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114 Lernmodule zur Volkswirtschaftslehre – didaktisch optimal aufbereitet und mit umfassendem Hintergrundwissen versehen. Dieses Buch vermittelt die wichtigsten volkswirtschaftlichen Zusammenhänge in übersichtlicher, modularer und leicht verständlicher Form. Das Lehrbuch beleuchtet zentrale volkswirtschaftliche Themen wie Produktion, Märkte, Preisbildung, Globalisierung oder internationale Wirtschaftsbeziehungen. Das Buch ist modular aufgebaut. Jedes Modul widmet sich einem Baustein des Gesamtthemas und ist grundsätzlich für sich allein genommen verständlich. Am Ende jedes (modulübergreifenden) Kapitels findet sich ein Interview, in dem renommierte Experten Fragen beantworten, die im Zusammenhang mit dem zuvor behandelten Thema von besonderem Interesse sind. In der 6. Auflage wurde das Buch aktualisiert und in den Bereichen Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Finanzwirtschaft und Wirtschaftspolitik erweitert. 114 Lernmodule zu Themen der VWL: - Produktion - Märkte - Preisbildung - Konjunktur - Staatshaushalt - Geldpolitik - Börse - Devisenmärkte - Umwelt - Nachhaltigkeit - Entwicklung - Globalisierung oder internationale Wirtschaftsbeziehungen
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Seitenzahl: 665
Veröffentlichungsjahr: 2024
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ISBN 978-3-7910-5983-9
Bestell-Nr. 20532-0152
Herbert Sperber/Markus Mändle
Wirtschaft verstehen
6. Auflage, November 2024
© 2024 Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH
Reinsburgstr. 27, 70178 Stuttgart
www.schaeffer-poeschel.de | [email protected]
Bildnachweis (Cover): © Umschlag: Stoffers Grafik-Design, Leipzig
Produktmanagement: Nora Valussi
Lektorat: Bernd Marquard, Stuttgart
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Dieses Buch ist ein grundlegendes und einführendes Lehrbuch der Volkswirtschaft. Was ist das Besondere daran?
Es verfolgt das Ziel, die Leserinnen und Leser in übersichtlicher und leicht verständlicher, ja unterhaltsamer Form mit den wesentlichen volkswirtschaftlichen Zusammenhängen vertraut zu machen. Die Ausführungen sind an der wirtschaftlichen Realität orientiert und versuchen, wenn immer möglich, auch aktuelle Sachverhalte aufzugreifen. In die Betrachtung einbezogen sind zudem die volkswirtschaftliche Dogmengeschichte sowie die Finanzmärkte. (Deren fehlende Behandlung ist oft Gegenstand der Kritik an Volkswirtschaftslehrbüchern).
Das Buch ist modular aufgebaut. Jedes Modul widmet sich einem Baustein des Gesamtthemas und ist grundsätzlich für sich allein genommen verständlich. Am Ende jedes (modulübergreifenden) Kapitels steht ein Interview. Hier beantworten namhafte Sachverständige Fragen, die im Rahmen des vorgehend behandelten Themengebiets von besonderem Interesse sind. Die Sprache des Buches und das analytische Vorgehen sind durchweg klar und einfach gehalten. Für die Leserinnen und Leser kann das Werk deshalb eine Brücke zum besseren Verständnis der üblichen, eher formalen Volkswirtschaftsbücher schlagen.
Auch in dieser 6. Auflage wollen wir den Seitenumfang so knapp wie möglich halten. Zu diesem Zweck haben wir die Ausführungen an verschiedenen Stellen deutlich gekürzt. Dadurch entstand Raum für die Erläuterung und Diskussion neuerer bzw. in jüngerer Zeit wieder aktuell gewordener volkswirtschaftlicher Fragestellungen. Zu diesen gehören unter anderem die Industriepolitik in der Sozialen Marktwirtschaft (Kapitel 1), die heutige Rolle des Monopols und der Plattformökonomie sowie das Wesen und ökonomische Potenzial der Künstlichen Intelligenz (Kapitel 3), die Folgen der digitalen Transformation für den Arbeitsmarkt (Kapitel 4), die Überlegungen zu einem bedingungslosen Grundeinkommen (Kapitel 5), die Public-Choice- und die Modern Monetary Theory (Kapitel 6), der digitale Euro und die Bedeutung von Kryptowährungen (Kapitel 7) oder der European Green Deal und weitere Veränderungen auf den globalen Güter- und Finanzmärkten (Kapitel 8 bis 11). Teilweise befragen wir dazu unsere Interviewpartner oder behandeln diese Themen in der Rubrik Nachgehakt. Hier werden eine Reihe volkswirtschaftlicher Fragen von uns kurz und bündig geklärt. Wie immer bringen wir jedes Kapitel am Ende auf den Punkt. Anhand ausgewählter Schlüsselbegriffe und gezielter Kontrollfragen lässt sich der Lernstoff effektiv rekapitulieren. Die Antworten zu den Kontrollfragen finden unsere Leserinnen und Leser auf der digitalen Lernplattform des Schäffer-Poeschel-Verlags unter dem Link https://mybookplus.de.
Mit dieser Konzeption richtet sich das Buch in erster Linie an Studierende der Wirtschaftswissenschaften und anderer Disziplinen, die sich volkswirtschaftliches Wissen aneignen möchten bzw. müssen. Daneben ist es unseres Erachtens in besonderem Maße auch für den Einsatz an Gymnasien und Berufskollegs bzw. Fachoberschulen sowie in der beruflichen Weiterbildung geeignet. Nicht zuletzt soll das Buch den Leserinnen und Lesern des Wirtschaftsteils von Zeitungen und all denen nützen, die Interesse an wirtschaftlichen Fragen haben.
Im Vergleich zu den bisherigen Auflagen dieses Lehrbuchs gibt es in der 6. Auflage noch eine weitere Besonderheit: Der bisherige Alleinautor Herbert Sperber wird ab jetzt durch Markus Mändle als Mitautor unterstützt, der sich freut, einen Beitrag zur Weiterentwicklung des von ihm schon immer geschätzten Lehrbuchs leisten zu können.
Wir danken unseren Interviewpartnern für die Zeit, die sie sich zur Beantwortung unserer Fragen genommen haben. Bernd Marquard hat wie schon in den Vorauflagen das gesamte Datenmaterial aktualisiert, alle Abbildungen und Tabellen überarbeitet sowie die Schlussredaktion vorgenommen. Wie beruhigend! Danke dafür. Nicht zuletzt danken wir Nora Valussi für die angenehme Professionalität, mit der sie unser Projekt verlagsseitig begleitete und jederzeit unterstützte.
Nürtingen, im Juni 2024
Herbert Sperber
Markus Mändle
In dieser Publikation wird eine geschlechtergerechte Sprache angestrebt. Dort, wo das nicht möglich ist oder die Lesbarkeit stark eingeschränkt würde, gelten die gewählten personenbezogenen Bezeichnungen für alle Geschlechter.
Das Ziel der folgenden Ausführungen ist es, den Leserinnen und Lesern zunächst einen Überblick über das »System Volkswirtschaft, SystemVolkswirtschaftVolkswirtschaft« zu geben. Darauf aufbauend werden die in diesem Buch behandelten Themengebiete kurz vorgestellt. Zur Veranschaulichung dient Abbildung 1. Es handelt sich dabei um eine zwar nicht vollständige, gleichwohl recht umfassende und detaillierte Darstellung des WirtschaftskreislaufWirtschaftskreislaufs. Die meisten der in der Volkswirtschaftslehre untersuchten Sachverhalte können jeweils als Ausschnitt bzw. Subsystem in diesem erweiterten KreislaufdiagrammKreislaufdiagramm »verortet« werden. Erfahrungsgemäß ist die behandelte Thematik dadurch besser verständlich. Wir werden deshalb in diesem Buch immer wieder auf Abbildung 1 Bezug nehmen. Nun aber zum Lehrstoff.
Der erweiterte Wirtschaftskreislauf
In der Sichtweise der Volkswirte spielt sich der Wirtschaftsprozess zwischen vier Sektoren ab: Den privaten Haushalten, den Unternehmen, dem Staat und dem Ausland. Diese Sektoren der Volkswirtschaft sind durch Geldströme miteinander verbunden, und zwar so, dass ein in sich geschlossener Kreislauf entsteht – ähnlich dem Blutkreislauf eines Menschen. In Abbildung 1 fließt ein Geldstrom von den inländischen Unternehmen (dazu gehören übrigens auch die Niederlassungen ausländischer Firmen im Inland) zu den privaten Haushalten. Dieser Geldstrom entspricht dem Faktoreinkommen, das die Haushalte als Eigentümer von Produktionsfaktoren – also Arbeit, Boden, Sach- und Finanzkapital – beziehen. Sie verkaufen die Nutzung dieser Produktionsfaktoren auf den Faktormärkten (bzw. auf den Finanzmärkten) und erhalten dafür Lohn-, Gewinn-, Zins- und Mietzahlungen.
Außer ihrem Einkommen von inländischen Unternehmen fließen den Haushalten Faktoreinkommen vom Staat (Gehälter und Zinsen auf staatliche Wertpapiere) sowie aus dem Ausland (so genannte Primäreinkommen) zu. Letztere beinhalten die Löhne von Grenzgängern sowie empfangene Zinsen bzw. Dividenden auf Schuldverschreibungen und Aktien ausländischer Kapitalnehmer. Zusätzlich beziehen die Haushalte staatliche Transferzahlungen (also Geldgeschenke in Form von Renten, Arbeitslosengeld, Kindergeld etc.). Andererseits müssen sie Steuern (und Sozialabgaben) entrichten. Typischerweise leisten die deutschen privaten Haushalte per Saldo auch laufende Transferzahlungen an das Ausland (Beispiel: Überweisungen von Migrantinnen und Migranten an ihre Familien im Heimatland). Ihr letztlich verfügbares Einkommen verwenden sie für privates Sparen und für Konsumausgaben. Ein Teil der Konsumausgaben fließt zur Bezahlung von Importen (vor allem für Urlaube) ins Ausland ab. In wesentlich größerem Umfang strömen die Geldmittel der Haushalte über die Konsumgütermärkte zu den inländischen Unternehmen.
Die Unternehmen verzeichnen neben den Einnahmen aus inländischen Konsumgüterverkäufen einen Zustrom von Geld aus staatlichen Güterkäufen sowie aus Exporten. Des Weiteren erhalten sie Subventionen vom Staat. Im Gegenzug zahlen die Unternehmen Steuern (und Sozialabgaben). Außerdem führen Importe sowie Lohn-, Dividenden-, Zins- und Mietzahlungen an das Ausland (Primäreinkommen) zu einem Geldabfluss. (Aufgrund der hohen Geldanlagen und Direktinvestitionen im Ausland addieren sich die Primäreinkommen deutscher Unternehmen per Saldo zu einem Geldzufluss).
Abb. 1:
Die Geldströme durch die Volkswirtschaft
Der von den Haushalten nicht für Konsumausgaben verwendete Teil ihres verfügbaren Einkommens, das private Sparen, wird über die Finanzmärkte auf dem Kreditwege (Fremdkapital) oder in Form des Anteilserwerbs (Eigenkapital) in Investitionsausgaben der Unternehmen gelenkt. Der durch das Sparen generierte Geldstrom dient darüber hinaus der Deckung der staatlichen Kreditaufnahme. Der Rest fließt – über die Devisenmärkte – als Nettokapitalexport ins Ausland. Die Bezeichnung Nettokapitalexport bedeutet, dass dem Inland natürlich auch von ausländischen Kapitalanlegern Finanzierungsmittel zufließen. Beispielsweise ist das Ausland der größte Gläubiger des deutschen Staates. Per Saldo aber exportiert Deutschland traditionell weitaus mehr Kapital, als es importiert. Das korrespondiert mit der Stellung Deutschlands als einer der weltweit führenden Exporteure von Waren und Dienstleistungen.
Die Rolle der Finanzmärkte
Wenn wir nun zum Abschluss der hier versuchten überblicksartigen Darstellung einer Volkswirtschaft nochmals auf das Bild des Blutkreislaufs zurückkommen, dann entspricht die Rolle der Finanzmärkte offenkundig der des Herzens: Über die Märkte für Bankkredite, Aktien und verzinsliche Wertpapiere werden Finanzierungsmittel in die Adern der Volkswirtschaft gepumpt. Der reibungslose Geldtransport auf den Finanzmärkten ist notwendig, um die im Wirtschaftsprozess entstehenden Finanzierungslücken des Sektors Unternehmen, des Staates und des Auslandes zu schließen. Andernfalls müsste der Umfang der gesamtwirtschaftlichen Aktivität merklich schrumpfen.
Gegenstand des Kapitel 1 ist die Erläuterung grundlegender Begriffe und Fragestellungen der Volkswirtschaftslehre. Im Mittelpunkt steht die Analyse des marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystems. Das Kapitel 2 widmet sich der Messung der Wirtschaftsleistung im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Dort werden die in Abbildung 1 gezeigten Geldströme systematisch erfasst. Derartige Rechnungen geben Aufschluss über die materielle Situation bzw. Entwicklung einer Volkswirtschaft; sie bilden die unverzichtbare Grundlage der makroökonomischen Theorie und Politik.
Im Kapitel 3 kommen wir zur Mikroökonomik. Bezogen auf Abbildung 1 beleuchten wir hier insbesondere das Verhalten von Haushalten und Unternehmen auf den Güter- und Faktormärkten. Das Kapitel 4 und 5 befasst sich jeweils mit der Makroökonomik. Sie analysiert die Bestimmungsgründe des Einkommens und der Beschäftigung eines Landes und sucht nach den »richtigen« Wegen der Wirtschaftspolitik. Also: Warum ist in Abbildung 1 der Pegel der Geldströme manchmal zu hoch und manchmal zu niedrig? Wie lässt sich der Kreislauf der Wirtschaft stabilisieren?
Thema des Kapitel 6 ist die Finanzwissenschaft, deren Erkenntnisinteresse sich auf die Rolle des Staates richtet. Abbildung 1 zeigt, über welche Geldströme die öffentliche Hand mit der privaten Wirtschaft verbunden ist. An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass der Staat selbstverständlich auch mit dem Ausland Wirtschaftsbeziehungen unterhält. Zum Beispiel könnte die Bundeswehr Kampfhubschrauber bei dem US-Unternehmen Boeing bestellen. Aus Gründen der Anschaulichkeit haben wir die mit derartigen Transaktionen verbundenen Geldströme zwischen dem (inländischen) Staat und dem Ausland in Abbildung 1 unberücksichtigt gelassen. Neben dem Staat – also der Regierung – ist die Zentralbank der zweite große Akteur der Wirtschaftspolitik. Wir haben die Europäische Zentralbank deshalb als weiteren Sektor in Abbildung 1 aufgenommen. Sie entfaltet ihren Einfluss über die Finanzmärkte. Die Analyse ihrer Geldpolitik ist Gegenstand des Kapitel 7. Im Kapitel 8 widmen wir uns den Vorgängen auf den Finanzmärkten im Einzelnen. Wie gesagt, bilden die Finanzmärkte das »Herz« des Wirtschaftskreislaufs. Wenn es nicht funktioniert, bricht eine moderne Volkswirtschaft zusammen.
Das Kapitel 9 befasst sich mit dem internationalen Wirtschaftszusammenhang. Anhand von Abbildung 1 sind die zwischen dem In- und Ausland fließenden Einnahme-, Ausgabe- und Finanzierungsströme ersichtlich. Eine enge weltwirtschaftliche Verflechtung, wie sie für Deutschland konstatiert werden kann, hat zweifellos große Vorteile, ist aber nicht unproblematisch. Man denke etwa an die Schwierigkeiten in der Europäischen Währungsunion. Wie Abbildung 1 zeigt, müssen alle zwischen unterschiedlichen Währungsräumen fließenden Geldmittel auf den Devisenmärkten in die jeweils gewünschte nationale Währung umgetauscht werden. Was auf den Märkten für den Tausch und den Handel von Devisen genau passiert, fragen wir im Kapitel 10.
Das Kapitel 11 behandelt die zentralen Aspekte der Umwelt- und der Entwicklungsökonomie. Es schließt mit einer kompakten Erläuterung der Preisbildung auf den Rohstoffmärkten.
Zuletzt möchten wir noch auf Folgendes hinweisen: Am Ende eines jeden Kapitels führen wir »Das Interview«. Dabei befragen wir namhafte Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu aktuellen und grundsätzlichen ökonomischen Themen unserer Zeit. Diese Interviews bilden eine wertvolle und hochinteressante Vertiefung und Ergänzung des jeweils zuvor behandelten Lehrstoffes. Wir möchten deren Lektüre deshalb unseren Leserinnen und Lesern besonders ans Herz legen.
»Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt.«
Lukas 12, 15
Lernziele
Sie wissen, mit welchen zentralen Fragen sich die Volkswirtschaftslehre beschäftigt und mit welcher Methode sie arbeitet.
Sie kennen die Wesensmerkmale der unterschiedlichen Wirtschaftssysteme.
Sie verstehen den volkswirtschaftlichen Produktionsprozess.
Sie können das marktwirtschaftliche System beurteilen und sind mit den Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft vertraut.
Sie kennen die Ziele sowie die Zielkonflikte der Wirtschaftspolitik, wissen, über welche Instrumente diese verfügt und verstehen deren Funktionsweise.
In New York leben ganze Bevölkerungsteile zusammen mit Millionen von Ratten in den unterirdischen Schächten der Kanalisation. Wenn einer der menschlichen Bewohner herauskriecht, um in den Mülltonnen der Stadt nach weggeworfenen Fast-Food-Resten zu suchen und sich dabei ein wenig auffällig benimmt, so kann es schon vorkommen, dass er von der um die öffentliche Sicherheit besorgten Polizei festgenommen wird. Den gemächlich passierenden Fahrer des schwarzen Lamborghini, der gerade seine an der Wall Street notierten Aktienoptionen mit einhundert Millionen Gewinn verkauft hat, dürfte das vergleichsweise wenig beeindrucken. Warum auch? That’s life. Oder?
In der Dritten Welt verhungern täglich mehrere Tausend Kinder, während in den Industriestaaten über 1 Milliarde Tonnen Nahrungsmittel verschwendet werden, weil sie in Größe und Aussehen nicht den Vorgaben der Supermärkte entsprechen. Ist das in Ordnung? Normal nicht, aber es ist eine Erscheinungsform der wirtschaftlichen Realität. Was ist das für eine Realität?
In den Ausführungen dieses ersten, grundlegenden Kapitels werden wir zunächst die Knappheit, das heißt, die Begrenztheit der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der Güterproduktion als zentrales Problem der Ökonomie herausstellen. Aus ihm ergeben sich zwangsläufig drei Grundfragen, nämlich was, wie und für wen in einer Volkswirtschaft produziert werden soll. Wir betrachten dabei das System Volkswirtschaft als ein riesiges Unternehmen, das sich aus einer Vielzahl jeweils nur am eigenen Vorteil orientierter Entscheidungsträger, sozusagen »Profit-Centern«, zusammensetzt. So mancher, der schon einmal die Zentrale einer großen Bank, eines Industrieunternehmens oder eine Behörde von innen gesehen hat, wird sich vermutlich gefragt haben, wie die unzähligen Einzelaktionen, Abläufe und Entscheidungen ineinandergreifen, sodass am Ende ein mehr oder weniger vernünftiges Ergebnis resultiert. Dasselbe gilt natürlich für ein ganzes Land oder für die Welt insgesamt. Warum mündet das alles nicht im Chaos? Wie, nach welchem Grundprinzip, funktioniert die kapitalistische Marktwirtschaft? Und wo liegen ihre dunklen Seiten? Mit diesen und ähnlichen Fragen wollen wir uns auf den nächsten Seiten befassen. Besondere Beachtung schenken wir der in Deutschland realisierten Wirtschaftsordnung, der Sozialen Marktwirtschaft. Erläutert werden des Weiteren die Aufgaben und Methodik der Volkswirtschaftslehre sowie die Ziele und Zielkonflikte der Wirtschaftspolitik. Auch geben wir eine zusammenfassende Darstellung der wirtschaftspolitischen Instrumente und deren Funktionsweise. Am Ende des Kapitels sprechen wir mit Lars Feld, Direktor des Walter Eucken Instituts und ehemaliger Vorsitzender des Sachverständigenrates der »Wirtschaftsweisen«, über die Frage, wie der Staat in der Sozialen Marktwirtschaft in das wirtschaftliche Geschehen eingreifen sollte.
Die Lehre von dem wirtschaftlichen Geschehen in der Welt nennt man ÖkonomieÖkonomie. Manchmal spricht man auch von Ökonomie und meint damit allgemein »die Wirtschaft« (sozusagen als Ort dieses Geschehens). Als Entdecker der Ökonomie gilt gemeinhin Aristoteles (384–322 v. Chr.). Der berühmte österreichische Ökonom Josef Schumpeter (1883–1950) vermochte zwar in dessen Beiträgen lediglich einen »ehrbaren, prosaischen, irgendwie mittelmäßigen und recht schwülstigen, gesunden Menschenverstand« zu erkennen. Genau darum geht es aber!
Wirtschaftliche Güter
Die Ökonomie beschäftigt sich nämlich mit dem ganz gewöhnlichen, menschlichen Problem des Mangels oder der KnappheitKnappheit. Es ergibt sich daraus, dass jeder Einzelne von uns eine unendlich große Fülle von Wünschen bzw. Bedürfnissen hat, die vorhandenen Möglichkeiten zu deren Erfüllung aber begrenzt sind. Die Folge davon ist, dass viele Güter, eben weil sie heftig begehrt werden, knapp sind. Solche Güter bezeichnen wir als wirtschaftliche Güter. So genannte freie Güter sind dagegen, gemessen an den Wünschen der Individuen, in beliebiger Menge vorhanden. Derartige Güter, freieGüter, wirtschaftlicheGüterGüter haben typischerweise auch keinen Preis. Allerdings fällt es schwer, dafür viele Beispiele zu finden. Sonnenenergie, Salzwasser oder Sand in der Sahara wären etwa welche. Oder faule Eier. Sie mögen vielleicht selten sein, aber knapp im ökonomischen Sinne sind sie nicht. Einige Güter, die früher einmal frei waren, wie Süßwasser, saubere Luft oder Parkplätze, sind indes mittlerweile zu knappen und damit teuren Gütern geworden. Aus der Knappheit resultiert die Notwendigkeit, sich auf eine sinnvolle Auswahl bestimmter Bedürfnisse zu beschränken. Jeder Mensch mit einem begrenzten Einkommen – und das sind wir alle – kennt das. Er muss »wirtschaften«. WirtschaftenWirtschaften bedeutet stets den möglichst zweckmäßigen Einsatz knapper Mittel. Diese Notwendigkeit betrifft jede handelnde Wirtschaftsperson (in der Sprache des Ökonomen: jedes WirtschaftssubjektWirtschaftssubjekt) – egal ob Privathaushalt, Aktiengesellschaft oder staatliche Einrichtung.
Ökonomisches Prinzip
Opportunitätskosten
Gemeinsamer Orientierungsmaßstab ist dabei das »ökonomische Prinzip«. Es verlangt, mit gegebenen Mitteln einen möglichst hohen Ertrag zu erzielen (MaximalprinzipMaximalprinzip) oder ein gegebenes Ziel mit möglichst geringem Aufwand zu erreichen (MinimalprinzipMinimalprinzip). Seine Bedeutung gewinnt das ökonomische Prinzip aus dem Prinzip der »OpportunitätskostenKosten, Opportunitätskosten«, also den nicht realisierten Nutzen der verpassten Gelegenheit (diese werden auch als »Kosten« bezeichnet). Wenn man knappe Mittel an einer Stelle einsetzt, stehen sie für eine andere (ebenfalls nützliche) Verwendung nicht mehr zur Verfügung, daher ist es geboten, die gegebenen Mittel möglichst wirksam einzusetzen. Bei näherer Betrachtung besteht unser ganzes Leben aus lauter solchen Optimierungsentscheidungen. Das ist auch der Grund, weshalb die Ökonomie längst nicht mehr nur bei der Erklärung ihrer traditionellen wirtschaftsbezogenen Fragestellungen Anwendung findet. So liefert heutzutage die ökonomische Theorie der Politik, der Bürokratie, der Ehe bzw. Familie, der Kriminalität, der Drogen oder der Religion interessante Einsichten in die Gesellschaft und ihre Verhaltensweisen. Abbildung 1-1 zeigt die traditionelle Gliederung der Wirtschaftswissenschaften.
Abb. 1-1:
Einteilung der Wirtschaftswissenschaften
Die BetriebswirtschaftslehreBetriebswirtschaftslehre analysiert die Entscheidungen der Unternehmen. Die VolkswirtschaftslehreVolkswirtschaftslehre widmet sich den Vorgängen des Wirtschaftslebens insgesamt. Sie wird in die Wirtschaftstheorie, die Wirtschaftspolitik und die Finanzwissenschaft untergliedert.
Gegenstand der WirtschaftstheorieWirtschaftstheorie ist die Entwicklung vonModell, ökonomisches Modellen zum grundlegenden Verständnis wirtschaftlicher Regeln und Abläufe. Sie beinhaltet zum einen die MikroökonomikMikroökonomik. Dieser Teilbereich der Wirtschaftstheorie befasst sich mit dem Verhalten einzelner Haushalte und Unternehmen sowie mit der Funktionsweise von Märkten. Aufgabe der MakroökonomikMakroökonomik ist es zu erklären, wie sich die Entscheidungen von Unternehmen, Haushalten und Staat in ihrer Gesamtheit auswirken. Wie kommt es zu Konjunkturschwankungen, Arbeitslosigkeit und Inflation? Welche Rolle spielt das Geld? Die Makroökonomik soll auf dieser Basis Handlungsvorschläge für die Wirtschaftspolitik bereitstellen. Die AußenwirtschaftslehreAußenwirtschaftslehre fragt nach den Konsequenzen, die aus der internationalen Verflechtung eines Landes entstehen. Im Rahmen der WirtschaftspolitikWirtschaftspolitik geht es um Möglichkeiten des staatlichen Eingriffs in die Wirtschaftsordnung und den Wirtschaftsablauf. Was sollen Zentralbank und Regierung tun? Welche Rezepte gibt es zur Bewältigung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme einer Nation? Eine rationale Wirtschaftspolitik wird sich dabei auf die Erkenntnisse der Wirtschaftstheorie stützen. Die FinanzwissenschaftFinanzwissenschaft untersucht die Aufgaben des Staates im Wirtschaftsgeschehen. Ihr Interesse richtet sich auf die Wirkungen von Steuern, Staatsausgaben und öffentlichen Schulden.
InÖkonomie, GrundfragenÖkonomie jeder Volkswirtschaft sind infolge der nur begrenzt verfügbaren Produktionsmöglichkeiten drei Grundfragen zu beantworten:
Was soll produziert werden?
Welche Arten von Gütern sollen in welchen Mengen hergestellt werden?
Wie soll produziert werden?
Welche Produktionsmittel – Maschinen, Arbeitskräfte etc. – sollen in welchem Umfang eingesetzt werden? Wo, an welchen Standorten soll produziert werden?
Für wen soll produziert werden?
Wer erhält wie viel des Produktionsergebnisses? Welcher Teil der Produktion soll sofort konsumiert, welcher Teil soll investiert werden und so dazu dienen, die Produktionsmöglichkeiten in der Zukunft zu erhöhen?
Ein Wirtschaftssystem (eine Wirtschaftsordnung) ist die Gesamtheit der rechtlichen Vorschriften, Koordinationsmechanismen, Zielsetzungen, Verhaltensweisen und Institutionen, die den Aufbau und Ablauf einer Volkswirtschaft bestimmen
Die auf die Lösung dieser drei Kernprobleme gerichteten Entscheidungen können von einer zentralen Planungsbehörde (oder auch von mehreren Behörden) getroffen werden. Das ist eine Möglichkeit. Gewöhnlich setzt sie voraus, dass auch die Produktionsmittel – das »Kapital« – dieser Behörde unterstellt, also vergesellschaftet sind oder dem Staat gehören. Man spricht dann von Zentralverwaltungswirtschaft, sozialistischesozialistischer Zentralverwaltungswirtschaft (siehe Abbildung 1-2). In der Regel werden in einem solchen WirtschaftssystemWirtschaftssystem auch die Preise für die produzierten Güter sowie die Löhne staatlich festgelegt. Die Erfahrungen mit dieser Organisationsform einer Volkswirtschaft sind aber wenig ermutigend. Man denke etwa an die Hinterlassenschaft der ehemaligen UdSSR: verseuchte Seen und Flüsse, veraltete oder funktionsunfähige Maschinen, heruntergekommene Fabrikgebäude, verbreiteter Alkoholismus und teilweise bittere Armut. Lehrer und Soldaten beispielsweise sollen monatelang überhaupt kein Gehalt bekommen haben. Viele Produkte waren und sind nur am »Schwarzmarkt« erhältlich und Korruption scheint eine große Rolle zu spielen. Auch die Beispiele Kuba oder Nordkorea zeigen, dass die Kernprobleme einer Volkswirtschaft mit zentraler Planung nicht zufriedenstellend zu bewältigen sind.
Auf der anderen Seite steht die kapitalistische Marktwirtschaftkapitalistische MarktwirtschaftMarktwirtschaft, in der Millionen von Privathaushalten und Unternehmen eigenverantwortlich (dezentral) darüber entscheiden, was, wie und für wen produziert wird. Die Produktionsmittel befinden sich hier in privater Hand und die Lenkung der Güterherstellung in die »richtigen«, das heißt von den Käufern gewünschten Verwendungsbereiche geschieht über die erzielbaren Preise und Gewinne. Als Exponenten dieses Systems gelten beispielsweise die USA oder Monaco. Der in diesen Ländern erreichte materielle Wohlstand lässt die marktwirtschaftliche Lösung als haushoch überlegen erscheinen. Aber auch sie hat ihre Schwächen (siehe Kapitel 1.4).
Abb. 1-2:
Wirtschaftssysteme
Die in der Realität zu beobachtenden Wirtschaftssysteme stellen Mischformen (Realtypen) dar
Soziale Marktwirtschaft
Die kapitalistische Zentralverwaltungswirtschaft dürfte – zumindest in Reinform – keine ernsthafte Realisierungschance haben. Im Modell der sozialistischen Marktwirtschaft gibt es grundsätzlich die Möglichkeit, dass die Produktionsmittel überwiegend Staatseigentum sind. Typischerweise hat auch hier die zentrale staatliche Planung nicht unerhebliches Gewicht. So etwa in Ungarn bis Ende der 1980er-Jahre. Alternativ können die Produktionsmittel den Beschäftigten der einzelnen Betriebe gehören. Über ihre Nutzung entscheiden die Mitarbeiter im Rahmen der »Arbeiterselbstverwaltung«. Dieses Modell war in Ansätzen in Jugoslawien bis Ende der 1980er-Jahre verwirklicht. Die meisten heutigen realtypischen Wirtschaftssysteme kombinieren Elemente der Marktwirtschaft und der ZentralverwaltungswirtschaftZentralverwaltungswirtschaft. Hierzu gehören etwa die französische »Planification«, in der bestimmte »Makrogrößen« (vor allem die Investitionen) zentral vorgeplant werden, oder das »schwedische Modell«, welches der Vollbeschäftigung und sozialen Sicherheit oberste Priorität einräumt. Auch die unter der Verantwortung von Ludwig Erhard (1897–1977) in Deutschland etablierte Soziale MarktwirtschaftSoziale Marktwirtschaft bildet eine Mischform, in der dem Staat die Aufgabe zukommt, die Leistungsfähigkeit der Märkte zur Geltung zu bringen und gleichzeitig die als negativ empfundenen sozialen Wirkungen der Marktwirtschaft abzumildern.
Für unsere weiteren Überlegungen benötigen wir noch einige begriffliche Klärungen. Hierzu ist es hilfreich, sich die Volkswirtschaft als ein riesiges Unternehmen vorzustellen, dessen Erzeugnisse zusammen genommen das so genannte InlandsproduktInlandsprodukt bilden (es ist eng verwandt mit dem Sozialprodukt bzw. Nationaleinkommen). Zu seiner Erstellung werden die ProduktionsfaktorenProduktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital eingesetzt bzw. genutzt (siehe Abbildung 1-3).
Abb. 1-3:
Der Produktionsprozess einer Volkswirtschaft
Neben den dauerhaften ProduktionsmittelProduktionsmitteln werden auch nicht dauerhafte Produktionsmittel eingesetzt, die im ProduktionsprozessProduktionsprozess als Vorleistungen verbraucht bzw. verarbeitet werden
Da in der international geprägten Volkswirtschaftslehre nicht selten Anglizismen zur Anwendung kommen, werden die eingesetzten, sozusagen hineingesteckten Produktionsfaktoren als InputInput bezeichnet. Dabei verstehen wir unter ArbeitArbeit sämtliche Erwerbspersonen eines Landes, also die Zahl der insgesamt verfügbaren Arbeitskräfte bzw. deren Arbeitszeit. (Inwieweit dieses Potenzial tatsächlich ausgeschöpft wird, ist eine andere Frage.) Zum Faktor BodenBoden gehören die ganze für wirtschaftliche Aktivitäten verwendbare Bodenfläche sowie die Bodenschätze – dazu zählen etwa auch die Wind- und Solarenergie oder der Fischbestand im Bodensee. KapitalKapital umfasst die vorhandenen Maschinen, Werkzeuge, technischen Anlagen, Gebäude, Verkehrswege, Telefonleitungen etc. Genauer spricht man vom KapitalstockKapitalstock oder RealkapitalRealkapital. So genanntes FinanzkapitalFinanzkapital ist hingegen kein eigener Produktionsfaktor, vielmehr kann es als Mittel zur Beschaffung von Realkapital verstanden werden. Vergrößerungen des Kapitalstocks werden als InvestitionenInvestitionen bezeichnet. Sie erhöhen die zukünftigen Produktionsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft. Der prinzipiell gleiche Effekt geht übrigens von einer Verbesserung der Produktionstechnologie aus. Aufgrund ihrer großen Bedeutung wird die TechnologieTechnologie, das technische und sonstige Wissen in einer Volkswirtschaft, heute oft auch als eigenständiger Produktionsfaktor aufgefasst.
Wenden wir uns nun dem gesamtwirtschaftlichen Produktionsergebnis zu, dem Inlandsprodukt oder OutputOutput (also dem, was hinten herauskommt). Grundsätzlich kann es sich hier um SachgüterSachgüter (auch: Waren) oder um DienstleistungenDienstleistungen wie etwa Transport, Fernsehunterhaltung, Krankenpflege oder Bildung handeln. Je nachdem, ob diese Güter, öffentlicheGüter, privateGüterGüter von privater Hand oder vom Staat bereitgestellt werden, spricht man von privaten Gütern oder von öffentlichen Gütern. Das Thema, warum der Staat überhaupt bestimmte Leistungen selbst produziert bzw. anbietet, diskutieren wir später (siehe Kapitel 6.1). An dieser Stelle bleibt aber festzuhalten, dass das Inlandsprodukt in einem mehrstufigen Prozess geschaffen wird, wie dies für den in Abbildung 1-4 dargestellten Fall der Broterzeugung gut zu sehen ist. Wie in diesem Beispiel ergibt sich auch das am Ende stehende Inlandsprodukt einer ganzen Volkswirtschaft als Summe der auf den jeweiligen Produktionsstufen hinzugefügten WertschöpfungWertschöpfungen. Die damit verbundene Verflechtung führt zu einer starken Abhängigkeit zwischen den beteiligten Wirtschaftsbereichen. Dies kann beispielsweise die oft beobachtbaren Kettenreaktionen bei einem konjunkturellen Auf- oder Abschwung erklären.
Abb. 1-4:
Die volkswirtschaftliche Wertschöpfungskette am Beispiel der Broterzeugung
Wirtschaftskreislauf
InUnsichtbare HandKoordinationsmechanismus seiner 1714 veröffentlichten »Bienenfabel« erzählt der niederländische Arzt und Philosoph Bernard Mandeville von einem Bienenstock, in dem großer Wohlstand herrscht, aber auch großes Laster. Die Bienen sehnen sich nach mehr Tugendhaftigkeit und christlicher Nächstenliebe. Als ihr Wunsch erfüllt wird, verschwindet jedoch mit dem Laster alle Aktivität der Einzelnen. Der Wohlstand zerbricht. Müßiggang, Langeweile und Chaos breiten sich aus. Die Botschaft dieser Fabel, die damals einen Skandal auslöste, trifft ziemlich genau den Wesenskern der kapitalistischen MarktwirtschaftMarktwirtschaft. Man kann ihre Funktionsweise anhand des einfachen WirtschaftskreislaufWirtschaftskreislaufs erklären (siehe Abbildung 1-5): In diesem Modell sind alle privaten Haushalte zum »Sektor« Haushalte und sämtliche Unternehmen zum »Sektor« Unternehmen zusammengefasst. Die Unternehmen nutzen die von den Haushalten angebotenen Produktionsfaktoren und diese verwenden das dafür erhaltene Einkommen für den Kauf von Konsumgütern. Es fließt also zwischen den beiden Sektoren ein ständiger Strom von Konsumgütern und Faktorleistungen (Arbeitseinsatz, Bodennutzung etc.), dem ein wertgleicher Geldstrom entgegengesetzt ist. Als Plattform für den Tausch Geld gegen Güter bzw. Geld gegen Faktorleistungen dienen die Konsumgüter- bzw. die Faktormärkte.
Steigt nun die Nachfrage der Haushalte nach einem Konsumgut, sagen wir Kartoffeln, so würden sich deren Preis sowie die Gewinne in der Kartoffelbranche erhöhen. Dies veranlasst die Landwirte, mehr Kartoffeln anzubauen, und lockt außerdem neue Anbieter auf den lukrativen Markt. Entsprechend werden mehr Feldarbeiter, Pflüge und Ackerflächen benötigt, woraufhin deren Nutzungspreise – also Löhne, Mieten oder Pachten – ansteigen.
Die Nachfrage nach Produktivleistungen ergibt sich letztlich aus der Konsumgüternachfrage
Hohe Leistungsfähigkeit durch Wettbewerb
Das Beispiel zeigt mithin, dass in der Marktwirtschaft die Konsumenten darüber entscheiden, was in der Volkswirtschaft produziert wird (nämlich das, was den höchsten Gewinn abwirft). Die gezielte Nachfrage der Unternehmen nach Faktorleistungen bestimmt daraufhin die Einkommen und damit, für wen produziert wird. Gleichzeitig ist das Preisverhältnis zwischen den Produktionsfaktoren maßgeblich für deren jeweilige Einsatzmenge, also dafür, wie produziert wird. Angenommen, die Löhne der Feldarbeiter wären im Vergleich zu den Nutzungskosten einer Kartoffelerntemaschine zu hoch, so würden die Landwirte versuchen, Feldarbeiter (Arbeit) durch Kartoffelerntemaschinen (Kapital) zu ersetzen. Der Wettbewerbsdruck zwingt die Unternehmen dabei zu ständigem Nachdenken darüber, wie die Produktion noch kostengünstiger bzw. effizienter zu gestalten wäre. Das ist das Geheimnis der hohen Leistungsfähigkeit dieses Wirtschaftssystems.
Als Fazit ergibt sich, dass in der kapitalistischen Marktwirtschaft der PreismechanismusPreismechanismus die Lenkung des Wirtschaftsprozesses übernimmt. Er ist jene »unsichtbare Hand«, von der Adam Smith, der geistige Vater der Marktwirtschaft, 1776 in seinem wichtigsten Werk »Der Wohlstand der Nationen« gesprochen hat. Die Marktwirtschaft bringt den Einzelnen, der im Grunde nur seinen eigenen Vorteil im Auge hat, dazu, auch dem Gemeinwohl zu dienen (siehe Kapitel 5.1).
Abb. 1-5:
Der einfache Wirtschaftskreislauf
Die wichtigsten Kritikpunkte am freien PreismechanismusPreis- bzw. MarktmechanismusMarktmechanismus
Private Unternehmer produzieren nur, wenn sie damit Gewinn machen können. Güter, die nicht ohne Weiteres am Markt verkauft werden können, wie Sicherheit, Bildung oder Theateraufführungen, werden nicht oder nur eingeschränkt angeboten.
Es besteht eine Tendenz, den Wettbewerb durch den Zusammenschluss mit anderen Unternehmen einzuschränken.
Die Gewinnorientierung kann (zumindest kurzfristig) in Konflikt mit sozialpolitischen Zielen stehen, etwa der Arbeitsplatzsicherheit oder der Produktsicherheit (z. B. wenn aus Kostengründen notwendige Wartungsarbeiten unterlassen werden).
Ein weiteres Problem sind so genannte externe Effekteexterne Effekte. Sie liegen beispielsweise vor, wenn ein Unternehmen Giftstoffe an die Umwelt abgibt, ohne für den Schaden zu bezahlen (siehe Kapitel 11). Der Markt versagt und es kommt zu Umweltproblemen (Klimawandel, Artensterben, Plastikmüll).
Die wirtschaftliche Aktivität schwankt. In Krisenzeiten kommt es zu ArbeitslosigkeitArbeitslosigkeit und eventuell DeflationDeflation. Andererseits besteht die Gefahr der Überhitzung und der InflationInflation. Den Chancen auf materiellen Wohlstand stehen existenzielle Risiken gegenüber. Insbesondere sind die Finanzmärkte instabil.
Typisch ist schließlich die ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung. Sie ist eine Folge des zugrunde liegenden Leistungsprinzips, wobei der Wert einer Leistung an dem Preis gemessen wird, den die Käufer dafür zu zahlen bereit sind. Die Realität zeigt, dass Gesellschaften, die sehr effizient arbeiten, die also das meiste aus ihren knappen Ressourcen herausholen, oft auch große soziale Unterschiede aufweisen.
Ludwig Erhard (1897–1977) war von 1949 bis 1963 Bundeswirtschaftsminister im Kabinett des ersten deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer. In diesem Amt wurde Erhard zum »Vater des WirtschaftswundersWirtschaftswunder«. Von 1963 bis 1966 war er deutscher Bundeskanzler.
Die Aufhebung der Preiskontrollen bildete den Beginn des »deutschen Wirtschaftswunders«
DerSoziale Marktwirtschaft 20. Juni 1948 gilt gemeinhin als Geburtstag der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Ludwig Erhard (1897–1977), zu dieser Zeit Direktor der Verwaltung für Wirtschaft in dem Teil Deutschlands, den Briten und Amerikaner – drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – besetzt hielten, ließ bekannt geben, die Preisbindung werde weitgehend aufgehoben. Erhard war davon überzeugt, dass die am gleichen Tag in Gang gesetzte Währungsreform, die Einführung der D-Mark, alleine nichts an der Mangelwirtschaft würde ändern können, in der Waren rationiert und gehortet wurden. Er wollte die Währungsreform daher mit einer Wirtschaftsreform verbinden. Sie sollte dafür sorgen, dass sich Arbeitsleistung und Unternehmergeist entfalten konnten. Die wichtigste Voraussetzung dafür war nach seiner Ansicht, den Preismechanismus wieder zuzulassen. Der Staat sollte nicht länger die Preise diktieren, diese sollten sich vielmehr am Markt als Ergebnis von Angebot und Nachfrage bilden. Man muss sich die damalige Situation vorstellen: Die Güterpreise und Verkaufsmengen wurden gesetzlich festgelegt. Was es auf Bezugsschein gab, war billig. Zehn Reichsmark kosteten die auf Karte erhältlichen Lebensmittel für einen Monat, sie reichten aber nicht zum Leben. Konsumgüter gab es zu den verordneten Preisen nicht im Laden zu kaufen, auf dem verbotenen Schwarzmarkt hingegen gab es alles, aber exorbitant teuer. Ohne Tauschhandel und Schwarzmarkt wären viele Menschen verhungert.
Mit der Freigabe der Preise gelang Erhard eine historische Weichenstellung in Richtung Marktwirtschaft. Die Öffentlichkeit war ebenso überrascht wie die Alliierten. »Alle meine Berater sind gegen Ihr Vorgehen«, kritisierte der amerikanische Oberbefehlshaber Clay. »Meine Berater auch«, entgegnete Erhard. Unterstützung erhielt Erhard nur von wenigen, denn in allen Parteien, auch in der CDU, überwogen damals planwirtschaftliche Ansätze.
Auch wenn die Grundidee der Sozialen Marktwirtschaft ihm zuerkannt wird: Ludwig Erhard plädierte keineswegs für staatliche Maßnahmen zum Zwecke des sozialen Ausgleichs. Er sprach sich vielmehr in erster Linie für eine marktwirtschaftliche Ordnung aus. Als zentrale Bauelemente der Sozialen Marktwirtschaft sah Erhard offene Märkte, eine stabile Währung und vor allem die Sicherstellung eines funktionsfähigen Wettbewerbs.
Allgemeiner Wohlstand entstehe nicht durch Umverteilung, sondern nur durch wirksamen Wettbewerb und »Wachstum für alle« – dies ist nach Erhard auch die beste Sozialpolitik. Einen Widerspruch zwischen Markt und sozialer Gerechtigkeit sah er somit nicht. Im Gegenteil: Erhard wandte sich entschieden gegen den Ausbau des Sozialstaats, beginnend mit der Rentenreform 1957. Er befürchtete eine Entwicklung zum Versorgungsstaat, der die Eigenverantwortung untergrabe. Sein Widerstand war freilich erfolglos, ebenso die berühmten Appelle zum »Maßhalten«, als er Kanzler wurde und die Ansprüche der Bevölkerung weiter steigen sah. Erhards Kanzlerschaft endete 1966 als Folge einer konjunkturellen Schwächephase.
Alfred Müller-Armack Der deutsche Ökonom und Soziologe (1901–1978) leitete von 1952 bis 1957 als enger Mitarbeiter Ludwig Erhards die Abteilung Wirtschaftspolitik und die Grundsatzabteilung im Bundeswirtschaftsministerium.
Den eigentlichen Begriff der Sozialen Marktwirtschaft prägte Alfred Müller-Armack (1901–1978). Der Ökonom und Soziologe lehrte an der Universität Köln, wechselte 1952 ins Wirtschaftsministerium (unter Erhard) und wurde Staatssekretär für Europa. Müller-Armack setzte sich dafür ein, die Kraft des Marktes als Wohlstandsmotor mit dem Prinzip der sozialen Gerechtigkeit zu verbinden.
Wie Ludwig Erhard und die Vertreter des so genannten Ordoliberalismus (siehe unten) sah er es als Aufgabe des Staates an, den wettbewerblichen Rahmen zu setzen und für stabiles Geld zu sorgen. Eine wichtige Säule der Sozialen Marktwirtschaft bildet insofern das 1957 verabschiedete – und seitdem mehrfach überarbeitete – Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB)Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) – kurz »KartellgesetzKartellgesetz« genannt.
Kernpunkte der Sozialen Marktwirtschaft
Das GWB ist die »Magna Charta« des deutschen Wettbewerbsrechts. Es beinhaltet das Verbot von Kartellen (also von vertraglich fixierten Preisabsprachen zwischen Unternehmen), die Kontrolle von Unternehmenszusammenschlüssen und die Bekämpfung des Missbrauchs marktbeherrschender Stellungen.
Müller-Armack erkannte darüber hinaus der SozialpolitikSozialpolitik eine größere Bedeutung zu, als es die Ordoliberalen taten. Wesentliches Instrument des sozialen Ausgleichs ist heute die Verteilungspolitik, also etwa der progressive Einkommensteuertarif, und das System der sozialen Sicherung in Form der gesetzlichen Renten-, Arbeitslosen-, Unfall-, Kranken- und Pflegeversicherung sowie der Sozialhilfe. Hinzu treten die so genannte Globalsteuerung, wie sie 1967 im »Stabilitätsgesetz« verankert wurde, und weitere Maßnahmen der Arbeitsmarkt-, Bildungs-, Umwelt- und Strukturpolitik.
Konzeptionen der Ordnungspolitik, KonzeptionenOrdnungspolitikOrdnungspolitik im historischen Zusammenhang
Nachstehend werden die wichtigsten ordnungspolitischen Konzeptionen im historischen Zusammenhang dargestellt. Zum Verständnis: Eine ordnungspolitische Konzeption ist die theoretische Grundlage – sozusagen das Leitbild – eines entsprechenden Wirtschaftssystems bzw. ist – wie im Fall der Sozialen Marktwirtschaft – mit diesem gleichzusetzen. Im Zeitablauf haben sich folgende Modelle herauskristallisiert:
Merkantilismus
Der MerkantilismusMerkantilismus (ab Ende des 16. Jahrhunderts) hatte vor allem das Ziel, die Staatseinnahmen zu steigern und versuchte hierzu, eine positive Leistungsbilanz zu erreichen, indem einerseits möglichst viele Waren exportiert und andererseits möglichst wenig Waren ins Land gelassen wurden. Der Merkantilismus ist geprägt durch Staatseingriffe und Interventionismus. Haupteinnahmequelle des Staates waren neben den Steuern die Erlöse aus eigenen Betrieben.
Klassischer Liberalismus
Der klassischer Liberalismusklassische Liberalismus (ab Mitte des 18. Jahrhunderts) ging im Zuge der Industrialisierung von England aus. Hauptvertreter waren John Locke, David Hume und Adam Smith. Als Reaktion auf die staatliche Bevormundung im Merkantilismus sollte der Staat im klassischen Liberalismus möglichst wenig Einfluss ausüben. Er hatte Eigentums- und Vertragsschutz zu gewährleisten und nur bestimmte Kernaufgaben wahrzunehmen. Ansonsten genießt die freie Preisbildung und Koordination auf Märkten oberste Priorität. Ungleiche Einkommensverteilung, soziale Härten sowie Machtkonzentration von Unternehmen waren zugunsten der allgemeinen Wohlstandssteigerung zu akzeptieren.
Sozialismus und Marxismus
Der SozialismusSozialismus entstand im 19. Jahrhundert im Zuge der aufkommenden sozialen Notlagen und Probleme. Eine wichtige Rolle spielten Karl Marx und Friedrich Engels, die im MarxismusMarxismus das Ziel der klassenlosen Gesellschaft des Kommunismus propagierten. Ihre Ideen beinhalten den Gedanken einer »Diktatur des Proletariats«, Kollektiveigentum an den Produktionsmitteln sowie zentrale Planung. Privateigentum führte nach Vorstellung der Sozialisten und Marxisten zur Ausbeutung der Arbeiterklasse, unternehmerischen Gewinn erachteten sie als vorenthaltenen Lohn, dezentrale Koordination mündete ihrer Meinung nach in wirtschaftliche Krisen infolge von Überproduktion, die letztlich den Untergang des Kapitalismus bewirken sollen.
Neo- oder Ordoliberalismus
Der NeoliberalismusNeo- oderOrdoliberalismusOrdoliberalismus (beginnend Anfang der 1930er-Jahre mit der Gründung der »Freiburger Schule« durch Walter Eucken und Franz Böhm) stellte die Verwirklichung einer Wettbewerbsordnung auf der Grundlage des Privateigentums in den Mittelpunkt. Sein Ideal war individuelle Freiheit mit vollständiger Konkurrenz auf allen Märkten. Ein starker Staat sollte die dafür notwendigen Rahmenbedingungen setzen, insbesondere durch konsequente Wettbewerbspolitik wirtschaftliche Machtkonzentration verhindern. Eine wichtige Rolle wurde von Eucken zudem der Eigenverantwortung der Unternehmen und – damit verbunden – der privaten Haftung zuerkannt. Weitere Vertreter dieser Denkrichtung waren Alexander Rüstow und Wilhelm Röpke. Nicht selten wird der Ordoliberalismus als deutsche Form des Neoliberalismus gedeutet, zu dem zuweilen auch andere Konzepte wie die Chicago School von Milton Friedman oder die Austrian School von Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek zählen.
Soziale Marktwirtschaft
Die Soziale MarktwirtschaftSoziale Marktwirtschaft ist das wirtschaftspolitische Leitbild Deutschlands. Wie oben ausgeführt, wird hier versucht, die Leistungsfähigkeit des marktwirtschaftlichen Systems mit dem Ziel des sozialen Ausgleichs zu verbinden. Privateigentum und Leistungswettbewerb werden als Garant von Freiheit und Wohlstand angesehen. Sie bilden damit auch die Voraussetzung für die Kompensation sozialer Härten, insbesondere ermöglichen sie die Finanzierung des sozialen Sicherungssystems. Die Soziale Marktwirtschaft ist eng verbunden mit dem in Deutschland realisierten freiheitlichen, sozialen und demokratischen Gesellschaftssystem.
Nachgehakt
Industriepolitik auf dem Vormarsch: Wird die Soziale Marktwirtschaft zum Auslaufmodell?
Die Soziale Marktwirtschaft war in der Bundesrepublik Deutschland lange Zeit Garant für Wachstum, Sicherheit, Freiheit, soziale Absicherung und Wohlstand. Möglicherweise ist die Soziale Marktwirtschaft in ihrer traditionellen Form aber zukünftig nicht mehr ausreichend, um den Herausforderungen der heutigen globalisierten Wirtschaft zu begegnen. In einer Welt, in welcher der Wettbewerb zwischen Ländern, Wirtschaftsordnungen und Unternehmen immer intensiver wird und nicht wenige Staaten zu protektionistischen Maßnahmen greifen, sind Regierungen zunehmend versucht, stärker in die Wirtschaft einzugreifen, um ihre Industrien zu schützen, zu fördern und wettbewerbsfähig zu halten. Dies führt weg von den Prinzipien der Marktwirtschaft und hin zu einer stärker dirigistischen Wirtschaftspolitik, welche die Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft untergräbt und diese letztlich zu einem Auslaufmodell machen könnte.
IndustriepolitikIndustriepolitik bezeichnet die gezielten Maßnahmen und Strategien einer Regierung, um die Entwicklung bestimmter Industrien oder Wirtschaftszweige zu fördern und zu lenken. Ziel der Industriepolitik ist es, die Wettbewerbsfähigkeit, Produktivität und Innovation zu verbessern und damit langfristiges wirtschaftliches Wachstum und Beschäftigung zu fördern. Weltweit gesehen ist die Industriepolitik derzeit auf dem Vormarsch. Dies gilt nicht nur für China, sondern auch für die USA (Inflation Reduction Act), die EU (European Green Deal, Taxonomie) und nicht zuletzt für Deutschland (Nationale Industriestrategie 2030, Moderne Industriepolitik des BMWK etc.).
Speziell in Deutschland werden industriepolitische Ansätze traditionell kritisch gesehen. Es besteht die Gefahr der Wettbewerbsverzerrung, wenn die Regierung bestimmte Unternehmen oder Branchen bevorzugt bzw. subventioniert. Dies kann dazu führen, dass ineffiziente Unternehmen gefördert oder künstlich am Leben gehalten werden und Innovation in eigentlichen Zukunftsfeldern unterbleibt. Zudem kann eine zu starke staatliche Einmischung zu bürokratischen Hürden führen und den Einfluss von Interessengruppen (Lobbyisten) wie auch Korruption begünstigen. Schließlich begeben sich Unternehmen gerne in die (vermeintlich sichere) Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung und verlieren damit längerfristig an Widerstandsfähigkeit und Resilienz.
Es ist allerdings zu beachten, dass sich die genannte Kritik vor allem auf eine Form der Industriepolitik bezieht, nämlich die so genannte vertikale Industriepolitik, die sich vornimmt, bestimmte Branchen oder Technologien gezielt zu fördern. Horizontale Industriepolitik, bei der es nicht um die Förderung spezifischer Branchen oder Unternehmen geht, sondern die vielmehr versucht, die Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Wachstum und Innovation generell zu verbessern (etwa durch die Senkung von Steuern, weniger Bürokratie, die Verbesserung der Infrastruktur, die Förderung von Bildung und Forschung oder die Schaffung eines günstigen Investitionsklimas) steht keineswegs im Widerspruch zu den Ordnungsprinzipien einer sozialen Marktwirtschaft – ganz im Gegenteil.
Um zukünftig im globalen Wettbewerb erfolgreich zu sein, stellt sich somit weniger die Frage ob, sondern eher wie Industriepolitik sinnvoll einzusetzen ist. Dabei kommt insbesondere der Verbesserung der allgemeinen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen große Bedeutung zu. Bei gezielten Maßnahmen der Technologiepolitik sollten diese zur Begrenzung des Einflusses von Lobbyisten möglichst transparent gestaltet sein.
Die Soziale Marktwirtschaft bietet nach wie vor einen ausgewogenen Ansatz, der wirtschaftliche Effizienz mit sozialer Absicherung verbindet. Sie ermöglicht Innovation und Wettbewerb, während sie gleichzeitig soziale Sicherheitsnetze bereitstellt, um diejenigen zu unterstützen, die durch den wirtschaftlichen Wandel benachteiligt werden. Sofern sie sich flexibel an die neuen Herausforderungen anpasst, ist die Soziale Marktwirtschaft – auch und gerade bei marktwirtschaftskonformer Industriepolitik – kein Auslaufmodell.
EsVolkswirtschaftslehre, MethodikVolkswirtschaftslehre, AufgabenVolkswirtschaftslehre gilt als gesicherte Erkenntnis, dass das Begriffsvermögen des Menschen maximal bis an die Stufe der eigenen Existenz reicht. Das heißt, der Mensch kann lernen, die Funktionsweise eines Schraubenschlüssels, eines Autos, eines Kernkraftwerkes oder eben gerade noch eines Menschen zu verstehen. Niemals aber wird es ihm gelingen, mehrere Menschen in ihrem Zusammenwirken vollständig zu erfassen. Nun ist eine Volkswirtschaft immer eine (große) Gruppe von Menschen, die bei ihrer Lebensgestaltung zueinander in Beziehung treten. Die Realität, mit der es die Volkswirtschaftslehre zu tun hat, ist deshalb im Allgemeinen kompliziert und in ihren vielfältigen Abhängigkeiten nicht zu überschauen. Deshalb arbeiten Ökonomen – wie auch Physiker oder Theologen – mit teilweise stark vereinfachten Modell, ökonomischesModellen. Anhand solcher Modelle widmet sich die Volkswirtschaftslehre zunächst der Beschreibung und Erklärung ökonomischer Vorgänge. Darauf aufbauend kann sie sich den Aufgaben der Prognose des zukünftigen Wirtschaftsablaufs sowie der Beratung bei dessen zielgerichteter Beeinflussung durch die Politik zuwenden.
Ein Modell ist die vereinfachte Darstellung der wirtschaftlichen Wirklichkeit, um diese besser zu verstehen
Nehmen wir als Beispiel die Arbeitslosigkeit (siehe Abbildung 1-6). Ihre Ursachen könnten darin liegen, dass die Löhne zu hoch sind, die Konjunktur schlecht läuft, der technische Fortschritt Arbeitsplätze kostet und vieles andere mehr. Eventuell sind diese Ursachen selbst Folge der Arbeitslosigkeit (so wird eine hohe Arbeitslosigkeit die Lohnforderungen dämpfen). Zudem bestehen auch zwischen den einzelnen Ursachen kausale Beziehungen (zum Beispiel können hohe Löhne die Rationalisierungstechnik fördern). Und schließlich werden die genannten Ursachen ihrerseits durch weitere Einflüsse bestimmt (der schlechten Konjunktur könnte ein Rückgang etwa der Konsum- oder der Investitionsnachfrage zugrunde liegen), die wiederum ihre eigenen Ursachen haben etc. In einem Modell wird dieses verästelte Beziehungsgeflecht auf eine Auswahl als wesentlich eingeschätzter Einflusskanäle reduziert. Dann versucht man, durch genaues Beobachten – man nennt das »empirische Forschung« – die Zusammenhänge möglichst exakt zu charakterisieren, und kommt so zu Aussagen wie: Wenn die Konjunktur um X Prozent steigt, dann nimmt die Arbeitslosigkeit um Y Prozent ab.
Okunsches Gesetz
Genau diese Beziehung wurde übrigens in den USA von dem Wirtschaftswissenschaftler und früheren Regierungsberater Arthur Melvin Okun gemessen. Die Erfahrungsregel, die sich dabei ergab, hat in der Ökonomie als Okunsches GesetzOkunsches Gesetz einige Beachtung gefunden.
In Deutschland, heißt es, muss die Wirtschaft um mehr als 2 Prozent wachsen, damit die Beschäftigung zunehmen kann
Die genaue empirische Korrelation ist im Zeitablauf veränderlich. Für Deutschland, so wird üblicherweise angenommen, ist für eine Verringerung der Arbeitslosenquote ein Wachstum mehr als 2 Prozent erforderlich.
Abb. 1-6:
Beispiel eines ökonomischen Modells
Erfahrungsgemäß gibt es kein Modell, mit dem man die wirtschaftliche Entwicklung immer völlig realitätsgetreu erklären kann. Das liegt zum einen daran, dass die tatsächlich wirksamen Einflussfaktoren eben nicht bekannt sind. Es kann also sein, dass nicht die wichtigsten ausgewählt wurden. Außerdem werden die bestehenden Beziehungen stark vom menschlichen Verhalten bestimmt. Das aber unterliegt bekanntlich Schwankungen und kann deshalb nicht ein für alle Mal exakt berechnet werden (wie beispielsweise die Umlaufbahn eines Planeten). Aus diesen Gründen finden sich in der Volkswirtschaftslehre, ErklärungsansätzeVolkswirtschaftslehreVolkswirtschaftslehre für das gleiche Problem mitunter mehrere, miteinander konkurrierende Erklärungsansätze (auch: Paradigmen). Um die Wirkung einzelner Einflussgrößen klar zu erkennen, arbeitet die Volkswirtschaftslehre oft mit der Annahme, »dass alles Übrige gleich bleibt« (Ceteris-Paribus-KlauselCeteris-Paribus-Klausel).
UmViereck, magischesViereckStabilisierungspolitik ihrer Beratungsfunktion gerecht zu werden, muss die Volkswirtschaftslehre die Ziele der Wirtschaftspolitik, ZieleWirtschaftspolitikWirtschaftspolitik analysieren. In Deutschland sind die gesamtwirtschaftlichen Ziele im »Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft« vom 8. Juni 1967 (so genanntes »StabilitätsgesetzStabilitätsgesetz«) festgelegt worden (siehe Abbildung 1-7). § 1 StabG lautet:
Stabilitätsgesetz
Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, dass sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen.
Weitere, häufig genannte Ziele sind eine gleichmäßigere Einkommens- und Vermögensverteilung sowie der Umweltschutz. Je nachdem, wie viele dieser Ziele wirtschaftspolitisch angestrebt werden, spricht man vom magischen Viereck, magischen Fünfeck, magischen Sechseck oder allgemein vom magischen Vieleck. Der Begriff »magisch« soll dabei ausdrücken, dass die Ziele miteinander im Konflikt stehen können und deshalb in der Realität meist nie gleichzeitig – wie im Stabilitätsgesetz gefordert – zu erreichen sind. Vielmehr ist die Gefahr gegeben, dass die Verbesserung des einen Ziels mit der Verschlechterung eines anderen Ziels verbunden ist. Dies erfordert dann ein Abwägen (Trade-offTrade-off). Beispiele für solche ZielkonflikteZielkonflikte sind zahlreich.
Beispiele für Zielkonflikte
So kann eine Verbesserung der Umweltqualität dadurch erreicht werden, dass Produktionsfaktoren aus der Güterproduktion abgezogen werden, was sich wiederum negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirkt. Umgekehrt kann ein hohes Wachstum die Umwelt schädigen. Weiterhin geht ein starkes Wirtschaftswachstum zwar in der Regel mit einer höheren Beschäftigung einher, andererseits ist dies oft von Preissteigerungen begleitet. Das hat normalerweise zur Folge, dass die Importe zu- und die Exporte abnehmen und damit das außenwirtschaftliche Gleichgewicht gefährdet werden kann. Will man etwa die Einkommenssituation einzelner Bevölkerungsgruppen verbessern, indem man die Steuerbelastung der Reichen erhöht, so ist zu befürchten, dass die Leistungsträger den Anreiz zur Produktion verlieren und damit der gesamte »Kuchen« dessen, was verteilt werden kann, kleiner wird. Der wohl berühmteste Zielkonflikt schließlich wird anhand der so genannten Phillipskurve diskutiert. Demnach kann eine höhere Beschäftigung zumindest kurzfristig durch eine staatliche Konjunkturankurbelung unter Inkaufnahme einer höheren Inflationsrate erreicht werden. Allerdings ist die Gültigkeit dieser Beziehung umstritten. Wir kommen darauf noch zu sprechen.
Die Beziehung zwischen den wirtschaftspolitischen Zielen ist nicht unverrückbar gegeben, sondern abhängig von der jeweiligen Wirtschaftslage und von den gewählten Instrumenten der Stabilisierungspolitik. Beispielsweise ist es in Zeiten einer Massenarbeitslosigkeit durchaus denkbar, dass eine Erhöhung der Staatsausgaben zu einer Beschäftigungszunahme führt, ohne das Ziel der Preisstabilität fühlbar zu gefährden. Dabei spielt das Verhalten der Wirtschaftsteilnehmer eine große Rolle: Wenn die Gewerkschaften bei einer Verbesserung der Arbeitsmarktlage höhere Löhne fordern, werden die Unternehmer das in ihre Preise einkalkulieren, was die Inflation anheizt.
Abb. 1-7:
Das magische Viereck
Ob ein Zielkonflikt vorliegt oder nicht, hängt darüber hinaus davon ab, welches wirtschaftspolitische Instrument zum Einsatz gelangt. Über die Eignung bzw. Wirkungsweise der Instrumente bestehen indes kontroverse Ansichten. Die Vertreter der so genannten Angebotspolitik versprechen sich etwa von einer Lohnsenkung bzw. Lohnzurückhaltung positive Effekte sowohl auf die Beschäftigung als auch auf die Preisstabilität. Die Verfechter der so genannten Nachfragepolitik bestreiten dies vehement. Wir werden diese Fragen später noch systematisch analysieren (siehe Kapitel 5). Es dürfte aber klar geworden sein, wie schwierig und komplex die Probleme sind, die sich der Stabilisierungspolitik stellen.
FestzustellenVolkswirtschaft ist, dass die Ziele der Wirtschaftspolitik im Allgemeinen wenig umstritten sind, allenfalls ist man hinsichtlich ihrer Gewichtung unterschiedlicher Ansicht. Heftigen Disput gibt es indes zwischen den politischen Lagern immer schon über die richtigen Instrumente, mit denen diese Ziele zu erreichen sind.
Ein seriöses Urteil diesbezüglich setzt erstens das Wissen darüber voraus, welche Instrumente grundsätzlich zur Beeinflussung einer Volkswirtschaft zur Verfügung stehen. Zweitens sollte man verstehen, über welche Wirkungskanäle diese Instrumente ihren Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen entfalten. Anhand dieser Betrachtung lässt sich dann die grundsätzliche Funktionsweise einer Volkswirtschaft recht gut erklären.
Jede Nation verfügt über ein breit gefächertes Instrumentarium, das zur Erreichung der wirtschaftspolitischen Ziele (wachsende Produktion und Beschäftigung, stabiles Preisniveau, ausgeglichener Außenbeitrag) eingesetzt werden kann. Wie in Abbildung 1-8 dargestellt, werden durch diese Instrumente sowie weitere externe Faktoren bestimmte ökonomische Variablen einer Volkswirtschaft (Steuern, Zinsen, Wechselkurse etc.) beeinflusst, die ihrerseits für die Nachfrage- und Angebotsentscheidungen der Wirtschaftssubjekte eine große Rolle spielen.
Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage bildet die Höhe der Ausgaben, die die Konsumenten, die Unternehmen, der Staat und das Ausland unter Berücksichtigung der gegebenen Preise, ihres Einkommens und anderer Kriterien tätigen wollen. Unter dem gesamtwirtschaftlichen Angebot versteht man die Ausbringungsmenge, die die inländischen Unternehmen zu den herrschenden Preisen und unter Wirkungssystem, gesamtwirtschaftlichesWirkungssystemBerücksichtigung ihrer Kapazitäten und Kosten zu produzieren und zu verkaufen bereit bzw. in der Lage sind. Hinzu tritt das Angebot des Staates an Dienstleistungen, etwa im Bereich der Bildung, Gesundheit oder Sicherheit.
Abb. 1-8:
Das gesamtwirtschaftliche Wirkungssystem
Wirtschaftspolitische Instrumente
Als wichtiges Instrument der Wirtschaftspolitik, InstrumenteWirtschaftspolitikWirtschaftspolitik ist zunächst die FiskalpolitikFiskalpolitik zu nennen. Sie umfasst vor allem die Ausgaben- und Steuerpolitik des Staates. Daneben kommt der GeldpolitikGeldpolitik, die von der Zentralbank verantwortet wird, eine herausragende Bedeutung zu. Sie bestimmt die Entwicklung der Geldmenge und der Zinssätze in der Volkswirtschaft. Wir werden auf diese beiden zentralen Hebel der Wirtschaftspolitik später ausführlich eingehen (siehe Kapitel 6 und 7). Vorläufig genügt es zu wissen, dass die Fiskal- und die Geldpolitik einen mehr oder weniger starken Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ausüben.
Unter der AußenwirtschaftspolitikAußenwirtschafts- und WährungspolitikWährungspolitik sind Handelsbeschränkungen, Zölle oder Wechselkursbeeinflussungen zu verstehen, mit denen der Staat und die Zentralbank versuchen, einen Ausgleich zwischen Exporten und Importen bzw. ein Gleichgewicht auf dem Devisenmarkt herbeizuführen. Derartige Eingriffe wirken ebenfalls vor allem auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage.
Träger der LohnpolitikLohnpolitik sind in Deutschland (unter dem Vorbehalt gesetzlich verankerter Mindestlöhne) die Tarifpartner, also Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften. Bei den gezielten Maßnahmen der Verteilungspolitik unterscheidet man vermögenspolitische (z. B. Wohnungsbauprämie, Vermögensteuer) und einkommenspolitische Instrumente. Letztere wirken insbesondere über die Einkommensteuer (etwa durch steuerliche Vergünstigungen und den Progressionsverlauf im Steuertarif) oder durch Transferzahlungen, also Bürgergeld, Ausbildungshilfen (BAföG), Kinder- und Elterngeld sowie Wohngeld. Die Maßnahmen der Lohn- und Verteilungspolitik gehören zweifellos zu den umstrittensten makroökonomischen Instrumenten. Sie wirken sich – über die Löhne, Gewinne und andere Einkommensarten – sowohl auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage als auch auf das gesamtwirtschaftliche Angebot aus. Eine Lohnerhöhung beispielsweise hat eine doppelte Wirkung: Einerseits verbessern steigende Löhne die Kaufkraft der Lohnempfänger. Andererseits steigen die Lohnkosten der Unternehmen. Wenn die Unternehmen daraufhin Entlassungen vornehmen, kann es sein, dass die Lohnsumme – die für die Höhe der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage entscheidend ist – gar nicht steigt, sondern im Gegenteil sogar sinkt (siehe Kapitel 4).
Prozesspolitik
Die Geld- und Fiskalpolitik sowie weite Bereiche der Außenwirtschafts- und Währungspolitik (die Festlegung des Wechselkursregimes etwa ist eine ordnungspolitische Entscheidung) sind Teil der so genannten ProzesspolitikProzesspolitik bzw. AblaufpolitikAblaufpolitik. Sie umfasst alle Maßnahmen und Mittel, die den Wirtschaftsprozess in Richtung der gesamtwirtschaftlichen Ziele beeinflussen. Überwiegend werden diese Maßnahmen der KonjunkturpolitikKonjunkturpolitik zugerechnet.
Ordnungspolitik
Die Lohn- und Verteilungspolitik hingegen gehört grundsätzlich zum Bereich der OrdnungspolitikOrdnungspolitik, die darauf gerichtet ist, eine gewünschte Wirtschaftsordnung zu verwirklichen bzw. zu sichern und auszubauen. Die Verteilungspolitik ist das Hauptinstrument der SozialpolitikSozialpolitik. Im Mittelpunkt der marktwirtschaftlichen Ordnung steht die WettbewerbspolitikWettbewerbspolitik, die sich in Deutschland unter anderem im Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) manifestiert. Ordnungspolitik kann zu einem Gutteil als WachstumspolitikWachstumspolitik begriffen werden. Eine in dieser Hinsicht bedeutsame ordnungspolitische Maßnahme ist etwa die Deregulierung von Märkten, beispielsweise des Arbeitsmarktes. Wachstumspolitische Relevanz besitzen vor allem auch die Technologie-, Bildungs-, Umwelt- und StrukturpolitikStrukturpolitik. Letztere beinhaltet die sektorale Strukturpolitik, etwa in Form von Subventionen für bestimmte Wirtschaftsbereiche, wie Kohle, Solarenergie, Windenergie oder Agrarwirtschaft, weiterhin die Regionalpolitik (z. B. Förderprogramme in den neuen Bundesländern) sowie die Unterstützung kleinerer und mittlerer Unternehmen im Rahmen der Mittelstandspolitik.
Externe Einflüsse
Die zuletzt genannten Maßnahmen der Ordnungspolitik beeinflussen in erster Linie die auf die Angebotsseite einer Volkswirtschaft wirkenden ökonomischen Variablen. Unter diesen kommt den volkswirtschaftlichen Produktionsfaktoren, das heißt dem Kapitalstock, der Arbeit, den Ressourcen und der Technologie, eine besondere Bedeutung zu. Sie sind maßgeblich für die Fähigkeit zur Gütererstellung, also für die Höhe der potenziellen Produktion und somit für das Gesamtangebot an Gütern in der Ökonomie. Neben die wirtschaftspolitischen Instrumente treten weitere externe Einflüsse, wie etwa das Klima, die Bevölkerungsentwicklung, Katastrophen, Kriege oder Auslandseinflüsse. Auch diese können erhebliche angebots- und nachfrageseitige Auswirkungen auf die Wirtschaft haben.
Die Wirtschaftsentwicklung ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Gesamtangebot und Gesamtnachfrage
Aus den Wechselwirkungen zwischen Angebot und Nachfrage resultieren nun bestimmte wirtschaftliche Ergebnisse, die sich in den gesamtwirtschaftlichen Zielgrößen (Produktion und Beschäftigung, Preisniveau und Außenbeitrag) niederschlagen. Wenn sich also z. B. die gesamtwirtschaftliche Nachfrage erhöht, steigt typischerweise das Preisniveau, die Produktion und die Beschäftigung nehmen zu. Der damit verbundene Einkommenszuwachs regt aber die Importnachfrage an, wodurch sich der Außenbeitrag (= Exporte minus Importe) verschlechtert. Wir besprechen derartige Vorgänge vor allem in den Kapiteln 4 und 5 sowie im Kapitel 9.
Auf den Punkt gebracht
Bei der Lösung des Knappheitsproblems hat sich das marktwirtschaftliche System als überlegen erwiesen. Um Konjunktur- und Beschäftigungsschwankungen, Machtmissbrauch, Übertreibungen und soziale Härten zu begrenzen, bedarf es aber einer staatlichen Wirtschaftspolitik. In einer groben Einteilung lässt sich diese in Ordnungs- und Prozesspolitik untergliedern. Je nachdem, ob die entsprechenden Maßnahmen das gesamtwirtschaftliche Güterangebot oder die gesamtwirtschaftliche Güternachfrage beeinflussen, sprechen wir von Angebots- oder Nachfragepolitik. Ihre gemeinsame Zielsetzung umfasst in Deutschland das im Stabilitätsgesetz beschriebene »magische Viereck«, ergänzt um die Ziele einer gerechten Einkommens- und Vermögensverteilung sowie des Umweltschutzes.
Lars P. Feld1 (geb. 1966) ist Professor für Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Direktor des Walter Eucken Instituts. Von 2011 bis 2021 war er Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, im letzten Jahr dessen Vorsitzender.
Herr Professor Feld, nach Studien des Instituts für Demoskopie Allensbach sowie Ihres Walter Eucken Instituts stehen in Deutschland viele Menschen hinter der Sozialen Marktwirtschaft, erkennen aber nicht mehr, dass die Freiheit der Wirtschaft die Grundlage für den Sozialstaat bildet. Halten Sie dieses Ergebnis für besorgniserregend?
Besorgt bin ich deswegen nicht. In diesen Befragungen zeigt sich im Zeitablauf, dass die deutsche Bevölkerung Sozialstaatlichkeit und Freiheit immer wieder unterschiedlich beurteilt hat. Hier kommt die Besonderheit dieser irenischen Formel »Soziale Marktwirtschaft«, wie Müller-Armack es nannte, zum Tragen. Die einen betonen Sozialstaat, Verteilungsfragen, Gerechtigkeit, die anderen stellen auf Freiheit, Marktwirtschaft, Preise als Koordinationsmechanismus ab. Was jeweils im Vordergrund steht, ist von aktuellen Debatten beeinflusst. Am Ende kommt es aber auf konkrete Maßnahmen an: Welche Staatseingriffe sind schädlich und welche nicht? Wie sollten die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen ausgestaltet sein? Sorge macht mit deshalb vielmehr, dass die politischen Entscheidungsträger in Parlament und Regierung heutzutage wieder mehrheitlich auf die Steuerbarkeit und Planbarkeit der Wirtschaft setzen. Dies wird nicht ohne Wohlstandsverluste bleiben.
Der Staat kann durch Ge- und Verbote, administrierte Preise, Subventionen und weitere Maßnahmen in das Marktgeschehen eingreifen. Wie weit darf er dabei gehen?
Diese Instrumente sollten möglichst wenig als Koordinationsmechanismen in einer Marktwirtschaft eingesetzt werden. Dabei ist mir bewusst, dass eine Marktwirtschaft erst auf Basis eines funktionierenden Rechtssystems florieren kann. Hier geht es aber um diese Instrumente als Koordinationsmechanismus. Auf administrierte Preise sollte dahingehend ganz verzichtet werden. Ge- und Verbote sollten nur in besonderen, politisch durch breite Mehrheiten gestützten Bereichen des Wirtschaftsgeschehens koordinierend greifen. Ge- und Verbote sind leider zu grob und führen zu Ineffizienzen. Subventionen sind nur in seltenen Fällen sinnvoll einsetzbar und sollten dann allmählich über die Zeit ausschleichen. Am schwierigsten lassen sich Ineffizienzen aufgrund von Steuersubventionen beseitigen.
Die Gehälter von Spitzenmanagern und Spitzenmanagerinnen der Privatwirtschaft betragen teilweise mehr als das 100-Fache, in Einzelfällen das 1000-Fache des Verdienstes eines(r) deutschen Facharbeiters/Facharbeiterin. Finden Sie das in Ordnung? Wie stehen Sie zu dem Vorschlag, als Pendant zu Mindestlöhnen auch Gehaltsobergrenzen einzuführen?
