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Ein Buch über das hohe Gut der Freiheit, für alle, die auch um die Kosten des Freiseins wissen und Wege suchen, mit ihnen verantwortungsvoll umzugehen. Nach einem Bekenntnis zur Freiheit skizziert der Autor exemplarische Situationen unserer Freiheitsübermüdung (Einkauf, Sterben usw.). Rupert Scheule erläutert anhand der christlichen Tradition den wohltuenden Unterschied zwischen Gott und Mensch, Relativem und Absolutem, Endlichem und Unendlichem. Für unser Freiheitsmanagement entsteht eine Gelassenheit, die dann ein echter Muntermacher wider die grassierende Freiheitsmüdigkeit wird.
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2015
Über das Buch
»Freiheit« scheint keine Pathosformel mehr, sondern vielen eher ein lästiges Gut. Müdigkeit macht sich breit. Rupert M. Scheule untersucht nicht nur dieses gefährliche Phänomen, sondern erinnert auch an den Wert der Freiheit. Ein Buch für alle, die auch um die Kosten des Freiseins wissen und Wege suchen, mit ihnen verantwortungsvoll umzugehen.
»Shoppen, Lieben, Kinderkriegen, Sterben: scheinbar viel Freiheit. Und doch so viel Unwohlsein. Mal sind es zu viele Alternativen, mal ist die Freiheit so tiefgreifend, dass es wehtut, mal ist es eine aufgeblasene Pseudofreiheit, mal reduziert uns die Freiheit bei allem Selbstbestimmungspathos am Ende doch nur auf ein Selbsttötungsmotiv. Sollten wir uns nicht doch die Freiheit nehmen, zurückzukehren zu schmalen Warensortimenten, klaren Liebeskonventionen, naturwüchsigem Schwangerschaftserleben oder gar zu gesetzlichen Suizidverboten? Das ist eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Müssten wir uns mit dieser abfinden, es wäre ein Jammer.«
Rupert M. Scheule
Wir Freiheitsmüden
Warum Entscheidung immer mehr zur Last wird
Kösel
Copyright © 2015 Kösel-Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt München unter Verwendung eines Bildes © shutterstock / Ringlet
ISBN 978-3-641-12975-0
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www.koesel.de
Gott, die Armen. Ich weiß genau, wie ich nicht enden will. Da sitzen nun alle, die früher so viel verändern wollten, in ihren Endreihenhäuschen oder den renovierten Altbauwohnungen und setzen Wohnideen um. Falls sie dafür Zeit haben, denn Vati arbeitet bis 8 und Mutti bis 4 oder 5, dann holt sie mit letzter Kraft die Kinder. Abends brechen die dann gemeinsam vor »Wetten, dass?« zusammen. Jedenfalls die eine Hälfte, die andere kollabiert allein, denn die hatte ja keine Zeit, den perfekten Lebenspartner zur finden.
Susanne Thielecke
Gewidmet den Angehörigen meiner Generation
Inhalt
Vorwort
1Wir Freiheitsmüden
2Shoppen, Lieben, Kinderkriegen, Sterben: zu viel Freiheit?
3Von Imperativen umstellt: zu wenig Freiheit
4Freiheit, sonst nichts. Existenzialismus
5Mehrerlei Freiheit. Begriffsbestimmungen
6Die Freiheit, der Erzengel und das Wunder der Weihnacht: eine kleine Theologie endlicher Freiheit
7Ein freies Leben führen. Lebensgestaltung jenseits des Belagerungszustands
8Shoppen, Lieben, Kinderkriegen, Sterben:humane Freiheit konkret
9Free at last! Meine letzte Entscheidung
Anhang
Vorwort
Wir können so viel tun. Und haben so viel zu tun. Manchmal so viel, dass wir jedes Gefühl verlieren für den Ursprung allen Tunkönnens: unsere Freiheit. Unter anderem darum wird es in diesem Buch gehen. Geschrieben habe ich es als Betroffener, als einer, der die Widersprüche des Freiseins tagtäglich erlebt. Insofern war es für mich eine Herzens- und Lebenssache, einmal konzentriert darüber nachzudenken, wie es eigentlich weitergehen soll mit uns und unserer Freiheit. Manchmal sagt man, man habe sich etwas aus den Rippen geschnitten, und meint damit etwas, was in der Bibelstelle Gen 2,21 zum Ausdruck kommt. Hier steht geschrieben, dass Eva von Adams Rippe genommen wird. Und das deutet auf die bleibende Herzensnähe der beiden Stammeltern hin. Als Freiheitsbetroffener bin ich dem Buch herzlicher verbunden als dem meisten, was ich bisher geschrieben habe. Insofern schnitt ich es mir auch irgendwie aus den Rippen. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass ich hier näher an meiner Art zu sprechen blieb, als es sich eigentlich gehört, wenn ein Wissenschaftler schreibt. Gelegentlich geht es sogar um mich selbst. Aber womöglich ist das auch nur ein stilistischer Trick zur Erzeugung von Anschaulichkeit. Sie halten jedenfalls keine Autobiografie in Händen. Meine Lebensgeschichte ist definitiv zu unwichtig und zu üblich, um Sie mit ihr zu behelligen.
Geschrieben habe ich als Betroffener. Aber auch für Betroffene. Deshalb ist dieses Buch eher schmal. Für die Lektüre sollen Sie nicht mehr Zeit aufbringen müssen, als unbedingt nötig. Zeit, die Ihnen ja fehlt für gemeinsame Erlebnisse mit Ihren Kindern, für wohltuend einsame Waldspaziergänge oder fürs Rasenmähen. Ich habe mir stets vorgestellt, mir stehen reale Menschen gegenüber, mit denen ich mich darüber unterhalte, wie wir gemeinsam zurechtkommen wollen mit unserer Freiheit. In solchen Gesprächen ist naturgemäß wenig Platz für Fußnoten, die in diesem Buch denn auch eher selten sind. Trotzdem gibt es natürlich den einen oder anderen Gedankengang, der mehr Konzentration erfordert als der »ZDF-Fernsehgarten«. Aber das ist vielleicht gar keine so große Enttäuschung.
Das mit dem »Aus-der-Rippe-Schneiden« kann man natürlich auch ganz anders verstehen. Wer diese Phrase benutzt, hat keine Zeit für etwas, was er dann doch tut. Bei mir und diesem Buch was das der Fall – dass unter solchen Umständen 200 Textseiten zusammenkamen, hat viel zu tun mit nachsichtigen, helfenden, inspirierenden und wohlwollenden Menschen.
Nachsichtig waren zum Beispiel meine Kinder. Wenn ich beim Zu-Bett-Bringen die Wörter »Schlafanzug« und »Zahnbürste« verwechselte, weil mir noch zu viele andere Wörter im Kopf herumschwirrten, quittierten sie das nur mit einem geradezu philosophischen Kichern. Nachsichtig zeigte sich auch unsere Pfarrgemeinde Heilig Kreuz in Lütter. Dass ich mich in den Monaten, während das Buch entstand, bei den Kirchendiensten etwas rarer machen musste, nahm man mir nicht sonderlich krumm. Danke dafür.
Zu danken habe ich auch den Studierenden des Katholisch-Theologischen Seminars an der Philipps-Universität Marburg und der Theologischen Fakultät Fulda. Sollten sie je dieses Buch zur Hand nehmen, werden sie unschwer bemerken, dass hier Inhalte aus den Vorlesungen auftauchen, die sie um ihre Fragen, Anmerkungen und Gegendarstellungen bereichert haben.
Ein besonderer Dank gilt Professor Dr. Bernd Oberdorfer. Schon seit meinen Studententagen sind mir die Gespräche mit ihm eine Inspirationsquelle, er gehört zu den paar Menschen, die mein Denken nachhaltig beeinflussten. Das Manuskript von »Wir Freiheitsmüden« hat er in atemberaubender Geschwindigkeit gelesen, um mir anschließend viele wichtige Hinweise zu geben. Dass nun der eine oder andere geschmacklose Witz nicht mehr im Buche steht, haben Sie ihm zu verdanken.
Frau stud. theol. Katharina Hutsch danke ich insbesondere für die Smileys, die sie beim akribischen Korrekturlesen großzügig über die Ränder des Manuskripts verteilte, was ich ermutigend fand. Herr stud. theol. Michael-Emmanuel Dickert und Herr stud. theol. Jonas Göbel halfen dankenswerterweise bei der Erstellung der Bibliografie.
Ohne Dipl.-Theol. Uwe Globisch, Lektor und Programmleiter im Kösel-Verlag, gäbe es dieses Buch nicht. Es war seine Idee, er gewann mich für das Projekt, ohne genau zu wissen, auf welchen Autor er sich da einlässt. Danke für diesen Mut.
Als »Wir Freiheitsmüden« fertig war, hätte ich gern Oberstudienrätin Franziska Scheule-Walter, meiner Frau, ein Denkmal gesetzt. Für die viele Arbeit, die sie in unserer großen Familie hatte, während ich schrieb (oder sonst irgendetwas »Wichtiges«, aber Familienfernes zu erledigen hatte), für die Gespräche mit ihr über Größe und Elend des freien Lebens. Und dafür, dass sie genau dieses mit mir teilt.
Meiner Frau und meiner Schwester Mechtild Guiney ist es zu verdanken, dass ich stets Zugriff hatte auf die aktuellen englischen Ausgaben von Elle und Vogue. Das war sehr wertvoll. Ein Moraltheologe ist eigentlich nicht arbeitsfähig ohne das regelmäßige Studium führender Frauenzeitschriften …
Auf die eine oder andere Weise trugen ferner Professor Dr.Klaus Arntz, Dr. Tilman Becker, Bettina und Ronald Faulstich, Dipl.-Kfm. Stefan Hesterberg, Willy Huttler, Dr. Markus Lersch, Halina Piętka, Studienrat Dominik Ritter, Elisabeth Scheule-Munzig MA sowie meine Eltern Eva-Maria und Reinald Scheule zur Entstehung dieses Buches bei. Ihnen allen sei gedankt.
Gewidmet ist das Buch meiner Generation, die man »Generation X« nannte, weil man keinen aussagekräftigen Namen für sie hatte – und ihr damit natürlich einen sehr passenden Namen gab. Das sind jene Mitmenschen, die man erst gar nicht richtig beachtete, weil die letzten lautstarken Babyboomer-Jahrgänge immer schon da waren, wohin sie gerade kamen: in den Kindergarten, die Schule, das Berufsleben. Im breiten Windschatten der Vielen, die ein paar Jahre älter waren, hatten wir es zunächst sehr schön. Während sie theatralisch pubertierten, befehligten wir in aller Stille ganze Armeen von Playmobil-Figuren. Die waren alle nicht größer als siebeneinhalb Zentimeter. Doch nur einen gefühlten Lidschlag später fanden wir uns wieder in der Verantwortung für alles Mögliche oberhalb der Siebeneinhalb-Zentimeter-Grenze: das berufliche Fortkommen, die Ratenzahlungen fürs Haus, die eigenen Kinder, die Eltern, und das Wohl der Welt. Ausgerechnet wir. Und so wie die Dinge liegen, werden wir diese Verantwortung bis auf Weiteres nicht los. Manche sagen jetzt nicht mehr Generation X zu uns, sondern »gehetzte Generation«.
Wenn das ein zutreffender Begriff ist, sollte ich als Angehöriger dieser Generation das Vorwort schleunigst enden – und das Buch richtig beginnen lassen
1 Wir Freiheitsmüden
Als Kind blätterte ich oft in den Zeitschriften meiner älteren Schwestern. Da sah ich ab und zu eine Werbung, die für mich das Inbild aller Freiheit war: Eine junge Frau reitet lachend über sonnige Weiden. Nichts scheint sie, ihr Pferd und ihre Lebenslust aufhalten zu können. Dann eröffneten mir meine Schwestern, es handle sich hierbei um Reklame für einen Tampon. Mit dem könnten sich Frauen frei bewegen, Sport machen und reiten, auch wenn sie ihre Tage hätten, dozierten sie. Mit mir habe das Ganze freilich gar nichts zu tun, ich sei ja schließlich ein kleiner Junge. Aber was hieß »das Ganze«? Meinten sie, Freiheit hat nichts mit mir zu tun?
Irgendwann wurde ich aufmerksam auf jenen anderen großen Freiheitsreiter der Reklamewirtschaft, der sich damals noch in allen möglichen Medien zeigen durfte: den Marlboro-Mann. Sein Versprechen war: Auch du kannst frei sein! Nun ja, du hast kein Pferd und die Weiten der Prärie sind für dich unerreichbar, aber mit einer Zigarette im Mundwinkel zeigst du auf die denkbar coolste Weise, wie unabhängig du bist von all dem Spießerkram, der dein Leben eng und starr machen will. Als Raucher war ich indes sehr ungeeignet. Insgeheim habe ich nie aufgehört, den Tabakqualm für eine Art Abgas-Belästigung zu halten, und beim Inhalieren wurde mir stets übel. Das änderte sich auch nicht, als mir die Gauloises-Werbung die nämliche Freiheitsbotschaft noch einmal auf Französisch beibringen wollte (»liberté toujours«). Sozialisiert mit der Werbung der 1970er- und 1980er-Jahre musste ich mich also fragen: Freiheit – ist das überhaupt etwas für mich?
Wenig später hat sie mich dann doch noch entflammt. Und zwar anders – nämlich erschütternder –, als ich und die allermeisten anderen es je vermutet hätten: Ich leistete gerade Zivildienst, da brach krachend die DDR zusammen unter den Schritten von Hunderttausenden, die sich auf ostdeutschen Straßen von Staatsinsassen zu echten Bürgern mauserten. Sie brauchten nur einen wunderbaren Herbst lang, um sich ihre Freiheit zu erstreiten. Ich verfolgte das gebannt vor dem Fernseher und bekam erstmals eine Ahnung von der Tiefe des Freiheitsthemas. Meine ganz persönliche und sehr pathetische Freiheitssymphonie bleibt daher wohl auf immer durchgetaktet von den Hammerschlägen der »Mauerspechte«, die dieses grässliche Trennungsbauwerk abtrugen, Andenkensteinchen um Andenkensteinchen. Auch wenn »1989« für die meisten von uns auch nur wieder eine Fernseherfahrung war, wird meine Generation doch nie vergessen: Bevor Freiheit anstrengend, ermüdend und kompliziert ist, ist sie vor allem eines – großartig. Und nötigenfalls müsste man sie wohl mit Zähnen und Klauen verteidigen.
In meinem eigenen realen Leben wurde die Freiheit natürlich viel kleinformatiger wirksam. Dass ich mir als Student nachts um eins auf meiner Kochplatte im Wohnheim Spaghetti machen konnte (was man mir in meinem Elternhaus als so unnötig untersagt hätte, wie es tatsächlich ist), erlebte ich als kleine, feine Libertinage. Nicht Tampons und Zigaretten konnten mir ganz persönliche Freiheit bedeuten und im Grunde auch nicht die friedliche Revolution in unserem Land. Mein frühes Freiheitsglück hat mit Nudeln zu nachtschlafender Zeit zu tun.
Schon Stunden später freilich, morgens in der ersten Vorlesung, zeigte mir die Freiheit ihr forderndes Gesicht, weil sie mich ständig fragte: Ist das hier wirklich das Richtige für dich? Solltest du nicht etwas ganz anderes studieren? In der Wahl meines Studienfachs war ich seinerzeit unter keiner Einschränkung gestanden; weder durch die Abiturnote noch durch eine ausgeprägte Inselbegabung oder Familientraditionen. Eigentlich eine beneidenswerte Situation. Mich hat sie aber verunsichert. Ich begann erst ein Theologie- und Germanistikstudium, gab es wieder auf, wechselte zur Medizin, um anschließend zu den alten Fächern zurückzukehren. – Freiheit kann ganz schön anstrengend sein. Und doch konnte ich mir nicht wünschen, nicht die Wahl zu haben, als es um mein Studium und damit um meine Zukunft ging. Dieses besondere Dilemma wiederholte sich noch einige Male in meinem Leben, meist im Zusammenhang mit Berufs- und Arbeitsplatzfragen.
Aber auch die vielen Entscheidungsschwierigkeiten meiner Mitmenschen folgen offenbar einem dilemmatischen Muster. Das erfuhr ich später im Leben, als ich zum Beispiel ethische Fallbesprechungen in der Klinik moderierte. Diese sollen einem Behandlungsteam helfen, das um schwere Entscheidungen über Leben und Tod eines Patienten ringt. Ist die Therapie fortzusetzen oder zugunsten einer palliativen Versorgung einzustellen? Früher hatten Ärzte diese Qual der Wahl nicht, schlicht deshalb, weil es die Therapie-Option noch nicht gab. Die Patienten sind einfach gestorben, alternativlos und ganz ohne Entscheidung. Erst der rasante medizinische Fortschritt der jüngsten Zeit versetzt die Behandelnden in jene Wahlsituation, welche eine Fallberatung nötig macht. Wieder gilt: Niemand kann sich wünschen, den medizinischen Fortschritt, der zu dieser Entscheidungsschwierigkeit führte, hätte es nie gegeben.
Das macht unsere Situation so kompliziert: Es gibt keinen klaren Gegner, keinen großen Bedränger, gegen den wir uns einmütig und mit klaren Forderungen erheben könnten. 1989 war das anders. Damals waren Mut, Stärke und strategische Findigkeit gefragt, aber keine besondere analytische Schärfe. Die Ablehnungsgründe gegen das autoritäre Regime verspießerter Sozialisten lagen offen zutage.
Doch was wollen wir eigentlich heute, wenn wir uns als überanstrengt und freiheitsmüde zu erkennen geben? Freiheit von der Freiheit? Ehrlich? Ich glaube nicht. Wir sind müde von etwas, was wir zutiefst bejahen und infolge unserer Müdigkeit nicht ablehnen werden. Es muss darum gehen, die Freiheit stressfreier zu bewohnen. Es geht nicht darum, gegen die Freiheit zu sein, sondern für uns.
Davon abgesehen kenne ich keinen Erwachsenen mittleren Alters, der zwischen der Arbeitsverdichtung im Job und den Aufmerksamkeitserfordernissen, die Kinder, Partner, Eltern oder Freunde an ihn richten, nicht mit vollem Pathos nach mehr Freiheit schreien wollte. Unsere innere FDP will noch immer über die Fünf-Prozent-Hürde!
Meine These ist, dass wir unserer Freiheitsmüdigkeit wie unserer Freiheitssehnsucht mit ein und derselben Haltung begegnen können: der Haltung bewusst bejahter Freiheit, die ein Ja zur Endlichkeit dieser Freiheit einschließt.
Im Einzelnen will ich so vorgehen: Die Schwierigkeiten, die wir mit – scheinbar oder tatsächlich – zu viel Freiheit haben, sind Thema des zweiten Kapitels. Sie werden in ein paar Grundvollzügen unseres Lebens aufgespürt und analysiert. Im kurzen dritten Kapitel geht es um die Frage, wie es eigentlich kommt, dass wir in den angeblich freiesten Zeiten der Menschheitsgeschichte subjektiv so häufig das Gefühl haben, unsere Freiheit werde ständig beschnitten.
Dann verlassen wir erst einmal das Tableau praktischer Probleme und stellen uns drei – ich fürchte, unerlässliche – Kapitel lang eher theoretischen Fragen rund um die Freiheit. Das vierte Kapitel enthält eine Skizze jener Philosophie, die im 20. Jahrhundert als Philosophie der Freiheit schlechthin galt: des Existenzialismus. Um einen überzeugenden, gut handhabbaren Freiheitsbegriff zu gewinnen, wird das aber nicht ausreichen. Ausgehend von den Intuitionen, die wir beim Begriff der Freiheit haben, will ich daher im zentralen fünften Kapitel versuchen, auf den Punkt zu bringen, was hier unter Freiheit verstanden werden soll. Dass unsere Freiheit nicht nur frei, sondern auch endlich ist, ruft die Theologie immer wieder in Erinnerung. Und darum wird es im sechsten Kapitel gehen: Der Erzengel Michael und das Geschehen der Heiligen Nacht spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Das vierte, fünfte und sechste Kapitel sind so etwas wie die Symmetrie-Achse dieses Buches. Dem Gesetz der Symmetrie folgend will ich daher im Anschluss klären, wie man sich in christlicher Freiheit gegen die »Systemzwänge« behauptet (siebtes Kapitel), von denen im dritten Kapitel die Rede war, ehe die Themen des zweiten Kapitels mit unserer christlichen Vorstellung von Freiheit konfrontiert werden (achtes Kapitel). Das Schlusskapitel handelt von meiner letzten – und vielleicht wichtigsten – Entscheidung, mit der ich freilich erst in meinem Tod rechne.
Begonnen habe ich mit meinen Kindheitserinnerungen an die Freiheit, enden werde ich mit der Freiheitserfahrung, die ich im Tod zu machen glaube. Aber keine Sorge! Auch wenn das Buch mit meinem Tod schließt, wird das kein trauriges Ende. Theologen erzählen Geschichten von der Endlichkeit des Menschen immer so, dass sie gut ausgehen, weil sie nicht irgendwo, sondern bei Gott enden.
Bevor wir an dieses Ende gelangen, wollen wir uns aber ein paar Denkabenteuer zumuten. Zunächst lade ich den Leser und die Leserin ein, mit mir zusammen ehrlichen Blicks die Problemzonen der Freiheit zu inspizieren.
2Shoppen, Lieben, Kinderkriegen, Sterben: zu viel Freiheit?
Shoppen
Wenn er recht hat, dann ist es eine Verschwörung ungeheuren Ausmaßes; eine, die mit geheimen Forschungen des US-Militärs begann, so wie wir das von guten Verschwörungen gewohnt sind; eine Verschwörung, die allmählich die Eliten in Politik und Wirtschaft infiltrierte und schließlich auch uns Normalbürger erfasste. Die Rede ist von Frank Schirrmacher (1959–2014) und seinem letzten Buch »Ego. Das Spiel des Lebens«, das wohl nicht zufällig wie ein Thriller von Dan Brown aufgemacht ist. Schirrmacher vertritt die These, die sogenannte Spieltheorie, mit der die Sozialwissenschaften das Aufeinandertreffen von Akteuren mit ihren jeweiligen Eigeninteressen beschreiben, sei im Kalten Krieg entwickelt worden. Mit dem Ziel, dass die Menschen nicht eingeschläfert würden von den Routinen der Feindbeobachtung, sondern sich hierbei eine gewisse aggressive Munterkeit bewahrten. Du musst zu jedem Zeitpunkt damit rechnen, dass der andere deine Schwächen zu seinem Vorteil nutzt, weil er ausschließlich seinen eigenen Interessen folgt, lautet die Devise der Spieltheorie. Auf Moral, Anstand oder auch nur Abmachungen solle man sich lieber nicht verlassen, sondern »hinter allem das Schlimmste« vermuten (Schirrmacher 2013, 23).
Diese Gegnerschaftstheorie habe den Konfliktparteien des Kalten Krieges seinerzeit erfolgreich ihre Sprungbereitschaft erhalten und damit das Tagesgeschäft der Feindseligkeit erleichtert. Aber, so Schirrmacher, die Erfolgsgeschichte der Spieltheorie sei noch weitergegangen: Ausgebaut zur Rational Choice-Theorie ziele sie nicht nur auf das Verhältnis zum Systemgegner, »sondern auf das Verhältnis des Menschen zur Welt« (ebd., 33), weshalb die Spiel- bzw. Rational Choice-Theorie nach dem Ende des Kalten Krieges vielfache Verwendung auch außerhalb des Militärs fand. Sie habe Einzug gehalten auf den Finanzmärkten, sodass nunmehr ganze Abteilungen der Investmentbanken damit beschäftigt seien, »die Absichten konkurrierender Händler aus einem riesigen Datenmaterial mithilfe von Computern und der Spieltheorie in atemberaubender Geschwindigkeit zu entschlüsseln und ihr eigenes Handeln danach auszurichten« (ebd., 24). Im Grunde habe die Spiel- bzw. Rational Choice-Theorie seither unser aller Alltagstheorie des Sozialen geprägt: »›Lerne vernünftig zu handeln‹ hieß: Lerne so zu denken und zu handeln, dass du immer von dem Eigeninteresse aller ausgehst« (ebd., 27).
Schirrmacher glaubt, so sei der eigeninteressierte Modellakteur der Wirtschaftswissenschaften, der sogenannte homo oeconomicus, durch den Erfolg der Spieltheorie »zum Leben erweckt worden« (ebd., 29). Dieser homo oeconomicus trat zwar nie mit dem Anspruch auf, die ganze anthropologische Wahrheit über uns zu enthalten. Er fungierte eher als eine Art Dummy, mit dem Ökonomen Situationsverläufe unter dem Gesichtspunkt eines strikten Eigeninteresses aller Beteiligten durchspielten. Aber aus dem Dummy von ehedem seien wir geworden. Nicht von Natur aus seien wir rationale eigeninteressierte homines oeconomici – wir würden dazu gemacht. Wir stießen auf eine soziale Realität, die nur mit dem homo oeconomicus rechnet und zurechtkommt. Damit auch wir zurechtkommen, verhielten wir uns eben wie der homo oeconomicus. So würden wir sukzessive neu erschaffen – in einer hässlich eigensüchtigen Monster-Variante.
Wie jeder halbwegs unterhaltsame Verschwörungstheoretiker vergröbert, verkürzt und vereinfacht auch Schirrmacher hemmungslos. Er macht keinen großen Unterschied zwischen der Spieltheorie und der Rational Choice-Theorie. Dass Letztere eigentlich eine sehr anpassungsfähige Handlungstheorie ist, die die Gesellschaft vom Einzelnen und seinem subjektiv sinnvollen Handeln her verstehen will, was sie nicht zuletzt anschlussfähig an die Ethik macht (vgl. Scheule 2009), interessiert ihn nicht. Auch Schirrmachers Behauptung, die Rational Choice-Theorie sei die »Lebensphilosophie« (Schirrmacher 2013, 60) des homo oeconomicus, ist irreführend. Der Modellakteur dieser Theorie hat ein selbstgestecktes Ziel vor Augen; auf dieses bezieht er die Handlungsalternativen, die er in seiner konkreten Situation vor sich sieht, und schätzt ab, wie nahe er je nach Alternative seinem Ziel kommen könnte und wie wahrscheinlich das ist (vgl. Scheule 2009, 34 ff.). Vom homo oeconomicus nimmt man dagegen an, »dass er seinen individuellen Nutzen auf der Grundlage vollkommener Information […] maximiere« (Esser 1993, 236). Aus Sicht der Rational Choice-Theorie ist der homo oeconomicus lediglich ein unrealistischer Spezialfall ihres Modellakteurs. Denn »vollkommen informiert« zu sein würde bedeuten, alle vorhandenen Entscheidungsalternativen im Blick zu haben und nicht das schwierige Geschäft der Wahrscheinlichkeitsabwägungen betreiben zu müssen, weil man in der Läge wäre, Entscheidungsfolgen »mit Sicherheit« voraussehen zu können. Das Ziel der »individuellen Nutzenmaximierung« ist natürlich mit den Mitteln der Rational Choice-Theorie modellierbar, aber auch das Entscheidungsverhalten der Akteure des revolutionären deutschen Herbstes 1989 (vgl. Porsch / Abraham 1991) oder das von Mutter Teresa. Es gibt also keine guten Gründe, den homo oeconomicus besonders eng mit der Rational Choice-Theorie verwachsen zu sehen. Derlei – durchaus theorieentscheidende – Feinheiten opfert Schirrmacher leichthin auf dem Altar seiner packenden Verschwörungserzählung.
ENDE DER LESEPROBE
