben weiter am Rand der Gesellschaft, halb freiwillig und halb dazu gezwungen – jedenfalls in einer so traditionsreich-bürgerlichen, so lange von Patriziern beherrschten alten Hansestadt wie Lübeck. «Dieselbe riecht wahrhaft wohlhabend, stinkt sozusagen behäbig», hat Heinrich Mann über seine Vaterstadt geschrieben. Wie die Bürger sind auch die Sozialdemokraten hier besonders traditionsbewusst. Stolz erinnern sich alte SPD-Mitglieder des Lübecker Parteitages 1901, auf dem Bebel die alte freie Reichsstadt als Hochburg der Sozialdemokratie gefeiert hatte. Mit der Zahl der Industriebetriebe in der Stadt war auch die Zahl der SPD-Mitglieder gestiegen. 1913, als Willy Brandt geboren wurde, gab es bereits 6000 Sozialdemokraten in Lübeck, und trotz Behinderung durch das Klassenwahlrecht saßen vier von ihnen in der Bürgerschaft.
Ob Kaiserreich, ob Republik – die Bürger hatten ihre Zirkel, Soireen, Vereine und Vergnügen, die «Sozis» ihren eigenen Staat im Staat. Lübsche Bürger besaßen Abonnements im Stadttheater, lübsche Arbeiter besuchten proletarische Feierstunden, auf denen Sprechchorwerke dargeboten wurden. Bürger vergnügten sich beim Schützenfest, Genossen beim Stiftungsfest des Arbeiterrad- und Kraftfahrbundes «Solidarität» oder bei der freireligiösen Sonnenwendfeier, wo die Tanzgruppe der Naturfreunde und ein Bewegungschor auftraten. Ein Bürger Lübecks war der spätere Ehrenbürger nicht. Seine Heimat ist die Lübecker Genossenwelt der zwanziger und frühen dreißiger Jahre. Wenn man mich heute fragt, wie ich Sozialist wurde, müsste ich antworten: Durch meine Mutter. Sie war zwar damals sehr jung [erst 19, als der Sohn geboren wurde], aber […] mit 18 war sie schon in der Gewerkschaftsjugend, der Kulturgruppe, der Genossenschaft. So wurde ich nicht nur in die sozialistische und Gewerkschaftsbewegung hineingeboren – ich wuchs mit ihnen auf.[2]
Martha Frahm war Verkäuferin beim Konsum und hatte nur wenig Zeit, sich um den Sohn zu kümmern. Sein Großvater, genauer wohl sein Adoptiv-Großvater, hat ihn weit mehr beeinflusst als die Mutter; auch diese kam vermutlich als nicht eheliches Kind noch vor der Heirat ihrer Mutter mit einem anderen Mann als Marthas Vater, eben mit Ludwig Frahm, zur Welt. Ludwig Frahm war wie viele andere Landarbeiter aus dem Mecklenburgischen mit Marthas Mutter und dem Kind nach Lübeck zugezogen, zunächst Arbeiter, dann Lastwagenfahrer in einem Großbetrieb und aktives SPD-Mitglied geworden. Aus dem Krieg zurückgekehrt, heiratete der nun Verwitwete 1919 wieder, fand in der Arbeitervorstadt St. Lorenz eine Wohnung und nahm den Enkel Herbert zu sich. Den Namen seines Vaters, des Hamburger Buchhalters John Möller, erfuhr der Junge später, weigerte sich jedoch auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch, dem Vater zu begegnen.[3]
Ich will es nicht dramatisieren, das mit der schwierigen Kindheit oder nicht ganz einfachen Kindheit. […] Ich möchte es nicht schwieriger machen, als es war. Man hat gut für mich gesorgt, das war es nicht. Aber […] man unterschied sich von anderen.[4]
Jugendliches Aufbegehren richtet sich nicht gegen die Familie, sondern mit der zusammen gegen eine Bürgerwelt, in der nicht ehelich geboren zu werden als Makel gilt. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Liebe, der Glaube an den Sozialismus wird bekräftigt durch das doppelte Zurückgesetztsein.
Mit vierzehn erhält der aufgeweckte Junge eine Freistelle am Johanneum, einem der ältesten Gymnasien der Stadt. […] eine wichtige Etappe in meinem Leben, […] vor allem, weil ich zum ersten Mal in eine wenn nicht feindliche, so doch mir fremde Welt geriet.[5]
Von den Mitschülern trennen ihn Herkunft und Interessen. Meine Schulkameraden waren Experten in Autos, Fußball, Segelflug – ich war «der Politiker».[6] Das Verhältnis zueinander wird weniger durch politische Gegensätze als durch die Scheu des Schülers Frahm bestimmt, sich anderen Menschen anzuschließen. Ich hatte viele Freunde, aber im Grunde keinen, der mir wirklich nahe war. […] Lange Jahre gewohnt, mit mir allein auszukommen, fiel es mir nicht leicht, meine Gefühle und innersten Gedanken mit anderen zu teilen.[7]
Zunächst gehört der Außenseiter zu den besten Schülern des Gymnasiums. Später lässt er die Schulaufgaben oft links liegen, «die Politik» ist wichtiger. Deutsch und Geschichte waren seine Lieblingsfächer. Den Abituraufsatz in Geschichte schreibt der Junge über August Bebel und erhält, wie immer in Geschichte, im Abgangszeugnis eine Eins.
Sein «eigentliches Leben» spielt sich außerhalb der Schule ab, zunächst in der Roten-Falken-Gruppe, dann in der SAJ und SPD. Unter Gleichgesinnten ist er weniger scheu als in der Schule. Er kann großartig reden und wird als Wortführer der Jungens akzeptiert. Er kann auch besser als die anderen schreiben. Für die sozialdemokratische Tageszeitung, den «Lübecker Volksboten», verfasst er schon als Fünfzehnjähriger Artikel. Der Kindertraum, «zur See zu gehen», Matrose, Kapitän zu werden, wird abgelöst durch ein Berufsziel: Journalist.
Im Unterschied zu anderen jungen Linken entwickelt der Schüler Frahm für den Marxismus nur begrenzt Interesse. Er fühlt sich als «Politiker», nicht als «Theoretiker». Und um die bestehende Gesellschaft abzulehnen, bedarf er, im Unterschied zu Bürgersöhnen, nicht der theoretischen Begründung. An prononcierten sozialistischen Bekenntnissen fehlt es nicht in seinem Leben, doch auf Marx und Engels beruft er sich nur selten. Im Sozialismus sucht der Jüngling nicht vornehmlich ein Instrument zur Welterklärung, ein festes Denkgebäude, sondern vor allem eine idealistische Gemeinschaft Gleichgesinnter, die, wie es schon die Statuten der I. Internationale fordern, «Wahrheit, Gerechtigkeit und Sittlichkeit als Regeln ihres Verhaltens anerkennen». Sozialismus als Lebensform, die sozialistische Jugendbewegung als Heimat, als Ersatz für die Familie – Überzeugung und Gesinnung: Moralische Postulate sind bestimmend. Das Bedürfnis nach Verständnis, Anlehnung und Wärme muss der Jugendliche aus dem vollproletarischen Haushalt anderswo als im Elternhaus befriedigen: […] die Jugendbewegung gibt den Genossen einen Halt.[8]Wir müssen in den Gruppen viel mehr daran arbeiten, dass wir wirkliche Gemeinschaften werden. Gemeinsame Arbeit und gemeinsame Freude müssen die Leitworte der Gruppen sein.[9] Unter anderen Umständen wäre der Junge vielleicht aktiver Christ geworden.
In der Lübecker Sozialdemokratie und in der sozialistischen Emigration fand der Vaterlose seine politischen Mentoren und geistigen Väter: Julius Leber und Jakob Walcher. In der Beziehung zu diesen Männern holt er in Etappen, in einem langen, zeitweise schmerzlichen Prozess die Loslösung des Sohnes von der Gestalt des Vaters nach. Offen liegt das in der Beziehung zu Julius Leber.
Der väterliche Freund Willy Brandts wurde 1891 im Elsass als Sohn eines Landwirts geboren und studierte Geschichte und Volkswirtschaft. Als Mitglied der SPD nahm er als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil. 1921 übertrug ihm seine Partei die Chefredaktion des «Lübecker Volksboten», und er wurde Mitglied der Lübecker Bürgerschaft. Von 1924 bis 1933 vertrat Leber die sozialdemokratische Wählerschaft der Stadt im Reichstag. Von 1933 bis 1937 im KZ und im Gefängnis. Danach setzte er seinen Widerstand gegen den NS-Staat in Zusammenarbeit mit Männern wie Mierendorff, Trott zu Solz und Stauffenberg fort. Am 4. Juli 1944 wurde Leber verhaftet, am 20. Oktober vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt und im Januar 1945 hingerichtet.
Als Brandt 1929 in die SAJ, im Jahr darauf dann in die SPD eintrat, war Leber deren Vorsitzender in Lübeck. Die Verehrung und Bewunderung der Genossen galten seiner starken Persönlichkeit, entzündeten sich an der Leidenschaft, mit der er Politik betrieb, an seinem kämpferischen Charakter, der mitreißenden Rednergabe eines Volkstribunen. Die jüngeren Genossen hatten politisch eine Menge an ihm auszusetzen. Leber war ein «Rechter» innerhalb der SPD, kein Klassenkämpfer, sondern ein radikaler Demokrat, nicht internationalistisch gesinnt, sondern patriotisch. Ihren Antimilitarismus hielt er für kurzsichtig und naiv. Einig war man sich in der Kritik am unfruchtbaren Mittelmaß vieler Funktionäre.
Rückblickend erscheint es mir, als hätte ich, der ich vaterlos aufgewachsen war, in Bindungen und Spannungen zu ihm gestanden wie ein Sohn zu seinem Vater.[10]
Der Ältere erwidert die Sympathie des Jungen, schätzt und fördert ihn. In meiner Zuneigung zu Leber fand ich mich selbst bestätigt. Sein Zuspruch und seine Anerkennung halfen Zweifel, die ich an mir haben mochte, zu zerstreuen; gerade weil er auch mit dem Tadel nicht zurückhielt und sich nicht scheute, mein jugendliches Ungestüm zu kritisieren. Er tat das mit leichter Ironie, die aber nie verletzend war. Er behandelte mich als seinesgleichen. Er nahm mich für voll.[11]
Doch das «jugendliche Ungestüm» ist stärker als die Bindung an den väterlichen Freund. Die SPD erschüttern schwere innerparteiliche Konflikte. Lohnkürzungen, zunehmende Arbeitslosigkeit, die beginnende Weltwirtschaftskrise radikalisieren die Massen. Der linke Flügel der Partei gewinnt an Boden. Er erhält weitere Verstärkung, als sich die sozialdemokratische Reichstagsfraktion und die Parteiführung zu einer Tolerierungspolitik gegenüber dem rechtskonservativen Brüning-Kabinett entschließen, das mit Notverordnungen regiert. Es gehe darum, so wird die Tolerierungspolitik begründet, die Reichsregierung nicht in die Arme der Rechtsradikalen zu treiben und die preußische Koalitionsregierung zwischen SPD und Zentrum zu erhalten. Das Kabinett Brüning zu tolerieren schwäche nicht die Demokratie, sondern trage dazu bei, sie zu erhalten. Die Parteilinke, insbesondere viele junge SPD-Mitglieder, werfen dagegen ihrer Führung vor, sich durch Kompromisse gegenüber konservativen sowie rechten Gruppen immer weiter vom Parteiprogramm, vom eigentlichen Ziel: dem Sozialismus, zu entfernen. Führung und Parteimehrheit reagieren mit Repressalien. Der Leipziger Parteitag im Sommer 1931 löst die Organisation der Jungsozialisten auf und beschränkt die Selbständigkeit der SAJ.
Auch in Lübeck verschärfen sich die Auseinandersetzungen. Die älteren SPD-Mitglieder stehen auf der Seite Lebers, der die Entscheidung der Führung und Fraktion bejaht. Die Jungen werden an die Parteidisziplin erinnert. Im «Lübecker Volksboten» antwortet Herbert Frahm auf die Ermahnungen der Alten und ihre ewigen Erfahrungen und Abgeklärtheiten: Seid kameradschaftlich! Erkennt endlich, dass in politischer Hinsicht in unserer Organisation wirklich etwas mehr Toleranz am Platze ist. Erkennt doch endlich auch andere Anschauungen neben eurer an. Dabei herrscht ja auch meistens bei den Parteigenossen noch vollkommene Unklarheit über die wirklichen Gedankengänge dieser «radikalen Jugendlichen». So kann zum Beispiel die Jugend mit vollem Recht den Satz Republik, das ist nicht viel – Sozialismus ist das Ziel! zu ihrer Parole machen, ohne damit die Republik als Kampfobjekt der Alten zu verkennen. […] Alle Genossen sollten stolz darauf sein, dass bei uns die Jugend nicht an solche Befehle von oben gebunden ist, wie die kommunistische Jugend an die Befehle ihrer Partei.[12]
Beide Seiten fühlen sich in «vollem Recht» – die Alten in ihrer Kompromissbereitschaft aus Sorge um die Republik, die Jungen in ihrer Radikalität aus Sorge um den Sozialismus. Frahm und andere SAJler sind entschlossen, sich den linksoppositionellen Sozialdemokraten anzuschließen, die Anfang Oktober 1931 die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) gegründet haben – eine «revolutionäre Klassenpartei», vornehmlich von Intellektuellen und Jugendlichen. Im Lübecker Gewerkschaftshaus beschuldigen sich im Oktober 1931 der SPD-Vorstand der Stadt und die Rebellen, angeführt von dem Studenten Emil Peters und dem Schüler Herbert Frahm, gegenseitig des Verrats. Leber versucht, seinen Schützling in der SPD zu halten: «Sie wissen doch trotz Ihrer Jugend ein gutes Buch, einen guten Tropfen, die Gunst eines schönen Mädchens zu schätzen. Sie sind auch sonst ganz normal. Sie gehören nicht zu diesen Sektierern.»[13] Aber Frahm verlässt die SPD.
Es war die Bebel’sche Sozialdemokratie, die in den jungen Linkssozialisten lebendig war. Es war das, was mein Großvater mir eigentlich gesagt hatte, uns vermittelt hatte. Und es war das Unbefriedigtsein vom Weimarer Staat, wobei wir nur damals glaubten – das war der eigentliche Irrtum –, dass es am zu geringen Sozialismus läge; es lag aber an der zu wenig kämpferischen Demokratie, kommentierte der Fünfzigjährige seinen Schritt.[14]
Nur etwa 2,5 Prozent der SPD-Mitglieder schließen sich der SAP an, über 25000 Mitglieder kommt sie nie hinaus, bleibt immer eine Splittergruppe. In Lübeck verlassen nur Einzelne die SPD. Aber unter dem Einfluss Herbert Frahms wechseln etwa hundert Jugendliche, ein Viertel der SAJler Lübecks, zum Sozialistischen Jugendverband (SJV) der SAP. Frahm wird Vorsitzender. Wenige Monate später, bei den Reichstagswahlen im Juli 1932, kandidiert erstmals auch die SAP in Lübeck. Sie erhält 200 Stimmen (0,2%). Stärkste Partei wird, auch dies ist neu in Lübeck, mit fast 36000 Stimmen (41,2%) die NSDAP. Im Laufe von nur zwei Jahren hat sich ihre Wählerschaft mehr als verdoppelt. Sechs Monate später kommt Hitler an die Macht.
Die Mitglieder der Lübecker SAP hatte der Schriftsteller Paul Frölich, einer der führenden Männer der Partei, schon kurz zuvor mit den wichtigsten Techniken des politischen Widerstands vertraut gemacht. Nach dem 30. Januar verfasste Herbert Frahm, nach dem Abitur Volontär bei einer Lübecker Schiffsmaklerfirma, zusammen mit seinem Genossen Emil Peters illegale Flugblätter. «Eine Frau war bereit», erinnert sich Peters, «in ihrer Wohnung unter Lebensgefahr die Wachsmatrizen zu schreiben. Wir versteckten sie unter dem Teppich. Mein Freund Werner Häuer […] zeigte uns den Weg in das Büro seines Vaters. Dort stiegen wir in der Nacht über den Dachboden ein, um an den Vervielfältigungsapparat heranzukommen. Je fünf Zeitungen steckten wir dann in einen Umschlag, und in der nächsten Nacht schlichen wir von hinten durch die Gärten an die Hausbriefkästen und warfen die Umschläge hinein.»[15]
1919 Wahl Friedrich Eberts (SPD) zum Reichspräsidenten. SPD, Demokraten und Zentrum bilden die erste Nachkriegsregierung, die so genannte Weimarer Koalition.
1920 Bei vorgezogenen Reichstagswahlen verlieren die Parteien der Weimarer Koalition die absolute Mehrheit. Bis 1928 gehören Sozialdemokraten nur noch kurzfristig der Regierung an.
1925 Tod Friedrich Eberts. Der Kandidat der vereinigten Rechtsparteien Paul von Hindenburg wird Reichspräsident.
1930 Die letzte parlamentarische Regierung der Weimarer Republik, die von dem Sozialdemokraten Hermann Müller 1928 gebildete große Koalition, zerbricht.
1931 Auf dem Leipziger Parteitag der SPD unterliegen jene Delegierte, die gegen eine weitere Tolerierung des mit Notverordnungen regierenden Kabinetts Brüning opponieren. Wortführer dieser Opposition, Max Seydewitz und Kurt Rosenfeld, sowie aus der SPD ausgetretene Intellektuelle und Jugendliche gründen die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) und betonen in einem Aktionsprogramm die Notwendigkeit des Klassenkampfes gegen die bürgerliche Gesellschaft.
1932 «Sozialismus oder Untergang in die Barbarei»: Unter dieser Losung bekennt sich der SAP-Parteitag in Berlin zum revolutionären Kampf, um die Weltwirtschaftskrise und den Kapitalismus zu überwinden und die politische Macht des Proletariats zu erobern.
1933 Reichspräsident von Hindenburg ernennt Adolf Hitler zum Reichskanzler. Zahlreiche Hitlergegner, in der Mehrzahl Sozialisten und Kommunisten, werden verhaftet und in Konzentrationslager eingeliefert. Andere fliehen. Die Neubildung oder Weiterführung von Parteien mit Ausnahme der NSDAP wird verboten.
Bereits im Februar und März 1933 waren Lübecker SAPler festgenommen worden. Durch Zufall erhielt Peters, als Referendar am Schöffengericht tätig, Einblick in die Vernehmungsprotokolle und entnahm daraus, dass sich der Verdacht gegen Frahm zuspitzte, Verfasser illegaler Flugschriften zu sein. Frahm entschließt sich zu fliehen. In der Nacht zum 1. April bringt ihn ein Fischer von Travemünde über die Ostsee nach Dänemark. Nach einigen Tagen fährt er nach Oslo weiter. Dort kommt der Flüchtling mit einigen Hemden in der Aktentasche, dem ersten Band des «Kapital», 100 Reichsmark und einem neuen Namen an. Der Neunzehnjährige nennt sich Willy Brandt.
Einen Decknamen zu benutzen gehört zu den Voraussetzungen der illegalen Arbeit. Auch jene Emigranten, die wie Brandt vom Ausland her Verbindung zum Widerstand in Deutschland hielten und wegen politischer Aktivitäten unter Umständen Schwierigkeiten in ihrem Gastland zu befürchten hatten, bedienten sich bestimmter Pseudonyme, die nur die Eingeweihten kennen sollten. Brandt unterscheidet sich darin nicht von anderen Flüchtlingen und Illegalen. Als er im Februar 1933 über Berlin nach Dresden reiste, um an einer illegalen Konferenz seiner Partei in einem Dresdener Vorort teilzunehmen, tarnte er sich erstmals mit dem Namen Willy Brandt.[16] Unter diesem Pseudonym schrieb er in der Emigration mehrere Bücher sowie zahlreiche Artikel. Allein schon deshalb leuchtet ein, dass Brandt, im Unterschied zu anderen Re-Emigranten, den selbst gewählten Namen auch nach 1945 beibehielt. Willy Brandt kannte man bereits, Herbert Frahm war unbekannt. Und doch muss ihm der neue Name mehr bedeutet haben als ein nützliches Pseudonym. Frahm stand für Enge und Bedrückung, für Allein- und Unerwünschtsein, für eine unintellektuelle Lebensatmosphäre. Der Neunzehnjährige will ein eigenes Leben. Es beginnt mit einem eigenen Namen.
Von dem Knaben Herbert Frahm, von seinen ersten vierzehn Jahren, habe ich nur eine sehr unklare Erinnerung behalten. […] Ein undurchsichtiger Schleier hängt über diesen Jahren. Es ist schwer für mich, zu glauben, dass der Knabe Herbert Frahm ich selber war.[17]
Seiner Heimatstadt hat Brandt zwar später höflich Reverenz erwiesen: Ich trug immer ein Stück von Lübeck in mir oder Ich bin immer ein Lübecker geblieben, aber einen typischen Lübecker mag man Brandt nicht nennen. Etwas von einem typisch Norddeutschen hatte er gewiss mit seinem Hang zum Grübeln, zum In-sich-selbst-Verkriechen und zur Schwermut. Es sich leicht zu machen ist nicht die Art der Menschen dieser Landschaft; ihr Problem ist es, alles viel zu schwer zu nehmen. Gefühle werden nicht zu Markte getragen, sondern lieber tief verschlossen. Werden sie geäußert, sind sie manchmal mit Rührseligkeit versetzt. Wissen Sie, wie die meisten Menschen aus dem Norden bin ich im Grunde sentimental[18], gesteht der Sechzigjährige der Journalistin, die seine Reserve und Verschlossenheit beklagt, und erzählt eine Anekdote, die es an der Ostsee in verschiedenen Variationen gibt: Die Geschichte von den beiden norwegischen Bauern, die jeder für sich auf einem Berghang leben und von Zeit zu Zeit einen miteinander heben. Ein Glas nach dem anderen. Erst als der Gast das letzte Glas geleert hat, sagte er «Skol». Der Gastgeber entgegnet wütend: «Du dummer Kerl, bist du gekommen, um zu trinken oder um zu schwatzen?» Das ist die andere Seite: Brandts Vorliebe für Witze, seine Freude an Gesellschaft und einnehmende Verbindlichkeit. Gegensätze stehen dicht beisammen.
Um seiner Heimatstadt gerecht zu werden: Die alten Hansestädte an der Ostsee haben auch Weltoffenheit vermittelt. Es überzeugt, wenn Brandt seiner Vaterstadt Dank dafür zollt, dass sie ihm im höchst persönlichen Sinne Tor zum Norden war. Der Emigrant kam nicht in eine für ihn völlig fremde Welt. Fast überall in Skandinavien begegnete er einem Stück der Hanse, einem Stück von Lübeck wieder. Als er die Ehrenbürgerwürde seiner Heimatstadt erhielt, zog Lübecks Bürgermeister aus den Erfahrungen mit Thomas Mann und Willy Brandt die Lehre: «Diese geschichtsträchtige Stadt ist reich an Besonderheiten. Dazu zählt offenbar auch, dass man sie anscheinend verlassen muss, um einen Namen zu erwerben, den die Welt kennt.»
Ich erinnere mich – es muss irgendwann ziemlich bald nach meiner Ankunft in Norwegen gewesen sein, erzählte der Bundeskanzler Brandt, ich wanderte an einem Fjord entlang und memorierte die Rede, die ich nach meiner Rückkehr nach Lübeck halten wollte.[1] Kein deutscher Flüchtling, auch Brandt nicht, ahnte damals, wie lange Hitler herrschen würde.
Die für jeden Menschen so entscheidenden Jahre zwischen zwanzig und dreißig erlebte Brandt außerhalb des nationalsozialistischen Deutschlands in zwei Welten: in der Welt der deutschen Emigranten und in der Welt der skandinavischen, insbesondere der norwegischen, Sozialdemokratie. Gewiss, beide waren sozialistisch, aber sie unterschieden sich im Laufe der Jahre immer mehr. Brandts «Zweisprachigkeit» – er lernte sehr schnell fließend Norwegisch, und seine in der einen oder anderen Sprache abgefassten Schriften unterscheiden sich in den politischen Akzenten – findet ihre Erklärung in dieser Unterschiedlichkeit. Er lebte ab 1933 mit und zwischen NAP (Norwegische Arbeiterpartei) und SAP, zwischen Reform und Revolution – deutschsprachig mehr zur SAP, norwegisch mehr zur NAP tendierend. Bestimmend für seine Politik nach 1945 blieben die norwegischen Erfahrungen. Aber als «der Norweger» Brandt schon ein sozialdemokratischer Reformer war, war der Deutsche noch ein revolutionärer Sozialist.
Wie unterschieden sich die beiden Welten? Die norwegische und die schwedische Sozialdemokratie waren siegreiche Parteien. Die Emigranten kannten keine Siege, erlebten «eine Niederlage nach der anderen», «im großen und im kleinen, im politischen und persönlichen Bereich» (Bruno Kreisky). Wie so viele politische Flüchtlinge vor und nach ihnen lebten auch sie zwischen Resignation und Hoffnung, Passivität und nervöser Übergeschäftigkeit, Illusion und Selbstanklage, oft einfach auf der Jagd nach dem Lebensminimum, einem Bett, Essen, Geld, der Aufenthaltsgenehmigung, der «Lebenserlaubnis», wie sie Günther Anders nennt. Überall, wo sie zusammentrafen, diskutierten sie. Diskutieren war für viele zur einzigen Form geworden, in der sich ihre politische Existenz ausdrückte. «Diskussion, das war für uns das Ringen um Klarheit über das, was ist», schreibt Bruno Kreisky. Man muss auch die andere Seite sehen: Die Diskussionen in der Emigration blieben vielfach weltfremd und rechthaberisch, schreibt Brandt.[2] Eine alte Erfahrung bestätigte sich hier: Je weniger Erfolgsaussicht für ein politisches Programm besteht, umso erbitterter wird darum gerungen. Das gilt für sozialistische Splittergruppen mit ihrer «Theoriebesessenheit» besonders, in der Enge des Exils steigert es sich noch. Man zerwirft sich über Chimären, spaltet sich in immer neue kleine Gruppen, sodass man mit bitterem Scherz von den Emigrantengruppen als von «niederen Lebewesen» sprach, «die sich durch Spaltung fortpflanzen»[3].
Die SAP-Gruppe in Oslo beispielsweise bestand aus zwölf Mitgliedern, aufgeteilt in die «Brandt-» und die «Anti-Brandt-Fraktion». Der «Kampf» zwischen beiden wurde in umfangreichen «Dokumenten» ausgetragen. Auch in der SPD-Gruppe in Stockholm sprach man zeitweise nicht mal miteinander. Die äußere Zerrissenheit spiegelte die innere Zerrissenheit der Emigranten wider und auch die Verzweiflung, denn weithin war das demokratische Ausland eher geneigt, vor Hitler Respekt oder Angst zu haben, als auf die Warnungen oder gar Forderungen von deutschen Hitler-Gegnern zu hören[4].
Die paar hundert SAP-Mitglieder in der Emigration hofften auf eine Anti-Hitler-Revolution in Deutschland, die nach ihrer Vorstellung nur eine sozialistische Revolution sein konnte. Die norwegische Sozialdemokratie befand sich in einer ganz anderen Situation. Nach den Wahlen im September 1934 war sie als stärkste Partei vom König mit der Regierungsbildung beauftragt worden. Sie war gezwungen, sich an der Wirklichkeit zu orientieren. Auch in Skandinavien hatte die Weltwirtschaftskrise zu schwerer Arbeitslosigkeit und anderen großen Schwierigkeiten geführt. Ähnlich wie die schwedische Sozialdemokratie, die 1932 mit einem konstruktiven Programm der Krisenüberwindung die Wahlen gewonnen hatte, musste nun die NAP versuchen, durch eine überzeugende Reformpolitik ihre Mehrheit zu erweitern. Hier erlebte Brandt, wie eine linkssozialistische Partei, der SAP näher stehend als der SPD und in den zwanziger Jahren zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus angesiedelt, in der Regierungsverantwortung ihr auf Klassenkampf und Revolution beruhendes, streng marxistisches Programm revidierte und eine Mehrheit sichernde, pragmatische Politik betrieb.
Brandt 1964: […] das, was die skandinavischen Sozialdemokraten […] insgesamt trug, das war das, was aus den Kraftquellen des Christentums und des Humanismus gekommen war, viel mehr als das, was in der deutschen Sozialdemokratie von der Marx’schen Soziologie oder wie immer man die Lehre umschreiben will, gekommen war. Ich lernte eine große Offenheit kennen – bei uns blieb das auch während der Weimarer Zeit alles doch sehr abgekapselt, Schichten, Gruppen, Klassen, wenn man so will, im Verhältnis zueinander und im Verhältnis zum Staat. Ich lernte dort kennen, wie wirklich um die Demokratisierung eines Staatswesens gerungen wird, wie das aussieht, wenn man wirklich dabei ist und sich um praktische Aufgaben zu kümmern hat. […] Ich lernte kennen, wie eine moderne Sozialpolitik gestaltet wurde und eine ganze Menge anderer Dinge.[5]
Erstaunlich schnell fand sich Brandt in Norwegen zurecht. Einige Monate nach seiner Ankunft begann er schon, Artikel für Gewerkschafts- und Parteizeitungen zu schreiben. Als Leiter des SAP-Büros in Oslo und der SJV-Auslandsarbeit, worunter man sich eine ehrenamtliche Ein-Mann-Tätigkeit vorzustellen hat, oblagen ihm zwei Aufgaben: einmal Verbindung zum innerdeutschen Widerstand zu halten. Auch von Norwegen aus erhielten illegale SAPler oft auf abenteuerlichen Wegen hektographierte oder auf ganz dünnem Papier gedruckte Materialien der Partei. Verschlüsselte Briefe wechselten hin und her, hauptsächlich in Kopenhagen trafen sich Flüchtlinge mit Genossen aus dem Reich. Zum anderen oblag Brandt die Verbindung zur NAP und ihrem Jugendverband, was auch deshalb wichtig war, weil die SAP auf die finanzielle Unterstützung durch die norwegischen Genossen angewiesen war.
Anfangs stand Brandt der politischen Entwicklung der NAP
