Wir sind viele, wir sind eins - Melinda Gates - E-Book

Wir sind viele, wir sind eins E-Book

Melinda Gates

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Beschreibung

Die Stiftung von Melinda und Bill Gates investiert jedes Jahr Milliarden Dollar in den Kampf gegen Hunger und Armut. Nun meldet sich Melinda Gates, eine der einflussreichsten Frauen dieser Erde, zu Wort und fordert: Wer die Welt zu einem gerechteren Ort machen will, muss die Rechte der Frauen stärken. Noch immer leben in etlichen afrikanischen Ländern Frauen in Armut und Abhängigkeit, weil sie weder ihre Familienplanung bestimmen können noch eine echte Chance auf Bildung haben. In Pakistan, Afghanistan und anderswo steigt das Risiko, an Polio zu erkranken, weil eine flächendeckende Versorgung mit Impfstoffen nicht möglich ist. Und noch immer sind es vor allem Frauen, die überall auf der Welt für geringeren oder gar keinen Lohn arbeiten. Melinda Gates, eine der einflussreichsten Frauen der Welt, setzt sich gemeinsam mit ihrem Ehemann Bill für die Bekämpfung von Hunger und Armut, für die Verbesserung von Gesundheit und Bildungschancen ein. Ihr besonderer Augenmerk gilt dabei den Frauen, denn sie ist überzeugt: Wenn Frauen die Chance auf eine gute Ausbildung erhalten und die Möglichkeit, ihre Familienplanung selbst in die Hand zu nehmen, können Probleme wie Hunger, Not und Kindersterblichkeit effektiv bekämpft werden. Melinda Gates hat sich selbst als junge, begabte Informatikerin in einer absoluten Männerdomäne durchsetzen und ihren Platz erkämpfen müssen. Heute ist sie eine der wohlhabendsten und einflussreichsten Frauen der Welt und nutzt ihre Stimme, um die Situation der Frauen überall zu verbessern. Ein kämpferisches und wichtiges Buch, das aktueller nicht sein könnte.

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Seitenzahl: 419

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Melinda Gates

Wir sind viele, wir sind eins

Wenn wir die Rechte der Frauen stärken, verändern wir die Welt

Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Liebl

Knaur e-books

Über dieses Buch

Durch Gleichberechtigung und den Zugang für Frauen zu Saatgut und Land könnten afrikanische Länder deutlich mehr Nahrungsmittel produzieren. Hätten Frauen in der Dritten Welt die Chance auf Bildung und eine selbstbestimmte Familienplanung, würde in Familien investiert und die Kindersterblichkeit gesenkt. Der Schlüssel für eine bessere, gerechtere Welt liegt in der Stärkung der Frauen. Melinda Gates, die es bis ganz nach oben schaffte, obwohl sie eine Frau ist, nutzt heute ihr Vermögen und ihre Stimme, um denen zu helfen, die auf unsere Solidarität angewiesen sind.

Inhaltsübersicht

WidmungMottoEinführung1 Der Aufstieg einer großen IdeeDie Suche nach verpassten ChancenErst der AnfangBlinder Fleck: in Frauen investieren2 Mütter stärkenDie Gesundheit von Müttern und NeugeborenenDas Glas ist nicht leerEine Hebamme in jedem Dorf3 Einem Kind alles Gute gebenFamilienplanungDie alte Debatte – die immer ohne die Frauen geführt wurdeNach dem Gipfel – es kocht wieder aufNeues flammt in Nairobi aufLasst uns planenWenn das Stigma Gesetz istFamilienplanung in den Vereinigten Staaten4 Den Blick hebenMädchen in der SchuleDie unglaubliche Kraft, die Schulbildung gibtSchulen, die ihren Schülern ein positives Selbstbild gebenMädchen haben gleiches Recht auf Bildung»Botschafter des Wandels«Durchbruch in BangladeschWie man jahrhundertealte Traditionen verändertMädchen selbstbewusst machen5 Die stille UngleichheitUnbezahlte ArbeitDie ungerechte Verteilung von unbezahlter ArbeitÖkonomische PioniereVersteckte Vorurteile aufdeckenAusgleich unbezahlter Arbeit, Ausgleich in BeziehungenGleichstellung in der Partnerschaft – was eigentlich hinter der Frage nach unbezahlter Arbeit stehtIch wollte esIch nehme die Dinge persönlich6 Wenn ein Mädchen keine Stimme hatKinderehenEin Treffen mit verheirateten MädchenStille HeldinDie Kunst des subtilen WandelsWas gibt mir das Recht?7 Die augenfälligen Geschlechter-VorurteileFrauen in der LandwirtschaftPatricia verstehen»Das sind fast ausschließlich Frauen«GleichberechtigungsgeflüsterSich gegenseitig Mut machenPatricias Zusammenschluss mit anderenFrauen sind unterlegen – hier steht’s schwarz auf weiß!Diskriminierung von Frauen – wie es wohl anfing8 Eine neue Kultur schaffenFrauen am ArbeitsplatzUnsere eigene Kultur schaffenVorsicht, sie ist tougher, als du denkstWas ist passiert?Wenn Männer die Regeln machenFragen Sie nach, wenn Sie etwas brauchenBeruf und Familie9 Und wenn uns das Herz bricht …Wir sind einsEs beginnt der WandelZu unserer Stimme findenWir sind einsWenn Frauen zusammenkommenNoch ein WortDanksagungOrganisationen, die der Leser unterstützen kann
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Für Jenn, Rory und Phoebe

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Unsere größte Angst ist, dass unsere Macht in Wirklichkeit keine Grenzen kennt.

 

Marianne Williamson

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Einführung

Als ich klein war, drehte sich in meinem Leben alles um Raketenstarts. Ich wuchs in Dallas auf, in einer katholischen Familie mit vier Kindern. Unsere Mutter blieb bei uns zu Hause, und mein Vater war Raumfahrtingenieur und arbeitete am Apollo-Programm mit.

Am Tag eines Raketenstarts quetschten wir uns alle ins Auto und besuchten einen Freund meines Vaters, der ebenfalls an diesem Programm beteiligt war. Bei ihm zu Hause schauten wir uns das Drama dann gemeinsam an. Ich spüre die Aufregung des Countdowns noch heute. »Zwanzig Sekunden, und die Zeit läuft, T (Test) minus fünfzehn Sekunden, Lenksysteme intern, zwölf, elf, zehn, neun, Zündsequenz eingeleitet, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins, null. Alle Maschinen aktiv. Abgehoben! Wir haben abgehoben!«

Diese Augenblicke jagten mir regelmäßig Schauder über den Rücken – vor allem der Moment des Starts, wenn die Motoren zündeten, die Erde erbebte und die Rakete sich langsam in die Luft erhob. Erst kürzlich bin ich in einem der Bücher von Mark Nepo, einem meiner spirituellen Lieblingsautoren, auf diesen Begriff gestoßen: »der Moment des Erhobenseins«. Er verwendet ihn für den Augenblick der Gnade. Etwas »hebt sich wie ein Seidentuch im Wind«, schreibt er. Seine Trauer verflog, und er fühlte sich wieder ganz.

Marks Bild vom Erhobenwerden hat viel mit Staunen zu tun. Das wiederum hat in meinen Augen zwei Bedeutungen. Wir können vor Ehrfurcht staunen oder vor Neugier. Ich zum Beispiel habe wirklich Ehrfurcht, aber mindestens ebenso viel Neugier in mir. Ich will wissen, warum etwas abhebt!

Wir haben doch alle schon erlebt, dass wir beim Take-off im Flugzeug sitzen und gespannt auf den Augenblick warten, in dem der Flieger abhebt. Als die Kinder noch klein waren, sagte ich beim Take-off immer: »Räder, Räder, Räder«, und sobald das Flugzeug sich vom Boden hob: »Flügel!« Als die Kinder älter wurden, skandierten wir das im Chor. Das machten wir jahrelang so. Hin und wieder aber kam es vor, dass wir sehr lange »Räder, Räder, Räder« wiederholen mussten. Viel länger, als wir erwartet hatten. Dann dachte ich immer: Wieso brauchen wir heute so lange zum Abheben?

Ja, warum dauert das manchmal so lange? Und warum geht es manchmal blitzschnell? Was ist es, was uns über diesen Punkt hinausbefördert, an dem die Kräfte, die uns in die Höhe tragen, jene Kraft überwinden, die uns am Boden halten will? Was lässt uns die Schwerkraft der Erde überwinden und fliegen?

Zwanzig Jahre lang habe ich die Welt bereist, weil ich für die Stiftung tätig war, die ich zusammen mit meinem Mann Bill gegründet hatte. In dieser Zeit habe ich mich immer gefragt: Wie schaffen wir es, den Menschen einen solchen Moment des Auftriebs zu ermöglichen – vor allem den Frauen? Denn wenn wir Frauen den Aufstieg möglich machen, erhebt sich mit ihnen die ganze Menschheit.

Wie erzeugen wir in den Herzen der Menschen solch einen Moment, sodass wir alle den Wunsch verspüren, Frauen zum Handeln zu verhelfen – denn manchmal müssen wir, damit Frauen aufsteigen können, nur aufhören, sie unten zu halten.

Ich habe auf meinen Reisen Millionen von Frauen kennengelernt, die selbst entscheiden wollen, ob und wann sie Kinder haben, diese Freiheit aber nicht besitzen. Sie haben keinen Zugang zu Verhütungsmitteln. Und es gibt unzählige andere Rechte und Privilegien, die man Frauen und Mädchen vorenthält: Das Recht zu entscheiden, ob, wann und wen sie heiraten. Das Recht auf den Besuch einer Schule. Auf ein eigenes Einkommen. Auf Arbeit außerhalb des Hauses. Das Recht, überhaupt aus dem Haus zu gehen. Ihr Geld auszugeben. Über ihr Budget nach eigenem Gutdünken zu verfügen. Ein Geschäft zu gründen. Ein Darlehen zu nehmen. Eigentum zu besitzen. Sich scheiden zu lassen. Zum Arzt zu gehen. Für ein öffentliches Amt zu kandidieren. Rad zu fahren. Auto zu fahren. An die Uni zu gehen. Informatik zu studieren. Investoren zu finden.

All diese Rechte werden Frauen in manchen Teilen der Welt vorenthalten, manchmal sogar per Gesetz. Doch selbst wenn das Gesetz ihnen all das erlaubt, sind es tief verwurzelte kulturelle Vorurteile, die den Frauen diese Dinge dennoch verwehren.

Mein Weg in die Öffentlichkeit begann mit der Familienplanung. Später dann engagierte ich mich für Frauenrechte allgemein. Doch ich merkte schnell – denn das wurde mir ganz offen gesagt –, dass es nicht genügt, wenn ich Familienplanung und die anderen oben aufgezählten Themen anspreche. Ich musste für die Frauen sprechen. Und mir wurde klar, dass es, wenn wir gleichberechtigt unseren Platz neben den Männern einnehmen wollen, nicht genügt, Schritt für Schritt all unsere Rechte einzufordern. Wir werden vielmehr unsere Rechte bekommen, wenn wir uns eine Position der Stärke erkämpft haben.

Das sind die Lektionen, die ich von einigen außergewöhnlichen Menschen gelernt habe. Und diese möchte ich Ihnen vorstellen. Bei manchen wird Ihnen ehrlich das Herz brechen. Bei anderen hingegen wird Ihr Herz sich in ungekannte Höhen aufschwingen. Diese Helden und Heldinnen haben Schulen gebaut, Leben gerettet, Kriege beendet, Mädchen zu ihren Rechten verholfen und Kulturen verändert. Ich glaube, dass diese Menschen Sie inspirieren werden. Bei mir haben sie das jedenfalls geschafft.

Sie haben mir gezeigt, welchen Unterschied es macht, wenn man Frauen den Aufstieg ermöglicht. Und ich möchte, dass alle Menschen dies erkennen können. Sie haben mir gezeigt, was Menschen tun können, um etwas zu bewirken. Und ich möchte, dass alle Menschen dies erfahren. Aus diesem Grund habe ich dieses Buch geschrieben: um die Geschichten jener Menschen, die meinem Leben eine Richtung gegeben haben, mit Ihnen zu teilen. Ich möchte, dass ein jeder erfährt, wie wir anderen zum Aufstieg verhelfen können. Die Zündsequenz ist eingeleitet, die Erde erbebt. Wir heben ab. Wir besitzen heute mehr Wissen und Energie und ethisches Verständnis als je zuvor. Wir können die verkrusteten Muster der Geschichte aufbrechen. Wir brauchen die Hilfe jedes Menschen, der sich dafür einsetzen möchte. Frauen und Männer. Niemand sollte davon ausgeschlossen werden, alle sollten an diesem Werk teilhaben. Wir rufen dazu auf, Frauen den Aufstieg zu ermöglichen – und wenn wir uns in dieser Sache zusammenfinden, werden wir dieser Aufstieg sein.

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Der Aufstieg einer großen Idee

Zuerst möchte ich Ihnen ein paar Hintergrundinformationen über mich geben: Ich besuchte die Lehranstalt der Ursulinen, eine katholische Mädchenschule in Dallas. In meinem letzten Jahr stattete ich der Duke University einen Besuch ab und war tief beeindruckt von ihrer Fakultät für Informatik. Damit war für mich alles entschieden. Ich schrieb mich an der Duke ein und machte fünf Jahre später meinen Bachelor in Informatik sowie den Master in Betriebswirtschaft. Danach bekam ich ein Jobangebot von IBM, wo ich schon des Öfteren in den Sommerferien gejobbt hatte. Ich lehnte es jedoch ab und ging lieber zu einem noch recht kleinen Softwareunternehmen namens Microsoft. Ich habe dort neun Jahre lang verschiedene Stellungen bekleidet, am Ende war ich Leiterin der Abteilung für Informationsprodukte wie die Encarta, die Microsoft-Enzyklopädie. Heute bin ich im Wohltätigkeitsbereich aktiv und verwende den Großteil meiner Zeit mit der Suche nach Möglichkeiten, wie man Menschen bessere Lebensbedingungen verschaffen kann – wobei meine Hauptmotivation die ist, was mit den Menschen geschieht, wenn mir das nicht gelingt. Außerdem bin ich die Frau von Bill Gates. Wir haben am Neujahrstag 1994 geheiratet. Wir haben drei Kinder.

So viel zu meinem persönlichen Hintergrund. Jetzt möchte ich Ihnen erzählen, wie ich dazu gekommen bin, mich für die Stärkung der Frauenrechte einzusetzen, und wie ich aus dem Bemühen, andere zu stärken, selbst Kraft gezogen habe.

 

Im Herbst 1995 – Bill und ich waren fast zwei Jahre verheiratet und im Begriff, nach China zu reisen – entdeckte ich, dass ich schwanger war. Die Chinareise war für uns äußerst wichtig. Bill nahm sich bei Microsoft selten frei, außerdem sollten uns noch andere Paare begleiten. Daher wollte ich unsere Reisepläne auf keinen Fall gefährden. Und so überlegte ich, Bill erst danach zu sagen, dass ich schwanger war. Gut eineinhalb Tage lang dachte ich: Ich hebe mir diese Neuigkeit noch ein wenig auf. Dann aber wurde mir klar: »Nein, das geht nicht. Ich muss es ihm sagen. Was, wenn etwas schiefgeht?« Und noch grundlegender: »Ich muss es ihm sagen. Es ist schließlich auch sein Kind.«

Als ich Bill dann eines Morgens vor der Arbeit von dem Baby erzählte, war seine Reaktion eine zweifache. Zum einen freute er sich natürlich riesig über den Nachwuchs. Andererseits fragte er: »Und du hast tatsächlich überlegt, das für dich zu behalten? Du machst wohl Witze?«

Meine erste miese Idee zum Thema »Baby« hatte ich, wie man sieht, recht schnell gehabt.

Wir flogen also nach China und hatten eine tolle Reise. Meine Schwangerschaft beeinträchtigte mich kein bisschen, bis auf das eine Mal, als wir in einem alten Museum im Westen Chinas waren. Dort öffnete der Kurator für uns ein Mumiengrab. Ich sog den Geruch ein und raste vor die Tür – ein klassischer Fall morgendlicher Übelkeit, die sich, wie ich bald erfahren durfte, auch zu jeder anderen Tageszeit einstellen konnte! Eine meiner Freundinnen, die mich spurten sah, dachte bei sich: Melinda muss schwanger sein.

Auf dem Weg nach Hause nahmen Bill und ich uns ein wenig Zeit für uns selbst. Während eines unserer Gespräche versetzte ich Bill einen regelrechten Schock: »Weißt du, ich möchte nicht mehr arbeiten, sobald das Kind da ist. Ich gehe nicht in die Firma zurück.« Er fiel schier aus allen Wolken. »Wie meinst du das: Du gehst nicht zurück?« Ich erklärte ihm meinen Standpunkt: »Wir haben Glück und brauchen mein Einkommen nicht. Es geht also letztlich darum, wie wir eine Familie großziehen wollen. Du wirst sicher bei der Arbeit keine Abstriche machen. Und ich sehe nicht recht, wie ich die Zeit aufbringen sollte, gute Arbeit zu liefern, wenn ich zu Hause eine Familie habe.«

Ich erzähle Ihnen so eingehend von diesem Gespräch mit Bill, weil ich gleich zu Anfang etwas klarlegen möchte: Vor die Herausforderung gestellt, mein Mutterdasein und meinen Beruf unter einen Hut zu bringen, musste ich erst mal erwachsen werden. Mein damaliges Rollenbild – das mir wahrscheinlich nicht mal bewusst war – sah so aus, dass, wenn Paare Kinder haben, der Mann arbeitet und die Frau zu Hause bleibt. Ganz ehrlich, ich finde es toll, wenn Frauen zu Hause bleiben wollen. Aber wenn wir uns dafür entscheiden, dann sollte der Grund der sein, dass wir das so wollen, und nicht, dass wir ohnehin keine andere Wahl haben. Ich jedenfalls bedauere meine Entscheidung nicht und würde es jederzeit wieder so machen. Damals aber blieb ich hauptsächlich aus dem Grund zu Hause, weil ich einfach annahm, das gehört sich so für eine Frau.

Als ich zum ersten Mal gefragt wurde, ob ich Feministin sei, wusste ich nicht, was ich darauf antworten sollte, denn ich verstand mich nicht als Feministin. Ich vermute, ich wusste gar nicht, was eine Feministin ist. Damals war unsere Tochter Jenn ein bisschen älter als ein Jahr.

Zweiundzwanzig Jahre später jedenfalls bin ich eine leidenschaftliche Feministin, und die Antwort ist für mich mittlerweile ganz einfach. Feministin zu sein heißt, zu glauben, dass jede Frau ihre Stimme hat, ihr Potenzial entfalten kann und dass Frauen und Männer zusammenarbeiten sollten, um all die Hindernisse und die kulturellen Vorurteile zu überwinden, die Frauen immer noch einschränken.

Noch vor zehn Jahren hätte ich das wohl noch nicht so gesagt. Ich habe Jahre gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen. Jahre, in denen ich Frauen zugehört habe – häufig Frauen, die ein extrem hartes Leben führten. Durch ihre Geschichten habe ich verstanden, wie es einerseits zu fehlender Gleichberechtigung kommt und wie andererseits der Mensch wachsen und gedeihen kann.

Doch dieses Verständnis kam, wie gesagt, erst viel später. Damals, 1996, sah ich alles durch die Brille der Geschlechterstereotype. Daher wiederholte ich gegenüber Bill: »Ich gehe nicht zurück in die Arbeit.«

Für Bill war das ein echter Schlag. Dass auch ich bei Microsoft war, gehörte zu den Grundfesten unseres gemeinsamen Lebens. Bill hatte das Unternehmen 1975 mitgegründet. Ich stieß 1987 dazu, als einzige Frau in der oberen Managementriege. Wir lernten uns bald darauf bei einer Unternehmensfeier kennen. Ich war für Microsoft in New York, und meine Zimmergenossin (wir buchten damals immer Doppelzimmer, um Geld zu sparen) bat mich, sie doch zu einem Abendessen zu begleiten, über das ich eigentlich nicht informiert war. Ich kam spät, alle Tische waren bereits voll besetzt. Bis auf einen, an dem nebeneinander zwei Plätze frei waren. Ich setzte mich auf den einen Stuhl. Ein paar Minuten später kam Bill und setzte sich auf den anderen.

Wir unterhielten uns an jenem Abend, und ich spürte, dass er interessiert war. Trotzdem hörte ich eine ganze Weile nichts von ihm. Dann begegneten wir uns eines Samstagnachmittags auf dem Firmenparkplatz. Er verwickelte mich in ein Gespräch und fragte mich, ob ich Lust hätte, am Freitag in zwei Wochen mit ihm auszugehen. Ich lachte und meinte: »Das ist mir jetzt nicht spontan genug. Frag mich doch noch mal, wenn es so weit ist.« Und gab ihm meine Telefonnummer. Zwei Stunden später rief er an und fragte, ob ich an diesem Abend Zeit hätte. »Ist das spontan genug für dich?«, wollte er wissen.

Wir stellten schnell fest, dass wir vieles gemeinsam hatten. Wir liebten beide Puzzles. Wir mochten es, mit anderen zu konkurrieren. Also machten wir Puzzle-Wettbewerbe und lösten zusammen mathematische Denksportaufgaben. Ich glaube, so richtig fing er an, sich für mich zu interessieren, als ich ihn bei einem solchen Mathespiel schlug. Auch als wir das erste Mal Cluedo (das Brettspiel, bei dem man einen Mörder finden muss) spielten, gewann ich. Er meinte, ich solle doch mal Der große Gatsby lesen, seinen Lieblingsroman. Hatte ich schon, und zwar zweimal. Vielleicht war dies der Punkt, an dem er merkte, dass er sein Gegenstück gefunden hatte. Sein romantisches Gegenstück, wie er sagte. Ich wusste, dass er der Richtige für mich war, als ich seine Musiksammlung sah – unzählige Aufnahmen von Frank Sinatra und Dionne Warwick. Als wir uns verlobten, fragte jemand Bill: »Wie geht es dir denn mit Melinda?« Er antwortete: »Erstaunlicherweise gibt sie mir das Gefühl, dass ich unbedingt heiraten möchte.«

Bill und ich glaubten beide an die Bedeutung und das Potenzial von Software. Wir wussten, dass Software für den Personal Computer den Menschen eine Rechenleistung zur Verfügung stellen würde, wie sie bis dahin nur Firmen und Organisationen besaßen. Den Computer zu demokratisieren würde die Welt verändern. Aus diesem Grund war es so ungeheuer aufregend, für Microsoft zu arbeiten, jeden einzelnen Tag – wir rasten mit 150 Stundenkilometern auf dieses Ziel zu.

Doch unsere Gespräche rund ums Baby zeigten bald, dass die Tage, da wir beide für Microsoft arbeiteten, ihrem Ende zugingen. Selbst wenn die Kinder einmal älter wären, würde ich wohl kaum in die Firma zurückkehren. Vor meiner Schwangerschaft hatte ich mich viel mit diesem Problem herumgeschlagen und häufig mit Freundinnen und Kollegen darüber geredet. Doch sobald Jenn unterwegs war, war meine Entscheidung gefallen. Und Bill versuchte nicht, sie mir auszureden. Er fragte nur immer wieder: »Echt jetzt?«

Als Jenns Geburt näher rückte, fing Bill an, immer wieder zu fragen: »Aber was wirst du denn dann tun?« Ich liebte meine Arbeit so sehr, dass er sich schlicht nicht vorstellen konnte, dass ich diesen Teil meines Lebens aufgeben wollte. Er rechnete fest damit, dass ich irgendetwas Neues anfangen würde, sobald Jenn erst da war.

Und damit hatte er gar nicht mal unrecht. Ich suchte bald nach einem Ventil für meine kreativen Energien, und was mich nach meinem Ausscheiden bei Microsoft am meisten interessierte, war, wie man Mädchen und Frauen für Technik begeistern könnte, denn mir hatte die Technik immer geholfen, in der Schule, an der Uni und auch danach.

Meine Lehrerinnen bei den Ursulinen brachten uns soziale Gerechtigkeit als wahren Wert nahe. Und sie verlangten viel von uns, auch wenn an unserer Schule die Geschlechterstereotype, die damals herrschten und heute immer noch existieren, keineswegs überwunden waren. Um Sie ins Bild zu setzen: In der Nähe gab es eine katholische Jungen-Highschool, das Jesuit Dallas, das sozusagen unser Schwester-Institut war. Wir Mädchen mussten ins Jesuit Dallas zum Unterricht in höherer Mathematik und Physik, die Jungs kamen zu uns zum Schreibmaschinenunterricht.

Als ich in die Abschlussklasse kam, sah meine Mathelehrerin Mrs Bauer auf einem Mathematikerkongress in Austin Apple-II+-Computer. Wieder zurück an der Schule, sagte sie: »Wir müssen so etwas für die Mädchen anschaffen.« Die Schulleiterin, Schwester Rachel, fragte zurück: »Und was sollen wir mit diesen Geräten, wenn niemand damit umgehen kann?« Darauf entgegnete Mrs Bauer: »Wenn Sie welche kaufen, werde ich mich einarbeiten und den Mädchen beibringen, sie zu benutzen.«

Also tat die Schule einen tiefen Griff in die Tasche und kaufte zum ersten Mal Personal Computer – fünf für die ganze Schule, das heißt für sechshundert Mädchen. Und einen Thermodrucker.

Mrs Bauer belegte in ihrer Freizeit auf eigene Kosten Informatikkurse an der North Texas State University – meist in den Abendstunden, damit sie uns am nächsten Morgen beibringen konnte, was wir wissen mussten. Sie machte schließlich sogar ihren Master in Informatik, und wir hatten unseren Spaß dabei. Wir schrieben Programme, die Rechenaufgaben lösten und den Wert verschiedener Zahlenbasen berechneten, und erstellten einfache animierte Grafiken. Für ein Projekt programmierte ich einen quadratischen Smiley, der zu dem Disney-Song »It’s A Small World« über den Bildschirm hüpfte. Er war äußerst elementar – mehr konnten Computer grafisch damals nicht leisten. Ich hatte keine Ahnung, dass mein Smiley geradezu primitiv war. Ich war einfach nur ungeheuer stolz auf mein Werk!

Dabei merkte ich, dass ich Computer liebte – weil ich Glück hatte und eine engagierte, großartige Lehrerin, die einfach sagte: »Wir müssen so etwas für die Mädchen haben.« Sie war die erste Frau in meinem Bekanntenkreis, die sich für Technik für Frauen einsetzte. Die kommenden Jahre würden mir zeigen, wie viel mehr wir von ihrer Sorte brauchten. An der Uni schrieb ich Software-Programme zusammen mit Jungs. In meiner MBA-Klasse bei Microsoft war ich die einzige Frau. Als ich mich dann bei Microsoft bewarb, waren alle Manager Männer – mit ebenfalls einer einzigen Ausnahme. In meinen Augen war das nicht richtig.

Ich wollte, dass auch Frauen diese Chancen bekamen. Und so wurde dieser Wunsch zum Schwerpunkt meiner ersten Wohltätigkeitsprojekte, denen ich mich nicht lange nach Jenns Geburt zuwandte. Der scheinbar einfachste und schnellste Weg, um Mädchen an Computer heranzuführen, war, mit den Leuten in unserem Schulbezirk zusammenzuarbeiten, um öffentliche Schulen mit Computern auszustatten. Ich kniete mich so richtig rein und sorgte dafür, dass einige Schulen Computer erhielten. Doch je mehr ich mich mit der Thematik auseinandersetzte, desto deutlicher zeigte sich, dass es ein unglaublich kostspieliger Weg zur Verbreitung von Computerkenntnissen war, jede einzelne Schule mit Computern auszustatten.

Bill ist fest davon überzeugt, dass alle Menschen Zugang zu den modernen Technologien haben sollten. Daher stattete Microsoft damals in einem Projekt Bibliotheken unentgeltlich mit Computern aus, damit auch Otto Normalverbraucher Zugang zum Internet bekam. Nach Abschluss des Projekts sollten die Resultate bei einem Meeting mit Bill präsentiert werden. Bei dieser Gelegenheit sagte er zu mir: »Hey, das solltest du dir mal angucken. Das könnte uns beide interessieren.« Wir warfen einen Blick auf die Zahlen und sahen uns fragend an: »Vielleicht sollten wir das im ganzen Land machen. Was meinst du?«

Damals war die Stiftung noch relativ klein, nicht viel mehr als eine Idee. Wir glaubten, dass alle Leben gleich viel wert seien, doch wir sahen, dass es in der Welt anders zuging. Dass Armut und Krankheit an manchen Orten schlimmer zuschlugen als an anderen. Wir wollten eine Stiftung, die dazu beitrug, diese Ungleichheit zu verringern, doch wir hatten niemanden, der sie hätte führen können. Ich konnte das nicht, denn ich wollte mich nicht auf so viel Arbeit einlassen, solange die Kinder noch klein waren. Zu jener Zeit schied Patty Stonesifer, die höchstrangige Managerin bei Microsoft und ein Mensch, den Bill und ich schätzten und bewunderten, aus dem Unternehmen aus. Und so waren wir bei ihrer Abschiedsfeier so frei und fragten sie, ob sie nicht Lust hätte, dieses Projekt zu leiten. Sie sagte Ja und wurde damit zur ersten Angestellten der Stiftung, wo sie ohne Entlohnung in einem winzigen Büro über einer Pizzeria arbeitete.

Das war der Beginn unserer philanthropischen Projekte. Ich hatte Zeit, mich auf die Arbeit dort einzulassen, als ich noch mit Jenn zu Hause war, denn unser Sohn Rory kam erst zur Welt, als Jenn bereits drei Jahre alt war.

Wenn ich heute so zurückblicke, sehe ich, dass ich mich mit einer Frage auseinanderzusetzen hatte, die mein ganzes Leben prägen würde: »Willst du arbeiten, oder willst du zu Hause bei deinen Kindern bleiben?« Und meine Antwort war: »Ja!« Zuerst Beruf, dann zu Hause, dann sowohl als auch und schließlich zurück ins Berufsleben. Ich hatte die Gelegenheit, zwei Berufe auszuüben und die Familie meiner Träume zu haben – weil wir das unglaubliche Glück hatten, mein Einkommen nicht zu brauchen. Und aus einem weiteren Grund, dessen volle Tragweite mir noch viele Jahre lang nicht aufgehen sollte: Ich genoss den Vorteil, so eine kleine Pille zu haben, die mir erlaubte, meine Schwangerschaften genau zu timen.

Im Grunde ist es Ironie des Schicksals, dass ich, als Bill und ich überlegten, wie wir in der Welt am meisten bewirken könnten, nicht sofort die Verbindung herstellte zwischen unserem Einsatz für die ärmsten Menschen der Welt und den Verhütungsmitteln, die ich verwendete, um unser Familienleben optimal zu gestalten. Die Familienplanung spielte zwar schon bei den ersten Projekten der Stiftung eine Rolle, doch wir hatten damals noch ein recht begrenztes Verständnis ihrer Bedeutung. Mir jedenfalls war nicht klar, dass ausgerechnet dies das Thema sein sollte, das mich zurück ins Licht der Öffentlichkeit katapultierte.

Natürlich war mir bewusst, welchen Wert Verhütungsmittel für meine Familie hatten. Es ist kein Zufall, dass ich nicht schwanger wurde, bevor ich gut ein Jahrzehnt für Microsoft gearbeitet hatte und Bill und ich bereit waren, Kinder zu bekommen. Es ist kein Zufall, dass Rory drei Jahre nach Jenn geboren wurde und unsere Tochter Phoebe drei Jahre nach Rory das Licht der Welt erblickte. Es war meine Entscheidung – und die meines Mannes. Natürlich hatte ich auch das nötige Quäntchen Glück. Ich wurde immer sofort schwanger, wenn ich das wollte. Aber ich hatte auch die Möglichkeit, nicht schwanger zu werden, als ich das nicht wollte. Das erlaubte uns, das Leben und die Familie zu verwirklichen, die wir uns gewünscht hatten.

Die Suche nach verpassten Chancen

Offiziell gründeten Bill und ich die Bill & Melinda Gates Foundation im Jahr 2000. In ihr gingen zwei andere Stiftungen auf: die Gates Learning Foundation und die William H. Gates Foundation. Wir haben die Stiftung nach uns beiden benannt, weil ich bei ihrer Leitung eine gewichtige Rolle spielen sollte – mehr als Bill zu jener Zeit. Er war damals noch massiv bei Microsoft involviert, und das sollte in den folgenden acht Jahren so bleiben. Zu jener Zeit hatten wir zwei Kinder: Jenn war vier und fing gerade an, in den Kindergarten zu gehen, Rory war gerade ein Jahr alt. Ich aber freute mich damals auf mehr Arbeit. Gleichzeitig machte ich deutlich, dass ich hinter den Kulissen bleiben wollte. Ich wollte die Recherchearbeiten erledigen, Informationsreisen unternehmen, Strategien entwerfen – und langfristig in der Stiftung keine öffentlichen Funktionen übernehmen. Ich sah ja bei Bill, wie es ist, wenn man draußen in der Welt seinen Mann stehen muss und jeder dein Gesicht kennt. Das fand ich nun nicht gerade attraktiv. Außerdem wollte ich die Kinder nicht noch länger allein lassen. Ich wollte sie so normal erziehen wie irgend möglich. Für mich war das ein ganz wichtiger Punkt, und mir war klar: Wenn ich meine Privatsphäre aufgab, würde es schwieriger werden, die der Kinder zu schützen. (Als die Kinder dann zur Schule gingen, meldete ich sie mit meinem Mädchennamen – French – an, damit sie wenigstens eine gewisse Zeit lang ihre Anonymität genießen konnten.) Außerdem mied ich das Licht der Öffentlichkeit, weil ich Perfektionistin bin. Ich glaubte seit jeher, für alle Fragen, die man mir stellen könnte, gewappnet sein zu müssen, und damals hatte ich das Gefühl, nicht genug zu wissen, um als öffentliche Stimme der Stiftung auftreten zu können. Also stellte ich klar, dass ich keine Reden halten oder Interviews geben würde. Das war Bills Aufgabe, zumindest für den Anfang.

Zu Beginn unserer Arbeit richteten wir unser Augenmerk auf Problemfelder, die von den Regierungen und Märkten vernachlässigt wurden, beschäftigten uns mit Lösungen, die sie nicht versuchten. Wir wollten Impulse ins öffentliche Bewusstsein rücken, die trotz ihrer Bedeutung keine Beachtung fanden, bei geringem Einsatz aber große Wirkung entfalten würden. Unsere »Ausbildung« begann 1993 auf einer Afrikareise, ein Jahr vor unserer Hochzeit. Die Stiftung war noch nicht gegründet, und wir hatten keinerlei Vorstellung, wie man Geld einsetzen könnte, um das Leben der Menschen zu verbessern.

Damals sahen wir Dinge, die sich uns für immer einprägten. Im Umland einer Stadt sahen wir eine Frau, die ein Kind im Bauch trug, eines auf dem Rücken und auf dem Kopf ein Bündel Brennholz. Offensichtlich hatte sie barfuß eine weite Strecke zurückgelegt. Die Männer, die wir zu Gesicht bekamen, trugen dagegen alle Flip-Flops und rauchten gemütlich eine Zigarette. Sie trugen kein Holz auf dem Kopf und keine Kinder auf dem Rücken. Während wir im Land herumfuhren, beobachtete ich noch mehr Frauen, die schwere Lasten schleppten, und ich wollte mehr über ihr Leben wissen.

Als wir aus Afrika zurück waren, richteten Bill und ich bei uns zu Hause eine kleine Dinnerparty für Nan Keohane aus, die damalige Präsidentin der Duke University. Ich nahm an solchen Ereignissen gewöhnlich nicht teil, in diesem Fall aber war ich froh, dass ich mich anders entschieden hatte. Einer der eingeladenen Wissenschaftler berichtete, wie viele Kinder in armen Ländern an Durchfall starben und wie viele gerettet werden könnten, würde man ihnen nur orale Rehydrationssalze (ORS) verabreichen, die den Wasserverlust des Körpers auffingen. Bald darauf schlug uns ein Kollege vor, wir sollten doch den Weltentwicklungsbericht von 1993 lesen. Darin stand klar und deutlich, dass man mit geringem finanziellem Einsatz viele Todesfälle verhindern könnte. Nur gelangten die Hilfen nicht zu den Menschen, die sie brauchten. Offensichtlich fühlte sich niemand dafür zuständig. Dann lasen Bill und ich einen herzzerreißenden Artikel von Pulitzerpreisträger Nicholas Kristof in der New York Times: In den Entwicklungsländern starben Millionen Kinder an Durchfall. Was auch immer wir vernahmen oder lasen, es sprach dieselbe Sprache: Kinder in armen Ländern starben an Ursachen, an denen kein Kind in den Vereinigten Staaten sterben musste.

Manchmal prägen sich neue Fakten und Erkenntnisse erst ein, wenn man sie öfter und von mehreren Seiten gehört hat. Dann ergibt sich plötzlich ein Gesamtbild. Nachdem wir immer wieder von Kindern erfuhren, die starben, obwohl man sie hätte retten können, fingen Bill und ich an, darüber nachzudenken, ob wir hier nicht aktiv werden könnten.

Das Schlimmste an dieser Situation war, wie wenig Interesse sie fand. Wenn Bill zu diesem Thema eine Rede hielt, zog er immer den Vergleich mit einem Flugzeugabsturz. Bei einem Flugzeugabsturz kommen dreihundert Menschen ums Leben. Das ist tragisch für die Familien, und jede Zeitung berichtet darüber. Am gleichen Tag aber sterben dreißigtausend Kinder, was für die Familien ebenfalls tragisch ist. Aber darüber steht kein Wort in der Zeitung. Wir erfahren nichts über diese toten Kinder, weil sie in armen Ländern sterben. Und was in armen Ländern passiert, ist in den reichen nicht unbedingt von Interesse. Für mein Gewissen war dies ein Schock: Millionen Kinder starben, weil sie arm waren. Und wir hörten nichts darüber, eben weil sie arm waren. Das wurde schließlich für uns zum Auslöser, uns Gedanken über die Weltgesundheit zu machen. Und wir erkannten, dass wir hier etwas verändern konnten.

Das Leben dieser Kinder zu retten, sollte nun das Ziel unserer globalen Arbeit sein. Unser erstes großes Investment ging in Impfstoffe. Wir waren entsetzt, als wir hörten, dass in den Vereinigten Staaten entwickelte Impfstoffe erst nach fünfzehn bis zwanzig Jahren zu den armen Kindern in den Entwicklungsländern kamen. Außerdem gab es aufseiten der Forschung kein Interesse, Impfstoffe für Krankheiten zu entwickeln, an denen Kinder in Entwicklungsländern starben. Das zeigte deutlich, was passiert, wenn es keine Marktanreize gibt, um armen Kindern zu helfen: Millionen Kinder sterben.

Das war für uns eine ganz entscheidende Lektion: In der Folge wandten wir uns an Regierungen und andere Organisationen, um Gavi ins Leben zu rufen, die Impfallianz. Sie sollte die nötigen Marktanreize setzen, damit jedes Kind in der Welt Zugang zu Impfstoffen bekam. Eine weitere Lektion, die wir damals lernten, war die Erkenntnis, dass die Problemfelder Armut und Krankheit stets verknüpft sind. Es sind dies keine isolierten Probleme.

 

Eine meiner Reisen führte mich nach Malawi. Es berührte mich tief, zu sehen, wie viele Mütter lange Schlangen bildeten, um ihre Kinder impfen zu lassen. Als ich mit den Frauen redete, erzählten sie mir, dass sie von weit her kamen. Manche hatten fünfzehn bis fünfundzwanzig Kilometer zurückgelegt und Essen für den ganzen Tag eingepackt. Dabei hatten sie nicht nur das Kind dabei, das geimpft werden sollte, sondern auch ihre anderen Kinder. Ein beschwerlicher Tag für diese Frauen, deren Leben ohnehin schon hart genug war. Wir wollten diese weiten Wege leichter und kürzer machen, weil wir noch mehr Frauen ermuntern wollten, sie auf sich zu nehmen.

Ich erinnere mich noch gut an eine junge Mutter mit mehreren kleinen Kindern, die ich fragte: »Bringen Sie diese hübschen Kleinen zum Impfen?«

Sie antwortete: »Und wann kriege ich meine Spritze? Warum muss ich in dieser Hitze zwanzig Kilometer laufen, um meine Spritze zu bekommen?« Sie redete nicht von einer Impfung. Es ging um Depo-Provera, die Dreimonatsspritze, die sie davor schützen würde, noch mehr Kinder zur Welt zu bringen. Denn sie hatte jetzt schon mehr Kinder, als sie ernähren konnte. Und sie hatte Angst davor, wieder schwanger zu werden. Doch dass sie dafür mit all ihren Kindern einen Tag lang unterwegs sein würde und die Klinik am Ende das Mittel vielleicht nicht mal vorrätig haben würde, war für sie frustrierend. Und sie war nur eine von vielen Müttern, die, als ich sie auf die Impfungen ansprach, die Rede schnell auf Verhütungsmittel brachten.

Ich weiß noch, wie ich in einem Dorf in der Republik Niger eine Frau namens Sadi Seyni kennenlernte. Ihre sechs Kinder buhlten eifrig um ihre Aufmerksamkeit. Und sie sagte genau das Gleiche, was ich schon von anderen Müttern gehört hatte: »Es wäre nicht fair von mir, noch ein Kind in die Welt zu setzen. Ich kann mir ja kaum leisten, die zu ernähren, die ich jetzt habe.«

In Korogocho, einem großen Armenviertel von Nairobi, traf ich Mary, eine junge Mutter. Sie verkaufte Rucksäcke, die sie aus alten Jeans herstellte. Sie lud mich zu sich nach Hause ein, wo sie die Rucksäcke nähte, während sie auf ihre beiden Kinder aufpasste. Sie verwendete Verhütungsmittel, denn, so sagte sie: »Das Leben ist hart.« Ich fragte, ob ihr Mann damit einverstanden sei. Sie antwortete: »Er weiß auch, dass das Leben hart ist.«

Und so wurde ich während meiner Reisen immer wieder auf das Thema »Verhütungsmittel« gestoßen und erkannte, wie wichtig sie waren. Ich besuchte Gemeinden, wo jede Mutter mindestens ein Kind verloren hatte und jeder Mütter kannte, die bei der Geburt gestorben waren. Ich lernte immer mehr Mütter kennen, die verzweifelt versuchten, nicht wieder schwanger zu werden, weil sie sich nicht mal um die Kinder richtig kümmern konnten, die sie bereits hatten. Langsam begriff ich, warum die Frauen mich immer wieder auf Verhütungsmittel ansprachen, obwohl ich ja nicht deshalb gekommen war.

Die Frauen erfuhren am eigenen Leib, worüber ich nur gelesen hatte.

2012 benutzten in den neunundsechzig ärmsten Ländern der Erde 260 Millionen Frauen Verhütungsmittel. Und über 200 Millionen Frauen in diesen Ländern hätten gerne Verhütungsmittel benutzt, hatten aber keinen Zugang. Das hieß konkret, dass Millionen Frauen in Entwicklungsländern zu früh, zu spät und zu oft schwanger wurden, was ihr Körper kaum verkraftete. Wenn Frauen in den entwickelten Ländern zwei bis drei Jahre mit der nächsten Schwangerschaft warten, steigen damit die Überlebenschancen ihres Kindes im ersten Jahr um 100 Prozent und die Chancen für das Erreichen des fünften Lebensjahrs immer noch um 35 Prozent. Das ist Rechtfertigung genug, um ihnen Zugang zu Verhütungsmitteln zu gewähren. Doch die geringere Kindersterblichkeit ist dafür nur ein guter Grund.

Eine der längsten Studien zur »Volksgesundheit« stammt aus den Siebzigerjahren. Damals gab man in einigen Dörfern in Bangladesch der Hälfte der verheirateten Frauen Verhütungsmittel, während die andere Hälfte keine bekam. Zwanzig Jahre später zeigte sich, dass die Frauen, die verhüten konnten, gesünder waren. Ihre Kinder waren besser ernährt. Ihre Familien hatten mehr Wohlstand, und die Frauen erzielten höhere Löhne. Ihre Söhne und Töchter bekamen eine höhere Schulbildung.

Die Gründe dafür sind einfach: Konnten die Frauen selbst bestimmen, wann sie schwanger wurden, stieg die Wahrscheinlichkeit, dass sie etwas lernten, ein Einkommen erzielten und gesunde Kinder großzogen. Sie hatten genug Zeit und Geld, um ihre Kinder zu ernähren, zu versorgen und zur Schule zu schicken, was ihre Entwicklung förderte. Wenn Kinder ihr Potenzial ausschöpfen können, bleiben sie nicht arm. Auf diese Weise kann man Familien und ganze Länder aus der Armut holen. Keinem Land, das sich in den letzten fünfzig Jahren aus der Armut befreit hat, ist dies gelungen, ohne besseren Zugang zu Verhütungsmitteln zu schaffen.

Also verwendeten wir einen Gutteil unserer Stiftungsinvestitionen darauf, Verhütungsmittel zur Verfügung zu stellen. Unser Investment war dabei keineswegs proportional zu den Vorteilen, die die Verhütung mit sich brachte. Wir brauchten Jahre, um zu verstehen, dass Verhütungsmittel das wichtigste Instrument darstellten, das je erfunden worden war, um Leben zu retten, Armut zu bekämpfen und Frauen zu fördern. Als wir die segensreichen Auswirkungen der Familienplanung erkannten, setzten wir den Zugang zu Verhütungsmitteln ganz oben auf unsere Prioritätenliste.

Dabei ging es nicht nur darum, immer dickere Schecks auszustellen. Wichtig war, dass neue Verhütungsmittel gefunden wurden, die weniger Nebenwirkungen hatten, länger wirkten und weniger kosteten. Und dass die Frauen sie in ihrem Dorf bekommen und zu Hause einnehmen konnten. Das erforderte eine konzertierte Aktion vonseiten der Regierungen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Pharmaunternehmen, die mit Partnern vor Ort zusammenarbeiteten, sodass die Familienplanung dort vonstattengehen konnte, wo die Frauen lebten. Und wir brauchten viel mehr Stimmen, die für all jene Frauen sprachen, die sich kein Gehör verschaffen konnten. Zu jener Zeit hatte ich schon eine Reihe von beeindruckenden Menschen kennengelernt, die sich seit Jahrzehnten für Familienplanung in Entwicklungsländern einsetzten. Ich befragte jede Menge Leute, was unsere Stiftung beitragen konnte, was ich tun konnte, damit ihre Stimme endlich Gehör fand.

Doch sobald ich diese Frage stellte, wurde mein Gegenüber meist seltsam stumm, als läge die Antwort auf der Hand, und nur ich wäre nicht imstande, sie zu sehen. Schließlich aber rückten ein paar Leute damit heraus, was sie dachten: »Der beste Weg, um die Vorkämpfer für Familienplanung zu unterstützen, ist, selbst einer zu werden. Sie müssen sich uns anschließen.«

Das war nicht die Antwort, die ich gesucht hatte.

Ich bin eher zurückhaltend – in gewisser Weise sogar ein bisschen schüchtern. In der Schule war ich das Mädchen, das brav die Hand hob, während der Rest die Antwort aus der letzten Reihe rausschrie. Ich arbeite gerne hinter den Kulissen. Ich möchte Daten analysieren, die Resultate sehen, Leute kennenlernen, eine Strategie entwickeln und Probleme lösen. Natürlich hatte ich mich damals schon daran gewöhnt, dass ich Reden halten und Interviews geben musste. Aber plötzlich wurde ich von Freunden, Kollegen und Aktivisten bedrängt, ich solle mich doch für die Familienplanung starkmachen, und das ließ mich nervös werden.

Ich dachte: Wow! Soll ich jetzt wirklich öffentlich für etwas so Hochpolitisches wie Familienplanung das Wort ergreifen, wo meine Kirche und viele konservativ eingestellte Menschen das total ablehnen? Als Patty Stonesifer noch Direktorin unserer Stiftung war, warnte sie mich. »Melinda, sollte sich die Stiftung je dafür einsetzen, gerätst du unter Beschuss, einfach weil du Katholikin bist. Man wird dir alle möglichen Fragen stellen.«

Ich wusste, dass dies für mich ein folgenschwerer Schritt sein würde. Andererseits war klar, dass in Sachen Familienplanung mehr auf der Welt geschehen musste. Obwohl sich Aktivisten seit Jahrzehnten leidenschaftlich dafür einsetzten, war der Fortschritt weitgehend ausgeblieben. Die Familienplanung als wichtiger Schritt der globalen Gesundheitsvorsorge war auf der Strecke geblieben. Das lag zum einen daran, dass das Thema in den Vereinigten Staaten so politisiert worden war. Zum anderen banden die Aids-Epidemie und die Impfkampagnen viele Mittel, die nun für die globale Verteilung von Verhütungsmitteln nicht mehr zur Verfügung standen. (Es ist richtig, dass man sich im Zuge der Aids-Kampagne bemühte, Kondome zu verteilen, doch aus Gründen, die ich später noch erklären werde, waren Kondome für die meisten Frauen kein brauchbares Mittel.)

Ich wusste, dass mein Engagement in dieser Sache auf Kritik stoßen würde, an die ich in dieser Form nicht gewöhnt war. Außerdem würde es Zeit und Energie erfordern, die dann für andere Aktivitäten der Stiftung fehlen würden. Trotzdem hatte ich immer mehr das Gefühl: Wenn etwas den Einsatz wert ist, dann das. Dieses Gefühl kam aus dem Bauch heraus. Familienplanung war die Voraussetzung gewesen, dass wir eine Familie gründen konnten. Sie erlaubte mir, zu arbeiten und mich dennoch um jedes unserer Kinder zu kümmern. Sie war unkompliziert, kostengünstig, sicher und wirksam – keine Frau, die ich kannte, verzichtete darauf. Und doch gab es immer noch Millionen und Abermillionen Frauen in aller Welt, die sich nichts sehnlicher wünschten als das, aber nach wie vor keinen Zugang zu Verhütungsmitteln hatten. Diese Ungleichheit war ungerecht. Ich konnte nicht einfach wegschauen, während Frauen und Kinder nur deswegen starben, weil sie nicht bekamen, was ihnen das Leben gerettet hätte.

Außerdem war dies in meinen Augen auch meine Pflicht meinen eigenen Kindern gegenüber. Ich hatte die Möglichkeit, für Frauen einzustehen, die keine Stimme hatten. Wenn ich diese ungenützt verstreichen ließ, welche Werte würde ich dann für meine Kinder verkörpern? Würde ich wollen, dass sie sich vielleicht später einmal schwierigen Aufgaben verweigerten mit dem Hinweis, sie würden ja nur meinem Beispiel folgen?

Auch meine Mutter, vermutlich ohne es zu ahnen, beeinflusste meine Entscheidung in diesem Punkt. Sie hatte mir immer gesagt: »Wenn du nicht bestimmst, was du willst, dann wird es jemand anderer für dich tun.« Wenn ich meinen Terminkalender nicht mit Dingen füllte, die mir wichtig waren, würden andere Menschen mich Dinge tun lassen, die ihren Interessen dienten.

Im Übrigen hatte ich im Kopf immer noch die Bilder all jener Frauen, die ich kennengelernt hatte. Von denen, die mich am meisten beeindruckten, habe ich Fotos aufbewahrt. Wozu aber hatten sie mir ihr Herz geöffnet und mir von ihrem Leben erzählt, wenn ich ihnen jetzt, da ich die Chance dazu hatte, nicht beistand?

Damit war die Sache für mich entschieden. Ich beschloss, mich meinen Ängsten zu stellen und mich von nun an öffentlich für Familienplanung einzusetzen.

Ich nahm eine Einladung der britischen Regierung an, als Co-Sponsor eines Gipfels zur Familienplanung aufzutreten, zu dem wir alle Staatschefs, Sachverständigen und Aktivisten luden, deren wir irgendwie habhaft werden konnten. Wir beschlossen, dass wir den Einsatz unserer Stiftung in dieser Sache künftig verdoppeln, ja, das Thema an die oberste Stelle unserer Tagesordnung setzen würden. Wir wollten der Welt noch einmal die Verpflichtung abringen, Frauen überall Zugang zu Verhütungsmitteln zu gewähren, damit sie selbst entscheiden konnten, ob und wann sie ein Kind wollten.

Welche Rolle ich dabei spielen sollte und was genau die Stiftung tun konnte, musste ich allerdings erst herausfinden. Es würde sicher nicht damit getan sein, einen Familienplanungsgipfel abzuhalten, über Verhütungsmittel zu reden, eine Erklärung zu unterzeichnen und wieder nach Hause zu fliegen. Wir mussten uns Ziele setzen und eine Strategie finden.

Wir unterstützten die britische Regierung dabei, den Gipfel im Juli 2012 in London abzuhalten, zwei Wochen bevor sich die allgemeine Aufmerksamkeit den Olympischen Spielen dort zuwenden würde.

Rund um den Gipfel erschienen in allen möglichen Medien Berichte über die lebensrettende Rolle der Familienplanung. Der Lancet, die bei Weitem renommierteste Zeitschrift für medizinische Forschung, veröffentlichte eine Studie, die von der britischen Regierung und unserer Stiftung finanziert worden war. Darin kamen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass Verhütungsmittel die Müttersterblichkeit um ein Drittel verringern können. Ein weiterer Bericht der Kinderrechtsorganisation Save the Children belegte, dass Jahr für Jahr eine Million Mädchen bei der Geburt sterben oder verletzt würden. Damit waren Schwangerschaften Todesursache Nummer eins bei weiblichen Teenagern. Diese und andere Resultate machten deutlich, wie dringlich das Thema der Konferenz war.

Tatsächlich durften wir uns über viele Teilnehmer freuen, unter denen nicht wenige Regierungschefs waren. Die Reden waren alle positiv, was mich freute. Aber ich wusste, dass der eigentliche Lackmustest, an dem unser Erfolg sich bemessen würde, letztlich die Finanzierungszusagen waren. Und wenn die Regierungschefs unsere Initiative nicht unterstützen wollten? Wenn die Staaten ihre Fördergelder nicht erhöhten? Diese Sorgen setzten mir seit Monaten zu. Das ist ein bisschen so, als plane man eine Party und keiner kommt. In diesem Fall aber würden auch noch die Medien über unseren Misserfolg berichten.

Ich würde nicht sagen, dass meine Sorgen unnütz waren. Wenn ich mir Sorgen mache, hänge ich mich viel stärker rein. Was wir aber dann an Unterstützung und Geldern erhielten, übertraf meine höchsten Erwartungen. Großbritannien verdoppelte die Fördergelder für Familienplanung. Die Präsidenten von Tansania, Ruanda, Uganda und Burkina Faso sowie der Vizepräsident von Malawi, die auf der Konferenz sprachen, spielten eine wesentliche Rolle beim Einwerben der zwei Milliarden US-Dollar vonseiten der Entwicklungsländer. Der Senegal beispielsweise verdoppelte seine Zahlungen. Kenia erhöhte sein Budget für Familienplanung um ein Drittel. Zusammen verpflichteten wir uns, bis zum Ende des Jahrzehnts weiteren 120 Millionen Frauen den Zugang zu Verhütungsmitteln zu ermöglichen. Wir nannten diese Initiative FP 2020. Mehr Geld war für Familienplanung noch nie zur Verfügung gestellt worden.

Erst der Anfang

Nach dem Gipfel aß ich mit meiner Highschool-Freundin Mary Lehman, die mit mir nach London gereist war, und einigen einflussreichen Besucherinnen der Konferenz zu Abend. Wir tranken ein Glas Wein auf unsere Bemühungen und genossen das Gefühl tiefer Befriedigung. Ich war erleichtert, dass es vorüber war. Nach Monaten des Planens und Sorgens konnte ich mich endlich entspannen.

Doch die Frauen am Tisch wollten mir keine Ruhe gönnen: »Melinda, siehst du das denn nicht? Familienplanung ist für Frauen wirklich nur der erste Schritt! Wir müssen weitermachen und unsere Ziele höherstecken!«

Ich war die Einzige in der ganzen Runde, die wirklich überrascht war – genauer gesagt, total von den Socken. Ich wollte nichts davon wissen. Als ich nach dem Abendessen mit Mary im Auto weiterdiskutierte, sagte ich immer wieder: »Mary, die machen doch Witze, oder?« Ich war den Tränen nahe und dachte: Kommt überhaupt nicht infrage. Ich mache ohnehin schon sehr viel. Das ist mehr, als ich stemmen kann. Nur die Ziele zu erreichen, die wir uns in der Familienplanung gesetzt haben, wird mich einen Berg Arbeit kosten. Und jetzt soll ich mich auch noch um Frauenförderung kümmern?

Der Ruf nach »mehr« hallte deshalb so laut in meinen Ohren wider, weil ich erst einige Tage zuvor im Senegal eine wirklich bewegende Begegnung gehabt hatte. Ich saß mit einer Gruppe Frauen in einer winzigen Hütte und unterhielt mich mit ihnen über Genitalbeschneidung. Sämtliche der anwesenden Frauen waren beschnitten worden. Viele hatten ihre Töchter festgehalten, damit sie beschnitten werden konnten. Als sie mir davon erzählten, sagte meine Kollegin Molly Melching, die seit Jahrzehnten im Senegal tätig ist und an jenem Tag für mich dolmetschte: »Melinda, ich werde einige Sätze nicht übersetzen. Ich glaube nämlich nicht, dass Sie das verkraften würden.« (Irgendwann muss ich noch mal den Mumm aufbringen, sie zu fragen, was sie damals wegließ.)

Alle diese Frauen hatten sich mittlerweile gegen diese Praxis gewandt. Als sie noch jünger waren, hatten sie befürchtet, ihre Töchter nicht verheiraten zu können, wenn sie sie nicht beschneiden ließen. Als ihre Töchter nach der Beschneidung verbluteten, schrieben sie das bösen Geistern zu. Mittlerweile hatten sie eingesehen, dass sie Lügen aufgesessen waren, und hatten die Praxis der Beschneidung aus ihrem Dorf verbannt.

Sie glaubten, mir damit eine Erfolgsgeschichte zu berichten, und das stimmte ja auch. Doch um zu verstehen, inwiefern das ein Erfolg war, musste man erst mal begreifen, wie grausam und weitverbreitet diese Praxis war. Ich erfuhr noch, wie viel sie mittlerweile erreicht hatten, und auch, wie grauenhaft die Mädchen in ihrem Land verstümmelt wurden. Für mich waren diese Geschichten einfach nur entsetzlich – ich schaltete schlicht ab. Der Horizont, der sich hier auftat, war grenzen- und hoffnungslos. Dies würde meine Ressourcen und meine Energie bei Weitem übersteigen. Daher sagte ich mir selbst: »Ich höre auf.«

Ich glaube, dass die meisten von uns irgendwann schon mal gesagt haben: »Ich werfe hin.« Und häufig entdecken wir dann, dass das Aufhören nur ein Schritt hin zu tieferer Verpflichtung ist. Aber ich steckte noch voll in meinem senegalesischen »Ich will nicht mehr«, als mich die Frauen bei dem Abendessen in London darauf hinwiesen, wie viel mehr noch zu tun sei. Also sagte ich zum zweiten Mal in einer Woche: »Ich höre auf.« Ich schaute in den Abgrund, der zwischen all dem klaffte, was getan werden musste und was ich tun konnte. Und meine Reaktion war: »Nein!«

Obwohl ich das nur zu mir selbst sagte, war es mir damit vollkommen ernst. Später aber, als ich meinen Schutzwall sinken ließ, merkte ich, dass mein Nein nur ein Augenblick der Rebellion gegen die Kapitulation war. Ich musste akzeptieren, dass es nicht in meiner Macht lag, die Wunden der Mädchen im Senegal zu heilen und die Bedürfnisse der Frauen in aller Welt zu erfüllen. Ich musste akzeptieren, dass meine Aufgabe war, meinen Teil beizutragen, mein gebrochenes Herz zu spüren, wann immer wir Frauen nicht helfen konnten, und trotzdem optimistisch zu bleiben.

Mit der Zeit aber gelangte ich zum Ja. Und zum Verständnis dessen, was die Frauen in London mir sagen wollten. Familienplanung war ein erster Schritt, doch dabei ging es um mehr als nur den Zugang zu Verhütungsmitteln. Es war ein Schritt hin zu mehr Rechten für Frauen. Familienplanung bedeutet weit mehr als nur das Recht zu entscheiden, ob und wann wir Kinder haben wollen. Sie ist der Schlüssel, der uns all die Türen öffnet, die uns so lange verschlossen geblieben sind.

Blinder Fleck: in Frauen investieren

Vor einigen Jahren besuchte ich in Indien einige Frauen-Selbsthilfegruppen und erkannte, wie sehr Frauen andere Frauen im Kampf um ihre Rechte unterstützten. Ich sah, wie Frauen anderen Frauen halfen, ihre Situation zu verbessern. Und das alles beginnt, wenn Frauen anfangen, miteinander zu reden.

Unsere Stiftung unterstützte Frauen schon seit Jahren und verfolgte dabei verschiedene Ziele: die Ausbreitung des HI-Virus einzudämmen, Bäuerinnen zu besserem Saatgut zu verhelfen, Frauen Darlehen zu verschaffen. Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, weshalb es gut ist, wenn sich Gruppen bilden. Aber gleichgültig, was wir ursprünglich damit bezweckt hatten: Wenn Frauen Informationen, Hilfsmittel und finanzielle Unterstützung erhalten, wenn sie spüren, wozu sie imstande sind, dann heben sie ab und ziehen die ganze Gruppe mit, genau dorthin, wo sie sie haben wollten.

In Indien traf ich mich mit Bäuerinnen einer Selbsthilfegruppe, die neues Saatgut gekauft hatten, mehr Getreide anpflanzten und auf ihren Feldern bessere Erträge erzielten. Sie erzählten mir auf sehr persönliche Weise davon: »Melinda, ich musste im Haus meines Mannes und meiner Schwiegermutter in einem separaten Zimmer leben. Meine Schwiegermutter ließ nicht zu, dass ich das Haus betrat. Ich musste im Zimmer bleiben, das auf der Rückseite lag. Auch besaß ich keine Seife. Also habe ich mich mit Asche gewaschen. Inzwischen aber habe ich Geld und kann mir Seife kaufen. Und mein Sari ist immer sauber. Meine Schwiegermutter achtet mich jetzt viel mehr. Sie lässt mich sogar in ihr Haus. Und ich habe mehr Geld, sodass ich meinem Sohn ein Fahrrad kaufen konnte.«

Sie wollen die Achtung Ihrer Schwiegermutter erringen? Kaufen Sie Ihrem Sohn ein Fahrrad.

Warum gewinnt man so Respekt? Das hat nichts mit lokalen Gepflogenheiten zu tun. Das ist auf der ganzen Welt gleich. Die Schwiegermutter akzeptiert die Schwiegertochter, weil ihr Einkommen der Familie ein besseres Leben ermöglicht. Wenn wir Frauen von unseren Talenten und von unserer Energie Gebrauch machen können, können wir mit unserer eigenen Stimme für unsere Werte eintreten. Und das macht das Leben für alle Menschen besser.