7,99 €
Winzlinge des Waldes stellt die kleinsten heimischen Waldvögel vor und verbindet naturkundliches Wissen mit alten Überlieferungen, Erzählungen und Volksglauben. Das Buch zeigt, welche Bedeutungen diese Vögel früher hatten und wie sie in Sagen, regionalen Bräuchen und frühen Naturbeschreibungen dargestellt wurden. Eine verständliche, liebevoll recherchierte Sammlung für Naturfreunde und alle, die sich für historische Vogelgeschichten interessieren.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 41
Veröffentlichungsjahr: 2026
„… There the wren golden-crested, so lovely to see,
Hangs its delicate nest from the twigs of the tree…“
(Mary Botham Howitt, 1873)
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Wintergoldhähnchen
Tannenmeise
Zaunkönig
Sperlingskauz
Fichtenkreuzschnabel
Heckenbraunelle
Waldbaumläufer
Kleiber
Kleinspecht
Nachwort
Literaturverzeichnis
Der Wald hat seine Riesen – und seine Winzlinge. Zwischen Tannennadeln, Moos und knorrigem Unterholz huschen kleine Gestalten, die man leicht übersieht. Diese kleinen Vögel tragen erstaunliche Geschichten mit sich herum. Und während ihre großen Verwandten – Adler, Eulen, Raben – in alten Erzählungen gern die Hauptrollen erhielten, blieben die Kleinsten oft im Hintergrund.
In diesem Buch möchte ich ein paar dieser kleinen Vögel vorstellen: das tapfere Wintergoldhähnchen, die flinke Tannenmeise, den aufmerksamen Kleinspecht und andere gefiederte Leichtgewichte.
Manche gelten als Boten, andere als Mahner oder Glücksbringer – und fast jeder trägt irgendwo in Europa einen Volksnamen, der schmunzeln oder nachdenken lässt. Ihre Legenden erzählen von Mut, Schlauheit, schicksalhaften Omen und von der Bewunderung, die wir Menschen kleinen Wesen entgegenbringen, die trotz ihrer Winzigkeit Großes vollbringen.
Dieses Buch ist kein ornithologisches Fachwerk, sondern eine Einladung, den Wald mit anderen Augen zu sehen: als jenen Ort, an dem selbst die kleinsten Vögel Bedeutung hatten.
Bei der Verwendung historischer Texte sowie der Bilder in diesem Buch habe ich ausschließlich auf Quellen zurückgegriffen, die in den jeweiligen Bibliotheken als gemeinfrei markiert waren. Sollte sich dennoch trotz sorgfältiger Prüfung ein Rechteinhaber in seinen Ansprüchen betroffen sehen, bitte ich um Mitteilung. Es liegt nicht in meiner Absicht, bestehende Schutzrechte zu verletzen.
Dieses Buch ist ohne die Unterstützung eines professionellen Korrektorats oder Lektorats entstanden. Ich bitte um Nachsicht, falls sich trotz gründlicher Durchsicht noch der eine oder andere Schreibfehler finden sollte.
Gehen wir los. Lauschen wir. Entdecken wir.
Die Winzlinge warten.
Tanja Schiller
im November 2025
Steckbrief
Größe und Gewicht: 8–9 cm / 4–7 g
Lebensraum: Nadelwälder, nadelreiche Mischwälder
Zugverhalten: Standvogel und Kurzstreckenzieher
Brut: März bis Juli; kugelförmige Nester; 7–12 Eier
Nahrung: Insekten, Spinnen, Larven, Raupen
Kennzeichen: gelber Scheitelstreif (♂ orangefarben),
olivgrüner Rücken, heller Überaugenstreif
Ruf: sehr hoher „si-si-si“-Ton
Verhalten: flink, hüpfend, in Baumkronen
Das Wintergoldhähnchen ist Europas kleinster Vogel – ein Federgewicht, kaum schwerer als ein Herbstblatt. Seine goldene Haube brachte ihm in England Bezeichnungen wie Goldcrest, Kinglet oder Marigold finch ein. Wieder anderen Beobachtern genügte ein Blick auf die Hand: Thumb-bird, der Daumenvogel.
Diese alten englischen Volksnamen zeigen schnell, welchen Eindruck dieser Winzling gemacht hat.
Auch der wissenschaftliche Name weist in dieselbe Richtung: Regulus regulus bedeutet „kleiner König“ – eine Anspielung auf den goldenen Streifen auf seinem Kopf.
Sein olivgrünes Gefieder wirkt zunächst unscheinbar. Erst der gelbe Scheitelstreif verrät zuverlässig, wer da im Gebüsch unterwegs ist.
An den Küsten von Suffolk trug er einen besonders eigenwilligen Namen: „Herring-spink“. Fischer erzählten, dass die Vögel nach der winterlichen Nordseeüberquerung so erschöpft waren, dass sie in die Takelage der Schiffe fielen. Man konnte sie einfach auflesen.
Weiter nördlich schrieb man dem Wintergoldhähnchen geradezu prophetische Fähigkeiten zu: Es solle zwei Tage vor den Waldschnepfen erscheinen und damit ihre Ankunft vorhersagen. Daher der Name Woodcock pilot – der „Lotse der Schnepfen“ (vgl. Swainson, 1885).
Ein Sinnbild der Tapferkeit
P. H. Emerson hielt 1895 in seinem Buch über die Norfolk-Broadlands eine der eindrücklichsten Schilderungen des „Herring-spink“ fest – jenes Wintergoldhähnchens, das den Fischern als winziger, aber beharrlicher Reisender der offenen See begegnete. Die Nordseefischer hielten das Wintergoldhähnchen für eine „mächtige Seele in einem kleinen Körper“. Im Herbst sah man die Winzlinge häufig auf den Booten rasten: erschöpft von der Überquerung der See, suchten sie zwischen Netzen, Blöcken und Tauen nach Seeläusen oder ließen sich still nieder, bis die Kräfte zurückkehrten.
Kam Nebel auf, wurde die Flotte zum riesigen Rastplatz. Tauben, Falken und Drosseln saßen dicht beieinander – und dazwischen die kleinen Wintergoldhähnchen, die vom langen Flug erschöpft waren.
Doch sobald sich das Wetter klärte, setzten die Vögel ihren Weg über das Wasser fort. Manche erreichten den Strand sofort, andere brachen kurz vor dem Ziel beinahe ein, fassten sich jedoch noch einmal. Und mitten unter ihnen immer wieder das Goldhähnchen: klein und zäh – ein Sinnbild der Tapferkeit. Der Bericht endet mit dem Satz: „The weak in heart should take the Goldcrest as his guiding star.“ - „Der Schwache im Herzen sollte das Goldhähnchen zu seinem Leitstern nehmen“ (vgl. Emerson, 1895, S. 33–36).
Der kleine Wintertrupp
Lilford berichtete in seinen Notes on the Birds of Northamptonshire von einer Szene, die er selbst an einem bitterkalten Wintertag beobachtete.
Ein Dutzend Wintergoldhähnchen kuschelte sich unter einem verschneiten Ast einer Eibe eng zusammen. Die oberen klammerten sich fest an den Zweig, die unteren schmiegten sich darunter – bis daraus eine kompakte, warme Federkugel entstand.
Lilford hielt das Gebilde zunächst für ein verlassenes Nest. Erst als er mit dem Stock leicht dagegenstieß, löste es sich in eine Wolke winziger Vögel auf, die lautlos ins nächste Geäst flogen – vermutlich nur, um wenig später wieder dieselbe Wärmeformation einzunehmen (vgl. Lilford, 1880–1883, S. 83).
