Wird schon schiefgehen - Antonia Vitz - E-Book
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Antonia Vitz

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Beschreibung

Franzi liebt ihre Familie – wirklich! Ausgerechnet, als sie für ein paar Tage bei den Großeltern nach dem Rechten schauen soll, gibt ihr Auto den Geist auf. Wenn wenigstens ihr Vater Sepp, ein übermotivierter Rentner und waschechtes Gscheidhaferl, nicht ständig helfend eingreifen würde! Ob verlorene Anhängerkupplung, Termindiebstahl oder Essiggurkennotfall – Sepp stellt selbst Franzis skurrile Großeltern in den Schatten. Bei denen landet das Geschirrspülwasser schon mal in der Toilette, während Oma mit Kuhdung-Beauty-Tipps für Erstaunen sorgt. Mitten im Chaos wartet eine herzerwärmende Überraschung von Franzis Opa, die die Suche nach dem Ersatzwagen völlig auf den Kopf stellt und ihr zeigt, wie wertvoll generationsübergreifende Freundschaft sein kann. Ein humorvoller Roman mit bayerischem Charme, der den liebenswerten Wahnsinn des Familienlebens auf die Schippe nimmt. Manchmal muss man das Chaos einfach umarmen. "Schreiben kann sie, die Frau Vitz!" (Ulla Müller, Bayern 1 Buchtipp) Humorautorin Antonia Vitz weiß, wie man Pageturner schreibt! Ihre bayerischen Komödien mit dem beliebten Grantler Sepp sind ein Garant für gute Laune!

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Antonia Vitz

Wird schon schiefgehen

Sepp gibt Gas

Deutsche Erstveröffentlichung März 2025

Copyright © 2025 Antonia Vitz Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 978-3-949448-16-4

Antonia Vitz Reutinger Weg 2692449 Steinberg am See [email protected]://www.antoniavitz.de

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Covergestaltung: Stephanie Umlauf http://www.steffiumlauf.comCovermotiv und Zeichnungen: Anna Vetter und Stephanie UmlaufKorrektorat: Donata Schäfer http://www.texthueterin.de

A N T O N I A V I T Z

ROMAN

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Verschleiß

Kapitel 2 Garagenwagen

Kapitel 3 Bauchgefühl

Kapitel 4 Händlergarantie

Kapitel 5 Gurkenwasser

Kapitel 6 Luxusproblem

Kapitel 7 Anhängerkupplung

Kapitel 8 Probefahrt

Kapitel 9 Warteliste

Kapitel 10 Albtraum

Kapitel 11 Entscheidung

Kapitel 12 Überraschung

Kapitel 13 Geständnis

Kapitel 14 Fahrpraxis

Kapitel 15 Tradition

Kapitel 16 Mundatmung

Kapitel 17 Wertsteigerung

Tacheles! Nachwort der Autorin

Für alle, die sich in diesem Buch wiedererkennen.

Kapitel 1Verschleiss

„Opa war mit Melanie unter der Dusche.“

„Schon wieder?“, frage ich, stelle meinen Wäschekorb ab und drehe mich zu Mama um. „Die war doch erst letzten Dienstag bei ihm.“

Meine Mutter zuckt mit den Schultern. „Oma freut sich, dass sie jetzt zweimal die Woche kommt.“

Zweifelnd ziehe ich eine Augenbraue nach oben. „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Oma gelassen auf der Couch sitzt und sich Bares für Rares reinzieht, während ihr Mann mit der bestimmt vierzig Jahre jüngeren Melanie unter der Dusche steht. Das ist doch komisch. Ich meine für Oma. Als Frau.“

Energisch stopfe ich die dreckige Buntwäsche meiner vierköpfigen Familie in Mamas Waschmaschine und starte das Programm. Vierzig Grad pflegeleicht.

„Ah geh, überhaupt nicht.“ Meine Mutter winkt gelassen ab. „Oma freut sich wirklich, dass Melanie jetzt öfter mit ihm duscht. Das verstehst du bloß noch nicht. Dafür bist du zu jung.“

„Ich bin achtundvierzig, Mama!“

„Eben. Und dein Mann auch.“

„Was hat Sebastian damit zu tun?“

Sie stößt einen tiefen Seufzer aus. „Das wirst du schon noch merken, wenn er älter wird. Manche Männer fangen ab einem gewissen Alter an zu müffeln. Vor allem am Kopf. Und auch sonst überall.“

„Opa müffelt?“, frage ich, während gleichzeitig Erinnerungsfetzen in mir hochblitzen.

Dieser typisch abgestandene Geruch in der Wohnung meiner Großeltern. Opas alte Arbeitsweste, die vermutlich nie eine Waschmaschine von innen gesehen hat und den Gestank von ranzigem Öl verströmt. Oma, wie sie ihren Mann als stinkenden Saubär betitelt.

„Eins sage ich dir, Franzi: Sollte dein Vater irgendwann anfangen zu riechen, besorge ich ihm auch eine Melanie!“

„Mama!“ Grinsend stelle ich meinen leeren Wäschekorb auf ihren Trockner. „Danke nochmal, dass ich bei dir waschen darf. Heute Abend kommt endlich ein Techniker und schaut sich unsere Waschmaschine an. Das geht ja so nicht weiter!“

„Ist die immer noch kaputt?“ Papa. Mit einem in ein gemustertes Tuch gehüllten, runden Ding unter dem Arm steht er im Türrahmen. „An eurer Stelle hätte ich den Schaden längst der Versicherung gemeldet. Die kann dann gleich auch für den Strom und das Wasser aufkommen, das ihr bei uns verbraucht.“

„Welche Versicherung?“, frage ich, ohne meinen Blick von dem Tuch abzuwenden. Es kommt mir irgendwie bekannt vor.

„Haftpflicht. Hausrat. Wohngebäude.“

„Papa. Die Maschine ist zwölf Jahre alt. Das ist Verschleiß, kein Schaden.“

„Verschleiß! Früher haben solche Geräte fünfundzwanzig Jahre gehalten. Mindestens!“ Er stellt das kugelförmige Ding auf die Waschmaschine. Seine Waschmaschine. „Als du klein warst, wurde nur halb so viel gewaschen wie heute. Wenn ich mir nur mal anschaue, was Rosalie und Xaver an Klamotten haben!“

Da mag er ausnahmsweise gar nicht so falschliegen. Vor allem Rosalies Schrank platzt aus allen Nähten und müsste längst mal wieder ausgemistet werden. Dass diese Kinder aber auch ständig am Wachsen sind!

„Früher ist vorbei und heute ist das Gestern von morgen“, sage ich in der Hoffnung, dass ihn diese hochtrabend klingenden Worthülsen verwirren.

Tun sie nicht.

„Ich bin gespannt, wann unsere Waschmaschine den Geist aufgibt. So viel, wie die zurzeit läuft, geht das nicht mehr lange gut.“

Er übertreibt. Es ist die dritte Ladung in sechs Tagen, die ich bei ihnen wasche. „Ich bring dir nachher ’nen Zehner vorbei. Als Entschädigung für den Verschleiß.“

„Nix da! Das wär ja noch schöner!“, grätscht Mama dazwischen. „Die Sachen von Opa und Oma wasche ich auch und dafür habe ich noch nie was verlangt.“

Papa klemmt sich das runde Ding wieder unter den Arm. „Das solltest du aber.“

„Das sind meine Eltern.“

„Und? Die haben genügen Geld. Grad eben hab ich ihm seine Kontoauszüge vorbeigebracht. Pah!“

„Trotzdem sind es meine Eltern.“

„Schon allein das Benzin, das wir wegen ihnen verfahren. Wenn man das zusammenrechnen würde …“ Papa verdreht theatralisch die Augen.

„Das ist immer noch günstiger als ein weiterer Unfall. Oder hast du vergessen, was ihn die Reparatur seines Oldtimers gekostet hat?“

„Dem hätten wir den Führerschein schon viel früher wegnehmen sollen! Was der in die Kiste reingerichtet hat! Ewig schad um das schöne Geld.“

„Es ist, wie es ist. Der Kadett ist sein Ein und Alles und Ersatzteile für so ein altes Auto sind nun mal teuer.“

Papa reckt herausfordernd das Kinn nach oben. „Sein Ein und Alles steht seit letztem Herbst in der Garage und wird nicht bewegt. Der Motor hat bestimmt schon einen Standschaden.“

„Darum geht’s doch gar nicht, Sepp.“ Mama spricht mit ihrer Beruhigungsstimme, die sie normalerweise für ihre Enkelkinder reserviert hat. „An dem Tag, an dem sich mein Vater von seinem geliebten Opel Kadett trennen muss, geht für ihn die Welt unter. Eine leere Garage wäre für ihn mindestens genauso schlimm wie für dich ein leerer Kühlschrank.“

„Und warum schenkt er das Auto nicht seinem Urenkel, dem Xaver? Der macht doch grad den Führerschein. Dann würd das Fahrzeug in der Verwandtschaft bleiben und jeder hätte was davon.“

„Lass Xaver aus dem Spiel, Papa!“ Ich wollte mich zwar aus der Diskussion meiner Eltern raushalten, aber das ist in dieser Familie einfach nicht möglich. Mein Vater involviert jeden. Immer. In alles.

„Sei doch nicht so dumm, Franzi. Das wär ein kostenloses Auto für euch.“

„Stell dir nur mal vor, mein Kind macht einen Kratzer in den hochheiligen Kadett. Oder noch schlimmer, eine Beule. Was dann? Ich kann mir keine Fachwerkstatt für Oldtimer leisten.“

„Der macht schon keinen Kratzer rein.“

„Er ist Fahranfänger.“

„Dann muss er halt ein wenig aufpassen.“

Ich könnte genauso gut mit einer Tapete diskutieren. Um nicht weiter sinnlos meine Zeit zu verschwenden, deute ich auf das runde Ding unter seinem Arm.

„Ist das nicht Omas alte Tischdecke? Was versteckst du darunter eigentlich?“

„Das“, sagt er mit feierlicher Stimme, „habe ich im Kartoffelkeller gefunden.“ Er macht eine kleine Kunstpause und klopft mit den Fingerknöcheln darauf. Ein dumpfes Pochen ertönt.

„Bei meinen Eltern?“, fragt Mama, obwohl sie genau weiß, dass niemand sonst in unserer Familie einen Kartoffelkeller hat.

„Das lag da rum. Ganz hinten im Regal.“ Mit einer feierlichen Geste zieht er an Omas Tischtuch, das, dem Muster nach zu urteilen, aus den siebziger Jahren stammt, und präsentiert einen antiken, roten Motorradhelm mit verkratztem Visier, der vermutlich noch mehr Jahre als die Tischdecke auf dem Buckel hat.

„Aha. Und was willst du damit?“

„Aufsetzen. Was sonst?“ Er lässt die Tischdecke fallen und zieht sich den Helm über den Kopf. Wie er so dasteht, hat er eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Streichholz.

Mich schüttelt es bei dem Gedanken, was sich über die Jahre in der uralten Schaumstoffpolsterung eingenistet haben könnte. „Bist du sicher, dass da kein Ungeziefer drin ist?“

„Geh, Schmarrn! Da fehlt sich gar nix.“

Mama hebt indes völlig unbeeindruckt von Papas Vorstellung die Tischdecke auf und knüllt sie zusammen. „Die passt in die Mülltonne. Den Helm musst du wohl zum Wertstoffhof bringen.“

„Wertstoffhof? Spinnst jetzt ganz? Der ist pfenniggut! So einen hab ich mir schon lange gewünscht. Den nehm ich her!“

„Für was nimmst du ihn her?“

„Zum Fahren halt.“

„Radlfahren?“

„Geh, Schmarrn. Motorrad!“

„Aber du hast doch gar kein Motorrad.“

„Dann besorg ich mir eben eins.“

„Du hast den alten Helm deines Schwiegervaters im Kartoffelkeller gefunden und willst dir deswegen ein Motorrad kaufen?“

„Wer redet denn von kaufen?“

Bevor das Gespräch noch absurder wird, greife ich lieber ein. „So ein Helm ist eine sensible Sache, Papa. Wer weiß, wie oft der schon runtergefallen ist. Ganz abgesehen von der Materialermüdung. Eine Wollmütze schützt deinen Kopf vermutlich genauso gut.“

„Geh, Franzi. Du immer.“ Er fummelt am Kinnverschluss herum, der sich nicht mit einem einfachen Klick verschließen lässt, sondern kompliziert eingefädelt werden muss. So alt ist dieser Helm schon.

„Wie du meinst. Es ist dein Kopf. Rufst du mich an, wenn die Wäsche fertig ist?“, frage ich an Mama gerichtet und versuche gleichzeitig, meinen Vater zu ignorieren.

„Ich muss nachher eh noch zu Oma und Opa. Kurz durchwischen, weil morgen früh der Pflegedienst kommt. Da kann ich dir die Wäsche auf dem Rückweg vorbeibringen.“

„Mit dem Fahrrad?“, tönt es dumpf aus dem Zündholzkopf.

„Mit dem Auto natürlich!“

„Du wirst doch nicht wegen der paar Meter mit dem Auto fahren? Das ist Gift für den Motor!“

„Doch, werde ich. Ich muss meinen Wischmopp mitnehmen.“

„Das Auto muss aber morgen zum TÜV. Ich wollte es nachher noch waschen.“

Papa hat endlich den Verschluss zubekommen.

„Dann wäschst du es eben, wenn ich wieder zurück bin.“

„Da wollte ich ins Fitnessstudio. Ich hab mich zum Seiglinkurs angemeldet. Um halb sieben.“

„Seigling?“, frage ich, obwohl ich bereits an der Tür stehe und den Absprung schon fast geschafft hatte.

„Er meint Cycling!“ Mama schüttelt grinsend den Kopf. Papas improvisiertes Englisch hat schon so manche Fragen bei uns hinterlassen. Das Bountisep, das er für Mama bei einem Preisausschreiben gewinnen wollte, entpuppte sich als Beautyset. Als er bei der Fußball-EM zum Pablibbitschn ging, war er beim Public Viewing im Stadtpark.

„Wie wäre es denn, wenn du heute mit dem Radl ins Studio fährst?“, schlägt Mama vor. „Sind nur sieben Kilometer und gesünder ist es auch, als mit zwanzig anderen in einer Halle sinnlos auf der Stelle zu strampeln und die verbrauchte Luft einzuatmen.“

„Du hast ja keine Ahnung! Die Viki treibt uns zu Höchstleistungen an. So was würd ich in der freien Natur niemals zustande bringen.“

Mama verschränkt die Arme vor der Brust und zieht eine Augenbraue nach oben. „So?“, sagt sie so spitz, dass ihre Stimme einer Stecknadel Konkurrenz machen würde. „Die Viki?“

„Die ist vielleicht laut, sag ich dir. Wie die uns anschreit! Da gibst du alles. Hopp-hopp-hopp, wan tu si for“, ahmt er die Stimme eines Drillsergeants nach, die durch seinen Helm zwar nur gedämpft zu uns durchdringt, aber trotzdem durchblicken lässt, dass in Vikis Kurs nur die ganz Harten eine Überlebenschance haben. „Soll dich halt die Franzi zu deinen Eltern fahren, dann kann ich gleich nach dem Kaffeetrinken unser Auto waschen und komm noch rechtzeitig zum Kurs. Morgen ist TÜV, da muss es glänzen.“

„Geht leider nicht, mein Auto ist in der Werkstatt.“

Fehler! Das wusste er bisher noch nicht.

„Werkstatt? Warum?“ Mit einem Anflug von Panik in den Augen versucht er, sich den Helm vom Kopf zu reißen. Der Kinngurt verhindert dies jedoch, so dass er wieder anfängt, daran herumzufummeln.

„Weil es kaum noch beschleunigt. Und stinkt.“

„Warum sagst du denn nichts? Das hätte ich bestimmt richten können.“

„Hättest du nicht.“

„Vermutlich ist es nur eine Kleinigkeit. Du weißt doch, dass die jede Schraube aufschreiben, die sie austauschen. Was denkst du, was allein die Arbeitsstunden kosten?“ Das Visier ist mittlerweile von innen beschlagen, so sehr setzt ihn dieses Thema unter Stress.

„Das Auto hat siebzehn Jahre auf dem Buckel. Es war damit zu rechnen, dass da mal was kommt.“ Ich bemühe mich, gelassen zu klingen. Innerlich bin ich jedoch fast so aufgewühlt wie er. Als ich meinen alten Passat bei Vossi in der Werkstatt abgeliefert habe, hat sich dieser skeptisch am Kinn gekratzt und gemeint, er würde mal schauen, ob da überhaupt noch was zu machen sei. Warum zur Hölle wird immer alles auf einmal kaputt? Und dann auch noch zwei der größten Posten gleichzeitig. Im September! Der Monat nach dem großen, teuren Sommerurlaub. Der Monat, in dem die Schulen fröhlich meterlange Einkaufslisten verteilen. Der Monat, in dem der Nachwuchs von den Schuhen bis zur Jacke neu eingekleidet werden muss, weil die warmen Sachen von Anfang des Jahres zu klein sind. Der Monat, in dem ich mir auch gerne etwas gönne. Vorzüglich aus dem neuen Herbstmodenangebot, das seit Juli in den Schaufenstern angepriesen wird und dem ich nun wirklich lange genug widerstanden habe. Kurz: September ist bei uns der Monat mit dem traditionell niedrigsten Kontostand.

„Ich muss los. Also, servus!“, verabschiede ich mich und mache mich endgültig auf den Weg zur Haustür. Ein vertiefendes Gespräch darüber, was bei meinem Auto kaputt sein könnte und wer von Papas alten Schulfreunden jemanden kennt, der jemanden kennt, der schon mal einen Motor aus der Nähe gesehen hat und womöglich nur darauf wartet, den Wagen kostenlos reparieren zu dürfen, möchte ich um jeden Preis vermeiden. Da Papa immer noch mit dem Verschluss kämpft, begleitet mich auf dem Weg nach draußen dumpfes Gebrabbel.

„... erst einen Kostenvoranschlag einholen.“

„... bestimmt nur die Batterie aufladen.“

„... gleich gesagt, dass du nicht so viel Kurzstrecken fahren sollst.“

Nachdem ich die Gartentür hinter mir geschlossen habe, atme ich erleichtert durch und mache mich auf den Weg nach Hause.

„Wann meldest du dich zur Theorieprüfung an?“

Mein Mann Sebastian tippt auf seinem Handy herum, während Xaver den Kühlschrank plündert.

„Weiß nicht.“

„Wie? Weiß nicht?“ Sebastian schaut überrascht auf. „Ich bin davon ausgegangen, dass du nicht länger als sechs Monate für den Führerschein brauchst. Das war vor  ...“ Er tippt abermals auf seinem Telefon herum. „Vor sieben Monaten!“

„Die Fahrschulapp funktioniert nicht. Ich kann seit drei Wochen keine Übungsbögen machen“, meint Xaver schulterzuckend und verschwindet mit einem prall gefüllten Teller Richtung Zimmer. Es ist unglaublich, wie viel Nahrung ein Mensch in der Wachstumsphase benötigt und wie lange so eine Wachstumsphase dauern kann.

„Wieso sagst du mir das nicht?“ Sebastian lässt das Handy sinken und schaut ihm alarmiert hinterher. „Da muss man doch was machen! Das geht doch so nicht. Wir haben schließlich dafür bezahlt.“

„Papa, chill mal, ist doch egal“, kommt es aus dem Obergeschoss zurück. Dann fällt die Tür ins Schloss.

„Wenn ich gewusst hätte, dass unser Sohn einen Jahresevent daraus macht, hätte ich ihn beim Wessmann angemeldet.“

Ich gebe meinem Angetrauten einen Schmatz auf die Backe und streiche ihm über den Rücken. „Ist doch egal, bei welcher Fahrschule er ist.“

„Ist es nicht!“ Wieder wischt er auf seinem Telefon herum, bis er gefunden hat, was er sucht. Triumphierend hält er mir das Display entgegen, auf dem sämtliche Fahrschulen der Region zusammen mit einer Menge Zahlen aufgelistet sind. „Da! Ich habe alles genau ausgerechnet. Beim Wessmann ist der Grundpreis zwar etwas teurer als beim Schmalzbauer, dafür sind die einzelnen Fahrstunden günstiger.“

„Ah.“

„Das heißt, wenn Xaver seinen Schein zügig machen würde, wovon ich ausgegangen bin, schneiden wir beim Schmalzbauer besser ab. Wenn er es aber endlos in die Länge zieht, wäre der Wessmann besser gewesen.“

„Du hast das in einer Exceltabelle berechnet?“

„Noch fünf Fahrstunden, dann kippen wir ins Negative.“

„O Gott!“ Mit gespielter Dramatik lege ich beide Hände auf die Brust und reiße die Augen theatralisch auf. „Und jetzt?“

Manchmal fällt es Sebastian schwer, zwischenmenschliches Verhalten richtig zu interpretieren. Mein Mann ist Informatiker. Er reißt die Augen ebenfalls auf und wedelt mit der Hand durch die Luft. „Ich ruf gleich mal beim Schmalzbauer an und mach Druck wegen der App. Wie lange funktioniert sie schon nicht? Drei Wochen? Das ist doch Vertragsbruch! Ich bin sicher, dass man da was geltend machen kann.“

Ich muss unbedingt mit Xaver reden. Wenn er sich nicht besser dahinterklemmt, stehen wir über kurz oder lang vor Gericht. Sanwald gegen Schmalzbauer. Streitgegenstand: Verletzung des Ausbildungsvertrages zwischen Fahrschule Schmalzbauer und Xaver Sanwald aufgrund nicht funktionierender App.

Doch gerade, als ich zu Xavers Zimmer hochgehen will, klingelt es an der Haustür.

„... und dann hab ich den Motor gestartet und bin losgerauscht. Mitten über den Wasserschlauch drüber. Ich lass mir doch nicht vorschreiben, wann ich das Auto benutzen darf und wann nicht. Das ist immerhin unser gemeinsames Auto.“ Mama drückt mir den vollen Korb mit meiner frisch gewaschenen Wäsche in die Hände.

„Magst auf einen Kaffee reinkommen?“, frage ich.

„Nein, nein, ich fahr wieder heim. Die Wäsche musst du halt in den Trockner tun. Ich wollte sie ja selbst noch reinstecken, aber der braucht immer so lange und dann hättest du die Sachen womöglich erst morgen bekommen.“

„Oder Tee, wenn du magst.“

„Ich bin echt gespannt, was er jetzt macht. Ob er mit dem Radl ins Fitnessstudio gefahren ist oder daheim auf der Couch rumgrantelt.“

„Sekt hätt ich auch.“

Endlich habe ich Mamas Aufmerksamkeit. „Gibt es einen Grund für Sekt?“

„Brauchen wir einen Grund?“

„Es ist noch nicht mal sechs Uhr.“

„Irgendwo auf der Welt ist es bestimmt sechs. Also komm jetzt.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, drehe ich mich um und marschiere in die Küche. Den Wäschekorb stelle ich unterwegs an der Kellertreppe ab.

„Aber nur ein Glas!“, höre ich Mama von draußen rufen.

„Klar!“, schreie ich zurück und hole eine Flasche Henkel Trocken aus dem Kühlschrank. Mit einem Knall öffne ich sie und schenke ein. Wenn ich etwas gut kann, dann Sekt aufmachen. Viele drücken dabei den Korken ängstlich nach unten und arbeiten sich millimeterweise vor, indem sie mit einem leisen Pffft die Kohlensäure entweichen lassen. Dabei muss man genau das Gegenteil tun, wenn man Überschäumen vermeiden möchte. Den Korken aktiv herausziehen. Schnell und schmerzlos.

„Wie war es bei Oma und Opa? Geht es ihnen gut?“

Trotz ihres hohen Alters haben Mamas Eltern keine wirklichen Probleme. Sie sind weder dement noch bettlägerig. Omas Herzschrittmacher funktioniert seit zwei Jahrzehnten einwandfrei und auch Opas Lendenwirbelsäulenversteifung vor elf Jahren ist schon lange kein Thema mehr.

„Mein Vater hat wie üblich nur gejammert. Ich durfte mir eine geschlagene Dreiviertelstunde anhören, wie schwer ihm das Wasserlassen fällt.“

Oh. Da war ich wohl doch ein wenig zu voreilig mit meiner positiven Einschätzung. „Denkst du, es ist was Ernstes? So eine altersschwache Prostata, das ist doch bestimmt ...“

„Er hatte nur keine Lust auf Staubsaugen, das ist alles. Immer, wenn ich ihm eine Aufgabe gebe, überfällt ihn ein fürchterliches Leiden. Letzte Woche war es Sodbrennen und davor Schwindelattacken.“

„Und falls doch etwas dran ist an seinen Beschwerden?“, frage ich vorsichtig. Opa wird demnächst neunzig. Da darf man durchaus Probleme beim Wasserlassen haben.

„Dein Großvater gibt eh keine Ruhe, bis es schulmedizinisch abgeklärt ist. Wenn er nicht mindestens zweimal im Monat beim Arzt ist, geht es ihm nicht gut. Morgen sitze ich bestimmt den ganzen Vormittag am Telefon und versuche, einen Termin beim Urologen zu bekommen. Mittlerweile kenn ich sämtliche Warteschleifen im Umkreis von dreißig Kilometern.“ Sie hebt ihr Glas und prostet mir zu. „Darauf, dass dein Vater und ich dir niemals zur Last fallen werden.“

„Geh, Mama.“

„Ist doch wahr! Da zieht man seine Kinder groß, danach sorgt man sich um die Enkelkinder und kaum sind die aus dem Gröbsten raus, fängt man bei seinen eigenen Eltern wieder von vorne an. Hinterherwischen, Wäsche waschen und ermahnen, dass sie genügend trinken.“

„Immerhin können sie noch selbständig wohnen. Zwei rüstige Rentner.“

„Zwei rüstige, anstrengende Rentner“, verbessert mich Mama.

„Sie reden einfach gern.“

„Gleichzeitig, versteht sich. Und jeder über ein anderes Thema. Am liebsten über ihre Krankheitsgeschichten oder die des Mannes der Schwester von der Nachbarin. Leute, denen ich noch nie in meinem Leben begegnet bin.“

„Ist das nicht menschlich? Die Leute beklagen sich nun mal gern. Selbst bei mir im Zeitschriftenladen ist das so. Das meiste, was ich über meine Kunden weiß, sind ihre Zipperlein.“

Die Miene meiner Mutter verfinstert sich. „Du findest es also menschlich, dass ich mein ganzes Leben nach den beiden ausrichten muss?“

„Oma und Opa sind erwachsen. Das funktioniert bestimmt trotzdem, auch wenn du dir weniger den Kopf zerbrichst. Lade dir nicht so viel auf, Mama.“

Sie ext ihr Glas und stellt es energisch auf dem Tisch ab. „Danke für den Sekt.“

„Ich meine es ernst, schau mehr auf dich!“

„Ich muss wieder los. Die Wäsche deiner Großeltern wartet im Kofferraum.“

„Hörst du mir überhaupt zu?“

„Natürlich höre ich dir zu. Du sagst dasselbe wie dein Vater. Ich bin zu fürsorglich und muss mehr auf mich achten. Alles, was ich mache, ist falsch.“

Da bin ich wohl in ein riesengroßes Fettnäpfchen getreten. Mit Anlauf. „So habe ich das nicht gemeint!“

„Wie denn dann?“

„Ich meinte, dass du dein eigenes Wohlergehen nicht aus den Augen verlieren darfst. Stell dich an erste Stelle.“

„Danke für den Ratschlag. Wenn du jeden Tag bei ihnen vorbeischaust, können wir gerne darüber reden.“

„Kein Problem“, antworte ich spontan, obwohl ich das zeitlich niemals unterbringen würde.

Zum Glück weiß das auch Mama und wirft mir einen Rettungsring zu. „Kümmere dich lieber um deine Kinder. Das sind Teenager, damit bist du ausgelastet. Ich kümmere mich um meine Eltern. Und keiner redet dem anderen rein, weil jeder von uns versucht, sein Bestes zu geben.“

Sie sieht mich herausfordernd und gleichzeitig sanft und bestimmt an. So, wie es nur eine Mutter kann.

„Teenagern muss man zu ihrem eigenen Wohl Grenzen setzen. Genauso, wie kleinen Kindern und alten ...“

Mama hebt bedrohlich eine Augenbraue. Vorbei ist es mit dem sanften Blick.

„... aber das sind Dinge, in die ich mich nicht einmische.“ Ich zwinkere ihr zu und schenke Sekt nach. Die Wäsche meiner Großeltern muss noch ein bisschen warten und das Gespräch mit Xaver auch.

Drei Stunden später stehe ich angedüdelt mit Sebastian und einem Techniker der Firma Bosch im Keller.

„Es sieht nicht gut aus. Die Bremsblöcke sind kaputt“, lautet seine Diagnose. „Reparatur lohnt sich nicht.“

„Warum nicht?“, will Sebastian wissen. „Bremsblöcke können doch nicht allzu teuer sein.“

„Teuer nicht. Aber bei Ihrem Modell sind sie so kompliziert verbaut, dass ich erst die ganze Trommel ausbauen muss, um an sie ranzukommen. Da zahlen Sie für die Arbeitsstunden fast so viel wie für ein neues Gerät.“ Er wirft uns einen bedeutungsvollen Blick zu. „Dann haben Sie zwar neue Bremsblöcke, aber immer noch eine alte Waschmaschine.“

„Da kann man nichts machen?“, frage ich mit der Hoffnung einer Ahnungslosen.

„Es ist Ihre Entscheidung, aber ich an Ihrer Stelle würde mir eine neue kaufen.“

„Na, wunderbar!“, murmle ich, während mein Mann bereits sein Handy aus der Tasche zieht und die Notizapp öffnet. Lage der Bremsklötze!, notiert er im Ordner Waschmaschine, einem Unterordner von Haushaltsgeräte.

Kapitel 2Garagenwagen

Noch bevor ich den Laden öffne, fahre ich am nächsten Morgen zu Vossis Kfz-Werkstatt. Um halb acht. Mit dem Fahrrad. Entsprechend überrascht schaut er mich an.

„Nur solange mein Passat bei dir steht“, erkläre ich mein sportliches Auftreten. „Und? Kannst du schon was sagen?“

Er presst kurz die Lippen zusammen. „Um ehrlich zu sein, sieht es nicht gut aus.“

„Das habe ich gestern auch schon gehört. Jetzt sag bloß nicht, dass die Bremsblöcke kaputt sind.“

„Die Einspritzdüsen müssen ausgetauscht werden“, teilt mir Vossi mit der Stimme eines Trauerredners mit.

„Und da kommt man schlecht ran, oder wie?“

„Ich muss die kompletten Pumpe-Düse-Einheiten austauschen. Die Zylinderköpfe sollten gereinigt werden und der Kraftstoffdruckregler scheint auch defekt zu sein.“

Ich habe zwar keine Ahnung, von was Vossi redet, aber eines weiß ich: „Hört sich teuer an.“

„Unter dreitausend kommst du da auf keinen Fall raus.“

„Dreitausend?“ Meine Stimme überschlägt sich beinahe.

„Ich kann höchstens schauen, ob ich generalüberholte Düsen oder Nachbauten bekomme. Dann wäre es zwar nicht original VW, aber bei der alten Kiste ...“ Er winkt ab.

Alte Kiste?

„Elf Jahre lang Garagenwagen, danach sechs Jahre im Carport. Ich habe jeden Kundendienst machen lassen. Der letzte war vor nicht mal drei Monaten, da war noch alles okay. Sechshundert Euro hab ich dafür bezahlt! Ich war extra in der VW-Vertragswerkstatt, wegen der Herstellergarantie.“

Beim letzten Satz weiche ich seinem Blick aus. Vossi betreibt eine freie Kfz-Werkstatt in Katzbrück und das Dorfgesetz schreibt vor, dass man als Katzbrücker sein Auto zu Vossi bringt und nicht zu den Großkopferten in Heidelkirchen.

„Warst beim Maschinger, oder?“

„Warum fragst du? Ist der teurer als andere?“

„Iwo! Die sind alle gleich. Maschinger, Berghuber und wie sie alle heißen. Völlig egal ob VW, Mercedes, Toyota oder BMW.“

„Inwiefern gleich? Dass sie die Kunden über den Tisch ziehen?“

„Du kannst dir nicht vorstellen, was ich da oft zu sehen bekomme. Rechnungen, auf denen steht: Bremsflüssigkeit auffüllen, null Komma fünf Liter. Ich frag mich, wo die diesen halben Liter Bremsflüssigkeit hinfüllen!“

Auch auf meinen Kundendienstrechnungen taucht dieser Posten regelmäßig auf. „Wird halt gefehlt haben, der halbe Liter.“

„Gefehlt? Bremsflüssigkeit kann nicht fehlen. Das ist ein geschlossenes System! Wenn sich die Bremsbeläge abnutzen, muss halt der Bremskolben ein bisschen weiter rausfahren, das ist alles. Freilich wird dann mehr Bremsflüssigkeit aus dem Ausgleichsbehälter in den Bremszylinder gedrückt. Aber der Flüssigkeitsstand fällt niemals unter Minimum und es fehlt schon gar kein halber Liter!“

„Nicht?“, frage ich mit einer Stimme, die zwischen Hilflosigkeit und Entsetzen schwankt.

„Irgendwann kommen neue Bremsscheiben drauf und der Pegel ist wieder bei Maximal, fertig. Wenn die Bremsflüssigkeit wirklich mal unter Minimum fällt, dann ist irgendwo ein Leck. Also entweder haben sie nur nachgefüllt und das Leck nicht repariert oder sie haben nichts nachgefüllt und es trotzdem auf die Rechnung geschrieben.“

In meiner Bauchgegend breitet sich ein unangenehm schweres Gefühl aus. Wie Zement, der sich langsam aushärtet. Wurde ich all die Jahre vom Maschinger ausgenommen?

Doch Vossi kommt gerade erst in Fahrt. „Sebastians Bus braucht AdBlue, oder?“

„Darum haben wir uns nie gekümmert. Der Wieshofer, zu dem er den Toyota immer bringt, macht das automatisch beim Kundendienst mit.“

„Freilich macht er das! Und dann verlangt er drei Euro für den Liter – netto, wohlgemerkt! Zuzüglich Arbeitszeit. An der Tanke bekommst du AdBlue für neunundsiebzig Cent.“ Er lässt eine bedeutungsvolle Pause entstehen, bevor er hinzufügt: „Brutto.“

„Es gibt einen guten Grund, weshalb wir es nicht selbst nachfüllen. Der Wieshofer meinte damals, dass das recht kompliziert wär und dass es auf gar keinen Fall ausgehen darf, weil sonst das Auto nicht mehr fährt. Deshalb hat er es immer gemacht, damit nichts schiefgeht.“

Vossi schüttelt lachend den Kopf. „Ist euch schon mal der blaue Deckel direkt neben dem Einfüllstutzen aufgefallen?“

„Du meinst neben dem Tankloch?“

„Den schraubst du auf und da tankst du das AdBlue rein. Genauso, wie du auch deinen Diesel tankst. Fertig.“

„Und woher wissen wir, dass wir es nachfüllen müssen? Am Ende bleiben wir deswegen liegen!“

„Das kriegt ihr schon mit, glaub mir. Es wird eine Warnung angezeigt. AdBlue nachfüllen. Kein Motorstart in 2.400 Kilometern.Die Meldung wird dann immer vehementer, ab tausend Kilometer kommt sogar ein akustisches Signal dazu. Und kurz vor Schluss wird sie rot und ist überhaupt nicht mehr zu übersehen. Da hast du genügend Zeit, das AdBlue nachzufüllen.“

Ich schlucke. So ist das also. Hört sich nicht nach dem Hexenwerk an, das uns der Wieshofer weisgemacht hat. „Neunundsiebzig Cent sagst du? Fast drei Euro pro Liter günstiger?“

„Plus Arbeitszeit.“

Ich vergaß!

„Im Prinzip wundert es mich nicht, dass die solche Rechnungen schreiben. Bei denen sitzt ein Haufen Wasserköpfe im Büro, die bezahlt werden müssen.“

Die nächsten Sekunden verrinnen schweigend. Dann klopft mir Vossi mehrmals auf die Schulter. Ganz so, als wolle er mich trösten.

„Unter uns: Spätestens nächstes Jahr brauchst du neue Bremsscheiben und die Stoßdämpfer kommen auch schon auf dem Zahnfleisch daher. So viel ist der Passat gar nicht mehr wert, wie du da reinstecken müsstest. Ich an deiner Stelle würd schauen, dass ich die Kiste so schnell wie möglich loswerde. Vielleicht findest du jemanden, der ihn ausschlachtet? Dann bekommst du wenigstens noch ein paar Hunderter dafür.“

Das muss ich erstmal sacken lassen. Mein treues Auto. Kaputt und wertlos. Sogar von Ausschlachten ist die Rede! Was für ein brutales Wort! Doch selbst wenn man es nachhaltige Ersatzteilnutzung nennen würde, ändert es nichts daran, dass mein Passat zerlegt und zerrissen werden soll. Dabei hängen so viele Erinnerungen an ihm!

Mit ihm sind wir ins Krankenhaus gefahren, als ich mit Rosalie schwanger war und die Wehen einsetzten. Sebastian hatte schon Wochen zuvor panische Angst, dass meine Fruchtblase platzen könnte und deshalb wasserdichte Moltontücher auf den Sitzen ausgelegt. Falls jemand denkt, es sei eine gute Idee, im Hochsommer auf Moltontüchern im Auto zum Einkaufen zu fahren: Nein! Die Dinger sehen erstens scheiße aus und sind zweitens wärmeisolierend. Ein Heizkissen ist nichts dagegen.

Oder dieser Urlaub in Italien, als wir unser Auto leicht abschüssig parkten und es anfing, die Straße hinunterzurollen, kaum dass wir drei Schritte entfernt waren. Geistesgegenwärtig hechtete ich hinterher und zog im letzten Moment die Handbremse. Nach der großen Erleichterung, das Auto rechtzeitig gestoppt zu haben, kam die Panik: Das Kind ist weg! Xaver, der damals gerade mal drei Jahre alt und für maximal zehn Sekunden unbeaufsichtigt war, nutzte die Chance, um spurlos zu verschwinden. Wie von Sinnen rannte ich zur Kreuzung, die wir kurz zuvor passiert hatten. Erst danach wanderte mein Blick zum gegenüberliegenden Eiskiosk. Jedes Mal, wenn ich die Handbremse meines Passats hochziehe, muss ich an Xaver denken, wie er mit großen Augen vor der Eiskarte stand und überhaupt nicht verstand, weshalb er gleichzeitig geknuddelt und geschimpft wurde.

Jetzt soll dieses Auto, das Stück Familiengeschichte, Teil vieler gemeinsamer Erinnerungen, der Vergangenheit angehören? Mein Passat – ersetzt durch ein namenloses Stück Blech? Kurz überlege ich, ob ich nicht doch meinen Vater bitten soll, dass er sich das Auto anschaut. Aber wirklich nur kurz. Bei einer defekten Einspritzpumpe kann selbst sein Spezialkitt, den er als Universalreparaturmaßnahme überall hinschmiert, nichts mehr retten.

Mit zusammengepressten Lippen radle ich von Vossis Autowerkstatt zu Zeitschriften und mehr – den Laden, den ich letztes Jahr von Feichti übernommen habe. Während ich stoisch auf die Fahrradpedale eintrete, kreisen meine Gedanken auf Hochtouren. Den ersten Kilometer suhle ich mich in Selbstmitleid. Warum ausgerechnet ich? Warum jetzt?Den zweiten Kilometer verfluche ich meine Vertragswerkstatt. Maschinger, du Gauner! Da stopfe ich dir eh schon so viel Geld in den Rachen und du hast nichts Besseres zu tun, als mich auszunehmen wie eine Weihnachtsgans? Kilometer drei und vier lege ich in allgemeiner Unzufriedenheit zurück. So eine Scheiße aber auch. Erst die Waschmaschine und dann auch noch das Auto! Bei Kilometer fünf schmiede ich wirre Zukunftspläne. Dann müssen wir eben mit nur einem Auto klarkommen. Wenn Sebastian nur noch Homeoffice machen könnte ... oder ich jeden Tag eine Stunde früher aufstehe und mit dem Fahrrad in den Laden fahre? Bei Kilometer sechs gestehe ich mir ein, dass das utopisch ist. Also doch kaufen, denke ich bei Kilometer sieben und bei acht und neun gehe ich bereits die Fahrzeughändler der Umgebung im Kopf durch. Beim letzten Kilometer verfluche ich mich selbst dafür, dass ich den Laden letztes Jahr nach Heidelkirchen umgezogen habe, nur weil eine günstige Ladenfläche in besserer Lage frei geworden ist.

Als ich mein Fahrrad im Hinterhof abstelle, habe ich mich bereits einigermaßen mit der Situation abgefunden. Es ist, wie es ist.Das Leben geht weiter.

Zum Glück hat sich Feichti für heute angekündigt. Seit er mir sein Geschäft übergeben hat, schaut er ein- bis zweimal die Woche vorbei, um mich zu unterstützen. Weil mir sonst was fehlen würde, sagt er immer und ich nehme seine Hilfe nur allzu gern an. Feichti ist ein durch und durch gradliniger, ehrlicher und positiver Mensch, den ich unwahrscheinlich gern um mich habe. Bei ihm ist das Glas immer halb voll. Ganz anders als bei meinem Vater. Bei dem ist es fast leer. Immer. Egal, wie viel drin ist.

Doch als Feichti heute die Ladentür öffnet, ziehe ich scharf die Luft ein. „Was ist denn mit dir los?“, frage ich und starre auf seinen rechten Arm. „Hat es dich mit deinem Motorrad gestülpt?“

„Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich dir, allerliebste Franzi! Mit dem Motorrad hat das nichts im Geringsten zu tun.“ Er hebt den eingegipsten Arm, grinst vielsagend und lässt ihn wieder sinken. „In vier Wochen kommt er wieder ab. Ich hab mir die Elle gebrochen. Mir ist einer mit dem E-Scooter reingefahren.“

„In den Arm?“

„Ins Auto. Genauer gesagt, in meine Fahrspur. Hat einfach die Fahrbahn gekreuzt mit seinem saublöden Roller. Ein Wahnsinn, mit welcher Geschwindigkeit die auf diesem Spielzeug durch die Gegend rasen – ohne jegliche Schutzausrüstung! Zum Glück ist dem Kerl nichts passiert. Bloß ich bin halt saublöd gegen das Lenkrad geknallt.“

E-Scooter. Damit könnte ich auch zur Arbeit fahren, wenn es die Dinger in Katzbrück geben würde. Aber dieser Luxus ist bisher nur Stadtbewohnern vorenthalten. „Warst du nicht angeschnallt?“ Ich mache ein maximal besorgtes Gesicht.

„Das ist es ja! Ich bin beim Hof raus, die Straße hoch und wollte mich wie immer oben an der Kreuzung anschnallen. Ich hatte den Gurt bereits in der Hand, als mir dieser Depp plötzlich vors Auto fährt. Da hab ich das Lenkrad rumgerissen und bin voll in die Eisen gestiegen.“

„Und dann mit dem Arm gegen das Lenkrad geknallt“, beende ich die Geschichte.

„So ist es.“

„Und dein Auto?“, frage ich aus aktuellem Anlass.

„Ist beim Gutachter. Der schätzt morgen den Schaden für die Versicherung.“

„Da hast du aber nochmal richtig Glück gehabt!“

Feichti, der sich gerade eine Tasse aus dem Schrank holen wollte, hält mitten in der Bewegung inne. Mit hochgezogenen Augenbrauen dreht er sich zu mir um und fixiert mich abschätzend. „Weil die Versicherung zahlt? Ich hab mir den rechten Arm gebrochen.“

„Natürlich ...“, setze ich an, doch Feichti redet einfach weiter.

„Hast du eine Vorstellung davon, was das bedeutet? Ich muss plötzlich alles mit links machen. Haustürschlüssel ins Schloss stecken, Zähne putzen, Klopapier benutzen, Socken anziehen! Dafür zahlt die Versicherung nicht.“

Mit Schaudern erinnere ich mich an letztes Jahr, als ich in der Apothekenzeitschrift gelesen hatte, dass das Gehirn gefordert wird, wenn man aus gewohnten Mustern ausbricht. Machen Sie Dinge, die Sie für gewöhnlich mit der dominanten Hand erledigen, mit der anderen Hand. Wie zum Beispiel Zähneputzen, stand da. Natürlich musste ich das sofort ausprobieren. Aus Angst vor Karies und vor allem wegen des mit Zahnpastaspritzern vollgesauten Spiegels habe ich es jedoch schnell wieder aufgegeben.

„Die größten Herausforderungen sind in der Küche: Brot runterschneiden. Wurst herschneiden. Einen Topf Nudeln abseihen. Daran bin ich anfangs beinahe verzweifelt!“ Er beugt sich verschwörerisch zu mir vor. „Erzähl das bitte niemandem, aber ich hab das Nudelwasser mit der Schöpfkelle in eine Schüssel umgefüllt, die ich dann zur Spüle getragen und ausgeleert habe. Ich war kurz davor, mein Singleleben aufzugeben und mir eine Freundin zu suchen.“

„So schlimm gleich?“, scherze ich und stoße ihm mit dem Ellbogen in die Seite. Feichti würde sein Singleleben niemals aufgeben, da bin ich mir sicher. Nicht mal, um seine rechte Hand zu ersetzen. Denn sobald eine Frau die Worte gemeinsame Zukunft oder Zusammenziehen in den Mund nimmt, ist er weg. Selbst bei Maria, in die er über beide Ohren verliebt war, konnte er nicht über seinen Schatten springen. Das alles nur, weil seine frühe Ehe nach sieben Jahren gescheitert ist und er anschließend eine unerklärliche Angst vor Bindung entwickelt hat. Dabei ist er eine Seele von Mann. Ein Mensch, den man sich als Frau an seiner Seite wünschen würde. Schade, dass die Guten oft die sind, die die größten Narben davontragen.

„Zum Glück gibt es Toastbrot“, reißt er mich aus meinen Gedanken. „Die Wurst kaufe ich aufgeschnitten und statt Nudeln schiebe ich mir einfach Pizza oder Pommes in den Ofen.“ Breit grinsend stellt er seine Tasse auf den Vollautomaten. „Im Bad gestaltet es sich immer noch schwierig. Aber eine Freundin könnte mir auf dem Klo auch nicht weiterhelfen.“

Zu viel Information! Um das aufkeimende Kopfkino zu verscheuchen, wechsle ich schnell das Thema. „Mein Passat ist verreckt. Ich brauch ein neues Auto.“

„Da schau an. Endlich!“

„Papa wird natürlich behaupten, er habe das kommen sehen, weil wir immer zu kurze Strecken fahren oder zu viel fahren oder zu langsam, zu schnell, zu untertourig und zu übertourig. Gleichzeitig wird er tausend Ideen entwickeln, wie wir das Ganze über die Versicherung abwickeln könnten.“

„Er meint’s doch nur gut, der Sepp. Kennst ihn ja.“

„Trotzdem fürchte ich mich jetzt schon vor seinen Ratschlägen. Und Sebastian? Der wird vermutlich im Dreieck springen, wenn ich es ihm heute Abend erzähle.“

„Dein Sebastian kann sich seine Turnübungen sparen. Die Kiste war uralt, das war zu erwarten.“

„Mein Sebastian ist Schwabe und es handelt sich um eine ungeplante Ausgabe.“

„Grad weil er Schwabe ist, habt ihr doch sicher Rücklagen für solche Fälle, oder?“

Natürlich haben wir Rücklagen. Sebastian verdient gut und es gibt ein Sparkonto, auf das wir regelmäßig einzahlen. Für: Falls mal was ist. Dieses Falls mal was ist ist jetzt eben eingetreten. Feichti nippt an seinem Kaffee und schweigt.

„Er ist der typische Bausparer, mein Mann. Hart an der Grenze zum Knauser, was manchmal wirklich anstrengend ist.“ Ich halte kurz inne. „Andrerseits hat keine meiner Freundinnen eine dermaßen solide Altersvorsorge wie ich.“

Es regnet, als ich endlich Feierabend mache. Keiner dieser schönen, warmen Sommerregen, wie sie oft in Herzschmerzromanen fallen, sondern ein kalter Platzregen mit Wind, Wolken und Donner. Unschlüssig starre ich durch das Schaufenster. Zehn Kilometer mit dem Rad durch dieses Mistwetter? Da bin ich morgen todsicher krank. Aber im Laden abwarten, bis der Regen nachlässt, geht auch nicht. Wir haben um acht ein Kegelturnier. Die Katzbrücker Kegelkatzen spielen auswärts, so dass wir in spätestens einer Stunde losmüssen. Eigentlich wollte ich vorher daheim noch eine Kleinigkeit essen und duschen.

Ich überlege, wen ich bitten könnte, mich zu holen. Sebastian ist noch in der Arbeit. Mama hat genügend Stress mit Oma und Opa. Bleibt also nur einer: Papa.

Franzi:Hast du zufällig Zeit? Dann könntest du mich vom Laden abholen.

Innerhalb weniger Sekunden springt der Doppelhaken von grau auf blau. Er hat die Nachricht gelesen. Was dann folgt, kennen wir alle.

Papa schreibt ...

Papa schreibt ...

Papa schreibt ...

Papa: Warum?

Franzi:Weil es regnet und ich heute Morgen mit dem Fahrrad gefahren bin.

Papa schreibt ...

Papa schreibt ...

Papa: Wollte gerade in die Dusche.

Papa schreibt ...

Papa: Hab alte Bierbänke abgeschliffen.

Franzi:Wär gut, wenn du mich abholst, bevor du in die Dusche gehst. Es schüttet wie aus Kübeln.

Papa schreibt ...

Papa schreibt ...

Papa schreibt ...

Papa schreibt ...

Papa: Von der Dorffestgemeinschaft. Die wollten die Bänke wegwerfen!

Vielleicht ist es doch schneller, wenn ich mit dem Rad fahre?

Franzi: Holst du mich?

Papa schreibt ...

Papa schreibt ...

Papa schreibt ...

Franzi: Ansonsten muss ich mir ein Taxi nehmen.

Eineinhalb Sekunden später klingelt mein Handy.

„Auf gar keinen Fall nimmst du dir ein Taxi!“, legt Papa sofort aufgeregt los. „Weißt du nicht, was das kostet? Da kann ein anderer einen ganzen Monat davon leben! Was red ich – ein halbes Jahr!“

„Die Strecke ist grad mal zehn Kilometer, Papa.“

„Eben! Kurzstreckenzuschlag, erhöhte Anfahrtspauschale, man weiß nie, was sich diese Gauner alles einfallen lassen.“

„Also holst du mich?“

„Warum bist du überhaupt mit dem Radl gefahren?“

„Mir war danach.“ Das ist natürlich gelogen. Doch wenn ich ihm jetzt eröffne, dass das Auto immer noch in der Werkstatt ist, lässt er so lange nicht locker, bis ich ihm die ganze Wahrheit gebeichtet habe. Zum Glück geht er nicht weiter darauf ein.

„Im Seiglingkurs sind wir diesmal fast nur bergauf gefahren. Ich hab einen dermaßenen Krampf im Oberschenkel bekommen, so was hast du noch nicht erlebt. Wenn die Viki nicht gewesen wäre, ich weiß nicht, ob ich das überlebt hätte. Solche Schmerzen! Der Tauner Rudi hat mir in der Umkleide erzählt, dass er auch immer mit Krämpfen kämpft. Gurkenwasser ist das Einzige, was hilft, hat er gemeint. Er hat für den Notfall immer ein Glas Essiggurken auf dem Nachttisch stehen. Das muss ich direkt mal ausprobieren. Ist Sebastian noch nicht daheim?“

„Nein, sonst hätte ich ihn natürlich zuerst gefragt.“

„Vielleicht ist er eh schon unterwegs, dann kann er dich gleich mitnehmen.“

Ich seufze. War klar, dass das was Längeres wird. „Der hat erst in einer Stunde Feierabend. Das ist zu spät, wir haben doch heute ein Auswärtsturnier.“

„Gut, dass du das sagst. Wer von euch ist dran mit Fahren?“

„Mama.“

„Schon wieder? Ist die nicht erst letztes Mal gefahren?“

„Nein, Papa!“

„Könnt ja sein. Die glaubt nämlich, Benzin würde nix kosten. Heute war sie zweimal bei Oma und Opa.“

„Mhm.“

„Und beide Male mit dem Auto!“

„Hm.“

„Also, was ist jetzt? Soll ich dich holen oder nicht?“

Die Stimmung der Katzbrücker Kegelkatzen ist gut, als mich Mama kurz vor elf zu Hause abliefert. Obwohl ich das schlechteste Spiel der bisherigen Saison abgeliefert habe, konnten wir knapp gewinnen.

---ENDE DER LESEPROBE---