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Matthias und Arne wachsen in Eutin unter Bedingungen auf, die jeden jungen Menschen an die Grenzen bringen würden. Beide tragen schwere Erfahrungen mit sich, beide kämpfen mit Angst, Schuld, Abhängigkeit und der Frage, wer sie eigentlich sein dürfen. Zwischen ihnen entsteht eine tiefe, unerschütterliche Verbindung, die nicht romantisch beginnen muss, um lebensverändernd zu werden. Als Alina in ihr Leben tritt, öffnen sich für Matthias neue Wege – Wege, die Mut verlangen und Heilung ermöglichen. Arne hingegen lernt, sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen und Grenzen zu setzen, ohne die Freundschaft zu verlieren, die ihn so lange getragen hat. Schritt für Schritt formt sich ein Beziehungsgeflecht aus Vertrauen, Selbstfindung und Liebe, das alle drei vor neue Herausforderungen stellt. "Wo dein Schatten mich berührt" ist eine dunkle, zarte und zutiefst menschliche Geschichte über zwei traumatisierte Jugendliche, die lernen, dass Heilung möglich ist. Über Freundschaft, die nicht zerstört, sondern trägt. Und über eine Liebe, die leise beginnt – und doch stärker wird als die Vergangenheit. Eine Dark Romance mit realistischen Konflikten, psychologischer Tiefe, dramatischen Wendungen und einem warmen, versöhnlichen Happy End. Achtung: Der Autor verwendet zum Erstellen seiner Texte meistens künstliche Intelligenz (und muss das angeben, was er hiermit macht)!
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Seitenzahl: 250
Veröffentlichungsjahr: 2026
Wo dein Schatten mich berührt
Untertitel:
Eine Dark-Romance-Geschichte aus Eutin über zwei verlorene Seelen, die lernen, einander im Dunkeln zu sehen
Vorwort
Eutin wirkt auf den ersten Blick wie eine beschauliche Stadt, eingebettet zwischen dem Großen Eutiner See, den alten Gassen der Altstadt und den stillen Wegen rund um das Eutiner Schloss. Doch hinter Fassaden und Wasserflächen können Schatten länger sein, als das Auge wahrnimmt. In dieser Geschichte begegnen sich zwei junge Menschen, Matthias und Arne, die beide aus den frühen neunziger Jahren stammen könnten, mit den typischen Namen jener Zeit und mit Verletzungen, die sie nie richtig aussprechen konnten.
Sie treffen sich dort, wo Licht und Dunkelheit einander berühren. Zwischen dem Schlossgarten, der verwitterten Schlossbrücke, dem Markt, der Stadtbucht und den abgelegenen Waldwegen der Holsteinischen Schweiz offenbart sich eine Welt, in der Nähe gefährlich, aber notwendig wird.
Diese Geschichte möchte zeigen, wie sehr Schmerz verbindet, wie Angst Mauern baut – und wie Liebe manchmal trotzdem einen Weg hindurch findet. Sie ist dunkel, sie ist emotional, und sie ist romantisch in einem vorsichtigen, fast zerbrechlichen Sinn. Und obwohl die Schatten mächtig sind, soll am Ende ein Weg sichtbar werden, der nicht in Zerstörung führt, sondern in eine Form von Heilung.
Trigger Warnung / Wichtiger Lesehinweis
Dieses Buch enthält deutliche und teilweise sehr belastende Darstellungen von häuslicher Gewalt, körperlicher und psychischer Misshandlung, Alkoholmissbrauch, emotionaler Vernachlässigung, Angstzuständen, Trauma-Folgen, Kontrollverhalten, Abhängigkeit, sozialer Isolation sowie Situationen, in denen Jugendliche in akuten Gefährdungslagen dargestellt werden. Es werden außerdem Fluchtgedanken, Perspektivlosigkeit, instabile familiäre Verhältnisse, institutionelle Abhängigkeiten sowie die psychischen Folgen von Gewalt im Elternhaus beschrieben. Die geschilderten Inhalte können stark belastend, verstörend oder retraumatisierend wirken.
Ich schreibe diese Trigger Warnung ganz bewusst und ausdrücklich. Ich möchte nicht, dass dieses Buch von kleinen Jungen oder kleinen Mädchen gelesen wird. Ebenso möchte ich nicht, dass psychisch kranke, seelisch instabile oder akut belastete Personen diese Geschichte lesen. Ich will nicht, dass jemand durch meine Bücher einen Knacks in der Seele bekommt. Ich will nicht, dass sich jemand durch die dargestellten Gewalt-, Angst- oder Abhängigkeitsdynamiken innerlich verliert oder sich im schlimmsten Fall selbst etwas antut.
Ich übernehme mit dieser Trigger Warnung Verantwortung. Worte wirken. Geschichten wirken. Gerade Darstellungen von Gewalt in der Familie, emotionaler Vernachlässigung, Kontrollverlust, Angst und jugendlicher Schutzlosigkeit können sehr tief nachwirken und eigene Erfahrungen wieder aufreißen. Deshalb soll dieses Buch nicht von Minderjährigen oder besonders schutzbedürftigen Menschen gelesen werden. So wie man keine Zigaretten an zwölfjährige Kinder verkauft, sollen auch diese Inhalte nicht ungeschützt oder unreflektiert konsumiert werden.
Dieses Buch ist keine romantische Verklärung von Gewalt, Missbrauch oder Abhängigkeit. Es ist keine Anleitung für Beziehungen und keine Rechtfertigung für übergriffiges Verhalten. Die Nähe zwischen den Figuren wird bewusst ambivalent dargestellt: als Rettung und Risiko zugleich. Gewalt wird nicht verherrlicht, sondern in ihren seelischen und körperlichen Folgen gezeigt. Die Geschichte versucht, einen Weg aus Dunkelheit sichtbar zu machen, ohne das Leid zu verharmlosen.
Bitte lesen Sie dieses Buch nur, wenn Sie volljährig sind, sich psychisch stabil fühlen und wissen, dass Sie mit sehr intensiven, düsteren und realitätsnah belastenden Themen umgehen können. Wenn Sie unsicher sind, ob diese Inhalte für Sie geeignet sind, lesen Sie dieses Buch bitte nicht.
Ihre seelische Gesundheit ist wichtiger als jede Geschichte.
Haftungsausschluss
Dieses Buch ist ein fiktionales Werk. Alle Figuren, Orte, Handlungen und Ereignisse wurden für erzählerische Zwecke gestaltet. Die Darstellung psychischer Belastungen, traumatischer Erfahrungen und intensiver emotionaler Beziehungen dient ausschließlich der literarischen Dramaturgie und erhebt keinen Anspruch auf medizinische oder therapeutische Genauigkeit.
Wichtig: Dieses Buch wurde vollständig mit Hilfe künstlicher Intelligenz geschrieben.
Die Inhalte sind kreativ generiert und sollen unterhalten, nicht belehren oder ersetzen, was professionelle Beratung oder reale Expertise leisten kann.
Jede Ähnlichkeit zu realen Personen – lebend oder verstorben – ist rein zufällig. Eutin und die regionalen Schauplätze werden als literarische Kulisse genutzt und nicht in ihrer tatsächlichen Funktion oder Bedeutung bewertet.
Imprint:
V. i. S. d. P.: Marcus Petersen-Clausen, Ginsterweg 7, 30900 Mellendorf/Wedemark (DE) - Tel.: 491796162178
Dieses Dokument ist lizenziert unter dem Urheberrecht!
(c) 2025 Marcus Petersen-Clausen
(c) 2025 Köche-Nord.de
Achtung: Der Autor verwendet zum Erstellen seiner Texte meistens künstliche Intelligenz (und muss das angeben, was er hiermit macht)!
Köche-Nord.de
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 – Schatten über dem See
Kapitel 2 – Häuser, die ihre Schatten nicht loswerden
Kapitel 3 – Der Punkt, an dem ein Zuhause aufhört, eins zu sein
Kapitel 4 – Der Funken, der zu früh fällt
Kapitel 5 – Wenn Rettung keine Option mehr ist, sondern ein Instinkt
Kapitel 6 – Der Punkt, an dem Bleiben gefährlicher wird als Gehen
Kapitel 7 – Zwei Matratzen, ein Versprechen
Kapitel 8 – Die erste Nacht
Kapitel 9 – Wenn Stille lauter wird als Lärm
Kapitel 10 – Wenn Angst zu laut wird, um zu schweigen
Kapitel 11 – Ein Geburtstag ohne Kerzen
Kapitel 12 – Der Tag, der sich wie ein leiser Neubeginn anfühlt
Kapitel 13 – Worte, die wehtun, und Entscheidungen, die tragen
Kapitel 14 – Schritte in eine Welt, die zu schnell ist
Kapitel 15 – Dinge, die man nicht hören will
Kapitel 16 – Entscheidungen, die wehtun und welche, die wachsen
Kapitel 17 – Nähe, die man nicht mehr wegdenken kann
Kapitel 18 – Dinge, die man nicht laut sagen darf
Kapitel 19 – Ein Gefühl, das man nicht benennen kann
Kapitel 20 – Der erste echte Moment
Kapitel 21 – Nähe, die Angst macht
Kapitel 22 – Schritte, die größer sind als man selbst
Kapitel 23 – Worte, die tiefer schneiden als jede Wunde
Kapitel 24 – Zwischen Sicherheit und Gefahr
Kapitel 25 – Der Hausbesuch
Kapitel 26 – Prüfungen, die größer sind als ein Zettel
Kapitel 27 – Schatten im Treppenhaus
Kapitel 28 – Ein ruhiger Anfang
Kapitel 29 – Neue Schritte, neue Menschen
Kapitel 30 – Neue Wege
Kapitel 31 – Neue Kreise
Kapitel 32 – Der Moment, der alles verändert
Kapitel 33 – Wenn Neues beginnt
Kapitel 34 – Schritte in zwei Richtungen
Kapitel 35 – Neue Gewohnheiten
Kapitel 36 – Nähe und Abstand
Kapitel 37 – Zwischen vier Menschen
Kapitel 38 – Wenn zwei Wege breiter werden
Kapitel 39 – Stimmen, die man lange nicht hört
Kapitel 40 – Der Punkt, an dem es nicht mehr geht
Kapitel 41 – Das erste Angebot
Kapitel 42 – Ein neuer Vertrag
Kapitel 43 – Der Abschied, der keiner ist
Kapitel 44 – Der Umzug beginnt
Kapitel 45 – Der Tag, an dem er allein gehen muss
Kapitel 46 – Ein Abend, der sich leicht anfühlt
Kapitel 47 – Der Schlüssel
Kapitel 48 – Grenzen und Neubeginn
Kapitel 49 – Der erste Tag im neuen Leben
Kapitel 50 – Ein neues Kapitel
Nachwort
Kapitel 1 – Schatten über dem See
Der Nebel kroch in dünnen Schwaden über den Großen Eutiner See, als hätte jemand vergessen, den Tag richtig zu Ende zu machen. Die letzten Lichtreste hingen wie müde Fäden über dem Wasser, irgendwo hinten beim Schloss, dessen Umrisse sich nur noch als dunkle, gezackte Silhouette gegen den Himmel abzeichneten. Am Ufer, dort wo der schmale Weg von der Stadtbucht aus in Richtung Schlossgarten führte, stand Matthias und zog die Schultern tiefer in seine Jeansjacke. Sie war zu dünn für einen Abend wie diesen, aber er mochte die Jacke, weil man die Löcher in den Ärmeln nicht auf den ersten Blick sah.
Er hielt eine Zigarette in der linken Hand, doch sie war längst ausgegangen. Glutlos, kalt, nur noch eine Geste, die ihn beschäftigte. Seine Finger spielten nervös mit dem Filter, drehten ihn hin und her, als wolle er die Drehung seines eigenen inneren Kreiselkompasses imitieren, der seit Jahren jede Orientierung verloren hatte. Seine rechte Hand steckte tief in der Tasche, die Finger krampften sich um das kalte Metall eines Schlüssels. Der Schlüssel gehörte zu einer Tür, die niemand sehen durfte. Jedenfalls nicht so, wie sie hinter seiner Stirn aussah.
Matthias’ Gesicht wirkte im schwachen Licht der Laternen älter, als es sein Alter vermuten ließ. Er war siebzehn, doch die feinen Linien zwischen seinen Brauen sahen aus, als hätten sie schon vor Jahren gelernt, sich zusammenzuziehen. Seine dunklen Haare fielen ihm ins Gesicht, leicht feucht vom Nebel. Wenn er blinzelte, zuckten seine Augenlider minimal – ein kaum sichtbares, aber unruhiges Flattern, als wäre da ein Teil in ihm, der ständig damit rechnete, dass gleich etwas passieren würde. Etwas Unvorhersehbares. Etwas, das weh tat.
Er zog langsam an der leblosen Zigarette, bemerkte erst dann, dass sie gar nicht mehr brannte, und verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. Typisch, dachte er. Selbst seine Fluchtversuche waren müde geworden.
Hinter ihm, aus Richtung Innenstadt, trugen die feuchten Straßen den Lärm der Welt nur gedämpft bis zum See. Ein entferntes Motorrad auf der Plöner Straße, das gedämpfte Klacken eines Fahrrades über das Kopfsteinpflaster am Markt, ein paar Stimmen, die aus der Richtung der Schlossstraße kamen. Eutin wirkte in dieser Stunde kleiner, zusammengerückter, beinahe so, als hätte die Stadt beschlossen, ihre Geheimnisse eng an sich zu drücken, damit nichts nach außen sickerte.
Matthias hörte Schritte auf dem Kiesweg hinter sich, zunächst so leise, dass er glaubte, sich zu täuschen. Dann wurden sie klarer. Rythmisch, nicht hektisch, aber auch nicht ganz ruhig. Er drehte sich nicht sofort um. Stattdessen straffte er unbewusst die Schultern, der Kiefer schob sich nach vorne, als würde er sich innerlich auf einen Schlag einstellen, der kommen konnte oder nicht – er kannte den Ablauf gut genug, um beides zu erwarten.
„Die ist aus“, sagte eine Stimme hinter ihm. Die Worte waren ruhig, etwas rau, aber nicht aggressiv. Nur eine Feststellung.
Matthias erstarrte für einen Moment, dann drehte er den Kopf zur Seite. Ein Junge blieb ein paar Schritte entfernt stehen, vielleicht sechzehn oder siebzehn. Seine Haare waren dunkelblond, im Nacken etwas zu lang, vorne so geschnitten, dass sie ihm immer wieder in die Stirn fielen. Er trug einen schwarzen Hoodie mit ausgewaschenem Aufdruck, darunter lugte ein verwaschenes Bandshirt hervor. Seine Hände steckten in den Taschen, doch die Schultern waren angespannt, als hätte er sich noch nicht entschieden, ob er gerade hier sein wollte.
Die Laterne hinter ihm legte Schatten in seine Gesichtszüge. Seine Wangenknochen wirkten dadurch schärfer, der Ausdruck seiner Augen schwer zu lesen. Nur eines war klar: Er musterte Matthias nicht mit dieser neugierigen, leicht abwertenden Art, die viele aus der Schule draufhatten. Eher wie jemand, der prüft, ob der andere dieselbe Sprache spricht, ohne ein Wort zu sagen.
„Hab ich gemerkt“, antwortete Matthias leise. Seine Stimme war rauer, als er erwartet hatte. Er räusperte sich und senkte den Blick wieder auf den See, als würde sich das Gespräch von selbst erledigen, wenn er es nur lange genug ignorierte.
Der Junge kam näher. Die Kiesel knirschten unter seinen Schuhen. Er stellte sich neben Matthias, nicht zu dicht, aber nahe genug, dass ihre Schultern in einem flüchtigen Moment fast aneinanderstreiften. Ein kurzer elektrischer Hauch ging durch Matthias’ Körper, ein Reflex, der zwischen Abwehr und Erwartung schwebte. Er zwang sich, ruhig zu bleiben.
„Ich bin Arne“, sagte der Junge nach einer kurzen Stille, in der man nur das leise Plätschern der Wellen und das entfernte Hupen eines Autos hörte, vermutlich von der Lübecker Straße hinübergeweht. Er drehte den Kopf leicht zu Matthias, seine Mundwinkel zuckten, als versuchte er ein Lächeln und brach mitten in der Bewegung ab. „Du bist jeden Abend hier.“
Matthias blinzelte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ihn jemand beobachtete. Die Erkenntnis legte sich wie eine kalte Hand auf seine Brust. Sein Atem stockte für einen Moment, wurde dann langsam, kontrolliert. Er wandte Arne das Gesicht zu, seine Augen schmal, nicht aggressiv, aber abwehrbereit.
„Spionierst du mir nach, oder hast du einfach sonst nichts zu tun?“, fragte er, und sein Tonfall war schärfer, als er beabsichtigt hatte. Seine Finger in der Jackentasche hatten sich noch fester um den Schlüssel gekrallt.
Arne blies die Luft durch die Nase aus und sah wieder aufs Wasser hinaus. Seine Schulterbewegung war ein Halblächeln ohne Mundwinkel, ein resigniertes Zucken. „Eutin ist nicht groß“, sagte er. „Wenn man jeden Abend versucht, nirgendwo zu sein, landet man meistens hier.“
Die Worte hingen einen Moment schwer zwischen ihnen. Matthias beobachtete Arnes Profil im Seitenlicht der Laterne. Der Schatten seiner Wimpern lag wie ein zarter Strich auf seinen Wangen, während er den Blick starr auf das dunkle Wasser gerichtet hielt. Indem er den Kopf leicht senkte, ließ er den Hals frei, eine unbewusste Geste, die etwas Verletzliches hatte – und zugleich etwas Trotziges, als würde er sagen: Sieh hin, wenn du dich traust.
„Also versuchst du auch, nirgendwo zu sein“, murmelte Matthias. Es war weniger eine Frage als eine Feststellung.
Arne zuckte mit den Schultern. „Manchmal bin ich lieber ein Schatten als eine Zielscheibe“, antwortete er leise.
Dieses Mal war es Matthias, der weg sah. Das Wort Zielscheibe traf etwas in ihm. Bilder schossen hoch: ein Wohnzimmer, das nach kaltem Rauch und billiger Pizza roch; eine Hand, die zu schnell, zu hart nach vorne schoss; ein Blick, der keine Fragen kannte, nur Urteile. Sein Nacken spannte sich an, der Atem wurde flacher. Er zwang seine Hand, den Schlüssel loszulassen, und holte die Zigarette aus der anderen Hand, betrachtete sie, als wäre sie das Problem.
„Du redest komisch“, sagte er schließlich. Es klang aber nicht feindselig, eher vorsichtig neugierig. „So, als würdest du schon länger in irgendeinem Film mitspielen, den die anderen noch gar nicht mitgekriegt haben.“
Arne lachte kurz, ein trockenes, überraschend weiches Geräusch. Er drehte den Kopf und sah Matthias direkt an, und zum ersten Mal trafen sich ihre Blicke wirklich. Arnes Augen wirkten im Halbdunkel fast schwarz, doch als die Laterne eine leichte Bewegung machte, erkannte Matthias einen graugrünen Schimmer darin. Sie waren nicht kalt. Nur wachsam.
„Vielleicht“, sagte Arne. „Oder ich bin einfach nur schlecht darin, so zu tun, als wäre alles normal.“
Er legte den Kopf leicht schief, musterte Matthias für einen Moment zu lange, um harmlos zu wirken – aber in seinem Blick lag kein Spott. Eher das vorsichtige Herantasten von jemandem, der erkannt hat, dass da vor ihm jemand steht, der die gleichen Risse im Fundament hat.
„Ich hab dich schon auf der Pfarkoppel gesehen“, fuhr Arne fort. „Du gehst immer diesen Umweg, statt direkt die Peterstraße runterzugehen. Als würde da irgendwas lauern.“
Matthias’ Miene verhärtete sich. Die Muskeln unter seiner Haut spannten sich, seine Finger krampften wieder um den Schlüssel. Dass Arne nicht nur bemerkt hatte, dass er oft hier war, sondern auch seinen Weg durch die Stadt kannte, fühlte sich an wie ein Eindringen in einen Bereich, den Matthias sorgfältig verborgen hielt. Er spürte, wie Wut hochstieg – schnell, heiß, zu vertraut.
„Du beobachtest mich wirklich“, sagte er und trat einen halben Schritt zur Seite. Seine Stimme war jetzt kalt, der Blick hart. „Was willst du?“
Arne reagierte nicht mit Gegenangriff. Stattdessen hob er langsam beide Hände aus den Taschen, Handflächen nach außen, als würde er zeigen wollen, dass er unbewaffnet war. Die Geste war ruhig, beinahe vorsichtig, und doch steckte darin ein Rest trotziges Selbstbewusstsein, das sich nicht ganz verbergen ließ.
„Entspann dich“, sagte er leise. „Ich hab genug eigene Probleme. Ich hab keine Zeit, mir noch welche zu züchten, indem ich irgendwelchen Fremden nachlaufe. Ich hab nur gesehen, dass du... na ja. Dass du so läufst wie jemand, der genau weiß, wo er nicht sein darf.“
Die Stille, die folgte, war dichter als der Nebel. Matthias’ Kiefer mahlte. Sein erster Impuls war, sich abzuwenden, zu gehen, den Kiesweg entlang Richtung Stadtbucht, dann vielleicht zur Holstenstraße hoch, wo die Lichter der Läden alles so taten, als wäre die Welt in Ordnung. Doch seine Beine gehorchten nicht. Stattdessen blieb er stehen und spürte, wie etwas in ihm sich an Arnes Worte klammerte, so wie man sich an einen Ast klammert, wenn man merkt, dass der Boden unter den Füßen nachgibt.
„Du kennst dich gut aus mit dem, wo man nicht sein darf?“, fragte Matthias schließlich. Der Ton war immer noch scharf, aber darunter lag etwas anderes. Etwas, das nach Antworten suchte, ohne zugeben zu wollen, dass es suchte.
Arne ließ die Hände wieder sinken, allerdings langsam, als würde er die Spannung zwischen ihnen nicht einfach wegwischen wollen. „Sagen wir“, meinte er, „ich habe eine... talentierte Familie, wenn es darum geht, Grenzen zu setzen. Falsche Grenzen. Und zu entscheiden, wer wo sein darf und wer nicht.“
Seine Mundwinkel zuckten, diesmal nicht zu einem Lächeln, sondern zu einer bitteren Verziehung. Er ballte eine Hand kurz zur Faust, so leicht, dass man es fast übersehen konnte, dann entspannte er sie wieder, streifte sich mit den Fingern über den Handrücken, als müsste er unsichtbare Spuren wegwischen.
„Sie haben beschlossen, dass ich am besten unsichtbar bin“, fügte er hinzu. „Ein Schatten macht weniger Ärger.“
Matthias’ Blick glitt über Arnes Hände, blieb an den Knöcheln hängen, die von feinen, älteren Kratzern überzogen waren. Unauffällige Narben, wie die Spuren von Nägeln, die sich festgekrallt hatten, in Wut oder Panik. Die Erkenntnis traf ihn wie ein stiller Schlag. Er kannte diese Art von Spuren. Er kannte das Gefühl von Grenzen, die nicht mehr nur außen existierten, sondern in den Kopf hineingewandert waren, wie ein unsichtbarer Zaun.
Der Nebel am See schien dichter zu werden, als hätte die Luft selbst beschlossen, ihnen einen Raum zu geben, in dem die Welt ein Stück weit gedämpft war. Die Lichter von der Stadtbucht flimmerten verschwommen durch die feuchte Luft, das Schloss war nur noch ein dunkler Fleck im Hintergrund.
„Matthias“, sagte er schließlich, ohne ganz zu wissen, warum er dem anderen seinen Namen gab. Es war, als würde er einen schmalen Riss in seiner Fassade zulassen, nur einen Zentimeter breit. „Ich heiße Matthias.“
Arne sah ihn an, und dieses Mal vollendeten sich seine Mundwinkel zu einem kleinen, vorsichtigen Lächeln, das nur kurz blieb, aber echt wirkte. „Ich weiß“, antwortete er. „Du sitzt manchmal morgens am ZOB, wenn der Bus Richtung Lübeck ankommt. Du siehst aus wie jemand, der wegfahren will und es dann doch nicht tut.“
Matthias’ Herz machte einen schmerzhaften Sprung. Er fühlte sich ertappt, nackt, durchschaut. Seine erste Reaktion war Abwehr. „Du solltest dir echt ein Hobby suchen, das nicht Leute-starren heißt“, fauchte er. Doch gleichzeitig, tief darunter, meldete sich eine andere Stimme in ihm. Eine, die leise flüsterte: Vielleicht bist du nicht der einzige, der hier feststeckt.
Arne lachte wieder, kurz. „Vielleicht suche ich nur nach jemandem, der versteht, wie es ist, im falschen Film zu sein“, sagte er. „Und der sich trotzdem weigert, aus der Vorstellung zu gehen.“
Sie schwiegen. Der Wind griff in die kahlen Äste der Bäume entlang des Ufers, ließ sie leise knacken. Irgendwo in der Ferne läutete eine Kirchenglocke, gedämpft vom Nebel, vielleicht von der St.-Michaelis-Kirche herüber. Die Zeit wirkte auf einmal seltsam gedehnt.
Matthias hob die Zigarette an die Lippen, bemerkte dann, wie sinnlos die Geste war, und ließ sie fallen. Sie landete im Kies, und er trat sie mit der Schuhspitze aus, als hätte sie ihn persönlich verraten. Dann holte er tief Luft, sein Brustkorb hob und senkte sich hörbar, bevor er sich wieder Arne zuwandte.
„Und was machst du dann hier?“, fragte er. „Am See. Allein. Im Nebel. Das ist ja jetzt nicht gerade der Ort, an dem normale Leute abhängen.“
Arne sah ihn einen Moment schweigend an, als würde er abwägen, wie viel er preisgeben wollte. Dann zuckte er leicht mit den Schultern. „Ich komme manchmal von der Klinik den Berg runter“, sagte er leise. „Die da oben bei der Röntgenstraße. Sie nennen es Therapie. Ich nenne es: Jemand versucht, mein Gehirn zu entknoten und merkt nicht, dass die Knoten inzwischen Teil der Struktur sind.“
Die Worte trafen Matthias unvermittelt. Klinik. Therapie. Knoten. Etwas in ihm spannte sich an und entspannte sich gleichzeitig, als hätte jemand den Namen für eine Dunkelheit gesagt, die er selbst nur umschrieben hatte.
„Ich bin da nicht stationär“, fügte Arne hinzu, als wolle er sich schon vorsorglich verteidigen. „Nur Sitzungen. Meine Mutter besteht darauf. Sie sagt, ich soll normal werden. Ich glaube, sie meint: weniger auffällig kaputt.“
Seine Mimik veränderte sich, als er das sagte. Die Augen wurden härter, der Mund eine schmale Linie. Seine rechte Hand zuckte, als wollte sie irgendetwas greifen, das nicht da war. Macht. Kontrolle. Ein Ruder, das irgendjemand aus seiner Reichweite geschoben hatte.
Matthias spürte, wie etwas in seiner Brust zu brennen begann. Eine Mischung aus Wut, Wiedererkennen, und einem seltsamen, leisen Ziehen, das verdächtig nach Mitgefühl klang – etwas, das er sich selbst nur ungern zugestand. Er bewegte seine Schultern, als müsse er Gewicht loswerden, das sich auf sie gelegt hatte.
„Die denken auch bei mir, ich soll normal werden“, sagte er, und seine Stimme war nun ruhiger, tiefer. „Nur dass bei mir keiner bezahlt, damit ich mit jemandem reden darf. Die denken, man kann Probleme rausschreien. Oder rausschlagen.“
In dem Moment, in dem er es ausgesprochen hatte, wurde ihm klar, wie viel er verraten hatte. Sein Blick huschte zu Arne, bereit, diese Offenbarung in einen Witz, eine Beleidigung, irgendeine Ablenkung zu verpacken. Doch Arne tat nichts davon. Er nickte nur langsam, als hätte er genau diese Worte erwartet. Als hätte er darauf gewartet, dass jemand anders das laute, grobe Wort „rausschlagen“ in den Nebel warf, damit es nicht mehr nur in seinem eigenen Kopf hallte.
„Vielleicht sollten die uns einfach gegenseitig in einen Raum sperren“, sagte Arne nach einem Moment, und sein Lächeln war diesmal dunkel, aber nicht bösartig. „Du mit deinen rausgeschrienen Problemen, ich mit meinen verknoteten Gedanken. Mal sehen, ob am Ende irgendwas davon heil rauskommt.“
Matthias schnaubte leise. Es war kein richtiges Lachen, eher ein gequältes Ausatmen. Aber es war das erste Mal seit Tagen, dass sich seine Mundwinkel überhaupt in eine Richtung bewegten, die nicht nach unten zeigte.
„Klingt nach einem ziemlich beschissenen Experiment“, sagte er. „Aber vielleicht besser, als allein mit dem Kopf im Nebel zu stehen.“
Ihre Blicke trafen sich wieder, länger diesmal. Und irgendwo zwischen dem dunklen Wasser, den zackigen Umrissen des Schlosses und dem gedämpften Lärm aus der Stadt geschah etwas Unsichtbares. Es war keine plötzliche Nähe, keine übertriebene Romantik. Eher ein leises, vorsichtiges Erkennen. Zwei Schatten, die merkten, dass sie in derselben Richtung fallen.
Arne holte das Handy aus seiner Tasche, warf nur einen kurzen Blick auf das Display, dann steckte er es wieder weg. „Ich sollte los“, murmelte er. „Wenn ich zu spät komme, drehen sie zu Hause wieder durch. Du weißt schon: Kontrolle und so.“
Matthias nickte. Er wusste es. Vielleicht zu gut. Sein Blick glitt kurz über Arnes Gesicht, blieb an der kleinen Narbe an seiner linken Augenbraue hängen, die aussah, als sei sie von etwas Hartem, Eckigem verursacht worden. Er fragte nicht. Noch nicht.
„Kommst du morgen wieder her?“, fragte Arne dann, und zum ersten Mal klang in seiner Stimme etwas, das gefährlich nahe an Hoffnung war.
Matthias zögerte. Ein Teil von ihm wollte „nein“ sagen, sofort, reflexhaft. Nähe bedeutete Risiko. Nähe bedeutete Kontrolle verlieren, und Kontrolle war das Einzige, woran er sich noch klammerte. Ein anderer Teil von ihm, der leiser war, aber hartnäckiger, stellte sich vor, wieder hier zu stehen – und nicht allein zu sein. Vielleicht zum ersten Mal seit sehr langer Zeit.
„Vielleicht“, sagte er schließlich. „Wenn ich nirgendwo sein will.“
Arne grinste schief. „Gut“, antwortete er. „Dann weiß ich, wo ich hin muss, wenn ich auch nirgendwo sein will.“
Er wandte sich ab, ging den Kiesweg zurück in Richtung Stadtbucht, seine Schritte wurden leiser, je weiter er sich entfernte. Kurz bevor der Nebel ihn ganz verschluckte, drehte er sich noch einmal um und hob kurz die Hand, eine knappe, fast scheue Geste. Matthias erwiderte sie nicht. Aber er sah ihm nach, bis er nur noch ein Schatten war.
Als Matthias schließlich wieder allein am Ufer stand, war etwas anders. Der Nebel war derselbe, die Dunkelheit dieselbe, das Wasser dieselbe träge, schwarze Fläche. Und doch hatte sich ein kaum sichtbarer Riss in der Mauer um ihn aufgetan. Eine winzige Lücke, durch die man vielleicht, irgendwann, ein Stück Licht schieben konnte.
Er atmete tief ein, schloss die Augen und spürte die feuchte Luft auf seiner Haut. In seinem Kopf formte sich ein Gedanke, der ihn erschreckte und gleichzeitig seltsam beruhigte: Vielleicht war es gefährlich, sich an jemanden zu klammern, der genauso kaputt war wie man selbst. Aber noch gefährlicher war es vielleicht, ganz allein in den eigenen Abgrund zu starren.
Und ohne es zu merken, traf er in dieser Nacht seine erste Entscheidung auf einem Weg, der sie beide – Matthias und Arne – tiefer in ihre Schatten führen würde, als sie es sich vorstellen konnten. Und vielleicht, ganz am Ende, an einen Ort, an dem man nicht mehr nur aus Dunkelheit bestand.
Kapitel 2 – Häuser, die ihre Schatten nicht loswerden
Die Straßenlaternen entlang der Plöner Straße warfen gelbliche Lichtinseln auf den Asphalt, als Matthias den Heimweg antrat. Der Nebel hing weiterhin wie ein schwerer Vorhang über der Stadt, besonders über den kleinen Gassen, die zwischen den alten Häusern entlangzogen. Sein Atem kondensierte in der Luft, und jedes Mal, wenn er ausatmete, wirkte es, als entfliehe ihm etwas, das zu tief in ihm saß: Unruhe, Müdigkeit, vielleicht auch Schwäche – ein Wort, das er hasste.
Seine Schritte hallten leise auf dem Gehweg, und jedes Geräusch erschien ihm klarer als normal. Das ferne Rumpeln eines Busses, der zum ZOB abbog. Das Rauschen der Lübecker Straße. Ein Hund bellte irgendwo in der Nähe der Meistersingerstraße. Eutin war nachts nie wirklich laut, aber wenn man mit angespannten Nerven unterwegs war, hörte man alles.
Matthias bog in die Peterstraße ein. Die Häuser standen eng beieinander, die Fenster dunkel, nur gelegentlich flackerte hinter einer Gardine ein Fernseher auf. Er redete sich ein, dass er diesen Weg gewählt hatte, weil er kürzer war – nicht, weil Arne ihn darauf angesprochen hatte. Nicht, weil er beweisen wollte, dass er keine Angst hatte. Seine Schultern waren trotzdem angespannt.
An einer Haustür blieb er stehen, weil er ein leises Geräusch hörte – Schritte? Ein Atemzug? Er wandte sich abrupt um, doch da war nichts. Nur der Nebel, der an den Wänden klebte, und die stille Straße, die so tat, als sei sie harmlos.
Seine Hand wanderte unbewusst zu seiner Jackentasche und krampfte sich wieder um den Schlüssel. Er merkte, wie die Härte des Metalls ihm Halt gab, aber auch etwas Hartes in ihm weckte.
Er biss die Zähne zusammen und ging weiter.
Vor dem zweistöckigen Mietshaus in der Johannisstraße blieb er stehen. Das Licht im ersten Stock brannte. Sein Magen zog sich zusammen. Sein Vater war also wach. Und wenn das Licht brannte, bedeutete das selten etwas Gutes.
Matthias schob den Schlüssel ins Schloss. Er drehte ihn langsam, als könne er damit beeinflussen, welche Version seines Vaters auf der anderen Seite wartete. Die Tür quietschte leicht, als er sie öffnete, und im Wohnzimmer flackerte das Licht vom Fernsehbildschirm. Die Nachrichten liefen, der Ton war heruntergedreht. Ein Bier stand offen auf dem Tisch, daneben zwei leere Flaschen.
Sein Vater saß im Sessel, die Beine ausgestreckt, den Kopf leicht schief. Nicht betrunken, aber auch nicht nüchtern. Genau der gefährlichste Zustand.
„Du bist spät“, murmelte er, ohne aufzusehen.
Matthias spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Seine Finger krampften sich um die Gürtelschlaufe seiner Hose. „Ich war... draußen“, antwortete er knapp.
Der Blick seines Vaters hob sich langsam, schwer. Die Augen waren glasig, aber nicht unklar. Eher lauernd. „Draußen“, wiederholte er. „Und wo?“
Matthias öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Er wusste, dass jede Antwort falsch sein konnte. Die Wahrheit, die Lüge – beides Wege mit möglichen Fallstricken.
„Am See“, sagte er schließlich, bemüht ruhig.
Die Stirn seines Vaters krauste sich. „Schon wieder. Immer am See.“ Er schnaubte. „Da triffst du doch nur diese Typen, die da rumlungern.“
Matthias blickte auf den Boden. Er schluckte hart. „Nein.“
„Hast du wen getroffen?“
Das war der Moment. Der Moment, an dem man die Wahrheit finden musste, die am wenigsten verletzte. Matthias hob den Kopf leicht, sah an seinem Vater vorbei zur Wand, als wäre dort eine Antwort eingeritzt.
„Nein“, sagte er leise.
Sein Vater musterte ihn. Lange. Matthias spürte den Blick wie ein Gewicht auf seinem Brustkorb. Er bewegte sich nicht. Jede Geste war ein Risiko.
Dann schnaubte sein Vater wieder und wandte sich ab. „Du riechst nach Nebel. Und Kälte. Mach die Tür zu, es zieht.“
Matthias nickte, obwohl sein Vater es nicht sah. Er schloss die Tür leise und ging dann in sein Zimmer, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Erst als er die Tür hinter sich verriegelt hatte, fiel seine Brust endgültig zusammen.
Er ließ den Schlüssel fallen. Er landete mit einem dumpfen, kleinen Klang auf dem Holz. Dann sank Matthias aufs Bett. Er legte die Hände ins Gesicht, rieb über die Stirn, über die Wangen, als könne er die Anspannung abwaschen.
Doch die Gedanken kamen trotzdem.
Arne.
Seine Stimme.
Seine Augen.
Dieser vorsichtige, verletzte Blick, der ihn mehr getroffen hatte, als er zugeben wollte.
Und die Frage.
Kommst du morgen wieder?
Matthias starrte an die Decke. Der Raum war dunkel, nur ein schwacher Schein drang durch das Fenster, vermutlich von der Straßenlaterne gegenüber. Er hörte das Brummen des Kühlschranks aus der Küche. Das dumpfe Ticken der Uhr an der Wand. Und darunter sein eigenes Herz, das schneller schlug, als es sollte.
Er presste ein Kissen gegen seine Brust. Fest. Zu fest. Als wollte er verhindern, dass etwas in ihm hinausdrängte. Die Wut. Die Angst. Die Nähe, die er nicht zulassen durfte.
Er schloss die Augen und flüsterte in die Dunkelheit hinein, fast unhörbar: „Vielleicht...“
Am anderen Ende von Eutin saß Arne auf seinem Bett im Dachgeschoss eines alten Hauses nahe der Röntgenstraße. Das Fenster war leicht geöffnet, kalte Luft strömte herein. Er fröstelte, zog die Beine an und drückte die Stirn dagegen. Das Zimmer war klein, nicht mehr als ein schmaler Rückzugsort – aber hier oben hörte man die Schritte im Haus nur gedämpft.
Seine Mutter war unten, vermutlich in der Küche. Ihr ruhiges Herumgehen war immer eine Art Alarmanlage. Denn wenn sie hektischer wurde, wusste er: Es wird wieder geredet. Es wird wieder gefragt. Es wird wieder bewertet.
Er hasste dieses Wort.
Arne blickte auf seine Hände. Die Knöchel waren überzogen von feinen alten Kratzern. Kleine Linien, die aussahen wie die Spuren eines Kampfes, den er längst verloren hatte. Er strich über sie, langsam, als könne er sie beruhigen.
In seinem Kopf tauchte das Bild von Matthias auf. Dunkle Haare. Die angespannte Haltung. Die Augen, die ständig zwischen Abwehr und Müdigkeit wechselten.
Arne spürte ein Ziehen in seiner Brust, ein Gefühl, das gleichzeitig brannte und kühlte. Nicht gefährlich – aber ungewohnt. So, als hätte jemand eine Tür geöffnet, die jahrelang klemmte.
Er lehnte den Kopf an die Wand und schloss die Augen.
„Vielleicht kommt er morgen wirklich“, murmelte er.
