Wir haben einen Gott der heilt! - Petra Bouren - E-Book

Wir haben einen Gott der heilt! E-Book

Petra Bouren

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Beschreibung

Was hindert uns daran unsere Beziehungen frei, liebevoll, friedvoll und authentisch zu leben? Oft sind es unverarbeitete negative Erfahrungen aus der Vergangenheit, aus der Kindheit, oft sogar traumatische Erlebnisse, die unsere Familien, Eltern oder Großeltern durchleiden mussten. Das Familienstellen bietet die Möglichkeit, die Ursachen von Beziehungsstörungen zu erkennen, diese durch Rituale zu beseitigen und den Weg frei zu machen, damit Heilung von Beziehungen und Konflikten möglich wird. Ist das Familienstellen mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren? Wie geht eine Familienaufstellung vor sich? Das Buch beinhaltet ein Konzept des Familienstellens auf christlicher und biblischer Basis. Teilnehmer der Jahresgruppe Christliches Familienstellen berichten über ihre Erfahrung: Wir haben einen Gott, der heilt!

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Wie ich dazu kam, dieses Buch zu schreiben

Einleitung: Gemeinsam auf dem Weg

Jahresgruppe „Christliches Familienstellen“

Teil I: Christliches Familienstellen

Der rote Faden in meinem Leben

Die Mauer

Grundlegende Themen einer Aufstellung

Abgrenzung

Nähe und Distanz

Scham

Missbrauch

Täter – Opfer

Hierarchie der Gewalt

Projektion

Ehe – das Zusammenfinden zweier Systeme

Wie eine Familienaufstellung vor sich geht

Spinnennetz

Fragestellung

Genogramm

Familienmotto

Stellvertreter

Wissendes Feld

Urkonflikt - Ort der Heilung

Symbole

Endbild – Lösungsbild

Meine erste Familienaufstellung als Beispiel

Teil II: Themen einer Aufstellung

Der Augapfel Gottes contra Familienstruktur

Die Geschichte Davids in der Bibel

Die Rolle des Vaters

Vom Partner zum Vater

Übernahme der Mutterrolle

Sehnsucht

Abschied – Loslassen

Tote innerhalb der Familie

Ich werde nicht wahrgenommen

Ich habe einen guten Platz

Fehlgeburt und Abtreibung

Die Dornwarze

Josef und seine Brüder

Heimat

Körperlicher Schmerz als Ausdruck der Seele

Fersensporn

Reaktion auf die Aufstellung

Das Fehlen der mütterlichen Liebe

Schwierigkeiten bei Kindern

Familiengeheimnisse

Die Wunden des Krieges

Frieden mit dem Vater

Der Schrecken des Krieges

Traumatisch bedingte Kinderlosigkeit

Teil III: Weitere Aufstellungsformen

Herkunftsfamilie

Klärungsaufstellung

Organisationsaufstellung

Übergriffe im Außendienst

Aufstellung der Situation

Konfliktebene

Aufarbeitung mit den Tätern

Herkunftsfamilie - Eigenanteil

Themen aus Stefanies Organisationsaufstellung

Fürsorgepflicht des Arbeitgebers

Kultureller Hintergrund

Anerkennen – ins Leben integrieren

Umsetzung der Abgrenzung

Ich werde nicht gehört

Schluss: Mut tut gut!

Familienstellen in der Schmiede

Unsere tiefgreifende Angst

Mut tut gut!

Anhang

Vorwort

„Eine Vision wird dann zur Realität,

wenn ich den Mut habe,

meine Grenzen zu überschreiten.“

Lena Meichsner

Wie ich dazu kam, dieses Buch zu schreiben

Mehr als alles hüte dein Herz,

denn von ihm geht das Leben aus.

(Sprüche 4,23)

Es war für mich ein sehr bewegender Moment Ende Januar 2016, als ich nach einer zweieinhalbjährigen Ausbildung zur Familienstellerin bei Dr. Victor Chu in Neckargemünd von der Ausbildungsgruppe verabschiedet wurde. Ich stand in den Startlöchern, das Gelernte in die Praxis umzusetzen. Mein Ausbilder, Dr. Victor Chu, bestätigte mich in meinen Fähigkeiten. Er beauftragte und segnete mich für die Aufgabe, die nun vor mir lag. Er machte mir Mut, mein Vorhaben, eine Jahresgruppe „Familienstellen im christlichen Bereich“, umzusetzen. Sein Ausspruch: „Ich bin gespannt, wo du in drei Jahren sein wirst“, motiviert mich seither und gibt mir Kraft für dieses Projekt.

Die Monate März und April 2016 waren „Übungsmonate“ in meinem Freundeskreis. Es war eine Zeit, in der ich in vielen Gesprächen mit Fragen wie diesen konfrontiert wurde: "Lässt sich das Familienstellen überhaupt mit unserem Glauben vereinbaren? Wie ist es, wenn bereits verstorbene Personen mit aufgestellt werden?" Je mehr ich mich mit den Menschen und ihren Gedanken wie auch ihren Fragen auseinandersetzte, je öfter ich diese beantwortete, desto mehr entwickelte sich mein eigenes Konzept des „Christlichen Familienstellens“. Immer klarer zeichneten sich meine Vorstellungen des Familienstellens auf christlicher und biblischer Denkweise ab, die ich in diesem Buch darlege. Immer klarer wurde mir, was ich gerne weitergeben möchte.

Am 10. Mai 2016 ging ich mit meiner Aufstellungsarbeit an die Öffentlichkeit. Ich lud über den kirchlichen Verband KAB (Katholische Arbeitnehmerbewegung) zu einem offenen Abend zum „Kennenlernen des christlichen Familienstellens“ ein, an dem gleich 17 Personen teilnahmen. Erneut wurde ich mit vielen Fragen konfrontiert. Auch aus diesem Abend entwickelten sich viele Gespräche. Ich machte den Teilnehmer/innen Mut, in den beiden kommenden Monaten an den „Schnupperabenden“ teilzunehmen, um meine Arbeitsweise kennen zu lernen. Nach einem weiteren offenen Abend im September bot ich ab Oktober den ersten Block der Jahresgruppe „Christliches Familienstellen“ an.

Im weiteren „Vorwärtsgehen“ entwickelte sich ein neues Projekt: Das „Familienstellen in der Schmiede“, das ich gemeinsam mit meiner Freundin Petra auf deren Bauernhof nun anbiete. Die Teilnehmer kommen vorrangig aus dem kirchlichen Bereich. Neue Fragen tauchten auf: "Was ist der Unterschied zwischen dem herkömmlichen Familienstellen und dem christlichen Familienstellen? Was macht das „Christliche“ an deiner Aufstellungsarbeit aus? Ist das Familienstellen auch in der Bibel zu finden bzw. was sagt diese dazu?" Die neuen Anregungen forderten mich heraus, mich auch mit diesen Gedanken auseinanderzusetzen.

Immer wieder wurde ich gefragt: "Warum schreibst du nicht ein Buch?" Der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Und nun wage ich es! Es ist ein sehr persönliches Buch. Mosaiksteine aus den geführten Gesprächen fließen ein, Fragen, denen ich im vergangenen Jahr immer wieder begegnet bin. David dient als Beispiel aus der Bibel. Meine eigenen Erfahrungen mit dem Familienstellen, sowie Erfahrungen, die ich gemeinsam mit der Jahresgruppe innerhalb des vergangen Jahres gemacht habe, dienen als Inspiration für das Buch. Es ist ein gemeinschaftliches Projekt, da sich die Teilnehmer unserer Gruppe bereiterklärt haben, andere an ihren Erfahrungen mit dem „Christlichen Familienstellen“ teilhaben zu lassen. Die Teilnehmer berichten von ihren eigenen Erfahrungen zu den einzelnen Themen innerhalb des Familienstellens (zu ihrem eigenen Schutz unter einem fremden Namen). Es erscheinen auch einige Themen in meinem Buch, die nicht innerhalb unserer Gruppe auftauchten, sondern die ich aus der Zeit meiner Ausbildung habe einfließen lassen. Aus Gründen der Lesbarkeit verwende ich in der Regel die männliche Form, selbstverständlich sind auch immer die Teilnehmerinnen damit gemeint.

Das Familienstellen hat sehr viel Heilung in mein Leben gebracht. Ich bin Christ und habe eine persönliche Beziehung zu Jesus. Mein Konzept „Christliches Familienstellen“ ist auf dieser Grundlage aufgebaut. Es ist mir ein Anliegen, diese Möglichkeit der Heilung in unsere christlichen und kirchlichen Kreise hineinfließen zu lassen. Ich bin überzeugt, dass Gott in unserem Leben wirkt und für uns Heil und Heilung möchte. In den Aufstellungen habe ich immer wieder erfahren dürfen, dass Gott gerade darin die Seele des Menschen berührt, Einsicht vermittelt und heilt.

Mit meinem Buch möchte ich mein eigenes, neu erarbeitetes Konzept bekannt machen und Christen helfen sich ein eigenes Bild über das Familienstellen zu machen.

Einleitung:

Gemeinsam auf dem Weg

„Alles Wirkliche im Leben

ist Begegnung.“

Dr. Martin Buber

Jahresgruppe „Christliches Familienstellen“

Ich verstehe das Familienstellen als einen Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum hinzieht. Dafür eignet sich eine Gruppe, die sich regelmäßig einmal im Monat in einem geschützten Rahmen trifft. Der Abend beginnt mit einem Impuls, d.h. einer Geschichte zum Nachdenken. Im darauffolgenden Austausch kann jeder mitteilen, was die vergangene Aufstellung in ihm bewirkt hat oder was ihn derzeit beschäftigt. Pro Abend findet eine Familienaufstellung statt. Nicht nur meine „eigene Aufstellung“ hat Auswirkungen auf mein Leben, sondern aus jeder Aufstellung, die ich erlebe, kann ich Aspekte in meinem Leben finden. Zum Schluss gibt es ein „Blitzlicht“: Jeder teilt in kurzen Worten mit, wie es ihm gerade geht. Das Geschehene wird abgerundet, der Sack wird „zugebunden“, bevor man nach Hause geht. Der Abend endet mit einem zusammenfassenden und abschließenden Gebet.

Um einander einen geschützten Rahmen zu geben, ist es wichtig, dass das, was in der Gruppe geschieht, auch in der Gruppe bleibt. Jeder, der sich dafür entscheidet, an solch einer Gruppe teilzunehmen, verpflichtet sich zur Verschwiegenheit. Für einen dynamischen Gruppenprozess ist es wichtig, dass die Teilnehmer verbindlich, d.h. regelmäßig, an den Treffen teilnehmen. Eine verbindliche Gruppe ermöglicht Vertrautheit und Offenheit. Man geht in einem geschützten Rahmen einen gemeinsamen Weg miteinander, wobei jeder die Geschwindigkeit seines eigenen Prozesses selbst entscheidet.

Normalerweise ist eine Familienaufstellung erst der Beginn eines Prozesses. Als Teilnehmer darf ich mit dem Wissen nach Hause gehen, dass die Aufstellung nur so viel zeigt, wie das Familiensystem und die aufstellende Person selbst es zulassen. Eine einzelne Aufstellung reicht aber in der Regel nicht aus, um die Knoten eines Lebens zu lösen. Weitere Aufstellungen sind notwendig. Sie zeigen neue Aspekte auf, neue Sichtweisen aus einer anderen Perspektive.

Der geschützte Rahmen, der begleitete Prozess, ist wichtig für die Methode des Familienstellens, da es sich bei dem Betrachten und dann auch Heraustreten aus den bisherigen Familienstrukturen um einen tiefgreifenden Prozess handelt. Ich möchte dafür gerne Gedanken aus dem Film „Titanic“ als Beispiel nehmen. Die Hauptdarstellerin Rose, aus einer ehrwürdigen, englischen jedoch inzwischen verarmten Familie, soll einen der reichsten Männer Englands heiraten um ihre Familie zu retten. Sie liebt diesen Mann jedoch nicht. In ihrer Verzweiflung will sie sich über die Reling stürzen, um der ganzen Situation zu entgehen. Dabei wird sie von einem mittellosen jungen Maler „gesehen“, der sie dazu bringt wieder von der Reling herunterzusteigen. Sie verliebt sich in ihn, da sie sich von ihm wahrgenommen und „gesehen“ fühlt, und zwar so, wie sie wirklich ist. Dies gibt ihr die Kraft, sich aus den herkömmlichen Familienstrukturen zu lösen und auch ohne ihren „Retter“ ein neues Leben unter einer neuen Identität in Amerika zu beginnen. Mit der Titanic musste ein ganzes Schiff untergehen, damit Rose sich aus den starren Strukturen ihrer Herkunftsfamilie lösen konnte.

Dieses Heraustreten aus den alten Strukturen bereitet Angst. Wir werden mit Gefühlen wie Angst, Wut, Ohnmacht und Schmerz konfrontiert. Mit den Dingen aus unserem alten Leben, die wir, bisher „gedeckelt“, zur Seite geschoben und verdrängt haben. Es ist kein einfacher Prozess. Die Schritte auf neuem Boden sind erst noch wacklig und unsicher, doch da möchte ich dem Leser mit dem Lied von „Jugend mit einer Mission“ zurufen: „Nimm ein, nimm ein das gute Land, das Gott Dir gibt“. Du brauchst den Weg nicht alleine zu gehen, ER geht den Weg mit und stellt (z.B. durch eine Jahresgruppe) Dir Menschen zur Seite, die einen ähnlichen Weg wählen und Dich daher auch innerhalb Deines Wandlungsprozesses verstehen.

Josefa:

Ich habe sehr gute Freunde, die mir immer wieder von der Jahresgruppe erzählt haben, und auch davon, wie wichtig diese Abende für sie sind, weil sie die Möglichkeit bieten, sich mit der eigenen Lebensgeschichte auseinanderzusetzen. Durch diesen Austausch bekamen unsere Gespräche eine neue Qualität und Tiefe. Irgendwann kam die Idee auf, dass ich ebenfalls an solch einem Abend teilnehme. Der Freund vermittelte mir mit der Einladung das Gefühl, mich beschenken zu wollen.

In meinem Leben war bis vor kurzem keine Leistungsanforderung zu viel. Ich hatte von mir selbst die Vorstellung, alles zu leisten und bewältigen zu können. Dabei bin ich eine „unfreie“ Perfektionistin. Irgendwann sagte mein Herz: „So geht es nicht weiter“. Ich konnte keinen Berg mehr erklimmen, keine Treppe mehr bewältigen ohne außer Atem zu kommen.

Ein Gespräch mit einer Freundin brachte mich dazu, darüber nachzudenken, was das Wort „atemlos“ in meinem Leben bedeuten und was die Hintergründe für meine Herzbeschwerden sein könnten. Ich recherchierte im Internet und stellte fest, dass Herzbeschwerden auf unbewältigte Konflikte innerhalb der Familie, der Partnerschaft oder anderen Lebensbereiche hindeuten. Die Atemlosigkeit zeigte auf, dass die Notwendigkeit besteht, einmal inne zu halten, den Blick von außen nach innen zu richten.

Als mir an diesem Punkt über meine Freunde die Möglichkeit zur Familienaufstellung begegnete, wusste ich, das ist mein Weg. Am ersten Abend war ich sehr aufgeregt, wie immer, wenn ich Menschen begegne, die ich nicht kenne oder mich in Situationen befinde, die neu sind und die ich nicht einschätzen kann. Gleichzeitig fühlte ich mich geborgen, weil meine Freunde ebenfalls ein Teil der Gruppe waren. Ich stellte fest, dass es nicht nur meine Freunde waren, die mir Sicherheit gaben, sondern dass in der Gruppe ein respektvoller, vertrauensvoller und liebevoller Umgang herrschte, der meine Befürchtungen verschwinden ließ. Nach diesem Abend stand mein Entschluss fest, dass der weite Anfahrtsweg (200 km) sich lohnt.

Ich fühle mich innerhalb der Jahresgruppe sehr wohl, weil ich Menschen in einer Art und Weise kennenlernen durfte, wie es sonst selten möglich ist. Es geht nicht darum, gut auszusehen, sondern sich zu entwickeln. Gleichzeitig ist mein Vertrauen groß, dass ich auch mit unguten Gefühlen wie Ohnmacht, Angst, Wut, Verletzlichkeit, Unsicherheiten usw. in der Gruppe getragen bin.

Teil I:

Christliches Familienstellen

„Fangen wir an,

diejenigen zu sein,

die wir sein wollen.“

Der rote Faden in meinem Leben

Ich habe dich je und je geliebt;

darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.

(Jeremia 31,3)

Im Jahr 1959, Ende der 50er Jahre, bin ich geboren, also in der Nachkriegszeit, einer Zeit des Aufbaus. Meine Eltern hatten beide den Krieg erlebt und nun galt es, etwas zu „schaffen“, etwas aufzubauen. Meine Mutter hatte nur wenig Haushaltsgeld um für die Familie zu sorgen, da alles in unser Geschäft, die Reben und Äcker hineinfloss. Grundbesitz war in dieser Zeit sehr wichtig. „Schaffe, schaffe Häusle baue….“, war das Motto unserer Familie. Unser Alltag war von Arbeit geprägt. Wir hatten eine Glaserei und es war eine Selbstverständlichkeit, dass ich nachmittags nach der Schule als „zweiter Mann“ hinter den Maschinen stand und dass meine Mutter auf dem Bau mithalf. Da war keine Zeit für Verabredungen mit Freunden oder Hobbies. Als ich 1977 meine Lehre als Bankkauffrau begann, wurde in unserer Glaserei jemand als Ersatz für mich eingestellt. Meine Brüder, die in den 60er Jahren geboren wurden, erlebten ihre Kindheit in einer ganz anderen Weise.

Die Lehrzeit in der damaligen Raiffeisenbank war für mich eine sehr schöne Zeit: Wir waren wie eine große Familie. Auch heute noch pflege ich gute Kontakte zu meinen früheren Kollegen und Kolleginnen. Nach meiner Lehrzeit, im Sommer 1980, hatte ich die Möglichkeit, unbezahlten Urlaub zu nehmen. Ich arbeitete für drei Monate in Zermatt (Schweiz) in einem Restaurant. Es war eine Zeit der Freiheit und neuer Erfahrungen. Ich hatte plötzlich Freunde und konnte die Zeit mit anderen Jugendlichen genießen. Jeden Abend traf sich eine Gruppe in dem Restaurant, in dem ich arbeitete. Es dauerte nicht lange, da gehörte ich ebenfalls zu dieser Gruppe. Ein Jugendlicher aus unserer Gruppe aus Zermatt wurde von seinem Hotel für einige Zeit in die „Hörnlihütte“ am Fuße des Matterhorns versetzt. Um sich trotzdem mit uns als Gruppe zu treffen, machte er, obwohl schlechtes Wetter herrschte, sich spät abends auf den Weg nach Zermatt und stürzte beim Abstieg ins Dorf „in die Tiefe“.

Der Tod dieses Freundes führte mich in eine starke Lebenskrise. Unsere Gruppe zerbrach. Ich schwankte zwischen Rückkehr zur Raiffeisenbank und einer Stelle in Zermatt. Auch zu Hause mit meinen Eltern blieben die Konflikte nicht aus. Warum hat Gott das zugelassen? Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben Freunde und nun wurde mir durch Frankys Tod diese Gemeinschaft genommen. Als mich meine Mutter am Nachmittag des 24. Dezembers 1980 fragte, ob ich nicht zur Beichte gehen wolle, brach meine ganze Rebellion gegen Gott aus mir hervor. Ihn machte ich für alles verantwortlich: für Frankys Tod und für meine derzeitige Situation. Diese Aufforderung zur Beichte ließ mir jedoch keine Ruhe. Kurz vor Ende der Beichtzeit nahm ich mein Fahrrad und fuhr zur Kirche. Dort, in der Vorbereitung zur Beichte, legte ich Jesus den Scherbenhaufen meines Lebens in die Hände. Wie einen roten Faden sehe ich seither Jesu Führung in meinem Leben.

Meine ersten Schritte im Glauben erlebte ich in der Zeit meines Aufenthalts in Zermatt. Wir waren eine Gruppe von etwa 30 Personen im Alter von 15 bis 91 Jahren, die sich jeden Montag zum Gebetskreis „Bibel und Gebet“ traf. Insbesondere wir Jugendlichen erlebten miteinander eine sehr schöne Gemeinschaft, fuhren gemeinsam Ski, nahmen zusammen an den verschiedensten christlichen Treffen innerhalb der Schweiz teil und liebten das gemeinsame Singen christlicher Lieder. Oftmals ging der Lobpreis unseres Gebetsabends anschließend in einer der Zermatter Gaststätten weiter, was die Wirte nicht sonderlich erfreute.

1983 besuchten fünf Teilnehmer unseres Gebetskreises, darunter auch ich, gemeinsam eine „Jüngerschaftsschule“ (Kurzbibelschule mit Schwerpunkt Evangelisation) von „Jugend mit einer Mission“ in Biel. Es folgte eine Zeit, in der ich Gottes Segen in meinem Leben erfahren durfte. Eine Zeit in der sich viele Gaben und Fähigkeiten in meinem Leben zeigen und sich entfalten konnten. Ich entdeckte mein Herz für Kinder, begann eine Ausbildung als Katechetin, arbeitete und lebte innerhalb einer Pfarrhausgemeinschaft im Wallis und half dabei, innerhalb der Pfarrei einen Gebetskreis aufzubauen. Ich liebte die Berge und die Schweiz; doch die Schweizer Behörden machten mir einen Strich durch meine Lebensplanung. Meine Arbeitsbewilligung wurde nicht verlängert. Die Ausbildung zur Katechetin konnte ich nicht weiterführen und beenden, ich musste die Schweiz verlassen.

Es folgte ein einjähriges Praktikum in einem Ordenskrankenhaus. Ich wurde mit Krankheit und Tod konfrontiert, besuchte ein Sterbeseminar und kam mit vielen Sterbenden in ihren letzten Tagen in Bezug auf den Glauben ins Gespräch. Mit einer der Ordensschwestern konnte ich mich immer wieder über einzelne Patienten und deren Prozess austauschen.

Mein Weg führte mich zurück zur Raiffeisenbank, die inzwischen mit der Volksbank fusioniert hatte. In meiner Freizeit baute ich mit einem Vikar einen Gebetskreis auf. Gemeinsam führten wir verschiedene Glaubensseminare in unserer Umgebung durch.

In dieser Zeit nahm ich an einem Skilager von „Jugend mit einer Mission“ in Adelboden (Schweiz) teil. An unserem Gebetsabend während des Skilagers bekam ich folgenden Impuls, für mich eine klare Verheißung: Gott hat einen Plan für mein Leben, er wird mich in einem größeren Maß gebrauchen, als ich es mir selbst vorstellen kann.

Diese Gedanken erinnerten mich an meine Kindheit, an meine Erstkommunionsvorbereitung, in der mich unser Priester zu Jesus führte. Ich kann mich noch gut an den Moment erinnern, als ich von der Kommunion in die Kirchenbank zurückkehrte und mein Leben in Jesu Hände legte. Die Sehnsucht in die Mission zu gehen wuchs seit meiner Kommunion in meinem Herzen. Dieser Wunsch nahm nun, nach dieser Verheißung, mehr und mehr Gestalt an, nämlich als Familie in der Mission zu leben möglichst innerhalb der Katholischen Kirche.