Wir Um 2000 -  Band 1 - Werner M. Heinrich - E-Book

Wir Um 2000 - Band 1 E-Book

Werner M. Heinrich

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Beschreibung

Wenigstens seit dem Ende des zweiten Weltkriegs bin ich, der Autor, ein bewusster Zeitzeuge eines ununterbrochenen gesellschaftlichen Wandels. Das bewog mich, für meine Enkel das aktuell erkennbare Weltbild im Jahr 2000 mit seinem Zeitgeist, an der aktuell erkennbaren Wirklichkeit zu reflektieren. Ursprünglich sollte nur für sie die Wirklichkeit durch die Beobachtung des Zusammenhangs von Physik und Transzendenz skizziert und zum Zeitpunkt ihrer Volljährigkeit an sie ausgehändigt werden. Doch, veranlasst durch die lebhafte Nachfrage nach einzelnen Kapiteln, habe ich mich zu einer Veröffentlichung des gesamten Inhalts unter dem Titel "Wir um 2000" entschlossen. In drei Teilen wird aus der Perspektive der modernen Naturwissenschaft, der Religion und der Philosophie auf die Unvollständigkeit der rein rational erfahr-baren Welt verwiesen. Denn die nichtsichtbare Ordnungsstruktur der ganzheit-lichen Welt ist die vollkommene und unveränderbare Wirklichkeit. 1. Teil: "Die Situation um die Jahrtausend-Wende", beschreibt die komfortable Lage in Mitteleuropa, beeinträchtigt von unseren selbstverursachten Schwierigkeiten. Es werden die gelebten Situationen mit der eigentlichen Wirklichkeit in einen Vergleich gestellt. Eine Wirklichkeit, nach der wir leben könnten, fände die Priorität von Werten angemessene Beachtung. 2. Teil : "Der äußere und der innere Mensch", schildert die unterschiedlichen bis gegensätzlichen Bedürfnisse des Menschen, von der Zeitlosigkeit vor seiner Geburt bis in den physischen Tod. Teil 2 veranschaulicht die Egostrategie im Gegensatz zu den Interessen für Spiritualität und betont die Nachhaltigkeit eines ganzheitlich gestalteten Lebens. 3. Teil: "Quantenphysik und das Evangelium des Johannes", verweist auf den engen Zusammenhang von Geist und Struktur sowohl im Evangelium als auch im subatomaren Feld der modernen Physik. In der Konsequenz wird der Einfluss des Denkens auf die Materie – und Mystik als Schritt der menschlichen Evolution angesprochen.

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Seitenzahl: 275

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Wir um 2000

Bedanken möchte ich mich bei meiner Frau Erika für ihre Anteilnahme. Sie ist leider im Februar 2013 verstorben. Mit ihr hatte ich bei den meisten hier angeführten Argumenten einen engagierten Gedankenaustausch, der unserem Inneren zu einem Entwicklungsprozess mit nachhaltiger Wirkung verhalf. Ihr möchte ich diese Darlegungen widmen.

Mein Dank richtet sich auch an die Studiendirektorin Frau Inge Goblirsch, die Korrektur gelesen hat.

Zusätzlich bedanke ich mich noch bei den vielen

Helfern, die mir uneigennützig ihre Dienste zukommen ließen.

Sie bleiben mir mit ihrem Beistand in lieber Erinnerung.

Werner M. Heinrich

Inhalt

Vorwort

1.0 Die Situation um die Jahrtausend-Wende

1.1 Die Wirklichkeit

1.2 Zeitgeist oder Wirklichkeit

1.3 Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

1.4 Prioritäten finden

Literaturhinweis

2.0 Der äußere und der innere MenschBand

3.0 Quantenphysik und das Evangelium des JohannesBand

Vorwort

Bei wohlwollender Betrachtung könnten die vorliegenden Aufzeichnungen als Aphorismen bezeichnet werden. Sie sind für meine Enkel gedacht und sollen ihnen Lebenserfahrungen auf ca. 300 Seiten DIN A4 en bloc vermitteln. Um sie zu sammeln, benötigte ich etwa 70 Jahre und mehrere Jahre, um sie niederzuschreiben.

Gleichzeitig verbinde ich an meine jungen Leser den Anspruch, sich mit den dargebotenen Themen vertraut zu machen, um ihr Bewusstsein auf einer Ebene zu halten, die es ihnen erlaubt, sich wirklichkeitsnah für die alltäglichen Herausforderungen zu qualifizieren, anstatt aus Ahnungslosigkeit in vermeidbaren Kalamitäten unterzugehen.

Schließlich wäre es mir eine Freude, wenn meine Nachkommen Familienwissen übernehmen, bewahren und vertiefen, so dass es schließlich zur Basis ihrer Persönlichkeitsentwicklung wird. Die Schere von Bildung und Unkenntnis wird sich künftig in der Bevölkerung noch deutlicher öffnen als bisher, daher ist es von Vorteil sich auf der richtigen Seite zu wissen.

Die von mir dargelegten Gedanken sind Bemerkungen zu Feststellungen und Sichtweisen, so wie sie sich mir um die Jahrtausendwende boten, oft außerhalb von den von der Tagespresse berichteten Ereignissen. Wirklich Interessantes, von dem die Welt voll ist, wie bleibende Werte oder der dynamische „Organismus“ der eigentlichen Wirklichkeit, findet in den Medien selten sachlichen Widerhall.

Wenn ich mich als Ingenieur jetzt mit der Transzendenz beschäftige, so eröffne ich für mich in meinem Denken ein interdisziplinäres Feld, dessen Bedeutung weniger auf einer breiteren – jedoch auf einer höheren, wirklichkeitsnäheren Ebene (n. Cusanus) zu sehen ist. Dort kooperieren Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft im System der Ganzheitlichkeit. Heute halten Ganzheitlichkeit nur wenige für möglich, weil wir das ausschließlich positivistische Weltverständnis immer noch nicht überwunden haben. Bei allem Respekt vor konsequentem Positivismus – wir verdanken ihm unseren technischen Fortschritt – ist zu bedenken, dass Naturwissenschaft allein die tief greifenden Probleme des Menschen nicht löst, sondern eher verschärft.

Dieses Faktum weist darauf hin, dass für den Erfolg ein gebührendes Maß an Religion und Philosophie im Tagtäglichen notwendig und auch bereits vorhanden ist. Niemand muss die Welt und ein stimmiges Leben neu erfinden.

Aus unserer Unkenntnis über die Wirklichkeit beurteilen wir ungezwungen Transzendentes vom Standpunkt der klassischen Physik her oder gemäß der empirischen Erfahrung. Notwendig wäre aber, Alltägliches vom Standpunkt der Transzendenz her zu begreifen.

So leben wir in heiterer Orientierungslosigkeit, ungebremst wider die Natur. Die Funktionen der Quantenmechanik, zusammen mit dem Potential des Neuen Testaments, repräsentieren diese Natur. Wir könnten deren Lehren nutzen.

Bei der Wahrnehmung unseres inneren Menschen, als auch des inneren Menschen anderer Personen, wird ein Netzwerk der Beziehungen deutlich und wirksam. Schließlich verblüfft noch die moderne Physik mit dem Hinweis, dass auch alle Objekte miteinander in Beziehung stehen und wir mit ihnen. Nichts ist so vereinzelt wie es uns erscheint.

Das zwischenmenschliche Beziehungsgeflecht kann durch Bewusstseinsinhalte wie Wohlwollen, Dankbarkeit oder Vergebung aktiviert werden. Diese wirken beispielhaft verbindend zu den Mitmenschen, nonverbal, zeitlos und über deutliche Entfernungen. Das zu wissen ist von unschätzbarem Wert, weil eine derartige Verbindung eine mächtige Funktion ausübt; im Gegensatz zur unnatürlichen Isolation des Individualisten oder Egoisten, der allein nicht wirklich lebensfähig ist.

Liebe Enkelkinder! Persönliche Sichtweisen aus der Erfahrung eines fast gelebten Lebens zu vermitteln, sehe ich als Erziehungsauftrag für Großeltern. Das veranlasste mich unter dem Eindruck der Gesamtsituation zum Jahrtausendwechsel mit der Aufzeichnung von Gedanken für Euch zu beginnen. Ich wünsche mir für Euch zukünftig so viel innere Freiheit, um den Moden Eurer Zeit seltener zu verfallen, und das klare Bewusstsein, dass Eure aktuelle Lebenssituation immer aus Euerm persönlichen Geist heraus geschaffen wurde.

Euer Opa.

1.0 Die Situation um die Jahrtausend-Wende

Sehr gerne würde ich mich mit einem Besucher von der gleichen menschlichen Art unterhalten, der von einem Ort käme weit jenseits unseres Sonnensystems, nachdem er uns – die wir den Lebensraum bevölkern, der einmal als das Christliche Abendland bezeichnet wurde – eine Zeit lang beobachtet hat. Ich würde mich freuen, wenn er Humor hätte und trotzdem klar und unumwunden, aus einer unvoreingenommenen Position, seine Eindrücke über unsere Lebensart schildern könnte.

Sicher wäre er dazu in der Lage, wenn der Erfahrungszeitraum seiner Zivilisation schon wenigstens 50 oder 100 000 Jahre länger währte als der unsere.

50 000 Jahre sind in der kosmologischen Entwicklung ein bedeutungslos winziger Abschnitt, in der Entwicklung der Menschheit aber ein riesiger Schritt. Man braucht sich nur die letzten 2000 Jahre vor Augen führen, was für ein ungeheuerer technisch / zivilisatorischer Fortschritt auf Erden erreicht werden konnte. Allerdings, in kulturellen Belangen treten wir noch auf der Stelle. Die ethischen Anforderungen der griechischen Philosophen aus der Zeit etwa 400 vor Christus können wir im Alltag z. T. immer noch nicht umsetzen, beispielsweise die Kardinaltugenden. Noch schwieriger wird es bei den Lehren von Jesus von Nazareth. Die Wenigen, die ihnen scheinbar gerecht wurden, sind dann zur Belohnung auch heilig gesprochen worden.

Von besonderer Bedeutung wäre für mich die Wertescala, an der der Außerirdische seine Wahrnehmungen über uns reflektiert und welche Schwerpunkte aus seiner Sicht von Bedeutung wären. Ist es die Tapferkeit, die Besonnenheit, die Gerechtigkeit, die Weisheit oder ist es gar die Liebe. Die Liebe, die Vergebung mit einschließt und deshalb Friede und Freude hervorbringt; eine fundamentale Kraft zur Befreiung der Menschen aus ihren selbst gemachten Schwierigkeiten.

Was er auch sagen könnte, in der breiten Öffentlichkeit fände er wahrscheinlich kaum Glauben, wenn er sich mit seinen Vorstellungen von der Wirklichkeit weitab vom Zeitgeist des modernen Menschen befände. Doch was geschähe eigentlich, wenn er schon vor geraumer Zeit gekommen wäre und keiner hätte ihn bemerkt? Wenn er aber schon einmal da war, dann muss er auch erkennbare Spuren hinterlassen haben. Ich vermute sehr, sie werden dort zu finden sein, wo die Mehrheit sie nicht sucht.

Die Gedanken, die mir dazu unmittelbar vor dem Niederschreiben durch den Kopf gehen, möchte ich mir bewahren oder zu einem späteren Zeitpunkt entsprechend einer besseren Einsicht wieder ändern. Die Computertechnik ermöglicht dies auf einfachste Weise.

Damit kann ich die Gelegenheit wahrnehmen, meinen Enkelkindern – Sarah, Joschi, Alena, Fabian, Sebastian, Felix, Floriane und eventuell noch folgenden – die Weltsicht ihres Großvaters zur Jahrtausendwende zu vermitteln. Gerne würde auch ich in den Aufzeichnungen meines Großvaters Johann Nepomuk Michel studieren, der etwa um das Jahr 1900, als promovierter Jurist und Bürgermeister in Landsberg / Lech seine Zeit erlebte und sein Umfeld beurteilte. Allenfalls schon deswegen, weil er in einem traditionell christlich – monarchisch gesinnten Bayern wirkte und aus rational begründeten Moralvorstellungen, bei schmaler Toleranzbreite, amtierte. Im Gegensatz zur heutigen populären Sichtweise, bei der zuweilen Moral auf Mehrheitsmeinungen, Vorlieben und Emotionen gegründet ist.

Der sich dabei ausprägende „Emotivismus“ lässt für die nächsten 60 bis 100 Jahre sicher kolossale Entwicklungen erwarten. Ob zum Guten oder Schlechten muss sich noch erweisen; meine Enkel werden es beurteilen.

Das nachfolgend Aufgezeichnete ist einerseits ein nicht-chronologisches Tagebuch, in dem ich die Alltagsphänomene reflektiere und ihre Ursachen zu erkennen versuche. Besonders unter den verschiedenen Blickwinkeln, wie denen der Philosophie, der Physik und der Religion, ist an deren Schnittpunkt, an dem die Erkenntnisse identisch sind, die Welt und das Leben in ihr am treffendsten zu beschreiben. Denn hier ist die Wirklichkeit zu vermuten. Andererseits soll gleichzeitig eine dialektische Auseinandersetzung mit meinem Inneren stattfinden. Die Zeit des Ruhestands nach einem interessanten Berufsleben bietet zur Abrundung eine treffliche Gelegenheit.

Es soll kein philosophischer oder theologischer Kontext entwickelt werden, doch kommt mir das jeweilige Zitat aus den erwähnten Wissensgebieten, so wie es für den interessierten Laien erkennbar und praxisdienlich ist, als Hinweis – und um zu pointieren gelegen.

Philosophie und Theologie habe ich als Ingenieur nicht studiert. Was ich aber gelernt habe, ist das analytische Zerkleinern der Tagesprobleme, um schließlich von Bewährtem ausgehend, durch deduktives Folgern, die Details zu einer für mich brauchbaren Synthese zusammen zu führen. Die Betonung liegt auf brauchbar. Dazu gibt es keine Alternative, will man der Stagnation, die immer das Risiko des Scheiterns in sich birgt, entkommen.

Theologen und Philosophen haben es leichter ihre Gedanken zu formulieren; das meinen wenigstens die Naturwissenschaftler. Sie können Thesen, ja sogar Dogmen selbstbewusst präsentieren, müssen aber nicht zur Verifikation den Beweis antreten, zumindest nicht was ihre Anwendungstauglichkeit betrifft. Naturwissenschaft hingegen steht und fällt mit dem empirischen Nachweis. Bereits im Detail muss jede Methode mit Akribie gehandhabt werden. Setzt ein Techniker eine physikalische Gesetzmäßigkeit in ein Computerprogramm um und verwechselt dabei nur an einer Stelle ein Komma mit einem Punkt, wird wegen eines „geringfügigen“ Formfehlers das Programm nicht arbeiten.

Auch der Ingenieur ist sich immer bewusst, dass selbst kleine Fehler, Unachtsamkeiten oder Fehleinschätzungen katastrophale Folgen haben können. Abweichungen von der physikalischen Realität werden nie gestattet. Beinahe richtig – ist in jedem Fall falsch. Das fordert, anders als beim Geisteswissenschaftler, eine deutlich kritischere Haltung des Akteurs bei der Bewältigung seiner Aufgaben.

Die Entwicklung von These und Antithese zur Synthese, die ihrerseits wieder als neue These angesehen werden kann, ist bei der Suche nach der philosophischen Wahrheit akzeptiertes Vorgehen und wurde von Hegel als Dialektik bezeichnet. Geisteswissenschaft erlaubt auch poetisch stilvolles Erklären, während Naturwissenschaft zu einer klaren, dürren Wortwahl zwingt, bei der der Verständlichkeit der erste Platz in der Ausdrucksform eingeräumt werden muss, um Missverständnisse zu vermeiden.

Der verhängnisvoll enge Bezug der Theologie im 13. Jh. zu den physikalischen Vorstellungen des antiken Philosophen Aristoteles führte später bei Galilei (17. Jh.) beinahe zur menschlichen Tragödie, hätte er seine physikalischen Erkenntnisse nicht widerrufen.

Der große Theologe Albertus Magnus (1193 - 1280), der universale Geist des Mittelalters, erforschte die Natur durch Beobachtung und auf der Grundlage der aristotelischen Kategorien. Die zu seiner Zeit unerklärbaren physikalischen Phänomene nannte er unglücklicherweise „das Wirken Gottes“.

Im Zuge der Aufklärung stellte sich jedoch immer mehr heraus, dass das vermeintliche „Wirken Gottes“ auf bis dahin noch unbekannte Zusammenhänge der klassischen Physik beruhte. In der Auseinandersetzung zwischen Glaube und Naturwissenschaft hatte folglich die Theologie immer mehr an Boden verloren. Entsprechend ihrem Erfolg vermuteten die Naturwissenschaftler deshalb: alles wird einmal durch den Intellekt erklärbar sein, und Gott als Wirkursache wird nirgends in Erscheinung treten.

Der Mathematiker Pierre Laplace (1749 - 1827) formulierte stolz die damalige Weltsicht mit dem bekannten Ausspruch: „Die Hypothese Gott habe ich nicht nötig.“

Zeitgenössische Sachkenner argumentieren heute: In der klassischen Physik kommt Gottes Wirken tatsächlich nicht vor. „Ganz anders verhält es sich in der modernen Physik, in der das Eingreifen Gottes nicht auszuschließen ist.“ (Prof. Dr. Peter Mittelstaedt, theoretische Physik Uni. Köln, bei einer ND-Tagung: Glaube u. Naturwissenschaft, in Oberwesel).

Dieser revolutionär neue Gesichtspunkt eröffnet die Chance, dass Erklärungsdefizite der Theologie, gegenüber den Gläubigen, durch einen Rückgriff auf die moderne Physik vermindert werden könnten.

Religiöse Aspekte sind nie absolut und endgültig. Wären sie es, würde das bedeuten: wir hätten Gott und das Universum in seiner Gänze schon verstanden. Religionen, die der Weg zur Spiritualität sind, sie dürfen und müssen sich durch die religiöse Erfahrung entwickeln. Spirituelle Erfahrungen sind allerdings intellektuell oft nicht zu begreifen. Sie werden bedauerlicher Weise deswegen als ungeeignet für wissenschaftlich-theologisches Denken eingestuft und abgewiesen.

Theologische Übereinkommen und Festlegungen entstehen zwangsläufig unter dem Einfluss des jeweils aktuellen physikalischen Weltbildes ihrer Zeit, das ihnen eine deutliche Prägung gibt (Kirchenkonzile). In diesem Geist werden sie dann für die Zukunft festgeschrieben. Da das physikalische Weltbild der Generationen im Fluss der Geschichte einem unaufhörlichen Wandel unterliegt und gerade in den letzten 250 Jahren von einer rasanten Wissens-Entwicklung immer wieder grundlegend umgestaltet wurde, stagniert dem gegenüber die christliche Glaubensentwicklung auf Positionen, die dem jeweils aktuellen Weltverständnis fremd sind.

Die Menschheit muss im Bereich der Geisteswissenschaft, speziell mit der Kondition der individuellen Seelenbeschaffenheit, also der Persönlichkeit, mindestens den gleichen Entwicklungsschritt vollziehen, wie er seit der Erfindung des römischen Streitwagens im Bereich der Naturwissenschaft vollzogen wurde und zukünftig noch vollzogen werden wird. Denn der Bereich des geistig-seelischen, der bis zum Göttlichen reicht, kann nicht geringer sein als der Bereich des geistig-physikalischen, der nur ein Teil der Schöpfung ist.

Die heutige Diskrepanz zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft führt durch die scheinbare Bipolarität von Glaube und Vernunft zu der interdisziplinären Sprachlosigkeit, die es erschwert, die Inhalte unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen in eine vergleichbare Form zu bringen. Und das, obwohl es mit Sicherheit nur eine Wirklichkeit gibt, die sich im Schnittpunkt aller Gelehrsamkeit befinden muss, in dem die Thesen deckungsgleich und fehlerfrei sind.

Der behutsame Vergleich von Spiritualität und Materialität und die Suche nach dem Gemeinsamen ist seit dem 20. Jh. keine Utopie mehr. Die Vermittlung von Einsichten hinter der für uns erkennbaren Natur macht eine metaphysische Spur immer deutlicher. Die Erkenntnisse der neuzeitlichen Physik verändern seither unser Denken so tief greifend, dass von einem Paradigmenwechsel geredet wird.

Je mehr die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse neue Zusammenhänge aufzeigen, um so mehr müssen wir heute zur Kenntnis nehmen, dass Gott sich die Freiheit genommen hat, die Welt und das Universum so genial zu gestalten, dass der Mensch mit seiner geringen Verstandeskapazität die Struktur der Welt, ja sogar seine eigenen Forschungsergebnisse im subatomaren Bereich zwar noch berechnen – aber nicht mehr begreifen kann. Trotzdem verkürzen wir die Schöpfung immer wieder auf den aktuellen Stand unseres Weltverständnisses und würden gerne diejenigen wieder auf den Scheiterhaufen werfen, die entgegen den jeweils konservativen Vorstellungen erneut fortschrittliche Perspektiven aufzeigen. Es ist darum stets zu prüfen, ob das jeweils aktuelle Weltbild nicht einer abermaligen Modifizierung bedarf.

Im Wandel der Geschichte hat sich im Bewusstsein der Menschheit ein stets fortschreitender Prozess vollzogen, der sich zukünftig auch weiter vollziehen muss, denn es gibt keine endgültigen Erkenntnisse, sondern nur Stufen der Evolution. In diese fortschreitende Evolution ist der Mensch eingebunden oder greift schließlich sogar mitgestaltend ein. Dieser Prozess ist in seinem Vollzug am Menschen selbst, individuell fortgeschritten und folglich in seinen Auswirkungen individuell erfahrbar. Auch dieser Umstand ist ursächlich für die stark differierenden Sichtweisen der einzelnen Gesellschaftsgruppen und Glaubensgemeinschaften, ja sogar der einzelnen Diskutanten bei Fragestellungen innerhalb einer Geistesgemeinschaft. Die angestrebte ökumenische Glaubensannäherung der Konfessionen wird darum auch zukünftig ein Wunsch bleiben. Eher werden sich weitere Differenzierungen bei Gläubigen herausbilden. Sie werden ihren Weg gehen, selbst wenn er sich nicht in der Gründung neuer Konfessionen offenbart. Die traditionellen Gottes- und Menschenbilder geben bei fortschreitendem Weltverständnis immer weniger Orientierung. Hugo Lassalle (SJ) drückt das so aus:

„Nun auf einmal entdeckt der Mensch, dass die Begriffe ihn nicht mehr befriedigen können, und so sucht er die wahre Wirklichkeit, die hinter den Begriffen ist.“

Jesus hätte allein mit der traditionellen Begrifflichkeit von heute, keine Wunder vollbringen können. Jesus wusste um die Wirkung der Metaphysik hinter der manifesten Welt, die seinem Bewusstsein die notwendige Macht einräumte. In letzter Zeit gewinnt eine Kategorie von Gläubigen immer mehr an Terrain, die in einer gewissen Para-Konfession neben ihrer Kirche leben, obwohl sie fast regelmäßig die Gottesdienste besuchen. Ihre Theologie ist nicht besonders fundiert, trotzdem machen sie in ihrem Inneren religiöse Erfahrungen. Über ihre Erfahrungen können sie kaum mit Menschen reden, die sich außerhalb des Bereiches ihres ungezwungenen, stillschweigenden Einvernehmens befinden. Nicht einmal mit religiösen Seelsorgern ist ein Kontakt möglich, denn für Fragen aus der religiösen Erfahrung haben Gemeindepfarrer keine Zeit und kein Verständnis. Obwohl diese Erfahrungen die Impulse zur Entwicklung der Persönlichkeit geben, passen sie für Theologen in keinen seelsorgerischen Rahmen und bleiben deshalb nach außen unreflektiert. Hilfe zur Glaubens- und Persönlichkeitsentwicklung kann von einer Volkskirche bei dem zunehmenden Priestermangel nicht mehr erwartet werden. Persönlichkeitsentwicklung kann sich infolgedessen nur auf autodidaktischem Wege, mit Hilfe einschlägiger Literatur vollziehen. Evangelische und katholische Autoren bieten seit den letzten 15, 20 Jahren wertvolle Unterstützung. Trotzdem – derjenige, der selbst nachdenkt, lebt sich bei fehlendem Dialog aus seiner Kirche hinaus.

Für diese Menschen wird das Wort von C. G. Jung (1) zur schmerzlichen Realität:

„…die Entwicklung der Persönlichkeit aus ihren Keimanlagen zur völligen Bewusstheit ist ein Charisma und zugleich ein Fluch: ihre erste Folge ist die bewusste und unvermeidliche Absonderung des Einzelwesens von der … Unbewusstheit der Herde. Das ist Vereinsamung, und dafür gibt es kein tröstlicheres Wort.

…Die Entwicklung der Persönlichkeit ist ein solches Glück, dass man es nur teuer bezahlen kann.“

Kleinere Religionsgemeinschaften sind bei der Klärung von Glaubensfragen noch weniger hilfreich. Sie beharren auf den meist fundamentalistischen Vorstellungen ihrer Religionsgründer, die überwiegend auf dem Wissensstand und dem Weltverständnis des 19. Jhs. basieren. Sie bemühen sich nicht, die Aussagen der Naturwissenschaft des 20. und 21. Jhs. zu verstehen, nehmen aber jeweils für sich in Anspruch, als einzige über die eindeutige Bibelexegese zu verfügen. Sie sind zudem noch stolz, in einer kontroversen Position zum verifizierten Stand der physikalischen Forschung der heutigen Zeit zu stehen und eliminieren sich somit selbst aus jedem seriösen interreligiösen Gespräch.

Naturwissenschaft und Theologie dürfen sich nicht im Widerspruch behaupten, weil es nur eine Wirklichkeit gibt. Folglich können falsche naturwissenschaftliche Auffassungen zu keinen richtigen Folgerungen im religiösen Denken führen; wie etwa die materialistische Vorstellung von Charles T. Russell: Die Seele befindet sich im Blut des Menschen. Die moderne Naturwissenschaft ist heute an der Schnittstelle zum christlichen Glauben angelangt, sie kann viele der fundamentalistischen Auffassungen, bezogen auf die klassische Physik und ihr Verständnis von der Natur, widerlegen.

In einem Interview, das Renèe Weber (2) mit Stephen Hawking führte, antwortete dieser auf die Frage: warum er so an dem frühen Universum interessiert sei:

„ ... dass er alles wissen wollte, woher wir kämen usw., und die erste Sekunde nach dem Urknall würde die Antwort in sich tragen.“

Dem ist einschränkend hinzuzufügen, dass Hawking als Naturwissenschaftler bestenfalls zur Klärung des physischen Ursprungs der Menschheit beitragen kann. Über die Herkunft unserer Seele mit dem fortschreitenden Prozess der Humanisierung und über die Sinnfrage unserer Existenz sind aus der Astrophysik sicher keine Erkenntnisse zu gewinnen, denn Quarks und Superstrings sind nicht unsere geistigen Ahnen.

Beide, Naturwissenschaft und Religion, arbeiten an der gleichen Aufgabe, um das Sein zu erforschen, um zu verstehen woher wir kommen, wer wir sind, wohin wir gehen und warum das alles so sein muss. R. Weber beschreibt die Vorgehensweisen wie folgt (2):

„Bis auf den heutigen Tag sucht die Wissenschaft nach den Grenzen der Natur, die Mystik nach deren Unbegrenztheit ... Die Wissenschaft arbeitet darauf hin das Geheimnis des Seins zu erklären, die Mystik es zu erfahren.“

Hier wird schon implizit auf den Unterschied zwischen Wissen erwerben und Erfahrung sammeln hingewiesen. Für den interessierten Laien ist nicht zu erkennen, dass die Theologie bei diesem Diskurs Hilfreiches beizutragen hat. Sie verfügt bei den Naturwissenschaften über wenig Kompetenz, und der mystischen Erfahrung begegnet sie vorsichtig und distanziert, nachdem sie die Mystiker der Vergangenheit, beispielsweise Johannes vom Kreuz und Meister Eckehart, hart bedrängt hat. Die Kirche hat den Dominikaner Giordano Bruno ums Leben – und den Physiker Galilei um die Freiheit gebracht.

Um heute niemandem weh zu tun, wird die aktuelle christliche Theologie von den meisten Konfessionen weitgehend abstrakt betrieben, vergleichbar etwa mit der Philosophie; bei den Außenstehenden kommt es zumindest so an. Die Kirche versucht lediglich, mehr oder weniger glaubhaft, Sozialkompetenz zu beweisen: Plädiert beispielsweise für die Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft, die sie jedoch in ihrem eigenen Einflussbereich ablehnt. Sie tritt für eine Umverteilung der Güter von Nord nach Süd ein, um das Elend in der Welt zu bekämpfen; vergisst aber dabei, dass Wohlstand nur nachhaltig erreicht wird, wenn die Güter nicht verteilt, sondern vor Ort erarbeitet werden.

Die Religion sollte dem Menschen in seinem Inneren begegnen, sie sollte nicht versuchen primär gesellschaftliche Schwierigkeiten zu lösen, denn diese sind sekundär und eine Konsequenz des Inneren. Das Innere ist die Ursache von allem Äußeren.

Theologie versucht zu deuten; sie beruht wie alle Wissenschaften auf dem Intellekt und ist nicht mehr das Resultat persönlicher religiöser Erfahrung. Theologie erlaubt mehrfache Deutungen. Erfahrung ist eindeutig, sie ist der Theologie vorzuziehen. Obwohl die Evangelien auf Erfahrungen beruhen, Erfahrungen mit der Natur des Menschen und mit der Natur der Welt, ist die Theologie heute keine Erfahrungswissenschaft mehr. Theologen brauchen im Grunde keine Anhänger, sie genügen sich oft selber durch Publizieren von immer wieder umformulierten Meinungen.

Viele Menschen sind an religiösen Fragen interessiert, pflegen aber keinen Kontakt mit ihrer Ortskirche, weil deren Vertreter auf die Fragen zum Alltäglichen keine Antworten wissen, im Gegensatz zur Urkirche. Damals wurden nicht nur Lehren erteilt, sondern zur Verifikation der Lehren auch Kranke geheilt. Der Leidende erfährt heute bei existenziellen Schwierigkeiten, wie etwa bei Krebserkrankung, von Psychologen eine wirklich brauchbare Unterstützung; der Gemeindepfarrer, der Experte für seelische Nöte, kann dazu wenig Hilfreiches beitragen. Trotzdem sieht er sich als Mittler zwischen Gott und Mensch.

Immer noch stehen Glaubenswissen und Weltwissen einander fremd gegenüber. Außer christlich geprägten Physikern unternimmt kaum jemand den Versuch, die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft, mit theologischen Positionen, kompatibel zu einem Weltbild zusammenzuführen, das der einen Wirklichkeit gerecht wird.

Erst wenn die christliche Botschaft als verträglich mit der Natur wieder erkannt wird, und erst wenn diese Vereinbarkeit plausibel dargestellt werden kann, hat die Kirche in der Gesellschaft auch wieder eine Zukunft.

Die christliche Botschaft muss mit der Natur kompatibel sein, weil diese Gottes Schöpfung ist. Nur unsere Unkenntnis und unsere schädlichen Absichten sind es, die zersetzenden Einfluss auf beides ausüben. Von Augustinus stammt der Gedanke, dass selbst Wunder nicht im Widerspruch zur Natur stehen, sondern nur unser Wissen von der Natur. „Die Natur ist nicht so wie sie aussieht.“ (L. Schäfer) Wenn die Natur wirklich so wäre, wie sie uns erscheint, hätte Jesus in ihr keine Wunder vollbringen können. Die phänomenale Natur ist die Illusion unserer Wahrnehmung. Wunder sind die Erlösung aus der Illusion, sie stellen die Wirklichkeit her.

Nachdem die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt mit naturwissenschaftlichen Phänomenen vertraut ist und diese interessant findet, könnte mit der Darstellung ihrer Korrelation mit dem Geistlichen viel Aufmerksamkeit an christlichen Lehren initiiert werden. Stattdessen verliert die Bevölkerung mehr und mehr das Interesse an dem, was die Kirche zu sagen hat, und da hilft kein Schönreden. Die Theologen sagen das, was sie schon immer gesagt haben – und auch auf die gleiche Weise; das Weltverständnis der Menschen hingegen hat sich innerhalb der letzten 80 Jahre grundlegend gewandelt. Viele Begriffe sind heute verschlissen. Und es ist zu bedenken: das abgenutzte Wort ist verbraucht, ohne Inhalt, es hat keine Wirkung mehr. Der wirkungsvolle Inhalt des Wortes besteht aus einem verständlichen Gedanken und an den Glauben an ihn. Durch den Glauben wird das Wort erst zum anwendbaren Wissen, und bekanntermaßen ist Wissen Macht. Welch eine Macht das inhaltsvolle Wort hat, wird schon im Evangelium des Johannes (1:3) beschrieben.

„Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“

Das Wort mit Überzeugung gesprochen, hat Verwirklichungskraft. Das ist so, weil in ihm der Geist ist, der lebendig macht (Joh. 6:63), in ihm war das Leben (Joh. 1:4), von Anfang an.

Alles in dieser Welt ist durch den Gedanken eines Wortes entstanden und kann somit durch das Wort weiter entwickelt werden. „Die Welt ist die Konstruktion unseres Denkens.“ (H. P. Dürr). Doch der unentschlossene Zweifler bewegt nichts.

Davon abgesehen haben wir heute trotzdem die beste Kirche, die es gab, zieht man das letzte Jahrtausend in Betracht. Immerhin wurde Galilei rehabilitiert und Teilhard de Chardin stillschweigend geduldet sowie der Anspruch auf den Alleinseligmachenden-Glauben aufgegeben.

Von Teilhard de Chardin stammt der Gedanke: „Was immer man auch sagt, unser Jahrhundert ist religiös, vielleicht religiöser als alle anderen ( … ). Nur hat es noch nicht den richtigen Gott gefunden, den es anbeten könnte.“

Leider verbleiben viele der Gläubigen bei der erlernten Theorie, die sie selbst dann akzeptieren, wenn sie sie nicht verstanden haben. Sie lassen sich nicht auf die Verantwortung ein, in ihrer eigenen Erfahrung zu forschen, um zu persönlichen Überzeugungen zu kommen, die allein für sie hilfreich wären. Aus Angst, als Außenseiter zu gelten, verharren sie lieber in der nutzlosen „Geborgenheit“ der passiven Mehrheit. Es ist ihnen entgangen, dass bloße Zugehörigkeit Stillstand bedeutet, aber geistiges Wachstum im Rahmen einer spirituellen Evolution erwartet wird. Ein epochaler Paradigmenwechsel hat in unsrer Zeit bereits stattgefunden und sie haben es nicht bemerkt.

Für ein sicheres und tiefes Verständnis von religiösen Sachverhalten ist unsere unzureichend entwickelte Sprache ein Handikap. Nicht nur die Materialisten – wir alle sind geneigt, das irrationale Unbekannte, das physikalisch Nichtmeßbare, als nicht existent zu bezeichnen. Gegebenenfalls drängen wir das Unbekannte in ein bekanntes, rational erklärbares Denkmodell, um daraus sein Verhalten zu verstehen, das dann natürlich zu falschen Schlüssen führen muss, denn Rationales und Irrationales funktionieren und wirken vollkommen unterschiedlich.

Dies zeigt sich schon bei dem eindeutigen und scheinbar unkomplizierten Begriff Leben. Bei der spontan gestellten Frage: was ist Leben, dürfte sich zunächst eine Denkpause einstellen. Dann werden wahrscheinlich die ersten Erklärungsversuche die Entstehung von Leben auf biochemischem Wege andeuten. Man wird von lebender und toter Materie reden, auch neuerdings vom Molekül der DNA. Weil uns für das Unsichtbare die Worte fehlen, sind wir schnell bereit ersatzweise etwas Sichtbares zu beschreiben. Aristoteles hat für Leben das Wort Entelechie verwendet (die im Organismus liegende Kraft), andere (H. Driesch) reden vom Vitalismus.

Wir wissen, dass das gleiche Objekt, das wir als belebte Materie bezeichnen, kurze Zeit später als unbelebte oder tote Materie vorliegen kann. Aber wir können den Unterschied kaum mit Worten beschreiben. Der eine Zustand gilt als lebendig, der andere gilt eben als tot.

Diese Erklärungsnot besteht, weil wir Leben über die (messbare) Materie rational erklären wollen. Doch die Wirklichkeit ist, dass die Materie nie lebt, denkt oder fühlt. Im Zusammenhang mit der Neurologie gibt es den Satz: „Es gibt keine denkende Materie“. Leben ist über die Materie überhaupt nicht zu definieren, denn sonst müsste es möglich sein: über tote Stoffe, Leben auf mechanischem und / oder chemischem Wege zu erzeugen.

Leben ist nur über die Spiritualität zu verstehen; es ist irrational, kommt aus der Transzendenz und wird für eine endliche Zeit von materieller Struktur begleitet, die sie aktiviert.

Pater Willigis Jäger sieht uns nicht als menschliche Wesen, die eine spirituelle Erfahrung machen, sondern als spirituelle Wesen, die eine menschliche Erfahrung machen. Als lebendige Wesen sind wir spirituelle Wesen. Gott ist Geist, und wir haben keine – von Ihm getrennte Spiritualität, denn wir sind seine Schöpfung nach seiner Art. Deshalb haben wir auch kein von Ihm unabhängiges, eigenständiges und von Menschen gemachtes Leben.

Weil Leben aus dem Transzendenten kommt, hat es auch keinen zeitlichen Anfang und kein zeitliches Ende. Es tritt mit der Körperlichkeit im embryonalen Stadium zu einem bestimmten Zeitpunkt in Beziehung und verlässt sie wieder nach einem abgelaufenen Zeitintervall. Das Leben selber wurde in der Zeitlosigkeit erschaffen, in der es schließlich verbleibt. Die Zeit als unabhängige Dimension, absolut und mit linearem Verlauf, gilt nur für irdische Bedingungen und noch dazu für einen eingeschränkten Bereich; wir wissen heute, sie ist relativ. Konstant und linear in ihrem Ablauf, so wie sie uns erscheint, ist sie nicht.

Unser physikalisches Zeitmaß verliert zusammen mit der klassischen Physik im Transzendenten seine Gültigkeit und Anwendbarkeit. Unendlichkeit ist keine Ansammlung unzähliger und unüberschaubar langer Zeitintervalle, sondern das Gegenteil, nämlich Zeitlosigkeit.

Die Frage: was war vor dem Urknall, ist genauso absurd, wie die Frage: was war mit mir vor meiner Zeugung. Beides liegt in der Zeitlosigkeit, der Transzendenz. Wir verknüpfen in unzulässiger Weise Anfang und Ende der äußeren, körperlichen Struktur mit dem Zeitraum des Lebens, das sich ursächlich auf das Innere des Menschen bezieht, auf die Seele und den Geist.

Auch Henri Bergson, Professor am Collège de France in Paris, der zwischen einem Außen und einem Innen unterschied, bezieht Leben auf das Innere und sagt (3, Bd.2; S. 573):

„Will man solches Leben erfassen, sei der Verstand dafür gänzlich ungeeignet.“

Für den Menschen am Beginn des 21. Jhs. ist Transzendenz zwar immer noch ein Geheimnis, aber nicht mehr unantastbar, realitätsfern oder okkult. Zur Jahrtausendwende hat sich das Weltbild derer, die sich darüber Gedanken machen, nahezu revolutionär geändert. Prof. Lothar Schäfer, der an der Universität von Arkansas Physikalische Chemie lehrt, schreibt (4):

„Die Quantenphysik hat uns die Transzendenz zurückgebracht.“

und

„Die Suche nach transzendenter Wirklichkeit ist kein neues Unterfangen. Die Religionen aller Jahrtausende haben sich dieser Aufgabe schon immer gewidmet. Neu ist in unserer Zeit, dass die Suche im Umkreis der Naturwissenschaften unternommen werden kann und nicht im Gegensatz zu unserem Naturverständnis steht, wie noch am Ende des 19. Jahrhunderts.“

Obiges ist ein Beispiel, wie unser rationaler Verstand und folglich die Sprache auf das physisch Erkennbare ausgerichtet sind und was der anscheinend eindeutige Begriff Leben für einen umfangreichen Erklärungsbedarf erfordert, um ihm einigermaßen gerecht werden zu können. Gleichzeitig verlangt er eine Festlegung auf ein bestimmtes Weltverständnis. Weil wir für das Transzendente über keinen sensorischen Sinn verfügen und uns dazu auch die Begriffe fehlen, sind wir oft auf Bilder oder Gleichnisse angewiesen, die, wenn wir sie im klassischen – bzw. positivistischen Denken oder einer fundamentalistisch-religiösen Einstellung deuten, zwangsläufig zu falschen Schlussfolgerungen führen müssen.

Technisch-physikalisch geschulte Menschen werden theologische Aussagen immer hinterfragen, um einen Bezug zu einem aktuellen Ereignis und zu sich selber herstellen zu können.

Nimmt man das Dogma von Marias Himmelfahrt als Beispiel, bei dem die Mutter Gottes auch mit ihrem Leib in den Himmel aufgefahren sein soll; so beschreibt das einen physikalischen, rationalen Vorgang. Rational ist aber nicht erklärbar, wie der physische menschliche Körper den physikalischen Umgebungsbedingungen der Stratosphäre standhalten soll. Außerdem definiert es den Himmel als einen Ort im All, an dem leibliches Leben stattfände. Sollte wirklich die physische Bewegung eines Körpers von einem Ort zu einem anderen stattgefunden haben, darf man zu dem rationalen Vorgang eine rationale Erklärung erwarten. Derartige Aussagen führen zu Vorstellungen von Jenseitszuständen, die durch Raum, Zeit und Materie, entsprechend dem Newtonschen Weltbild, eingegrenzt sind.

Ein gegenteiliges Statement zur traditionellen Vorstellung vom „Himmel“ war in der Eichstätter Kirchenzeitung 31/99 zu lesen:

„Vatikanstadt (KNA). Der Himmel ist laut Papst Johannes Paul II keine Abstraktion und auch kein ´physischer Ort in den Wolken´. Himmel bezeichnet vielmehr eine ´lebendige und persönliche Beziehung´ zu Gott“

Im Grunde müsste das jeder Christ bereits verinnerlicht haben. Viele aber standen der einfältigen Äußerung eines atheistischen Astronauten: „ ... ich war im All (Orbit), aber Gott habe ich nicht getroffen“, doch recht hilflos gegenüber.

Es ist tragisch, dass der christlich geprägte Quantenphysiker des Menschen Beziehung zu Gott eher auf einer geistigen Basis erläutern kann, als der konservative Theologe. Eine rationale Erklärung wird es für religiös einzuordnende Erscheinungen so leicht nicht geben, sie sind auch mit den Möglichkeiten der klassischen Physik nicht erklärbar. Durch das krasse Missverhältnis von der einerseits viel zu komplexen Wirklichkeit der Schöpfung und andererseits der daran gemessenen viel zu geringen Kapazität unseres Verstandes, dem unsere Sprache angepasst ist, geraten wir in Erklärungsnot, wenn wir Nicht-Alltägliches, Transzendentes formulieren wollen. Wir sind dann gezwungen uns einer Symbolsprache zu bedienen oder Gleichnisse anzuführen. Gerade deshalb müssen die Parabel, die Legende, das Bild, die Metapher immer als das, was sie sind, deutlich gekennzeichnet sein. Der Unterschied zur geistlichen Wirklichkeit, die sie nur plausibilisieren sollen, ist aber oft verwischt. Außerdem müssen sich Symbole ändern, um die Wirklichkeit in der jeweils geänderten Weltsicht verständlich beschreiben zu können.

So leben konservative Geisteswissenschaftler und Naturwissenschaftler mit mechanistischem Denken durch ihre unterschiedlich polarisierte Weltsicht und der damit verbundenen geringen Verständigungsbereitschaft in einer distanzierten Beziehung. Denn wer auf geistliche Phänomene nur dogmatisch orientierte Erklärungen gibt oder nur emotional reagiert, wird nie mehr gefragt. Und wer für all diese Phänomene eine rationale Deutung sucht, wird keine Anhaltspunkte für seine persönliche Entwicklung, die Entwicklung seines Inneren, finden.

Weil jede der Parteien aus ihrem Elfenbeinturm heraus die jeweils andere für weitgehend inkompetent erachtet, mangelt es an gegenseitiger Kommunikationsbereitschaft für eine konstruktive Gemeinsamkeit. Folglich fehlt zum gemeinsamen Dialog auch das gemeinsame Thema, das sich dialektisch und emotionslos von beiden Seiten entwickeln ließe. Der Theologe Prof. Dr. Ulrich Lüke gibt zu bedenken (5):

„Eine methodisch konsequent in naturwissenschaftliche und philosophisch-theologische Aussagen geteilte Welt ist nicht gesund, sondern schizophren.“

Ähnlich äußerte sich schon Thomas von Aquin wenn er meinte: dass ein Irrtum über die Welt sich in einem falschen Denken über Gott auswirkt.

Religion muss sich entwickeln, denn auch das spirituelle Wachstum ist Bestandteil der Evolution, die immer noch fortschreitet. Wer sich nicht entwickelt, wird aus der Gemeinschaft ausgeschieden. Ihm wird die Chance zum Dialog nicht gegeben, auch wenn er noch so bedeutend ist. Leider gibt es in jeder Konfession Institutionen, die Korrekturen von überholten Sichtweisen unterbinden.

Für Physik und Theologie ist die Einheit zu finden, sie dürfen sich letztlich nicht widersprechen. Sie müssen solange modifiziert – und durch lebensnahe Erfahrung verifiziert werden, bis beide in der einen Wirklichkeit widerspruchslos ihren Platz finden; dann erübrigt sich auch weitgehend die Problematik der Ökumene. Denn die widerspruchsfreie Begegnung von Spiritualität und Physik ist Mystik für alle!

Interdisziplinäres Interesse ist notwendig, um festgefahrene Standpunkte zu wandeln – nach außen klarer darzustellen und sie somit in der Welt verständlicher zu positionieren. Dazu bedürfen die verwendeten Begriffe immer wieder der Aktualisierung.

Beispielsweise ist der grundlegende Unterschied der Bedeutung vom inneren – und äußeren Menschen in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Ähnlich ist es bei den Begriffen Spiritualität und Intellekt aufgrund des dt. Einheitsbegriffes Geist (im Gegensatz zum engl.: