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Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen ist ein weitverbreitetes Verbrechen, über das kaum gesprochen wird. Es betrifft Schule, Kirche, Freizeit, Sport – und die Familie. In einfühlsam geführten Gesprächen lässt die Psychotherapeutin Veronika Oberbichler Betroffene über ihre persönlichen Erfahrungen und Phasen der Aufarbeitung sprechen. Ihren Schmerz und ihre Befreiung bringen diese in Schwarzweißbildern des Fotografen Georg Lembergh zum Ausdruck. In kurzen informativen Texten werden Begriffe erklärt, Zusammenhänge aufgezeigt, Therapieformen dargestellt und Anlaufstellen genannt. Ein Buch, das » Mut macht » Angehörigen hilft, zu verstehen und Unterstützung anzubieten » ein gesellschaftliches Wegschauen unmöglich macht » zu mehr Sensibilität gegenüber den Betroffenen führen soll » Dokumentarfilm von Georg Lembergh zum Buch läuft ab April 2023 im Kino
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Betroffene sprechen über sexuellen Missbrauch
VERONIKA OBERBICHLER · GEORG LEMBERGH
Wir brechen das Schweigen
Vorwort von Georg Lembergh und Veronika Oberbichler
Triggerwarnung
Elena
Was genau meint sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen?
Sie glauben, über sexuellen Missbrauch bereits ausreichend informiert zu sein?
Barbara
Wie kommt es zu sexuellem Missbrauch?
Was, wenn die Täter/-innen selbst noch minderjährig sind?
Lisa
Kann es sein, dass ich als Kind sexuell missbraucht wurde und mich nicht daran erinnern kann?
Verena und Peter
Vielleicht war es nicht wirklich ein Missbrauch?
Woran erkenne ich, dass mein Kind sexuell missbraucht wurde?
Markus
Wird sexueller Missbrauch immer traumatisch erlebt?
Warum wahren von sexueller Gewalt Betroffene so häufig Stillschweigen?
Valentina
Warum reagiert das Umfeld häufig mit Ohnmacht und Schweigen?
Anna
Was versteht man unter Flashbacks, Trigger oder Sexting?
Wie kann Psychotherapie helfen?
Silvia
Früher hieß es: „Bloß nicht einmischen!“
Ein Gespräch mit der Kinder- und Jugendanwältin Daniela Höller
Was gibt es noch zu tun?
Wo wird mir geholfen?
Literaturnachweis
Autorin und Fotograf
Dank
Wie geht man damit um, als Kind sexuell missbraucht worden zu sein?Wie lebt man weitermit dem Unaussprechlichen, das niemand hören will?Wie kann man Worte finden, um das Schweigen zu brechen?
Vorwort von Georg Lembergh
Die heile Welt meiner Tiroler Kindheit bekam von einem Moment zum anderen Risse, und wie so oft war es ein Buch, das meine Sicht veränderte. Nach meinem letzten Dokumentarfilm „Das versunkene Dorf“ stolperte ich 2019 über die Biografie von Klaus Heidegger, einer österreichischen Skilegende aus den 1970er-Jahren. Klaus stammt aus meinem Tiroler Heimatdorf, ich war nur ein paar Häuser entfernt aufgewachsen. Als Bub hatte ich den nur wenige Jahre älteren Skistar glühend bewundert, er war der Held meiner Jugend! In seiner Biografie beschreibt Heidegger die Plätze, Gassen und längst verstorbenen Menschen seiner und damit auch meiner Kindheit. Entsprechend nostalgisch gestimmt, begann ich zu lesen. Alles war mir so vertraut, ich war hingerissen. Dann, auf Seite 71 wäre mir beinahe das Buch aus der Hand gefallen. Heidegger erzählt dort klar und unumwunden davon, dass er im Dorf als Elfjähriger von einem Fußballtrainer über Jahre sexuell missbraucht wurde. Wie konnte das sein? Auch ich war Mitglied im örtlichen Fußballklub und hatte davon nichts gewusst, nie etwas gehört.
Das machte mich so betroffen, dass ich beschloss, das Thema sexueller Missbrauch und sexualisierte Gewalt in den Mittelpunkt meines nächsten Filmes zu stellen.
Sexueller Missbrauch ist ein schwerwiegendes weltweites Problem, das alle Bereiche der Gesellschaft und alle sozialen Schichten betrifft, die Zahlen sind erschreckend hoch. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht etwa für Deutschland von einer Million betroffener Mädchen und Jungen aus. Das sind pro Schulklasse mit 20 Schüler/-innen ein bis zwei betroffene Kinder. In Österreich und Südtirol wird die Situation nicht anders sein.
In Österreich wurde bis Mitte der 2010er-Jahre in der Öffentlichkeit kaum Notiz von dieser Problematik genommen. Erst der Skandal um Kardinal Hans Hermann Groër 1995 und die zahlreichen danach bekannt gewordenen Missbrauchsfälle lösten eine bis heute anhaltende Missbrauchsdebatte aus. In vielen Medienbeiträgen, Studien und Erfahrungsberichten wird das Thema öffentlich verhandelt und ist seitdem kein Tabu mehr. Mehrere Untersuchungskommissionen wurden zur Aufarbeitung und zum Opferschutz eingesetzt, wie 2010 die „Klasnic-Kommission“, benannt nach der Politikerin Waltraud Klasnic. Die Kommission hat über 2.300 innerkirchliche Gewalt- und Missbrauchsopfer anerkannt und ihnen Entschädigung und/oder Therapien zugesprochen. Auch die Stadt Wien war durch publik gewordene Missstände in Wiener Kinderheimen gezwungen, eine Opferschutzkommisson zur Aufarbeitung und Hilfestellung für die Betroffenen einzurichten und transparentere Strukturen zu schaffen.
Zweifellos besteht in Österreich in vielen Bereichen immer noch Verbesserungsbedarf, aber immerhin sind viele entscheidende Schritte getan.
Als ich meine Recherche 2019 in Südtirol, der alten Heimat meiner Familie, begann – mein Großvater stammt aus St. Valentin im Vinschgau –, erwartete ich mir, hier eine ähnliche gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Missbrauchsfällen vorzufinden. Bald musste ich jedoch erkennen, dass außerhalb psychiatrischer Einrichtungen oder Vereinen wie Lilith oder La Strada – Der Weg noch kaum ein Aufarbeitungsprozess eingesetzt hatte. Nur ganz wenige Betroffene waren mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit getreten, Selbsthilfegruppen gab es keine und in den Medien wurde lediglich in einzelnen Artikeln über „tragische Fälle“ berichtet. Eine breite Wahrnehmung und Reaktion der Gesellschaft, dass Täter − und in geringem Ausmaß auch Täterinnen − abhängige Kinder und Jugendliche zur Befriedigung ihrer sexualisierten Machtbedürfnisse missbrauchen, fehlte, eine öffentliche Diskussion darüber fand nicht statt. Mit dem Thema sexueller Missbrauch löste ich in vielen Gesprächen vor allem betretenes Schweigen und Ratlosigkeit aus.
Auch meine Suche nach möglicher wissenschaftlicher Begleitung für meinen Dokumentarfilm gestaltete sich schwierig. An den Unis in Bozen und Innsbruck winkte man ab, mit dem Hinweis auf die schlechte Südtiroler Datenlage und die fehlende Grundlagenforschung. So kam ich mit meiner Recherche nicht von der Stelle, ich stand vor einer Mauer des Schweigens.
Also begann ich in Südtiroler Zeitungen und Zeitschriften sowie im Radio und Fernsehen von meinem Dokumentarfilm zu berichten und Betroffene aufzurufen, sich unter der Zusicherung strikter Anonymität bei mir zu melden und über ihre erlittenen Missbrauchserfahrungen zu erzählen. Die Resonanz war eindrucksvoll und bewog mich dazu, über den Film hinaus dieses Buch in Angriff zu nehmen. Insgesamt wandten sich an die 50 Menschen im Alter von 18 bis 72 Jahren an mich, die als Kinder und Jugendliche Missbrauch in allen Teilen der Gesellschaft erfahren haben. Die geschilderten Übergriffe erfolgten in den 1950er-Jahren bis hinauf in die 1990er. Der Großteil der Betroffenen sind Frauen, aber es meldeten sich auch Männer. Einige von ihnen verließ leider der Mut, sie riefen zwar an und sprachen mir auf die Mailbox, aber es gelang mir nicht mehr, sie zurückzurufen. Diese 50 Kontakte sind auch deshalb so außerordentlich wertvoll, da sich überwiegend Menschen an mich gewandt haben, die sich noch bei keiner Stelle gemeldet hatten und noch nirgends erfasst sind. So öffnet sich erstmalig ein Blick auf das Dunkelfeld sexueller Missbrauch in Südtirol. Ein kleiner Blick, der aber, so kann man bei aller Vorsicht annehmen, doch recht gut Ausmaß, Schwere und Muster abbildet.
Über das quantitativ hohe Ausmaß des sexuellen Missbrauchs bin ich erschüttert. Fast alle Betroffenen kannten noch mindestens zwei oder drei weitere Menschen mit ähnlichen Erfahrungen und allein fünf Mal erzählten mir zufällige Gesprächspartner/-innen während meiner Recherche, dass auch sie missbraucht worden waren. Dies lässt auf eine enorm hohe Dunkelziffer schließen.
Neben den Berichten des Kindesmissbrauchs innerhalb der Kirche und in der Nachbarschaft bestürzen mich vor allem die vielen Schilderungen sexueller Übergriffe innerhalb von Familien, nicht selten mit einem Elternteil als Mitwisser. Schockierend sind mehrfache Schilderungen darüber, dass Mütter, die in eigener Person von Vergewaltigungs- oder Missbrauchserfahrungen betroffen waren, später die Berichte ihrer ebenso in der Familie missbrauchten Töchter mit „So ist es halt“ oder „Das ist normal“ kommentierten.
Ein Teil der Betroffenen schildert sogar mehrfachen Missbrauch durch verschiedene Täter in unterschiedlichen Kontexten, etwa in der Familie und in kirchlichen Institutionen oder in der Familie und in der Nachbarschaft. Dass sich ein Missbrauch, der ja immer auch ein Machtmissbrauch ist, sehr oft über viele Jahre hinziehen konnte, wurde häufig durch die Tatenlosigkeit und das Schweigen von Mitwissern begünstigt. In dem Zusammenhang stellt sich die Frage nach dem systemimmanenten Versagen in ganzen Institutionen, wie etwa der Kirche, Sportvereinen usw.
Überhaupt, wie konnten und können die Täter, vor allem Väter, Geschwister, Onkel, Freunde der Eltern, Pfarrer, Lehrer oder Nachbarn lebenslang ein perfektes Doppelleben aufrechterhalten, ohne je aufzufliegen und verurteilt zu werden? Welche gesellschaftlichen Strukturen begünstigen dies?
Welchen Einfluss darauf könnte die jahrhundertelange Prägung der Südtiroler Gesellschaft durch die streng katholischen Autoritätsstrukturen und das bäuerliche Patriarchat haben? Auf ein Leben, das auf abgeschiedenen Höfen und in abgelegenen Dörfern noch lange vom täglichen Überlebenskampf bestimmt war und wo es in erster Linie zu funktionieren galt und kein Platz und keine Zeit war, auf Gefühle einzugehen? Viele Betroffene sagten, dass sie keine Sprache für das hatten, was ihnen angetan wurde.
Auch herrscht in der vielfach dörflich strukturierten Südtiroler Gesellschaft, in der jeder jeden kennt und die soziale Kontrolle naturgemäß hoch ist, aus Angst vor Stigmatisierung ein starker Schweigensdruck. So bleiben, wie unter einer tonnenschweren Betondecke, viele Missbrauchstaten verborgen und nur wenige Betroffene schaffen es, sich zu „outen“. Unter diesen Umständen tragen viele unter ihnen den erlittenen Missbrauch wie eine geheime Krankheit ein Leben lang mit sich herum und oft wissen nicht einmal ihre nächsten Angehörigen Bescheid.
Diese vielen Fragen bleiben weiter unbeantwortet, da es hierfür einer wissenschaftlichen Befassung auf mehreren Ebenen und unter Einbeziehung unterschiedlicher Disziplinen bedarf. Ein erster Schritt ist erfolgt: Damit die vielen Schicksale der Betroffenen, die sich auf meinen Aufruf hin gemeldet haben, nicht ins Leere laufen, wird eine von mir an der Universität Innsbruck angeregte Studie unter der Leitung der Erziehungswissenschaftlerin Julia Ganterer und der Politologin Gundula Ludwig das Thema wissenschaftlich erforschen und versuchen, erste Antworten zu finden. Die Ergebnisse sind ab 2024 zu erwarten und sollen als Basis für eine vertiefte Aufarbeitung und gezielte Prävention dienen.
Das Buch „Wir brechen das Schweigen“ hingegen verleiht zum ersten Mal einer Gruppe von betroffenen Menschen eine kraftvolle Stimme. Es sind Menschen, die aus allen Teilen des Landes kommen, aus unterschiedlichen Schichten, Alters- und Sprachgruppen. Mitten unter uns haben sie sexuellen Missbrauch erlitten. Erstmals wird nun ein lange tabuisiertes Thema auf die öffentliche Agenda gehoben. Die damit verbundene Hoffnung und Zuversicht ist, dass so auch hierzulande − endlich − ein Aufarbeitungsprozess angestoßen und die öffentliche Diskussion und Bewusstseinsbildung angeregt wird. Auf dass die Südtiroler Gesellschaft allmählich mit den Betroffenen in ein angemessenes Gespräch findet.
Auch ich hatte nur wenig Ahnung davon, wie schwer sich die Auswirkungen von sexuellem Missbrauch häufig auf den Lebenslauf von Menschen niederschlagen. Mir war nicht klar, dass durch ein Missbrauchstrauma bei Kindern und Jugendlichen komplexe psychische und physische Wechselwirkungen in Form von körperlichen Krankheiten und akuten psychischen Störungen ausgelöst werden können. Da das Wissen über sexuellen Missbrauch und dessen Folgen vielfach noch gering ist, sollen die Erfahrungsberichte in diesem Buch dazu beitragen, das gesellschaftliche Verständnis zu vertiefen.
In erster Linie aber will das Buch Betroffenen Mut machen, das lähmende Tabu und die Scham zu überwinden. Und es soll bewirken, dass in der Gesellschaft genauer hingeschaut, besser hinterfragt und betroffenen Kindern und Jugendlichen Glauben geschenkt wird. Ganz konkret sollen das gesamte Umfeld, die Eltern, Verwandten, Lehrpersonen, Vereinsmitglieder usw. sensibilisiert werden, gegebenenfalls entsprechende Alarmsignale zu erkennen, und Betroffene dazu ermutigt werden, in bedrohlichen Situationen Nein zu sagen.
Das vorliegende Buch ist keine „Betroffenheitsliteratur“, in der Leser/-innen durch die Erzählung überfordert werden und am Ende allein dastehen. Die einfühlsamen Gespräche der Psychotherapeutin und Autorin Veronika Oberbichler sind geprägt von Respekt und Verständnis. Die ergänzenden, konkrete Fragen beantwortenden Fachtexte setzen die oft sprachlos machenden Geschehnisse in einen Rahmen, klären auf und machen begreiflich. In den berührenden Interviews erfahren Leser/-innen viel über die Hartnäckigkeit, die Resilienz und den unbändigen Willen der Betroffenen, die persönliche Würde wiederzuerlangen und mit den jahrzehntelang verheimlichten Leidensgeschichten endlich wahrgenommen zu werden. Es sind Begegnungen auf Augenhöhe.
Ein Wort zur Fotografie: Die Porträtaufnahmen für das vorliegende Buch zählen mit zu den anspruchsvollsten Aufgaben, die mir in meiner Laufbahn untergekommen sind. Denn wie soll man jemanden angemessen fotografieren, der/die angesichts des heiklen Themas nicht erkennbar sein darf, aber gleichzeitig als Person und Mensch erlebbar bleiben soll? Tarnungen durch Sonnenbrillen, Schleier etc. oder digitale Verpixelungen schieden also von vornherein aus. Die Anonymisierung wollte ich ausschließlich mit Mitteln der Fotografie und möglichst ästhetisch ansprechend umsetzen.
Mit einer digitalen Mittelformatkamera und einem speziellen Objektiv aus den 1960er-Jahren gelang es mir, zu einer angemessenen Bildsprache zu finden, mit der die Betroffenen in eine fast malerische Unschärfe getaucht werden. Ihre zum Teil aufwühlenden Erfahrungen werden auf der Bildebene durch Körpersprache, Gestik und ungewöhnliche Detailaufnahmen umgesetzt. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch selbst gewählte Gegenstände, die einen besonderen Bezug zum Leben und den Erlebnissen der Porträtierten aufweisen.
Bei allen Betroffenen, die sich bei mir gemeldet haben, möchte ich mich für das Vertrauen bedanken, das sie mir entgegengebracht haben! Tief bewegt und beeindruckt bin ich von der Begegnung mit diesen wertvollen Menschen, die einen bleibenden Platz in meinem Herzen gefunden haben. Sie haben mein Leben zutiefst bereichert!
Georg Lembergh
Vorwort von Veronika Oberbichler
Im Frühjahr 2020 kontaktierte mich Georg Lembergh, der Regisseur und Kopf dieses Projekts, mit der Anfrage, ob ich mir vorstellen könne, ein Buch zum Thema Missbrauch in Südtirol zu schreiben. Er erzählte begeistert davon, dass und wie er vorhatte, einen Dokumentarfilm über dieses sensible Thema zu drehen. Er erzählte aber auch darüber, wie fassungslos und erschüttert er sei, dass so viele direkt Betroffene sich auf seine medialen Aufrufe zur Teilnahme am Filmprojekt gemeldet hatten. 50 Menschen aller Altersgruppen seien es, alle bereit, endlich – nach jahrelangem Schweigen – die Geschichten des erlittenen Missbrauchs in ihrer Kindheit und/oder Jugend öffentlich zu machen. Nachdem die wenigen notwendigen Protagonisten für den Film gefunden waren, sollte auch der Mut der anderen nicht umsonst gewesen sein.
Als Psychotherapeutin weiß ich, dass Missbrauch an Minderjährigen in all seinen Ausformungen auch in Südtirol stattfindet. Über die Jahre hatte ich viele Kinder und Jugendliche begleitet, die in ihrem sozialen Umfeld emotional und körperlich missbraucht oder vernachlässigt worden waren. Es fiel allerdings auf, dass trotz alarmierender Statistiken zu sexuell missbrauchten Minderjährigen diese kaum psychotherapeutische Unterstützungsangebote in Anspruch nehmen. Natürlich gibt es Anlaufstellen, die sich explizit Missbrauchsbetroffener annehmen, doch auch Kolleg/-innen in diesen Institutionen bestätigten, dass eine unverhältnismäßig geringe Anzahl Hilfesuchender zu verzeichnen ist. Wo waren sie, die Minderjährigen, die sexuelle Übergriffe erleiden mussten? Wie ging es ihnen? Brauchten sie die Unterstützungsangebote nicht? Warum suchten Eltern kaum Hilfe für sie? Wurde das Problem eventuell nicht ernst (genug) genommen? Kann es sein, dass sexueller Missbrauch nicht erkannt wurde? Kann es sein, dass sexueller Missbrauch nicht angemessen erkannt werden wollte, verharmlost oder vertuscht wurde? Das Aufdecken und Aufarbeiten von sexuellem Missbrauch betrifft Individuen, es betrifft aber auch Familien, Freundeskreise, Institutionen und gesellschaftliche Strukturen, die dadurch aus dem Gleichgewicht geraten. Wie die einzelnen Täter/-innen reagieren auch Familiengefüge, kirchliche oder weltliche Vereine und auch die breite Öffentlichkeit vielfach mit Schweigen oder Abwehr auf offengelegte Missbrauchsfälle. Betroffenen wird häufig nicht geglaubt, ihren Berichten wird mit Skepsis begegnet, Schuldzuweisungen und Schuldumkehr sind keine Seltenheit.
Auf beruflicher Ebene war mein Interesse eindeutig geweckt. Vielleicht, so erhoffte ich mir, konnten die Erfahrungsberichte der Frauen und Männer, die bereit waren, aus der Erwachsenenperspektive rückblickend über die Geschehnisse in der Kindheit oder Jugend zu berichten, neue Einblicke gewähren.
Auch auf persönlicher Ebene stieß die Anfrage auf Neugierde. So oft in meinem Leben war ich nämlich schon diesem „Unvermögen“ begegnet, das zu versprachlichen, was vorgefallen, was relevant, was wahr ist. Immer wieder stoße ich auf ein Sprach- und Sprechunvermögen, das sich wie eine unvollständige Partitur den immer gleichen Melodien hin öffnen will. Eine Sprache, die ungewohnte Motive, heikle Themen und ganz besonders Disharmonien ausklammert. Wie Tonarten, die vorgeben, worüber man spricht oder eben nicht. Dass das mit dem Sprechen und der Sprache in Südtirol schon immer heikel war, auch geschichtlich gesehen, mag wohl sein. Dass das Sprechen über Belangloses dem Sprechen über Wesentliches und mitunter Schwieriges oft und gerne vorgezogen wird, ebenso. Es herrscht eine Wortkargheit, eine Verschlossenheit vor, mit der abzufinden ich mich seit jeher schwertat.
Ja, ich wollte gern dabei sein bei diesem Projekt und, wenn möglich, wollte ich auch mithelfen, eine Sprache zu finden für das, was unsagbar scheint.
Innerhalb weniger Tage war also vereinbart worden, dass ich mit Georg Lembergh als Fotografen und Thomas Kager, dem Verlagsleiter der Edition Raetia und engagierten Lektor dieses Buchprojekts, zusammenarbeiten würde. Ziel unseres Vorhabens ist es, Betroffenen eine Möglichkeit zu bieten, sich zu äußern, und so ein klares Signal auszusenden, das hoffentlich auch den einen oder anderen gesellschaftlichen Anstoß im Umgang mit sexuellem Missbrauch in Südtirol geben würde.
Zum Inhalt
In diesem Buch kommen Betroffene sexueller Gewalt zu Wort. Sie offenbaren, was vorgefallen ist, wie sie die Übergriffe erlebt haben, wie im Umfeld damit umgegangen wurde und wie sie in ihrem späteren Leben damit zurechtkamen – oder eben nicht zurechtkamen. Darüber erstmals offen und durch das Buch sogar öffentlich zu sprechen, fiel vielen Betroffenen nicht leicht. Sie verdienen große Anerkennung dafür, dass sie diesen mutigen Schritt gewagt haben. Gemeinsam mit den anderen Betroffenen, die sich für dieses Projekt gemeldet haben, vereint sie alle ein Grundanliegen: „Wir brechen das Schweigen: Wir wollen über sexuellen Missbrauch sprechen!“
Nach der ersten Kontaktaufnahme mit Georg Lembergh und einem anschließenden Treffen mit ihm, haben sie sich zunächst mir anvertraut, einer ihnen bis zum Zeitpunkt des Interviews fremden Person. Bei ihnen zu Hause oder an einem neutralen, ihnen unbekannten Ort haben sie Vertrauen gefasst und mir ihre berührenden und erschütternden Geschichten erzählt. Sie haben sich auf belastende Erinnerungen eingelassen. Sie haben geordnet, präzisiert, reflektiert.
Sie haben geduldig auf meine Fragen geantwortet und dadurch ein gemeinsames vertieftes Verständnis ermöglicht, als Betroffene, als Expert/-innen, als Menschen. Sie haben zudem zugelassen, dass ich Gesagtes so verschriftlichte, wie ich es gehört und verstanden habe, womit sie mir einen weiteren Vertrauensvorschuss gewährt haben. Sich als Person wertschätzend wahrgenommen zu wissen − das habe ich gelernt −, trägt wesentlich dazu bei, Betroffene zu entlasten. Als Zuhörende können wir das widerfahrene Unrecht in einem Akt der Solidarität anerkennen und stellvertretend als Gesellschaft verantworten. Das erfordert Achtsamkeit, Offenheit, Geduld und Zeit. So sind die Gesprächstexte in einem weiteren Schritt gemeinsam mit den einzelnen Interview-partner/-innen sorgsam nachbearbeitet, ergänzt, korrigiert oder zusätzlich anonymisiert worden.
Alle Namen, Orte und Details, die eine Rückverfolgung auf Personen ermöglichen, wurden auf Wunsch der Interview-partner/-innen verändert.
Die kurzen theoretischen Ergänzungen zwischen den einzelnen Interviews dienen dem besseren Verständnis des Gegenstands. Es wurde versucht, die zum Teil komplexen Zusammenhänge möglichst einfach und leicht verständlich darzustellen. Entsprechende Quellennachweise finden sich, wo nicht anders gekennzeichnet, im Literaturverzeichnis im Anhang.
Sich lesend auf das Thema sexueller Missbrauch an Minderjährigen einzulassen, fällt schwer, vor allem, wenn Leser/-innen selbst sexuelle Übergriffe erfahren haben oder wenn nahe Angehörige davon betroffen sind. Aber es stellt auch für all jene eine Herausforderung dar, die sich mitfühlend darauf einlassen, was den hier zu Wort Kommenden in ihrer Kindheit und darüber hinaus widerfahren ist. Es empfiehlt sich deshalb immer wieder Lesepausen einzulegen. Leser/-innen, die selbst Missbrauch erlebt haben, sei ein besonders achtsamer Umgang mit der Lektüre angeraten: Die dargestellten Erfahrungen können zu belastenden Reaktionen führen beziehungsweise verstörende Erinnerungen oder das Wiedererleben von eigenen traumatischen Ereignissen auslösen.
Die Betroffenen, die hier erzählend das Schweigen brechen, haben mich schwer beeindruckt. Sie alle waren außerordentlich mutig. Sie alle sind mit einer ungeheuren Sorgfalt vorgegangen. Als Leser/-innen dürfen wir ihrem Mut und ihrer Sorgfalt getrost folgen und uns von jeder einzelnen Erzählung auf einmalige Weise berühren lassen.
In Dankbarkeit
Veronika Oberbichler
Die folgenden Texte enthalten Schilderungen von sexualisierten Gewalthandlungen, die belastend und retraumatisierend wirken können.
Namen, Orte, Berufe und andere personenbezogene Angaben wurden verändert, um die Anonymität der Betroffenen zu wahren.Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Begebenheiten sind rein zufällig.
Ich sitze in meinem Auto auf der Heimfahrt nach dem Gespräch mit Elena und lasse die Begegnung Revue passieren. Das Ganze fühlt sich immer noch surreal an: ein Versuch, Tatsachen zu enthüllen und dabei notgedrungen im Verborgenen bleiben zu müssen. Ich spüre den Widerspruch. Auch Elena hat, als wir uns verabschiedet haben, darauf hingewiesen:
Es ist schon eigenartig, ganz offen erzählen zu wollen, was mir passiert ist, und mich dabei gleichzeitig versteckt halten zu müssen. Ich wünschte, es wäre leichter.
Ja, das wünsche ich mir auch, und zwar für alle Betroffenen. Ganz besonders aber für Elena, dieser jungen bildhübschen Frau, vor der ich großen Respekt habe. Ich wünschte, dass sie das Erlebte nicht länger wie eine geheime Erkrankung mit sich herumtragen muss.
Doch der Reihe nach. Ich muss mich ordnen. Daheim im Rückblick auf das Gespräch verstehe ich besser, warum Elena darauf besteht, dass ich ihre Anonymität mit allergrößter Sorgfalt wahre. Sie hat Angst, dass man sie erkennen könnte und ihr somit jenes bisschen „Normalität“, für das sie in den letzten Jahren so hart gekämpft hat, wieder abhandenkommen könnte. Sie hat zahlreiche Aufenthalte in psychiatrischen Krankenhäusern hinter sich, es sind so viele, dass sie aufgehört hat zu zählen. Psychopharmaka und intensive psychologische Begleitung haben ihr geholfen, sodass sie jetzt, mit 20 Jahren, ihre Ausbildung nachholen kann. Nein, namentlich wolle sie auf keinen Fall genannt werden, auch auf genaue Ortsangaben soll ich, wenn möglich, verzichten. Ein Treffen in der Bibliothek in der Nähe ihres Wohnortes ist okay.
Ich sorge dafür, dass wir ungestört sind, dass wir nicht gesehen werden. „Am Nachmittag habt ihr das gesamte Gebäude für euch allein“, erklärt mir die freundliche Bedienstete der Zweitausend-Seelen-Gemeinde. Den Schlüssel zu den Räumlichkeiten kann ich kurz vor dem vereinbarten Termin bei ihr persönlich abholen.
Elena erscheint pünktlich, gleich werden wir uns in der Bibliothek gegenübersitzen, zwei Menschen, die sich noch völlig fremd sind, von denen eine der beiden sagen wird:
Ich habe das noch nie jemandem so erzählt. Ich weiß, das ist absurd, aber es fühlt sich so an, als würde ich einen Verrat begehen.
In der Bibliothek habe ich bereits die Lichter angemacht. Zwischen fein säuberlich sortierter Kinderliteratur auf der einen Seite und mit Brettspielen vollgestopften Regalen im Rücken versuchen Elena und ich einen Platz für uns und die Geschichte zu finden, die es zu erzählen gibt. Doch Elena fühlt sich unwohl. Ich kann ihr ansehen, dass ein Teil von ihr noch abwägt, ob oder wie sie sich jetzt noch aus der Affäre ziehen könnte. Sie mustert mich skeptisch und überaus distanziert, wirkt dabei aber ungewöhnlich ruhig und gefestigt. Ihre Mimik ist streng. Ihre Haltung angespannt. Was mich am meisten irritiert: Sie spricht fast nichts. Sie antwortet auf meine Einladungen zum Gespräch zwar kurz und prägnant, lässt aber unmissverständlich erkennen, dass sie sehr genau sein wird mit dem, was sie von sich preisgeben will.
Hast du dir vorab Gedanken gemacht, was du erzählen möchtest, wie du es erzählen möchtest?
Nein, eine konkrete Vorstellung habe ich nicht.
Das macht nichts. Ich werde dir einfach Fragen stellen, ja?
(Elena nickt.)
Was hat dich denn dazu bewogen, dieses Interview zu geben? Ich nehme an, du hast gehört, dass wir dieses Buch planen, im Radio vielleicht, oder hast in der Zeitung davon gelesen? Wir haben verschiedene Aufrufe an Betroffene gestartet.
Ich habs in der Zeitung gelesen.
Kannst du dich noch erinnern, warum du dich entschlossen hast, mitzumachen?
Ich weiß es eigentlich selbst nicht genau. Am Anfang habe ich den Artikel nur überflogen und mir gedacht, ja stimmt, das betrifft mich auch. Dann habe ich weitergeblättert. Später bin ich doch nochmals darauf zurückgekommen.
Zum Glück. Was hast du dir dabei gedacht?
Dass ich auch etwas zu erzählen hätte und dass es thematisiert gehört. Ich wollte einen minimalen Beitrag leisten, damit auch andere den Mut haben, sich zu outen.
Fällt es dir schwer, jetzt hier mit mir zu sitzen?
Ja, schon ein wenig. Aber so kann ich wenigstens irgendwas dagegen tun. Das ist wichtig für mich.
Genau darum gehts. Betroffenen Mut zu machen, sich aus der Opferrolle zu befreien.
Elena, wir haben überhaupt keinen Stress, weißt du? Wir können das Gespräch jederzeit abbrechen, oder eine Pause machen, oder über irgendwas anderes reden.
Nein, das passt schon so.
Gut. Möchtest du damit beginnen, ein wenig zu erzählen, wie du aufgewachsen bist?
Ich bin, wie soll ich sagen, in eine ziemlich verkorkste Familiensituation hineingeboren … Es ist kompliziert.
(Pause)
Okay, es ist kompliziert. Klingt nach: Es war echt kompliziert!
Während Elena kurz lächelt, bereue ich meine anfangs gestellte Frage bereits. „Wo anfangen?“, frage ich mich innerlich. „Wird schon werden, sie wird das schon machen. Lass ihr Zeit.“
Also im Großen und Ganzen wars ganz gut.
Magst du etwas genauer erzählen?
Ich erfahre, dass Elena die Zweitgeborene ist, einen älteren Bruder hat sie. Ihre Eltern sind berufstätig, was genau sie machen, soll hier keine Rolle spielen.
Meine Eltern haben mich gut erzogen. Ich war als Kind nicht hyperaktiv oder frech, ich war eher so ein feinfühliger Mensch, auch sehr vorsichtig. Das ist mir wichtig, das hervorzuheben, dass ich ein vorsichtiger Mensch bin. Auch was die Kleidung angeht, ich habe nie gewagte Kleidung angezogen oder so.
Warum ist es dir wichtig, das hervorzuheben?
Weil ich weiß, dass viele Menschen, wenn sie mitkriegen, dass jemand missbraucht worden ist, gleich fragen: „Ja, was hattest du denn an?“ Dann musst du dich zuerst rechtfertigen. Deshalb sag ich es gleich: Ich war immer eher vorsichtig, auch was die Kleidung anbelangt. Unauffällig war mir am liebsten.
Weil ich weiß, dass viele Menschen, wenn sie mitkriegen, dass jemand missbraucht worden ist, gleich fragen: „Ja, was hattest du denn an?“ Dann musst du dich zuerst rechtfertigen. Deshalb sag ich es gleich: Ich war immer eher vorsichtig, auch was die Kleidung anbelangt. Unauffällig war mir am liebsten.
Mein Selbstbewusstsein war nicht gerade das beste. In der Grundschule, vor allem aber in der Mittelschule wurde ich gemobbt, das hat Spuren hinterlassen.
Was ist da passiert?
Das Übliche. Die Klassenkameraden haben mich gehänselt, wegen allem Möglichen. Wegen dem Aussehen, vor allem aber wegen Mathe. In Mathe war ich nie gut, da wurde ich sehr ausgelacht. Sie hatten es auf mich abgesehen, ein paar haben manchmal sogar nach der Schule auf mich gewartet, mich gewürgt und so. Es ging schon ziemlich arg zu. Die sind richtig auf mich losgegangen und ich habe mich nicht gewehrt, mich auch nicht wehren können. Ich habe das alles mit mir machen lassen, weil ich meinte, das ist in Ordnung. Ich hatte eine hohe Toleranzgrenze, was das Verhalten anderer anging. Was ist falsch? Was ist richtig? Wie können Menschen mit mir umgehen? Wo ist die Grenze? Wo wird meine Würde verletzt und was bin ich wert? Man könnte sagen, ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, das dazu geführt hat, dass ich mir viel gefallen lassen habe. Das hat bereits in der Familie angefangen. Es wurde kaum über Persönliches geredet, sodass ich es gewohnt war, die Dinge mit mir selber auszumachen. Manchmal habe ich auch nicht wahrgenommen, wenn jemand zu weit gegangen ist. Auch vonseiten der Erwachsenen.
Elena beginnt vorsichtig und bedacht darüber zu erzählen, wie sie aufgewachsen ist, auch davon, was ihr bereits innerhalb ihrer Großfamilie widerfahren ist, noch bevor es zum eigentlichen sexuellen Übergriff gekommen ist, wegen dem sie sich für das Buchprojekt gemeldet hat.
Ich habe mich kaum jemandem anvertraut und damit hatte wohl auch Paul, also der Mann meiner Tante, leichtes Spiel.
Womit hatte er leichtes Spiel?
Das ist wirklich schwer zu erzählen. Also angefangen hat alles mit dem Handy: Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich eher unter den Ersten war, die eins bekommen haben. Nein warte. Eigentlich hat es schon früher angefangen.
Elena wägt innerlich ab: Was kann sie wie sagen? Es ist Schwerstarbeit für sie. Ich versuche beim Versprachlichen zu helfen.
Was ist denn vorgefallen mit Paul? War er übergriffig?
Er hat mich nie direkt berührt, zumindest nie so, dass er mich irgendwo begrapscht hätte. So etwas ist nie passiert. Es waren mehr so Aufdringlichkeiten, als ich noch kleiner war. Er hat mich gern auf dem Schoß gehalten und mich „verwöhnt“. Ich denke, in der Familie ist es einfach so bewertet worden, dass ich seine liebste Verwandte bin und dass das dann eben dazu gehört. Das war alles eher unscheinbar. Bis …
Warte einen Moment, Elena, damit ich es verstehe: Also, er hat oft Körperkontakt zu dir gesucht, der eigentlich nicht gepasst hat. Verstehe ich das richtig?
Dass es nicht gepasst hat, weiß ich erst jetzt. Es war einfach viel. Es war sehr viel Körperkontakt, der mir unangenehm war. Und danach ging es eben noch weiter. Als ich dann das Handy hatte, kam es zum totalen Absturz. Er hat meine Nummer bekommen und von da an wurde es dann wirklich ekelhaft.
Inwiefern? Ist es okay für dich, weiterzuerzählen?
Elena vergewissert sich nochmals, dass ihre Geschichte anonym bleibt. Dann fährt sie fort.
Also, seit er meine Nummer hatte, da hat er mir … wie soll ich sagen? Er hat mich nicht direkt bedroht. Aber ich habe mich unter Druck gesetzt gefühlt, sagen wir so. Er hat mich ständig kontaktiert und mir zugleich gesagt, ich solle das ja niemandem sagen. Auch nicht meiner Mama solle ich es sagen.
Elena schweigt. Wieder helfe ich ihr, fortzufahren.
Es war dir unangenehm, und er hat dich trotzdem ständig kontaktiert …
Er hat mir ständig Pornos geschickt oder irgendwelche Bilder von Geschlechtsteilen.
Wie alt warst du da?
Ich war in der fünften Klasse der Grundschule, war also zehn Jahre alt.
Also wirklich noch sehr jung … da hattest du also plötzlich und ungewollt diese Fotos von Paul auf dem Display …
Ja, aber ich habe das in dem Moment nicht so … (Elena stockt.) Meistens habe ich nicht drauf geantwortet, weil mir das zuwider war, eklig, definitiv. Aber mir wäre nie eingefallen, etwas dagegen zu unternehmen. Das hätte ich mich nie getraut. Ich hatte damals ja noch keine Vorstellung von dem Ganzen … ich war noch nicht mal aufgeklärt.
In der fünften Klasse ist man noch ein Kind …
Eben. Ich konnte es nicht richtig einordnen, ich konnte auch nicht wirklich sagen, es ist falsch, aber ich habe gespürt, dass es mir nicht passt und dass es mich belastet.
Wie häufig war das, dass er dir pornografisches Material geschickt hat?
Ich bin fast jeden Morgen mit solchen Nachrichten von ihm aufgewacht. Ja, am Morgen und am Abend hauptsächlich, untertags ist er seiner Arbeit nachgegangen. Da hatte er wahrscheinlich nicht viel Zeit dafür. Meistens hat er auch darauf gedrängt, dass ich antworte. Wenn ich ihm nicht geantwortet habe, dann hat er direkt darauf bestanden, indem er die ganze Zeit geschrieben hat: „Gefällt dir das? Ich weiß, dass dir das gefällt!“
Dabei hast du ja überhaupt nichts mit dem anfangen können. Kannst du dich erinnern, wie oder was du geantwortet hast?
Nein …
Darf ich dich fragen, ob er auch darauf gedrängt hat, dass du Fotos von dir machst und ihm diese schickst?
Nein, das hat er nicht. Jedenfalls kann ich mich daran nicht erinnern.
Ihm hat es quasi „ausgereicht“, dir die Bilder von sich zu schicken und eine Antwort darauf zu erhalten, ob es dir gefällt?
Was weiß ich. Er ist ein komischer Kerl. Ich weiß, dass seine Verwandtschaft früher mal darauf bestanden hat, dass er sich Hilfe holt. Weil er mit vielen Menschen Probleme hat. Er ist sehr streitsüchtig und aufbrausend, irgendein psychisches Problem hat er bestimmt. Aber ob er in Behandlung war, das weiß ich nicht.
Denkst du, er hat anderen auch solche Fotos geschickt?
Keine Ahnung. Aber ich glaube eher nicht.
Wie lang ging das mit den Fotos?
Bis in die zweite, dritte Mittelschule, also bis ich etwa 13, 14 Jahre alt war.
Also eine lange Zeit. Viele einzelne Tage. Und du hast dich nicht mitteilen können?
Nein.
Irgendwann hat es dann aufgehört?
Ja, aber das hat eine Weile gedauert. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie es das erste Mal jemand anderes mitbekommen hat. Das war ein Zufall und hat mit einer Freundin zu tun. Sie war damals meine beste Freundin, und weil sie ältere Geschwister hatte, war sie im Unterschied zu mir schon ziemlich aufgeklärt. Sie hat dann einmal zufällig die Bilder in meinem Handy gesehen, als wir morgens mit dem Bus in die Mittelschule gefahren sind. Sie war ganz schockiert und meinte, dass das nicht richtig sei. Und da habe ich erst angefangen zu verstehen, dass man das eigentlich gar nicht tun dürfte. Ich erinnere mich, dass ich damals verwirrt darüber war, dass meine Freundin so schockiert war. Ich hatte mir die ganze Zeit über bloß gedacht: „Der verhält sich halt so, was solls …“
Hat deine Freundin es so auf sich beruhen lassen? Oder hat sie sich jemandem anvertraut?
Nein, ich wollte nicht, dass sie das irgendjemandem weitererzählt. Sie meinte, ich sollte ihn blockieren … Aber das hat dann noch eine Weile gedauert, bis ich mich das getraut habe.
Dass Elena schlussendlich Paul auf WhatsApp blockiert, hat mit einem weiteren Ereignis zu tun.
Es gab dann noch den anderen Vorfall, mit dem anderen … (Pause) Oje. Wo soll ich anfangen?
Egal wo. Es passt alles.
Ich glaube, da war ich dann 13, als das mit dem anderen Typen passiert ist.
Den „anderen Typen“ lernt Elena gemeinsam mit einer Gruppe von Freundinnen kennen. Er ist bereits volljährig. Er macht ihr den Hof, täuscht Interesse an ihr vor, um sich ihr, sobald sich eine Gelegenheit ergibt, sexuell zu nähern.
Von dem Vorfall mit dem Kerl war ich dermaßen angewidert, dass ich für mich beschlossen habe: „Ich will das nicht mehr. Ich will auch diese Fotos vom Mann meiner Tante nicht mehr.“ Bis dahin hatte ich das ja immer ignoriert, aber nach dem Missbrauch durch Daniel war es dann richtig schlimm. Also habe ich Paul blockiert. Ich habe es psychisch nicht mehr ausgehalten, dieses ständige Konfrontiertsein mit diesen Bildern, die ich nicht sehen wollte und die mich auch ständig daran erinnerten, was ich erlebt habe.
Was ist damals vorgefallen mit Daniel? Möchtest du es erzählen?
Jaja, deshalb bin ich ja hier. Also: Es war in der zweiten Mittelschule. Eine Freundin hat sich mit ein paar Leuten im Jugendraum getroffen und ich war mit dabei. Im Grunde war ich eher so was wie ein Anhängsel, weil besonders cool oder so war ich ja nicht. Jedenfalls hat meine Freundin mich mitgenommen und so habe ich ihn dann kennengelernt. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir damals sehr viel geredet hätten. Aber im Anschluss ist wie üblich eine WhatsApp-Gruppe entstanden. So hat er angefangen, mir zu schreiben.
Wie alt war er?
