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Der Bildband "Wisente in Deutschland" zeigt mit stimmungsvoller Landschaftsfotografie auf 160 farbigen Seiten das Leben von Wisent, Wildpferd und Co. in ihrem natürlichen Lebensraum im Wandel der Jahreszeiten. Das Buch, verfasst von Naturfreunden für Naturfreunde, berichtet aber auch über Chancen und Konflikte im Zusammenleben von Mensch und Wildtieren in unserer ökonomisch dominierten Kulturlandschaft. Des Weiteren berichten die Autoren von einem richtungsweisenden Artenschutzprojekt im Rothaargebirge, wo die einzige freilebende Wisent-Herde in Zentraleuropa ihre Fährte zieht.
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Seitenzahl: 94
Veröffentlichungsjahr: 2020
Vorwort
Einleitung
Die Einteilung des Wisents in der Familie der Hornträger und ihrer Verwandten
Aussehen und Verhalten von Wisenten
Ist der Wisent für den Menschen gefährlich?
Hier lebt der Wisent früher und heute
Nahrung und Lebensweise des Wisents
Der Jahres- und Tageszyklus im Leben eines Wisent
Fruchtbarkeit und Fortpflanzung des Wisents
Von der Brunftzeit bis zur Geburt der Kälber
Risiken für den Wisent
Die schwierige genetische Situation der Wisente
Rettung der vom Aussterben bedrohten Wisente in letzter Sekunde
Unterschiede zwischen dem Wisent und seinen amerikanischen Verwandten
Die Jagd auf den Wisent hat eine lange Tradition
Wie soll es mit den Wisenten in Zukunft weitergehen?
Wisente im Halbinsel-Reservat Damerower Werder
Der Einfluss von Wisent, Wildpferd und Rotwild auf das Ökosystem der Döberitzer Heide
Die wilden Wisente im Rothaargebirge – ein Artenschutzprojekt mit Signalwirkung
Resümee
Danksagung
Anhang
Literatur
Anfang des 20. Jahrhunderts schien das Schicksal des Wisents besiegelt zu sein. Durch vielfältige negative Einflüsse war der freilebende Wisent-Bestand in seinem natürlichen Verbreitungsgebiet komplett ausgerottet. Nur zwölf zuchttaugliche Wisente hatten in Zoos und Gehegen überlebt. Es drohte das Aussterben der Art. Nur der Weitsicht und dem Engagement einiger Personen ist es zu verdanken, dass die Art in letzter Minute vor dem Aussterben gerettet werden konnte. Seitdem ist Weitreichendes unternommen worden. Besonders in Polen, Weißrussland und Deutschland wurde mit einer gezielten Wisent-Nachzucht begonnen: Es entstanden Wisent-Zuchtstätten, mit denen zunächst die Anzahl der Tiere erhöht werden konnte. Schon einige Jahre später wurden erste Wisente aus der Nachzucht in verschiedenen Ländern in Schutzgebiete und damit zurück in die Freiheit entlassen. Diese gründeten neue Populationen und so ist es letztlich gelungen, den Wisent in Europa wieder anzusiedeln. Zwischen den Ländern und Zuchtstätten bildeten sich Kooperationen, die zu einer gemeinsamen koordinierten Vermehrung der Wisente führten. Diese Entwicklung ist auch heute noch nicht abgeschlossen. Es wird weiterhin in verschiedenen Projekten daran gearbeitet, die Wisent-Populationen zu stärken: durch die weitere Erhöhung der Anzahl der Individuen und deren stärkere räumliche Verbreitung. Denn trotz aller Bemühungen muss der Wisent noch immer als bedrohte Art angesehen werden.
Das Durchschreiten eines genetischen Engpasses mit all seinen möglichen Folgen wird es wahrscheinlich bedingen, dass der Wisent in einem gewissen Maß die Obhut des Menschen noch für lange Zeit, wenn nicht gar für immer benötigt. Gründe, die in der Vergangenheit zur Ausrottung von Wildtieren führten, können auch heute nicht als überwunden angesehen werden. So gefährdet zum Beispiel die politische, ökonomische und militärische Destabilisierung einer Region den Bestand einer Wildtierpopulation.
Andererseits gibt es aber auch positive Entwicklungen. In Deutschland gründete sich in den 2000er Jahren eine Initiative mit dem Ziel, eine kleinere Wisent-Herde in freier Natur zu etablieren. Hieraus können wertvolle Erkenntnisse über das Verhalten von wilden Wisenten in dieser Region gesammelt werden, die in vergleichbare Projekte einfließen können. Dieses mutige und richtungsweisende Projekt hat sicherlich eine Signalwirkung. Es kann ein positives Beispiel dafür sein, wie in einem dicht besiedelten Land mit einer intensiv genutzten Kulturlandschaft und einem stark ökonomischem Denken und Handeln Räume gefunden werden, in denen der Mensch zur Koexistenz mit Wildtieren in der Lage ist.
Wie dem auch sei, heute entscheidet die offene Gesellschaft und in erster Linie die Bevölkerung der betroffenen Regionen, ob sie Willens ist, mit Wildtieren wie dem Wisent zusammenzuleben. Sicher ist, dass es in einer Koexistenz früher oder später zu Konflikten kommen wird. Aber es liegt an uns, auch dafür eine geeignete Grundlage des Zusammenlebens zu finden.
Hierbei kommt Vertretern der Gesellschaft aus Politik, Medien sowie Land- und Forstwirtschaft, aber auch Jägern, Tierschützern bzw. Tierliebhabern eine besondere Verantwortung zu. Der Wisent ist ein einheimisches Wildtier und es ist wundervoll, wieder erleben zu können, welche Bereicherung dieses urwüchsige Tier in unseren Wäldern darstellt. Wir alle zusammen tragen heute die Verantwortung dafür, dass sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen und der Wisent seinen angestammten Platz im Kreislauf der Natur einnehmen kann.
Es sollte uns bewusst sein, dass hierfür allein ökonomisches Denken keine Grundlage sein kann. Der Kreislauf der Natur ist symbiotisch und das Fehlen einer Art hat direkte oder indirekte Auswirkungen auf jedes Individuum. Der Mensch ist angehalten, den Umgang und das Zusammenleben mit Wildtieren wieder zu erlernen und dabei zu Kompromissen und zum Ausgleich bereit zu sein.
Wisente lebten bis ins frühe Mittelalter in den Urwäldern Zentral-, Süd- und Südosteuropas. Die Vorfahren der heute lebenden Wisente dürften wohl lange vor der letzten Eiszeit im südlichen Asien zuhause gewesen sein. Von dort dehnten sie sich nach Norden, Osten und Westen aus, bis sie ihr maximales ursprüngliches Verbreitungsgebiet erreichten. Dieses umfasste fast ganz Europa und weite Teile Asiens.
Wisente finden sich auf steinzeitlichen Höhlenmalereien im Südwesten Europas, die vor 32.000 Jahren entstanden. Der von den frühzeitlichen Menschen dargestellte Wisent dürfte wohl der körperlich stärkere Steppen-Wisent mit seinen großen Hörnern gewesen sein. Diese künstlerischen Darstellungen des Wisents und anderer Wildarten lassen darauf schließen, dass die Tiere nicht nur eine überlebenswichtige Nahrungsquelle im damals rauen Klima Europas waren, sondern dass für die steinzeitlichen Jäger eine gewisse Faszination von ihrem Jagdwild ausging. Der Steppen-Wisent (Bison priscus) streifte damals vermutlich in großen Herden durch die Steppengebiete Europas und Asiens. Doch nach dem Ende der letzten Eiszeit verschwand er und starb aus. Ob es die klimatischen Veränderungen und ihre Folgen waren, die zum Aussterben dieser Art führten oder ob dabei schon der Einfluss des Menschen eine Rolle spielte, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen.
Nachempfundene Zeichnung eines Steppen-Wisents aus der Höhle von Altamira, Spanien.
Die Nische, die der Steppen-Wisent hinterlassen hatte, wurde vom vermutlich aus Asien stammenden Wisent gefüllt, der sich nun über Zentral- und Südeuropa ausbreitete. Er teilte sich seinen Lebensraum mit einem anderen Wildrind, dem Auerochsen oder Ur, das früher als der Wisent, bereits im 16. Jahrhundert aussterben sollte. Eine sehr detaillierte Darstellung eines Wisents von Albrecht Dürer, etwa aus dem Jahr 1500, lässt vermuten, dass damals bereits Kenntnisse über die Anatomie und die Lebensweise des Wisents vorhanden waren. Die Darstellung wird häufig als die eines Auerochsens bezeichnet, zeigt aber eindeutig einen Wisent. Solche Unklarheiten bei der Bestimmung von Arten auf historischen Darstellungen finden sich, wie Dr. Johannis Riedl auf der Internetseite des Wisent-Projektes Donaumoos schreibt, in der Literatur bis heute. Über die Lebensweise des Wisents in vorgeschichtlicher Zeit ist nur wenig bekannt. Möglicherweise gehörten damals noch offene Gebiete wie Steppen und weites Grasland zu seinem angestammten Lebensraum. Heute ist er ein Waldbewohner, da Wälder oftmals seine letzten verbliebenen Lebensräume waren. Dieser Lebensweise folgend ist er als Herdentier in kleinen Gruppen von zehn bis vierzig Tieren anzutreffen.
In vorgeschichtlicher Zeit, als noch eine Landverbindung zu Amerika bestand, wanderte der Wisent vom eurasischen Kontinent über die Beringstraße nach Amerika ein, wo er sich ein weites Verbreitungsgebiet eroberte und sich zu einer erheblichen Bestandsgröße mit vielen Millionen Tieren ausdehnte. Nach der Unterbrechung der Landverbindung entwickelten sich die Tiere auf den Kontinenten unterschiedlich. Auf dem amerikanischen Kontinent sprechen wir vom Bison (Bison bison), er ist der nächste lebende Verwandte des Wisents. Beide Arten, Europäischer Wisent und Amerikanischer Bison, können aber uneingeschränkt miteinander gekreuzt werden.
Nachempfundene Zeichnung einer Wisentdarstellung aus der Höle von Altamira, Spanien.
In den 1920er Jahren war der Wisent akut vom Aussterben bedroht. Die letzten freilebenden Wisente fielen der Wilderei oder kriegerischen Auseinandersetzungen zum Opfer. Alle heute lebenden Tiere stammen von nur zwölf zuchttauglichen Wisenten ab, die damals in Zoos und Tiergehegen gehalten wurden. Die niedrige genetische Variabilität gilt als eine der wesentlichen Gefahren für den langfristigen Erhalt der Art. Alle reinblütigen Tiere sind im Weltwisentzuchtbuch registriert, das in Polen im Bialowieza-Nationalpark geführt wird. Aufgrund der Anstrengungen auf dem Gebiet der Wisent-Zucht von Zoos und Privatpersonen konnte die Art erhalten werden und die ersten freilebenden Wisent-Herden 1952 auf dem Gebiet des heutigen Nationalparks Bialowieza an der polnisch-weißrussischen Grenze durch Auswilderung erfolgreich wieder angesiedelt werden. Heute existieren über dreißig freilebende und in Halbfreiheit lebende Populationen mit einem Gesamtbestand von mehr als 5000 Wisenten. Im Jahr 2013 wurde im nordrhein-westfälischen Rothaargebirge eine achtköpfige Wisent-Herde ausgewildert.
Das Heckrind gilt als Rückkreuzung des Auerochsen. Es unterscheidet sich aber durch einige Merkmale vom Auerochsen oder Ur. So ist der Auerochse um Einiges größer, er hat keine gerade Rückenlinie. Die Vorderpatie hat lange Dornfortsätze, die einen Schulterbuckel tragen. Das Heckrind wird heutzutage vielerorts zur Landschaftspflege eingesetzt.
Damit leben nun nach einigen hundert Jahren wieder Wisente frei auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands.
