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Dünne Haare, Haarausfall, lichte Stellen - Störungen des Haarwachstums können viele Formen annehmen und ganz unterschiedliche Ursachen haben. Oft wird Haarausfall nicht als Krankheit akzeptiert: Haarerkrankungen bleiben ein Tabuthema. Dabei trifft es jeden Zweiten, unabhängig von Alter und Geschlecht.
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Seitenzahl: 223
Veröffentlichungsjahr: 2007
Für Robert, cause there is always a way …
Um einen Ratgeber auf dem aktuellen Stand medizinischen Wissens zu verfassen, habe ich wissenschaftliche Studien zu Rate gezogen. Für Unterstützung hierbei danke ich (in alphabetischer Reihenfolge):
Prof. Dr. med. J. Baltzer, Krefeld
Dr. med. Hugo Boonen, Geel/Belgien
Dr. Anna Maria Convalexius, Wien
Prof. Dr. Uwe Gieler, Gießen
Dr. med. Susanne Hahn, Bochum
Prof. Dr. med. Rolf Hoffmann, Freiburg
Prof. Dr. Emil Iliev, Sofia/Bulgarien
Priv.-Doz. Dr. med. G. A. Lutz, Wesseling
Dr. med. Th. P. A. Moller, Bremen
Prof. Dr. med. Eberhard Paul (Glasg.), Nürnberg
Antonia Peters und alle anderen von der Infostelle Trichotillomanie, Hamburg
Dr. med. Frank-Matthias Schaart, Hamburg
Prof. Dr. med. H. Schell, Erlangen
Prof. Dr. Rudolf E. Schopf, Mainz
Dr. Dipl-Psych. Kurt Seikowski, Leipzig
Dr. med. Dipl.-Ing. Johann Sperl, Berlin
Prof. Dr. med. Hans Wolff, München
Darüber hinaus gilt mein Dank all jenen, die mich mit professionellem Rat und entsprechendem Bildmaterial unterstützt haben (in alphabetischer Reihenfolge):
Dr. Michaela Arens-Corell, Sebapharma GmbH & Co. KG
M. Roland Braumann, Groupe Baumann S.A., Mulhouse, Frankreich
Heidi Gäng und Helga Leiendecker, Bellargo Haarsystem GmbH, München
Britta und Lothar Hespos, Hespos Haarstudio, Bremen
Frank Klett-Loch, Thymuskin Cosmetic Produktions- und Vertriebsgesellschaft mbH
René Koch, Cosmetic & Camouflage Centrum, Berlin
Waltraud und Corinna Kuffner, Long-Time-Liner GmbH, München
Günter Lehnen, Modess GmbH, Kerpen-Sindorf Ingo Mayer, Gisela Mayer GmbH, Memmingen
Dr. Jens Meyer, → www.haarerkrankungen.de, Bremen
Ralf Niesters, Tao Chi – Schule für Tai Chi Chuan und Qigong, Krefeld
Dr. Michael Ruess, Vichy Laboratoires, Düsseldorf
Franziska Santschi, Münchenwiler, Kanton Bern, Schweiz
Kerstin Sedlatschek, Pfizer Consumer Healthcare GmbH, Karlsruhe
Rainer Seegräf, Bergmann GmbH & Co. KG, Laupheim
Peter Volk, Haarsysteme Volk, Albstadt
Für die professionelle Zusammenarbeit und die Unterstützung meines Engagements für Menschen mit Haarausfall bedanke ich mich ganz besonders bei Herrn Uli Ellwanger und Herrn Thomas Kleeberg von den Medizinverlagen Stuttgart.
Als ich Jenny Latz zum ersten Mal traf, war ich recht schnell tief beeindruckt von ihrer – wie ich es nennen würde – positiven Krankheitsverarbeitung ihres kreisrunden Haarausfalls. Mir gegenüber stand eine selbstbewusste und energievolle Frau, die ihre Glatze infolge der Krankheit offenbar ohne psychische Probleme sehr gut verkraftet hatte. Sie ist damit Vorbild für viele Menschen geworden, die unter dieser Erkrankung leiden.
Nun sehe ich als Hautarzt und Psychotherapeut oft Menschen, die Schwierigkeiten mit ihren Haaren haben, sei es, dass scheinbar zu viele Haare ausfallen, ohne dass es einen medizinischen Grund hierfür gibt, oder dass eine Haarerkrankung wie der kreisrunde Haarausfall vorliegt oder eine Form der männlichen oder weiblichen Glatzenbildung. Immer ist es so, dass Haare eben doch ein ganz besonderes Hautanhangsgebilde sind. Haare haben eine große Bedeutung für unser Wohlbefinden und die eigene psychische Stabilität. Nicht selten wenden wir uns bei inneren Konflikten – teilweise unbewusst – lieber den Haaren zu und bemerken ihren Wechsel und Ausfall stärker, als uns mit inneren Konflikten und psychischen Spannungszuständen zu beschäftigen. Die Haare symbolisieren schon immer Macht und psychische Stabilität sowie Selbstbewusstsein. Gerade für Frauen, aber auch immer mehr für jüngere Männer sind die Haare und ihre Pracht ein echtes Problem. Nur zu gerne würde mancher hier viele Ursachen im Sinne einer Hormonstörung vom Arzt erklärt bekommen.
Vor allem werden in diesem Buch auch die psychischen Probleme, die mit Haarausfall verbunden sind, eingehend beleuchtet und aus ihrer langen Erfahrung mit vielen Betroffenen im Rahmen der Selbsthilfe für kreisrunden Haarausfall dargestellt. Nach meiner eigenen Erfahrung mit der Krankheit bei Patientinnen erfinden die Frauen Ausreden, um nicht auszugehen, vernachlässigen ihren Freundeskreis, kapseln sich vom Partner ab. Depressionen, Selbstmordgedanken und Verzweiflung sind dabei Ausdruck von Trauer und Ohnmacht. Besonders schwer haben es Frauen, die erst kurzzeitig betroffen sind, aber auch solche, bei denen die Erkrankung schubweise verläuft. So werden die Hoffnungen auf eine erneute Haarpracht immer wieder genährt, die Frauen können sich nicht endgültig auf eine Situation einstellen. Auch Patientinnen mit androgenetischem Haarausfall kommen schlechter mit dem Verlust klar: Durch den schleichenden Prozess verleugnen sie den Haarausfall über viele Jahre erfolgreich; werden sie darauf angesprochen, bricht mitunter eine Welt zusammen. Frauen und natürlich auch Männer, die sich selbst outen, erleben diesen Moment jedoch als positiv und erleichternd; die Reaktionen sind fast ausnahmslos respektvoll und freundlich.
Wir wissen aus der psychosomatischen Forschung längst, dass vor allem die bewusste und nicht übertriebene Auseinandersetzung mit einer Erkrankung fast immer den Umgang mit der Krankheit bessert, wenn nicht sogar die Symptome reduzieren kann. Es ist hinreichend bekannt, dass jeder, der sich vermehrt mit seinen Haaren auseinander setzt, diesen übertriebene Aufmerksamkeit schenkt, die oft nicht hilfreich ist. Informationen sammeln ist sicher wichtig, aber es ist auch wichtig, sich nicht ständig nur noch um die Haarerkrankung zu kümmern, sondern sein Leben auch mit einer mehr oder weniger auffälligen Erkrankung zu leben. Dies ist sicher leichter gesagt als getan, und deshalb benötigen die Betroffenen auch professionelle Hilfe.
Das Buch von Jenny Latz ist nicht nur gut zu lesen, sondern auch sehr übersichtlich zusammengestellt, und so wird sich jeder schnell zurechtfinden und hoffentlich viele Informationen bekommen, die helfen, sich mit Haarproblemen besser auszukennen. Nicht zuletzt das Kapitel, wie man den richtigen Arzt findet, wie man Scharlatane entlarven kann und die vielen Infos über weitere Adressen habe ich bisher so in keinem anderen Buch gefunden. Den Ärzten, die sich mit Haarproblemen auskennen, hilft es immer, wenn sie einen gut informierten Patienten haben, mit dem sie sich gemeinsam gegen die Erkrankung zusammentun können!
Prof. Dr. Uwe Gieler Hautarzt – Arzt für Psychotherapeutische Medizin Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie Justus-Liebig-Universität Gießen
Ich gehöre zu den etwa eine Million Betroffenen in Deutschland, die mit dem kreisrunden Haarausfall, einer unberechenbaren, mysteriösen Krankheit, leben müssen.
Mit dem Ende der Schulzeit änderte sich mein Leben radikal. Ein Jahr nach dem Tod meiner Mutter verlor ich mein gesamtes Kopfhaar und später auch die Gesichts- und Körperbehaarung. Für mich brach eine Welt zusammen. Nichts stimmte mehr. Ich versteckte mich, zog mich immer mehr in Isolation und Depression zurück. Ich wagte es nicht mehr, ohne Kopfbedeckung das Haus zu verlassen. Es folgten unzählige vergebliche Therapieversuche bei unterschiedlichen Ärzten.
Niemand konnte mir Rat und Hilfestellung bieten. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, umfassend über Haarausfall im Allgemeinen und den kreisrunden im Besonderen informiert zu werden. Wie sehr sehnte ich mich danach, aufgefangen zu werden und mich mit kompetenter Beratung an meiner Seite nicht allein gelassen zu fühlen. Doch es gab keine Unterstützung.
So musste ich aus eigener Kraft lernen, mit jeder Situation neu umzugehen. Nichts und niemand hatte mich auf dieses Leben als kahle Frau vorbereitet. Es dauerte fast 20 Jahre, bis ich zu einer neuen, einer anderen, aber selbstbewussten Frau wurde.
Mit meiner Wahl zur Bundesvorsitzenden der Selbsthilfeorganisation Alopecia Areata Deutschland e.V. im Jahre 1996 wurde mir die Verantwortung übertragen, meine Erfahrungen an andere Betroffene weiterzureichen, mich für das Schicksal anderer einsetzen zu dürfen.
Seit 30 Jahren besitze ich keine Haare mehr. Ich weiß, welche Qualen Frauen und Männer durchleben, wenn sie ihre Haare verlieren. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass diese Menschen heute nicht mehr die leidvollen Erfahrungen durchleben müssen wie ich einst. Mit meinem Beratungsprojekt HAIRCOACHING® will ich umfassend über Haarausfall informieren und biete gleich bei den ersten Anzeichen von Haarausfall Hilfe zur Selbsthilfe. Ob es um die Suche nach einer klaren Diagnose beim richtigen Arzt geht, um die Entscheidung für passenden Haarersatz oder einfach darum, Strategien zum Umgang mit dem Haarausfall zu finden: HAIRCOACHING® bietet für jeden individuelle Lösungen, denn Haarausfall muss heute kein unumstößliches Schicksal mehr sein.
Die Hinweise über verschiedene Haarkrankheiten und ihre Therapieformen, die in diesem Buch im Folgenden gegeben werden, können jedoch ein individuelles ärztliches Gespräch nicht ersetzen. In keinem Fall sollten Sie versuchen, sich selbst zu behandeln!
Zweifellos besitzt das menschliche Haarkleid eine biologische Bedeutung. Unsere prähistorischen Vorfahren trugen ein dichtes Fell als natürlichen Schutz vor schlechter Witterung und Kälte. Nur so konnten sie ihre Körpertemperatur halten, denn Haare stellen eine hervorragende Isolationsschicht dar.
Die Frage, wie es zu dieser Entwicklung kam, ist bis heute wissenschaftlich nicht geklärt. Vermutlich hat sich die menschliche Behaarung an die veränderten Lebensbedingungen angepasst. Der Mensch brauchte sein dichtes Fell nicht mehr, als er in der Lage war, sich am selbst gemachten Feuer zu wärmen. Mit zunehmender Nacktheit schützten unsere Vorfahren ihre Körper durch das Töten von Pelztieren vor Kälte.
Augenbrauen als Schweißstopper – Wimpern als Warnsystem fürs Auge
Wir können mit unseren Haaren nichts mehr ertasten. Wir haben keine Stacheln oder Borsten, mit denen wir uns Feinden gegenüber verteidigen könnten. Lediglich Augenbrauen und Wimpern besitzen noch eine echte Funktion. Sie schützen das Auge vor Schweiß und Schmutzpartikeln. Die feinen Härchen im inneren Gehörgang sorgen dafür, dass wir unser Gleichgewicht halten können. Haare in der Nase schützen die empfindlichen Schleimhäute vor eindringenden Staubteilchen. Wenn wir Angst haben oder frieren, stellen sich die Körperhaare auf – ein uraltes Verhaltensmuster der Menschheit. Als Tarnung oder Wetterschutz sind unsere Haare jedoch nicht mehr zu gebrauchen.
Der Mensch ohne Haare – der Mensch der Zukunft?
Und diese Entwicklung schreitet weiter fort. Immer mehr Männer klagen bereits in jungen Jahren über eine beginnende Glatzenbildung, und auch Frauen, die sich weit vor der Menopause befinden, stellen vermehrten Haarausfall fest. Werden wir irgendwann ganz ohne Haare auskommen? Wird es eines Tages zur Normalität gehören, dass Männer und Frauen so gut wie keine Haare mehr besitzen? Passt sich das genetische Haarprogramm den veränderten Umweltbedingungen an? Wird der vollkommen haarlose Mensch am Ende der Evolutionsgeschichte stehen?
Besäße das Haar nicht eine so starke Symbolik, würden wir uns wohl kaum Sorgen über seinen Verlust machen. Die Geschichte weist unzählige Belege dafür auf, dass dem Kopfhaar in den verschiedenen Kulturen stets große Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Haare dienten von jeher der Identität von Individuen, der Rangordnung in der Gesellschaft und als Signal der Sexualität. Haare tragen den Geruch eines Menschen. Im Normalfall sind sie der einzige Teil unseres Körpers, den wir bewusst beeinflussen können.
Frisuren dienten der gesellschaftlichen Positionierung
Eine starke symbolische Bedeutung besitzt die Frisur. Frisuren markierten Sitten und Gebräuche von Völkerstämmen und sorgten für die gewünschte Unterscheidung von anderen. Gleichzeitig diente die Haartracht in vielen Epochen einer äußeren Festlegung der gesellschaftlichen Rangordnung. Ihr Empfinden von Macht stellten Kaiser und Könige durch ihre Frisuren dar. Alles, was Rang und Namen besaß, passte sich der herrschenden Mode an, um zu demonstrieren, dass man zu einer der oberen Schichten gehörte. Was man auf dem Kopf trug, wie die Haare geschnitten und frisiert sein mussten, wurde stets von der Mode der Herrschenden diktiert.
In der Antike glaubte man, das Kopfhaar sei der Sitz des Lebens und repräsentiere daher den Menschen. Bereits im alten Ägypten legte man großen Wert auf die Pflege der Haare und des Bartes. Der Barbier war lange vor Christi Geburt eine hoch angesehene Person. Im alten Rom kannte man sogar den Beruf der Haarordnerin, die dafür sorgte, dass die Damen der besseren Gesellschaft stets gut frisiert waren.
Rasur als Symbol für Unfreiheit und Sklaverei
Der Verlust von Haaren oder die Rasur sind ein Symbol für die Unterwerfung eines Menschen. Wem die Haare gewaltsam genommen werden, der empfindet Ohnmacht und Unfreiheit. Sklaven durften keine langen Haare tragen, denn diese symbolisierten Freiheit.
Auch für die Germanen bedeutete langes Haar Kraft und Freiheit. Es brachte Stolz und Selbstbewusstsein des Trägers zum Ausdruck. Wollte man andere Menschen unterwerfen, beraubte man sie dieses Freiheitssymbols, indem man sie kahl schor.
Regelrechte Haaropfer kennen wir aus der Antike. Als Gabe für die Toten mussten sich die Hinterbliebenen die Köpfe scheren. Mit dem Akt der Rasur demonstrieren buddhistische Mönche ihre Hingabe an ihre Religion und an Buddha. Die kahlen Köpfe symbolisieren sowohl die Zugehörigkeit zu einer Gruppe als auch die eigenständige Entscheidung, in Demut dem Glauben zu dienen.
Historische Quellen belegen, dass Kahlheit und Haarausfall in den unterschiedlichsten Kulturkreisen meist negativ besetzt waren. Daher waren die Menschen zu allen Zeiten bemüht, ihre Haare den herrschenden Schönheitsidealen anzupassen. Mittel gegen Haarausfall, gegen frühzeitiges Ergrauen und Enthaarungsmittel kannten bereits die Ägypter. Dabei enthielten die haarwuchsfördernden Arzneien oft die absonderlichsten Ingredienzien. Im Papyros Ebers wird beispielsweise die Verwendung einer Mixtur aus Dattelkernen, dem Blut eines schwarzen Kalbes, der Schale einer Schildkröte und dem Huf eines Esels erwähnt.
Im späten Mittelalter entsprach eine hohe Stirn – in der Frührenaissance auch ein Zeichen für Klugheit – dem absoluten Schönheitsideal. Daher pflegten die Damen ihre Augenbrauen auszudünnen, störende Haare wurden ausgezupft oder mit den damals üblichen Enthaarungsmitteln entfernt, um die Stirn optisch zu verlängern.
Mit den Hippies kam die Wende
Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich eine Vielfalt von nebeneinander existierenden Mode- und Frisurenstilen. Hippiezeit und Protestbewegung sorgten in den 60ern für eine entscheidende Änderung der Bedeutung von Haaren. Erstmals in der Geschichte bestimmten nicht die Herrschenden, sondern die junge Generation, was getragen wird. In einer Gesellschaft, in der Jugendlichkeit und Dynamik gefragt sind, blieb es nicht aus, dass auch die ältere Generation bald den Stil der Jugend adaptierte. Niemals zuvor herrschte eine derartige Frisurenvielfalt.
Die Bedeutung, die in unserer heutigen Gesellschaft besonders dem Frauenhaar beigemessen wird, basiert auf einer langen kulturhistorischen Tradition. In zahlreichen Beispielen aus Literatur, Märchen und Volksweisheiten werden lange, glänzende Haare als unbedingte Voraussetzung für Schönheit betrachtet.
»Rapunzel hatte lange prächtige Haare, fein wie gesponnen Gold. Wenn sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie ihre Zöpfe los, wickelte sie oben um einen Fensterhaken und dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief herunter,..« (Gebrüder Grimm, Rapunzel)
Das Haar durfte nicht geschnitten werden, weil man befürchtete, sonst die Kraft (das Leben) zu verlieren.
Delilah verführte Samson mit Hinterlist. Betrunken erklärte dieser der Philister-Dirne Delilah in einer Liebesnacht, dass sein Haar Quelle seiner Kraft sei. Während Samson schlief, schnitt Delilah sein Haar ab. Nun konnten ihn die Philister überwältigen. Sie stachen ihm die Augen aus und führten ihn als Sklaven nach Gaza.
Heinrich Heine schwärmt in seinem Gedicht von der Loreley:
Die schönste Jungfrau sitzet Dort oben wunderbar, Ihr goldenes Geschmeide blitzet, Sie kämmt ihr goldenes Haar.
Einem Menschen die Haare abzuschneiden ist mit unterschiedlichen Inhalten besetzt. Aber im weitesten Sinne hat es stets etwas mit Kontrolle zu tun. Das kann die symbolische Kastration sein oder der Prozess der rituellen Trennung von einer sozialen Gruppe. Indem man ihm das Haar abschneidet, gewinnt man Gewalt über den Geschorenen. Darüber hinaus steht das Abschneiden von Haaren für soziale Kontrolle, für das Sich-Einordnen in die Gesellschaft, für Disziplinierung (z. B. im Militärdienst) oder auch für Askese (bei Mönchen).
Auch heute noch besitzen Haare eine große Symbolkraft. Männer mit langer Mähne gelten als unangepasst. Ihre langen Haare stehen einer kultivierten Erscheinung entgegen. Bei Karriere-Frauen erwartet man eher eine Kurzhaarfrisur. Lange Haare bedeuten Weiblichkeit und Erotik.
Eine ganz besondere Handwerkskunst hatte ihre Blütezeit im späten 18. Jahrhundert. Bilder oder Schmuck aus Haaren wurden als Band der Liebe und Freundschaft gefertigt. Neben den Frisören boten auch Klöster Arbeiten aus Haar an. Arme Bauerntöchter verkauften ihren langen Zopf gegen gutes Geld. Für die Damen der höheren Gesellschaft gab es Anleitungsbücher.
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts lernten viele Frisöre während ihrer Lehrzeit diese kunstvolle Verarbeitungsmöglichkeit. Heute kennt kaum jemand diese Technik. Sehr viel Wissen ist verloren gegangen.
In der Schweiz gibt es jedoch wieder eine Gruppe, die diese Kunst gelernt hat und die Haarkunst weiterleben l㲳t. Nach alten Vorlagen werden neue Arbeiten hergestellt. Auch Franziska Santschi aus dem Schweizer Kanton Bern beherrscht diese Technik. Sie gibt ihr Wissen in Kursen weiter.
Je größer die Bedeutung von Haaren in einer Kultur, umso mehr leiden die Menschen dieser Gesellschaften unter Haarausfall und Glatzenbildung. Wen wundert es da, dass auch in unserer heutigen Zeit der Wunsch nach gesundem, glänzendem Haar als Symbol von Weiblichkeit und Erotik tief verwurzelt ist.
Im Jahre 2002 veröffentlichte dpa die folgende Meldung:
Weder Po noch Busen – Männer schauen Frauen zuerst in die Augen
Hamburg (dpa) – Jeder dritte deutsche Mann (38 Prozent) schaut laut einer Studie einer Frau zuerst in die Augen. Wie eine Umfrage des Forsa-Instituts für die neueste Ausgabe der Illustrierten »Bildwoche« unter 1000 Männern und Frauen ergab, blicken wider Erwarten nur 10 von 100 Männern als erstes auf Busen oder Po. Lediglich 8 Prozent der Männer gucken zuerst auf die Beine, für 6 Prozent sind die Haare am wichtigsten. Gerade 4 Prozent der Deutschen sehen dem weiblichen Gegenüber als Erstes auf den Mund und nur 3 Prozent auf Hüfte oder Taille.
Umgekehrt ist es ähnlich: Fast jede zweite Frau (46 Prozent) blickt dem Mann zuerst in die Augen. Hände (8 Prozent), Po (7 Prozent), Haare (6 Prozent) und Mund (4 Prozent) sind zunächst weniger reizvoll. Die Schulter zum Anlehnen interessiert nur 2 Prozent aller Frauen.
Es sind also tatsächlich nur 6 Prozent der Männer und Frauen, für die es beim anderen Geschlecht zunächst auf die Haare ankommt. Paradoxerweise erhalten wir dennoch den Eindruck, dass Haare die wichtigste Nebensache in unserem Leben darstellen. Unterstützt wird diese Bedeutung in erster Linie von den Medien, die uns ständig einhämmern, wie wichtig unsere Haare zur Erlangung des ultimativen Seelenheils sind.
Weltweit
beträgt der Umsatz der Haarpflegeindustrie über 30 Milliarden Euro, gibt es etwa 10 Millionen Frisöre
Die wenigsten Frauen und Männer entsprechen dem Bild, das uns von Werbung und Medien vorgegeben wird. Werden die modernen Mythen um Haare letztlich von der Industrie in den Medien lanciert?
Eine Gesellschaft, in der Haare und ihre Schönheit ein wesentliches Attribut für Gesundheit und Beauty darstellen, führt zweifellos auch dazu, dass sich Menschen selbst unter Druck setzen, um diesem Idealbild zu entsprechen. Somit beruht die Position, die der Einzelne zu seinem Haarausfall einnimmt, meistens auf den in seinem unmittelbaren Umfeld herrschenden Normen.
Warum dem Kopfhaar eine so große Bedeutung beigemessen wird, fasst Dr. Ronald Henss vom Fachbereich Psychologie der Universität Saarbrücken mit den vier Begriffen visuelle Prominenz, Variabilität, Manipulierbarkeit und Signalfunktion zusammen.
Die vier Bedeutungen unserer Kopfhaare
»Das eigentlich Charakteristische an unserem Haarkleid ist nicht die Nacktheit, sondern die Tatsache, dass einige wenige Zonen dichter Behaarung in starkem Kontrast zu dem weitgehend nackt erscheinenden Körper stehen. Die behaarten Inseln ziehen unmittelbar die Aufmerksamkeit auf sich…Das Kopfhaar bietet einen eindrucksvollen Rahmen für den wichtigsten Informationsträger: das Gesicht…Das Haar…weist eine enorme Variabilität auf…unzählige Variationen, hinsichtlich derer sich verschiedene Individuen voneinander unterscheiden können… Das Haar kann schmerzlos manipuliert werden...Es liefert Hinweise auf Geschlecht, Alter, Rasse, Gesundheitszustand, genetische Ausstattung des Trägers. Es liefert Aufschlüsse über den gesellschaftlichen Status und die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen.« (aus DERMAforum, Nr. 5, Mai 2004)
Dennoch hat auch die Freizügigkeit ihre Grenzen. Wem die Haare ausfallen, über den wird immer noch hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Das Stigma des Haarverlustes hat sich bis heute erhalten. Die Glatze gilt als Zeichen für den Anfang und das Ende des Lebens. Der natürlichen Nacktheit und Unschuld des Säuglings scheint die Haarlosigkeit zu entsprechen. Beim Erwachsenen symbolisiert ein kahles Haupt Reife und Lebenserfahrung.
13-jähriger Türke bringt sich wegen Fußballer-Frisur um:
Ankara, 20. Juni 2002 (AFP) – Ein 13-Jähriger hat sich in der Türkei das Leben genommen, weil sein Vater ihm verboten hatte, den Irokesen-Haarschnitt von Fußball-Star Umit Davala zu tragen. Der Jugendliche hatte sich die Haare nach dem Modell von Davala schneiden lassen, der die Türkei am Dienstag ins WMViertelfinale geschossen hatte. Wutentbrannt zwang ihn sein Vater laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Anadolu vom Donnerstag, sich den Kopf vollständig rasieren zu lassen. Daraufhin erhängte sich der 13-Jährige im Haus seiner Eltern in der nordwestlichen Provinz Bursa. Davala war mit seinem Tor in der Türkei zu einem Nationalhelden geworden, zahlreiche Jugendliche ließen sich die Haare nach seinem Vorbild frisieren.
Unser teilweise neurotisches Verhältnis zu Haaren ist eine logische Konsequenz unserer Gesellschaft. Haare sind unser Sozialorgan, wichtig für das gesellschaftliche Überleben. Haarausfall stört uns, weil wir in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem man auf das äußere Erscheinungsbild größten Wert legt. Dabei spielen die Kopfhaare des Menschen die Hauptrolle.
Die Frisur gibt wichtige Signale an die Außenwelt
Durch Haare werden feine Signale weitergegeben. Sie dienen der sozialen Positionierung. Haare stehen in direktem Zusammenhang mit dem Ansehen und der persönlichen Einschätzung. Mit Haaren kann man ausdrücken, ob man dazugehört oder nicht. Frisuren spiegeln die Geisteshaltung eines Menschen wider.
Songtext: No Future (Ohne Neue Haarfrisur) vom Album »Le Frisur« von der Band Die Ärzte
Du sitzt allein zuhaus, niemand ruft bei dir an, und du fragst dich immer wieder, wie es dazu kommen kann. Früher warst du beliebt. Du konntest jede kriegen. Jetzt bist du abgestiegen. Oh, woran mag das wohl liegen?
Keine Freunde ohne neue Haarfrisur, keine Arbeit ohne neue Haarfrisur, keine Frauen ohne neue Haarfrisur, keine Zukunft ohne neue Haarfrisur.
Du fühlst dich ausgeschlossen. Du willst dazugehören. Du wärst gern angesagter und du willst die Frauen betören. Ich geb dir einen Tipp, du solltest es probieren. Willst du die Welt verführen, dann musst du erst mal investieren.
…
Schau öfter in den Spiegel. Lass dir deine Haare schneiden. Die Welt legt leider viel zu viel Wert auf Äußerlichkeiten. Nutze den Augenblick. Mach dich mal wieder schick. Mangelnde Körperpflege bricht dir sonst noch das Genick.
…
Ein Haar besteht zu 90 % aus Keratin, einer schwefelhaltigen Eiweißverbindung. Darum riecht es auch so penetrant, wenn wir uns die Haare angesengt haben. Keratin findet sich als Hauptbestandteil auch in Nägeln und anderen Hornteilen, wie zum Beispiel den Hufen von Pferden. Auch Fette, das für die Farbe verantwortliche Melanin sowie geringe Mengen von Vitaminen, Spuren von Zink und anderen Metallen finden sich in einem Haar. Wasser ist nur in geringem Maß vorhanden, aber dennoch einer der wichtigsten Bestandteile des Haares.
Abb. 3: Gesundes Haar, Mikrofoto: medicalpicture/Kage
In der Haut reicht ein schmaler Tunnel, den die Mediziner Haarfollikel nennen, weit in die unteren Hautschichten hinein. Auf einem Quadratzentimeter befinden sich bis zu 200 Follikel. Der Winkel, d. h. der Grad der Schräglage, mit der der Follikel in der Haut liegt, bestimmt den Fall des Haares und ist beispielsweise für Wirbel verantwortlich. Ganz unten, am Boden des Follikels, sitzt die Haarpapille, die mit dem umgebenden Bindegewebe für die Ernährung des Haares sorgt. Über den Blutkreislauf wird Nahrung zugeführt.
Das einzelne Haar
Haardichte 150-200 Follikel/cm2
Haardurchmesser 0.1 mm
Wachstum pro Tag 0.3 mm
Wachstum pro Monat 1,0 cm
Lebensdauer 2-5 Jahre
Tragfähigkeit 100 g
Eine Keimschicht auf der Oberfläche der Papille ist für die Bildung neuer Haarzellen verantwortlich. Die Papille sendet ein chemisches Signal aus und die Zellteilung beginnt. Haarzellen teilen sich etwa so oft wie die blutbildenden Zellen des Knochenmarks und reagieren auf alle Störungen ähnlich empfindlich. Die mehrfach geteilten Zellen wachsen durch die Haarzwiebel und bilden einen neuen Haarschaft, der schließlich aus der Hautöffnung herauswächst. In kapillaren Blutgefäßen werden neue Nährstoffe herbeigeschafft und Schlacken abtransportiert. Sie sind also nicht nur Ernährer der »Haaranlage«, sondern dienen gleichzeitig auch der Entsorgung. In der Papille wird auch der Farbstoff Melanin produziert. Daher wächst die natürliche Haarfarbe nach einer Haarfärbung immer wieder von unten nach. Färben lässt sich nur der Teil des Haares, der aus der Haut ragt. Die Wurzelscheide wird von Bindegewebe fest umschlossen, dem so genannten Haarbalg. Haarfollikel unterliegen genetischen und hormonellen Einflüssen.
Abb. 4: Aufbau eines Haarfollikels, Illustration: Christiane und Dr. Michael von Solodkoff, Neckargemünd
»Wie wunderbar, wie sonderbar, eine Welt allein für sich, das ist mein Haar.«
Aus dem Songtext »Haar« von Die Ärzte
Am oberen Ende der Haarwurzel, also dicht unter der Hautoberfläche, sitzt die Talgdrüse, die das Haar ausreichend mit Fett versorgt. Der winzige Haaraufrichtemuskel sorgt dafür, dass der produzierte Talg aus der Drüse ausgestoßen werden kann. Dieser Muskel ist ebenfalls dafür verantwortlich, wenn uns die Haare „zu Berge“ stehen. Besser noch als bei uns Menschen kann man die Arbeitsweise des Haaraufrichtemuskels bei Hunden und Katzen beobachten. Augenbrauen und Wimpern besitzen diesen Haarsträuber nicht.
In Abhängigkeit von Lebensalter und Körperstellen lassen sich drei verschiedene Haartypen unterscheiden:
Das Lanugohaar ist das Körperhaar des Fötus im Mutterleib. Es wird nach der Geburt durch Vellus- oder in manchen Fällen auch gleich durch Terminalhaar ersetzt. Lanugohaare sind farblos, kurz und weich und besitzen kein Mark.
Ebenfalls kurz, dünn und unpigmentiert sind Vellushaare (auch Wollhaare genannt). Sie sind oft nicht länger als zwei Zentimeter und bilden die Körperbehaarung bis zur Pubertät.
Wie viele Haare haben wir auf dem Kopf?
Durchschnittlich sind es 100 000 Haare.
Bei Blonden 150 000
Bei Schwarzhaarigen 110 000
Bei Brünetten 100 000
Bei Rothaarigen 75 000
Terminalhaare schließlich sind dick, lang und entsprechend der Haarfarbe pigmentiert. Sie besitzen ein Haarmark. Bereits bei der Geburt findet sich diese Haarform auf Teilen des Kopfes, als Augenbrauen und Wimpern. Am Körper wird das Vellushaar mit Beginn der Pubertät Schritt für Schritt durch Terminalhaar ersetzt. Dann sind in den Achselhöhlen, im Genitalbereich und bei Männern im Bartbereich Terminalhaare zu finden.
Die drei Lebensphasen eines Haares
Unsere Haare wachsen nicht kontinuierlich, sondern in jedem einzelnen Haarfollikel wechseln sich Phasen der Haarbildung, der Ruhe und der Rückbildung in rhythmischer Folge ab. Diese Rhythmik wird als Haarzyklus bezeichnet. Jeder Follikel folgt seinem eigenen Zyklus. Dieser ist gegenüber den Haarzyklen der benachbarten Follikel zeitlich versetzt: Die Haarproduktion erfolgt somit asynchron. Dieses Verhalten sorgt dafür, dass sich immer einige Haare in der Phase der Neubildung, andere in der Ruhephase befinden und wieder einige ausfallen. So kommt es beim Menschen nicht zu einer »Mauser«, wie dies bei einigen Tieren zu beobachten ist.
Abb. 5: Der Haarzyklus: 1. Wachstumsphase, 2. Übergangsphase, 3. Ruhephase, Illustration: Christiane und Dr. Michael von Solodkoff, Neckargemünd
Ein Haarzyklus besteht aus drei Phasen, die sich ständig wiederholen:
Als Anagenphase bezeichnet man die Wachstumsphase. Ihre Dauer ist erblich vorgegeben und beträgt im Schnitt etwa 2 bis 6 Jahre. In der Regel befinden sich ca. 90% unserer Haare in diesem Stadium. Die durchschnittliche Wachstumsgeschwindigkeit eines Anagenhaares beträgt ca. 1 cm im Monat. Bei etwa 80.000 Kopfhaaren werden somit täglich 25–30 Meter Haar neu gebildet. Demnach kann das einzelne Haar eine Länge von 25 cm bis 75 cm erreichen. Die maximale Haarlänge hängt in erster Linie von der erblich vorgegebenen Wachstumsphasendauer des einzelnen Menschen ab. Unsere Haare können somit niemals endlos weiterwachsen.
Die Katagenphase ist die Übergangsphase, in der sich das einzelne Haar etwa für zwei Wochen befindet. Jetzt kommt es zu Umbauvorgängen in der Haarwurzel. Das Haar wird in Richtung Kopfhautoberfläche verschoben. Bis zu 3 % unserer Haare sind in diesem Zustand.
Die Telogenphase ist die Ruhephase. Mit einer Dauer von 2–4 Monaten verbleiben ca. 18% unserer Haare in diesem Ruhezustand. Während dieser Zeit wird die Verankerung des Haarschaftes immer lockerer, bis das Telogenhaar schließlich durch Einflüsse wie Kämmen, Bürsten oder Haarwäsche vollständig gelöst oder durch ein nachwachsendes Haar aus dem so genannten Follikelkanal herausgeschoben wird.
Während der Ruhephase findet kein Stoffwechsel mehr statt. Das Haar kann durch äußere Einflüsse, wie z.B. die Zufuhr von Vitaminen und Spurenelementen, nicht mehr beeinflusst werden.
Ammenmärchen über Haare
Um unser Haar ranken sich unzählige Mythen und Märchen. Viele von ihnen sind noch heute fest im Glauben der Menschen verankert.
Rasieren lässt die Haare schneller wachsen.
