Wolfskuss - Lori Handeland - E-Book

Wolfskuss E-Book

Lori Handeland

4,6
8,99 €

Beschreibung

Die junge Jessie McQuade ist Polizistin mit Leib und Seele. In der verschlafenen Kleinstadt Miniwa sorgt sie für Recht und Ordnung, bis eines Tages ein Wolf angefahren wird. Als Jessie der Spur des verletzten Tiers folgt, stößt sie auf einen äußerst gut aussehenden jungen Mann. Kurz darauf werden mehrere Leichen gefunden, die offenbar durch Wolfsbisse ums Leben gekommen sind ...Düster, erotisch, fesselnd - der erste Roman der knisternden Werwolf-Serie "Geschöpfe der Nacht" "Haltet euch fest! Lori Handelands toughe Heldin stellt die Welt der Fantasy Romance auf den Kopf!" Romantic Times

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 428




Inhalt

Titel

Widmung

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Impressum

Lori Handeland

Roman

Ins Deutsche übertragen von Patricia Woitynek

 

Für meinen Ehemann Michael,

der nie seinen Glauben verloren hat

1

Der Sommer, in dem ich die Wahrheit entdeckte, war nicht schwarz-weiß, so wie ich es bevorzugte, sondern eine Palette ver­störender Grauschattierungen. Gleichzeitig änderte sich in diesem Sommer mehr als nur meine Farbwahrnehmung.

Jedenfalls war ich in jener Nacht, als die Wahrheit ihren Anfang nahm, nichts weiter als eine durchschnittliche Kleinstadt­polizistin– gelangweilt, launisch, darauf wartend, ja, sogar darauf hoffend, dass etwas passierte. Ich sollte lernen, bei meinen Wünschen nie wieder so unbestimmt zu sein.

Das Funkgerät knackte. „Drei Adam Eins, wo steckst du?“

„Ich sehe dem Mais am östlichen Stadtrand beim Wachsen zu.“

Ich wartete auf das unvermeidliche wüste Geschimpfe der diensthabenden Dispatcherin. Ich wurde nicht enttäuscht.

„Man könnte meinen, wir hätten einen verdammten Vollmond. Ich schwöre, der treibt jeden einzelnen Irren weit und breit aus seinem Schlupfloch.“

Meine Mundwinkel zuckten. Zelda Hupmen war ein fünfundsiebzigjähriges, heftig trinkendes, kettenrauchendes Überbleibsel der guten alten Zeiten, wo ein solcher Lebenswandel gang und gäbe und der Umstand, dass er einen töten konnte, noch ein Mys­terium war.

Offensichtlich hatte Zelda von diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen noch immer nichts gehört, denn es schien, als wollte sie jeden überleben, indem sie filterlose Zigaretten rauchte und zum Frühstück Whiskey trank.

„Vielleicht machen sich die Spinner auch nur für den Blauen Mond bereit, auf den wir zusteuern.“

„Was zum Teufel ist ein Blauer Mond?“

Der Grund, warum Zee nach unzähligen Dienstjahren noch immer in der dritten Schicht arbeitete? Ihre charmante Ausdrucksweise.

„Zwei Vollmonde in einem einzigen Monat machen den zweiten zu einem Blauen Mond. Das ist sehr selten. Sehr energiereich. Falls man an solches Zeug glaubt.“

Ich lebte in den nördlichen Wäldern von Wisconsin, sozusagen Tür an Tür mit dem, was vom Ojibwa-Volk noch übrig war, und hatte dadurch genügend abergläubische Legenden für ein ganzes Leben gehört. Sie machten mich immer wütend. Ich entstammte einer modernen Welt, in der es für Legenden nur einen einzigen Platz gab: Märchenbücher. Um meinen Job zu machen, brauchte ich Fak­ten. In Miniwa war es so, dass – je nachdem, mit wem man sprach – Fakten und Fiktion sich stärker miteinander vermischten, als mir lieb war.

Zees spöttisches Schnauben ging in ein langes, trockenes Husten über. Wie immer wartete ich geduldig ab, bis sie wieder Luft bekam.

„Energiereich, meine Fresse. Und jetzt schaff deinen Arsch raus zum Highway 199. Da gibt’s Ärger, Mädchen.“

„Welche Art von Ärger?“ Ich stellte das Blaulicht an und zog die Sirene in Erwägung.

„Keine Ahnung. Handyanruf. Jede Menge Gekreische, jede Menge Statik. Brad ist schon auf dem Weg.“

Ich hatte vorgehabt, mich nach dem zweiten diensthabenden Officer zu erkundigen, aber wieder einmal beantwortete Zee eine Frage, noch bevor sie gestellt werden konnte. Manchmal war sie unheimlicher als alles, was ich bei meinem Job zu hören oder zu sehen bekam.

„Er wird eine Weile brauchen“, fuhr sie fort. „Er war am anderen Ende des Sees, deshalb wirst du als Erste vor Ort sein. Halt mich auf dem Laufenden.“

Da Gekreische meiner Erfahrung nach nie etwas Gutes bedeutete, hörte ich auf, die Sirene bloß in Erwägung zu ziehen, dann jagte ich meinen Wagen mit Geheul in Richtung Highway 199.

Das Miniwa Police Department setzte sich aus meiner Wenig­keit, dem Sheriff und sechs weiteren Beamten, außerdem noch Zee und einer endlosen Reihe junger Dispatcher zusammen – zu­mindest bis zum Sommer, wo die Mannschaft wegen der Touristen dann auf zwanzig anschwoll.

Ich hasste den Sommer. Es war die Zeit, in der die reichen Idioten aus den Städten im Süden über den zweispurigen Highway nach Norden kamen, um ihren Hintern an einen See zu pflanzen und ihre Haut zu einem zornigen Fuchsienrot zu grillen. Ihre Kin­der schrien, ihre Hunde rannten frei herum, sie selbst trieben ihre Boote zu mehr Leistung an als ihre Hirne, doch sie kamen in die Stadt und gaben ihr leicht verdientes Geld in den Bars, Restaurants und Trödelläden aus.

So ärgerlich die Touristensaison für einen Cop auch sein mochte, waren es genau diese drei qualvollen Monate, die Miniwa auf der Landkarte hielten. Meinem Kalender nach war gerade die dritte Höllenwoche angebrochen.

Ich kam über einen Hügel und stieg auf die Bremse. Ein Benzin fressender, breiter Geländewagen stand quer über der gelb gepunkteten Linie. Ein einzelner Scheinwerfer strahlte noch, der andere war ein klaffendes, schwarzes Loch.

Ich hatte keine Ahnung, weshalb der Besitzer den Wagen nicht an den Randstreifen gefahren hatte. Andererseits hatte ich schon immer den Verdacht gehabt, dass die Mehrheit der Bevölkerung zu dumm war, um zu leben.

Ich parkte meinen Streifenwagen am Straßenrand und richtete die Scheinwerfer auf das Auto. Ich ließ das Blaulicht an, stellte jedoch die Sirene ab. Die eintretende Stille war ebenso ohrenbetäubend wie zuvor der schrille Signalton.

Das Klacken meiner Stiefel auf dem Asphalt gab ein einsames, geisterhaftes Geräusch ab. Hätten meine Scheinwerfer nicht den schemenhaften Umriss einer Gestalt auf dem Fahrersitz angestrahlt, hätte ich angesichts der tiefen, vollkommenen nächtlichen Stille geglaubt, allein zu sein.

„Hallo?“, rief ich.

Keine Antwort. Nicht der Hauch einer Bewegung.

Als ich um die Vorderseite des Wagens herumging, bemerkte ich die Teile des Kühlergrills und den einen Scheinwerfer, die auf der Straße lagen. Für ein Auto, das 40000 Dollar kostete, zerfiel es ziemlich schnell in seine Einzelteile.

Das war es, was ich an meinem speziell für die Polizei umgerüsteten Ford Crown Victoria so schätzte: Das Ding war gebaut wie ein Panzer, und es fuhr sich auch wie einer. Andere Städte hatten längst auf Geländewagen umgesattelt, doch Miniwa hielt sich an das Altbewährte.

Klar, ein Vierradantrieb war nett, aber Sandsäcke im Kofferraum und Ketten auf den Reifen erfüllten den gleichen Zweck. Abgesehen davon hatte mein Crown Victoria einen Supermotor. Ich konnte mit diesem Gefährt fast jeden einholen, und es geriet auch in engen Kurven nicht aus der Spur.

„Miniwa Police Department“, rief ich, während ich den Kotflügel des Geländewagens umrundete.

Mein Blick wanderte über die Blutstropfen, die im silbernen Mondschein schwarz glänzten. Ihre Spur verlor sich auf der an­deren Straßenseite. Ich nahm mir eine Minute Zeit, um den Straßengraben nach irgendeinem Hinweis auf ein verwundetes Tier oder menschliches Wesen abzusuchen, aber da war nichts.

Ich ging zu dem Auto zurück, riss die Tür auf und blinzelte kurz, als ich feststellte, dass hinter dem Steuer eine Frau saß. Meiner Erfahrung nach fuhren Männer solche Autos – oder Fuß­ball-Mütter. Ich sah keine Fußbälle, keine Kinder, keinen Ehering. Hmm.

„Ist mit Ihnen alles in Ordnung?“

Sie hatte eine Beule an der Stirn, und ihre Augen waren glasig. Sie war sehr jung und sehr blond – der Typ Märchenprinzessin – und wirkte zu zierlich, um einen Wagen dieser Größe zu fahren, aber – ich zuckte im Geist mit den Achseln – dies war ein freies Land.

Der Airbag hatte sich nicht aufgeblasen, was bedeutete, dass das Auto entweder eine Mistkarre oder die Frau nicht besonders schnell unterwegs gewesen war, als es zum Zusammenstoß mit … was auch immer sie angefahren hatte, gekommen war.

Da sie nicht von der Windschutzscheibe zerfetzt auf der Straße lag, tippte ich auf Letzteres. Die Beule deutete darauf hin, dass sie nicht angeschnallt gewesen war. Sie sollte sich was schämen. Es war ein Verkehrsdelikt in diesem Staat, im vorliegenden Fall jedoch schwer zu beweisen.

„Ma’am“, versuchte ich es wieder, nachdem sie mich immer noch wortlos anstarrte. „Geht es Ihnen gut? Wie heißen Sie?“

Sie hob die Hand an den Kopf. Von ihrem Arm tropfte Blut. Ich runzelte die Stirn. Es gab keine Scherben, außer an der Vorderseite des Wagens, wo das meiste jedoch Plastik zu sein schien. Woran hatte sie sich geschnitten?

Ich löste die Taschenlampe von meinem Gürtel und richtete sie auf ihren Arm. Etwas hatte ein Stück Haut zwischen ihrem Daumen und dem Handgelenk herausgerissen.

„Womit sind Sie kollidiert, Ma’am?“

„Karen Larson.“ Ihre Augen waren aufgerissen, die Pupillen geweitet; sie stand unter Schock.

Richtige Antwort, falsche Frage. Das ferne Heulen einer Sire­ne zerschnitt die kühle Nachtluft, und ich seufzte erleichtert. Hilfe war auf dem Weg.

Da das nächste Krankenhaus vierzig Minuten entfernt lag, musste Miniwa sich außer im Fall lebensbedrohlicher Krisen mit einer kleinen allgemeinmedizinischen Klinik behelfen. Aber auch diese Klinik war eine gut zwanzigminütige Fahrt entfernt, über dunkle, verlassene Straßen bis zum anderen Ende der Stadt. Brad konnte Miss Larson hinbringen, während ich hier den Rest erledigte.

Aber das Wichtigste zuerst. Ich musste ihr Auto von der Stra­ße schaffen, bevor noch irgendwer, wenn nicht sogar Brad selbst, in uns reinkrachte. Gott sei Dank war der Highway 199 um drei Uhr morgens kein beliebter Tummelplatz für Autos, sonst wären da noch mehr Scherben und Blut auf dem Asphalt gewesen.

„Ma’am? Miss Larson, wir müssen den Wagen bewegen. Rutschen Sie rüber.“

Wie ein Kind folgte sie meiner Anweisung, und ich parkte ihr Auto rasch neben meinem. In der Absicht, meinen Erste-Hil­fe-Kasten zu holen, um eine oberflächliche Säuberung und Versorgung vorzunehmen, sie vielleicht zumindest so weit zu verbinden, dass kein Blut auf die Sitze tropfte, war ich schon halb aus dem Auto, als sie, ebenso verspätet wie meine zweite, meine dritte Frage beantwortete.

„Ein Wolf. Ich habe einen Wolf angefahren.“

Ein Auszug von Zees Lieblingstiraden drängte sich in meinen Kopf. Die Wölfe wurden langsam zum Problem. Sie folgten ihrer Nahrungsquelle, und mit dem– trotz der Großzügigkeit, mit der das Department of Natural Resources Jagdlizenzen vergab– alarmierenden Anstieg der Rotwildherden, hatten sich die Wölfe zusammen mit ihrer Beute vervielfacht. Die Wölfe waren normaler­weise nicht aggressiv, aber wenn sie verwundet oder tollwütig waren, galt normalerweise nicht.

„Hat er Sie gebissen, Ma’am?“

Ich kannte die Antwort, musste aber trotzdem fragen. Für das Protokoll.

Sie nickte. „Ich … ich dachte, es wäre ein Hund.“

„Verdammt großer Hund“, murmelte ich.

„Ja. Verdammt groß“, wiederholte sie. „Er ist mir direkt vors Auto gelaufen. Ich konnte nicht mehr bremsen. Schwarz wie die Nacht. Auf der Jagd nach …“ Sie runzelte die Stirn, dann stöhnte sie, als wäre die Anstrengung, den Gedanken zu Ende zu bringen, zu viel für ihren armen Kopf.

„Wie wurden Sie gebissen?“

„Ich hielt ihn für tot.“

Eine Regel, an die man sich erinnern sollte, wenn man es mit wilden Tieren oder Seifenopernschurken zu tun hat: Meistens sind sie nicht tot, auch wenn alle es glauben.

„Ma’am, ich werde nur kurz Ihren Führerschein und die Zulassung überprüfen, in Ordnung?“

Sie nickte auf dieselbe weggetretene Weise wie schon die ganze Zeit über. Ich roch keinen Alkohol, aber man würde sie in der Klinik trotzdem darauf und auf Drogen testen.

Ich blätterte schnell ihre Brieftasche durch. Ja, Karen Larson. Der Fahrzeugschein im Handschuhfach bewies, dass der Wagen ihr gehörte. Es lief alles wie am Schnürchen, genau wie ich es mochte.

Dann endlich traf Brad ein. Der junge, ehrgeizige Officer war einer der Sommer-Cops, was bedeutete, dass er nicht von hier stammte. Keine Ahnung, was er während der übrigen neun Monate tat. Seinem Aussehen nach stemmte er Gewichte und holte sich seine Bräune unter einer künstlichen Sonne. Meine bisherigen Erfahrungen mit Brad hatten mich zu der Überzeugung gebracht, dass er sich zusammen mit seiner Haut auch das Hirn verschmort hatte. Aber er war zumindest kompetent genug, um Miss Larson in die Klinik zu bringen.

Ich traf ihn auf halbem Weg zwischen seinem Wagen und ihrem. „Wir haben einen Wolfsbiss.“ Ich hatte keine Zeit für überflüssiges Geplauder. Nicht dass ich daran interessiert gewesen wäre, wenn ich sie gehabt hätte. „Fahr sie zur Klinik. Ich werde versuchen, den Wolf zu finden.“

Er lachte. „Klar doch, Jessie. Bestimmt wirst du mitten in der Nacht in diesen Wäldern einen Wolf aufspüren. Und dann wird es auch noch genau der sein, nach dem du suchst.“

Das ist der Grund, warum Brad ein Sommer-Cop war und ich ein Ganzjahres-Cop. Ich besaß ein Gehirn und hatte keine Angst, es zu benutzen.

„Halt mich ruhig für dumm.“ Ich deutete auf das Blut, das Plastik und das Fiberglas auf dem Asphalt. „Aber das da hat Spuren hinterlassen. Falls ich einen Wolf mit einer kotflügelgroßen Beule finde, werde ich ihn einfach festnehmen. Wer weiß, vielleicht ersparen wir unserem Opfer damit die Tollwutspritzen.“

Brad blinzelte. „Oh.“

„‚Oh‘ ist richtig. Kannst du Zee anrufen, ihr sagen, was passiert ist? Und sie soll das Department of Natural Resources in­formieren.“

„Warum?“

Ich widerstand dem Drang, ihm eine überzubraten. Vielleicht könnte ich damit seinen Verstand wachrütteln, aber ich bezweifelte es. „Wenn es um Wölfe geht, ist es eine Standardmaßnahme, die Jagd- und Fischereibehörde hinzuzuziehen.“

„Sind wir dazu verpflichtet?“ Obwohl ich seine Gefühle teilte– niemand hier in der Gegend hatte viel für das Department of National Resources übrig –, gab es nun mal Vorschriften.

Wölfe hatten in Wisconsin bis 1999 als vom Aussterben bedrohte Spezies gegolten, bevor die Klassifizierung dann in „gefährdet“ geändert worden war. In jüngster Zeit hatten sie sich so zahlreich vermehrt, dass man sie ganz von der Liste gestrichen hatte. Was bedeutete, dass Probleme wie die Tollwut unter bestimmten Bedingungen von bestimmten Personen ausgeräumt werden konnten. Falls ich heute Nacht einen Wolf erschießen musste, wollte ich mich schon im Vorfeld abgesichert haben.

„Ja“, herrschte ich ihn an. „Das sind wir. Sorg dafür, dass Zee jemanden herschickt, der diesen Tatort sichert und ausmisst.“ Ich tätschelte das Walkie-Talkie an meinem Gürtel. „Ich melde mich.“

„Aber … äh, ich habe gedacht … Vielleicht, hm, sollte ich, du weißt schon …“ Sein unsicherer Blick zuckte zu den Bäumen, dann zurück zu mir.

„Ich weiß. Und du solltest nicht.“

Schalt endlich dein Gehirn ein, spottete ich in Gedanken, aber ich hatte in meinen sechsundzwanzig Jahren ein paar Dinge gelernt, und eins davon war, meine Klugscheißersprüche für mich zu behalten. Meistens jedenfalls.

„Ich habe hier mein ganzes Leben verbracht, Brad. Ich bin die beste Jägerin der Truppe.“

Ein Umstand, der mich bei den Männern, mit denen ich zusammenarbeitete, nicht gerade beliebt machte. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal nicht den Hauptgewinn bei den Wettkämpfen abgeräumt hatte, die die Gasthäuser jeden Herbst veranstalteten. Trotzdem schien es Brad gar nicht zu gefallen, mich allein in die Dunkelheit marschieren zu lassen.

„Entspann dich“, beruhigte ich ihn. „Ich kenne diese Wälder. Du nicht.“

Ohne auf eine Erwiderung zu warten, nahm ich die Fährte des Wolfs auf.

2

Ich hatte gelernt, einer Blutspur zu folgen, noch bevor mir Brüste gewachsen waren.

Nicht von meinem Vater. Nein. Er verschwand ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, als ich zum ersten Mal das Wort Papa artikulierte. Ich hätte den Mund halten sollen. Aber das ist ja nichts Neues.

Meine Mutter war, besser gesagt ist, mit Leib und Seele Mädchen. Sie wusste nie, was sie von einer Tochter halten sollte, die es vorzog, mit Jungs zu spielen, zu schießen und sich schmutzig zu machen. Sie weiß es auch heute noch nicht.

Ich war ein wildes Kind. Nicht ihre Schuld, aber sie gibt sie sich bis heute. Ich glaube nicht, dass ich mich allzu schlecht ent­wickelt habe. Ich bin ein Cop, kein Straftäter. Das muss irgendetwas Positives bewirken.

Wenn auch nicht die Zustimmung meiner Mutter. Was das anbelangt, habe ich schon vor langer Zeit aufgegeben.

Ich höre inzwischen nicht mehr oft von ihr. Wenn sie schon nicht die perfekte Tochter haben konnte, hatte sie zumindest auf perfekte Enkel gehofft – als würde sie die von mir bekommen. Heirat und Familie stehen auf meiner Prioritätenliste nicht gerade weit oben.

Nein, halt – sie stehen überhaupt nicht auf der Liste.

Ich bezweifelte nicht, dass Miss Larsons Wolf längst über alle Berge war; trotzdem konnte ich nicht einfach aufgeben, ohne es versucht zu haben. So tickte ich nicht.

Im Dunkeln einer Blutspur zu folgen war ein netter Trick, den ich mir in der sechsten Klasse von meinem besten Freund, Craig Simmons, abgeguckt hatte, der ihn wiederum von George Standwater, seinem besten Freund in der fünften Klasse, gelernt hatte.

Jeglicher anders lautenden, fröhlichen Propaganda zum Trotz verkehrten die indianischen Kinder nicht viel mit den weißen und umgekehrt. Hin und wieder entstanden zwar Freundschaften, doch die hielten nie lange. Dafür sorgten die Erwachsenen beiderseits.

Ich werde nie vergessen, wie unglücklich Craig war, als seine Eltern ihm sagten, dass er George nicht mehr sehen dürfe. Etwa genauso unglücklich, wie ich mich fühlte, als Craig beschloss, von nun an lieber im biblischen Sinn mit Mädchen zu spielen, und er keine Verwendung mehr für eine Kumpel-Freundin wie Jessie McQuade hatte.

Mit einem fast hörbaren Rauschen schloss sich hinter mir der Wald und sperrte die zivilisierte Welt der Autos, elektrischen Lichter und Straßen aus. Unter dem Dach der Nadelbäume und der Birken konnte ich die Sterne kaum noch erkennen. Auf diese Weise verliefen sich hier haufenweise Idioten.

Ich hatte während meiner Jahre bei der Polizei entdeckt, dass eine ganze Reihe mehr Menschen verschwanden, als die Öffent­lichkeit je erfuhr. Miniwa bildete da keine Ausnahme. In regelmäßigen Abständen wanderten die Leute in die Wälder hinein und kamen nie wieder heraus.

Ich nicht. Ich hatte meine Taschenlampe, meine Pistole und meinen Kompass. Ich hätte tagelang hier draußen bleiben und anschließend auch ohne das antiquierte Walkie-Talkie meinen Weg nach Hause finden können.

Das Gerät wählte gerade diesen Moment, um zu knacken, also schaltete ich es aus. Was ich jetzt überhaupt nicht brauchte, war, in die Nähe des Wolfs zu gelangen, nur damit Zee plötzlich eine Schimpfkanonade rüberschickte. Wenn überhaupt, würde ich nur eine einzige Chance bekommen, und die durfte ich nicht vermasseln.

In diesem Moment wünschte ich mir, ein Gewehr zu haben. Mit einer Pistole würde ich mich furchtbar nah heranpirschen müssen, aber wir führten in den Streifenwagen keine Langwaffen mit. Sie waren alle sicher auf dem Revier verstaut und ver­schlossen – wo sie für mich im Moment überhaupt keinen Nutzen hatten.

Die Blutspur bog nach rechts ab, dann nach links und wieder nach rechts. Der Mond schien hell; er war schon fast drei viertel voll. Es war die Art von Nacht, in der die meisten Tiere im Wald blieben und sich versteckten, verängstigt von der leuchtenden Scheibe am Himmel. Außer den Wölfen. Die schienen sie zu mögen.

Heute Nacht mochte ich sie ebenfalls. Weil ihr silberner Schimmer nämlich von einem glitzernden Flecken auf dem Boden hier oder einem Blatt dort reflektiert wurde. Die Tatsache, dass das Blut noch nass war, ließ mich darauf hoffen, dass meine Beute keinen allzu großen Vorsprung hatte. Der Wolf könnte mög­licherweise sogar tot sein, was eine Menge Probleme lösen würde.

Trotzdem behielt ich meine Pistole in der Hand. Ich wusste es besser, als ohne Schutz einem verwundeten wilden Tier zu folgen.

Die Brise zerzauste meine kurzen Haare, und ich blieb stehen, hob mein Gesicht der Nacht entgegen und fluchte. Ich bewegte mich mit dem Wind. Falls der Wolf nicht tot war, wusste er, dass ich kam.

Ein Heulen durchdrang die Nacht, stieg auf der Brise nach oben, sickerte durch die Dunkelheit und flüchtete in Richtung Mond. Es war nicht der seelenvolle Ruf eines einsamen Tiers, das einen Gefährten suchte, sondern das zornige, aggressive Heu­len eines dominanten Wolfsrüden. Mein Nacken begann zu prickeln.

Er wusste, dass ich kam, und er war bereit.

Mein Adrenalinstoß setzte ein. Ich wollte mich schneller bewegen. Dort ankommen. Kämpfen, nicht fliehen. Das hier zu Ende bringen. Aber ich musste dem Blut folgen, und das war kein bisschen einfacher geworden.

Dann plötzlich war die Spur weg. Ich lief ein Stück zurück. Fand das Blut wieder. Bewegte mich vorwärts, fand nichts mehr.

Mein Wolf schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Beunruhigt starrte ich zu den schwankenden Silhouetten der Bäume hinauf. Mir entschlüpfte ein Lachen, das Geräusch mehr nervös als be­lustigt. Was für ein Wolf könnte einen Baum hochklettern? Keiner, dem ich begegnen wollte.

Eine Bewegung vor mir ließ mich weiterhasten, verdammt sollte die Blutspur sein. Ich brach durch das Gebüsch, gelangte auf eine Lichtung, stolperte und stürzte beinahe beim Anblick einer hellen Blockhütte, die vor ein paar Wochen noch nicht da gewesen war. War sie einfach aus dem Boden gewachsen? Meine Neugier bezüglich der neuen Hütte verschwand, als mein Blick an einem schwankenden, zitternden Busch hängen blieb. Die Fenster des Blockhauses waren dunkel. Falls ich Glück hatte, schliefen die Bewohner oder, noch besser, waren gar nicht anwesend. Ich wollte niemanden um vier Uhr morgens mit Pistolen­schüssen vor seinem neuen Heim erschrecken, aber ich würde meine Beute auch nicht entkommen lassen.

Mit gezogener Waffe pirschte ich mich voran.

Ein einzelner, glitzernder Blutstropfen auf einem Blatt ließ mich die Pistole entsichern. Der Busch wurde still.

Mein Körper war so angespannt, dass es wehtat. Ich konnte nicht einfach schießen, ohne zu wissen, was da war. Aber was, wenn der Wolf mit gefletschten Reißzähnen auf mich zustürzte, bevor ich feuern konnte?

Entscheidungen über Entscheidungen. Ich hasste sie. Gebt mir einfach einen netten, sicheren, sauberen Schuss. Schwarz und weiß. Richtig und falsch. Gute kontra Böse.

„Hey!“, schrie ich, darauf hoffend, dass der Wolf in die andere Richtung laufen würde und ich ihm eine Kugel verpassen konnte.

Aber Fehlanzeige. Stattdessen begann der Busch von Neuem zu zittern, bevor dann ein Schatten aus ihm hervorwuchs, sich verlängerte, breiter wurde und schließlich die Gestalt eines Mannes annahm.

Eines sehr attraktiven, wohlproportionierten, nackten Mannes.

„Was zur …“

Aus nördlicher Richtung kam von Weitem das Heulen eines Wolfs, das meine Frage erstickte und mich daran erinnerte, dass ich weiterlaufen musste.

Den nackten Mann ignorierend – was sich als nicht einfach erwies, da er ziemlich spektakulär war und ich seit langer, langer Zeit keinen mehr gesehen hatte –, überprüfte ich den Boden und die Bäume auf der Suche nach der Blutspur. Dieses Mal war sie jedoch tatsächlich komplett verschwunden.

„Verdammt!“ Ich steckte meine Pistole ins Holster.

„Probleme?“

Seine Stimme war tief, beinahe besänftigend, so wie Wasser, das über glatte Steine fließt. Er war gute zehn Zentimeter größer als ich, wodurch er barfuß knapp einen Meter neunzig messen musste. Der Mond schien silbrig auf seine goldene Haut, die überall dieselbe Tönung zu haben schien. Er hatte offensichtlich keine Skrupel, seinen nackten Hintern nicht nur dem Mond, sondern auch der Sonne zu zeigen.

Er starrte mich so ruhig an, als wüsste er nicht, dass er vergessen hatte, sich anzuziehen, als er nach draußen gegangen war; oder vielleicht war es ihm auch einfach egal.

Nun, wenn er so nonchalant sein konnte, dann konnte ich das auch. „Ist hier ein Wolf vorbeigekommen?“

Er verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Bizeps spannte sich an, genau wie seine Bauchmuskeln. Ich konnte nicht anders – ich musste ihn anstarren. Hügel und Täler genau an den richtigen Stellen. Er musste regelmäßig trainieren.

„Genug gesehen?“, murmelte er.

Mit nicht geringer Mühe hob ich den Blick zu seinem Gesicht. Ich weigerte mich, verlegen zu sein. Er war derjenige, der hier nackt in der Nacht herumstand.

„Warum? Ist da noch mehr?“

Seine Zähne funkelten hell in der dunkleren Schattierung seines Gesichts. Seine Augen waren schwarz, seine Haare ebenfalls und dabei fast so kurz wie meine eigenen. An einem Ohr schaukelte eine goldene Feder.

Interessant. Indianerschmuck bestand meistens aus Silber.

Falls er weiß war, würde er an einem Ort wie Miniwa wegen dieses Ohrrings eine Menge zu hören kriegen. Dies mochte das neue Jahrtausend sein, aber in den Kleinstädten des Mittelwestens waren Ohrringe nur etwas für Schwule, so wie Tätowierungen Motorradgangs vorbehalten waren. Es sei denn, man war Indianer; dann ignorierten einen die Leute einfach. Allerdings bezweifelte ich, dass ein Mann mit seinem Aussehen von der gesamten Bevölkerung ignoriert werden würde.

„Sie verfolgen einen Wolf?“

Er trat hinter dem Busch hervor und gewährte mir damit einen klaren Blick auf eine Menge mehr. Meine Wangen wurden heiß. All meiner Prahlerei und meinen klugscheißerischen Bemerkungen zum Trotz hatte ich abgesehen von Freundschaft für Männer nie viel Verwendung gehabt. Vermutlich, weil sie für mich nie viel Verwendung gehabt hatten.

Trotzdem hat ein Mädchen nun mal Bedürfnisse, wie ich jetzt unter dem schimmernden Silbermond feststellte.

„Wollen Sie sich nicht was überziehen, bevor wir weiterplaudern?“ Ich bemühte mich um einen gelangweilten Frau-von-Welt-Ton, brachte aber nur ein atemloses, heiseres Krächzen zu­stande. Um meine Beschämung zu verbergen, fügte ich barsch hinzu: „Was tun Sie eigentlich hier draußen?“

„Ich bin nirgendwo draußen. Dies ist mein Grundstück, mein Land. Und ich muss überhaupt nichts erklären. Was Sie hier tun, ist unerlaubtes Betreten.“

„Polizeiliche Verfolgung. Dringliche Umstände“, murmelte ich. „Es ist nur seltsam, dass Sie nackt hier draußen im Dunkeln stehen.“

„Warum sollte man ein Blockhaus im Wald haben, wenn man nicht nackt herumlaufen kann, wann immer einen die Laune überkommt?“

„Hm, ich weiß nicht. Vielleicht, weil es überall Giftefeu gibt?“

Ich glaubte, ihn lachen zu hören, aber als ich ihn ansah, hatte er sich weggedreht. Beim Anblick seines Rückens vergaß ich wieder jeden klaren Gedanken. Die Muskeln kräuselten sich, als er sich bewegte. War es wirklich so heiß hier draußen?

„Sie jagen allein und mitten in der Nacht einen Wolf durch die Wälder, Officer …?“

Plötzlich stand er direkt vor mir. War ich derart im verzückten Bann meiner Fantasie versunken, dass mir nicht aufgefallen war, wie er sich herangepirscht hatte? Offensichtlich.

Er streckte einen schlanken, dunklen Finger aus; der weiße Mond eines Nagels strich über das Namensschild an meiner linken Brust. „McQuade“, las er, dann blickte er mir in die Augen.

Ich musste den Kopf in den Nacken legen, um ihn anzusehen, was mir nicht oft passierte. Normalerweise konnte ich Männern direkt in die Augen schauen, und nur selten war ich ihnen so nah. Und sie waren nie nackt.

Er roch wie der Wald – grüne Bäume, braune Erde und … etwas Wildes und Freies. Ich hatte das Gefühl, in seinen dunklen, endlos tiefen Augen zu versinken. Seine Wangenknochen waren markant, seine Lippen voll, seine Haut makellos. Der Mann war hübscher als ich.

Ich machte einen großen Schritt nach hinten. Bloß weil ich mit einem hinreißenden, nackten Indianer auf einer Waldlichtung stand, hieß das nicht, dass ich deshalb gleich in Verzückung geraten musste, wie die Heldin eines romantischen Historienromans. So ein Typ war ich nicht.

„Ich tue nur meine Arbeit“, sagte ich, gleichermaßen, um ihm zu antworten sowie auch, um mich selbst daran zu erinnern. „Ein Wolf hat auf dem Highway eine Frau gebissen. Ich muss ihn finden.“

Etwas flackerte in seinen Augen auf, verschwand dann jedoch so schnell wieder, dass ich mir nicht sicher war, ob ich nicht nur ein Schimmern des Mondes durch die Bäume gesehen hatte.

„Ich bezweifle, dass Sie Erfolg haben werden.“ Er drehte sich wieder weg, und dieses Mal blieb mein Blick an einem bösen Bluterguss an seiner Hüfte haften.

„Autsch“, murmelte ich.

„Wie bitte?“

„Ich … äh …“ Ich wedelte mit der Hand vage in Richtung seines Hinterteils. „Was ist da passiert?“

Er drehte seinen Oberkörper, spähte nach unten, runzelte die Stirn, dann sah er mich an. „Ich bin mir nicht sicher. Ich muss wohl tollpatschig gewesen sein.“

Als er auf die Hütte zuschlenderte, beobachtete ich seine Be­wegungen. Seltsam, er wirkte kein bisschen tollpatschig.

Er grabschte sich eine abgeschnittene Jeans von der Veranda und schlüpfte hinein, ohne einen Gedanken an Unterwäsche zu verschwenden. Warum ich das unglaublich erotisch fand, weiß ich nicht. Aber so war es.

Nachdem er gleichermaßen auf ein Hemd verzichtet hatte, kam er zurück. Voller Verzückung betrachtete ich seine Brust. Glatt, stark und unbehaart, um die Perfektion vollkommen zu machen. Würde er so gut schmecken, wie er roch?

Ich rieb mir die Augen, um die Vorstellung zu verscheuchen. Ich brauchte Sex, und zwar bald. Als mein Puls in Erwiderung dieses Gedankens zu rasen begann, wurden meine Wangen wieder heiß.

Vergiss es, Mädchen, ermahnte ich meine erhitzte Libido. Du hast keine Chance. Der Typ spielt in der Oberliga.

Trotzdem durfte ich doch träumen, oder etwa nicht?

„Äh … Könnten Sie mir helfen, die Spur wieder aufzunehmen?“

Klasse, Jessie. Warum stotterst und sabberst du nicht gleich, wenn du schon dabei bist?

Zum Glück schien er mein rotes Gesicht und meine unbeholfene Zunge nicht zu bemerken.

„Ich?“ Er fuhr sich mit den Fingern durch sein kurzes Haar, runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf, fast so, als wäre der Schnitt neu und unvertraut. Sein Ohrring tanzte im Mondschein.

„Die Blutspur endet hinter dem Busch, wo Sie …“ Ich runzelte die Stirn. „Sie sind sicher, dass Sie ihn nicht gesehen haben?“

Er seufzte ungeduldig. „Ich bin mir sicher.“

„Dann könnten Sie mir vielleicht helfen, die Spur wieder­zufinden?“

„Wieso glauben Sie, dass ich weiß, wie man einen Wolf aufspürt? Nur weil ich ein Ojibwa bin?“

„Sind Sie das?“

Er verdrehte die Augen. „Kommen Sie, Officer. Sie sind nicht blind, und Sie haben hingesehen.“

„Sie haben sich gezeigt. Ich bin außerdem auch nicht dumm.“

Seine Lippen zuckten. Er lächelte fast, beherrschte sich dann aber. „Selbst wenn ich etwas über das Fährtenlesen im Dunkeln wüsste, würde ich Ihnen nicht helfen, diesen Wolf aufzuspüren. Sie wollen ihn töten.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Er hat eine Frau gebissen. Sie wird Tollwutspritzen brauchen, falls ich ihn nicht finde.“

„Sie werden ihn nicht finden.“

Ärger durchzuckte mich. „Sind Sie ein Hellseher oder so ­etwas?“

„So etwas.“

Was auch immer das heißen sollte.

3

Wie sich herausstellte, behielt er recht. Ich fand weder diesen Wolf noch irgendeinen anderen.

Der Wald wirkte seltsam ausgestorben in dieser Nacht. Ich schob es auf die Helligkeit des Mondes und meine alles andere als subtile Methode, durch das Unterholz zu trampeln. Aber später fand ich es trotzdem rätselhaft.

Zum Teufel, später fand ich eine Menge Dinge rätselhaft.

Zum Beispiel, wer dieser nackte Mann wohl war. Er hatte meinen Namen erfahren, seinen jedoch nicht genannt. Und ich hatte wenig Gelegenheit gehabt, ihn danach zu fragen.

Ich hatte die Lichtung verlassen, noch einmal nach einem Hinweis auf die Blutspur gesucht, und als ich mich dann umgesehen hatte, war er ebenso plötzlich verschwunden gewesen, wie er zuvor aufgetaucht war. Die Logik sagte mir, dass er nach drinnen gegangen sein musste – so unhöflich das auch war, ohne sich zu verabschieden –, trotzdem hörte ich weder ein Knarzen der Verandadielen noch ein Klicken der Tür.

Ich lief weiter, doch als schließlich die Sonne aufging und ich noch immer nichts hatte, kehrte ich zum Unfallort zurück. Jemand hatte Miss Larsons übergroßen Wagen ab­ge­schleppt, jedoch das Glas, Plastik und Blut zurückgelassen. Toll.

Ich funkte Zee an.

„Verdammt, Mädchen. Wo hast du gesteckt? Ich hätte demnächst die Kavallerie ausgeschickt.“

„Mir geht’s gut. Hat Brad dir nicht gesagt, wo ich bin?“

„Draußen in den Wäldern. Allein und mitten in der Nacht. Hast du sie noch alle?“

„Ich habe eine Schusswaffe.“

„Eines Tages, Jessie, wird jemand deinen Weg kreuzen, der schlauer und gemeiner ist als du.“

„Eines Tages“, stimmte ich ihr zu.

„Ich nehme an, du hast nicht gefunden, wonach du gesucht hast?“

Das Gesicht des Fremden – und alles andere – blitzte in meinem Kopf auf. Ich hatte etwas Besseres gefunden, aber das würde ich Zee nicht sagen. Sie würde nämlich jeden informieren, der es hören wollte. Sie war nur alt; sie war nicht tot. Sie würde mehr Einzelheiten über den Mann wissen wollen, als ich ihr guten Gewissens verraten konnte.

„Der Wolf ist weg“, erwiderte ich. „Warum wurde der Unfallort nicht so gesichert, wie ich es angeordnet hatte?“

„Hier war ziemlich viel los. Häusliche Gewalt, eine Kneipenschlägerei.“

„Das Übliche also.“

„Verdammt richtig. Ich habe niemanden mehr zur Verfügung, der in der Lage wäre, mehr zu sichern als seinen eigenen Arsch. Aber welchen Unterschied macht das schon? Es geht nicht um den Tatort eines Schwerverbrechens. Es war schlicht und einfach ein Unfall.“

Ich hatte schon früh gelernt, dass nichts schlicht oder einfach war. Ich ließ den Blick über das Glas und die Bremsspuren wandern. Nicht einmal das hier war einfach.

„Hast du mit Brad über das Opfer gesprochen?“, fragte ich.

„Ja. Er ist bei ihr geblieben, bis sie gegangen ist, aber …“

„Gegangen?“

„Du brauchst nicht zu schreien.“

„Wie konnte sie gehen? Sie wurde von einem wilden Tier gebissen. Sie braucht Tollwutspritzen.“

„Nur wenn sie zustimmt. Und das hat sie nicht.“

„Warum nicht?“

„Die Klinik hat das Serum nicht vorrätig. Sie können es aus Clearwater bekommen, aber das hätte mehrere Stunden gedauert. Sie hat abgelehnt.“

„Das ergibt keinen Sinn.“

„Seit wann ergibt irgendetwas einen Sinn?“

Eins zu null für Zee. Ich versuchte, Brad anzufunken, bekam jedoch keine Antwort. Ich klingelte sein Handy an, aber er ging nicht ran. Ein Blick auf meine Armbanduhr verriet mir, dass vor zehn Minuten Schichtwechsel gewesen war. Brad war wirklich pünktlich. Meine Meinung dazu hätte Zee alle Ehre gemacht.

Die Sonne stand am Himmel; ich war müde. In der dritten Schicht zu arbeiten, machte mich zu einer Art Vampir – ich war unfähig zu schlafen, wenn alle anderen es taten, und unfähig, wach zu bleiben, wenn die Welt sich regte.

Trotz meiner Erschöpfung und der Tatsache, dass Überstunden tabu waren, nahm ich mir vor, mir Brad später vorzuknöpfen und herauszufinden, was er von Miss Larson erfahren hatte. Jetzt würde ich erst mal zur Klinik fahren und mit dem Arzt sprechen. Mal sehen, ob ich Miss Larson finden und ein paar Takte mit ihr reden konnte – vorausgesetzt sie hatte noch keinen Schaum vor dem Mund.

Aber als Allererstes … Ich sah von meinem Streifenwagen zu dem Blut und dem Plastik auf der Straße. Als Allererstes musste ich dieses Chaos beseitigen.

Ich skizzierte den Unfallort, vermaß die Bremsspuren, dann fegte ich die Überreste des Unfalls in einen Klarsichtbeutel und trug meine Beute zum Straßenrand. Ich hielt die Tüte hoch und schüttelte sie. Etwas erregte meine Aufmerksamkeit.

Ich fasste hinein und zog ein dünnes Rohlederband hervor. Ich hatte so etwas schon als Halsschmuck gesehen, für gewöhnlich bei Männern, manchmal auch bei weiblichen Teenagern. Falls an diesem hier ein Schmuckstück oder ein Amulett befestigt gewesen war, konnte es jetzt überall sein.

Ich schüttelte den Beutel noch mal, entdeckte aber sonst nichts Ungewöhnliches. Also ging ich die Mittelspur ab und fand, wonach ich suchte, ein paar Meter vor der Stelle, wo der Geländewagen schlingernd zum Stehen gekommen war.

Ich bückte mich und hob die geschnitzte Onyxfigur eines Wolfs auf – die Ojibwa nannten so etwas ein Totem. Während ich den Stein anstarrte, begann er zu wabern und vor meinen Augen zu verschwimmen. Kalte Luft strömte meinen schweißnassen Rücken hinab und ließ mich frösteln. Ich schüttelte den Kopf. Für einen kurzen Moment hatte das Gesicht des Wolfs fast menschlich gewirkt. Ich brauchte definitiv ein bisschen Schlaf.

War das Totem letzte Nacht schon hier gewesen? Oder schon seit Wochen, vielleicht Monaten? Was bedeutete es? Wem gehörte es? War es überhaupt wichtig?

Achselzuckend ließ ich das Beweisstück in den Beutel fallen. Ich hatte genügend Fragen, um mich den Morgen über beschäftigt zu halten. Alles Weitere konnte bis zum Abend warten.

Mein Besuch in der Miniwa-Klinik war nicht sonderlich erhellend. Der Notfallarzt war jung, ernst und genauso erschöpft wie ich. Er war schon seit achtundvierzig Stunden im Dienst. Ich war froh, nicht zur Stunde siebenundvierzig blutend hier eingeliefert worden zu sein.

„Ich habe die Wunde gesäubert, obwohl der Officer, der die Frau herbrachte, bereits einen ganz ordentlichen Job gemacht hatte.“

Ich notierte mir im Geist, dass Brad im Erste-Hilfe-Kurs gut aufgepasst hatte. Braver Junge.

Der Doktor legte sich eine Hand an die Stirn und schloss die Augen. Als er zu schwanken begann, griff ich nach seinem Arm, weil ich befürchtete, dass er mit dem Gesicht voran zu Boden stürzen würde. „Doktor? Hallo! Sind Sie okay?“

„Entschuldigung. Es war eine lange Nacht … oder besser gesagt drei davon.“

Ich gab ein paar mitfühlende Laute von mir. Warum die Ge­sellschaft der Mediziner darauf bestand, die Ärzte an ihre kör­perlichen, emotionalen und seelischen Grenzen zu treiben, begriff ich einfach nicht. Glaubten sie vielleicht, dass die Ärzte, die die­ses Training überlebten, anschließend alles überleben konnten? Vermutlich.

„Miss Larson“, erinnerte ich ihn.

„Ach, ja. Ich habe sie wie ein Hundebiss-Opfer behandelt. Vier Stiche, Antibiotika. Wirklich nichts Ernsthaftes.“

„Warum ist sie gegangen?“

„Sie musste zur Arbeit.“

„Ist sie eine Gehirnchirurgin?“

Verwirrung flackerte über sein blasses Gesicht. „Wie bitte?“

„Ihre Arbeit konnte nicht warten? Was, wenn der Wolf tollwütig war?“

„Dieses Risiko ist sehr gering, Officer. Tollwütige Tiere stürzen sich eher auf Fledermäuse oder Nagetiere, zum Beispiel Mäuse und Eichhörnchen.“ Er hielt inne, dachte nach, sprach schließlich weiter. „Oder streunende Katzen. Scheußliche Viecher. Wenn Sie von einer streunenden Katze gebissen würden, bräuchten Sie definitiv eine Tollwutspritze.“

Ich hatte nicht vor, mich von streunenden Katzen beißen zu lassen, denn eher würde die Hölle gefrieren, als dass ich eine anfasste. Aber Informationen sind mir stets willkommen.

Der Doktor schüttelte den Kopf. „Es ist höchst unwahrscheinlich, dass ein Wolf Tollwut hat.“

„Das heißt nicht, dass sie außer Gefahr ist.“

„Nein. Aber sie hat das Recht, eine Behandlung abzulehnen.“

„Und wenn sie anfängt, an einer Kollegin herumzunagen, hat die dann das Recht, Sie zu verklagen?“

Er zuckte bei dem Wort verklagen zusammen – ein berufsbedingtes Risiko, da bin ich mir sicher. „Sie benehmen sich wie ein Hund, der einen Knochen in der Mangel hat.“

Hund? Knochen?

Ich erwartete, dass er grinsen würde, aber er war entweder zu müde, um seinen eigenen Witz zu kapieren, oder er hatte einfach keinen Humor. Vielleicht ein wenig von beidem.

„Ich mag meine Enden sauber und ordentlich. Nennen Sie mich ruhig analfixiert. Alle anderen tun das.“

Um seine Mundwinkel zuckte es kein bisschen. Definitiv humorlos.

„Sie können das weiterverfolgen.“ Er kritzelte etwas auf einen Notizblock. „Hier ist ihre Privatadresse und die ihrer Arbeitsstelle.“

Karen Larsons Haus lag gleich neben dem Highway 199. Hoppla. Dieses riesige Auto hatte nach Touristin ausgesehen. Aus dem Wagen zu steigen, um nach einem angefahrenen Wolf zu sehen, hatte auf eine Vollidiotin hingedeutet. Falls sie nicht nur vorübergehend hier wohnte, war sie zumindest sehr neu in der Gegend. Bis die Leute ihren ersten Winter hinter sich hatten, glaubten sie immer, gigantische Reifen zu brauchen, um den gigantischen Schneeverwehungen trotzen zu können.

Ihre Adresse erklärte ihre Anwesenheit auf dem Highway. Sie erklärte hingegen nicht, warum sie mitten unter der Woche um drei Uhr morgens allein nach Hause unterwegs gewesen war. Möglicherweise lag es an meiner neugierigen Natur, aber kleine Details wie dieses beschäftigten mich. Vielleicht bin ich deshalb ein Cop geworden. Das gab mir die Lizenz zu schnüffeln.

Ich sah wieder auf das Gekrakel des Arztes. Miss Larson war Lehrerin an der Treetop-Grundschule.

Auch wenn einige Schulen schon vor dem Memorial Day das Schuljahr beendeten, setzten andere, so wie unsere, den Unterricht noch den ganzen Juni hindurch fort. Dies war den staatlichen Gesetzgebern und ihrer brillanten Idee zu verdanken, dass die Schule nach dem Labor Day beginnen sollte, um so das meiste aus der Urlaubssaison herauszuholen. Keiner von ihnen schien zu begreifen, dass diese Regelung lediglich den Sommer um mehrere Wochen beschnitt.

Da Miss Larson so erpicht darauf gewesen war, wieder zur Arbeit zu gehen – ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr –, und inzwischen dort sein sollte, machte ich mich jetzt ebenfalls auf den Weg zur Schule.

Meine Entscheidung erwies sich als die richtige. Als ich die Treetop-Grundschule schließlich erreichte, war dort ein großer Tumult ausgebrochen.

Ich war der erste Officer vor Ort. Was vermutlich daran lag, dass die Leute mehr daran interessiert waren, aus dem Gebäude zu flüchten, als die 911 zu wählen, wenngleich ferne Sirenen verkündeten, dass irgendwer tatsächlich einen Notfall gemeldet hatte.

Ich war zwar nicht im Dienst, aber na wenn schon. Rennende Menschen, weinende Kinder, man mag mich verrückt nennen, doch das Ganze schrie einfach nach Polizei.

Ich parkte meinen Streifenwagen am Randstein, gab meine Position durch, stieg aus und kämpfte gegen die Woge flüchtender Menschen an, die aus dem Gebäude strömten. Sobald ich drin­nen war, hielt ich Ausschau nach einem Verantwortlichen. Da sich niemand freiwillig meldete, griff ich nach dem Arm der erstbesten Erwachsenen. Bei meiner Berührung begann sie zu kreischen, was dafür sorgte, dass mehrere Kinder um sie herum zu weinen anfingen.

Ihr Verhalten alarmierte mich. Hatte der Albtraum eines Schul-Amoklaufs nun auch die nördlichen Wälder erreicht? Auch wenn ich keine Schüsse hörte, bedeutete das nicht, dass es keine gegeben hatte.

„Was ist passiert?“, fragte ich nicht übermäßig freundlich.

„Ich … ich weiß es nicht. Dort unten.“ Sie stieß ihre freie Hand in die Richtung, aus der sie gekommen war. „Schreie. Weinen. Gebrüll. Es hieß, wir sollten ruhig nach draußen gehen. Dann plötzlich rannten alle.“

Was nicht gut klang. Typisch, aber nicht gut.

Ich ließ sie los, und sie schob ihre paar Nachzügler nach draußen auf den Rasen.

In der Schule war es gespenstisch ruhig geworden. Ich hätte vermutlich besser auf Verstärkung warten sollen, aber falls es hier tatsächlich einen Amokschützen gab, hatte ich nicht die Absicht, den kleinen Bastard noch mehr Schaden anrichten zu lassen, als bereits geschehen war.

Ganz ehrlich, wenn jedes Kind, das irgendwann mal getriezt oder gemobbt worden war, zur Waffe greifen würde, hätte keiner von uns seine Schulzeit überlebt. Was war nur los mit dieser Welt, dass Kinder glaubten, es sei in Ordnung, seine Probleme mithilfe einer Waffe zu lösen? Doch andererseits, wer war ich schon, um mit Steinen zu werfen?

Ich zog meine Dienstpistole und lief den menschenleeren Korridor hinunter.

Das Fehlen von Schüssen und das plötzliche Verebben der Schreie machten es mir schwer, die Quelle des Problems aufzuspüren. Das hätte ich auch nicht gekonnt, wäre da nicht dieses leise, beinahe unhörbare Wimmern gewesen, das aus einem Raum links vor mir drang.

Ein Schild an der Wand neben der Tür verkündete MISSLARSON. DRITTEKLASSE.

„Scheiße“, flüsterte ich. „Ich hasse es, recht zu behalten.“

Meinen Schul-Amoklauf sich in Luft auflösen zu sehen hätte mich froh stimmen sollen. Stattdessen verursachte mir das, was ich vorfand, als ich die Klassenzimmertür öffnete, Übelkeit.

Karen Larson ging es nicht gut. Die Aura der Märchenprinzessin war verschwunden, der Eindruck von Zerbrechlichkeit ebenfalls. Das Haar hing ihr in schweißnassen Strähnen ins Ge­sicht und verbarg nur teilweise ihre Augen.

Leider. Denn ihre Augen erinnerten mich an die eines Man­­nes, gegen den ich einmal in einem Unzurechnungsfähig­keits­prozess ausgesagt hatte. Er war anschließend für den Rest sei­ner Tage in der Klapsmühle gelandet. Aber was mich weit mehr beunruhigte als ihr Aussehen, war der kleine Junge in ihrer Gewalt.

Er war acht Jahre alt und auf keinen Fall ein Fliegengewicht. Trotzdem hielt sie ihn mit einer Hand in der Luft; seine Turnschuhe baumelten dreißig Zentimeter über dem Boden. Sein Körper war schlaff, aber ich sah, dass sich seine Brust in regelmäßigen Abständen hob und senkte.

Bewusstlos. Gut. Miss Larsons äußerer Erscheinung nach zu urteilen, würde das hier kein Zuckerschlecken werden.

„Lassen Sie ihn runter.“ Ich schrie weder, noch flüsterte ich. Ruhig, aber bestimmt – das funktionierte in den meisten Situationen am besten.

Miss Larson sah auf. Ihr Mund war mit rosafarbenem Schaum besprenkelt. Es war kein guter Look für sie.

Aus den Augenwinkeln bemerkte ich in der Nähe noch einen weiteren Menschen. Größer. Kein Kind, sondern ein Mann. Vielleicht der Hausmeister oder der Rektor. Er bewegte sich nicht, schien noch nicht mal zu atmen, und überall um ihn herum waren Blutspritzer. Jetzt wusste ich, warum der Schaum vor Miss Larsons Mund rosa war.

Ich entsicherte meine Pistole. Die Tür zu einer friedlichen Lösung war zugeschlagen.

„Setzen Sie ihn ab!“ Meine Stimme war lauter und weniger ruhig als zuvor. „Tun Sie es, Karen.“

Sie wackelte mit dem Kopf, so wie ein Hund, der irgendwo im Dschungel menschlicher Worte seinen Namen erkannt hatte. Ich zitterte. Das hier war einfach zu unheimlich.

Die Dinge wurden noch unheimlicher, als sie mich anknurrte. Ganz im Ernst. Das hat sie getan. Schaumpartikel flogen von ihrem Mund, und auf ihren Zähnen waren Blutflecken.

Ich machte einen kleinen Schritt nach vorn, und sie knurrte wie­der, drückte den erschlafften Jungen dann enger an sich, schnüffelte an seinem Haar und leckte seinen Hals. Was als Nächstes geschah, kann ich nicht mit Gewissheit sagen.

Ich würde jedoch bis zum heutigen Tag schwören, dass sie mich mit vollkommener Klarheit anlächelte. So als ob es ihr gut ginge und dies alles nur ein Missverständnis sei. Ich würde außer­dem schwören, wenn auch niemals laut, dass sich im nächsten Augenblick eine wilde Maske über ihr Gesicht legte; in ihren Augen lebte die Seele eines Tieres.

Sie hob den Kopf und bog ihn nach hinten, so als wollte sie dem Kind in ihren Armen die Kehle herausreißen, als plötzlich ein Schuss durch den Raum donnerte.

Ich werde nie feststellen können, ob ich mir die Veränderung bei Karen Larson nur eingebildet habe oder ob sie echt war, weil ihr Kopf nämlich nach hinten zuckte, als ihr die Kugel das Gehirn wegschoss.

Zum Glück war der Junge bewusstlos. Angesichts der Schweinerei wünschte ich mir, es ebenfalls zu sein.

4

Bevor ein falscher Eindruck entsteht – ich habe sie nicht erschossen. Ich wirbelte herum und fand mich Auge in Auge mit meinem Boss, Sheriff Clyde Johnston, wieder.

„Hättest du diese Pistole irgendwann noch mal abgefeuert oder eher einen Dixie gepfiffen?“, brummte er.

Obwohl Clyde zu drei Vierteln Indianer war, erfüllte er jedes Klischee eines Sheriffs. Sein Bauch wölbte sich so weit vor, dass er fast sein Hemd sprengte, der Kautabak in seinem Mund verstümmelte seine Sprache, und die Größe seines Revolvers ließ mich an die alten Witze über große Knarren und bescheidene männliche Ausstattung denken. Seine Angewohnheit, Zitate aus Clint-Eastwood-Filmen in normale Gespräche einzuflechten, stra­pazierte die Geduld besserer Menschen, als ich einer bin.

Seine Clint-Fixierung erklärte auch, warum wir in Miniwa 44er Magnums trugen, obwohl eine Menge anderer Polizeibehörden längst in die Welt halbautomatischer Waffen eingetaucht war. Aber ich stimmte mit Clyde überein, dass Revolver zuverlässiger waren als die neumodischen Automatikwaffen, die eine höhere Munitionsqualität erforderten und außerdem zu Fehlzündungen neigten. Wenn es um Waffen geht, ziehe ich Zuverlässigkeit der Schnelligkeit jederzeit vor.

Meine Ohren klingelten noch von der Lautstärke des Schusses, als ich quer durch den Raum lief und den kleinen Jungen aufhob. Er war immer noch ohnmächtig. Ein schneller Blick zu dem an­deren Körper – dem Schnitt seines Anzugs nach war es der Rektor –, offenbarte, dass er ebenso tot war wie Karen Larson, wenn auch nicht aus demselben Grund. In ihrem Kopf klaffte ein großes Loch. Der Rektor hatte eins an der Kehle.

„Ich schätze, die 44er Magnum ist tatsächlich die beste Handfeuerwaffe der Welt“, stellte Clyde fest. „Hat ihr fast den Kopf weggerissen.“

Das war selbst für mich ein bisschen viel. Ich steuerte mit dem Jungen auf die Tür zu und überließ Clyde sich selbst, damit er sein Chaos zur Abwechslung mal eigenhändig beseitigte. Er warf einen kurzen Blick auf mein Gesicht und versuchte dann nicht, mich aufzuhalten.

Die Rettungssanitäter warteten im Korridor. Ich übergab ihnen den Jungen. „Dies ist der einzige Verletzte, von dem wir wissen. Die anderen sind tot.“

Eine der Sanitäterinnen antwortete mit einem kurzen, kompetenten Nicken, dann begann sie, ihn zu untersuchen. „Wie heißt er?“

„Keine Ahnung. Er war bewusstlos, als ich hier ankam. Möglicherweise ist er noch nicht mal verletzt. Das Blut ist nicht von ihm, genauso wenig wie …“ Ich brach ab. Es war unnötig, im Detail zu erwähnen, was sonst noch nicht von ihm stammte.

„In Ordnung“, sagte sie. „Wir kümmern uns um ihn.“

Sie eilten mit ihm in Richtung eines mir unbekannten Zielorts davon, und obwohl es mir widerstrebte, kehrte ich in das Klassen­zimmer zurück.

Clyde hatte alles unter Kontrolle. Er mochte wie ein Trottel aussehen, aber er war keiner. Das war auch der Grund, warum er sich schon seit dreißig Jahren als Sheriff von Miniwa hielt. Die Indianer vertrauten ihm, und die weiße Bevölkerung betrachtete ihn als ihren Quoten-Ureinwohner. Dass er schlau war wie ein Fuchs und es kein einziges ungesühntes Verbrechen in seiner Bi­lanz gab, schadete auch nicht.

Er bewachte den Tatort, um sämtliche Spuren zu schützen, bis die Spurensicherung und der Gerichtsmediziner eintrafen. Da Miniwa eine solch winzige Gemeide war, teilten wir uns beides mit Clearwater und mehreren anderen kleinen Städten.

Als ich den Raum betrat, blickte Clyde auf, dann wölbte er eine dunkle, buschige Braue. „Verrat mir eins. Wie kommt’s, dass ich ausgerechnet die kleine Jessie inmitten dieser großen, üblen Schweinerei antreffe?“

Nur ein Mann von Clydes Körpergröße könnte mich als klein bezeichnen. Schon allein deshalb würde ich ihn mögen, wenn ich zu so was fähig wäre.

„Ich habe einen Fall weiterverfolgt.“

Er runzelte die Stirn. „Was für einen Fall?“

Da er gerade erst mit seiner Schicht begonnen und ich meine gerade erst beendet hatte, konnte Clyde meinen Bericht noch nicht gelesen haben, selbst wenn ich einen geschrieben hätte.

„Minderschwerer Autounfall. Miss Larson hat einen Wolf angefahren.“

„Wer?“

Ich wedelte mit der Hand in Richtung Leiche Nummer zwei.

„Oh. Und weiter?“

Ich erklärte ihm rasch die Details. Rums. Der Wolf geht zu Boden. Beißt sie in die Hand; ich jage ihn durch den Wald, keine Spur von dem Tier. Miss Larson lehnt die Tollwutspritze ab, mit bösen Folgen. Den Teil mit dem nackten Indianer ließ ich aus. Das würde Clyde nicht interessieren.

„Hm“, murmelte er. „Ein gefundenes Fressen für die Presse.“

Ich stöhnte. Kleinstadtbewohner taten nichts lieber, als zu tratschen. Die Ereignisse der letzten zwölf Stunden würden ein großes Medienspektakel und vermutlich ein ernstes Problem nach sich ziehen. Es würden sich Scharfschützen in den Wäldern herumtreiben, die nach einem tollwütigen Wolf suchten – verdammt sollten die Vorschriften des DNR sein. Wir würden es mit panischen Bürgern zu tun bekommen, die auf streunende Hunde schossen, vielleicht sogar auf streunende Menschen.

„Genau.“ Clyde spuckte einen braunen Strahl in einen nahe stehenden Mülleimer. Hatte ihn noch niemand über die Torturen von Zungenkrebs aufgeklärt? „Vielleicht solltest du die Geschichte mit dem Wolf besser für dich behalten, hm?“

„Aber …“

„Kein Aber. Du weißt, was passieren wird. Sobald wir uns um den Wolf gekümmert haben, werden wir die Wahrheit bekannt geben. Wo ist der Unterschied?“

Er hatte recht. Allerdings …

„Ich muss mit Brad und Zee reden“, sagte ich. „Aber sie sollten kein Problem sein.“

Clyde grunzte. „Gut. Mach das.“

„Da gibt es auch noch den Arzt in der Klinik …“

„Ich spreche mit ihm.“

„Okay.“ Unsicher blieb ich vor ihm stehen. Ich wollte Clyde eine Frage stellen, wusste aber nicht genau, wie.

„Du musst erledigt sein, Jessie. Geh heim. Schlaf dich aus. Ich kümmere mich um das hier.“

„Nicht mehr viel übrig, um das man sich kümmern könnte“, murmelte ich, die Augen auf die Leichen gerichtet.

Ich spürte, dass er mich durchdringend ansah. „Du willst mir noch etwas sagen? Dann spuck’s aus.“

Er wusste ebenso gut wie ich, dass ich nicht gehen konnte, bevor Verstärkung eintraf. Clyde hatte soeben eine Zivilistin erschossen. Es gab Vorschriften, die einzuhalten waren und zu denen nicht zuletzt gehörte, dass ich ihm die Waffe abnehmen und eine Zeugenaussage machen musste. Ich hätte ihn eigentlich gar nicht allein in dem Klassenzimmer lassen dürfen, aber welche Wahl hatte ich gehabt, mit einem bewusstlosen Kind auf dem Arm?

Aber Clyde war ein guter Cop. Er hatte seine Waffe bereits in einem Plastikbeutel gesichert. Sie lag nun auf einem der Schreibtische.

„Jessie?“, forderte er mich wieder auf.

Ich zögerte noch immer. Clyde war schon Sheriff gewesen, bevor ich überhaupt geboren wurde; wer war ich, dass ich seine Methoden in Frage stellte? Trotzdem konnte ich nicht einfach heimgehen und schlafen, ohne es angesprochen zu haben. Meine Neugier ließ das nicht zu.

„Musstest du unbedingt auf ihren Kopf zielen, Clyde? Ich mei­ne …“ Ich zuckte die Achseln und breitete meine Hände aus. „Hätte ein Bein nicht genügt?“

„Ich habe Verbrecher gesehen, die mit Kugeln im Bein, im Bauch, in der Brust oder im Rücken angegriffen haben. Aber mir ist nie einer untergekommen, der wieder aufgestanden ist, nachdem ich ihm eine zwischen die Augen verpasst habe.“

„Aber …“