Wolken über Taiwan - Alice Grünfelder - E-Book

Wolken über Taiwan E-Book

Alice Grünfelder

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Beschreibung

Wie soll man über ein Land schreiben, das es offiziell nicht gibt? Das keinem Vergleich standhält und immer wieder von neuem überrascht? Taiwan, die kleine Insel und Chipgroßmacht vor der südchinesischen Küste, hat in den letzten Jahrzehnten eine enorme gesellschaftliche Wandlung durchlaufen. Bürgerrechtsbewegungen ist es zu verdanken, dass der Übergang von einer Jahrzehnte andauernden Militärdiktatur zu einer der offensten und lebendigsten Demokratien Asiens so friedlich verlaufen ist. Sechs Monate verbrachte die Sinologin und Schriftstellerin Alice Grünfelder auf Taiwan. Gesehenem, Gehörtem ist sie nachgegangen, hat über ihre Beobachtungen mit Taiwanerinnen gesprochen, hat versucht zu recherchieren, was sie nicht verstand. Ihre Collage aus Erlebtem, Notizen und Überlegungen, Reportagen und essayistischen Miniaturen ist von lichter Leichtigkeit und verliert doch nie an Prägnanz, etwa in der Beschreibung gesellschaftlicher Zusammenhänge und historischer Exkurse. Es sind kürzere Texte, jeweils überschrieben mit einem Stichwort; sie sind alphabetisch geordnet, reichen von »Abschied« bis »Zeichen«. Ob es um Wolken und Wasser geht, Müllabfuhr und Demonstrationen, Tempel und Götter, Brücken, Flüsse und Meere – jede Betrachtung beleuchtet eine Facette dieser fragilen Insel entlang der Bruchlinien des Alltags.

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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Wie soll man über ein Land schreiben, das es offiziell nicht gibt? Das keinem Vergleich standhält und immer wieder von neuem überrascht? Taiwan, die kleine Insel und Chipgroßmacht vor der südchinesischen Küste, hat in den letzten Jahrzehnten eine enorme gesellschaftliche Wandlung durchlaufen. Bürgerrechtsbewegungen ist es zu verdanken, dass der Übergang von einer Jahrzehnte andauernden Militärdiktatur zu einer der offensten und lebendigsten Demokratien Asiens so friedlich verlaufen ist.

Sechs Monate verbrachte die Sinologin und Schriftstellerin Alice Grünfelder 2020 auf Taiwan. Gesehenem, Gehörtem ist sie nachgegangen, hat über ihre Beobachtungen mit Taiwanerinnen gesprochen, hat versucht zu recherchieren, was sie nicht verstand. Herausgekommen ist eine Collage leichter, prägnanter Texte, jeweils überschrieben mit einem Stichwort; sie sind alphabetisch geordnet, reichen von »Abschied« bis »Zeichen«. Ob es um Wolken und Wasser geht, Müllabfuhr und Demonstrationen, Tempel und Götter, Brücken, Flüsse und Meere – jede Betrachtung beleuchtet eine Facette dieser fragilen Insel entlang der Bruchlinien des Alltags.

Alice Grünfelder

Wolken über Taiwan

Notizen aus einem bedrohten Land

»Linien«, »Qu Yuan« und »Shilin« wurden als »Postkarten aus Taiwan« 2020 auf der Website literaturblatt.ch veröffentlicht. »Obdachlose« erschien im Juli 2020 in gekürzter Form in der Zeitschrift surprise unter dem Titel »Im Verborgenen. Soziale Stadtrundgänge in Taibei«, »Tee« 2021 auf der Website »Annes Topfgeflüster« und »Zeichen« im November 2020 in kürzerer Form in der Zeitschrift Wespennest unter dem Titel »Chinesisch (Wieder-)Erlernen«. Alle Texte wurden für dieses Buch bearbeitet.

Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.

© 2022 Rotpunktverlag, Zürich

www.rotpunktverlag.ch

Umschlag: Jilong 2017, Foto von Sean Pavone / Alamy Stock Foto

Korrektorat: Jürg Fischer

eISBN 978-3-85869-951-0

1. Auflage 2022

Das gedruckte Buch enthält zwei Übersichtskarten.

Inhalt

A wie

Abschied

Abfall

Ahnung

Alishan

Die Alten

Ankommen

Armut

B wie

Bäckerei

Bange

Bedrohung

Beitou

Brücken

Buchhandlungen

C wie

Corona

Nach Corona

Chrysanthemen

D wie

Drachenboot

E wie

Ehebruch

Eier

Erdbeben

Erdbeeren

Extrem

F wie

Fahrradfahren

Farbenlehre

Fliegen

Der Fluss

Frieden

G wie

Gehen

Gewöhnung

Gleichberechtigung

Götter

Graffiti

H wie

Hengchun

Hunde

I wie

Inseln

J wie

Jade

Jazz

Jiantan

Jiaozi

K wie

Karaoke

Kassenzettel

Klima

Krieg

Küste

L wie

Licht

Linien

Lotos

M wie

Machangding

Maokong

Meer

Morgen

Mütter

N wie

Nichttun

Notfall

Nylon Cheng

O wie

Obdachlose

P wie

Pazifik

Perspektiven

Biji, Pinselnotizen

Power to the People

Prothesen

Q wie

Qigong

Qu Yuan

R wie

Regen

Ruhe

S wie

Schildkröte

Schnecken

Schreiben

Shilin

Sicherheit

Soong Mei-ling

Straßen

T wie

Der Tag

Tanzen

Tee

Tempel

Aus Ton

Trostfrauen

U wie

Übersetzen

Unabhängigkeit

Untergrund

V wie

Vergleichen

Verkehr

Vogel

W wie

Wahrsager

Wanhua

Weißer Terror

Wetter

X wie

Xiaoyoukang

Y wie

Yip Man

Z wie

2-28

Zeit

Zeichen

Anhang

Anmerkungen

Literatur zu Taiwan

Chronik

Dank

Über die Autorin

Abschied

Wie verabschiedet man sich von einem Land, das es nicht gibt? Zumindest nicht offiziell? Das Auswärtige Amt Deutschlands hisste eine Zeit lang auf seiner Website da, wo einst die taiwanische Nationalflagge hing, die weiße Fahne; andere Länderregierungen und internationale Institutionen winden sich so lange um eine Benennung, dass niemand sich darunter etwas vorstellen kann – Provinz China, Taipei und seine Umgebung (WHO) oder wie die diplomatischen Fantasienamen lauten. In den allermeisten Fällen wird Taiwan noch nicht einmal als eigenes Land gelistet. Fluglinien und Hotelketten werden von der Regierung in Peking abgemahnt, wenn sie Taiwan als eigenständige Destination ausweisen. Einer Bekannten war 2018 sowohl vom Straßenverkehrsamt in Zürich als auch von ihrer Versicherung die Nationalität aberkannt worden, weil von der Regierung in Peking offenbar ein Schreiben an sämtliche Länder gegangen war, wonach Taiwan als eigenständiges Land zu löschen und durch China zu ersetzen sei – Taiwan war kurzzeitig nicht mehr im System zu finden, der Angestellte ratlos.

Taiwan ist isoliert, im Notfall ist es allein auf sich gestellt. Was macht das mit den Menschen, war eine der Fragen, die ich mir stellte, bevor ich 2020 für sechs Monate nach Taiwan reiste. Verharren sie in Angst, erstarrt wie das Kaninchen vor der Schlange? Sind sie in permanenter Unruhe? Oder lehrt sie der seit Generationen antrainierte Pragmatismus, das Leben zu nehmen, wie es ist? Nichts scheint ihnen wertvoller als Sicherheit und Stabilität, erst recht in einem Land, wo der Boden beständig bebt und Gefahr vom Himmel droht. Das ist womöglich die einzige Konstante im Leben der Taiwaner: Sich mit den Unwägbarkeiten so gut es eben geht zu arrangieren, scheint wie eingebrannt in ihr Wesen. Es ist eben so, unabänderlich, sinnlos, sich deshalb allzu sehr zu grämen.

Ist es so, fragte ich mich? Oder ist es anders?

Meine letzte Woche in Taiwan ist angebrochen. Und kalt erwischt mich die Frage: Also hast du nun sechs Monate lang Urlaub gemacht? Nein, schon nicht, aber was dann? Es gab keinen Tag, an dem ich nicht am Schreibtisch saß. Und? Hast du geschrieben? Bist du vorangekommen? – Ja, nein, besser als ich dachte, aber eigentlich nicht, oder vielleicht? Die ersten beiden Monate ließ mir ein Intensivkurs Chinesisch keine Zeit, an irgendetwas anderes zu denken. Danach übersetzte ich Gedichte von taiwanischen Lyrikerinnen, las wissenschaftliche Texte über Chinas Situation während des Ersten Weltkriegs und paraphrasierte zwei chinesische Tagebücher aus dieser Zeit, schrieb an einem Roman.

Ich unterhielt mich ausführlich mit den Menschen, vor allem Frauen, über Taiwan, ging durch Straßen, entdeckte bei jeder U-Bahn-Station eine andere Welt. Bis zum letzten Tag staune ich darüber: Auch wenn ich nicht schreibe, bin ich ein Notizbuch. So sagte es einmal der Aargauer Lyriker Klaus Merz.

Ich muss Abschied nehmen von Jiantan und dem Hügel gleich hinter meiner U-Bahn-Station, auf den ich gerne viel öfter gestiegen wäre, weil die verwunschenen Plätze, ausrangierten Fitnessgeräte in verlassenen Tempeln, auf den Boden gemalten Badmintonfelder unter tropisch wucherndem Palmengewächs und eine sich ständig wandelnde Aussicht auf die Stadt mich ver-rückt haben. Ich schreibe »wäre«, weil ich nur zweimal dort oben gewesen bin. Beide Male attackierten mich die Moskitos auf unerträgliche Weise, und beim zweiten Mal griff mich ein wilder Hund an, obwohl es, so meine Sprachlehrerin, in Taipei doch gar keine wilden Hunde gebe.

Jiantan (»Schwertsee«), meine U-Bahn-Station, Shilin (»Gelehrtenviertel«) und die Straße Hefeng (»moderater Reichtum«), in der ich wohne, sind wie ein Dorf in der Stadt. Manchmal, wenn ich morgens beim Frühstück saß mit dem Blick hinaus in ein undefinierbares Licht, sang eine Frauenstimme. Es war stets dieselbe Melodie. Ich verstand nicht, was sie sang. Aber ihre Stimme, das Lied schien endlos zu sein, unerschöpflich das Liebesleid, die Sehnsucht nach einem fernen Glück; im Hintergrund setzte eine Flöte leise Tupfen. Und darüber legten sich die Bilder aus Chengdu von vor mehr als zwanzig Jahren, wo ich als Studentin für zwei Jahre lebte, die Geräusche von damals, wenn der Fahrradmechaniker vorm Haus auf das Blech klopfte.

Ein kleiner Tempel hier im Park ist mein liebster Ort. Ich holte mir einen Kaffee in einem Supermarkt, in dessen Hintergrund nicht etwa ausgeleierte Schlager, wie ich es aus Deutschland und der Schweiz kenne, sondern Free Jazz lief, sodass ich allein schon deswegen immer nur dort einkaufte. Setzte mich mit dem Kaffee in den Park neben den Tempel und sah den alten Männern beim Schachspiel zu. Hörte Stimmen, die mal lauter, mal leiser wurden, verstummten, Schritte vorüberschlurfen, Wortfetzen und Kinderjauchzen, Motorroller und leise buddhistische Litaneien aus dem Lautsprecher.

Da, wo ich wohne und jetzt diese Zeilen schreibe, gibt es um die Ecke einen 10’000 Jahre alten Tempel. 10’000, wàn, ist eine runde Zahl, die alles und nichts bedeuten kann, niemals aber wörtlich zu nehmen ist, lediglich eine lange Zeitspanne meint. Der kleine Tempel ist dem Erdgott gewidmet, in dem für die Vorfahren und die Nachkommen gebetet wird. Weil hier einmal viele Menschenknochen gefunden wurden, hat man darüber den Tempel errichtet. Etwas weiter in derselben Straße steht ein Tiertempel, den ich für mich so nenne, weil dort Tiere in viel zu kleine Käfige gesperrt sind. Unten am Ufer des Flusses, zu Fuß nur fünf Minuten entfernt, ist der Flussgotttempel, dessen Hydraulik das kleine Gebäude bei einem Taifun mit Hochwasser in die Höhe hievt.

Habe ich in den ersten Wochen gern zum Frühstück gedämpfte Teigtäschchen gegessen oder frittierte Teigstangen in Sojamilch getunkt, so ist es dafür schon seit Wochen zu heiß. Statt warmer Nudeln gibt es nun kalte. Der Tofuladen mit seinem Grünbohnentofu füllt einen Becher nach dem anderen, zum Schluss kommen noch ein paar Eisklümpchen oben drauf. Nur wenn es regne, laufe das Geschäft schlecht, sagt der stämmige Verkäufer. Nicht einmal Corona habe seinem Laden geschadet. Tatsächlich waren im Februar, als ich hierher zog, viel mehr Geschäfte geschlossen, im März und April noch mehr, bis dann im Mai plötzlich Türen aufgingen, die ich all die Wochen zuvor nicht einmal bemerkt hatte, weil sowieso alle Türen mit Motorrollern und sonstigen Fahrzeugen zugestellt sind. Zum Beispiel das Recreation Center, geschmackvoll eingerichtet mit Bücherregalen, bequemen Sofas, einfach so, um sich zwischendurch auszuruhen, finanziert von der Stadt. Oder die Nachbarschaftshilfe, die in Quarantänezeiten dafür zuständig ist, dass die Leute mit den notwendigsten Nahrungsmitteln versorgt werden. Ein Schreibwarengeschäft, ein Hot-Pot-Restaurant. Dafür schloss zur selben Zeit plötzlich das Café an der Ecke. Dann wieder war die Hälfte der Läden geschlossen, weil das Drachenbootfestival im Juni gefeiert wurde.

Abschied nehmen heißt es von den kleinen Dingen im Alltag. Der Architekturkritiker Vittorio Lampugnani nennt sie Objekte des Stadtraums, die benutzt, nicht ausgestellt werden und eigene Geschichten erzählen. Tatsächlich stellt sich Taiwan und auch Taipei an nur wenigen Orten selbst aus, verspürt offenbar selten den Drang, sich in Architektur, in pompös angelegten Plätzen und Boulevards zu repräsentieren, wenngleich das nicht immer so war. Die Chiang-Kai-shek-Gedenkhalle ist trotz der historischen Assoziationen, die man mit diesem einstigen erbitterten Gegner Mao Zedongs und späteren Alleinherrscher Taiwans verbindet, eindrucksvoll, vor allem nachts, wenn sich junge Menschen unter den Dächern zwischen den roten Säulen des Nationaltheaters und der Philharmonie treffen, um zu neuesten Rhythmen anspruchsvolle Choreografien einzuüben. Oder wenn das blaue Ziegeldach der Gedenkhalle in einer Vollmondnacht aufscheint, dahinter das höchste Gebäude der Stadt, das Taipei 101. Oder gegenüber das marmorglänzende Tor der »Großen Mitte und Aufrichtigkeit«. Sind es Heterotopien nach Michel Foucault, Orte, die in die Gesellschaft eingeschrieben und heute trotz ihrer erdrückenden Geschichte in den Alltag integriert sind, als hätte der, dem die Gedenkhalle gewidmet ist, nie ein Volk in einer vierzig Jahre andauernden Militärdiktatur darben lassen? Die Vereinnahme durch jugendliche Tänzer und mittelalte Schattenboxer ist eine Umwidmung des Ortes, die mich bei jedem Besuch von Neuem fasziniert.

Es gibt noch etliche Gebäude aus der Qing-Zeit, aus der Kolonialzeit der Japaner, von Holländern, Spaniern und Portugiesen erbaute Häuser, zum Teil in Ruinen, die in der modernen Stadt einfach nur dastehen, architektonisch kaum in die Stadtplanung einbezogen. Immer wieder wurde ich auf die Dihua-Straße hingewiesen mit den Handelshäusern aus der japanischen Zeit. Sie hat durchaus Charme, doch die Gegend wurde von der Tourismusindustrie längst in Beschlag genommen. Ausgerechnet dort fand ich per Zufall ein Museum über die taiwanischen Komfortfrauen während des Zweiten Weltkriegs – noch nie hatte ich davon gehört, dass auch die Frauen in Taiwan dem »Komfort« japanischer Soldaten dienen mussten. Ich war überrascht, überrascht aber auch über meine Ignoranz.

Spannender, als die Stadt und ihre Touristenattraktionen zu besuchen und ihr dadurch, so mein Eindruck, keinen Meter näherzukommen, war es, einzelne Viertel abzugehen. So konzentrierte ich mich in Taipei auf wenige Ecken, die ich wieder und wieder aufsuchte, wie beispielsweise den 2-28-Park zum Gedenken der Opfer des Aufstands vom 28. Februar 1947. Damals erhob sich das Volk gegen die Herrschaft der Kuomintang-Regierung, woraufhin die Militärdiktatur ihren Anfang nahm.

Nach dem Vorbild der Peripatetiker ging ich durch die Stadt, wusste um die Bedeutung der Orte und verfolgte Spuren von Menschen damals wie heute, ging ihren Gedanken nach, verband sie mit den eigenen, sodass der Gang durch die Stadt und der Gedankengang irgendwann eins wurden. So taste ich am letzten Tag diesen Ort geografisch ab, lasse an ihm meine Erinnerungen entzünden.

Ich nehme Abschied von der Verkäuferin im Laden unten im vierstöckigen Haus, in dem ich in den vergangenen sechs Monaten gelebt, gelernt, geschrieben, Notizen gemacht habe. Das Haus gehört der Armee, und nur zwei Wohnungen sind bewohnt. In den anderen hausen die Geister, sagte ich einmal, wurde dafür aber von meinen beiden Mitbewohnerinnen groß angeschaut – »Woher ich das wisse?« Kein Volk sei wohl abergläubischer als das taiwanische, sagte ich lachend. Weil wir am nächsten Tag einen Butterzopf backen wollten, behauptete ich, dass man zwar Mehl, Ei und Hefe brauche für einen Zopf, dass es aber auch nicht donnern und gewittern dürfe, sonst gehe der Hefeteig nicht auf. Der erste Versuch misslang, die Hefe war zu alt, das Wetter zu heiß, wir wussten es nicht. Wir versuchten es noch einmal, und der zweite Butterzopf wurde per WhatsApp in der Welt herumgereicht.

Ich weiß nicht, was für ein Abschied das werden wird. Einer auf Raten, ein letzter Blick auf alles, gefüllt mit Schwermut, einer vorweggenommenen Wehmut? Wann saß ich das letzte Mal einfach so in einem Park und sah Menschen beim Leben zu? Wann werde ich es das nächste Mal tun? Oder an einem Fluss sitzen, an dem abends die Menschen den Tag ausklingen lassen? Wie oft bin ich am Jilong entlanggegangen, im Februar, März, April, bei heftigen Regenfällen, ungewiss, was diese Zeit bringen wird, was ich mit ihr anstelle. Vieles war in den ersten Monaten in der Schwebe, ein Leben auf Abruf, das jederzeit widerrufen werden konnte, weil niemand wusste, welche Veränderungen administrativer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Art dieser Virus noch mit sich bringen würde. Im Mai, Juni und Juli ein Aufblühen, nicht nur der Menschen, die sich wieder hinaustrauten. Clubs, Ausstellungen, selbst das Wetter schien sich allmählich wieder zu öffnen. Über solche Dinge sann ich nach bei meinem letzten Gang dem Fluss entlang. Ich kam vom Museum für Moderne Kunst und ging zum Sanjiaodu, der dreibeinigen Furt, wo einst ein Flussarm zugeschüttet wurde, wovon heute nur noch der Name etwas weiß, wo ich viele frühe Morgenstunden Drachenboot paddelte.

Ich habe zu wenig Fantasie, um mir vorstellen zu können, wie es ist, nicht mehr hier zu sein. Zu oft dieses »zum letzten Mal«. Seit Tagen stecke ich in einer Melancholie und heute an meinem letzten Tag erst recht – als sei das Weggehen ein Abschied aus einem Leben. Wie wird es sein, mich wieder in den Alltag fügen zu müssen? In meinen Notizen so viel Mikrokosmos, so viele Details, so viel Kleines im Großen. Wie sortiere ich es, füge es zusammen, mache meine Erlebnisse zugänglich für andere? »Die Gedanken zur Erinnerung vernähen«, schreibt die Theaterwissenschaftlerin Freda Fiala in ihrem Langpoem über Taipei.1 Mehr nicht. Oder durchs Schreiben einkapseln. Mehr nicht.

Abfall

Glück ist, wenn sich abends die Müllabfuhr mit Beethovens »Für Elise« oder Badarzewska-Baranowskas »Gebet einer Jungfrau« ankündigt. Es klingt, als käme der Eisverkäufer. Und plötzlich hebt ein Türenschlagen und Getrappel an, alle Bewohner laufen auf die Straße, um ihren Abfall loszuwerden. Nur dann, sagt Yen-fang, eine meiner beiden Mitbewohnerinnen, bekommt man seine Nachbarn zu Gesicht. Jedenfalls sind sonst nie so viele Menschen auf der Straße, wie wenn die Müllwagen kommen.

In den neunziger Jahren führte die Stadtregierung Taipeis diese Abfallentsorgung ein, weil der Gestank im subtropischen Klima unerträglich war, sich Ratten und Ungeziefer über die Abfallsäcke hermachten und zu einer Plage wurden. Seither wird sauber entsorgt und gründlich recycelt. Vor den Abfallwagen stehen Arbeiter, die einem Glas, Papier und Plastikflaschen abnehmen. Müll sieht man auf Taipeis Straßen kaum, Abfalleimer sind selten, illegales Müllabladen ist strafbar. Einmal sah ich ein Schild, auf dem sogar die Götter mit Missachtung drohen, sollte hier jemand seinen Abfall abstellen.

Mittlerweile weiß ich, wenn der Müllwagen vorn beim Park »Für Elise« spielt, ist es etwa sieben Uhr. Wenn ich den nicht schaffe, kann ich den Müll beim Wagen mit »A Maiden’s Prayer« bei uns in der Straße um 20 Uhr 40 abgeben, fast auf die Minute pünktlich. Und doch wird man Abend für Abend überrascht, weil man gerade mitten in einem Satz, einem Gedanken, einem Telefonat oder was auch immer steckt.

Da diese beiden Melodien niemand mehr hören kann, hat die Stadtverwaltung neue einführen wollen, prompt riefen Bürger an und protestierten: Wo der Müllwagen denn bleibe? Nun habe man versäumt, den Müll zu entsorgen, weil man die neue Melodie nicht dem Müllwagen zuordnen könne! Her mit der alten Melodie! So erzählt es Yen-fang. Deshalb habe man es bei »Elise« und der »Jungfrau« belassen.

Ahnung

Manchmal stehe ich irgendwo oder bewege mich durch die Stadt mit dem Gefühl der Spannung, als berge dieses Land, diese Insel unzählige Möglichkeiten, tief unten in ihrem Felsensockel, umgeben von Meer, unter den Straßen, in den gezackten Tälern. Selbst beim Blick über den Fluss oder hinunter vom Balkon auf die Straße spüre ich die Spannung.

Als sei dies erst ein Anfang, ein Gemisch aus Erinnerungen und Ahnungen, als sei hier eine Zukunft möglich, als sei hier etwas möglich, von dem ich nur noch nichts weiß. Ein vertrautes Gefühl indes. Es erinnert mich nicht an Chengdu damals, sondern rührt an etwas tief in mir, das dort schon immer war und nun angestoßen wird.

Das warme Wetter trägt zu dieser Stimmung bei, weil ich es liebe, wenn am Ende des Tages der laue Wind in der Abenddämmerung über meine Arme streift, voll sinnlicher Vertrautheit. Seltsam, dass ich Erinnerung denke, sich aber kein Bild dazu einstellt. Es ist nurmehr eine Ahnung von etwas, was meinen Körper erbeben lässt.

Alishan

Jahrtausendealte rote Zedern stehen im lichten Wald, der Waldboden von Farn bedeckt. Staunend gleitet mein Blick am Stamm entlang nach oben, wo er sich teilt. Selbst auf den Ästen spreizt sich der Farn.

Seit ich Alishan besucht habe, bin ich im Baumfieber, empfänglicher auch für den heimischen Wald, für Baumrinden, ihre Schatten und Furchen, die Flechten wie Schuppen, das Totholz auf feuchtem Waldgrund und das Efeu, das Äste zu Tode umarmt. Bei Marion Poschmann lese ich: »Insofern handelt es sich um mehr als einen Ausflug. Unvermeidlich findet auf einer solchen Tour eine Sensibilisierung statt.«2 Doch wie geht das Schreiben darüber? Anders als die Malerei verfüge die Sprache über keine Technik, um die Welt der Bäume nuanciert zu beschreiben, bedauert Marion Poschmann. Die Sprache kenne nur Wiederholungen, eine Wurzel, ein Stamm, Blätter; es sind nur geringfügige Modifikationen möglich. Meine Versuche, die alten Zedern zu beschreiben, werden ihnen nicht gerecht; mir gehen die Wörter aus.

Höre ich Emily, meine Verlegerfreundin, über die Zedern sprechen, merke ich, dass ihr die Bäume etwas anderes bedeuten. Für mich bilden sie vorerst eine stimmungsvolle Kulisse. Doch die Menschen hier gehen fast andächtig über Holzstege, einen halben Meter über dem Waldboden. Warum gibt es diese Stege? Traut man dem Waldboden nicht? Ist der Spaziergang durch den lichten Wald so vielleicht einfacher, kein Stolpern über Wurzeln? Ist die Natur so ungestörter? Ehrfürchtig schauen die Menschen hinauf in die ausgedünnten Wipfel. Reicht es womöglich, die Zeder aufzurufen, um eine bestimmte Gefühlswelt heraufzubeschwören?

Dieser Wald, seine Bäume erzählen Geschichten. Alishan war einst ein Ort der Zuflucht. Als die Japaner 1895 kamen, flohen viele Taiwaner vor ihnen in die Berge. Nach dem Aufstand vom 28. Februar 1947 war anderswo kein Untertauchen mehr möglich. So liest es sich in der Erzählung »Flucht in die Berge« des Hakka-Schriftstellers Lee Chiao.3 Nachdem alle Kameraden verhaftet und einige auch getötet wurden, bleibt nur noch die Hauptperson übrig. Doch Spitzel lauern überall, verfolgen ihn in die Wälder und Berge. Der Flüchtende stirbt jedoch nicht durch die Kugel seines Verfolgers, sondern beide kommen durch den Biss einer Giftschlange zu Tode.

Auch heute noch sterben in diesem Wald Menschen. Es sind sogenannte Baumräuber; shān lăoshū, Bergratten, werden sie genannt. Man sieht sie nicht. Diese Menschen wurden, wie viele andere vor ihnen, in die Berge geschickt, um Bäume zu fällen, des Geldes wegen. Schon die Japaner hatten Wohlgefallen am Wuchs und Aroma der Zedern gefunden, nannten sie hinoki und fällten sie. Die Nationalpartei Kuomintang (KMT) übernahm das Geschäft, denn es versprach Profit, bis nur noch wenige Baumriesen standen. 1991 wurde endlich das Fällen in sämtlichen Urwäldern Taiwans verboten.4

Für Hoang, einen illegalen Einwanderer aus Vietnam, reichte 2018 das Geld in den Fabriken nicht, um zu Hause die Familie zu ernähren und die Schulden bei den Schleusern zu bezahlen. Er ging in den Süden, arbeitete auf Teefeldern, später für Gangs, die heimlich die alten Zedern fällen. Gefängnisstrafen bis zu zwanzig Jahren drohen den Holzdieben, deshalb wohl rannte Hoang bei seiner Verhaftung in den Wald, dem er sein Einkommen verdankte, was er mit dem Leben bezahlte. Er verblutete an einem Schuss in die Stirn, den Polizisten auf ihn abgefeuert hatten. Sein Bruder fand ihn fünf Tage später tot im Wald.5

Das Holz, das stückweise aus dem Wald geholt wird, damit die Dieberei nicht auffällt, wird von den Souvenirhändlern in Sanyi gern gekauft. Aus ihm wird geschnitzt, was Touristen gefällt, was Glück bringt, Buddhastatuen und Äpfel zum Beispiel. Das ist auch für die Ladenbesitzer gefährlich; für den Kauf von illegal gefälltem Holz drohen ihnen Strafen zwischen achtzehn Monaten und fünf Jahren.6

Doch einem jungen Holzkünstler will es gleich sein, woher sein Holz kommt. Er fragt nicht, sie sagen es nicht, doch dass es von den Baumratten ist, wissen alle. Er weiß um die Strafe, aber der Profit mit den Holzschnitzereien ist zu verlockend.

Fast hätte ich so einen samtig-glatten gelben Holzapfel gekauft, als ich noch nicht von den Baumratten und den Toten im Wald wusste, wegen des Streichelns über das hellschimmernde Holz, wegen der vollendeten Rundung des Apfels; bloß die Nutzlosigkeit des Gegenstands hielt mich davon ab.

Am Abend ist Alishan leer und verlassen, der Poetenpfad wie ausgestorben. Der Geruch nach frisch gemähtem Gras. Auf den Treppenstufen liegen Flügel toter Libellen.

Nebel zieht über die Flanken des Berges. Die Sonne hat den Tag abgewartet, bricht kurz noch durch den bleichen Himmel. Zikaden zermalmen ihn zwischen den Kiefern. Dann Stille.

Dann düstern Krähen. Ein Berg erhebt sich scharfkantig vor der untergehenden Sonne im Meer.

Die Alten

Sie haben mich schon immer überrascht, die Alten in Taiwan. Wie in China. Morgens treffen sie sich im Park, schlenkern mit den Armen, drehen die Hüfte, beugen sich ein wenig nach vorn, ein wenig nach hinten, so weit es die Wirbelsäule eben noch zulässt. Das Schwingen von Armen und Beinen gehört zu den bevorzugten Bewegungen. Manche tun so, als rennen sie, gehen, die Arme angewinkelt, eng am Oberkörper angelegt, diesen wiederum leicht nach vorn gebeugt, sodass mit Schritten die maximale Gehgeschwindigkeit erreicht wird. Und abends tanzen die Fitteren im Straßenlampenlicht, das kümmerlich die kreisrunden Plätze in den Parkanlagen beleuchtet.

Nicht wusste ich, dass man zu einer Popvariante von Beethovens »Freude, schöner Götterfunken« in die Hände klatschen, Ellbogen auf Brusthöhe aneinanderdrücken und Arme nach vorn strecken kann – nicht unbedingt im Takt zwar, aber mit viel Elan. Sogar der Parkgärtner, der mit seinem Besen die Blätter, die über Nacht gefallen sind, zusammenfegt, schmettert die Freudenhymne mit.

In den Straßen fallen all jene auf, die nicht mehr gehen können und einen dreifüßigen Gehstock spazieren führen oder im Rollstuhl sitzen. Die im Rollstuhl werden von jungen Frauen geschoben, die dem Aussehen nach aus Indonesien oder von den Philippinen stammen und fröhlich in ihre Smartphones plappern.

Doch was ist schon alt? Mein Drachenbootteam, das fand ich allerdings erst später heraus, war das Ü60-Team, nur dass die zähen Männer und Frauen aussehen wie um die Vierzig. Man tut viel, um gesund alt zu werden. Dafür sorgt auch die Bulao-Bewegung. 2007 fuhren greise Motorradfahrer einmal um die ganze Insel und erfüllten sich damit einen alten Traum.7 Die Alten genießen das Leben in bescheidener Dankbarkeit.

Ankommen

Und es gibt immer wieder Tage, da denke ich, du bist angekommen. Ich sehe den Fluss, die Berge, die Hochhäuser am anderen Ufer und denke, angekommen im Nichts-anderes-mehr-wollen.

Armut

Wenn man hinhört, sieht man sie. Schuhe, die schlappen, weil zwei Lagen Zeitungspapier zwischen Ferse und Leder eingelegt sind. Die alte Frau hat die Schuhe entweder aus dem Abfall geklaubt oder gefunden; jedenfalls sind sie zu groß, Gummiboote an ihren Füssen. Ihr hellblauer Mundschutz hängt fast unterm Kinn, sie hat nur Augen für den Boden.

Eine Frau beobachte ich, wie sie einen Rollkoffer hinter sich herzieht, dem ein Rad fehlt. Auf dem Koffer sind ihre Habseligkeiten festgezurrt, die offensichtlich nicht mehr hineingepasst haben.

Wenn man genau hinsieht: viel zu weite Anoraks, die über schmalen Schultern hängen, fleckig auf der Brust und abgewetzt an den Ellbogen, schlabbrige Hosen mit ausgefransten Bünden. Sie sitzen auf einer Parkbank, neben sich eine Plastiktüte mit all ihren Sachen. Wie lange wohl schon? Ob sie jeden Tag da sitzen? Wo sind sie, wenn es regnet, denn wenn es regnet, regnet es heftig.

Einmal erschrecke ich, als ich nackte, lange, dürre Beine sehe, angewinkelt. Die Frau kauert auf einem Hocker vor einem Nudelstand und schlürft eine Suppe. Sitzt in sich versunken, ihr halblanges graues Haar geht ihr strähnig bis zur Schulter. Was sie wohl unter der grauen Strickjacke bei dieser Hitze trägt, frage ich mich.

Sie bewegen sich unauffällig in der Stadt. Vielleicht fallen sie mir deshalb auf. Einmal abends auch beim Anstehen an einem Buffet. Die Buchwelt Taipeis feiert die letzte Nacht eines Eslite-Buchkaufhauses, dem ältesten der Stadt und ersten, das 24 Stunden rund um die Uhr geöffnet hatte. Wie sie sich anstellen, unter jene mischen, die noch mehr wollen, einen zweiten, dritten Nachschlag, oder jene, die nur aus purer Lust auf einen Schluck Whiskey, auf ein Häppchen hier stehen, sie aber aus purer Not, mit ausgebeulten Rucksäcken und abgerissenen Kleidern, wie sie scheu um sich blicken, kaum die Füße vom Boden heben, auch hier nicht. Einer hat einen eiergroßen Furunkel an seiner rechten Hand, so groß, dass er ihn beim Zugreifen mit den Stäbchen behindert. Die Musik eines Orchesters im Hintergrund klingt wie aus einer anderen, fernen, für sie unerreichbaren Welt.

Bäckerei

Nach dem Unterricht gehe ich schnurstracks in eine Bäckerei, die unsere Lehrerin für die in Taiwan so typischen Ananaskuchenstückchen empfahl: »Die muss man gegessen haben.« Das Angebot ist ansehnlich, Käsekuchen, Mandelnussschnitten, Brownies. In der Nähe der Universitäten legt man offensichtlich viel Wert auf Qualität und Auslage.

Als ich eintrete, meine ich, deutsche Schlagermusik zu hören, denke aber sogleich, dass ich mich verhört haben muss, wie so oft, wenn es um Musiktexte geht. Ich höre nicht weiter hin, konzentriere mich auf die Beschriftung der diversen Kuchen, bis das »Nur du, du, nur du« mir deutlich ins Bewusstsein dringt. Ein deutscher Schlager allererster Güte – wie kommt der hierher? Nach dieser Schnulze folgt auch schon die nächste.

Wäre diese Bäckerei nicht die Filiale einer großen Kette, hätte ich die Verkäuferin danach gefragt. Doch die Angestellte, positioniert hinter Desinfektionsmittel und Chocolate Brownies im Sonderangebot, sieht nicht so aus, als könnte sie mir darauf eine Antwort geben, zumindest nicht jetzt zur Mittagszeit, da sich Kuchen und Wraps am besten verkaufen.

Die Ananaskuchenstückchen sind mir indes viel zu süß, was meine Lehrerin am nächsten Tag fast nicht glauben kann.

Bange

Woher rührte das Gefühl der Bangigkeit in den ersten Wochen? Das ungläubige Staunen darüber, wie ich vor vielen Jahren, fast in einem anderen Leben, scheint mir, einmal alles in eine Waagschale warf, weil ich unbedingt nach Japan wollte? Mir heute unvorstellbar.

Mir ist bange, als ahnte ich etwas. Oder ist es nur die Ungewissheit? Ein Fremdeln, das mir neu ist, alles ist mir neu.

Zweieinhalb Monate später kann ich mir schon nicht mehr vorstellen, je wieder von hier wegzugehen, kann mir ein Leben in Europa nicht mehr vorstellen, erst recht nicht nach allem, was Europa nach diesem Frühling, diesem Sommer durchgemacht haben wird.

Bedrohung

Kann ein Volk Resilienz lernen, wenn es regelmäßig von einem anderen bedroht – mal subtil, mal mit roher Gewalt –, wenn es gezwungen wird, die Fäden zur Welt zu kappen, bis es alleine dasteht?

Wie zeigt sich diese Bedrohung im Alltag, wenn ein anderes Land sich in den Kopf gesetzt hat, dieses einzunehmen, das nicht einmal Feindesland ist, sondern dieselbe Sprache spricht, auf dieselbe Tradition zurückblickt? Wenn der große Bruder will, dass man zur Familie zurückkehrt, der kleine Bruder aber lieber draußen in Freiheit spielen möchte, wie es eine Radiojournalistin ausdrückte?

Gibt es Worte für diesen Zustand des Ausharrens, Abwartens?

Sind die Menschen gewappnet? Wie sehen die Schuppen einer möglichen Widerstandsfähigkeit aus?

Hält man sich an das »Wasser«, wie es die Hongkonger Protestbewegung als Motto gegen die unverhältnismäßige Polizeigewalt formulierte, was zu einem Revival von Bruce Lee führte? »Empty your mind, be formless, shapeless — like water. Now you put water in a cup, it becomes the cup; You put water into a bottle, it becomes the bottle; You put it in a teapot, it becomes the teapot. Now water can flow or it can crash. Be water, my friend.«

Diese Seinsweise ist mir vielleicht das größte Rätsel dieser Insel.

»Stellt euch eine Insel vor, eine schöne, kleine, tropische Insel, mit einer jungen Demokratie, vielen verschiedenen Nationalitäten und Religionen. Und daneben ein riesengroßes Land, in dem es das alles nicht gibt, das dieses kleine Land ständig bedroht und schlucken möchte. Wie lebt es sich in so einem Land?«, fragt die Tänzerin F., wenn sie im Westen nach Taiwan gefragt wird. »Von einem Bürgerkrieg kann ich nicht erzählen, auch geht es uns materiell gesehen relativ gut. Deshalb interessiert sich auch niemand wirklich für Taiwan, wenn zum Beispiel in Künstlerkreisen die Herkunft thematisiert wird. Da mag die Bedrohung, so wie ich sie fühle, noch so existenziell sein.«

Unter den zwölf Taiwanerinnen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Profession und Herkunft, mit denen ich mich seit 2019 über die Bedrohung Taiwans unterhalte, ist die Tänzerin mit diesem Gefühl alleine.

Eine verstummt allerdings bei dieser Frage und antwortet erst nach einer Weile, dass man die Zuversicht verloren habe. »Was können wir schon tun?« Ihre Eltern, ihr Bruder seien sicher, dass Taiwan eines Tages von China eingenommen werde. Ihr Vater werde deshalb auch kein Haus kaufen, keine Wohnung, wie es so viele für ihre Altersvorsorge tun, weil man nicht wisse, wie die Zukunft Taiwans aussehe.

Für viele ist diese Gefahr so alltäglich, dass sie sie nicht mehr ernst nehmen – was diverse Umfragen bestätigen.

Schon bei ihrer Geburt sei Taiwan bedroht gewesen, sagt die Journalistin. Es sei, als schimpfe ein Nachbar tagein, tagaus im Garten nebenan. »Der Garten gehört aber eigentlich uns.« Dennoch stehe Taiwan derzeit nicht auf der Prioritätenliste der Volksrepublik, die sich auf Tibet, Xinjiang und Hongkong konzentrieren müsse. Andererseits – sie wird nachdenklich – schickten Taiwaner, die es sich leisten könnten, ihre Kinder ins Ausland, um sie dort studieren zu lassen und in Sicherheit zu bringen, das heiße, sie haben kein Vertrauen in Taiwans Zukunft. Und Hongkonger wanderten lieber gleich nach Neuseeland und Kanada aus statt nach Taiwan, weil sie glaubten, Taiwan sei als Nächstes dran.

Das sei früher so gewesen, sagt der queere Politpsychologe Wen Liu im Gespräch mit dem Blogger Brian Hioe, doch die jungen Leute wollten Taiwan nicht mehr verlassen, seien groß geworden mit Gefahren wie Erdbeben, Taifun und eben China. »Das Risiko ist zwar da, dennoch muss man nicht immer mit dem Schlimmsten rechnen.«8

Sie drohen schon so lange, machen die Drohung aber nicht wahr. Nie ist etwas passiert. Ich mache mir Sorgen, aber es bringt nichts, sich zu sorgen. Wir können eh nichts machen, wir können uns ja nicht verstecken. – Fast ungläubig höre ich diesem Chor zu.

Die Pilotin K. beschreibt die Gemengelage. Zwar habe man sich im Großen und Ganzen an diese Situation gewöhnt, und früher sei es noch schlimmer gewesen. 1996 zum Beispiel, als Raketen abgeschossen wurden, die direkt vor Taiwans Küste ins Meer stürzten, weil sich China vor Lee Teng-hui als erstem Präsidenten fürchtete. »Aber ich erinnere mich an 1997. Meine Mutter nahm mich damals mit nach Hongkong. Es war meine erste Auslandsreise. Sie wollte mir zeigen, wie es dort ist, bevor die Kolonie zurück an China geht. Da war die Bedrohung für mich sehr real. Wir beobachten sehr genau, was in Hongkong vor sich geht. Und jedes Mal, wenn etwas passiert, ist das wie eine Krise, denn wir stellen uns vor, dass das auch in Taiwan passieren kann. Doch je mehr man hört und liest, desto größer wird der Widerstand dagegen. Im Luftraum bekomme ich ständig Meldungen und Warnungen, dass man den chinesischen Luftraum verletze. Weil man den Funk nicht abstellen darf, gehen sie zum einen Ohr hinein und zum anderen hinaus.«

Schwankt man also zwischen Gewöhnung und Verdrängung? Wie ist Bedrohung, wenn sie alltäglich wird? Wenn sie in wohldosierten Portionen verabreicht wird, ist man irgendwann immun dagegen? Was dann?