Wir Krisenakrobaten - Stephan Grünewald - E-Book

Wir Krisenakrobaten E-Book

Stephan Grünewald

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Beschreibung

Stephan Grünewald legt die Deutschen auf die Couch – sie ticken anders, als viele denken. Die Krisen unserer Zeit setzen die Menschen unter enormen Stress. Viele ziehen sich vordergründig in ihr privates Schneckenhaus zurück. Doch das Erstaunliche: Während das Vertrauen in die Gesellschaft einen Tiefpunkt erreicht hat, bleiben die Menschen privat optimistisch. Denn mitten in der Krise haben die Deutschen verblüffende Strategien entwickelt, um mit den Veränderungen umzugehen und neue Zuversicht zu gewinnen. Lassen sich die persönlichen Strategien auf die Gesellschaft übertragen? Stephan Grünewalds augenöffnende wie überraschende Analyse zeigt: Die Zeitenwende macht uns zu Krisenakrobaten – ein Drahtseilakt voller Risiken, aber auch mit großen Chancen für jeden Einzelnen und die Gesellschaft.

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Seitenzahl: 248

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Stephan Grünewald

Wir Krisenakrobaten

Psychogramm einer verunsicherten Gesellschaft

Kurzübersicht

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Titelseite

Über Stephan Grünewald

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

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Über Stephan Grünewald

Stephan Grünewald, geboren 1960, ist Diplom-Psychologe und Gründer des rheingold Instituts in Köln. Der ausgebildete Psychotherapeut ist Autor mehrerer Bücher, darunter die Bestseller  »Deutschland auf der Couch«, »Köln auf der Couch« und »Wie tickt Deutschland?« (KiWi).

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Über dieses Buch

Es ist erstaunlich: Fast überall werden die Menschen heute mit Krisen konfrontiert. Wer Radio oder Podcasts hört, Nachrichten im Internet liest, Fernsehen schaut, begegnet immer neuen Problemen: Kriege, Umweltkatastrophen, Wahlerfolge von Populisten. Und der Alltag wird nicht leichter: Die Preise steigen, die Bahn kommt oft zu spät und in vielen Städten fehlen Wohnungen.

Aber während die Bürgerinnen und Bürger sehr kritisch auf Gesellschaft und Politik schauen, haben sie privat verblüffende Methoden entwickelt, um mit den Veränderungen umzugehen und neue Zuversicht zu gewinnen. Sie schaffen es mit geheimer Intelligenz trotz aller Zumutungen handlungsfähig zu bleiben und sich im Alltag zu stabilisieren. Lassen sich diese Strategien auf die Gesellschaft übertragen?

Stephan Grünewald zeigt auf der Basis tausender psychologischer Tiefenbefragungen, wie klug die Menschen die Herausforderungen der Zeitenwende meistern, wie sie Resilienz entwickeln – und welche Perspektiven sich so dem Einzelnen und der Gesellschaft eröffnen.

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Impressum

Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln

© 2025, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Barbara Thoben, Köln

Covermotiv: © Rüdiger Trebels

Grafiken Innenteil: © rheingold/Shutterstock

 

ISBN978-3-462-31371-0

 

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Erschütterung und ungebrochene Selbstwirksamkeit

Der psychologische Blick

Wäschewaschen – innere Verfehlungen und äußere Kontamination

Empirische Breite und Wir-Perspektive

Die Stationen der Forschungsreise: Kraftquellen, Fallstricke, Erlösungsideen und der Mut zum Sprung

DIE ZUVERSICHT IN DER NACHSPIELZEIT

1. Wege zur privaten Zuversicht

Hohe Zuversicht im Grauenland

Rückzug ins Schneckenhaus und Verdrängungsvorhang

Die Minimierung des Gesichtskreises

Die häufigsten Krisenstrategien im Überblick

Gesteigerte Selbstbezüglichkeit

Selbstmodellierung, Wohlfühloasen und soziale Bollwerke

Silodarität und Krise der Verbundenheit

2. Nachspielzeit, Retrotrend und gestaute Bewegungsenergie

Nachspielzeit statt Zeitenwende

Der Retrotrend – recycelte Aufbruchsstimmungen und Geborgenheitserfahrungen

Rollback-Bewegung stärkt die AfD

Rückkehr zu traditionellen Rollenmustern

Tradwives, Barbie und Oppenheimer

Gestaute Bewegungsenergie

Der aktivierende Weckruf: Demos gegen rechts

Keine Rettung in Sicht

Die Kanzlerfrage und unerfüllte Wunschprofile

Spaltungstendenzen und unterschiedliche Wirklichkeiten

Risse in der Brandmauer

Das Brandmauerdilemma

Der Teufelskreis

3. Jugend zwischen Harmonisierungssehnsucht und Wunsch nach radikalem Durchgriff

Gedeckelte Ansprüche und Verlorenheitsgefühl

Erodierendes Gemeinschaftsgefühl und Silobildung

Tarnkappenstrategie und gestaute Ausdrucksbildung

Erhalt der Wohlfühlnormalität und Wunsch nach radikalem Durchgriff

Die doppelte Blitzableiter-Funktion der AfD

Der Überraschungserfolg der Linken bei der Bundestagswahl 2025

Die Silberlocken und die Geschichte der Bremer Stadtmusikanten

4. In der individuellen Nachspielzeit: Generation 50+

Gesteigerte Selbstbezüglichkeit »Jetzt ich!«

Die Verschiebung des Alterns

Verwandlungsfreude, Lebenslust und sexuelle Aktivität

›Minimierer‹ und ›ewig Junge‹ – das Spektrum der Beziehungsformen

KRISENAKROBATIK

5. Die Wiedergewinnung der Handlungsfähigkeit

Unsichtbare Feinde und die Angst vor der Ohnmacht

Private Bodenoffensiven und die Armierung im Baumarkt

Puzzeln und das unaushaltbare Nichtstun

Das Einkaufen als Akt der Selbststabilisierung

Produkte ändern ihre Funktion und Bedeutung

Der entzauberte Allmachtsanspruch

Selbstbeschränkung und Bevormundung

Lockdown – zwischen Vorhölle und Paradies

Impfen – Verletzlichkeit und Unverwundbarkeit

Biedermeier und Wutbürger

Gendern – Gleichstellungssignal und Stolperfalle

Toleranz und Humor statt Gängelung und »Gendarmerie«

Ernährung – die Vertreibung aus dem Paradies

Kulturkampf und Doppelmoral

Heizen und die persönliche Klimawandlung

Der Waschlappen und die kalte Dusche

Klimakleber und die dreifache Angst

Was darf noch gesagt werden?

Der Verlust der Streitkultur

Die überkompensierte Orientierungslosigkeit

6. Virtuose Rettungsversuche – Strategien der Krisenbewältigung

Der Rückzug ins Homeoffice als Melange von Effizienz und Dekadenz

Die Gefahren des Long Homid

Netflix & Co – Abtauchen statt eintauchen

Tageslogik, Traumlogik und Tagtraumlogik

Veränderungsdemonstration und Ablasshandel

Der Mehrwert des Sparens

Spartaner werden oder sich das Sparen sparen

Es einfach laufen lassen – Schicksalsergebenheit im Hamsterrad

Erschöpfungsstolz und hyperaktiver Fatalismus

Den Klimawandel laufen lassen

Die lineare Logik der Klimakrise wirkt beruhigend

Die religiöse Aufladung des Klimathemas

Übersicht schaffen durch Polarisierungen

Sündenböcke

Migration – reales Problem und Sündenbock

Verschwörungstheorien als Rettungsanker

Der kleine Verschwörungstheoretiker in uns

WEGE AUS DER GRUNDLEGENDEN KULTURKRISE

7. Das Ende der Nachspielzeit – was sich hinter den Krisen verbirgt

Resümee – Die Grundkonstruktion

Resümee – Die Wege der gestauten Bewegungsenergie

Hütchenspiele und der verstellte Blick

Babylonische Verwirrung

Scham und Beschämung

Zwischen Verdruckstheit und Schamlosigkeit

8. Verhängnisvolle Erlösungsverheißungen

Zwischen Bronzezeit und Superintelligenz

Drei Erklärungsebenen für den Trump-Erfolg

Trumps magische Kraftentfaltung als totemistischer Elefant

Magisches Denken ersetzt Vernunft und Ratio

Erlösung durch technologischen Fortschritt und die KI

Die Gefahren der künstlichen Superintelligenz

Trump und Musk – oder die kompensatorische Allmacht

Der Kampf zwischen den Erlösungs-Verheißungen

Künstliche Intelligenz und seelische Intelligenz

Effizienz ist nicht gleich Wirksamkeit

9. Hoffnungsvolle Wege aus der Krise

Der Sprung ins Ungewisse

Die Meisterung der Energiekrise

Aktivierende Notwendigkeiten

Zuversichtliche Zukunftsoffenheit

Konkrete Handlungsperspektiven

Freiwillige wachküssen – Motive zu ehrenamtlichem Engagement

Universelle Aufgehobenheit – der dreifache Mehrwert der Verbundenheit

Ein sicherer Rahmen als Grundvoraussetzung für Verbundenheit

Altenessen – Rahmenbedingungen für das Zusammenleben

Sich öffnen und (an)greifbar machen

Resonanzräume – gegenseitiges Sich-Einbringen

Gemeinsame Ziele und die Idee der Gerechtigkeit

Das soziale Pflichtjahr – das erweiterte Inzesttabu

Verbundenheit braucht Entbindung, Entwicklung und Auseinandersetzung

Dank

Literatur

Vorwort

Wenn eine Ära endet und eine neue Zeit heranbricht, manifestiert sich das mitunter in einer großen Abschiedsvorstellung. Am 25. November 2023 moderierte Thomas Gottschalk ein allerletztes Mal die Fernsehshow »Wetten, dass..?«, und über zwölf Millionen Menschen sahen zu. Eine Quote, die selbst bei Fußball-Endspielen nicht mehr erreicht wird. Die Zeitgenossen, die an diesem vorweihnachtlichen Samstagabend eine bereits vorübergegangene Zeit genossen, feierten zu Beginn der Show minutenlang den Moderator, sich selbst und das Lagerfeuer-Gefühl einer großen Aufgehobenheit, das in den letzten Jahren in der Gesellschaft immer mehr verloren gegangen ist.

Jahrzehntelang verband sich mit »Wetten, dass..?« die Sehnsucht nach einer großen Vergemeinschaftung. Bereits die Eurovisionshymne zu Beginn war für die Fernsehnation die Melodie einer Einheit, die Gegensätze überwand. Die Wetten-dass-Gemeinschaft vor den Bildschirmen überspannte dabei nicht nur Landesgrenzen, sondern ideologische Positionen, Bildungs- und Klassenunterschiede. Und auch in den Familien durften die Kleinen, die sonst früh ins Bett mussten, aufbleiben und neben den Großen die Show verfolgen.

Das zentrale Sinnbild für diese status- und altersübergreifende Aufgehobenheit war die gespiegelte Couch. Denn es gab die Couch zweimal. Im Wohnzimmer vor dem Bildschirm saßen die Familien, Klein und Groß, Jung und Alt. In der Halle auf dem Bildschirm saßen die großen und die kleinen Stars. Neben Hollywood-Prominenten als Paten nahmen die Wettkandidatinnen und -kandidaten Platz: Menschen wie du und ich, die aus ihrem grauen Alltag erlöst und über ihre Normalität hinausgehoben wurden. Dieses Gefühl von Erhabenheit, Größe und Glanz hatten jedoch auch die Zuschauer. Denn jetzt war endlich Samstagabend: Primetime. Die Arbeitswoche war vorüber, das Samstags-Klein-Klein mit Einkäufen und Besorgungen war erledigt. Jetzt war die Zeit für etwas Großes, Glanzvolles: »Wetten, dass..?« ließ mit seinen großen Hallen, der opulenten Deko und dem enthusiastischen Publikum ein Gala-Gefühl aufkommen.

Eine tragende Rolle bei dieser Gala spielte Thomas Gottschalk. Er vereinigte die beiden Seiten: das Erhabene, Große und das Menschliche, allzu Menschliche. Er war Gott und Schalk: Er moderierte auf Augenhöhe mit den großen Stars, verstand es jedoch durch seine joviale – und mitunter aus heutiger Sicht – übergriffige Art, die prominenten Gäste zu erden. Er holte die Stars vom Himmel. Und zugleich hob er die Wettkandidaten empor, die wiederum stellvertretend für die Sehnsucht der Zuschauer nach Aufstieg standen. Wetten, dass..? versprach nicht nur über die beliebte Kinderwette, dass man als Kleiner einmal ganz groß rauskommen kann. Die Wettkandidaten waren die unkonventionellen Helden, die wie der Schneider in Grimms Märchen vom tapferen Schneiderlein sieben auf einen Streich erlegen oder gar Riesen bezwingen konnten. Dank ihrer – oft banalen – Fertigkeiten und Gewitztheit konnten sie an diesem Abend zu Ruhm, Glanz und Ehren gelangen und am Ende gar Wettkönig werden. Beliebt waren besonders die Baggerwetten, in denen es den Kandidaten gelang, die scheinbar unbezwingbaren Ungetüme zu bezwingen.

Wetten, dass..? spielte eine wichtige Rolle bei der Neunormierung gesellschaftlicher Standards. Die Show machte deutlich, welche Mode angesagt und welche Musik en vogue war. Die Show stand zudem sinnbildlich für das Selbstverständnis Deutschlands als das Land der Tüftler und des TÜVs. Mit den Wetten, die eigens für die Show ausgetüftelt wurden, konnten die Zuschauer ihren Erfindungsreichtum beweisen. Gewannen sie die Wette, hatten sie ihre TÜV-Tauglichkeit vor einem Millionenpublikum bewiesen und bekamen gleichsam die TV-Prüfplakette.

Der Unfall von Samuel Koch im Jahre 2010 war eine erste große Zäsur. Die Show hatte ihre Unschuld verloren. Weder das Fernsehformat noch die Fernsehnation haben danach wieder zur alten Unbeschwertheit zurückgefunden. Zumal nun auch klar war: Nichts durfte mehr dem Zufall überlassen werden, alles musste doppelt und dreifach gesichert sein. Das ging auf Kosten jenes Überraschungsmoments, das auch zum Erfolgsrezept von »Wetten, dass..?« gehörte. In den letzten Jahren wurde aber auch an der Gestalt von Thomas Gottschalk deutlich, dass auch er, wie alle Großen, langsam, aber unwiderruflich kleiner wird. Michelle Hunziker übernahm an der Seite von Thomas Gottschalk die Rolle der Co-Moderatorin; manchen kam es wie betreutes Moderieren vor. In seiner letzten Sendung ging Gottschalk noch einmal ohne sie auf die Bühne, um so zu zeigen, dass er es auch allein kann.

Heute wird das lineare Fernsehen zu einem Auslaufmodell. Nicht nur junge Menschen sind meist in parzellierten Streaming-Welten unterwegs und konfigurieren ihr ganz eigenes Programm über Netflix und die sozialen Medien. Das Einheitsmoment, das zum Wesen von »Wetten, dass..?« gehörte, lässt sich nur noch selten herstellen. Die Sehnsucht nach dieser großen Aufgehobenheit ist aber ungebrochen.

Erschütterung und ungebrochene Selbstwirksamkeit

Nicht nur das Gefühl von Verbundenheit und Gemeinschaft droht verloren zu gehen. Die Grundbefindlichkeit der Menschen hat sich in den letzten Jahren in Deutschland stark verändert. In meinem Buch »Wie tickt Deutschland?« habe ich 2019 davon gesprochen, dass Deutschland ein »Auenland« ist. Das »Grauenland« mit seinen Problemen und Krisen wurde damals noch jenseits der Landesgrenzen verortet. Angesichts der vielen mittlerweile als unwandelbar erlebten Krisen herrscht heute das Gefühl vor, dass auch Deutschland zu einem Grauenland geworden ist. Immer wieder fragen sich die Menschen: »Was ist nur mit unserem schönen Land passiert?« Dabei schwankt die Stimmung zwischen Staunen, Entsetzen, Beharren und Rückzug.

Erschütterung und Verunsicherung erleben die Menschen zurzeit auf drei Ebenen: Die globalen Krisen werden als Wiedergänger erlebt, denen man einfach nicht beikommen kann. Die nationalen Krisen manifestieren sich vor allem in der desolaten Infrastruktur, in wirtschaftlichen Problemen und dem Eindruck, dass in der Politik ständiger Zank eine richtunggebende Geschlossenheit verhindert. Bei Kollegen, Nachbarn, Freunden und Familienmitgliedern erleben die Menschen zudem einen Rechtsruck, der sich nicht nur in dem Erstarken der AfD manifestiert, sondern auch in einem großen Vertrauensverlust in die demokratischen Institutionen.

Viele Menschen reagieren auf die globalen und nationalen Krisen mit einem Rückzug in ihr privates Schneckenhaus. Das Auenland ist zu einer privaten Wohlfühloase geschrumpft, zu einer kleinen Eigenwelt, die man noch im Griff zu haben glaubt. Aber auch dieser Rückzugsort erscheint bedroht durch Attentate, die das persönliche Sicherheitsgefühl unterhöhlen, oder die zunehmende Aggressivität im Miteinander. Noch funktioniert das Alltagsleben trotz aller erfahrenen Einschränkungen, aber viele Menschen haben den Glauben an eine bessere Zukunft verloren. Die von der Politik ausgerufene Zeitenwende hat in den Köpfen der Menschen noch nicht stattgefunden. Psychologisch betrachtet haben sich die Menschen in einer Art Nachspielzeit eingerichtet. Sie spielen auf Halten und hoffen, die gewohnten Zustände noch einige Monate oder vielleicht sogar Jahre stabilisieren zu können.

Wenn wir allerdings den Alltag psychologisch tiefer ausleuchten, dann stellen wir fest, dass die Menschen im Kokon ihres Schneckenhauses nicht nur abwartend und passiv auf eine krisenhafte Welt reagieren, sondern funktionierende Formen der Selbstwirksamkeit entwickelt haben, mit denen sie bereits erfolgreich Krisen wie Corona oder dem Krieg in der Ukraine begegnet sind. Diese persönliche Krisenakrobatik, also die kunstvollen Strategien der Selbstbehauptung in einer aus den Fugen geratenen Welt, steht im Blickpunkt dieses Buches.

Der psychologische Blick

Beim Blick in die Gesellschaft werde ich konsequent eine psychologische Perspektive einnehmen. Fast alle der dargestellten Befunde und Erkenntnisse basieren auf Studien des rheingold Instituts, das in seinen Forschungsprojekten vor allem mit tiefenpsychologischen Interviews und Gruppendiskussionen arbeitet.[1]

Methodische Maxime all dieser Explorationen ist es, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem der Befragte alles sagen kann, was ihn zu einem Forschungsthema einfällt. Die Aussagen werden nicht kritisiert, zensiert oder bewertet, sondern als Ausdruck seines subjektiven Erlebens, seiner Ängste, seiner Sehnsüchte oder seiner gelebten Haltung zu verstehen gesucht. Daher wird er immer wieder ermuntert, seine Sicht, seine Welt und seinen Alltag anschaulich zu beschreiben. Der Psychologe, der das Interview führt, ist mit wohlwollender Neugier daran interessiert, wie der Befragte persönlich die thematisierten Dinge oder Sachverhalte erlebt hat und mit welchen Gefühlen sie für ihn verbunden sind. Sinnbildlich gesprochen legen wir also Bürger, Wähler, Verbraucher, Zuschauer oder Leser auf die Couch und starten eine zweistündige gemeinsame Forschungsreise. Dabei kommt sich der Befragte selbst auf die Schliche, denn er begibt sich in einen Prozess, in dem das sonst Selbstverständliche hinterfragt und zerdehnt wird. Auf diese Weise eröffnen sich tiefere Begründungszusammenhänge etwa für das Horten von Klopapier in der Coronazeit oder die wiedererweckte Leidenschaft für das Putzen oder Puzzeln. Bedeutungen und Mechanismen unseres Verhaltens werden so herausgehoben, die sonst von rationalen Erklärfiguren – wie Preis, Geschmack, Nutzen oder Bequemlichkeit – schnell überdeckt werden.

Wäschewaschen – innere Verfehlungen und äußere Kontamination

Diese Vorgehensweise lässt sich am Beispiel des Wäschewaschens veranschaulichen. Tiefeninterviews zeigen dabei, dass es beim Waschen um mehr geht als um die physikalische Beseitigung eines Flecks durch ein effizientes Waschmittel. Das liegt vor allem an der Psychologie des Flecks. Denn jeder Fleck ist Ausdruck einer persönlichen Verfehlung. Der Fettfleck zeigt, du warst zu gierig, der Schweißfleck zeigt, du warst zu hitzig, der Blutfleck zeigt, du warst zu aggressiv, der Knutschfleck zeigt, du warst zu geil und der Schmutzfleck zeigt, du warst zu unachtsam. Unbewusst hoffen die Menschen daher, dass das Waschmittel eine doppelte Funktion erfüllt. Es soll die Wäsche fleckenfrei machen, es soll die Menschen jedoch auch von der Schuld befreien, die den Fleck erst hervorgerufen hat.

Die weiße Weste ist daher ebenso wie die Vorstellung einer weißen Seele ein Sinnbild für Läuterung und Sündenfreiheit. Daher sprach man in der Nachkriegszeit auch von einem Persilschein, wenn es um ein Entlastungszeugnis ging, das dokumentieren sollte, dass der Einzelne sich nichts hat zuschulden kommen lassen. Bei der Wahl eines Waschmittels unterscheiden die Menschen meist unbewusst zwischen drei grundsätzlichen Kategorien. Es gibt die göttlich anmutenden und meist hochpreisigen Marken wie Persil oder Ariel, die höchste Reinheit im doppelten Sinne verheißen. Sie lösen den Fleck, bringen aber auch eine persönliche Erlösung, da sie von der Schuld befreien. Es gibt die Halbgötter wie Omo oder Dash, die eine reine Wäsche verheißen, aber kein Läuterungsversprechen machen. Und es gibt Tiermarken wie den grünen Frosch oder Spee (Fuchs), die uns mit unserer menschlichen Natur versöhnen, da sie bereits durch das Wappentier darauf hinweisen, dass Reinlichkeit zwar wichtig ist, aber Verschmutzung gleichsam unausweichlich ist, da sie Ausdruck einer organischen Lebensweise ist.

Wir werden an vielen weiteren Beispielen im Buch sehen, dass die tieferen Bedeutungen, die mit Alltagsprozessen wie dem Waschen verbunden sind, einem Wandel unterworfen sind. Angesichts der vielen Krisen in der Welt da draußen haben die Menschen heute verstärkt das Gefühl, dass ihre Wäsche kontaminiert ist, wenn sie sich längere Zeit draußen aufgehalten haben, dass ihnen also die Aggressivität, die schlechte Stimmung, das Fremde und Gefährliche buchstäblich in den Klamotten sitzt. »Alles, was ich draußen anhatte, kommt sofort in die Wäsche.« Das Krisenhafte, das über die Wäsche ins Haus getragen werden kann, soll also draußen bleiben.

Der Wunsch, sich durch das Waschmittel auch von eigenen Verfehlungen zu befreien, wird heute also zunehmend überlagert von dem Wunsch, das eigene Zuhause rein und unbelastet zu halten. Die Wäsche soll zudem ein Wohlfühlklima schaffen, sodass man sich trotz aller Probleme wieder wohl in seiner Haut fühlt. Daher soll das Waschmittel die Wäsche auch weicher und flauschiger machen. Zudem soll die frisch gewaschene Wäsche einen Duftkokon bilden, der im Idealfall an die eigene Kindheit und frühere Unbeschwertheit erinnert und die kontaminierte Außenwelt übertüncht. Dieser Bedeutungswandel, der auch in vielen anderen Alltagsprozessen zu beobachten ist, verweist bereits auf wichtige gesellschaftliche Entwicklungen, die ich in den nächsten Kapiteln beschreiben werde.

Empirische Breite und Wir-Perspektive

Neben einer analytischen Tiefe ist auch eine empirische Breite wichtig, um ein differenziertes Psychogramm beziehungsweise ein anschauliches Gesellschaftspanorama zu erstellen. Das rheingold Institut führt jedes Jahr rund 200 Forschungsprojekte durch – für Industrie, Medien, öffentliche Träger oder Stiftungen. Auftraggeber sind zum Beispiel der Arbeiter-Samariter-Bund, Unicef, Unilever oder die Allianz. Die Erkenntnisse aus über 20.000 Interviews, die das Institut in den vergangenen fünf Jahren durchgeführt hat, sind so in das Buch eingeflossen. Einige dieser Studien sind in einem zweiten Forschungsschritt auf Basis einer bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe mit mindestens tausend Probanden auch quantifiziert worden. Das ermöglicht in diesen Fällen neben den qualitativen Befunden auch die Angabe dezidierter Prozentangaben.

Trotz aller Differenzierung ist es mir – wie bereits der Titel erkennen lässt – wichtig, eine Wir-Perspektive einzunehmen. Im Blickpunkt steht die kollektive Krisenakrobatik einer verunsicherten Gesellschaft. Ich versuche, den Einzelnen übergreifende Stimmungen und Verhältnisse zu beschreiben, in der sich im Idealfall auch Sie wiederfinden, liebe Leserin oder lieber Leser. Von daher lade ich Sie ein zu einer gemeinsamen Reise in eine Welt im Umbruch, die gerade heute auch wieder ein erstarkendes Wirgefühl braucht und eine Haltung, die trotz aller Kritik von einem wohlwollenden Humor geprägt ist.

Die Stationen der Forschungsreise: Kraftquellen, Fallstricke, Erlösungsideen und der Mut zum Sprung

In den ersten beiden Kapiteln beschreibe ich, wie Menschen ihre Zuversicht in der Nachspielzeit gewinnen durch die Pflege ihrer privaten Wohlfühloasen, durch die Steigerung ihrer Selbstwirksamkeit und die Festigung ihrer Freundeskreise. Die Kehrseite dieser Kraftquellen ist eine verstärkte Selbstbezüglichkeit, die derzeit zu einer Krise der sozialen Verbundenheit führt und die die Gesellschaft zu entzweien droht.

Durch den Rückzug ins Private und die fehlende Zukunftsperspektive staut sich zudem die gesellschaftliche Bewegungsenergie. Es gelingt kaum noch, die private Energie in eine gesellschaftliche zu überführen. Die Menschen kreisen um sich, haben aber immer stärker das Gefühl, in einem Problemstau zu stecken. Symptome sind eine schwelende Wut, eine wachsende Aggressivität im Miteinander und kuriose Übersprunghandlungen.

Die Auswirkungen der fehlenden Verbundenheit auf die Jugend beschreibe ich im zweiten Kapitel. Denn gerade junge Menschen leiden zunehmend unter der Zerrissenheit ihrer Generation und sie leben in der ständigen Angst, sich durch ihre Meinung oder Haltung außerhalb ihres engsten Freundeskreises angreifbar zu machen. Sie entwickeln daher eine harmonisierende Tarnkappenstrategie, die häufig zu einer gestauten Ausdrucksbildung führt. Ganz anders stellt sich jedoch die Lebenswirklichkeit der Generation 50+ dar, die in der kollektiven Nachspielzeit eine individuelle Nachspielzeit erlebt und die versucht, sich Lebenslust und Verwandlungsfreude zu erhalten.

Die oft erstaunlichen Formen der Krisenakrobatik, mit denen sich die Menschen vor allem den krisenbedingten Ohnmachtserfahrungen entgegenstemmen, beleuchte ich im fünften und sechsten Kapitel. Dabei geht es unter anderem um die Bedeutung des Putzens, Puzzelns oder Einkaufens für die Selbstwirksamkeit. Versuche der Selbststabilisierung durch das Streamen von Fernsehserien, das Erzählen von Verschwörungsstrategien und das Herstellen von Werkstolz werden ebenfalls untersucht. Und es geht darum, ob oder warum Themen wie Gendern, Ernährung, Impfen, Heizen oder sogenannte Klimakleber die gesellschaftliche Polarisierung verschärfen.

Im letzten Teil des Buches beleuchte ich, was sich hinter den vielen Krisen verbirgt, die uns unablässig beschäftigen. Langsam verfestigt sich die gefühlte Gewissheit, dass wir uns in einem grundlegenden Gesellschafts- und Wirklichkeitsumbruch befinden, der zwar Chancen bietet, jedoch häufig erst einmal mit Ängsten verbunden ist. Dieser grundlegende Epochenwandel erfordert vom Einzelnen wie von der Gesellschaft einen Sprung ins Ungewisse. Die Angst vor diesem Sprung forciert jedoch Erlösungssehnsüchte, die ich im achten Kapitel behandeln werde. Donald Trump und Elon Musk verkörpern dabei zwei entgegengesetzte Erlösungswünsche: Trump den Rückgriff auf die magische Kraftentfaltung, die ein Stammesdenken und eine totemistische Führerkultur verspricht. Musk den Fortschrittssprung in eine neue Generation der künstlichen Intelligenz und Effizienz, die in der Lage ist, alle drängenden Daseinsprobleme stellvertretend zu lösen.

Ich plädiere im letzten Kapitel jedoch dafür, dass wir nicht auf eine Erlösung bauen, sondern uns den Sprung ins Ungewisse trauen. Dazu zeige ich die Bedingungen auf, wie die bislang gestaute Bewegungsenergie kanalisiert werden kann und wie das Vertrauen wachsen kann, dass wir angesichts des bevorstehenden Sprungs ins Ungewisse als Gesellschaft verbunden bleiben können.

DIE ZUVERSICHT IN DER NACHSPIELZEIT

1.Wege zur privaten Zuversicht

Hohe Zuversicht im Grauenland

Zuversicht begründet sich in der Sicht, die Menschen auf ihr Leben und die sie umgebende Welt haben. Diese Sicht ist seit Jahren durch viele Krisen geprägt, die anscheinend nicht mehr enden wollen. Der Krieg in der Ukraine dauert schon seit über drei Jahren an. Seit dem Überfall der Hamas auf Israel im Oktober 2023 wird im Gazastreifen gekämpft. Corona ist zu einem Teil unserer Krisenwirklichkeit geworden und spätestens im Herbst jedes Jahres steigen die Fallzahlen und das Land erlebt wieder kleinere oder größere Infektionswellen. Die Migration lässt sich weiterhin nicht verlässlich steuern und spätestens nach dem Attentat auf den Weihnachtsmarkt in Aschaffenburg berührt die Migrationsfrage das subjektive Sicherheitsempfinden vieler Menschen. Der Klimawandel, der den Menschen zwar mildere Winter und längere Sommer bringt, erscheint als Unheil am Horizont, dessen Schrecken sich in Dürreperioden, Waldbränden oder Hochwasserkatastrophen äußert. Aber auch die globale politische Großwetterlage hat sich durch die Wahl Donald Trumps und das demonstrative Abrücken der USA von Europa dramatisch gewandelt.

Auch Deutschland wird immer mehr durch Krisen geschüttelt. Der Einsturz der Carolabrücke in Dresden wurde zum Sinnbild für die substanziellen Probleme des Landes und die wachsenden Zweifel an seinen Strukturen und Institutionen. Vorbei sind auf jeden Fall die mit Angela Merkel verbundenen Zeiten, als Deutschland noch als eine Art gefestigtes »Auenland« galt, als Insel des Wohlstands in einer Welt krisenhafter Umbrüche. In meinem 2019 erschienenen Buch »Wie tickt Deutschland?« habe ich geschrieben, dass die Menschen das »Grauenland« noch außerhalb der deutschen Grenzen verorteten. Denn zum Selbstbild der Deutschen gehörte eine niedrige Arbeitslosigkeit, eine florierende Wirtschaft und eine halbwegs intakte Infrastruktur. Das Land feierte sich als Exportweltmeister, Reiseweltmeister und in den Jahren 2014 bis 2018 als Fußballweltmeister.

Jetzt ist das »Grauenland« Teil der deutschen Lebenswirklichkeit. Die Wirtschaft schwächelt, die Infrastruktur erscheint marode, die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr ist unklar, bei der Digitalisierung hinkt Deutschland im internationalen Vergleich hinterher, die letzte PISA-Studie stellte den Schülern und Schulen ein schlechtes Zeugnis aus und die Deutsche Bahn scheint vollends aus dem Takt geraten zu sein. Den Städten gelingt es nicht, den Bedarf an Wohnraum zu decken, und gleichzeitig steigen die Mieten, die Inflation bewegt sich auf einem hohen Niveau. Subjektiv haben die Menschen den Eindruck, dass sich das soziale Klima drastisch verschlechtert und die Aggressivität im Miteinander zunimmt. Der Dauerzank der im Februar 2025 abgewählten Ampel ließ lange Zeit keine gestaltende Richtung mehr erkennen und verstärkte über Jahre das Gefühl einer bürokratischen Lähmung des Landes.

Dennoch ist die Zuversicht in Deutschland ungebrochen hoch. In einer großen Zuversichtsstudie[2] bekunden 87 Prozent der repräsentativ Befragten, dass sie optimistisch auf ihr persönliches Umfeld mit Familie und Freunden und den eigenen Wirkungskreis in Beruf, Ausbildung oder ehrenamtlichem Engagement blicken. Wie lassen sich diese überraschend hohen Zuversichtswerte verstehen?

Rückzug ins Schneckenhaus und Verdrängungsvorhang

Angesichts der multiplen Krisen spalten die Menschen ihre Wirklichkeit auf: einerseits in eine private Welt, die vertraut und überschaubar ist und die man weitestgehend im Griff zu haben glaubt – andererseits in eine äußere Welt, in der die eingangs beschriebenen globalen Krisen verortet werden: Krieg, Migration, Corona und Klimawandel. Diese globalen Probleme erleben die Menschen als unwandelbar. Ihnen wird eine Art »Zombie-Qualität« attestiert, sie scheinen ewige Widergänger und nicht totzukriegen. In Vampirfilmen konnte man die Untoten noch mit Kreuzen, Knoblauch, Sonnenlicht, Feuer, Silberkugeln oder Weihwasser bannen oder bekämpfen. Gegen die globalen Dauerkrisen scheint jedoch kein Kraut gewachsen zu sein. Die vermutete Unwandelbarkeit der Krisen fördert eine resignative Haltung. Die Probleme werden – zumindest von den meisten Menschen – nicht geleugnet. Sie werden, manchmal lautstark, manchmal leise murrend, als gegeben hingenommen.

Hier werden manche Leser einwenden, dass dieser Befund recht pauschal ist und man die Krisen und die damit verbundenen Verhaltensweisen nicht über einen Kamm scheren kann. Dieser Einwand ist berechtigt und im sechsten Kapitel werde ich mich eingehend mit den unterschiedlichen Seelenlogiken der globalen Krisen beschäftigen. Und dabei beschreiben, welche Verhaltensmuster und differenzierenden Umgangsformen aus den spezifischen psychologischen Krisenlogiken erwachsen. Der Grundbefund, dass die Menschen den als unwandelbar erachteten Krisen mit einer eher abwehrenden und resignativen Haltung begegnen, hat jedoch Bestand.

Mit der Aufspaltung der Wirklichkeit in eine beherrschbare Eigenwelt und eine unbeherrschbare äußere Welt geht eine Rückzugsbewegung ins private Schneckenhaus einher, die dem Impuls entspringt, sich von den globalen Bedrohungen abzuschotten. Die Menschen spannen daher einen Verdrängungsvorhang zwischen Eigenwelt und Außenwelt. Das Beunruhigende und Gefahrvolle, das mit den globalen Krisen verbunden ist, soll so zumindest zeitweise aus dem Blick geraten. Bereits sechs Wochen nach Beginn des Ukrainekrieges, den die Menschen anfangs wie gebannt in den Medien verfolgten, berichteten uns viele Befragte, dass sie weniger Nachrichten schauen. Sie ertappten sich dabei, dass sie ihre Fernsehgewohnheiten veränderten und Nachrichtenformate bewusst oder unbewusst umschifften. Auf dem Smartphone suchten sie die Apps ihrer bevorzugten Nachrichtenmedien weniger häufig auf oder ignorierten sie ganz. Manche begnügten sich mit Kondensformaten wie der »Tagesschau in 100 Sekunden«, die erlauben, Verunsicherungen auf weniger als zwei Minuten zu reduzieren. Wiederum andere nutzten zur Information vermehrt den Bildschirmtext der Fernsehsender, da er völlig bildlos ist und ihnen so den enervierenden Blick in die Kriegs- oder Krisenabgründe erspart.

Die Minimierung des Gesichtskreises

Die überraschend hohen privaten Zuversichtswerte zeigen: Die Maximierung der Zuversicht gelingt den Menschen durch die Minimierung ihres Gesichtskreises. Das ist eine psychologisch verständliche Entlastungsstrategie, sie zeitigt jedoch viele Nebenwirkungen. Denn eine lebendige Demokratie braucht einen funktionierenden Realitätsumsatz – also eine Auseinandersetzung mit den Entwicklungen da draußen. Bleibt diese klärende Auseinandersetzung aus oder wird sie reduziert, entsteht ein diffuser Angstraum im Außen. Die Dinge, die man nicht wahrnimmt, aber von deren Existenz man weiß, entfalten ein imaginäres Bedrohungspotenzial, das durch dumpfe Gefühle, böse Vorahnungen, durch Mutmaßungen, Gerüchte oder aufgeschnappte Fake News genährt wird.

Die gruselige Macht diffuser Angsträume im Gegensatz zu konkret wahrgenommenen Bedrohungen ist den meisten Zuschauern vom Sehen von Vampirfilmen bekannt. Am größten ist die verspürte Bedrohung, wenn das Unheil nicht sichtbar, sondern vorgestaltlich ist und sich durch seltsame Geräusche, wehende Vorhänge, erlöschende Kerzen oder zwielichtige Schatten andeutet. In dem Moment jedoch, wenn der Vampir ins Bild tritt, ist die Bedrohung konkret und fassbar. Die diffuse Bedrohung hat ein hässliches Gesicht oder eine schreckliche Gestalt, die jetzt aber konkrete Handlungsmöglichkeiten zwischen Angriff und Flucht eröffnet.

Korrespondierend zu der erstaunlich hohen privaten Zuversicht ist die Zuversicht im Hinblick auf die Welt da draußen äußerst gering. Im Sommer 2023 empfanden nur 23 Prozent der Menschen Zutrauen im Hinblick auf Politik und Gesellschaft. Für diese horrend schlechten Vertrauenswerte in die Politik waren die beschriebenen Missstände im ehemaligen Auenland sowie der Dauerzank in der Ampel verantwortlich. Aber nicht nur. Sie sind auch Ausdruck des Angstraums und der damit verbundenen Projektionen und Dramatisierungen, der durch die Verdrängung entstanden ist. Das führt derzeit in eine Art Teufelskreis: Die Minimierung des Gesichtskreises führt zwar zur Maximierung der persönlichen Zuversicht, jedoch auch zur Maximierung gefühlter Bedrohungslagen und Missständen im Außen. Die durch den Verdrängungsvorhang wie in einem Gruselkabinett diffus verzerrten und dämonisch sich ausbreitenden Bedrohungspotenziale verstärken dann wiederum die Tendenz zur Verdrängung und lassen auch die politischen Akteure als Gruselkabinett erscheinen.

Die häufigsten Krisenstrategien im Überblick

Der Rückzug ins Private bestätigt sich auch in einer weiteren aktuellen Studie[3]: 93 Prozent der Deutschen beschreiben, dass sie ihr Zuhause als sicheren Rückzugsort gestalten. Gleichzeitig fokussieren sich viele (86 Prozent) auf ihre Hobbys oder Freizeitaktivitäten. Mit Shopping, dem Essen im Restaurant, dem Theaterabend oder dem Kinobesuch verschaffen sie sich unbeschwerte, sorgenfreie Momente im Alltag. Alle Menschen verfolgen jedoch noch weitere Auswege aus dem Krisenmodus.

Fast die Hälfte suchen Ablenkung vor allem in der Arbeit. Diese 44 Prozent der Bevölkerung begeben sich bereitwillig ins Hamsterrad: sie haben tagtäglich so viele Aufgaben, dass sie oft nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Dadurch geraten diese Menschen in einen Zustand besinnungsloser Betriebsamkeit. Sie erleben sich als sehr produktiv, können dadurch Sorgen und ungelöste Probleme ausblenden. Die Auswirkungen dieser Strategie auf die seelische Gesundheit beschreibe ich ausführlicher im sechsten Kapitel.

Noch weitaus verbreiteter (83 Prozent) ist allerdings die Strategie, Ordnungsversuche im Kleinen zu schaffen. Ehrenamtliche Tätigkeiten, das Mitwirken in einer Bürgerinitiative, der Gang zu einer Demo, Vereinsarbeit, das Engagement für den Tierschutz, aber auch die Pflege des Schrebergartens geben den Menschen das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun und zumindest im eigenen Mikrokosmos dem Chaos der großen Welt zu widerstehen.

Die meisten Menschen beschreiben zwar, dass sie weniger Nachrichten schauen, weil der ständige Blick in den Krisenabgrund verstörend ist. Allerdings schildern viele Menschen umgekehrt auch eine mediale Vorwärtsverteidigung: Der aufmerksame Konsum von Nachrichten oder der permanente kurze Blick auf den Newsticker soll verhindern, dass man von neuen Hiobsbotschaften kalt erwischt wird. Dieses Sichwappnen durch Informationen folgt dem Motto: »Bevor mich etwas ereilt, weiß ich es bereits.«