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Einst war Ungarn der Musterknabe der europäischen Wiedervereinigung, Vorbild für demokratische Reformen, das Land, das den Sowjets die Stirn bot und als erstes den Eisernen Vorhang durchtrennte. Doch seit 15 Jahren höhlen Viktor Orbán und seine Fidesz-Partei das demokratische Fundament ihres Landes aus und bandeln mit autokratischen Regimen auf der ganzen Welt an. Mit klarem strategischem Fokus schwächen sie systematisch Rechtsstaat, Wahlrecht, freie Medien, Meinungs- und Forschungsfreiheit, Bildung an Kindergärten, Schulen und Universitäten, grundlegende Rechte von Opposition, Zivilgesellschaft, Minderheiten und Migranten und vieles andere mehr. Die Liste ist lang und wird immer länger. Längst ist Ungarn für viele illiberale Kräfte in Deutschland, Europa und Amerika zum Wallfahrtsort geworden. Hier wollen rechte und ultrarechte Pilger wie Geert Wilders, Robert Fico, Nigel Farage, Steve Bannon, Herbert Kickl oder auch Sebastian Kurz lernen, wie es gelingen kann, die Demokratie auszuhebeln und ihre Macht langfristig zu konsolidieren. Und Viktor Orbán exportiert sein Modell, indem er rechtsnationale Medien und Think Tanks, auch im Ausland, gründet. Auch die von ihm kürzlich initiierte neue Fraktion im Europäischen Parlament, Sammelbecken für antidemokratische Parteien, dient seinen Zielen. Deshalb bedroht die ungarische Entwicklung auch unsere Sicherheit, unsere Wirtschaft und unsere Art zu leben. Und jetzt? Wie konnte es soweit kommen?, fragt Petra Thorbrietz in ihrem neuen Buch. Was hat die EU übersehen? Warum hat Deutschland nicht reagiert und vor allem: Wie können die demokratischen Kräfte wieder gestärkt werden?
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Seitenzahl: 499
Veröffentlichungsjahr: 2025
Petra Thorbrietz
UNGARN, VIKTOR ORBÁNUND DIE UNTERWANDERTE DEMOKRATIE
Verlag Antje Kunstmann
1. EIN BUCH ÜBER UNGARN – WARUM?
Blueprint für Rechtspopulisten
Einmal Europa und zurück
Sirup in den Köpfen
2. AUFBRUCH: GLASNOST UND MEIN ERSTER BESUCH
3. GULASCHKOMMUNISMUS: KÜCHE STATT POLITIK
4. PUSZTA-POKER: UNGARN ALS FLUCHTHELFER
5. SYSTEMWECHSEL: ORBÁNS ERSTER TABUBRUCH
6. ANFÄNGE: DAS ZIMMER IM GARTEN
7. MARKTWIRTSCHAFT: RESTPOSTEN UND WENDEKRISEN
8. RÓBERT: DER MANN, DER DEN DRITTEN WELTKRIEG PLANTE
9. DER GETEILTE HIMMEL: DER OSTEN DER EU
10. TASZÁR: TOP GUN IN DER PAMPA
11. GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN: RUSSLAND UND CHINA
Digitale Sollbruchstellen
Zufall oder Absicht?
Der große Bruder China
12. EROSION: DIE LANGSAMKEIT DER DEMOKRATIE
Der illiberale Staat
Artikel 7 und die Konditionalität
Subventionen als Druckmittel
Rechts statt Recht
13. VETO-DIPLOMATIE: EINFLUSS GEGEN GELD?
Die Schuldenfalle
Klein, aber nein
14. HINTERTÜR: GOLDEN VISA FÜR SPIONE
15. MAFILM: BOHNENSUPPE UND KRIMSEKT
Zusammenbruch und Neubeginn
Patriotische Blockbuster
16. KULTUR: KOLLEKTIVE GLAUBENSSÄTZE
Die neue Ära
Suspekte Stiftungsmodelle
Verschenkte Vielfalt
Kultur als hybrider Krieg
17. VERWANDLUNG: VON DER UNSCHULD ZUR MACHT
Die Anfänge des Fidesz
Die erste Regierung
Das Mediengesetz
Der erste Clinch mit der EU
18. FIDESZ FIRST: AB JETZT WIRD GELOGEN
Der Strohmann aus Österreich
Der Oligarch und das Spermium
Rätselhafte Spendenwelle
Schmierkampagnen und Social Media
Die Lügenfabrik
Der Luftballon
19. JOURNALISTEN: AUF VERLORENEM POSTEN?
Die letzten Aufrechten
Pressefreiheit oder Geschäft?
Der souveräne Überwachungsstaat
20. WASSERSCHLACHTEN UM DIE DEMOKRATIE
Dreh am See
Und heute?
21. FOLLOW THE MONEY: DAS SYSTEM DER NATIONALEN KOOPERATION
Propaganda als Perpetuum mobile
Der postkommunistische Mafiastaat
NER – Ein nationales Glaubensbekenntnis
Der Strohmann
Geldwäsche?
Ausverkauf
Der Orbán-Clan
Hatvanpuszta
22. WER IST VIKTOR ORBÁN?
23. EU-GELDER: WER ODER WAS WURDE SUBVENTIONIERT?
24. IDENTITÄT: EINE SPRACHE ALS BOLLWERK
25. SOROS: DER EWIGE JUDE
26. ERINNERUNG: DAS JÜDISCHE ALTENHEIM
27. KOLLABORATEURE: DIE DEUTSCHE AUTOINDUSTRIE
Glaube an die Nation
Der Debreciner
Die Batterie-Superpower
Dummes Denken
Gehätschelte Multis
Tempi passati
28. DER HIMMELBLAUE TRABANT
29. IM VISIER: AUSLÄNDISCHE UNTERNEHMEN
Der Fall SPAR
Feindliche Übernahmen
Schikane mit System
30. »ORBÁNOMICS«: DAS EINMALEINS DER MACHTERGREIFUNG
Lehren aus der Vergangenheit
Step by step
Erstens: Strategisch denken
Zweitens: Monopolisieren und einschüchtern
Drittens: Gelder in öffentlichen Ausschreibungen kanalisieren
Viertens: Dekrete erlassen
Fünftens: Öffentlichkeit verhindern
Sechstens: Die exportstarken Multis streicheln
31. TRAUMATA UND TRÄUME
Der Untergang in Mohács
Das Trauma von Trianon
Opfer und Täter
Horthy-Renaissance
Grenzenloses Ungarn
Imperiale Kulisse
Noch ein Trauma: 1956
Die SMS Szent István
32. BILDUNGSPOLITIK: PLEBEJER UND ELITEN
Patriotisches Curriculum
Degradierung der Lehrer
Entwertung des Wissens
Vertrieben: die Soros-Universität
Exodus
Gegenreformation
33. RECHTSPRECHUNG: SCHALL UND RAUCH
Rebellion gegen den Rechtsstaat
Barfuß in die Zukunft
Selbsthilfe statt Stütze
34. BUDAPEST: DAS ANDERE UNGARN
Das gallische Dorf
Der achte Bezirk
Der christliche Rebell
35. DIE HOFFNUNG: PÉTER MAGYAR
Krise der Oppositionsparteien
Die Propagandaschlacht
Das Schauspiel der Wahlen
Messias
36. G: OHNE ZWEIFEL
37. EUROPA: REBELLION VON RECHTS
Hybride Kriegsführung
Illiberales Netzwerk
Das Dream-Team Trump-Orbán
Der wilde Westbalkan
38. UMDENKEN – JETZT!
Zur Disposition: die Glaubwürdigkeit der EU
Trittbrettfahrer der Demokratie
Lehren aus der Orbán-Schule
DANK UND BITTE
NAMENS- UND STICHWORTREGISTER
Ich war von Anfang an verliebt in Ungarn. Ein Land, das sich vor mir aufklappte wie die Seiten eines Buches. In das man einsteigen konnte und verschwinden. Irgendwo zwischen den Lerchen über der Puszta und dem ruhigen Fließen der Donau, im dämmrigen Licht der bunten Glasfenster der Jugendstilbauten, die in Budapest noch immer von den Einschusslöchern des Aufstandes von 1956 gezeichnet waren. Die Orgien voll Paprika und Salami. Der unverkennbare Rhythmus der Sprache. Ein herzliches Land, voller Stolz und voller Geschichten.
»Endlich kehren wir zurück nach Europa«, hieß es damals, in den späten 80ern und kurz vor der Wende. Ungarn hatte einiges zu bieten – ein beeindruckendes intellektuelles Niveau für so eine kleine Nation, Ingenieure, Schriftsteller und Musiker, die es in die Welt geschafft hatten, ein Image, das erfolgreich die dunklen Jahre der Diktatur verleugnete, die Öffnung des Grenzzauns nach Österreich. Die Älteren kramten ihr Deutsch hervor und warteten auf die Erlösung vom Sozialismus. Die Jungen waren schon auf dem Sprung in die Freiheit.
Heute, rund 35 Jahre später, schreibt Ungarn Geschichte, aber eine ganz andere. Die Magyaren, diese kleine Nation von gerade mal 9,5 Millionen innerhalb und etwa zwei Millionen auf der anderen Seite ihrer Staatsgrenzen, könnten die Europäische Union sprengen. »Wir werden die EU nicht verlassen, wir werden sie erobern!«, versprach Viktor Orbán, ihr Ministerpräsident, der seit seinem ersten Erdrutschsieg 2010 kein gutes Haar mehr an »Brüssel« lässt. Vor den Augen der Welt baut er ein Mitgliedsland der EU in einen autokratischen Staat um, der den zentralen Grundwerten der europäischen Idee Hohn spricht. Das offen illiberale System wurde zu großen Teilen finanziert aus EU-Geldern, von denen wenige bei der ungarischen Bevölkerung ankamen. Gleichzeitig wurde das Wahlrecht in Ungarn inzwischen so oft verändert, dass es für eine Oppositionspartei rechnerisch kaum mehr möglich ist, die Regierung abzulösen. Orbán hat vor, bis 2034 zu regieren.
Außenpolitisch hebelt der ungarische Ministerpräsident immer wieder das Konsensprinzip von EU und Nato aus – Erpressung statt Kooperation. Er macht gute Geschäfte mit strategisch kritischen Mächten wie Russland und China, und seine Rolle wird dabei chronisch unterschätzt: Zwar haben seine umstrittenen »Friedensmissionen« in seiner Zeit als EU-Ratspräsident in der zweiten Hälfte 2024 keine sichtbaren Ergebnisse im Ukrainekrieg erbracht. Aber in Zeiten der hybriden Kriegsführung sind auch Störsignale ein Erfolg. Eben noch scheinbar als »bad guy« isoliert, gelang es Orbán auch, aus dem Nichts heraus eine rechtspopulistische Fraktion im Europaparlament zu gründen. Mit 84 Abgeordneten aus zwölf EU-Ländern wurde sie dort in kürzester Zeit die drittstärkste Kraft.
Viktor Orbán hat die EU an einem Nasenring quer durch die politische Manege vorgeführt, sich nicht an die Regeln gehalten. Es hat lange gedauert, bis die Kommission sich endlich dazu durchrang, wenigstens einen Teil der Finanzhilfen zu blockieren. Zu einem Zeitpunkt, als der Umbau des Landes, zum Beispiel der Abbau der Medienfreiheit und der Justiz, schon weit vorangeschritten war. Es ist sicher nicht leicht, mit demokratischen Mitteln einen illiberalen Player im Zaum zu halten. Aber die EU ist auch ein komplexes Gebilde mit vielerlei Verflechtungen und Partikularinteressen. Ihre Vertreter haben mehr als einmal die Augen verschlossen. Und sie haben sich mehr um die Interessen der Wirtschaft gekümmert als um die Belange der Zivilgesellschaft. Das rächt sich jetzt – weil Ungarn deutsche, österreichische und andere internationale Unternehmen nun aus dem Land drängt und der ansonsten gehätschelten Autoindustrie einen chinesischen Hersteller vor die Nase setzt. Ungarn, dessen Regierung inzwischen offen EU- und auch deutschlandfeindlich agiert, hat immer noch Macht innerhalb der Union. Das macht das Land interessant für alle ihre Feinde.
So wurde Ungarn für illiberale Kräfte zum Vorbild und zum Wallfahrtsort. Wie ein Magnet zieht das System Orbán rechte und ultrarechte Politikpilger an: Geert Wilders, Robert Fico, Nigel Farage, Steve Bannon, Herbert Kickl, Marine Le Pen oder Aleksandar Vučić wollen in Budapest lernen, wie man das macht – die Demokratie mit ihren eigenen Mitteln auszuhebeln und den Rechtsstaat in sein Gegenteil zu verkehren.
Viktor Orbán ist nicht nur der ehrgeizige Staatschef eines kleinen Landes, der sich gerne mit den Potentaten der Weltmächte fotografieren lässt. Wer ihn darauf reduziert, ignoriert, dass Orbán seit mehr als 15 Jahren ein weltweites rechtsnationalen Netzwerk spinnt, an dem Diktatoren der unterschiedlichsten Couleur teilhaben – Jair Bolsonaro zum Beispiel, der inzwischen abgewählte Staatschef Brasiliens, oder Michail Kawelaschwili, der trotz Wahlmanipulationen aktive Staatspräsident Georgiens. Ungarn gewährt rechtsstaatlich verfolgten Politikern politisches Asyl, etwa Nikola Gruevski, Ex-Premierminister von Nordmazedonien, der wegen Amtsmissbrauch verurteilt wurde, oder dem wegen Veruntreuung von Interpol gesuchten Polen Marcin Romanowski, früher Vize-Justizminister. »Er wird nicht der Letzte sein«, erklärte Orbán auf seiner Jahresabschlusskonferenz 2024.
Mit Donald Trump verbinde ihn, so Orbán, dass beide immer wieder Ärger mit der Justiz hätten, und sie sind sich nicht nur in diesem Punkt einig. Orbáns Berater sind seit Längerem beteiligt an dem umstrittenen »Projekt 2025«, mit dem ein Teil der US-Republikaner die Gewaltenteilung weitgehend einschränken und dem US-Präsidenten zu mehr Machtfülle verhelfen will. Kaum war Trump erneut gewählt, stand Viktor Orbán schon auf der Schwelle von dessen Residenz in Mar-a-Lago und verhandelte dort über weitere Zusammenarbeit – dabei war auch der Mann, der auf skandalöse Weise die AfD unterstützt – Elon Musk.
Orbán, aufgewachsen in der westungarischen Provinz, in ärmlichen Verhältnissen und ohne jede Kultur, wie er selbst sagt, hat vom Fußball gelernt, wie man siegt, und es mithilfe von George Soros bis zum rechtsphilosophischen Studium in Oxford gebracht. Auch wenn er beides frühzeitig gegen die Politik eintauschte, gefördert von Helmut Kohl und Otto Graf Lambsdorff, vereint er taktisches Geschick mit der zielgerichteten Logik der Juristerei. Gepaart mit dem Instinkt des Jägers, ist er sicher einer der fähigsten Politiker dieses Jahrhunderts: Er ist klug, charismatisch und ohne Hemmung, wenn es darum geht, die Seiten zu wechseln. Aus dem Liberalen wurde der Illiberale, aus dem Soros-Stipendiat der Soros-Ankläger, aus dem Atheisten der reformierte Protestant, aus dem Revoluzzer der Autokrat.
Im Tauziehen zwischen EU-Kommission und ungarischer Regierung spielen offiziell vor allem zwei Themen eine Rolle: die Transparenz der Verwendung der EU-Gelder und das sogenannte Rule of Law, die Frage, ob Ungarn noch ein Rechtsstaat ist, wenn es um dessen Garanten geht: die Unabhängigkeit der Gerichte, die Freiheit der Medien, die Rechte von Minderheiten. Immer häufiger taucht aber auch der Ruf nach Souveränität auf, der schon Großbritannien an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hat – der Traum von der Abwehr alles Fremden, das Zurück in die glorreiche Vergangenheit. Und die endgültige Abkehr von den Spielregeln der Demokratie.
Im Hintergrund wirken noch andere, stärkere Kraftfelder: die NATO am Rande eines Krieges, China, für das Ungarn ein Tor in die EU ist, obwohl diese gerade erst begonnen hatte, sich in strategischen Feldern stärker abzuschotten. Der Westbalkan, der Ungarn als Blueprint entdeckt, und natürlich Russland, das Außenminister Péter Szijjártó noch kurz vor dem Angriff auf die Ukraine den »Freundschaftsorden« verlieh. Donald Trump, von dem Orbán sagte, nur dieser könne die westliche Welt retten und der zurücklobte, der ungarische Ministerpräsident sei »a very tough guy«. Folgenreicher als der Brexit, schreibt die Londoner Times alarmiert, sei der Kurs, den Ungarn eingeschlagen habe, denn Orbán verlasse mit seinem Land nicht die Gemeinschaft, sondern er wolle sie von innen heraus zerstören.
Die EU erscheint wie gelähmt angesichts Viktor Orbáns Kurs der Illiberalität, mit der er perfekt die Schwächen des Systems für seine Interessen ausnutzt – die Langsamkeit von Bürokratie und demokratischer Kontrolle, die wirtschaftlichen Abhängigkeiten auf dem Binnenmarkt, die mangelnde Rückkopplung der Europapolitik an die politische Basis, auch die Verlogenheit, mit der man sich auf dem EU-Parkett begegnet: Als Ratspräsident musste sich Orbán in Straßburg eine umfangreiche Strafpredigt von Ursula von der Leyen anhören. Nur einen Monat später aber ließ sich die gesamte Politprominenz beim Budapester EU-Gipfel in einer grandiosen Inszenierung von ihm vorführen. Und für die Kommissionspräsidentin war er wieder »my dear Viktor«.
In Ungarn selbst hat sich die Gesellschaft gespalten – der Riss geht quer durch Familien und Freundschaften. Als Westeuropäerin werde ich plötzlich verdächtigt, der »Kriegspartei« anzugehören – dazu zählen mehr oder weniger alle, die mehr wollen als ein Europa zu Putins Konditionen. Deutschland, seit vielen Hundert Jahren mit Ungarn eng freundschaftlich verbunden – schließlich war schon der mittelalterliche Reichsgründer Stephan mit einer bayerischen Prinzessin verheiratet –, gilt plötzlich als »Ungarnhasser«.
3,06 Millionen Ungarn haben 2022 für Orbán und seinen »Bürgerbund« Fidesz gestimmt, weniger als die Hälfte der wahlberechtigten 8,2 Millionen im In- und Ausland. Das sind gar nicht so viele, aber geschickte Veränderungen im Wahlrecht, in den Bezirksgrenzen und beim Kreis der Stimmberechtigten, haben dazu geführt, dass der Fidesz und seine kleine Satellitenpartei KDNP, die rechtskonservativen Christdemokraten, eine verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit im Parlament zementieren konnten, zum bereits vierten Mal in Folge.
Richtige Wahlfälschung war dafür gar nicht nötig – das ist der Trick von Viktor Orbán und den Seinen, die Scheinlegitimität. Medien werden nicht verboten, aber Frequenzen anders belegt oder sie wechseln rechtmäßig den Besitzer. Anzeigenkunden wollen keine Schwierigkeiten und meiden die unabhängigen Medien, die auf jeden Forint angewiesen sind. Richter werden nicht abgesetzt, sondern dürfen früher in den Ruhestand. Demonstrationen finden statt, aber werden häufig ignoriert. Erregen sie internationale Aufmerksamkeit – wie im Fall der rebellischen Filmhochschule, die sich gegen einen ultranationalen Direktor wehrte –, sucht man andere Gründe für ein Verbot, etwa die öffentliche Gesundheit. Der Notstand, der viele Rechte einschränkt, wurde zunächst mit Covid begründet. Dann ging er fließend in den nächsten über, nun mit dem Etikett »Krieg« in der Nachbarschaft. Ein beliebtes Instrument ist es auch, zuvor selbstständige Institutionen – wie die meisten Universitäten oder die Akademie der Wissenschaften – in Stiftungen zu verwandeln. Dieser scheinbar neutrale Vorgang bedeutet wie alles andere auch: den Zugriff des Fidesz.
1998, als Viktor Orbán zum ersten Mal Ministerpräsident Ungarns war, waren meine Kollegin Sabine Rosenbladt und ich die ersten ausländischen Journalisten, die ein ausführliches Interview mit ihm führen durften. Ich weiß noch, wie mich faszinierte, dass er nicht einen Augenblick lang irgendeine persönliche Regung zeigte. Er war höflich, reserviert, damals noch schlank, gut aussehend und sehr ausgewogen in seinen Statements. Nichts deutete darauf hin, in welche Richtung er sich entwickeln würde, obwohl er im Hintergrund schon dabei war, die Machtbasis des Fidesz auszubauen.
Vier Jahre später, als er die Wahlen verlor, zeigte Orbán schon deutlicher, was in ihm steckte. Ein Land kann nicht zu sich selbst in Opposition sein, erklärte er trotzig – was nicht weniger hieß, als dass es niemand geben könne außer ihm und seiner Partei. Als er 2010 in die Regierungsverantwortung zurückkehrte, proklamierte er deshalb ein »Nationales Glaubensbekenntnis«, in dem die kommunistische Vergangenheit offiziell aus der ungarischen Geschichte getilgt wurde. Auch die ersten 20 Jahre Demokratie galten fortan nur noch als »geistige Krise« – Orbáns Wiederwahl hingegen als Revolution. Ein neues Mediengesetz, gegen das die EU nur halbherzig protestierte, war der erste Hebel zum nationalen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft. Der Anfang vom Ende der ungarischen Demokratie.
In der EU merkte das niemand.
»Orbán ist von der EU mit Geld geradezu überschüttet worden«, zürnt Dóra Györffy, ehemalige Hochspringerin und Volkswirtschaftlerin. »Damit hat er sein System überhaupt erst finanzieren können!« Bálint Magyar, Soziologe und ehemaliger freidemokratischer Bildungsminister, bekräftigt: »Er verhält sich wie ein Pate, wir leben in einem Mafia-Staat. Er hält die Hand über seine Helfer und sie danken es ihm.« Das gelte auch für die deutsche Autoindustrie, die mit allen großen Premiummarken in Ungarn vertreten ist. Die niedrigsten Körperschaftssteuern in Europa, ein Stundenlohn, der ein Drittel vom deutschen beträgt, Millionenförderungen der Regierung und kaum Widerstand bei Genehmigungsverfahren – »Die deutsche Autoindustrie hat Orbáns Weg zur illiberalen Demokratie gepflastert«, sagt auch Zsuzsanna Szelényi, Fidesz-Abtrünnige und ehemalige Oppositionspolitikerin. »Wegen ihr hat Angela Merkel Ungarn so lange in der Europäischen Volkspartei gehalten!«
Viele Ungarn aber, die das Konzept von freier Marktwirtschaft eher bedrohlich finden und die, wie viele andere Europäer auch, wenig über die Spielregeln der Europäischen Union wissen, haben nichts einzuwenden gegen das undurchsichtige Geflecht von ungarischem Staat und Unternehmern, die »Nationale Zusammenarbeit (NER)«. Wer so schnell dermaßen reich wird, der muss ja wohl etwas können. »Besser Mészáros als ein Ausländer«, kommentiert Feri, der Vater meiner ungarischen Schwiegertochter, den legendären Aufstieg eines Gasinstallateurs aus der Provinz, den viele im Land für einen strómán halten. Dabei hat Feri zwei Brüder, die selbst »Ausländer« wurden, als sie 1956 als Flüchtlinge von Deutschland aufgenommen wurden. Doch einmal Ungar, immer Ungar. Diese Einstellung gehört zu einem Konzept von Identität, das die Wunden zweier Weltkriege nie verheilen lässt, weil ein Fünftel der Nation außerhalb der Staatsgrenzen lebt und am liebsten unter sich bleibt.
Die Durchlässigkeit der Grenzen, der freie Personen- und Warenverkehr, der ungehinderte Kapital- und Dienstleistungstransfer innerhalb der EU hätten das der Theorie nach verändern sollen. Aber sie haben es nicht. Mit hetzerischem Eifer wird plötzlich über den Westen hergezogen, mit Schlagzeilen voller primitiver Gewalt und Häme – in Plakatkampagnen, Fernsehshows und Social-Media-Posts. Russland, seit Jahrhunderten Feind und jahrzehntelang ungeliebte Besatzungsmacht, wird plötzlich zum Freund: Schließlich will Putin nicht mehr als das, was einmal der Sowjetunion gehörte; für Revisionismus hat man in Ungarn Verständnis. Denn vielleicht, vielleicht kehrt ja doch auch Transkarpatien zurück, der ungarisch bevölkerte schmale Streifen jenseits der östlichen Grenze – falls die ungeliebte Ukraine unter dem russischen Angriff zusammenbricht.
Was ist passiert mit diesem Land, das eben noch »zurück nach Europa« wollte und dessen traditionelle Gastfreundschaft und altmodische Höflichkeit legendär waren? Jahrelang hatten wir Feste in der ungarischen Puszta gefeiert, mit Freunden aus allen Himmelsrichtungen, mit buntem Sprachgewirr und Kesselgulasch, Musikern und wildem Csardas, Lampions im Maulbeerbaum. »Wann fahren wir wieder?!«, drängten die Freunde, und mein Mann János war stolz darauf, sein Land zeigen zu dürfen, endlich ohne die Fesseln des Sozialismus. Doch heute fragt keiner mehr, und die tanya, das Gehöft, wo die Feste stattfanden, ist verwaist.
Es tut mir persönlich weh zu sehen, wie die Propaganda gegenüber dem Westen, so absurd sie mitunter ist, wie zähflüssiger Sirup langsam in die Köpfe tropft. Die »Brüsseler Eliten«, nach deren Pfeife man nicht tanzen werde. Der Putschversuch kapitalistischer Profiteure wie George Soros, des ewigen Juden, auch wenn er nie so bezeichnet wird. Die EU, die Migranten-Gettos in Ungarn erzwingen wolle und die Kinder mit aggressiver »Gender«-Propaganda praktisch der Pädophilie aussetze – andere Stimmen als diese grotesk verzerrten Parolen sind in der Öffentlichkeit kaum zu hören.
Plötzlich gelten für den Nachbarn von nebenan die Rentnerinnen an der Kasse bei Lidl als Symbol kapitalistischer Ausbeutung, obwohl sie auch bei einheimischen Supermärkten als Billigkräfte am Ausgang sitzen. Studenten erzählen, dass sie sich während ihres Auslandssemesters unwohl gefühlt hätten wegen der vielen Migranten. Und eine Mutter beschreibt in einem Leserbrief, wie ihre kleine Tochter zu weinen anfing, als sie in Wien der schwulen Pride begegnete, »so vielen kaum bekleideten Menschen«. Tag für Tag hämmert ein übermächtiger Medienapparat die Furcht in die Köpfe der Menschen, wortgleich werden auf allen Kanälen Halbwahrheiten und Falschnachrichten über das Land verteilt.
Stück für Stück wendet sich so der ehemals bunte Flickenteppich eines Landes, dessen einzigartige Kreativität und Kultur von der Vielfalt der Völker zeugten – von Magyaren, Donauschwaben, Serben, Kroaten, Slowaken, Ruthenen, Rumänen, Ukrainern, Österreichern, Roma – Christen wie Juden –, in die Gleichförmigkeit der ungarischen Trikolore, die nun überall weht. In der Burgstadt von Budapest werden die Regierungsgebäude der Horthy-Zeit rekonstruiert, Symbol eines Machtanspruchs, der einst bis an das Mittelmeer reichte.
»Wir sprechen nicht mit dem Gegner!« Diese Parole hatte Viktor Orbán schon früh ausgegeben und damit einer vielseitigen Meinungsbildung einen Riegel vorgeschoben. Recherchen in Ungarn sind zur Detektivarbeit geworden – denn die Regierungskommunikation geht ihre eigenen Wege, Pressestellen gibt es kaum mehr, und kritische Journalisten werden nicht eingeladen oder erhalten keine Antwort. Mühsam hangle ich mich von Kontakt zu Kontakt. Wie soll man da Dinge verifizieren, wenn die eine Seite nicht mit der anderen Seite spricht? Und »die Linke« einen ähnlich demagogischen Kommunikationsstil fährt wie »die Rechte«, nur mit weniger Geld? Zumindest die Generationen, die den Kommunismus erlebt haben, müssten doch gelernt haben, was Propaganda ist und kann? Doch im Zeitalter der Social Media verschanzt man sich lieber in der eigenen Blase – glauben statt nachdenken. Die letzten Aufrechten, die noch tapfer für einen offenen Meinungsaustausch kämpfen, sind die wenigen unabhängigen Medien – nun bedroht von einer Souveränitätsbehörde mit weitreichenden Vollmachten. Sie soll gegen »ausländische Einflüsse« vorgehen und winkt mit Gefängnisstrafen.
Zum Jahresende 2024 lässt die ungarische Regierung eine Milliarde Euro verfallen. Sie hat es nicht geschafft, die »Meilensteine« der geforderten rechtsstaatlichen Reformen zu erreichen, sodass die Frist, innerhalb derer das Geld abgerufen werden kann, verstrichen ist. Früher hätte Ungarn alles auf die Beine gestellt, um ein »Reförmchen« auf den Weg zu bringen und damit zumindest einen Teil der Gelder freizubekommen. Das »Reförmchen« wäre hinterher irgendwo versickert, in einem extra geschaffenen Amt ohne echte Befugnisse. Doch nun sieht es so aus, als wolle Viktor Orbán gar nicht mehr den Schein wahren. Er tritt inzwischen ganz unverhüllt gegen die EU auf, vielleicht weil er glaubt, seine Rolle als Leitstern der Rebellen gegen die Demokratie so besser erfüllen zu können. Und als »Fixer« für Donald Trump und Elon Musk wird er vielleicht auch unter den gemäßigten Kräften Europas Partner finden, die kompromissbereit sind, weil sie Teil des »Deals« werden wollen.
Doch jenseits aller Machtspiele sind da noch die Menschen. Trotz der Propaganda, die seit 2010 mehr als vier Milliarden Euro verschlungen hat, bricht Unzufriedenheit in der Bevölkerung auf, auch bei denen, die schon längst resigniert hatten. Nun zeigt sich überdeutlich, dass ohne die EU-Gelder kaum etwas läuft im Land – das Bildungssystem schmiert ab, das Gesundheitssystem bricht zusammen, die Bahnhöfe bröckeln, Züge entgleisen, Wohnungen fehlen. Die Regierung Orbán hat ihre Eliten reich werden lassen, aber kaum etwas investiert in die »Nation«, von der sie so viel spricht. Als dann noch ein Pädophilieskandal mit Verbindungen in die Politik aufgedeckt wurde, entlarvte das die Doppelmoral einer Regierung, die ihre Diskriminierung von Homosexuellen mit »Kinderschutz« legitimierte.
Zum ersten Mal seit 15 Jahren gibt es einen Oppositionsführer, der sich nicht, wie seine Vorgänger, mit der Macht arrangiert hat, sondern einen ganz eigenen Weg geht und von Zehntausenden Menschen begleitet wird. Meinungsumfragen sagen ihm Chancen voraus, die Regierungspartei Fidesz zu überholen, aber das heißt noch lange nicht, dass er in dem manipulativen ungarischen Wahlsystem siegen kann. Das System Orbán wird alles aufbieten, um ihn einzubremsen – mit persönlicher Diffamierung, Fake news, Scheinparteien und erneuten Veränderungen des Wahlgesetzes, wie sie in der liberalen Hauptstadt Budapest bereits stattfanden. Ohne die Massen auf den Straßen, ohne einen Maidan, sagen Kenner der politischen Szene, lässt sich dieses System nicht mehr verändern. Es ist auch kein Zufall, dass die Regierung Orbán die Erinnerung an den Volksaufstand 1956 auslöschen möchte.
Europa ist zu langsam, wenn es um die Demokratie geht. Nicht in einem Artikel-7-Verfahren, das sich seit Jahren zwischen Budapest und Brüssel dahinschleppt, wird sich zeigen, ob die Grundwerte der EU in Ungarn noch irgendeine Basis haben. Auch nicht in den Urteilen des Europäischen Gerichtshofs. Darin sieht Viktor Orbán nur eine Art Beschäftigungstherapie für die EU, Zeitgewinn für sich und den weiteren Umbau seines und anderer Länder. Denn es geht längst um mehr als nur um Ungarn.
Ob die Demokratie in Europa ernsthaft bedroht ist, wird sich ganz konkret daran messen müssen, welchen Weg die Mitgliedsstaaten finden, den ungarischen demokratischen Widerstand zu stärken. Zum Beispiel hätte die Kommission das umstrittene Souveränitätsgesetz Ungarns, das dazu dient, Journalisten unter Druck zu setzen und die Meinungsfreiheit zu beschneiden, vorübergehend blockieren können, anstatt auf die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zu warten. All diejenigen, die sich gegen das System Orbán stemmen, engagierte Wissenschaftler, unabhängige Journalisten, mutige Abgeordnete, Umweltschützer und Bürgerinitiativen, brauchen die Unterstützung der europäischen Gesellschaft – ihre geschärfte Aufmerksamkeit, ihre Solidarität und die Anerkennung, dass es noch ein anderes, demokratisches Ungarn gibt. Meine ungarische Familie braucht diese Hoffnung, für ihre Kinder, die nicht emigrieren wollen, wie so viele andere.
Denn Ungarn ist immer noch ein wunderbares Land mit Menschen, die so feiern können wie kein anderes Volk, die ihre Dichter verehren wie Heilige und die ohne den Plattensee nicht leben wollen – jeden Sommer dasselbe Ritual. Es war ein wunderbares Gefühl, als der Eiserne Vorhang fiel, als man die Grenzen überqueren konnte, ohne auf ein Gewehr zu blicken. Als János und ich heiraten konnten, ohne Stunden und Tage auf den jeweiligen Botschaften für ein Visum anzustehen, von dem man nie ganz sicher sein konnte, ob es auch erteilt würde. Es war ein wunderbares Gefühl, als Europa sich weitete und der Osten sich öffnete, mit ganz neuen Welten. Als Ungarn zurückkehrte nach Europa.
Wir sollten es nicht loslassen. Aber vielleicht müssen wir das.
»Warte hier, bis ich wieder rauskomme. Sonst gehst du zur Polizei.« An der Pforte der ungarischen Botschaft in Wien hatte István sich erkundigt, ob seine Zuchthausstrafe wirklich amnestiert worden war. Immerhin sechs Jahre, wegen Fahnenflucht. Jetzt versprach die neue Ära des Glasnost, dass er zum ersten Mal wieder nach Hause fahren konnte, nach Budapest. Inzwischen, es war 1986, hatte das Land den Ruf, der liberalste Sowjetgenosse im Ostblock zu sein. Gutes Essen, gute Filme, Reiseerlaubnis, eingeschränkt, aber doch. István traute dem Braten nicht.
21 Jahre zuvor hatte er sein Heimatland verlassen. Mit einem gefälschten Pass war er nach Großbritannien geflüchtet, wo seine englische Großmutter lebte. Entnervt von wöchentlichen Hausdurchsuchungen und anderen Schikanen hatte sie die sozialistische Volksrepublik Ende der 50er-Jahre verlassen. Ihr einziger Sohn war bald nach Kriegsende an den Spätfolgen einer Verletzung gestorben, die geplante Emigration nach Kanada gelang nicht mehr. Die Männer in der Familie waren rar geworden. Der eine Großvater war früh verstorben, der andere 1945 von der sowjetischen Armee verschleppt worden. Man hat nie wieder von ihm gehört. Istváns Onkel war nach Österreich geflüchtet, als er 1956 aus dem Bergwerk befreit worden war, wo er – als Offizier der Horthy-Armee – Zwangsarbeit leisten musste. Die Platzangst verließ ihn nie mehr. Viele Familien in Ungarn können solche Geschichten erzählen, aber die wenigsten reden darüber.
Die Botschaftsangestellten blieben ungerührt. Ohne Diskussion bekam István, inzwischen Österreicher, ein Dokument, das bestätigte, dass die Straftat der Fahnenflucht aus seiner Akte gelöscht worden war. Im Austausch gab er seine Wiener Daten an. Ich hatte mir als Bundesdeutsche ein Touristen-Visum geholt. Danach verließen wir das ungarische Hoheitsgebiet hinter dem Burgtheater. Viszontlátásra – auf Wiedersehen.
Damals planten wir nur einen Ausflug nach Budapest, wo István mir zeigen wollte, wo er aufgewachsen war. Angeblich hatte sich das politische Klima verbessert, war liberaler geworden. Der Österreichische Rundfunk, wo wir beide arbeiteten, war außerdem interessiert an Kontakten zum ungarischen Fernsehen, das sich gerade dem Westen gegenüber öffnete. Das wollten wir erkunden. Im Leben hätte ich nicht daran gedacht, dass ich mich bald in Ungarn verlieben würde, in einen Kollegen und Produktionsleiter. Meine Beziehung zu János, so hieß er, war lange Zeit stumm, weil wir keine gemeinsame Sprache konnten. Und ich weiß nicht, ob es am Land lag oder an ihm – ich hatte von Anfang an das Gefühl, ich verstehe Ungarn – auch ohne Worte.
Meine erste Einreise in das sozialistische Nachbarland war noch unspektakulär, in jeder Hinsicht flach. Donaudunst lag in der Luft und dämpfte das Sonnenlicht, große runde Strohräder lagen auf den abgeernteten Stoppelfeldern. Die Kollektivierung hatte hier im Westen des Landes riesige Äcker geschaffen, die mit Technik aus der DDR bewirtschaftet wurden. »Fortschritt E514« stand auf den grün-beigen Mähdreschern, die am Feldrand auf ihren Einsatz warteten oder gerade Korn aus ihren Röhren spuckten. Dazwischen schnell wachsende Hölzer, in Reihen gepflanzt, Pappeln und Akazien für die Papierproduktion. Die spätere Autobahn war erst in Teilen fertig.
Zwischen kurzen betonierten Teilstrecken schlängelte sich die Straße durch kleine Dörfer. Hier gab es noch Straßengräben, gesäumt von grünen Wiesen und Beeten mit bunten Blumen, Obstbäume – die Anwohner schienen zu wetteifern, wer die schönste Visitenkarte vor seinem Haus angepflanzt hatte. Ganz anders als im Burgenland, dem Teil des früheren Westungarn, dessen Bevölkerung sich 1921 mehrheitlich für Österreich entschieden hatte. Dort waren im Zeichen des kapitalistischen Fortschritts die Gräben zubetoniert und die Straßen verbreitert worden. Eternit-Paneele verdeckten die ehemals bunten Fassaden. Die Störche entschieden sich mehrheitlich für den Sozialismus mit seinen bröckelnden Schornsteinen.
Was mich am meisten faszinierte, war die Sprache. Entlang des Weges standen Tafeln mit Wörtern, die so lang waren, dass es mir schwerfiel, sie vollständig zu lesen – das Auto fuhr zu schnell. Pi-henő-he-lö buchstabierte ich und brauchte vier Hinweisschilder, bis ich das geschafft hatte und nun wusste, dass es um einen Rastplatz ging. István war keine Hilfe, wenn es um die Vermittlung seiner Muttersprache ging. »Wozu braucht ma’ des, die depperte Sprach’«, zürnte er im Wiener Idiom, das doch nie den Klang des Magyarischen verloren hatte. Er weigerte sich, mir auch nur die Zahlen beizubringen. Später legte ich mir ein Lehrbuch zu, einen Schnellkurs für alle praktischen Belange von DDR-Bürgern: »Guten Tag, Herr Genosse Ingenieur! Wie war die Anreise aus Leipzig? Das hier ist unsere Konservenfabrik.«
Rund 30 Kilometer vor Budapest war die Landstraße zur Autobahn geworden. Sie führte am Ufer des Velencer Sees entlang, der durch Schilf und Rohrkolben verdeckt wurde. »Hier irgendwo stand unser Presshaus in einem Weinberg«, murmelte István, spähte durch die Windschutzscheibe und verlangsamte das Tempo. Plötzlich bremste er schroff und zog nach rechts, in eine Ausfahrt. Eine kurze Straße führte nach oben auf einen Hügel, wo hinter einer kleinen Tankstelle ein schlichtes ländliches Haus mit Reetdach stand. István sagte etwas, das ich nicht verstand, stieg aus und verschwand hinter dem Haus. Erst nach einer Weile kam er wieder. »Das ist unser Haus«, sagte er fassungslos, »hier war ich als Kind an so gut wie jedem Wochenende und in den Ferien. Da gab es natürlich keine Autobahn – man konnte direkt hinunter zum See.«
Istváns Stiefvater, den die Mutter nach dem Tod seines Vaters geheiratet hatte, hatte eine Villa am Velencer See besessen, von seinen Vorfahren gebaut in der strengen Geometrie der Neo-Renaissance. Ich hatte ein Foto davon gesehen und war beeindruckt von der palladianischen Eleganz. Die Kommunisten hatten das Gebäude enteignet und ein Pionierlager daraus gemacht. So blieb der Familie nur noch das kleine Presshaus in den Weinbergen. Und das Mausoleum der Familie, eine kleine Kapelle am Rand des Friedhofs, die sein Vater der Gemeinde für ihre Abschiede zur Verfügung gestellt hatte. István deutete auf ein Steinkreuz, das auf der anderen Seite der Autobahn durch die Akazienwipfel ragte. »Als Kind hab ich von den andern Buben Geld genommen, wenn sie die Leichen sehen wollten«, sagte er in Gedanken versunken. »Du hast vorhin Ungarisch mit mir gesprochen«, bemerkte ich vorsichtig. »Nie im Leben!« war die wütende Antwort, und ich beschloss, diese Leiche erst mal im Keller zu lassen.
In Budapest war die Zeit stehen geblieben. Die Straße, in der István groß geworden war, hieß immer noch Kökörcsin utca, kein Held des Sozialismus hatte sich die Küchenschellen-Straße angeeignet, sie war wohl zu klein und unbedeutend. Das Gebäude aus der Zwischenkriegszeit bröckelte diskret, aber das Treppenhaus war sauber und immer noch in gutem Zustand. Als Halbwaise, dessen Mutter als Schuldirektorin arbeitete, hatte István die Nachmittage bei der Nachbarfamilie verbracht. Die Tafel mit den Bewohnern am Eingang wies aus, dass sie noch immer im ersten Stock wohnte. Mobilität war eine Erfindung des Westens – wo sollte man auch hin?
Aus der Wohnung drangen verlockende Gerüche nach Sauerkraut und geräucherten Würsten, es war später Vormittag. István klingelte und nach kurzer Zeit wurde die Tür von innen geöffnet. Die ältere Dame stieß einen ungläubigen Schrei aus und umarmte István durch das noch verschlossene schmiedeeiserne Gitter vor der Tür. Sie weinte und lachte und es dauerte bestimmt fünf Minuten, bis ihre Familie es schaffte, sie zum Loslassen zu bewegen, damit auch das Gitter geöffnet werden konnte. Wir traten ein in die Vergangenheit.
Mitte der 80er-Jahre war Ungarn für ausländische Besucher ein Paradies. In dem staatlichen Volkskunstgeschäft in der Váci utca in Budapest, wo man auch Geld wechseln konnte, harrten regelmäßig zwei Schlangen vor den Schaltern aus – eine kurze, westdeutsche, und eine lange, ostdeutsche. So neben der anderen Hälfte Deutschlands stehend, blickten die DDR-Bürger meist angestrengt in die entgegengesetzte Richtung, weil sie ja mit der BRD nicht fraternisieren durften. Mir war das unangenehm zu sehen, wie ungeniert die D-Mark von den Ungarn favorisiert wurde, während die Ostdeutschen das winzige Budget, das sie ausführen durften, beim Einkaufen dreimal umdrehen mussten. Als Westdeutscher mit Forint reichlich versorgt, konnte man hingegen je nach Neigung Keramik, Kunst oder Antiquitäten erstehen, in der Großen Markthalle in Gänseleber oder russischem Kaviar schwelgen oder sich durch alle möglichen Arten von Gulasch durchprobieren, das in Ungarn pörkölt heißt (gulyás bedeutet eigentlich Rind und ist ein Eintopf mit Fleisch und Gemüse).
Die ungarische Lebensart umfing den Besucher schon während der Anreise. Zwar kam man mit stundenlanger Verspätung aus München oder Wien in Budapest an, was Abholende auf harte Proben stellte. Aber in Erwartung der Weltrevolution hatte die Zeit im sozialistischen Osten ohnehin ihre eigene Logik, was sich zum Beispiel am nachhaltigen Design zeigte. Der Schriftsteller László Krasznahorkai beschrieb voller Verzückung, wie er bei einer Reise durch die Mongolei genau so einen Ranzen auf dem Rücken der Kinder entdeckte, wie er Jahrzehnte zuvor einen besessen hatte.
Wer aber als Reisender in diesen Kosmos eintauchte, dem wurde die übliche Abweichung vom Fahrplan im Speisewagen vergoldet – mit echtem Gulasch, echten Tischdecken und echten ungarischen Kellnern, Typen wie aus einer Operette von Emmerich Kálmán. Keine Convenience-Suppen aus dem Beutel, keine H-Milch-geschäumten Cappuccini, sondern ein solider presszó kávé. Schwarz, mit Zucker. Fehlten nur noch die Geigen.
Budapest bröckelte, an den rußgeschwärzten Fassaden waren in den 80ern immer noch Einschusslöcher des 56er-Aufstandes zu sehen, und manche Balkone wurden von der Straße aus mit hässlichen Holzpfeilern gestützt, damit sie nicht herabfielen. Die Aeroflot- und Lada-Reklamen auf den Hausdächern flackerten, und im Winter standen ölige Lachen auf den Gehsteigen. Noch gab es schmutzige Industrie in der Stadt. In den engen Gassen zwischen den Ringstraßen, die auf der Pester Seite von Brücke zu Brücke führten, konnte man kaum Luft holen, wenn die Zweitakter-Trabbis über das löchrige Pflaster stotterten. Aber was für ein Leben war in der Stadt!
An den großen Ausfallstraßen standen beleuchtete kleine Marktstände, die nachts um drei frisches Gemüse anboten, die milden Spitzpaprika oder auch die runden bogyiszlói, die einem schon beim Aufschneiden die Tränen in die Augen trieben, auch Tomaten und Frühlingszwiebeln. Im Tiefparterre der Jahrhundertwende-Häuser gab es kleine »Non-Stop«-Geschäfte, wo man auch nachts von Schweineschmalz und Schnaps bis hin zu Zigaretten alles Lebensnotwendige fand. Zwar stellten die meisten Linienbusse schon um elf ihren Dienst ein, aber irgendwie organisierte sich das Leben auch ohne den öffentlichen Nahverkehr. Die Kneipen auf der Burg drehten um Mitternacht das Licht kleiner, ließen ein paar kommerzielle Damen an die Bar und verlangten ab sofort das Doppelte für dasselbe. Sozialistische Marktwirtschaft.
Fasziniert von dieser Szenerie machte ich mir damals keine Gedanken darüber, wie sehr die Wirtschaftsleistung des Landes immer weiter zurückging, die Verschuldung rasant anstieg und das reformsozialistische Modell immer brüchiger wurde. János Kádár, Staatschef seit 1956, hatte nach den Lehren des gescheiterten Aufstands der Bevölkerung darauf verzichtet, ihr Leben im Übermaß zu politisieren, und kümmerte sich fortan lieber darum, dass seine Landsleute ihr Auskommen hatten. Er führte etwas ein, das als »Gulaschkommunismus« in die Geschichte eingehen sollte und Ungarn den Ruf verschaffte, »die lustigste Baracke im Ostblock« zu sein. Häufig war es eher Galgenhumor, aber immerhin lachte man noch in Ungarn, es gab Kabarett, es wurden viele politische Witze erzählt und herausragende künstlerische Filme produziert. Péter Esterházy veröffentlichte seine »Kleine ungarische Pornografie«, die zum internationalen Kultbuch wurde. Wenn Frust sichtbar wurde, dann richtete man ihn am ehesten auf die sowjetischen Soldaten, die überall im Land die Kasernen besetzten.
Gulaschkommunismus – angeblich hat Nikita Chruschtschow diesen Begriff für Ungarn geprägt, durchaus anerkennend, denn János Kádár hatte die Abkehr vom stalinistischen Primat der Schwer- und Stahlindustrie genutzt, um das Wohlbefinden der Bevölkerung zu steigern. Sie hatte lange genug gehungert. Der Trick bestand darin, Prämien für besondere Leistung zu zahlen, also marktwirtschaftliche Anreize zu setzen, vor allem in der Landwirtschaft. So wurde auch gestattet, mit Lebensmitteln aus eigener Produktion zu handeln. Die Budapester Familien taten sich mit Nachbarn zusammen und hielten irgendwo auf dem Land ein eigenes Schwein, das, wenn es so weit war, von allen gemeinsam geschlachtet und verarbeitet wurde. Viktor Orbán zeigt sich noch heute gerne auf dem Land bei solchen privaten Schlachtfesten, die mit viel Schnaps und dem Essen der robusteren Teile des Schweins einhergehen. Die feineren werden gepökelt oder zu Wurst verarbeitet.
Budapest in den 80ern war voller wundersamer Dinge. Sowjetischen Büroklammern. Polnischen Märkten. Rumänischen Möbeln. Schallplatten mit türkisch-ungarischer Renaissancemusik. »Winter«-Salami. In der Großen Markthalle in Budapest war die Luft schwer vom Duft geräucherter Schweinefleisch-Lenden und riesiger Rinderzungen. Die Gänselebern stapelten sich. Hinter einem Fenster lagen sozialistische rote Nelken aus Marzipan, handgemacht.
Gut zu essen spielt eine wichtige Rolle in Ungarn, die Treue zur Tradition erinnert sehr an Italien. Man experimentiert wenig und pflegt die klassischen Rezepte – Paprikahuhn, Karpfen- oder Welsgulasch, Hortobágyer Palatschinken oder die Vielzahl raffinierter Suppen, ohne die keine ungarische Mahlzeit auskommt. Knöcherlsulz im Winter und Osterschinken im Frühjahr, selbst gemachte Salzgurken im Sommer und Wild im Herbst. Ungarn war kulinarisch das Paradies des Ostblocks – nicht zu vergleichen mit der DDR, wo »Schnitzel Hawaii« als Inbegriff des sozialistischen Fortschritts galt, oder der Sowjetunion, wo die Verkäuferinnen die gefrorenen Hühnerteile mit dem Pickel von einem Eisblock metzeln mussten. Außerdem gab es kleine private Boutiquen, wo man selbst entworfene Kleidung kaufen konnte oder Jeans, die aus der Türkei importiert wurden.
»In den 80er-Jahren«, schreibt deshalb das Archiv Bürgerbewegung Leipzig, »werden Budapest und der Balaton für den gesamten Ostblock zum bunten Schaufenster.« Noch heute schwärmen ehemalige DDR-Bürger von der gelösten Stimmung am Plattensee, auf den Zeltplätzen oder im Ferienheim eines sozialistischen Partnerbetriebs. Umgekehrt wurden in Ostberlin im Haus Ungarn an der Karl-Liebknecht-Straße ungarische Filme gezeigt, für die Zuschauer Tag und Nacht Schlange standen, denn solche Inhalte zu thematisieren wäre in der DDR unmöglich gewesen. Neidisch mussten die Ostdeutschen auch registrieren, dass die Ungarn reisen durften – alle drei Jahre ganz privat, dazwischen in einer organisierten Gruppe oder auf Einladung aus dem Ausland. Aber immerhin. Ungarn schien ein Paradies zu sein und keiner dachte darüber nach, dass das Land eigentlich pleite war.
Die entschärfte Politik von János Kádár nach dem gescheiterten Aufstand von 1956 führte im Vorfeld der Wende zu einem latenten Pluralismus. Andersdenkende bekamen einen begrenzten Spielraum und die Partei leistete sich eine Art Reformflügel. Dass Ungarn eine im osteuropäischen Vergleich elaborierte Rechtsordnung hatte, an die sich anknüpfen ließ, sollte 1989 den Übergang in die Demokratie erleichtern. Das galt auch für die schrittweise Öffnung gegenüber dem Westen, schließlich gab es bereits gute wirtschaftliche Kontakte.
Die Fidesz-Regierung von Viktor Orbán sieht darin einen Beweis, dass die ungarischen Sozialisten schon immer die Verbündeten »globalistischer« Konzerne waren und damit Feinde der Nation. Es stimmt, dass andere Reformstaaten wie Polen oder die Tschechoslowakei mit mehr Nachdruck die heimische Wirtschaft zu schützen bemüht waren. Richtig ist auch, dass der »Systemwechsel« in Ungarn von den linken Parteieliten ausging. Druck entstand dabei nicht zuletzt durch die Ostdeutschen, deren Unzufriedenheit über die Grenzen hinauswirkte. Die ungarische Bevölkerung, enttäuscht von 1956 und entpolitisiert durch Kádárs Konzessionen, murrte zwar, aber sie spielte keine zentrale Rolle bei der Wende. Diese latente Passivität und die Sehnsucht nach einer starken Person, die die Nation führt, prägen das Land bis heute.
In dieser Zeit begann Viktor Orbán nach seinem Militärdienst 1982 sein Jura-Studium in Budapest und arbeitete danach zwei Jahre für das sozialistische Landwirtschaftsministerium. 1988 erhielt er von der Soros-Stiftung ein Stipendium für ein Auslandsjahr in Oxford. Als sich die Wende abzeichnete, brach er das ab und kehrte nach Budapest zurück, um dort Politik zu machen.
Das Bild ging um die Welt: zwei strahlende Außenminister hinter Stacheldraht. Am 27. Juni 1989 trafen sich der Österreicher Alois Mock und der Ungar Gyula Horn in der Nähe von Sopron und durchschnitten den Grenzzaun zwischen ihren Ländern: Ungarn hatte als erstes Land des »Ostblocks« den verhassten Eisernen Vorhang zerrissen!
Diese Szene würde »Europa verändern«, wollte der Österreichische Rundfunk damals wissen, doch wie so viele ikonische Bilder der Weltgeschichte war auch dieses gestellt: Nicht nur musste der eher schmächtige ungarische Außenminister dreimal mit der Beißzange ansetzen, um seinen eigenen Stacheldrahtzaun zu Fall zu bringen. Auch hatte der Abbau der Grenzanlage schon acht Wochen zuvor begonnen, sodass dieser Abschnitt für den Fototermin erneut aufgebaut werden musste.
Und schließlich: Der Grund für die Öffnung der Grenze war weniger, ein heroisches Zeichen zu setzen, sondern schlicht Altersschwäche: Die 30 Jahre alte Signalanlage Typ SZ-100, die der über 200 Kilometer langen Grenze vorgelagert war, löste bis zu 4000 Fehlmeldungen im Jahr aus, wenn sich Fuchs oder Hase der Demarkationslinie näherten. Und da die ungarischen Bürger längst reisen durften, beschränkten sich die echten illegalen Grenzübergänge auf Ausländer: DDR-Deutsche zum Beispiel, die dann mit viel Bürokratie in ihr Land überführt werden mussten. Unter den rumänischen Flüchtlingen waren wiederum auch ethnische Ungarn, die man nicht wieder zu ihrem ungeliebten Ducator Ceauşescu zurückschicken wollte – ein weiteres Dilemma. Die Ungarn hatten also viel Ärger und wenig Nutzen – und jedenfalls kein Geld, um SZ-100 komplett zu überholen oder gar zu ersetzen.
Ministerpräsident Miklós Németh, ein erst 40-jähriger Reformkommunist, beschloss deshalb gegen die orthodoxe Mehrheit seiner Partei, die Grenzsperren einfach abzubauen, und hatte sich dafür bei einem Moskau-Besuch das Okay von Gorbatschow geholt. Daraufhin wagte auch in der MSZP niemand mehr, ihm zu widersprechen.
Das alles war an mir weitgehend vorbeigegangen, als ich im Sommer 1989 mit meiner Freundin Barbara Urlaub in der Puszta machte – schließlich gehörte Ungarn immer noch zur anderen, visumspflichtigen Seite Europas, die Mauer war noch nicht gefallen und überhaupt war daran, selbst so kurz vor den historischen Ereignissen, nicht zu denken – etwas, das man sich im Nachhinein gar nicht mehr vorstellen kann.
Olgi, unsere Freundin und Gastgeberin, kannte ich von Filmarbeiten. Sie hatte unser Team beherbergt auf ihrer tanya, einem der typischen Einzelgehöfte im Kiskunsági-Nationalpark, 80 Kilometer südöstlich von Budapest. Der Boden hier war karg, das Land war Puszta, eine weite Brache, die höchstens von Weidevieh genutzt wurde. Nachdem die industrielle Landwirtschaft grandios gescheitert war, weil sich die Natur nicht an die Fünfjahrespläne hielt, hatte die sozialistische Regierung die unproduktiven Flächen als Teil eines Nationalparks ausgewiesen – mit seltenen Trockenrasenböden, einzigartigen Vogelarten wie Blauracken oder Großtrappen, Wanderdünen und Salzseen, die über undurchlässigen Lössschichten im Boden langsam verdunsteten.
Auf der tanya waren bereits andere Gäste. Karl oder Kali, wie ihn Olgi nannte, hatte sich als junger Mann in Ostberlin unter der Mauer durchgegraben und war in den Westen getürmt, wo er, ursprünglich Lastwagenfahrer, mit viel Fleiß und Arbeit eine Existenz als selbstständiger Versicherungsagent aufbaute. Jetzt ging es dem Mittfünfziger wirtschaftlich gut. Regelmäßig reiste er nach Ungarn, um hier seine DDR-Familie zu treffen, seine Nichte und ihren Mann sowie deren Sohn Maik, inzwischen fünf. Und häufig trafen sie sich, fernab vom Tourismus, auf dieser tanya.
Das alles wussten wir nur von Olgi, denn die ost-west-deutsche Familie hielt sich mehr als bedeckt. Sie sprach leise beim Frühstück, verließ panisch den Raum, wenn wir auch nur »Hallo« sagten, und verschwand danach meistens mit Kalis VW-Bus. Abends kehrten alle zurück und wirkten kein bisschen entspannter als zuvor, sondern verzogen sich in eine entlegene Ecke des Grundstücks. Ich kannte die Sorge, bespitzelt zu werden, von meiner eigenen DDR-Verwandtschaft, aber wir waren allein hier, mitten in der ungarischen Pampa – die Vorstellung, dass es die Stasi ausgerechnet hierher verschlagen würde, war schon ziemlich absurd.
Eines Abends, als Olgi uns alle zum Speckbraten rund um ein Feuer eingeladen hatte, platzte die Bombe. »Scheiß Deutschland!«, sagte Kali mit Nachdruck, stocherte mit seinem Spieß im Feuer und begann zu reden. Endlich. Drei Jahre lang hatten seine Verwandten geplant, aus der DDR zu fliehen, Stück für Stück einzelne Möbelstücke und Bilder verkauft, wichtige Dokumente und Schmuck über Mittelsleute aus dem Land gebracht. Drei Jahre Anspannung, immer in Angst, entdeckt zu werden, selbst der eigene kleine Sohn war ein Risiko. Für diesen Sommer hatten sie die endgültige Flucht geplant, von Ungarn aus über Jugoslawien und versteckt in Kalis westdeutschem VW-Bus.
Dann aber hatte Kali ganz aktuell von einem Kontakt gehört, dass man seinen ostdeutschen Pass in der westdeutschen Botschaft in Budapest abgeben könne und eine Woche später einen nagelneuen BRD-Pass zurückerhalte – samt gültigem Einreisestempel der Ungarn –, was notwendig war, um auch eine legale Ausreise zu ermöglichen. Die stillschweigende Kooperation der ungarischen mit den (west)deutschen Behörden verlief ohne jede Dokumentation und Papierkram, um unter dem Radar zu bleiben. Also hatte Kali die Pässe seiner Verwandten nach Budapest in die Botschaft getragen, hatte dort mit vielsagendem Schweigen lediglich einen Zettel mit einer Nummer erhalten und die Anweisung, in fünf Tagen zurückzukommen.
Beim nächsten Besuch aber schüttelte der Botschaftsmitarbeiter den Kopf, gab ihm die DDR-Pässe zurück und sagte nebulös, es müsse sich um ein Missverständnis handeln. Erich Honecker, stellte sich später heraus, hatte von der Praxis Wind bekommen und sich offiziell bei Ungarn und der Bundesrepublik beschwert.
Nun war das Problem, dass die DDR-Visa bereits abgelaufen waren und ein Ausreiseversuch über Jugoslawien nicht geklappt hatte. Die Ossis saßen fest. Der Grenzschutz war überall verstärkt worden, weil sich in den Botschaften in Prag, aber auch in Budapest immer mehr DDR-Bürger sammelten, die verzweifelt auf eine Möglichkeit zur Ausreise warteten. Der kleine Maik, der nicht verstand, warum alle so traurig waren, fing an zu weinen. »Komm«, sagte seine Mutter, »wir singen zusammen das Lied vom kleinen Trompeter.« Also saßen wir da am Feuer, unter dem riesigen Sternenhimmel der Tiefebene, ratlos, während die Familie traurig das Lied sang, das sich Honecker angeblich für seine Beerdigung gewünscht hatte. Als Maik endlich im Bett war, setzte sich seine Mutter wieder ans Feuer und sagte resigniert und mit dem typisch ostdeutschen Pragmatismus: »Jetzt müssen wir ihn doch für einen Wartburg anmelden, damit er bis zum Führerschein einen hat.«
Aber dazu kam es nicht mehr. Ein paar Tage später kam ein Kollege vom Ungarischen Fernsehen zu Besuch, dessen Großmutter, wie sich herausstellte, im Wald an der österreichischen Grenze lebte. Sie führte die Familie zu Fuß über die grüne Grenze in die Freiheit. Kurz danach sollte ganz in der Nähe auch das grenzüberschreitende Paneuropäische Picknick stattfinden, zu dem das Ungarische Demokratische Forum und Otto von Habsburg eingeladen hatten. 700 Menschen nutzten diese kurzzeitige Grenzöffnung zur Flucht. Der Druck auf die Politik wuchs.
Am 25. August fand zwischen Miklós Németh und Helmut Kohl ein geheimes Treffen auf Schloss Gymnich bei Köln statt. Sie verabredeten, dass Ungarn die DDR-Flüchtlinge auf seinem Staatsgebiet nicht in ihre Heimat zurückschicken würde. Bis Mitte September sollten sie das Land verlassen dürfen. Gleichzeitig sagte Deutschland den Ungarn einen Kredit über 500 Millionen D-Mark zu. Das Gerücht über die Absprache machte schnell die Runde, und Wartburg-Kolonnen setzten sich in Richtung Westen in Bewegung. 50.000 Menschen gelang nach Schätzungen in diesem Sommer die Flucht über Ungarn, der Anfang von dem, was im Mauerfall endete.
Zu dem »Deal« gehörte auch, dass die Bundesregierung versprach, den Ungarn zum Beitritt zur Europäischen Union zu verhelfen. 2004 war es so weit.
Das Plakat war riesig. Es schrie von den Wänden der Stadt. Zwei alte Männer küssten einander. Mitten in Budapest. Sie pressten ihre Münder aufeinander, die Lippen leicht geöffnet, die Köpfe zueinander verschoben, damit die Brille des einen der Innigkeit des anderen keinen Abbruch tun konnte. Die Darstellung hatte etwas Obszönes, jenseits der Tatsache, dass da ein intimer Akt zwischen zwei Männern gezeigt wurde. Sie war so aufdringlich wie ein Exhibitionist auf einem Bahnhofsklo – und ein kompletter Bruch mit der sozialistischen Helden-Ästhetik.
Tessék választani! – »Wählen Sie!«, stand unter dem riesenhaften Bild des Bruderkusses zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker, denn darunter war die Demokratie abgebildet, ein junges Paar auf einer Bank sitzend und in einem zärtlichen Kuss verfangen. Es war 1990 und das Plakat eine spektakuläre Werbung für den Bund der Jungdemokraten (Fiatal Demokraták Szövetsége), die Fidesz-Partei.
Zwei Jahre zuvor, 1988, hatten 37 junge Studenten und Akademiker den Fidesz gegründet (»keiner über 35!«) – eine Provokation, denn eigentlich konnte es keine politische Vertretung neben dem Kommunistischen Jugendverband geben. Doch die Macht der Sozialistischen Arbeiterpartei war brüchig geworden, János Kádár, krank und, wie man flüsterte, dement, wurde auf einen Ehrenposten abgeschoben. Nach einem kurzen Intermezzo übernahm der Reformer Miklós Németh den Vorsitz der Partei, die sich von ihrer Führungsrolle in Staat und Gesellschaft verabschiedete. Neue Gruppierungen gründeten sich, die mit den Sozialisten gemeinsam einen runden Tisch bildeten und den Übergang in die parlamentarische Demokratie planten. Immer dabei: Viktor Orbán.
Dann veränderte sich die Welt Schlag auf Schlag: Im Mai 1989 begann Ungarn mit dem Abbau der Grenzanlagen zu Österreich, und am 16. Juni fand auf dem Heldenplatz in Budapest eine Gedenkfeier für Imre Nagy statt. Der nach dem Aufstand der Ungarn 1956 hingerichtete Ministerpräsident galt nun als Nationalheld und sollte aus einem Massengrab exhumiert und feierlich beigesetzt werden. Viktor Orbán, damals gerade mal 26, mit wilden Locken und einem Dreitagebart, hielt dort eine kühne Rede – und zwar eine ganz andere, als er vorher bei den Veranstaltern angemeldet hatte. Denn er wollte nicht nur schöne Worte über die Vergangenheit verlieren, sondern die Gegenwart verändern. Orbán verglich seine Generation mit den Freiheitskämpfern von 1848 und forderte – gegen jedes Protokoll – den Abzug der Sowjets, von denen immer noch 55.000 Soldaten im Land waren. Das hatte noch niemand gewagt. Eine ganze Nation hielt die Luft an.
Das war der erste Tabubruch von Viktor Orbán, und mit ihm ging er in die ungarische Geschichte ein. Denn die Rede war ein unüberhörbares Signal, und Orbán hatte mit untrügerischem Instinkt den genau richtigen Zeitpunkt gewählt. Ungarn wurde zum ersten Land des Warschauer Paktes, das frei von sowjetischen Truppen sein sollte, schon ein Jahr später.
Doch 2015, als Wladimir Putin Budapest besuchte und ein Jahr nach der Annexion der Krim, hatte sich der Wind schon wieder gedreht. Neben den Gräbern der sowjetischen Gefallenen des Zweiten Weltkriegs wurde auf dem Fiumer Friedhof ein schwarzer Obelisk aufgestellt. Er war denjenigen Sowjets gewidmet, die bei der Niederschlagung des 56er-Aufstandes ums Leben gekommen waren. Nach der Wende war das Heldendenkmal diskret in irgendeinen Schuppen entsorgt worden. Doch nun, als der russische Präsident persönlich Kränze niederlegen wollte, sollte nichts sein Auge beleidigen. Also wurde sogar die Inschrift frisch vergoldet: »Ewige Dankbarkeit und Ehre den sowjetischen Helden, die während des konterrevolutionären Aufstandes 1956 ihr Leben für die Freiheit opferten.«
Jeder, der den Aufstand in Budapest erlebt hat, wird ihn nie vergessen – die sowjetischen Panzer auf den Donaubrücken, die Phosphorgranaten, mit denen Häuser in Brand geschossen wurden, aber auch die Barrikaden, den Bürgerkrieg zwischen den Aufständischen und der ungarischen Staatssicherheit. Mein späterer Mann János war elf, als der Ungarnaufstand ausbrach, und die Familie wohnte in Zugló, einem Außenbezirk mit vielen kleinen Häusern und Gärten. Mit seinem besten Freund hatte er die Ladefläche eines Lasters geentert, weil sie beide in der Innenstadt sehen wollten, wie Revolution aussah. Als sie glücklich wieder zu Hause waren, bekam er eine Ohrfeige von seinem Vater, weil sich die Eltern solche Sorgen gemacht hatten. Dass er gesehen hatte, wie Menschen kopfüber aus dem Fenster gestürzt wurden, hat er ihnen nie verraten.
Die politische Wende hatte es ermöglicht, dass János und ich zwischen Wien und Budapest pendeln konnten – ein Besuchervisum zu bekommen war mühsam, aber möglich. Um das zu vereinfachen, planten wir zu heiraten. Aber der »Systemwechsel«, wie das auf Ungarisch hieß, war mit neuen Schwierigkeiten verbunden. Der Wohnungsmarkt war im Umbruch: Staatliche Zuteilungen gab es kaum mehr, freie Angebote fehlten. János hatte seine Familie und die gemeinsame Wohnung verlassen und stand nun auf der Straße. Er lebte von Sofa zu Sofa bei Freunden.
»Eine Jugendstilvilla«, sagte er eines Abends am Telefon, als er nach mühsamer Suche eine Unterkunft gefunden hatte. »Toll!« – ich war begeistert! »Na ja«, war die zögerliche Antwort, »du musst es dir ansehen, es ist eigentlich hinter der Villa.« In Hüvösvölgy, einem grünen Stadtteil im Westen von Budapest, standen verfallene Villen in verwilderten Gärten. Die Straße mündete in einen Waldweg, der zwischen Felsen den Hang hinaufkletterte. Hier begann ein Naturschutzgebiet. Die kleine Wohnung, stellte sich heraus, war ein Notquartier, das jemand – wirklich hinter der Villa – in Zwischenkriegszeiten zwischen zwei Felsen errichtet hatte. Ein dunkler Schlauch mit einem Zimmer, einer improvisierten Küche im Gang und einem winzigen Bad ganz am Ende – man fühlte sich ein wenig wie im Luftschutzbunker. Tádé, ein dicklicher Schäferhundmischling mit viel zu kurzen Beinen und einem Fell, das aussah wie ein von Motten zerfressener Persianer, verließ die Nachbarin und wohnte von nun an auf unserer Türmatte.
Es war ein Paradies im Vergleich zu der Plattenbau-Wohnung, die eine erste Rettung gewesen war, als János seine Familie und damit auch sein Heim verließ. Im Sozialismus hatte man nur dann eine Chance auf eine Wohnung, wenn man heiratete und eine Familie gründete. Einzelwesen mussten irgendwo eine Untermiete ergattern. Aber eine Kollegin vom Fernsehen war auf unergründlichen Wegen zu zwei Zimmern in einem Plattenbau in Budaörs gekommen, die sie unter der Hand weitervermietete. Es war unglaublich deprimierend und trotzdem fast unbezahlbar. Ein Zimmer war voller Gerümpel und unbewohnbar. Im anderen stand ein Bett mit einem gebrochenen Rahmen, die Sprungfedern waren verbogen und teilweise zerbrochen. Ein Couchtisch, ein Sessel, ein riesiger russischer Heizkörper. Senffarbene Gardinen. Aus dem Fenster blickte man auf eine staubige, felsige Brache und dahinter die Autobahn. In der Küche musste man das Weißbrot in feuchte Tücher einwickeln, damit es am Abend noch weich war, so trocken war die Raumluft. Im fensterlosen Bad fielen die Kacheln von den betonierten Wänden. Ich dachte beim Duschen: Das halte ich nicht aus! Diese Heirat ist ein Fehler. Wie soll das werden?
Das einzig »Menschliche« in dieser tristen Umgebung war ein totes Zebra, besser gesagt dessen Fell, das die Besitzer aus der sozialistischen Brudernation Tansania importiert hatten. Da János und ich einander kaum in die Augen zu schauen wagten, um uns unsere Mutlosigkeit nicht zu zeigen, konzentrierten wir uns auf unseren gestreiften Mitbewohner und erfanden Geschichten, wie er das Leben meisterte, als Kellner oder als Straßenbahnfahrer. Die Fantasien halfen gleichzeitig, die Sprachprobleme zu überwinden – existenzielle Debatten hätten wir in diesem Stadium gar nicht führen können. Das Zebra bekam also immer schrägere Identitäten, es wurde zu einer anarchischen Existenz im Großstadtdschungel von Budapest – vor allem, als wir irgendwann herausfanden, dass das Zebra in meinen Geschichten selbstverständlich männlich war, in János’ Schilderungen aber weiblich! Da war das Verwirrspiel komplett – die ungarische Sprache kennt kein Geschlecht!
Eines Tages jedenfalls hatte die Kraft des magischen Zebras János zu seiner neuen Wohnung geführt, hinter der Jugendstilvilla. Der Garten war übersät mit widerspenstigen Rosenranken und kaum betretbar. Aber an einer Stelle war die Wurzel eines alten Baums ausgegraben worden und die Erde war durchlüftet und weich. In dem Krater legten wir ein kleines Beet an mit Tomaten, Knoblauch, Paprika und Gartenkräutern. Wir fühlten uns wie Landbesitzer. Wenn János abends nach Hause kam, stellte er seinen Lada so ab, dass das Scheinwerferlicht auf den »Garten« fiel, und wässerte die Pflanzen. Tagsüber sammelte ich die zarten Brennnesseltriebe für Spinat. Die Nachbarn beobachteten uns und waren irritiert. »Bei uns ist das Unkraut!«, sagte die aus der Villa vor uns. »Und bei uns im Westen gibt es das für viel Geld im Delikatessladen«, trumpfte ich auf. Zeitenwende.
»Die EU-Kommission hat es nicht verstanden. Oder es fehlte der Wille …« Tamás Bauer ist ein älterer Herr mit viel Melancholie um ihn herum. Er sitzt im traditionsreichen Café Gerbeaud in der Budapester Innenstadt und löffelt nachdenklich Kastanienpüree mit Schlagsahne. »Ich war stolz auf das, was Ungarn wirtschaftlich geschafft hatte, als ich in den 70er-Jahren an der Akademie der Wissenschaften zu forschen begann. Ungarn war das fortgeschrittenste Land in Osteuropa, mit Elementen der wirtschaftlichen Eigenverantwortung, einer teilweisen Gewinnorientierung, einem milden Sozialismus. Ich war stolz und ich hätte mir im Leben nicht vorstellen können, dass daraus eine Diktatur wird …«
Der Ökonom scheut sich nicht, das Wort Diktatur in den Mund zu nehmen, um das in vielen europäischen Ländern gerne ein kleiner Bogen gemacht wird. Mit einer Ausnahme: Der frühere EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hatte den ungarischen Ministerpräsidenten schon 2015 mit einer angedeuteten Ohrfeige und als »Diktator« begrüßt. Doch seine geschmacklose Vertrautheit blieb folgenlos.
Bauer ist natürlich auch – würde ein Fidesz-Anhänger sagen – im anderen Lager, in der Opposition, ellenzék, die im Ungarischen verdächtig nah an ellenség steht – dem Feind. Er ist Sohn zweier kommunistischer (und, wie so häufig, jüdischer) Eltern, sein Vater war ein berüchtigter Verhöroffizier der Geheimpolizei, und er selbst trat bereits mit 20 der Sozialistischen Partei bei. Aber im Gegensatz zu seinen regimetreuen Eltern blieb er ein Leben lang unbequem, flog bald aus der Partei, weil er gegen die Verschärfung der Abtreibung eintrat, wurde Oppositioneller und Autor verbotener Untergrundtexte. 1988 war er einer der Gründer und späterer Abgeordneter der reformsozialistischen Freidemokraten (SZDSZ), die irgendwann wieder untergingen. Transformation ist in jeder Hinsicht sein Thema.
Ungarn hatte, auch darauf ist er stolz, schon seit den 60er-Jahren einen stärker marktorientierten Sozialismus entwickelt, mit stabilen Beziehungen zum Westen. Durch seine Konzessionen an die kleinbäuerliche »Hofwirtschaft« erreichte das System Kádár nach dem Aufstand von 1956 zudem einen Grad an Versorgungssicherheit, der den anderer Ostblockstaaten übertraf. Selbst Gorbatschow soll davon gelernt haben. Als die Wende kam, hatte man also einen gewissen Erfahrungsvorsprung, aber auch hohe Staatsschulden. Gesucht wurden »richtige« Unternehmer, die investierten, auch wenn sie aus dem Ausland kamen. Das schien den Reformsozialisten in jedem Fall besser als die Politik der Tschechoslowakei, die staatliche Unternehmen über Coupons an die Bevölkerung verteilte, oder Polen, das damit experimentierte, die Staatsbetriebe an ihre Belegschaft zu übergeben. Ungarn stand in null Komma nichts zum Verkauf.
In Budapest erlebte ich den atemlosen Wandel im Zeitraffer. Plötzlich schrie von jeder Ecke eine Marlboro-Reklame, das leuchtende Rot war die erste Farbe an den von Abgasen geschwärzten Fassaden. In der Innenstadt hatte McDonald’s eröffnet, das erste in Osteuropa, eine Sensation. Von den Dächern verschwanden Stück für Stück die sozialistischen Leuchtreklamen und wurden durch westliche Markennamen ersetzt. Die Stadt war plötzlich heller, positiver gestimmt. Die ersten privaten Hotels und Pensionen machten auf, vorsichtige Annäherung an einen Dienstleistungssektor, wo man doch bisher froh sein konnte, wenn man irgendwann an die Reihe kam. Die Konsum-Kette ABC hatte, eindeutiges Wendezeichen, ihre Buchstaben vertauscht und hieß nun CBA – innen war alles wie immer. Friseurläden boten ihre Dienste durch barbusige Friseusen, an und plötzlich wurden auf bestimmten Straßen auch Prostituierte gesichtet, häufig junge Roma-Frauen. Es gab so gut wie nichts, was man in dieser Zeit in Ungarn nicht hätte kaufen konnte, inklusive menschlicher Eizellen und Sex-Toys aus Schokolade, der letzte Schrei auf dem neuen Markt der Möglichkeiten.
Die ersten Jahre nach 1989 waren was für Hasardeure. Alles ließ sich plötzlich zu Geld machen. Eine der schillerndsten Karrieren machte ein bauernschlauer Hirte aus dem Tiefland, József Stadler, ein ungarischer Schwejk. Er kaufte und verkaufte die Restposten des Sozialismus – leere Bierflaschen, die bald mehr Pfand bringen würden, Chemikalienschutzausrüstungen, für die es keine Industrie mehr gab, Überschüsse an Alteisen, Lederwaren, Konserven oder Getränken. In einer russischen Druckerei ließ er kyrillische Etiketten herstellen und exportierte ungarischen Schaumwein als »Krimsekt« in die GUS-Staaten, die Ukraine und nach Rumänien. Ein sicheres Gespür für den richtigen Zeitpunkt und ein Auge für Gesetzeslücken machte ihn in wenigen Jahren zum Millionär: Bald nach der Wende hatte seine Import-Export-Firma die größte private Transportflotte des Landes.
Stadler hatte mit kleinen Summen seinen Reichtum begonnen, aber gedacht hat er immer groß: Das Fußballstadion, das er inmitten der tiefsten Provinz für »seine« Mannschaft bauen ließ, hatte rund 10.000 Plätze und damit mehr als doppelt so viele wie die Arena, die später Viktor Orbán in seinem Heimatdorf Felcsút errichten ließ. Die Megalomanie seiner Chuzpe sollte ihm aber doch zum Verhängnis werden: als Stadler nämlich angab, das »Letzte Abendmahl« von Leonardo da Vinci gekauft zu haben, und dafür und für andere Ölgemälde auch noch vom ungarischen Staat umgerechnet über zwei Millionen DM an Mehrwertsteuer erstattet haben wollte. Die waren ihm zunächst sogar bewilligt worden. Doch bei einer Kontrolle wollte ein ausgeschlafener (oder vielleicht auch unbestechlicher) Beamter sich nicht für dumm verkaufen lassen. Stadlers Geschäfte gerieten ins Visier der Fahnder, und nach vielem Hin und Her und verschiedenen Strafprozessen musste er für mehrere Jahre in Haft. Er starb kurz nach seiner Freilassung, tief verschuldet, aber von der Boulevardpresse gefeiert als Held der kleinen Leute.
Bald aber hatten sich die Zeiten geändert und größere Player waren am Start. Der Staat verlor rasant an wirtschaftlichem Einfluss: In gerade mal zehn Jahren fiel sein Anteil am Bruttosozialprodukt von 80 auf 30 Prozent. Ungarn war in Osteuropa das Land mit den höchsten ausländischen Direktinvestitionen pro Kopf. Der japanische Autohersteller Suzuki eröffnete ein Werk in Esztergom. Audi und Mercedes folgten, der Eishersteller Schöller, Tengelmann und westliche Medienkonzerne wie Bertelsmann, Ringier und die WAZ-Gruppe.
