Wo ich grad schon mal da bin... - Holger Haak - E-Book

Wo ich grad schon mal da bin... E-Book

Holger Haak

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Beschreibung

Wo ich grad schon mal da bin…“ ist eine kleine chaotische Sammlung aus nun mehr als sieben Jahren. Zumeist geschrieben für und zum ersten Mal zu Gehör gebracht bei Auftritten auf Lesebühnen, Open-Stages und Kleinkunstveranstaltungen. Satirisches, Lustiges, Fantastisches, mal mit Augenzwinkern, mal mit Hintergedanken. Holger Haak wohnt und schreibt im Berliner Stadtteil Wedding und lässt kaum eine Gelegenheit verstreichen, mit seinen Texten vor Publikum aufzutreten: „Wo ich grad schon mal da bin…“

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Seitenzahl: 129

Veröffentlichungsjahr: 2014

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„Jibbt’s det ooch als Bier???“

Unbekannter Weddinger, 2013

Inhalt

Neulich auf der Badstraße

Augen auf! Ein Pfeil ist drauf!

Golf

Summer in the City

Der neue Untermieter

Kopfüber

Von Apss und Charakterstudien

Mein Kind hat gefragt

Aus Holgers Küchenstudio

Gewidmet dem unbekannten Auto-Scheibenputzer

Tango

Neue Bewirtschaftung

Clärchens Ballhaus, Samstagabend

Sich einfach mal fallen lassen

Mittags in Kopenhagen

Schlechte Laune

Mit dieser Bank können Sie rechnen

Sie läuft und läuft

Legend! (Version 2008)

Szenen einer Partnerschaft I.

Fluch der Technik

Von Dosen und Brillen

Himmlische Spiele

Meine Eisige

Szenen einer Partnerschaft II.

Rhalf

Klassentreffen (Der Vorlesetag)

Es wird Herbst

Bürokommunikation

Szenen einer Partnerschaft II.

Sonntagseinkauf

Schlüsselerlebnis

Frühjahr 2014 – oder: Der Himmel über’m Wedding

Nie wieder

Blutsauger

Vergessen

Unvermeidlich

Mittwoch geht gar nicht

Die Ruhe selbst

Flugangst

Neulich auf der Badstraße

Es ist schönes Wetter. Die Sonne hat die paar grauen Regenwolken durchbrochen und ich verspüre den Drang nach draußen. Ich wandele den Panke-Rad- und Wanderweg entlang, an der Stadtbibliothek vorbei, rauf auf die Badstraße. Halte mich dann links Richtung Gesundbrunnen, wo gerade die seifigen Kisten den Berg hinab schießen.

Ein hübsches blondes Mädchen kommt mir entgegen. Wir haben Augenkontakt, flirten für den Moment eines Zwinkerns, lächeln uns an. Sie macht einen Schritt auf mich zu. "Hast Du eine Zigarette für mich?" - Ich zucke mit den Schultern und stammle was von "…bin Nichtraucher…"

Sie lächelt jetzt noch breiter: "Das tut mir aber leid!"

Augen auf – ein Pfeil ist drauf!

Ich rutsche weg und verliere für einen Moment das Gleichgewicht. Ein Bein hängt noch in der Luft, das andere versucht sich gerade zu orientieren und überlegt, wie es sich auf dem für ihn noch neuen und ungewohnten Untergrund, also quasi den geänderten Grundparametern des Weddinger Straßenpflasters, zu verhalten habe.

Der Boden an jener Stelle, über die ich zu wandeln wagte, ein Teil der Weddinger Malplaquetstraße Ecke Utrechter Straße, hat eine eigenartige Metamorphose durchgemacht. Es ist glatt und rutschig. Nicht wie erwartet, der gewohnte und übliche Straßendreck aus Bonbonpapier, Zigarettenkippen, Kronkorken von zuvor geleerten Pilsator-Flaschen. Keine Platinen von zerdepperten 17-Zoll-Computermonitoren, die hier üblicherweise aus dem Fenster im dritten Stock mit Ziel Straßenrand geworfen werden, sobald man sich einen nigelnagelneuen TFT-Flachbildschirm mit High-Definition Auflösung angeschafft hat. Und erst recht nicht die Hinterlassenschaften von so manch spielerischem und hier beheimateten Kampfhund-Mix.

Es ist ganz was anderes auf dem ich ausrutsche. Denn an den normal üblichen Untergrund habe ich mich in langjähriger Straßenerprobung auf dem harten Weddinger Asphalt der Realität eingepegelt und gewöhnt. Es ist was Anderes und Ungewohntes, was mich in meinem Fortkommen aus dem Ruder laufen lässt.

Es sind Pfeile! Kleine rote Pfeile! Überall in der Malplaquetstraße kleben Aufkleber mit roten Pfeilen auf weißem Grund. Durch das Trägermaterial der roten Druckpfeilteufel wird die ganze Straße zu einer glatten, rutschigen Fläche. Fast so glatt wie die Eisfläche im Erika-Heß-Eisstadion.

Notbremse! Das in der Luft hängende Bein kommt dem noch unentschlossenen Wegrutscher zu Hilfe und schießt in Richtung des harten Bodens. Die Fläche der Sohle knallt auf den Granitplattenboden des Fußweges. Durch das Aufeinanderprallen wird schlagartig Luft verdrängt. Es knallt als ob ein Kampfjet gerade die Schallmauer durchbrochen habe. Und mir schmerzt es. Ich humpele an die nächste Hauswand, wo ich mich abstützen kann, und scanne mit meinen Augen die um mich herum veränderte Umgebung.

Ich sehe überall diese Pfeilaufkleber kleben. Bonbonpapier wird mit Pfeilaufklebern am Boden fixiert. Getränkedosen am Straßenrand tragen ein neues Kleid aus roten Pfeilen. Nun kann man sie am Pfandautomaten nicht mehr einlösen. Der Aufkleber hat das Pfandsymbol durch einen Pfeil eliminiert. Das wären immerhin 25 Cent gewesen. Schon oft habe ich im Vorbeigehen Pfandflaschen, stehen gelassene und leere Bierpullen, auch mal Dosen, mitgenommen und später am Pfandautomaten eingelegt. So mancher Euro ist so als Zuverdienst auf mein Konto geflossen.

Doch hier geht der Aufkleber nicht mehr runter, der Pfeil hält bombensicher.

Wie ich später aus einem Artikel der an jeden Haushalt verteilten Wochenblätter entnehme, handelt es sich hierbei um eine Kunstaktion gegen Müll. Motto: “Augen auf - ein Pfeil ist drauf!”

Eine Künstlerin will zusammen mit den Kindern einer nahe gelegenen Kita ein Zeichen setzen gegen die Vermüllung der Weddinger Straßen und Plätze.

“Unser Spielplatz ist kein öffentlicher Müllplatz!”, malt sie mit den Kindern auf ein selbstgemachtes Plakat. Rund 5000 Aufkleber wurden extra für diese Aktion produziert und werden nun überall angepappt, wo eine Vermüllung, Verschmutzung und Belastung für die Umwelt vermutet wird.

Sogar der neue stellvertretende Bezirksbürgermeister kam, um sich an der Aktion zu beteiligen und im Fokus eines Fotografen ( - es ist Wahlkampf -) einen Pfeil auf eine Bodenplatte zu kleben. Er nähme das Thema ernst und hoffe, dass die Aktion Wirkung zeige, damit weniger Müll auf den Boden, dafür mehr in den Abfallbehältern lande.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Prinzipiell ist alles zu begrüßen, was zu einem besseren Miteinander und zu einer gemütlichen und heimischen, um nicht zu sagen, muggeligen Umgebung führt.

Die übergroßen Pfeile an den fünf orangefarbenen Filialen der Berliner Stadtreinigung in der näheren Umgebung sorgen jedenfalls nicht für einen gemütlichen Eindruck. Sie wirken irritierend und lenken ab. Das ist zudem gefährlich für die mobilen Straßenteilnehmer. Der Lenker eines Kraftfahrzeuges sieht diesen übergroßen Pfeil, erschrickt, überlegt, was das Zeichen für ihn bedeuten soll, und schon kracht Blech gegen steinerne Blumenbeet-Umrandung dieser an sich eigentlich verkehrsberuhigten Straße.

Ähnlich muss es im Sommer 2009 einem Busfahrer der Berliner Verkehrsbetriebe BVG gegangen sein, als er - abgelenkt von irgendetwas am Straßenrand - auf den Bus eines Kollegen aufgefahren ist und dabei noch jenen Bus und zwei davor stehende PKW mit seinem großen Gelben vor sich hergeschoben hat. Es habe ihn etwas irritiert und als er dann wieder nach vorne geschaut habe, sah er nur noch die Rückwand des anderen Busses, die die volle Frontscheibe ausfüllte, soll er später zu Protokoll gegeben haben: “Da war es zu spät zum Bremsen! ”

In jenem Falle waren es aber wohl keine Pfeile. Wahrscheinlicher ist es, dass der Busfahrer die damaligen Wahlplakate von Vera Lengsfeld mit deren Oberweite neben dem dekolletierten Ausschnitt unserer Kanzlerin Merkel erblickt hat. Allzu verständlich, dass er den darauf folgenden Aussetzer nicht zugeben mochte. Wer mag das schon?

Und Müll mag auch keiner. Umso mehr ist eine Aktion, die Aufmerksamkeit und Zeichensetzen verspricht, zu begrüßen.

Allerdings… wir sind hier im Wedding!

Ich lehne immer noch mit einem Arm abstützend an der Hauswand, mit meinen Augen die Umgebung abtastend. Schräg gegenüber lehnt wie üblich ein Trinker an einem lichtgrauen T-Com Verteilerkasten, auf dem einige Bierflaschen abgestellt sind. Diese Feierabendzehrung ist mit Sicherheit aus dem Spätkauf gleich am Platze. An der rückwärtigen Jeans-Hosentasche des Trinkers klebt unübersehbar ein Pfeil. Auch er soll weg. Dabei stört er keinen. Und will auch nicht gestört werden. Auch der Aufkleber ist ihm vollkommen wurscht.

“Du, guck mal! ”, quäkt es mir von schräg unten entgegen. Ein kleines Mädchen sitzt dort auf dem Pflaster und präsentiert mir stolz lächelnd, was es zwischen den Fingern ihrer linken Hand hält. Unverkennbar ein trockenes Kackwürstchen, eine tierische Hinterlassenschaft. Es fängt an zu kichern und mit “Batsch!” klebt es mit der anderen Hand einen Pfeilaufkleber auf das Würstchen. Das Kind hat Spaß bei dieser Aktion.

Aber wo sind die Mütter, die Erzieherinnen, die hier und jetzt einschreiten? Das ist doch „Bah! Bah!“ und eklig. Was man sich da an Krankheiten und Infektionen holen kann! Keine Frau, die mit einem Hechtsprung und einem neuen Leichtathletik-Rekord über den Zaun des Spielplatzes hechtet, um dem armen kleinen Kind beizustehen und den Armeen von Viren und Bazillen aufrechten Hauptes sich entgegen zu stellen, wie einst Johanna von Orleans den feindlichen Schwertkämpfern.

Nichts passiert. Wir sind hier im Wedding! Und nicht im Prenzlauer Berg, wo wahrscheinlich sofort in der Folge sämtliche Hundehaltung verboten wird.

Der Wedding ist gelassen. Nichts kann die Einwohner oder gar den zum Stadtteil degradierten Bezirk im Ganzen aus der sprichwörtlichen Ruhe bringen. Trendresistent und autark, immun gegen nahezu jedwede Neuerung. Und wenn es wirklich kommen soll, dann kommt es halt. Muss dann wohl so sein. Kann man nichts machen.

Und sollten im Schillerpark keine Karnickel mehr rumhüpfen, sondern bedingt durch den Klimawandel Giraffen hier im Weddinger Grün an den oberen grünen Stengeln und Ästen der Bäume knabbern, oder gar die Seestraße aufgerissen und zum neuen Blaumilchkanal werden, würde es den Weddinger nicht umhauen.

Am nächsten Morgen beobachte ich einen BSR-Mann im modischen Orange, wie er sich hinterm Kopf kurz überm Haaransatz im Nacken kratzt, und dann mit einem Kopfschütteln Aufkleber-Überreste aus den Borsten seines Fegers fingert. Grummelnd brabbelt er vor sich her: “So ein Dreck!”

Golf

Mein erstes Auto war ein Golf I, Baujahr 1978, Diesel. Mit Vorglühverstärkung! Das heißt, er brauchte zum Vorglühen nur sechs Minuten statt acht. Auf Golf hatte ich auch gelernt und meinen Führerschein gemacht. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Überlandfahrt. Mein Fahrlehrer war groß und schlaksig. Bis heute frage ich mich, wie er seine dünne Figur auf dem Beifahrersitz parken konnte, ohne sich die Kniescheiben an der Konsole zu zerdeppern. Er faltete sich also in den Sitz und die Überlandfahrt konnte beginnen. Dachte ich.

Doch es bedurfte noch einer Vorbereitungsaktion. Mein Fahrlehrer holte eine Chromdioxid-Kassette vor, steckte diese in den davor vorgesehen Schlitz am Autoradio-Kassetten-Spieler. Jetzt durfte ich starten.

Es wurde laut. Nicht der Motor war es, sondern die Musik. Metal!

Genauer gesagt eine Art Speed-Metal.

Mein Fahrlehrer wippte die ganze Strecke über leicht mit dem Kopf. Genüsslich, mit halb geschlossenen Augen. Kein Headbanging. Keine Haare wurden geschüttelt. Als Außenstehender hätte man meinen können, wir würden seichten Jazz hören.

Ich versuchte, mich auf die Fahrt und den Verkehr zu konzentrieren. Es wurden die längsten 90 Minuten meiner Autofahrer-Karriere.

Summer in the City

Es ist ein schwül-heißer Nachmittag in der aufgeheizten City von Berlin. Draußen ist Sommer. Bei mir in der Dachgeschoßwohnung irgendwie auch. Im Radio lässt die Wettertante im Anschluss an die Neuigkeiten aus aller Welt den sommerlichen Wetterbericht mit den folgenden Worten in den Äther: „Es bleibt trocken und sonnig. Die Temperaturen um 16 Uhr liegen jetzt NUR NOCH zwischen 32 und 34 Grad.“ Danach läuft Lovin‘ Spoonful: „Summer in the City“. Wow, wie einfallsreich!

„Hot town, hot town…!“. Ja, weiß ich doch! Schöner Song. Wenn auch nicht grad neu jetzt. Weder vom Inhalt noch vom wahren Alter her.

Schalte das Radiogerät aus und entschließe mich, einen hoffentlich kühleren Ort aufzusuchen.

Eine halbe Stunde später stehe ich in meinem Lieblingslokal am Tresen. Vor mir ein großes und vor allem kühles Radler.

Draußen ist Sommer. Hier drinnen auch!

Nicht wirklich kühler, allerdings ein wenig angenehmer da man hier mit kühlem Nass für die Kehle recht gut versorgt wird.

Mancher nutzt es tatsächlich dann ebenso für die äußere Anwendung. Wie dieser Typ da neulich, welcher zwei große Gläser bestellte. Sich dann, als diese gutgefüllt und angenehm temperiert serviert wurden, eines der Gläser nahm, und sich den Inhalt über den Kopf und Nacken und in den hinteren Kragen seines Hemdes schüttete. „Hinter die Binde kippen.“, nahezu wortwörtlich, hätte dieser Typ noch einen Schlips oder ähnliches um den Kragen gehabt. Hatte er aber nicht. Man sah es, wie es ihm merklich besser ging, während er sich dem zweiten gut gefüllten Glase widmete, indem er es mit etwa drei Zügen leerte. Vertieft in meine Gedanken habe ich nicht sofort gemerkt, wie zwischenzeitlich jemand den Platz neben mir am Tresen eingenommen hat. Erst als die Bedienung ihm ein eisgekühltes Gläschen mit einer milchigen Flüssigkeit als Inhalt hinstellt, werde ich dem Neuankömmling gewahr.

Ich hätte ihn eigentlich früher bemerken müssen, denn zu dieser Zeit und bei diesen Temperaturen sind die meisten noch in den Parks, auf Liegewiesen, oder am Wasser der Strandbäder. Kurzum: das Lokal ist momentan genauso überfüllt, wie ein Eiscafé am Nordpol es wäre.

Ich bestelle ein neues Radler und mustere meinen neuen Tresennachbarn von oben bis unten.

„‘n bisschen spät für Karneval, oder?!“

Manchmal kann ich mir blöde Kommentare einfach nicht verkneifen. Ich weiß, dass sie in dem Moment nicht recht originell sind. Aber was raus muss, muss dann auch einfach raus. Andernfalls verstopft in meinen Synapsen etwas. Und was dann passieren könnte, möchte ich meiner näheren Umwelt einfach nicht zumuten.

Der Angesprochene dreht sich ein wenig zu mir und gibt einen leisen Brummton von sich. Soll wohl eine Antwort darstellen. Ob positiv oder negativ lässt sich dabei nicht beurteilen.

Die Karnevals-Bemerkung war nicht so weit hergeholt. Er trägt keine Schuhe, läuft also barfuß, - beziehungsweise steht gerade in einer Pfütze aus Wischwasser, Bier und wasweißichnochalles – dazu kurze Shorts aus Wildleder, die eher aussehen, wie ein Minirock. Ein Lendenschurz vielleicht? Würde ja zum restlichen Outfit passen. Gab es da neue Sommer-Kollektions-Pakete bei Outfittery zu bestellen? Um den Hals Ketten mit Tierzähnen, Holzperlen und anderem Gebammsel, wie man sie in Esoterik- und Kunsthandwerksläden bekommt. Auf dem Kopf drei Federn ins lange Haar gesteckt. Man könnte meinen, die junge Pierre Brice stehen neben einem. „Naja, entschuldige…“, sage ich, „Du hast das wahrscheinlich heut schon öfters gehört. Liegt ja auch nahe, wie Du da so in dieser Verkleidung als Indianer rumläufst.“

Weddinger Vorgarten

Er leert sein Glas mit der milchigen Flüssigkeit in einem Zug und knallt im Anschluss das nun geleerte Glas auf die Platte des Tresens. Er nickt der durch den Knall aufmerksam gewordenen Bedienung kurz zu, und wendet sich dann an mich: „Ich BIN Indianer!“

„Oh“, geb ich schuldbewusst von mir und wende mich wieder meinem eigenen Getränk zu.

Wir stehen etwa eine halbe Stunde schweigend und trinkend, jeder für sich selbst vor sich hin grübelnd, am Tresen. Zwei Männer, wie sie sich näher und entfernter zur gleichen Zeit nicht sein könnten. In dieser Spanne hat der Indianer noch weitere vier geeiste Gläser mit dem trüben Inhalt erhalten und geleert. Und es kommt, wie es kommen muss. Weiß man doch als durchschnittlicher Karl-May-Leser und als Konsument von so etlichen Italo-Western, dass eine Rothaut zwar auf Feuerwasser steht, diesen allerdings nicht so gut verträgt.

Wahrscheinlich fehlt neben der Übung auch ein Enzym. Ähnlich wie bei den Asiaten, die keine Milch trinken können.

Er wird lockerer. Und redselig: „Du hast Dich entschuldigt, Bruder. Das ist gut. Entschuldigt hast Du dich. Das gut.“

Ich bin viel zu überrascht über das unerwartete Lob, dass ich darauf reagieren könnte. Brauch‘ ich aber auch nicht. Denn er legt sogleich verbal nach.

„Weißt Du, was die Leute von mir wollen? Weißt Du das?“

Ich schüttele den Kopf. Nein, woher sollte ich das auch wissen.

Er leert das aktuelle Glas und schüttelt sich kurz. Überlegt, und setzt dann fort:“Regentanz! Ich soll einen Regen herbei tanzen. Das glaubt man doch nicht, Bruder!“

„Naja, eine kurze Abkühlung wäre schon nicht schlecht.“, gebe ich zu Bedenken.

„Regentanz?! Ich fasse es nicht. Das ist doch Folklore. Das hat schon bei meinen Ahnen nicht funktioniert. Und die waren noch richtig nah an den heiligen Geistern. Regentanz?! Pah! Das ist doch eklig!“

Ich bin verwundert. „Eklig? Wie meinsten ditte?“, hake ich nach.

„Die weißen Brüder und Schwestern haben keine Ahnung vom Kreislauf der Natur. Auch wenn ich es könnte. Also mit Tanz Regen heraufzubeschwören. Ich würde es nicht machen. Also nicht jetzt zu dieser heißen Zeit.“

„Ja, aber warum denn nicht?“