Wir wollten niemals auseinandergehen - Lucinde Hutzenlaub - E-Book

Wir wollten niemals auseinandergehen E-Book

Lucinde Hutzenlaub

4,7
8,99 €

Beschreibung

Als sich die Freundinnen Anja, Lucinde und Mara nach viel zu langer Zeit endlich wiedertreffen, stellen sie entsetzt fest: Früher waren sie dick befreundet, jetzt sind sie dick und befreundet. Dabei hatten sie sich einst geschworen, niemals auseinanderzugehen - und zwar in jeder Hinsicht. Beseelt von Wein und Wiedersehensfreude buchen die drei eine gemeinsame Reise und beschließen: vorher wird abgespeckt. Von den neusten Promidiäten über spirituelle Methoden bis zu Stoffwechselkuren probieren sie alles aus, wobei sie etliche Kilos, nie aber den Humor verlieren.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 357




Inhalt

TitelImpressumLiebe Leserinnen und Leser!Wie alles begann – In jeder Hinsicht auseinandergegangenSpeckbrief LucindeSpeckbrief AnjaSpeckbrief MaraEs gibt nur zwei Dinge, die man falsch machen kann – Aufhören oder gar nicht erst anfangenSpieglein, Spieglein an der Wand – Wer ist bald die Dickste im ganzen Land?Aller Umfang ist schwer – Benjamin Blümchen im Barbie-KostümIn Diät-Stimmung kommen wie ein Star – Vier Tage Wellness mit drei Generationen und zwei HundenBauchberatung – Wie man sich füttert, so wiegt manDie hCG-Diät – Glaube daran, dass alles möglich ist, solange du nicht das Gegenteil erfahren hastDetoxing – Wenn der Postmann alle zwei Tage klingeltWer schläft, hungert nicht – Schlank im SchlafMaster Cleanse – Was hat Beyoncé, was ich nicht habe?Und noch einmal hCG – Nicht das Anfangen wird belohnt, sondern einzig das DurchhaltenWie alles weiterging …Dumm wie … Diät – Wissen ist schwere KostDie OMG-Diät – Etwas tun, was man noch nie getan hatDie ultimative New-York-Diät – Schmerz, lass nach …Psychodiäten – Was nützt ein Schnitzel in Gedanken?Die Dukan-Diät – Abnehmen wie Gott in FrankreichShred – Ich will! Ich kann! Ich werde!Vegan for fit – Untierisch viel Genuss für die schlanke LinieHypnose – Aus Bernhardinern macht man keine Windhunde Weight Watchers – Wir können alles essen, es muss ja nicht alles auf einmal seinDer Promi-Diät-Schnelltest – Zwölf Methoden in zwölf TagenUnd endlich …

Mara Andeck, Lucinde Hutzenlaub, Anja Koeseling

WIR WOLLTEN NIEMALS AUSEINANDERGEHEN

Drei Freundinnen, 26 Diäten und eine große Reise

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Regina Carstensen

Titelillustration: © www.buerosued.de

Umschlaggestaltung: Bürosüd, München

E-Book-Produktion: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-732-51396-3

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Liebe Leserinnen und Leser!

Willkommen in der Welt von Mara, Anja und Lucinde. In unserem Alltag. In unserer Gedankenwelt. Und in unseren Träumen von einem schöneren, besseren und vor allem schlankeren Leben.

Jetzt runzeln Sie vielleicht die Stirn und denken: Glaubt ihr drei im Ernst, euer Leben würde sich durch ein paar Kilo mehr oder weniger verändern oder gar verbessern?

Nein. Glauben wir natürlich nicht. Einerseits.

Andererseits steckt dieser Gedanke aber doch hartnäckig irgendwo in unseren Köpfen drin.

Wir drei sind schon lange befreundet und stehen mit der uns angeborenen Anmut und Pracht im goldenen Sommer unseres Lebens. Das ist nicht kitschig. Das ist eine schöne Umschreibung von: Wir sind nicht mehr fünfundzwanzig, aber trotzdem super! Ob wir nun zehn Kilo mehr oder weniger auf den Hüften haben, ist völlig schnurz, das wissen wir. Innendrin sind wir immer die Gleichen. Wir sind bezaubernd, klug, warmherzig, verführerisch, fröhlich – ach, unendlich könnten wir diese Liste fortsetzen, zumindest jede von uns für die jeweils anderen. Und selbstverständlich gilt diese Aufzählung nicht nur für uns, sondern für alle Frauen – egal ob sie nun fünfzig oder hundertfünfzig Kilo wiegen!

Trotzdem suchen wir in diesem Buch die Antwort auf ein paar Fragen: Werden wir es schaffen – jede auf ihre Weise –, das angepeilte Wunschgewicht zu erreichen? Wenn ja, werden wir davon schön, beliebt, reich, berühmt und sexy?

Und wenn nicht, können wir dann wenigstens diesen miesen kleinen Terrorgedanken löschen, dass wir nicht schön genug sind? Apropos: schön genug wofür oder für wen eigentlich?

Wie viel wir am Ende tatsächlich abgenommen haben (und ob überhaupt), was wir dabei über uns und das Leben gelernt haben, werden Sie erfahren. Aber noch nicht jetzt. Jetzt erfahren Sie erst einmal alles, was Sie über Risiken und Nebenwirkungen dieses Buchs wissen sollten:

Erstens: Wir haben diese Diäten alle selbst und nach bestem Wissen und Gewissen ausprobiert. O ja. Möchten Sie ein Foto von unserem Leid, unserer Laune und unserem Lamentieren sehen? Lieber nicht, oder? Es gibt übrigens auch keins.

Dass Sie dabei noch Wissenswertes über all unsere Diät-Manöver mitbekommen können, liegt daran, dass wir gründlich recherchiert haben. Aber Achtung! Das bedeutet nicht, dass unsere Erfahrungen für jeden auf dieser Welt gelten.

Möglicherweise funktionieren die Diäten bei dem oder der einen besser und bei anderen schlechter. (Aber nicht aufgeben, okay? Sprechen Sie uns nach: »ICH GEBE NIEMALS AUF! ICH NICHT!«)

Eines ist jedenfalls gewiss: Jeder Mensch, jeder Körper und jede Psyche unterscheiden sich – und deshalb auch jede Erkenntnis und Einsicht. Seien Sie nicht frustriert, wenn es mal nicht so läuft, wie Sie es sich vorstellen, sondern achten Sie auf sich, gehen Sie verantwortungsvoll mit Ihrem Körper um – und im Zweifel zum Arzt, wir sind nämlich keine Experten und auch keine Mediziner.

Zweitens: Wir packen in diesem Buch so richtig aus. Sogar unsere Speckröllchen! Wir gehen ans Eingemachte, und zwar nicht nur an das in unseren Vorratsschränken. Und wir lassen uns tief in die (Speise-)Karten schauen. Sie bekommen also ziemlich viel über uns und unser Leben mit. Da fragen Sie sich vielleicht: War das alles wirklich so?

Ja. War es. Denn wenn wir schon anfangen, aus dem Nähkästchen (oder besser: aus dem Kühlschränkchen) zu plaudern, dann richtig. Aber trotzdem entspricht nicht alles eins zu eins der Realität. Wir haben zum Beispiel Namen geändert, Langweiliges gerafft, Ereignisse gekürzt und manchmal den Spannungsbogen gestrafft. Außerdem haben wir Situationen so »neutralisiert«, dass man Orte und Personen nicht wiedererkennt. Denn bei dieser Nabelschau wollten wir nur unsere eigenen Bäuche betrachten, sonst keine.

So. Genug der Warnungen. Wenn dieses Buch in Ihnen die Lust auf körperliche Veränderungen angeregt hat, dann nur zu! Und selbst wenn Sie nur im Liegestuhl, am Strand oder auf der Couch liegen bleiben sollten, weil Sie beim Lesen feststellen, dass Sie sich genau so mögen, wie Sie sind – großartig! Aber welchen Weg Sie auch gehen – bleiben Sie dran, bleiben Sie fröhlich, und vor allem: Bleiben Sie gesund!

Ihre

Lucinde, Anja und Mara

Wie alles begann – In jeder Hinsicht auseinandergegangen

Gläser klirren, Porzellan klappert, Stimmengemurmel. Wir sitzen in einer italienischen Trattoria mitten in Frankfurt.

Wir, das sind Anja, Mara und Lucinde, Freundinnen seit einem denkwürdigen Abend vor ein paar Jahren, an dem wir uns zufällig bei einer sehr langweiligen Party begegnet sind, deren Verlauf wir aktiv zum Positiven verändert haben. Und an dessen Ausgang sich anschließend niemand so richtig erinnern konnte, geschweige denn erinnern wollte. Aber sei’s drum, es war lustig und spät, wir haben gelacht, getrunken, vermutlich gesungen und getanzt (auweia – wie gesagt, die Erinnerung lässt hier eine gnädige Lücke). Und wir haben damals beschlossen, dass diese Freundschaft für die Ewigkeit gemacht sei. Wir wollten niemals auseinandergehen.

Tja, und jetzt sitzen wir Jahre später in figurumschmeichelnden Tuniken in jener Frankfurter Trattoria und erkennen: Das hat nicht so richtig geklappt. Wir sind in jeder Hinsicht auseinandergegangen. Zum einen rein räumlich, denn dank Beruf und Familie leben wir quer über die Republik verteilt. Und außerdem um mehrere Kleidergrößen. Alle drei. Traurig, aber wahr: Früher waren wir dick befreundet, jetzt sind wir dick und befreundet.

Wir starren auf die Speisekarte, betretene Stimmung breitet sich aus.

Und dabei haben wir uns so auf dieses Treffen gefreut! Schon die Terminfindung gestaltete sich extrem schwierig. Ohne Hotelübernachtung geht es nicht, für ein eintägiges Treffen ist die Anreise zu weit. Aber zwei Tage zu finden, an denen wir alle drei Zeit haben, erwies sich als schwierig. Abgesehen von unseren Berufen haben wir nämlich auch noch insgesamt sieben mehr oder weniger anspruchsvolle Kinder und drei ebenso pflegeintensive Hunde zu versorgen. Und Anjas Oma will ja bei der Planung auch gefragt werden! Verabredungen zu dritt erfordern bei uns deswegen ungefähr denselben Organisationsaufwand wie ein Gipfeltreffen der G7-Staatschefs. Aber wir haben es geschafft, auch wenn’s nicht leicht war. Und jetzt nach all den Mühen diese Stimmungsflaute!

Als wir die Karten studieren, fühlen wir uns ziemlich unwohl, aber keine sagt was. Doch dann sehen wir zufällig im selben Moment auf. Unsere Blicke treffen sich, und wir müssen lachen.

»Ich bin ja froh, dass wir alle zugenommen haben.« Mara lächelt in die Runde. »Stellt euch mal vor, eine von uns wäre hier als superschlankes Elfenwesen aufgelaufen und hätte an einem Salatblatt genagt. Das wäre doch schrecklich, oder?« Rasch verdrängt sie den Gedanken an die Grünpflanze im Foyer des Restaurants, die sie beim Reinkommen gesehen hat, ein Gewächs namens Fasspalme, dessen flaschenförmiger Stamm sie irgendwie an ihre eigene Statur erinnert hat. Und um sich davon abzulenken, winkt sie dem Kellner und bestellt Bruschetta mit viel Knoblauch für alle.

Anja grinst. »Wenn ihr wüsstet! Ich habe mir ja solche Mühe gegeben, wenigstens ein bisschen schlanker auszusehen. Sonst hätte ich mich niemals in dieses Ganzkörperkondom alias ›nahtlose, formende Unterwäsche‹ gezwängt. Und da passt maximal noch ein Süppchen rein.«

»Ach Quatsch! Wir sehen großartig aus! Eben einfach nur doppelt so toll wie beim letzten Mal.« Lucinde lacht und blättert in der Speisekarte. »Lecker, das alles. Ich kann mich mal wieder überhaupt nicht entscheiden. Pasta oder Pizza? Wisst ihr schon, was ihr esst?« Sie ist völlig ratlos. »Und der Nachtisch hört sich fantastisch an! Ich nehme auf jeden Fall Panna Cotta. Nein, wartet, oder lieber doch Tartufo? Das sind doch diese kleinen Törtchen mit Eis, oder? Zur Feier des Tages? Mit drei Löffeln?«

Die Stimmung steigt. Das Restaurant ist ja wirklich schnuckelig und vor allem angenehm abgedunkelt. Der Kellner, der ein Küchentuch um seine Hüften gebunden hat, nennt uns »bellissime«, als er unsere Bestellung aufnimmt. Und das wollen wir ihm gerne glauben, egal, ob es der Wahrheit entspricht oder nicht.

Den Anfangsschock betäuben wir dann noch mit Prosecco und Komplimenten an uns selbst (gute Farbe, super Frisur,tolle Tunika!). Und je später der Abend, desto höher der Alkoholkonsum, desto besser die Laune. Lucinde entscheidet sich für einen Nachtisch. Mara vergisst die Fasspalme. Und Anja verzieht sich auf die Toilette, wo sie den Figurformer in ihrer Handtasche verschwinden lässt.

Gegen zehn fühlen wir uns wieder elfengleich und schlank. Und wir erkennen, dass zwei Jahre ohne ein Treffen eindeutig zu lange gewesen sind, um alles an einem Abend aufholen zu können. Wir brauchen mehr.

Spontan beschließen wir, dass dringend ein gemeinsamer Urlaub gebucht werden muss, ja, wir finden die Idee so grandios, dass wir sie sofort in die Tat umsetzen.

Nach einem weiteren Gläschen bucht und bezahlt Lucinde über ihr Smartphone zehn Tage Thailand drei Monate später für uns alle. Selbstverständlich ohne Reiserücktrittsversicherung. Braucht man ja auch nicht, wenn man sich seiner Sache sicher ist. Und ohne Absprache mit Mann oder Kindern. Und ohne an die Folgen zu denken …

Der nächste Morgen ist grauenhaft. Unsere Smartphones wecken uns wie nachts im Rausch vereinbart zeitgleich mit thailändischer Meditationsmusik. Wir erwachen alle drei mit dickem Kopf und Waschbäraugen (man sollte sich abends immer abschminken …). Als wir in unsere Bäder wanken, zeigen uns die gnadenlos grell ausgeleuchteten Hotelspiegel die grausame Realität. Nein, elfengleich und schlank sind wir definitiv nicht. Darauf erst mal einen starken Kaffee. Wir treffen uns im Frühstücksraum und sind für unsere Verhältnisse alle drei auffallend wortkarg.

Doch mit dem Kaffee kommt auch die Erinnerung zurück.

»Moment mal«, sagt Mara plötzlich. »Da war doch was. Gestern. Irgendetwas mit Thailand. Oder hab ich das geträumt?«

Mara, Anja und Lucinde sehen sich entsetzt an. Schock! Mara hat recht! Da war was! Lucinde kneift die Augen zusammen, in der vergeblichen Hoffnung, sich besser erinnern zu können, und Anja erbleicht. »O nein, Mara!«, sagt sie. »Das war kein Traum! Wir haben wirklich eine Reise gebucht!« Sie greift sich an die Stirn. »Was für eine Schnapsidee!«

»Vielmehr Prosecco«, wirft Lucinde sarkastisch ein, während sie aufgeregt in ihrer Handtasche nach ihrem Handy sucht. Als sie es gefunden hat, tippt sie hektisch darauf herum. Dann lässt sie es sinken und schaut die beiden anderen zerknirscht an. »Und abgebucht ist das Geld auch schon, Mädels.«

Stille breitet sich aus, in der sich jede überlegt, wie sie aus dieser Nummer wohl am besten wieder herauskommt. Fakt ist: Die Reise steht. Und auch wenn der Kopf schmerzt, die Planung ein wenig überstürzt ist und die Durchführung möglicherweise nicht ohne Hindernisse ablaufen wird: Die Idee war ohne Zweifel gut.

Sonne, Strand, Wellness, wir drei mit viel Zeit? Warum eigentlich nicht?

Schließlich kommen wir im hellen Morgenlicht und trotz Kater zu dem Schluss: Wir bleiben dabei.

Aber plötzlich ertönt aus unseren Smartphones schon wieder Meditationsgedudel. Mist, war da etwa noch was? Offensichtlich! Unsere Handys erinnern uns daran, dass uns an diesem Morgen noch eine Prüfung bevorsteht, die wir am Vorabend im Prosecco-Rausch gedankenlos beschlossen haben: »Juhuuu, 9:30 Uhr. Bikini kaufen! Thailand, wir kommen!«

Urlaub ohne unsere Tuniken? Dafür mit viel nackter Haut? Autsch! Am liebsten wären wir wieder in unsere Betten gekrochen. Aber nein, wir tun es nicht. Wir nehmen die Herausforderung an.

Bikini? Ähm, nein. Die zarte, blonde Verkäuferin im Wäscheladen rät uns zu einem Tankini, also einem Zweiteiler mit Figur umspielendem Top als Oberteil. Und dabei wird sie ganz rot. Am liebsten hätte sie uns wohl einen Burkini vorgeschlagen, also einen Ganzkörperbadeanzug, aber sie hat keinen da. Selbst als wir gehorsam Tankinis anprobieren (und nein, »Tankini« kommt nicht von »Tanker«, auch wenn es in diesem Fall gut passen würde, sondern von »Tank Top«), wird ihre Miene nicht entspannter, denn unsere weiblichen Rundungen finden immer einen Weg aus den Stoffschichten heraus, und zwar an Stellen, wo sie besser dringeblieben wären. Das sieht nicht schön aus. Gar nicht schön.

Irgendwann reagieren wir mit Trotz. Lucinde kauft einen roten Bikini in Größe 38, egal, wie die Verkäuferin guckt. Mara entscheidet sich für einen Tankini, weil mehr manchmal einfach mehr hermacht, wie sie behauptet. Und Anja sagt zu der blonden Elfe, dass sie einen echten Hingucker sucht und dass es hier leider nichts Passendes für sie gibt, weil ihr alles viel zu schlicht ist. Der Verkäuferin entgleisen die Gesichtszüge.

Nach einer gefühlten Ewigkeit stolpern wir verstört aus der Boutique und sinken in die Stühle des nächstgelegenen Cafés, in dem wir alle nur einen Ingwertee bestellen und sonst nichts, weil wir nie, nie, nie wieder irgendetwas essen wollen. Ja, wir sind verletzt, beschämt und frustriert, ob unseres halb nackten Anblicks im Spiegel.

»Habt ihr meinen Hintern gesehen?« Lucindes Augen sind weit aufgerissen.

»Dein Hintern? Im Vergleich zu meinem Bauch ist der gar nichts!« Anja greift sich an die Körpermitte und verzieht das Gesicht.

Mara reibt sich die Stirn. »Habt ihr zufällig was gegen Kopfschmerzen dabei?«

Lucinde wühlt in ihrer Handtasche und bringt ein Fläschchen mit kleinen Kügelchen zum Vorschein, das sie Mara reicht. »Was mir Sorgen macht, ist mein eigener Anblick. Nackt! Im Bikini!« Sie schüttelt den Kopf. »Manche Bilder wird man sein Leben lang nicht mehr los. Und das ist definitiv eines davon.«

»Also, eines sage ich euch …« Anja greift nun auch nach dem Fläschchen und nimmt ein paar Kügelchen ein. »Da hilft weder weinen noch eine sehr große Tunika. Im Ernst, wenn wir das mit Thailand durchziehen wollen, müssen wir vorher abnehmen.«

»Abnehmen?« Mara zieht eine Augenbraue hoch, als wäre das eine komplett abwegige Idee.

Aber in einer kurzen Hochrechnung stellen wir fest, dass wir über die Jahre hinweg zusammen fast vierzig Kilo auf unsere Hüften gepackt haben, und so langsam beginnen diese zu kneifen. Nicht nur an den Hüften. Auch an der Seele.

Fest steht: So können wir nicht an den Strand.

Es gibt also drei Möglichkeiten: Entweder wir stornieren diese Reise oder wir stehen da drüber oder wir nehmen ab.

Wir reden und reden und reden, dann steht der Plan: Abnehmen vor dem Abheben. Neunzig Tage haben wir noch Zeit, und in denen wollen wir ran an den Speck – und zwar gemeinsam, wenn auch auf ganz unterschiedlichen Wegen. Schonungslos wollen wir zu unseren Fettzellen sein. Und schonungslos offen, im gegenseitigen Austausch. Wir wollen der traurigen Realität in ihr quabbelndes Angesicht sehen und sie radikal ändern.

Und damit fangen wir sofort an. Noch im Café zücken wir Kugelschreiber und Notizblock und beginnen damit, unseren »Ist-Zustand« ungeschönt aufzuschreiben. Steckbriefe sollen es werden. Oder besser: Speckbriefe.

Speckbrief Lucinde

Größe: 1,83 m

Alter: 44

Kampfgewicht: 79,8 Kilogramm (ohne Schummeln)

Ziel: 68 Kilo (auch ohne Schummeln)

Familienstand: Verheiratet, vier immer hungrige Kinder

Beruf: Autorin, Heilpraktikerin, Grafikerin

Spontanreaktion: Schock! Ich habe mich eindeutig viel zu lange nicht gewogen. Nicht auszudenken, wenn ich eine Narkose hätte haben müssen und ich hätte 75 Kilo angegeben. Ich wäre niemals eingeschlafen!

Schlimmste Sünde: Ab und zu einen Esslöffel Nutella direkt aus dem Glas. Ab und zu heißt: ab und zu am Tag, und wenn mich keiner sieht.

Mentaler Zustand: Auweia! 90 Tage ohne Kohlenhydrate, Fett, Zucker und Alkohol? Dafür Sport, Sport, Sport. Ich bin 44 Jahre alt. Und offensichtlich nicht ganz dicht!

Projekt: Innovative, neuartige Diäten, die dafür sorgen, dass das Fett da schmilzt, wo es soll (Hintern), und nicht da, wo es eh nichts zu holen gibt (Gesicht, Busen). Und mich nebenbei straff und glücklich trainieren.

Speckbrief Anja

Größe: 1,76 m

Alter: 40 Jahre

Kampfgewicht: nackte 93,4 Kilogramm

Ziel: 70 Kilo, Sixpack

Familienstand: Mutter einer zwanzigjährigen Tochter, zwei Hunde und eine Großmutter im Schlepptau

Beruf: Literaturagentin, Autorin

Spontanreaktion: 6,6 Kilogramm vor dreistellig. Grundgütiger … Das bin also ich? Eine Fettkugel! Selbst meine Füße sind in den letzten Jahren von Größe 39 auf 41 angeschwollen. Dabei bin ich in meiner Wahrnehmung so dünn … dünn und faltenlos und ohne graue Haare. Ist mit Waage und Spiegel etwas nicht in Ordnung?

Schlimmste Sünde: Kann mich nicht entscheiden. Butter? Cola? Wein? Sekt? Schokolade? Apropos: Eine Tafel Schokolade ist noch im Kühlschrank. Ich muss wenigstens dran lecken. Leckschokolade hält sieben Wochen. Juhuuu.

Mentaler Zustand: Seit ich alle Spiegel abgehängt habe, geht es mir deutlich besser. Besser sehe ich dadurch allerdings auch nicht aus. Jedenfalls auf den Selfies, die ich von mir geknipst – und dann entsetzt wieder gelöscht – habe. Schade, dass das mit der Erinnerung an mein Doppelkinn und meinen Kartoffelhintern nicht funktioniert. Hilfe, ich krieg die Bilder nicht mehr aus dem Kopf!

Projekt: Promi-Diäten – abnehmen wie die Hollywood-Stars. Und benehmen werde ich mich auch so. Wenigstens ein bisschen. Deal mit mir selbst: Wenn ich dann mindestens zehn Kilo abgenommen habe, gibt es für mich als Belohnung die Rockerbraut-Diät à la Kate Moss: Kaffee, Zigaretten, Champagner!

Speckbrief Mara

Größe: 1,71 m

Alter: 47

Kampfgewicht: ca. 78 Kilogramm (mit Schummeln)

Ziel: 72 Kilo (bei weniger bekomme ich Falten)

Familienstand: Verheiratet, Kinder (fast) groß, Appetit auch

Beruf: Autorin, Journalistin

Spontanreaktion: Mist. So viel wog ich in der zweiten Schwangerschaft kurz vor der Niederkunft, und das Kind, das ich einen Tag später gebar, war ein Vier-Kilo-Brummer. So schnell werde ich die Kilos heute nicht mehr los.

Schlimmste Sünde: Ich kann immer. Essen, meine ich. Anderen vergeht bei Stress, Krankheit, Kummer oder Müdigkeit der Appetit. Mir nicht!

Mentaler Zustand: Jemand hat mal gesagt: Wenn Hunger nicht das Problem ist, dann ist Essen nicht die Lösung. Genau. Das stimmt. Ich esse nicht aus Hunger. In meinem Gehirn läuft ein anderes Programm ab, und das hat sich verselbstständigt. Ich esse die falschen Sachen, zur falschen Zeit, aus den falschen Gründen. Ergebnis: Früher war ich beliebt. Jetzt bin ich beleibt.

Projekt: Innere Einkehr statt Einkehr im Restaurant! Abnehmen beginnt im Kopf, und genau da werde ich ansetzen. Lebensänderung, Hypnose, Achtsamkeit und Meditation kombiniert mit knallharter Wissenschaft, das ist mein Weg.

Es gibt nur zwei Dinge, die man falsch machen kann – Aufhören oder gar nicht erst anfangen

Ich werfe die Bikinitüte aufs Bett und mich gleich hinterher. Ein knallroter Bikini in Größe 38 steckt darin. Bin ich eigentlich völlig plemplem? Sechzig Euro für einen Bikini, der mir noch nicht mal passt?

Äh, nein, er passt mir nicht. Noch nicht. Hätte ich mir einen gekauft, der jetzt gerade gut sitzt, würde ich vermutlich nie wieder an irgendeinen Strand gehen, aus lauter Angst, dass man mich mit einem Walross verwechselt.

Das, was wir da vorhaben, ist verrückt und sicher oft mühsam. Aber auch dringend notwendig. Ich kann mich selbst schon lange nicht mehr besonders gut im Spiegel anschauen, ohne zusammenzuzucken.

Ja, ich weiß: Ich habe vier Kinder, und ja, es könnte figurtechnisch schlimmer sein. Aber auch besser. Und »besser« hätte ich gerne wieder.

Also, auch wenn sich diese Reise im Moment noch anfühlt wie ein Super-GAU für mein Selbstwertgefühl, so ist sie auf jeden Fall genau das Richtige für mich. Viel zu lange habe ich mich und meine Wohlfühlpfunde hinter weiten Klamotten und kreativen Ausreden versteckt. Logisch wollte ich abnehmen, aber einen richtigen Grund dafür hatte ich bisher nicht. Ich fühlte mich zwar nicht besonders attraktiv, aber ehrlich gesagt, war das auch nicht so wichtig. Hauptsache, mein Mann konnte mich leiden, das Leben war einigermaßen unkompliziert und mein Alltag funktionierte. Und das tat er nun mal deutlich besser, wenn ich mir ab und zu ein Stück Schokolade gönnte. Oder auch ein paar mehr. Oder sonst etwas Leckeres mit vielen Kalorien. Jedenfalls hatte ich regelrecht Angst davor, auf Mara und Anja zu treffen. Ich rechnete damit, in ihren Gesichtern ein wenig schmeichelhaftes »Boah, ist die aber fett geworden!« lesen zu können. Nun, das ist jedenfalls das, was ich denke, wenn ich morgens in den Spiegel schaue.

Immerhin haben wir uns zwei Jahre nicht gesehen, und bis wir uns tatsächlich gegenüberstanden, ging ich davon aus, dass die beiden total schlank und durchtrainiert sein würden und nur ich in den letzten vierundzwanzig Monaten ordentlich in die Breite gegangen war. Ich möchte hier nicht oberflächlich erscheinen, denn selbstverständlich gibt es im Leben und in einer Freundschaft viel Wesentlicheres als latentes Übergewicht und den ersten Eindruck nach einer gewissen Zeit, ganz klar. Aber trotzdem war ich sehr erleichtert (haha), zu sehen, dass Mara und Anja auch, nun ja, ein wenig fülliger geworden waren.

Ich habe also mit meinen beiden Freundinnen einen netten, proseccohaltigen Abend verbracht und dabei festgestellt, dass das viel zu selten passiert. Wir alle haben das festgestellt. Und deshalb haben wir diesen Urlaub gebucht.

Oder vielmehr: Ich habe. Über diese App. Schnäppchenreisen zu Billigpreisen. Ohne Absprache mit meinem Mann, meinem Chef, meinem Bankkonto und meiner Waage, wohlgemerkt.

Okay. Ich gebe zu, ich habe gar keinen Chef. Und mein Bankkonto gibt eine Reise her, wenn ich ein bisschen spare und mich mein Mann unterstützt, die Kinder betreut und mir verspricht, dass alles gut ist, obwohl ich weg bin. Oder vielleicht gerade deshalb?

Aber zehn Tage? Thailand? Ich meine, da ist es doch warm! Warum konnten wir uns nicht einfach zum Wandern verabreden? Da hätte ich wenigstens meine Klamotten anlassen können und hätte im Urlaub abgenommen. Vielleicht.

Na ja. Jetzt ist es schon beschlossen. Und ich habe endlich einen Ansporn abzunehmen. Allein ist das einfach nicht möglich. Aber zusammen mit Mara und Anja und dem gemeinsamen Ziel? Krieg ich hin.

Dass das allerdings ohne gewisse Mühen nicht möglich ist, ist mir klar. Es müssen aber eben Mühen sein, die ein bisschen Spaß machen, sonst lasse ich es gleich wieder sein, so gut kenne ich mich mittlerweile. Und wenn wir jetzt wirklich drei Monate Diät durchziehen wollen, muss ich mir etwas überlegen, was ich auch durchhalten kann. Ich meine, ich kann ja nicht plötzlich meine Kinder zum Essen auslagern, nur weil ich abnehmen will. Das wird schon schwierig genug, wenn ich zehn Tage in Thailand sein möchte.

Und ich bin ungeduldig. Sehr ungeduldig. Ich muss was sehen, und zwar schnell. Das heißt, die sanfte Tour ist bei mir völlig fehl am Platz. (Aber nur bei so was! Sonst bin ich sehr dafür zu haben.) Also brauche ich eine Diät, die schnell Erfolge bringt und meine Familie nur bedingt beeinträchtigt. Dafür bin ich auch bereit, mich ein wenig extra zu quälen.

Wie heißt es doch gleich: Ich wäre ein idealer Sportwagen, nämlich mit einem tiefen Schwerpunkt hinten und vorne ganz leicht. Schade eigentlich. Andersrum wäre mir lieber. Will heißen: »Obenrum« bin ich echt schmal, dafür am Hintern und an den Oberschenkeln – nun ja – eher nicht so. Freundlich gesagt: Ich bin unausgewogen ausgeprägt, was die Fettverteilung angeht. Voll fies. Wenn es möglich wäre, so lange die Luft anzuhalten, dass das Po-Fett von da unten einfach hoch in den Busen rutscht – ich wäre dabei. Und vermutlich dauerhaft ohnmächtig.

Da ich aber gleichmäßig schlank sein will, muss ich wohl einerseits am Po abnehmen und andererseits am Oberkörper arbeiten. Und das geht nur mit Sport. Das kommt mir sehr entgegen. Ich bewege mich gern, gehe ab und zu laufen und einmal in der Woche zum Yoga. Offensichtlich muss ich trotzdem an meinem Konzept arbeiten, denn wie wir sehen können, hilft es genau: null.

Und das, obwohl sogar Hausarbeit mit einem Sportprogramm gleichzusetzen ist (hab ich mal irgendwo gelesen). Wenn das so ist, hab ich zu Hause das am besten ausgestattete Fitnessstudio aller Zeiten: drei Töchter, einen Sohn und einen Mann, der Gartenarbeit liebt. Alle fünf produzieren täglich mehrere Wäschekörbe Schmutzwäsche, trinken Kasten um Kasten Mineralwasser und konsumieren Nahrungsmittelmengen, für deren Nachschub ich täglich und einkaufswagenweise sorge.

Leider scheint all das nicht genügend Muskelkraft zu verbrauchen, um sich sichtbar auf der Waage niederzuschlagen oder gar meinen Po und meine Oberschenkel zu straffen.

Nerven verbraucht es übrigens schon. Aber die wiegen ja nix! Und die Kompensations-Schokolade geht direkt auf meine Hüften.

Hmm. Hausarbeit scheint also nicht sehr effektiv zu sein. Ich muss mir was anderes ausdenken. Ich bin der Ganz-oder-gar-nicht-Typ. Ich kann nicht »ein bisschen auf meine Ernährung achten«, auch wenn das bestimmt helfen würde. Wenn ich esse, esse ich. Und wenn ich mal mit Schokolade anfange, ist die ganze Tafel weg. Im logischen Umkehrschluss bedeutet das: Die Diäten, die ich mache, müssen mich komplett vereinnahmen.

Genau: Ich mache diese fiesen Hardcore-Diäten. Die, die für die Familie auch funktionieren, weil man sich selbst zwar kasteit, aber für die anderen am Tisch Milchprodukte, Beilagen oder Saucen ergänzen kann. Und dann suche ich mir noch ein richtig schlimmes Sportprogramm. Augen zu und durch. Ich habe Angst. Und freue mich gleichzeitig riesig.

Knallroter Bikini in Größe 38 – ich komme!

Bis dahin könnte ich ja anfangen, mich mit meinem Körper ein wenig anzufreunden. Ich meine, ich habe ja nur diesen. Und er ist ja auch ganz okay. Wenn nur diese Fettpolster an den ungünstigsten Stellen nicht wären. Wie lästige Gäste, die nicht gehen wollen, obwohl die Party längst vorbei ist, hängen sie rum und sitzen und sitzen und … Aber jetzt ist Schluss. Jetzt und hier muss ich ein ernstes Wörtchen mit ihr sprechen.

Mit ihr?

Na, mit der Fettzelle natürlich.

Liebe Fettzelle!

Wir kennen uns nicht. Jedenfalls nicht persönlich. Ist ja auch kein Wunder, schließlich befindest du dich an Stellen, die ich tunlichst ignoriere. Versteh mich nicht falsch: Ich bemühe mich eben einfach, mein Leben nach dem Versteckspiel-Prinzip zu gestalten.

Du weißt schon: Wenn ich dich nicht sehe, bist du auch nicht da. Scheint in diesem Fall nicht besonders gut zu funktionieren, was? Ich kann wegschauen, so viel ich will, und du tummelst dich fröhlich genau da, wo ich dich nicht haben will.

Äh, also überall.

Warum bist du eigentlich so hartnäckig? Hat dir niemand je gesagt, dass das unhöflich ist? Fettzelle, wo bleibt dein Feingefühl?

Außerdem: Wenn ich du wäre, würde ich mir einen anderen Platz suchen. Ich meine, was ist schon so toll an meinem Hintern? Oder an meinen Oberschenkeln? So zumindest würde man diese Körperregionen nennen, wenn du nicht da wärst. Stattdessen heißt das jetzt „Reiterhosen“. Herzlichen Dank. Ich bitte dich: Muss das sein? Ich habe Riesenangst vor Pferden!

Und was ist falsch mit meinem Busen? Was gefällt dir an dem nicht? Da hättest du es warm und gemütlich – und diese Aussicht! Dort könnt ich dich und den einen oder anderen von deinen Freunden brauchen, aber da will wieder keiner hin.

Stattdessen versteckst du dich in meinen Jeans und wartest darauf, dass du platt gesessen wirst. Das ist doch keine Perspektive, Fettzelle. Denk doch mal an deine Zukunft! Und geh doch bitte von meinen Armen weg. Du störst! Wird es dir nicht sowieso übel, wenn du so durch die Gegend geschlenkert wirst? Ich frag ja nur.

Noch was: Warum kannst du eigentlich so schlecht allein sein? Nimm es bitte nicht persönlich, ich habe ja nichts gegen dich, also dich im Speziellen. Wärst du allein gekommen, bitte, du hättest sehr gerne bleiben können. Egal wo. Aber du musstest ja deine ganzen Kumpels mitbringen. Wirklich. Ihr seid mir echt zu viele. Gibt es kein Gesetz gegen die Überbevölkerung von Fettzellen? Dürft ihr euch einfach so überall stapeln und in großen Gruppen versammeln? Gibt es da nichts Rechtliches dagegen?

Und mal im Ernst: Schon mal was von Verhütung gehört? Es ist ziemlich ätzend, dass ihr euch so unkontrolliert vermehrt. Da muss man doch was unternehmen!

Mann, bist du penetrant.

Hallo? Fettzelle? Jetzt sag doch auch mal was!

Vielleicht können wir ja sogar Freunde werden, wenn wir uns beide ein bisschen Mühe geben?

Also, hier mein Vorschlag: Du überredest deine Kumpels zum Umzug an meinen Busen, und ich bin nicht mehr ganz so streng zu dir. Was sagst du dazu?

Fettzelle? Bist du noch da? Huhu?

Nichts.

Ja, genau, halt die Klappe und häng einfach weiter mit deinen Kumpels rum. Genau so habe ich mir das mit dir vorgestellt. Fettzelle, vergiss das mit der Freundschaft. Du bist wirklich eine blöde Kuh!

Deine Lucinde

Spieglein, Spieglein an der Wand – Wer ist bald die Dickste im ganzen Land?

Wenn der Flieger gleich ebenso wild ruckelt wie diese S-Bahn, bleibe ich wohl am besten angeschnallt. In meinem Kopf, den ich an das kühle Fenster lehne, geht es drunter und drüber – genauso wie in dem Coke-Zero-to-go-Becher, den ich mir eben am Hauptbahnhof noch gekauft habe. In XXL-Größe, passend zu mir.

Ich trinke ein paar Schlucke, um die Gefahr des Überschwappens zu minimieren. Unwillkürlich muss ich an das Interview mit Paris Hilton denken, das ich neulich im Fernsehen gesehen habe. Darin hat das It-Girl mit gewohnter Quietschstimme verkündet, dass sie grundsätzlich keine Light-Produkte zu sich nimmt – das würden nur Dicke tun.

Ich seufze. Denn so ungern ich es auch zugebe: Paris hat recht. Und ich bin der lebende Beweis. Andererseits: Wie sähe ich erst aus, wenn ich zuckerhaltige Cola trinken würde? Wahrscheinlich läge mein Gewicht längst im dreistelligen Bereich. Das will ich mir lieber gar nicht erst vorstellen … Wozu auch?

Ich verscheuche die negativen Gedanken und konzentriere mich auf Erfreulicheres. Schließlich habe ich zwei großartige Tage hinter mir, wenn man von dem Kater am Morgen und dem Frust beim Bikinikauf absieht. Aber die Hauptsache ist doch, dass ich Mara und Lucinde wiedergesehen habe. Und dass wir uns spontan so großartig verstanden haben, als hätten wir uns in den vergangenen Jahren mindestens zweimal pro Woche getroffen – und nicht nur einmal im Monat telefoniert. Braucht es da noch einen weiteren Beweis dafür, dass wir Seelenverwandte sind? Eigentlich nicht, oder? Und doch sind wir mehr als das: nämlich Leidensgenossinnen. Genauer gesagt: Speckschwestern. Gewichtsklassenkameradinnen. Tja, aber das wird sich ja bald ändern. Müssen. Schließlich wollen wir in ein paar Monaten an weißen Stränden eine gute Figur machen. Und bis dahin wollen wir schmelzen wie Eis in der tropischen Sonne.

Vielleicht war die Buchung ohne Reiserücktrittsversicherung doch ein klein bisschen voreilig? Andererseits hat nicht einmal Mara, die Vernünftigste von uns dreien, ein Veto eingelegt.

Und warum?

Weil wir es schaffen werden!

Wäre ja gelacht, wenn nicht.

Ich weiß bloß noch nicht, wie …

Die S-Bahn erreicht das Flughafengelände. Ich lasse mich vom Tempo der anderen Reisenden anstecken und haste durch die Hallen. Schon nach wenigen Minuten bricht mir der Schweiß aus. Noch so eine Sache, die ich meinen dreiundneunzig Kilo Kampfgewicht zu verdanken habe. Bestimmt ist mein Gesicht inzwischen tomatenrot. Mit meinen schwarzen Haaren und dem currygelben Mantel sehe ich höchstwahrscheinlich aus wie die deutsche Flagge in 3D. Wenigstens habe ich auf die neue figurformende Unterwäsche verzichtet, denn sonst wäre mir garantiert längst die Luft ausgegangen.

Warum beeile ich mich überhaupt so? Es ist noch genug Zeit bis zum Start. Um wieder zu Atem zu kommen und meine Betriebstemperatur zu senken, stoppe ich vor einem Zeitschriftenladen, wo ich mich mit einem Stapel Promi-Klatsch-Magazinen als Leselektüre eindecke. Schließlich habe ich mich dazu entschlossen, all die Promi-Diäten auszuprobieren, die in diesen Zeitschriften angepriesen werden. Den Erfolg dieser Methoden kann man schließlich sehen. Diese Stars und Sternchen sind definitiv schlank. Es scheint also zu funktionieren. Das, was diese Stars und Sternchen machen, das will ich auch.

Aber ob ich mich sonst im Leben mit ihnen identifizieren würde … eher nicht. Eine Flasche Wasser nehme ich auch noch mit, um mir darin eine Aspirin-Tablette aufzulösen. Mein Kopf schmerzt noch immer von dem vielen Prosecco, den wir gestern Abend getrunken haben. Meine Kehle ist trocken wie die Wüste Gobi, und ich fühle mich wie eine alte Frau. Wie eine dicke, sehr alte Frau.

Spontan wandern meine Gedanken zu der einzigen Seniorin, mit der ich regelmäßig zu tun habe – meiner Großmutter. Die übrigens dünn wie ein Strich in der Landschaft ist und nichts davon hält, sich wegen eines simplen Katers hängen zu lassen. »Wer trinken kann, kann auch arbeiten!«, pflegt sie zu sagen. Offenbar hatte sie in ihrem langen Leben noch nie einen richtigen Rausch, sonst wüsste sie, wie vollkommen hirnrissig dieser Spruch ist. Das genaue Gegenteil ist nämlich der Fall! Und deshalb bin ich wild entschlossen, heute keinen Strich mehr zu tun. Wenn ich – in spätestens neunzig Minuten – zu Hause ankomme, werde ich den Rest des Tages lesend und faulenzend auf dem Sofa verbringen.

Bis es allerdings so weit ist, muss ich mich noch durch den Check-in quälen, eine Leibesvisitation über mich ergehen lassen, mich am Boardingschalter in die Schlange stellen und mich zu meinem ersehnten Sitzplatz schleppen …

Ich will gerade mein Handgepäck in die Ablage wuchten, als mir eine freundliche Stewardess mit den Worten »Darf ich Ihnen behilflich sein?« das Köfferchen aus der Hand nimmt. Was für ein Service!

Ich bedanke mich freundlich.

»Bald ist es so weit, was?«, erwidert sie.

Ich nicke. Klar – in wenigen Minuten soll die Maschine starten.

Die freundliche Stewardess ist schon längst mit den Notfallinstruktionen beschäftigt, als bei mir der Groschen fällt. Erschrocken blicke ich an mir herunter: Sehe ich wirklich dermaßen … hochschwanger aus? Vielleicht hätte ich doch die Shapewear anziehen sollen.

Mürrisch beobachte ich die Stewardess, die mir auf einmal gar nicht mehr so sympathisch ist, wie sie mit ausladenden Bewegungen die Fluchtwege und die Notausgänge anzeigt. Ein bisschen verhärmt sieht sie aus, finde ich. Aber tun sie das nicht alle, diese dürren Frauen, die Größe XS tragen und keine Ahnung davon haben, wie Wuchtbrummen wie ich es so weit kommen lassen konnten. Spätestens bei sechzig Kilo würde sie sich in eine Diätklinik einweisen lassen, da bin ich mir sicher. Schließlich leben wir in einem Zeitalter, in dem schon Konfektionsgröße-40-Trägerinnen als mollig bezeichnet werden. Und in der ein Bauch kein normales Körperteil ist, sondern eine Katastrophe.

Pah, schwanger. Ich.

Dieses Kapitel habe ich vor zwanzig Jahren abgeschlossen. Inzwischen ist meine Tochter so alt, wie ich bei ihrer Geburt war. Leider bin ich nicht nur doppelt so alt wie sie, sondern auch doppelt so schwer.

Okay, ich geb’s ja zu: Ich beneide diese Haut-und-Knochen-Stewardess. Wäre ich so dünn wie sie, könnte ich mir noch ein paar Kilos drauffuttern und hätte immer noch eine perfekte Figur.

Beim Anschnallen vor dem Start bin ich froh, dass der Gurt passt. Ich schaue aus dem Fenster, und natürlich ist es immer wieder spannend zu beobachten, wie da draußen alles zu einer Spielzeugwelt zusammenschrumpft, je höher das Flugzeug steigt.

Würden doch auch meine Problemzonen so rasant schrumpfen! Jedenfalls deutlich rasanter, als sie gekommen sind. Wenn ich es hochrechne, habe ich in den letzten zwanzig Jahren ziemlich genau 42 000 Gramm zugelegt. Sind etwas über zwei Kilo pro Jahr mehr auf den Rippen. Wie ist das nur passiert?

»Von nix kommt nix«, würde meine Großmutter jetzt sagen. »Was man wahllos in sich reinstopft, landet eben auf der Hüfte.« Und leider muss ich – wie vorhin bei Paris Hilton – schon wieder zugeben, dass das wohl stimmt. Mit anderen Worten: Für meine stattliche Gewichtszunahme ist niemand anders verantwortlich als ich selbst.

Aber wie soll ich den Weg zurück in ein schlankeres Leben finden, wenn ich mir nicht bewusst mache, wie ich überhaupt in diese Specksackgasse geraten bin? Dazu muss ich wohl schonungslos ehrlich sein. Das fällt mir zwar noch schwerer als ein Blick in den Ganzkörperspiegel, doch dann überwinde ich mich. Schließlich will ich nach Thailand – im Bikini. Also gestehe ich: Ja, ich stecke mir viel zu viel Essen in immer kürzeren Abständen in den Mund. Ja, auch ohne Hunger zu haben, führt mein Weg regelmäßig zum Kühlschrank. Dafür nähere ich mich meinem Crosstrainer, der wie ein Mahnmal in der Bibliothek steht, ausschließlich zum Staubwischen. »Anja, heute um sieben sind wir verabredet. Eine halbe Stunde Training am Tag ist doch zu schaffen. Du wirst sehen, wie gut du dich danach fühlst. Los, probiere mich aus!«, lockt er mich. Ja, ja, später, denke ich dann immer, aber daraus ist bisher nichts geworden. Der Schweinehund ist stärker.

»Meine Damen und Herren, bitte schnallen Sie sich wieder an, wir landen in Kürze in Berlin-Schönefeld.« Die Durchsage reißt mich aus meinen tiefschürfenden Gedanken. Hastig lege ich den Gurt an und stopfe meine Klatschmagazine in die Handtasche. Wo ist nur die Zeit geblieben? Ich bin überhaupt nicht dazu gekommen, auch nur einen Blick hineinzuwerfen.

Auf der Autofahrt nach Hause kreisen meine Gedanken schon wieder um das Abnehmprojekt. Will ich das überhaupt?, frage ich mich. Was spricht dafür, endlich abzuspecken?

Ich will ehrlich sein: Als Erstes denke ich ans Aussehen. Wenn ich alte Fotos von früher betrachte, schießen mir sofort die Tränen in die Augen. Vor allem, wenn Dritte Kommentare abgeben wie: »Das bist du? Wow, so schlank und so hübsch!« Manche meiner Mitmenschen sind eben ein bisschen taktlos. Aber es ist ja wirklich so: Fett verändert nicht nur den Bauchumfang, sondern auch die Gesichtszüge – und sogar die Schuhgröße! Allein aus ästhetischen Gründen ist die Zeit absolut reif für eine Diät.

Zugegeben, das mag oberflächlich sein. Aber es gibt ja noch ein weiteres Argument: die Gesundheit. Inzwischen fühle ich mich selbst nach wenigen Treppenstufen, als hätte ich einen Marathonlauf absolviert. Wenn ich danach auch noch telefoniere, kann es schon vorkommen, dass man mich fragt, ob ich gerade irgendwelche schweren Kisten schleppe – so deutlich ist mein Atem zu hören. Schande über mich! Ich bin vierzig, nicht achtzig …

Ja, ich will einfach in Form sein. Im direkten wie im übertragenen Sinne des Wortes. Nicht zu vergessen der Grund fürs Abnehmen, den Mara, Lucinde und ich teilen: unser Freundinnenurlaub. Eigentlich die perfekte Motivation, denke ich, während ich den Wagen in der Auffahrt meines roten Schwedenhauses parke.

Habe ich gesagt, ich wollte den Rest des Tages auf dem Sofa verbringen? Nichts da – es ist Zeit für eine Bestandsaufnahme. Ich reiße die Türen meines prall gefüllten Kleiderschranks auf und begutachte seinen Inhalt. Lauter Sachen, in die ich in diesem Leben nie wieder reinpassen werde. Jedenfalls nicht, wenn es mit meinen Essgewohnheiten so weitergeht wie bisher. Da sind Kleider in Größe 34, die ich als Trophäen besserer Zeiten aufbewahre. Bauchnabelfreie T-Shirts und superschmale Hosen, in die nicht einmal eines meiner Beine passt.

Auf weitere Anproben habe ich keine Lust mehr. Ich weiß auch so schon, wie das traurige Fazit lautet: Im Grunde genommen passe ich nur noch in die Jogginghosen und in die Basic-T-Shirts, die ich mir mit zunehmender Zeit und zunehmendem Körperumfang immer wieder neu zugelegt habe. Das war’s.

Frustriert schnappe ich die Zeitschriften, die eigentlich als Reiselektüre gedacht waren, und verkrieche mich schließlich doch aufs Sofa.

Ach, es sieht alles so verlockend aus auf diesen Fotos.

So will ich auch aussehen!

»Visualisierung«, murmele ich vor mich hin. Das habe ich neulich in einem Seminar gelernt. Man muss seine Ziele sichtbar machen. Ich springe auf und stürme in mein Büro. Schere, Papier, Kleber, ein aktuelles Passbild von mir – fertig. Ich habe ein Ziel. Eine neue Anja werde ich erschaffen. Eine mit samtweicher Haut, Sixpack, durchtrainiertem Knackpo und keinerlei Wonneröllchen. Ritsch-Ratsch schnipsele ich aus den Magazinen mein Ideal-Ich zusammen und klebe es auf: Die Zukunfts-Anja hat die Oberarme von Madonna, die Beine von Gisele Bündchen, den Hintern der Hollywood-Trainerin Tracy Anderson und den Bauch von Rihanna. Sie ist wunderschön – nur ihr Gesicht ist noch ein bisschen moppelig. Aber das wird sich bald ändern, denke ich hochzufrieden.

Geschafft lasse ich mein müdes Haupt in die Kissenberge meiner Couch sinken. Eine Sekunde später bin ich eingeschlafen und träume davon, dass ich zusammen mit Mariah Carey, Heidi Klum, Christine Neubauer, Karl Lagerfeld, Kirstie Alley und Ottfried Fischer an einem Tisch sitze. Wir unterhalten uns über Diäten, tragen nahtlose Unterwäsche und trinken Säfte, die irgendwie nach Gurken schmecken.

Etwas später …

Hier ist der Anrufbeantworter von Anja Koeseling. Im Moment bin ich leider nicht erreichbar, Sie können mir aber nach dem Signalton eine Nachricht hinterlassen. Dankeschön, auf Wiederhören.

Oma

Kind? Bist du da? Sag doch was! Ich weiß, dass du da bist. Anja, hier ist deine Oma, und ich muss mit dir reden. Wann kommst du denn mal wieder zu Besuch? Du warst schon zwei Wochen nicht da. Bist du krank? Kind, ich koch dir was, hörst du? Kein Wunder, dass du so oft krank bist, wenn du kaum was isst. Eisbein? Oder Pflaumenklöße? Hallo? Anja? Sag doch was …

Piiiiiiep.

Aller Umfang ist schwer – Benjamin Blümchen im Barbie-Kostüm

Ich sitze im Zug, schaue aus dem Fenster auf die verregnete Landschaft und fühle mich gut. Und schlecht. Und gut. Und schlecht. Immer abwechselnd.

Glücklich bin ich, weil zwischen uns alles so wie früher ist. Weil wir uns immer noch nah sind, trotz der vielen Kilometer, die uns trennen. Wir haben geredet und gelacht, den Kellner angeflirtet und ihm dann zugeblinzelt, damit er das locker nimmt, wir haben mit unseren Gabeln quer über den Tisch geangelt und alles probiert, was auf den Tellern lag, und wir haben auch ein bisschen Prosecco getrunken. Aber nur so viel, bis wir uns geistreich und unsere sackartigen Tuniken elegant fanden. Also zwei Flaschen. Oder drei?

Hätte uns bei diesem Italiener irgendjemand belauscht, wäre er garantiert der Meinung gewesen, wir hätten uns gegenseitig überhaupt nicht zugehört. Meistens haben wir nämlich alle gleichzeitig geredet. Aber das täuscht. Wir können gleichzeitig reden und zuhören. Außerdem mussten wir zwei Jahre aufholen, und dafür reicht ein einziger Abend nicht aus, schon gar nicht, wenn immer nur eine redet.

Wie gut, dass wir bald wieder ein paar Tage gemeinsam verbringen, das hat mir echt gefehlt. In Gedanken drehe ich den Nebelbäumen draußen an den Bahngleisen eine lange Nase und freue mich auf die Reise. Regenwald, ich komme!

Trotzdem fühle ich mich in einer Ecke meines Hinterkopfs richtig mies, und das ist die Stelle, an der mein Gewissen sitzt. »Wir werden ehrlich und offen sein.« Das haben wir uns versprochen, als wir uns vor drei Stunden getrennt haben. »Wir werden abnehmen und uns dabei helfen und uns die nackte Wahrheit sagen, mit all ihren Runzeln, Fettröllchen und Orangenhautdellen. Wir werden den drallen Tatsachen ins feiste Gesicht grinsen. Und dann weg mit dem Speck.«

Tja, so lautete der Schwur. Und ich habe ihn gebrochen, jetzt schon. Denn ich war nicht ganz ehrlich. Ich habe etwas verschwiegen: Ich stehe nicht wirklich hinter der Sache mit der Diät.

Ich bin zwiegespalten. Einerseits will ich abnehmen, andererseits glaube ich nicht, dass das funktioniert. Warum hab ich das nicht gesagt? Ich starre auf die Landschaft, die an mir vorüberrauscht, und denke nach. Meine Bedenken passten wohl einfach nicht in unsere Wir-machen-zusammen-eine-Diät-und-werden-schlank-und-schön-Stimmung. Ich hätte damit eine Grundsatzdebatte entfacht und wäre für die beiden eine Spaßbremse gewesen. Das wollte ich nicht sein.