Wintererdbeeren - Peter Feldmann - E-Book

Wintererdbeeren E-Book

Peter Feldmann

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Beschreibung

Der Band vereint Kurzgeschichten, Essays, Gedichte und Grafiken des Autors. Es findet sich zum Beispiel die bezaubernde Geschichte des Jungen, der im Winter Erdbeeren am Erdbeerkiosk kaufen will oder die Story vom verpassten Lottogewinn. In anderen Essays geht es um KI, um Erziehung, Vergangenheitsbewältigung und alt werden und um die Unmöglichkeit in einer verlässlichen naturwissenschaftlich-physikalischen Welt leben und gleichzeitig glauben zu wollen. Die Gedichte und Grafiken des Autors sind in den 1980er Jahren in diversen Einzelausstellungen und in einer Museumsausstellung präsentiert worden.

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Seitenzahl: 79

Veröffentlichungsjahr: 2025

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INHALT

Kurzgeschichten

Wintererdbeeren

Der Lottoschein

Die Krähe

Karma

Essays

Die Biographie

Es werde Licht

Warum kann eine KI nicht wie ein Mensch denken

Gedichte

1000 Milliarden Dollar

Kalligrafie der Käfer

KURZGESCHICHTEN

WINTERERDBEEREN

Silvia versuchte nun schon seit 10 Uhr ihm klarzumachen, dass es endgültig vorbei war. Seit Kai mit seinem Schlüssel die Haustür aufgeschlossen hatte und zum dritten Mal behauptete, er würde gern zu ihr zurückkommen, denn diese „Sache“ mit seiner Sekretärin sei vorbei.

Zum dritten Mal! Sie war doch nicht verblödet! Vorher eine Kollegin und davor? Eine Kneipenbekanntschaft!

Und sofort machte er sich wieder höchst selbstverständlich breit, zündete ein Feuer im Kamin an, half Mike am Wohnzimmertisch mit dem Puzzle und Mike war natürlich begeistert. Vater war wieder da. Dass er immer wieder wegblieb und seine Aufgaben als Vater völlig negierte, er zahlte ja nicht mal Unterhalt, um seine Abenteuer voll ausleben zu können, störte Mike nicht sonderlich, er nahm sowieso kaum etwas übel, er war ein Sonnenschein, ein Down Syndrom Kind von 14 Jahren, gleichmütig und meist gut gelaunt.

Kai brüstete sich damit, er habe gerade die Leitung des neugeschaffenen Ressorts des Koordinators für „Jugend, Sport, Gesundheit“ beim Ministerium übernommen, etwas, wobei er für wenig Arbeit ein enormes Gehalt bekam. Er könne jetzt Unterhalt zahlen, na klar!

Er verstand nicht, dass Silvia ihn nicht verstand! Sie hatten doch studiert, waren so richtige Freigeister gewesen, es solle keiner dem anderen gehören, war ihnen klar gewesen, und die Ehe, na ja, das war ein überholtes bürgerliches Konstrukt, aber ganz praktisch für den Alltag, praktischer als die wilde Ehe.

Er hatte sich entwickelt, er brauchte seine Freiheit, er wollte genau genommen noch mehr Frauen kennenlernen und mit so vielen schlafen, wie nur möglich, was er dummerweise nun auch so äußerte.

Silvia warf ihm vor, die Midlifecrisis nicht nur nicht verarbeitet zu haben, sondern völlig falsch und pubertär darauf zu reagieren. Frauen reihenweise zu verbrauchen, war doch nachgerade unmoralisch! Und wieso verstand er nicht, dass sie NEIN meinte, wenn sie NEIN sagte. Insgeheim verfluchte sie ihre Weichheit und Unentschlossenheit, hatte sie doch zweimal schon den Fehler gemacht nachzugeben! Was hatte ihr das gebracht? Heftigste Neurodermitis Schübe, die mit jeder Menge Cortison behandelt wurden, die sie arbeitsunfähig machten und den letzten Rest Lebensqualität vernichteten.

Zeitweise trank sie jeden Tag eine Flasche Rotwein, manchmal kam noch Calvados dazu, das verschlimmerte die Krankheit, ließ sie noch mehr zunehmen, kraftloser werden, unentschlossener. „Nein, verdammt nochmal!“ Sie wollte nicht brüllen, also zischte sie ihn an. „Ich habe mir vorgenommen, mich selbst ganz neu zu erfinden. Da passt du nicht mehr rein. Du hast deine Chancen gehabt. Ich lasse mich nicht weiter von dir demontieren und als Notnagel missbrauchen. Ich glaube sowieso, dass du nur deine Wäsche gewaschen haben willst! Und als Erstes gibst du jetzt den Schlüssel her!“

„Notnagel! Ich finde das ungerecht! Nach all den Jahren ...“

„Ich geh jetzt zum Pilz runter, Erdbeeren kaufen!“, unterbrach Mike sie. Mit Erdbeeren konnte er beiden und sich selbst eine Freude bereiten und vielleicht würden sie dann nicht mehr streiten. Bei Vanilleeis mit Erdbeeren hatten sie sich noch nie gestritten.

Verblüfft musterten sie den Jungen, der breit grinsend in Stiefeln und Anorak vor ihnen stand, sein kleines Portmonee in der rechten Hand. Schließlich sagte Silvia: „Der Pilz ist doch schon ewig geschlossen, es ist Winter!“

„Ach so“, meinte Mike, „dann ... dann ... dann geh ich raus und baue einen Schneemann.“

„Aber mit Handschuhen, du weißt schon!“, rief Silvia.

„Er geht doch zum Pilz, oder?“

„Wenn er sich was vornimmt ..."

„Da musst du schon auf ein Wunder warten!“, brüllte Kai hinter Mike her, der Unmengen kalte Luft hereinließ, bis die Tür ins Schloss fiel. „Und du auch, mit deinem Dich-neu-Erfinden!“

Im Kamin fauchte etwas.

„Kannst du ihn ... kannst du uns denn nicht einfach in Ruhe lassen, verdammt nochmal, du Superpädagoge, du! Das schadet doch nicht, wenn er die 400 Meter runter zum Hof geht. Er muss selbst sehen, was los ist und draus lernen!“

Hangabwärts lag der hübsche alte Bauernhof, der frische Milch verkaufte und saisonal Kartoffeln, Äpfel, Gemüse in dem großen roten Fliegenpilzhäuschen. Der Spaziergang tat Mike gut, er wanderte tatsächlich ganz bedächtig im Schnee am Rand der schmalen Straße, eher ein Wirtschaftsweg, entlang, nicht in der Mitte, um nicht von Treckern oder Autos überfahren zu werden und immer an die Erdbeeren denkend. Ab und zu kontrollierte er, ob er auch das Portmonee eingesteckt hatte, denn er hatte beim Milchkaufen auch schon zweimal gehen müssen, da er das Geld auf dem Schuhschränkchen vergessen hatte.

Aus einiger Entfernung sah er, dass die Klappe tatsächlich geschlossen war. Er ließ sich nicht beirren. Der alte Meister der Werkstatt in der Tagesstätte hatte mal zu ihm gesagt, wenn er etwas wolle, wenn er einen Traum habe, solle er nicht aufgeben, irgendwann würde er es schon schaffen. Und das hatte sich immer mal wieder bewahrheitet. Kurz vor dem Pilz war auf der Straße eine Schlinderbahn entstanden. Er schlinderte recht geschickt acht Meter weit, stolperte dann am Ende, fing sich aber wieder. Der Schnee um den Pilz war unberührt. Tropfen von der Dachkante hatten rings ums Häuschen einen Kreis gezogen, den Mike minutenlang musterte. Kleine Trichter im Schnee und es wurden mehr.

Mike klopfte an der Klappe, rüttelte am Türgriff links an der schmalen Holztüre. Hier war niemand. Hatte seine Mutter doch recht gehabt. Aber er hatte es sich doch so gewünscht! Er fühlte sich schlecht, wenn sie stritten, und der Einfall mit den Erdbeeren war doch richtig gut.

Hinter ihm hielt knirschend ein Auto, das gerade von der Hauptstraße abgebogen war. Mike drehte sich um, es waren die Lohmanns, denen der Hof gehörte, sie wollten nicht Bauern genannt werden, aber Mike fiel der richtige Ausdruck nicht ein.

„Was machst du denn da, Mike?“, fragte Frau Lohmann.

„Ich wollte Erdbeeren kaufen.“

Für einen Moment war sie sprachlos. „Aber es ist doch Winter, du weißt doch, dass es dann keine

Erdbeeren gibt, das weißt du doch?“

„Aber ich hab es mir so gewünscht! Weil ... sie ... sie streiten sich schon wieder.“

„Ist der Alte wieder mal da?“, fragte Willi Lohmann leise seine Frau.

„Hab ich nicht mitgekriegt.“

„Was für ein Arsch!“

„Pschht!“ machte sie, aber das Dieseln des alten Mercedes schluckte ihre Stimmen fast vollständig.

„Weiß du was, gib ihm doch eine Schale! Wir haben genug mitgebracht. Müsste für den Kuchen immer noch reichen.“

Sie nickte, stieg aus, öffnete den Kofferraum und reichte ihm eins der drei Schälchen, die sie im Großmarkt gekauft hatten.

„Danke schön“, er öffnete das Portmonee, aber sie meinte: „Lass mal, ist ein Geschenk, ist doch bald Weihnachten!“ Sie strich ihm übers Haar, als er sich nochmals bedankte, dann stieg sie ein und der Wagen knirschte die Hofeinfahrt entlang.

Laute Stimmen schollen Mike entgegen, als er die Tür aufschloss. Vorsichtig nahm er das Schälchen, das er auf der Treppe abgesetzt hatte, und trug es hinein wie einen kostbaren Schatz, den es ja auch tatsächlich darstellte.

„Ich bin wieder da!“, rief er und, ja, da war der breit grinsende Mike und in seinen Händen die Pappschale mit den roten großen Erdbeeren.

Kais Blick ruckte zum Fenster hinaus, soweit er erkennen konnte, war der Kiosk-Pilz geschlossen. Und er sah Silvia an, blickte wieder auf die Erdbeeren und sie sagte: „Da ist dein Wunder!“

DER LOTTOSCHEIN

Jens war ja immer schon ein schwieriger Junge gewesen, würde seine Mutter sagen und auf die frühe Kindheit hinweisen, auf Phasen, in denen er nachts nicht schlafen konnte oder wollte, so dass er auch tagsüber eher ein missgelauntes Kind abgab. Nicht wirklich ein Wonneproppen. Und der Gerechtigkeit halber müsste man natürlich diverse Krankheiten anführen: frühe Verdauungsprobleme, Infektionen, Neurodermitis.

Gestern hatte er sich quergestellt und stundenlang über eine Taschengelderhöhung herumdiskutiert, obwohl er sich gleichzeitig weigerte, einfach mal eben Staub zu saugen und den Müll runterzubringen. Sie war hart geblieben, nur um viel zu spät festzustellen, dass er die Deutsch Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Und sie schrieb ihm keine Entschuldigung. Um 22 Uhr waren sie endlich fertig, sie öffnete völlig genervt eine Flasche Rotwein und ging ins Bett. Das Zeug schmeckte schon beim zweiten Glas eher nach roter Tinte und verbesserte auch so gar nichts an ihrem verkorksten Leben mit der Scheidung von einem LKW-Fahrer als Ehemann, der sowieso selten dagewesen war. Er fuhr Spezialtransporte quer durch ganze Kontinente und wenn er mal anlandete, brachte er exotische Geschenke mit, aber bei der Erziehung half er kein bisschen. Er spielte höchstens Fußball mit Jens.

Permanent musste sie alleine klarkommen, den Halbtagsjob als Kassiererin runterreißen, den Haushalt schaffen und sich um Jens' Hausaufgaben kümmern.

Jens selber war auch rundum unzufrieden, er fand es ungerecht, dass so viele in der Klasse wohlhabender waren als seine Familie und er. Gut, da gab es auch die drei oder vier Hartz-IV-Empfänger, aber selbst da stach Patrick heraus, der immer Geld von Oma, Onkel, Tante bekam, immer Süßigkeiten am Kiosk kaufte oder Chips und dauernd mit neuen Elektroautos und Playstation-Spielen prahlte. Und wenn All-Terrain-Jeeps in waren, hatte er einen ferngesteuerten Jeep, wenn Miniracer in Mode kamen, hatte er eben einen Miniracer! Und manch anderer machte da mit.

Markus, augenscheinlich der reichste, lebte in einer Villa mit Partykeller, wo Schulklassen Abschlussfeste feierten! Die ganze Klasse war im Sommer mal zum Grillen eingeladen gewesen. Da hatte Jens mal pinkeln müssen und sich tatsächlich im Keller verlaufen, für 20 Sekunden hatte er nicht mehr gewusst, wie er da rauskommen sollte!