Verlag: neobooks Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Wolkenschwäne - Mila Brenner

Kann man der wahren Liebe ein zweites Mal begegnen? Für die 30-jährige Eden ist Simon die wahre Liebe. Die Ehe mit ihm und der Wunsch nach einer Familie sind die Erfüllung all ihrer Träume. Doch diese zerplatzen wie Seifenblasen, als Simon unerwartet stirbt. Nach seinem Tod macht nichts mehr einen Sinn, und Eden versinkt in Kummer und Schmerz. Bis sie Danny begegnet. Dank seiner unkomplizierten und warmherzigen Art, findet Eden endlich ihr Lächeln und ihre Lebensfreude wieder. Aber als sie herausfindet, dass Danny mehr für sie empfindet, steht Eden vor einer schwierigen Entscheidung. Ist sie bereit, Simon endgültig gehen zu lassen und der Liebe eine zweite Chance zu geben? "Wolkenschwäne" ist der vierte Band der gefühlvollen Boulder Lovestories. Die Bücher sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden. Weitere Teile der Reihe sind in Planung.

Meinungen über das E-Book Wolkenschwäne - Mila Brenner

E-Book-Leseprobe Wolkenschwäne - Mila Brenner

Mila Brenner

Wolkenschwäne

Boulder Lovestories

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Zurück zum Anfang

2 Monate später

Was ich wirklich vermisse

Ein Paradies für Bücher

Mein poetischer Teddybär

Die „neue“ Eden

Korb Nr. 1

Ein Fall für Einfallsreichtum

Auf der Suche nach Danny

Warum ich ein Mädchen bin

Rückzieher

Wolkenschwäne

Süße Vorurteile

Meine ewige Unentschlossenheit

Die Magie von Erdnussbutter

Whiskygold

Ein zweites Mal verliebt

Nur Freunde

Eifersucht

Der wortwörtliche Tritt in den Hintern

Wahre Freunde

Katie

Gebrochene Herzen

Zeit loszulassen

Rivalinnen oder Freundinnen

Der Beginn von etwas Neuem

Danksagung

Impressum neobooks

Zurück zum Anfang

Ganz bewusst ließ ich den Blick durch den hellen Raum streifen. Die Wände waren blassrosa. Vor ein paar Jahren war der Ton eher ein in Perlmutt glänzendes Puderrosa gewesen, aber die Sonne hatte den Glanz gestohlen. Doch auch ohne den gab die Farbe dem Zimmer einen mädchenhaften Anstrich. Ich war zu alt dafür. Mir war das durchaus klar. Trotzdem hatte diese Tatsache meine Flucht erleichtert. Hier war es mir einfacher gefallen, meinem Leben zu entkommen. In eine Zeit zu fliehen, in der mein Leben noch schön und unbeschwert gewesen war. Warum sonst war ich zurück zu meinen Eltern gezogen, wenn nicht, um mich in meinem alten Zimmer vor dem Leben zu verstecken? Um die Schatten, die Ängste, die Sorgen und die Wut auszusperren.

Mein Blick glitt über die weiß gebeizten Holzmöbel, das französische Messingbett mit den flauschigen Rüschenkissen, bis zu den hellen Gardinenschals, die sich im Frühlingswind aufblähten.

Ja, es war zu mädchenhaft für eine Frau, die vor drei Wochen 30 geworden war. 30 Jahre und ich hatte immer noch nicht gelernt, mich den dunklen Seiten des Lebens zu stellen. Stattdessen lief ich weg, sobald es schwierig wurde. Nicht schwierig sondern hart. Wenn ich nicht weiter wusste, rannte ich nach Hause. Ich verhielt mich nur halb so erwachsen, wie ich vorgab zu sein. Natürlich hatte ich kein Jahr gebraucht, um das zu erkennen. Aber ich hatte fast so viel Zeit benötigt, um die Kraft zu finden, dieses Zimmer zu verlassen und damit die Blase der Sicherheit.

Meine Eltern hatten mich gerne wieder bei sich aufgenommen. Meine Mutter, von der ich die Unsicherheit und den Fluchtinstinkt hatte, hatte mir erst gestern erneut gesagt, dass sie nicht verstand, warum ich schon wieder auszog. Bei der Erinnerung an die Liebe in ihren Augen, huschte ein Lächeln über mein Gesicht und ich trat ans Fenster.

Schon wieder.

Ja, so sah meine Mutter das. Für Isabel Hawkins war es schön gewesen, mich hier zu haben. Mich trösten, aufpäppeln und rundherum bemuttern zu können. Vielleicht wäre es für sie leichter gewesen, mich gehen zu lassen, wenn ich Geschwister gehabt hätte. Aber ich war ein Einzelkind und als solches war ich immer schon das Epizentrum ihrer mütterlichen Aufmerksamkeit gewesen. Um nicht zu sagen, der Mittelpunkt im Leben meiner Eltern.

Ich liebte sie von ganzem Herzen und war ihnen für alles dankbar. Dennoch hatte ich die Versuche meiner Mutter, mich hier zu halten, sanft abgeblockt. Es war an der Zeit wieder hinauszufliegen und nicht nur durch die Fenster in den Garten meiner Eltern zu gucken. Die Apfelbäume standen noch in der Blüte, aber es würde nicht mehr lange dauern, bis sie ihr Gewand gegen die ersten kleinen Früchte tauschten, die bis zum Herbst heranreiften. Die Kirschbäume waren den Apfelbäumen schon voraus und hatten ihr wunderschönes blassrosa Kleid bereits verloren. Auch das bewies mir, dass es an der Zeit war. An der Zeit endlich aufzubrechen, und dem Leben nicht mehr nur zuzusehen. Dafür war es zu kurz und niemand wusste das besser als ich.

Ich löste mich von dem Anblick der Baumreihen und den blühenden Sträuchern, die dazwischen standen und diesmal schloss ich die Tür hinter mir, ohne mich noch mal umzudrehen.

„Geschafft?“

Ich sah auf und in die Augen meines Vaters. Er behauptete gerne ich hätte seine Augen, doch das stimmte nicht. Meine waren braun mit einer Spur grün von meiner Mutter. Er dagegen hatte Reh Augen. Hellbraun mit ein bisschen Bernstein. Nicht mysteriös sondern warm und sanft. Sie passten perfekt zu ihm. Er wirkte zwar nicht sehr redselig, aber wenn man das richtige Thema fand, konnte man seine Schale wie eine Nuss knacken. Am besten funktionierte das bei Gesprächen über Gärten und Natur. Die Leidenschaft zu dieser verband uns beide seit ich laufen konnte, und damit alt genug war, um ihn auf seinen stundenlangen Spaziergängen zu begleiten.

Als ich vor knapp einem Jahr zurück nach Greeley gekommen war, hatte ich mich zunächst im Haus meiner Eltern verschanzt. Ich wollte auf keinen Fall nach draußen. Die Angst, alles könnte mich an Simon erinnern, war zu groß. Zwar waren wir beide viel öfter in der Umgebung Boulders unterwegs gewesen, doch wir hatten Besuche bei meinen Eltern stets mit Ausflügen in Greeleys schöne Gegend verbunden. Es gab selbst hier zu viele Plätze und Orte, die mich an ihn und damit an uns erinnerten. Nach fünf Monaten war es meinem Vater schließlich doch gelungen, mich aus meinem Zimmer zu locken. Beständig wie ein Fels hatte er immer wieder gefragt. Jeden Tag aufs Neue und kein nein meinerseits hatte ihn entmutigt. Seine Beharrlichkeit zahlte sich an einem Tag im Januar aus. Der Schnee lag mittlerweile recht hoch, aber es war dieser wunderschöne, eisige und dennoch weiche Pulverschnee, den wir in Colorado so lieben. Die Sonne zeigte sich bei milden Minusgraden und verwandelte die zugedeckte Landschaft in ein funkelndes Wintermärchen.

Bereits als kleines Mädchen hatte ich den Winter geliebt, der für mich nicht nur aus Weihnachten bestand. Sobald der Herbst langsam vorüberging, die Bäume ihr Blätterkleid verloren und den Tannen die Bühne überließen, begann meine Lieblingsjahreszeit. Wenn die Luft nicht nur klar, sondern kalt wurde, so dass der eigene Atem Wölkchen bildete. Wenn die Sterne an einem klaren, dunkelblauen Himmel heller strahlten und der erste Schnee in der Luft lag. Obwohl ich weder Ski noch Snowboard fahren konnte, liebte ich den Schnee. Vielleicht war deswegen schon immer Schneewittchen mein Lieblingsmärchen gewesen. Meine Mutter hatte mir die Geschichte als kleines Mädchen jeden Abend vor dem Schlafen gehen vorlesen müssen. Mit 8 hatte ich sogar versucht, mir die Haare schwarz zu färben, weil ich so traurig war, dass mein Haar nur dunkelbraun und nicht so schwarz wie Ebenholz war. Meine Mutter hatte beinah einen Herzinfarkt bekommen.

An dem Tag, als es meinem Vater gelang mich zum ersten Spaziergang nach Simons Tod zu überreden, sprachen wir über jene Kindheitsanekdote.

„Ich war unglaublich geschockt. Nur dein Vater blieb ganz gelassen.“

Dad sah unschuldig zu uns.

„Stimmt doch“, forderte meine Mutter ein, ihr zuzustimmen.

„Du hast dich doch als Kind auch ständig verkleidet, Izzy, und bist mit den Kleidern deiner Großmutter durchs Haus gelaufen. Was kann ich dafür, dass unsere Tochter ganz nach dir kommt?“

Unabsichtlich hatte er mich mit diesem Ausspruch zum Lachen gebracht. Das allererste Mal seit Simons Tod. Als ich abrupt innehielt, war es in der Küche so still, dass man eine Stecknadel fallen gehört hätte. Jeder von uns Dreien schien die Luft anzuhalten und meine Mutter hatte Tränen in den Augen. Nachdem ich das sah, drehte ich mich um, holte meine Jacke und fragte meinen Vater, ob er mit mir ein bisschen spazieren gehen wollte. Sein Lächeln war nicht überrascht, sondern erfreut. Größer als an Weihnachten beim Auspacken der obligatorischen Gartenhandschuhe und den selbstgestrickten dicken Socken für seine dazu passenden neuen Gummistiefel. Meine Mutter war zu pragmatisch, was Geschenke anging, um besonders romantisch zu sein. Doch genau dafür liebte mein Vater sie ja.

„Edie? Alles gut, mein Mädchen?“

Vaters Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ich schüttelte mich kurz, um die Benommenheit der Erinnerungen abzuschütteln.

„Ja“, ich lächelte ihn an. „Ich musste nur an unseren Winterspaziergang denken.“

„Welchen?“, witzelte er.

Wir waren seit diesem Tag beinah jeden Tag zusammen draußen gewesen. Und mittlerweile war es April. Ich hatte gespürt, wie das Laufen mir gut tat. Als könnte ich mir all die Sorgen, die Ängste und vor allem die Wut von der Seele laufen. Die Winterkälte hatte es unmöglich gemacht zu reden und ich genoss die Stille. Die Anstrengung meinen Körper an seine Grenzen zu führen und das Gefühl grenzenloser Freiheit, wenn ich über die verschneiten, unendlich wirkenden weißen Wiesen und Felder blickte. Sobald mir bewusst geworden war, wie gut das Laufen mir tat, war ich nahezu süchtig danach geworden. Da war es auch egal, dass längst kein Schnee mehr draußen lag, sondern überall der Frühling erwachte.

„An keinen Bestimmten“, flunkerte ich, weil ich wusste, dass mein Vater ganz genau ahnte, welchen Spaziergang ich meinte.

„Eden? Jack? Seid ihr da oben?“

„Wo sollen wir sonst sein Schatz“, rief mein Vater und zwinkerte mir zu.

Gemeinsam gingen wir nach unten, wo meine Mutter gerade in den Flur trat. Sie hatte die Hände voll mit einer Platte, auf der noch eine Schüssel stand. Und um ihren Arm trug sie einen aus Weidenholz geflochtenen Korb, der bis zum Rand gefüllt war. Meine Mutter besaß nicht nur so manche altmodische Ansicht, sie war auch was Dekoration und Materialien anging absolut naturversessen.

Ich schüttelte nicht deshalb den Kopf, sondern weil ich wusste, was sich alles darin befand.

„Meinst du nicht, du übertreibst ein bisschen, Mom?“

Mein Vater schob sich an mir vorbei und nahm ihr die Platte und die Schüssel ab. „Stell den Korb ab, Liebes.“

„Aber Eden braucht das alles.“

„In Boulder gibt es Lebensmittel zu kaufen und ich kann sogar kochen, Mom.“

Meine Mutter warf nicht mir, sondern meinem Vater einen bösen Blick zu. Gelassen wie immer überging er das einfach. Stattdessen nahm er den Korb auf, reichte meiner Mom die Platte und die Schüssel und sah sich dann zu mir um.

„Hast du alles, Edie?“

„Das Auto ist fertig beladen.“

„Hast du auch noch mal im Bad nachgesehen? Meistens vergisst man doch was. Dein Vater hat das letzte Mal, als wir Tante Harriet besucht haben, seine Zahnbürste vergessen.“

„Ich bin sicher, eine neue Zahnbürste zu kaufen, würde Eden nicht dazu bringen, wieder zurückzufahren. Obwohl du insgeheim darauf hoffst, dass sie zurückkommt.“

Erneut erntete er einen bösen Blick, aber diesmal lächelte meine Mutter danach. Sie seufzte. „Na schön, du hast ja Recht.“

Ich kam zu ihr und umarmte sie fest. Sie hatte mich gebeten, dass ich mich drinnen von ihr verabschiedete. Sie wollte allein sein, wenn sie anfing zu weinen. Während mein Vater vor zum Auto ging, nahm ich die Platte, auf der sich selbstgemachtes Brot befand und die Schüssel mit Vanillepudding. Das Brot bekam ich, weil meine Mutter von Bäckerbrot nichts hielt und wusste, dass ich keine Zeit und Lust hatte, selbst zu backen. Der Pudding war für die erste Nacht in meiner neuen Wohnung. Denn es war ihr eisernes Gesetz das mit sahnigem Vanillepudding jedes Problem zu bewältigen, zumindest aber auszuhalten war. Da ich ihren Pudding wirklich liebte, lächelte ich und gab ihr einen Kuss.

„Danke Mom.“

„Schon gut. Fahr vorsichtig. Und ruf an, sobald du da bist. Du weißt ja, dass ich sonst nicht schlafen kann.“

„Und ich will auf keinen Fall, dass du mir die Polizei hinterher hetzt“, witzelte ich. Dann küsste ich sie nochmal. „Ich pass auf mich auf. Mach dir keine Sorgen.“

Sie machte mir die Haustür auf und schloss sie direkt hinter mir. Vermutlich liefen die Tränen da bereits. Auch mein Herz wurde schwerer, als ich die Veranda hinunter ging und zu meinem Vater trat, der den Einkaufskorb schon auf den Beifahrersitz festgeschnallt hatte.

„Schade, so kannst du mich gar nicht mitnehmen.“ Er lächelte mich an. „Da muss ich wohl bei deiner Mutter bleiben.“

„Ja, so ein Pech.“

Er seufzte und umarmte mich. Es war keine so lange Umarmung, aber er hielt mich fest, und ich fühlte mich sofort wieder wie das kleine Mädchen von früher. Wenn mein Vater mich umarmte, hatte ich immer geglaubt, dass mir nichts in der Welt etwas anhaben konnte. Das perfekte Gefühl von Sicherheit.

Viel zu schnell gab er mich frei und klopfte auf das Autodach meines dunkelblauen Wagens.

„Fahr vorsichtig, mein Mädchen. Und steck ja nicht den Kopf in den Sand. Gerade im Frühling gibt es so viel zu entdecken und zu sehen.“

Ich nickte ergeben. „Ich verspreche hoch und heilig, mich nicht drinnen einzusperren.“

„Sehr gut.“

Er öffnete meine Autotür und ließ mich einsteigen. Die Jacke warf ich über den Korb, der neben mir stand. Danach schnallte ich mich an und fuhr los. Zurück nach Boulder.

Früher hätte ich gesagt zurück nach Hause. Aber für mich begann ein neuer Lebensabschnitt und in dem gab es kein zuhause mehr. Alles war jetzt anders und ich fühlte mich genauso aufgeregt und nervös, wie damals mit 18 als ich in Boulder in meine erste eigene Wohnung gezogen war.

12 Jahre später war ich um so viele Erfahrungen reicher. Ich war Besitzerin einer Buchhandlung, besaß Falten um die Augen und die Wangen und hatte zwei Umzüge hinter mir, denn das war meine dritte Wohnung. Ich hatte geheiratet und war jetzt verwitwet.

Es waren 12 aufregende und gute Jahre gewesen, die mit einem bösen und ganz und gar nicht märchenhaften Knall geendet waren. Ich wollte hoffen, dass dieser Neuanfang mehr wie der Anfang der vergangenen Jahre würde. Aber so sehr ich es wollte, fand ich noch nicht die rechte Überzeugung, dass es auch so kommen würde. Dagegen half bestimmt der geplante Abend mit Sephie. Sie war meine beste Freundin und kam heute um sieben vorbei. Ich wollte für sie kochen und anschließend würden wir es uns mit Mutters sahnigem Vanillepudding und dem frisch eingekochten Kompott auf meinem hoffentlich bequemen Sofa gemütlich machen. Da würde ich Sephie dann überzeugen, dass ich wieder ganz die Alte war und daran glaubte, ein wunderbares, neues Leben läge vor mir. Wenn mir das gelang, konnte ich danach nur selbst davon überzeugt sein. Denn Sephie war der einzige Mensch, den ich kannte, der es schaffte, lebensfroh und gleichzeitig die schlimmste Pessimistin aller Zeiten zu sein. Ich hatte sie vermisst. Sie und meine Arbeit waren die beiden Dinge in meinem Leben, auf die ich mich tatsächlich freute. Nach genau einer Stunde Fahrzeit ohne Stau oder zähflüssigem Verkehr erreichte ich das Stadtschild.

„Welcome in Boulder“.

Willkommen zurück, Eden. Zurück am Anfang, dachte ich, holte tief Luft und fuhr dann durch das Stadtzentrum in die Walnutstreet.

2 Monate später

Was ich wirklich vermisse

„Hi“, ich öffnete Sephie die Tür. „Gut siehst du aus.“

„Danke. Du auch.“

Ich quittierte ihre Antwort mit einem Lächeln, denn ich sah kaputt und müde aus. Sephie war die ganze Woche krankgeschrieben gewesen. Ich liebte zwar meine Arbeit in der Buchhandlung, aber es war schon etwas ganz anderes allein dort zu sein. Und sowohl den Kunden, als auch den sonst so anfallenden Aufgaben gerecht zu werden, ohne dabei den Kopf zu verlieren.

„Zum Glück sieht man nichts mehr von der hässlichen Erkältung.“

„Nein, absolut nicht. Du siehst aus wie das blühende Leben.“

Sephie lachte. Sie wusste, dass ich die Wahrheit sagte. Ihr dunkelbraunes Haar, das fast genau den gleichen Ton wie mein eigenes hatte, glänzte und fiel ihr glatt bis zu den Hüften. Ich beneidete sie um ihr langes Haar. Aber immer, wenn ich versuchte, es mir auch so lang wachsen zu lassen, verlor ich die Geduld. Oder vielmehr die Nerven. Schließlich schnitt ich sie mir wieder kurz, sobald sie über meine Schulterblätter hinaus gingen und ich mehr als eine halbe Stunde brauchte, um sie mit dem Lockenstab und dem Föhn zu frisieren.

„Ich bin das blühende Leben, Schätzchen.“ Sephies dunkelbraune Augen blitzten, und das breite Lächeln zeigte ihre weißen Zähne.

„Gibt es einen bestimmten Grund dafür? Einen der zwei Beine hat, männlich ist und dessen Namen ich bisher noch nicht kenne?“

Sephie war meistens Single. Ihre Beziehungen dauerten nie länger als drei Wochen und das Verrückte war, dass sie das nicht störte. Sie fand Ehen völlig überbewertet, wollte keine Kinder und erklärte mir seit Monaten, dass das Leben als freie Frau das größte Glück auf Erden war. Natürlich nur, wenn man es auch so lebte wie sie es tat. Mir fiel das jedoch wesentlich schwerer.

„Du kennst mich einfach zu gut, Eden.“

„Nein, ich kenne dich nicht zu gut. Du bist nur leicht zu durchschauen.“

„Ach ja?“, konterte sie und setzte sich auf mein Sofa.

Es war Samstagabend und nachdem ich ihr erklärt hatte, dass ich keine Lust hatte wegzugehen, hatte sie beschlossen, spontan vorbeizukommen. Sie sah jedoch so aus, als wollte sie nicht allzu lange bleiben. Ihre Jeans saß eng auf den weiblichen Kurven und ihr schwarzes Top funkelte vor Glitzersteinen, die nur in einer Disco so richtig ihre Wirkung entfalteten. Hoffentlich hatte sie nicht vor, mich zu überreden. Ich wollte wirklich nicht ausgehen. Nicht ohne Grund trug ich einen bequemen Jogginganzug und hatte weder meine Haare gemacht, noch mich geschminkt. Daher war ihr Spruch, ich sähe gut aus, auch so zum Lachen gewesen.

„Willst du was trinken?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ein paar Snacks?“

„Nein danke. Jetzt setz dich schon. Dieses Gastgebergehabe immer. Du machst mich ganz kirre damit.“

Ich lächelte und setzte mich neben sie. „Das liegt noch an gestern.“

„Was war gestern?“

„Kochclubtreffen.“

„Ach ja, der erste Freitag im Juli und dein zweites Kochclubtreffen, seitdem du wieder hier bist. Wie war es diesmal?“

„Schön.“ Ich stupste sie in die Seite. „Doch wirklich“, erwiderte ich bei ihrem skeptischen Blick.

Ich war das erste Mal vor vier Wochen wieder bei Grace gewesen und hatte sie und die anderen Mädels wiedergesehen. Natürlich kannte ich Grace und Tamsyn schon sehr lange. Wir waren in eine Schulklasse gegangen. Zwar hatte ich in der Schule mit Sephie rumgehangen, aber befreundet waren wir trotzdem gewesen. Und später dann, als Grace mich gefragt hatte, ob ich nicht Mitglied werden wollte, hatte ich ja gesagt. Das war vor ein paar Jahren gewesen. Ich mochte das Kochen und ich mochte auch die anderen Frauen. Wir waren eine tolle Truppe. Allerdings hatte es sich das letzte Mal merkwürdig angefühlt. Es waren nicht alle verheiratet, Tamsyn zum Beispiel war Single und als solcher so lebenslustig wie Sephie, doch alle anderen waren Ehefrauen und hatten Familie.

Ich war zudem nicht bloß Single, ich war nicht geschieden, ich war Witwe. Die Mädels hatten mich das nicht spüren lassen. Aber als Alec dann abends nach Hause gekommen war und sich das Thema unweigerlich Männern zugewandt hatte, hatte ich deutlich gespürt, dass es dafür bei mir noch zu früh war.

„Diesmal habe ich mich besser geschlagen. Ich hatte viel Spaß. Und du glaubst nicht, was alles los war.“

„Was? Hat sich Tammy ausgezogen und auf dem Tisch getanzt?“ Sephie lachte über den Scherz.

„Nein, hat sie nicht.“

Ihre Vermutung war nicht mal weit hergeholt. Tamsyn hatte auf einer unserer Stufenpartys im letzten Jahr der Highschool zu viel getrunken und sich tatsächlich das T-Shirt und die Jeans ausgezogen und hatte dann in Unterwäsche auf dem Tisch getanzt. Seitdem war sie Sephie sympathisch gewesen, obwohl sie vorher nur Konkurrenz in ihr gesehen hatte. Tammy und Sephie standen damals immer auf die gleichen Jungs, was es auch schwer gemacht hatte, zusammen wegzugehen.

Mittlerweile war der Geschmack der beiden aber garantiert ein anderer. Jedenfalls glaubte ich nicht, dass Tammy auf die Männer stand, die Sephie so abschleppte. Das waren meistens nur Männer für eine Nacht, maximal drei Wochen und Tamsyn suchte tatsächlich einen festen Partner. Sie hatte darin nur kein Glück. Bestimmt schreckte ihr Anwaltstitel so manchen Mann ab.

„Was gab es dann für wilde Eskapaden?“

„Es gab gar keine Eskapaden. Nur ziemlich viele Neuigkeiten.“

„Ach ja?“

„Abygail und Jim trennen sich.“

„Wirklich? So richtig mit Scheidung und allem Drum und Dran?“

„Vermutlich schon. Aber das ist noch nicht einmal das Heftigste.“

„Oh, jetzt wird es interessant.“

Ich sah Sephie an. „Ich bin nicht mal sicher, ob ich dir das alles erzählen sollte.“

„Wenn du mich darum bittest, werde ich es nicht gleich jedem Kunden erzählen, ob er es hören will oder nicht.“ Sie sah mich herausfordernd an und ich lachte.

„Na schön. Jim ist nicht Elises Vater. Abby war früher wie du und weiß nicht, von wem sie schwanger wurde. Ihre Eltern hätten ihr die Hölle heißgemacht und sie war finanziell von ihnen abhängig.“

„Bei Zeus“, sie unterbrach mich mit großen Augen. „Wer hätte das gedacht. Meine Hausärztin ist eine Seelenverwandte.“

Bei Zeus. Ja, so fluchte Sephie nur, wenn sie richtig begeistert war. Ansonsten versuchte sie, die Familienwurzeln zu ignorieren. Sephies Oma und ihre Mutter lebten in Griechenland. Genau wie ihr Bruder mit seiner Familie. Sephie fühlte sich als Amerikanerin. Sie war mit ihrem Vater nach Denver gekommen, als sie 10 Jahre alt gewesen war. Sie fuhr nur einmal im Jahr, meistens für einen Badeurlaub im Sommer nach Griechenland. Ihr Bruder führte direkt am Meer ein Hotel. Er war vier Jahre älter und bei der Mutter geblieben, als die Eltern sich hatten scheiden lassen. Sephie war mit ihrer sechs Jahre jüngeren Schwester Fayne mit dem Vater gegangen. Fayne lebte fünf Häuser von mir entfernt ebenfalls in der Walnutstreet und arbeitete in der Verwaltung des Polizeireviers. Im Gegensatz zu Sephie liebte sie das Kochen, weswegen Sephie vorzugsweise bei ihrer Schwester oder bei mir aß.

„Jedenfalls hat sie Jim all die Jahre glauben lassen, er sei der Vater und deswegen hat er sie auch damals geheiratet. Weil er davon ausging, sie geschwängert zu haben.“

„Das ist ja der Wahnsinn. Die Frau hat echt Nerven.“

Bei Sephie klang das bewundernd. Ich war mir nicht wirklich sicher, dass das die richtige Einstellung war.

„Ich weiß nicht. Sie hätte ihrem Mann und ihrer Tochter die Wahrheit sagen müssen, findest du nicht?“

„Wem hätte das denn geholfen? Das Mädchen wäre immer mit der Frage belastet gewesen, wer ihr wirklicher Vater ist, und Jim hätte das nur als Chance gesehen, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Das machen Männer gerne so.“

Woher ihr Misstrauen gegenüber Männern kam, hatte sie mir schon hundert Mal versucht zu erklären, aber ich hatte es nie verstanden. An ihrem Vater lag es sicher nicht, denn den liebte sie heiß und innig.

„Vielleicht hast du recht“, stimmte ich ohne Überzeugung zu. „Auf jeden Fall zieht Jim nun aus. Er hat eine Neue und Abygail scheint sehr getroffen davon.“

„Sag ich ja. Auf Männer sollte man sich nie verlassen.“ Sie sah mich an. „Gab es sonst noch was? Das klingt nach einer tragischen Eskapade und nicht gerade nach einem typischen Klatschthema. Ihr redet doch sonst immer nur über nette und schöne Sachen.“

„Stimmt ja gar nicht.“

„Natürlich stimmt das. Ich meine das nicht als Vorwurf“, sie sah mich ernst an. „Aber es hat dich niemand nach Simon gefragt, danach wie du das letzte Jahr verlebt hast, wie du damit zurechtgekommen bist, dass sein Todestag vor ein paar Wochen war. Über diese Dinge eben.“

„Ich weiß“, gab ich zu. Allerdings bedauerte ich das nicht. „Worüber ich auch sehr froh bin.“

Sephie seufzte.

„Ich möchte nicht darüber reden. Das habe ich dir schon gesagt. Außerdem wäre das nun wirklich kein Thema für so einen geselligen Abend.“

„Genau das war es, was ich gesagt habe.“ Sie grinste und fühlte sich offensichtlich bestätigt.

Wie sie das wieder hinbekommen hatte, war mir ein Rätsel. Aber so kannte ich sie. Sie war wie ein Wirbelwind und meistens trieb sie mich vor sich her, statt mich nur mitzuziehen. Sie tat mir viel besser, als ich ihr. Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass sie meine Bodenhaftung gerne abschüttelte und nichts von der Bodenständigkeit hielt, die ich lebte. Ob nun, weil sie mir anerzogen war, oder weil ich ein langweiliger Mensch war. Vielleicht war ich das. Ich liebte die Natur und Spaziergänge, ich mochte kochen und essen und ich las gerne. Ja, vermutlich war ich tatsächlich langweilig, wenn man mich mit Sephie verglich. Sie war im Winter im Ski Resort gewesen und hatte sich dort eine Rippe gebrochen. Im Herbst hatte sie sich für ein Kanutraining angemeldet, nachdem sie im Frühjahr festgestellt hatte, das Westernreiten nichts für sie war. Oder Pferde im Allgemeinen.

Sie probierte ständig Neues aus und zeigte dabei keine Angst. Falls sie was nicht konnte, schüttelte sie es ab und ging zur nächsten Aktivität über. Lesen war das einzige langweilige Hobby, was Sephie besaß. Allerdings las sie auch nur Sachbücher, Biografien, Horrorromane und Thriller. Ich kümmerte mich um die anderen Bereiche. Wir ergänzten uns beruflich perfekt. Wie das innerhalb unserer Freundschaft funktionierte, war mir ein Rätsel. Aber wenigstens mochten wir dieselben Filme und Serien und so trafen wir uns eigentlich regelmäßig, um einen gemeinsamen Filmabend zu machen oder um zusammen ins Kino zu gehen.

„Also gab es noch was Interessantes, was ich wissen müsste?“

„Grace befindet sich in einer Ehekrise. Alec ist abgehauen und sie weiß nicht, was aus ihnen wird.“

„Ist ja krass.“ Sephie sah mich überrascht an. „Grace und Alec? Ich dachte immer das seien die Vorbilder für diese perfekte große Liebe. Normalerweise funktionieren Collegelieben nie. Aber bei den beiden endete alles in einer glücklichen Ehe, zwei Kindern und ...“

„Drei.“

„Drei?“

„Das war die andere Neuigkeit in dem ganzen Chaos. Grace ist schwanger.“

„Schwanger und eventuell bald alleinerziehend? Ach du scheiße!“

Ich verzog mein Gesicht. „Dein Optimismus ist unschlagbar, Sephie.“

„Was denn? Du hast doch selbst gesagt, dass er abgehauen ist.“

„Er muss über ein paar Dinge nachdenken. Laut Grace ist das nur seine Art, ein Problem mit sich allein auszumachen.“

„Sie glaubt also er kommt zurück?“

„Er sagt, es ginge nicht um sie beide.“

„Aha.“ Meine Freundin sah nicht überzeugt aus und machte eine wegwischende Handbewegung. „Ich sag dir was. Das ist viel zu kompliziert für uns. Wir Singles sollten nicht über die Eheprobleme von anderen nachdenken. Das ist ein Dschungel bei Nacht, dem wir nicht zu nahe kommen sollten. Es wimmelt in der Ehe nur so von Schlangen und anderem giftigen Getier.“

Obwohl ich ihre Meinung weder teilte noch besonders witzig fand, musste ich trotzdem lachen.

Sephie sah zufrieden zu mir. „Gefällt mir schon viel besser, wenn du lachst, statt hier herumzugammeln und Trübsal zu blasen.“ Sie zog die Brauen streng ins Gesicht und sah mir direkt in die Augen. „Bist du sicher, dass du dich nicht rasch fertigmachen und mit mir ausgehen willst?“

Als ich meinen Kopf daraufhin schüttelte, seufzte sie hilflos.

„Du weißt ja nicht, was du verpasst.“

„Mir ist eben nicht danach.“ Ich deutete auf das Buch und die Kuscheldecke, die ich mir bereitgelegt hatte. „Ich möchte den Abend lieber mit einer kalten Limonade, Zitronenkeksen und lesen verbringen.“

Sephie schielte auf den Titel und schnaubte unwillig. „Du willst dir wirklich dieses Buch antun? Abgesehen davon, dass du es schon zwei Mal gelesen hast, glaube ich nicht, dass das gut für dich ist.“

P.S. Ich liebe dich war mein Lieblingsbuch. Ich hatte es sogar schon mehr als zweimal gelesen und es ihr nur nie verraten.

„Mag sein. Aber ich liebe es und mir ist nun mal danach.“

Sephie schüttelte den Kopf und ich deutete ihren Blick als ihren typischen ‚Ich gebe es auf‘- Blick. Als sie aufstand, wusste ich, dass ich recht gehabt hatte.

„Na schön. Bist du mir böse, wenn ich dann jetzt aufbreche?“

„Nein überhaupt nicht.“

Von mir aus hätte sie mich auch am Telefon fragen können, wie es mir ging. Aber sie traute meinen Worten nicht. Zu Recht. Ich hatte sie schon viel zu oft angeschwindelt, wenn es um meine Gefühle oder meinen Gemütszustand ging. Seit sie das mitbekommen hatte, kam sie lieber direkt vorbei, um sich ein eigenes Bild von meinem Elend zu machen.

Heute Abend schlug ich mich wohl ganz gut, andernfalls wäre sie trotz ihres Wunschs wegzugehen, hiergeblieben. Sie war oft anderer Meinung und wir hatten nur wenige Gemeinsamkeiten, aber sie war trotzdem meine beste Freundin und passte immer auf mich auf.

Ich brachte Sephie bis zur Tür, und als sie gegangen war, holte ich mir aus der Küche die kaltgestellte Limonade und stellte einen Teller mit Zitronen- und Orangenkeksen zusammen. Ich trug beides ins Wohnzimmer, machte es mir dort in meinem Lesesessel gemütlich.

Die Wohnung war schön geworden. Ich hatte seit meinem Einzug viel verändert. Nach und nach hatte ich die Einrichtung verkauft oder rausgeworfen und durch Neue ersetzt. Jetzt hatten die Räume meinen persönlichen Charme. Ich hätte gerne die kalten Fliesen im Wohnzimmer oder das Linoleum in der Küche und den Teppich im Schlafzimmer ausgetauscht. Auch die Tapeten hätte ich gerne abgelöst und neu tapeziert. Aber da ich mich weder mit dem einen noch dem anderen auskannte, hatte ich die Böden und Wände gelassen, wie sie waren. Für Handwerkliches war immer Simon zuständig gewesen. Ich hatte absolut keine Begabung, was das anging. Stattdessen schaffte ich es schon mich zu verletzen, wenn ich einen Nagel in die Wand schlug. Zum Anbringen der Lampen und Regale hatte ich Sephies Hilfe benötigt. Die war ebenso unbegabt wie ich, aber als ich eingezogen war, traf sie sich mit einem Kerl, der wusste, wie man mit einer Bohrmaschine umging. Er hatte wohl angenommen, er könnte bei ihr Punkte sammeln, indem er ihrer besten Freundin in der Not zur Seite stand. Leider gab sie ihm trotzdem vier Tage später den Laufpass.

Ich grinste bei der Erinnerung an Paul. Denn ein Tag danach hatte er vor meiner Tür gestanden und gefragt, ob ich nicht Lust hätte mit ihm ins Kino zu gehen. Sephie hatte allen Ernstes wissen wollen, ob ich zugesagt hatte. Als ich sie ungläubig gefragt hatte, wie sie darauf kam, ich hätte seine Einladung angenommen, hatte meine Freundin locker die Achseln gezuckt.

„Meinetwegen hättest du mit ihm ausgehen können. Er ist gar nicht so schlecht im Bett. Sanft und vorsichtig. Genau das Richtige, um wieder ins Spiel einzusteigen.“

Das war ihre Antwort gewesen. Danach war das Thema für sie beendet. Sie brauchte nicht erwähnen, dass es ihr ernst damit war.

Ich schüttelte lächelnd den Kopf. Damals hatte ich entrüstet, für meine Verhältnisse sogar wütend reagiert. Jetzt sechs Wochen später gelang es mir, über Sephies Reaktion zu lachen. Wahrscheinlich hatte sie Recht und es war unmöglich zu behaupten, ich könnte für den Rest meines Lebens enthaltsam und ohne Mann leben. Aber sie verstand einfach nicht, dass ich noch nicht so weit war, mir überhaupt nur vorzustellen, mit einem anderen Mann auszugehen. Bei der Vorstellung ein Date zu haben, Händchen zu halten, oder gar jemanden zu küssen, schauderte es mich. Wenn ich meine Augen zumachte, spürte ich Simons Berührungen auf meiner Haut. Wenn ich mich konzentrierte, schaffte ich es auch ein Jahr nach seinem Tod noch, seinen Duft in der Nase und sein Lachen im Ohr zu haben. Dieses laute, schiefe Lachen, was zu seiner offenen, redseligen Art gepasst und mir sofort gefallen hatte.

Ich öffnete die Augen, wischte mir die Tränen von der Wange. Für einen neuen Mann, ein Rendezvous oder ein One-Night-Stand war ich ganz klar noch nicht bereit. Ich vermisste all das nicht.

Was ich wirklich vermisste, war meinen Ehemann. Ich vermisste Simon. Wie wir zusammen gewesen waren. Wie er meinem Alltag Farbe gegeben hatte. Danach sehnte ich mich und das konnte mir kein Date mit einem Fremden wiedergeben. Also kuschelte ich mich unter meine Decke in meinen Lesesessel, ignorierte den Fakt, dass es zu warm dafür war und griff nach meiner Abendlektüre. Das Buch hatte den großen Vorteil, dass es so traurig war, dass ich behaupten konnte, meine Tränen kämen von der Geschichte und nicht vom Kummer, der schwer wie Blei auf meinem Herz lastete.

Ein Paradies für Bücher

Es war der letzte Arbeitstag in dieser Woche und das war, woran ich dachte. Andere überlegten bestimmt was sie an ihrem freien Wochenende machen würden. Ausschlafen, zeitintensive Hausarbeiten, die unter der Woche liegen blieben oder einfach mal ausspannen und sich Zeit für seine Hobbys nehmen. Da Sephie und ich die Buchhandlung nicht am Samstag schlossen, stellten sich mir diese Fragen nicht. Allerdings beschäftigten wir seit einem halben Jahr eine Aushilfe, so dass wir uns die Wochenenden aufteilen konnten.

Sephie hatte Lila eingestellt, als ich bei meinen Eltern gewesen war und nur unregelmäßig bis gar nicht im Laden gearbeitet hatte. Zuerst war ich recht befangen mit Lila umgegangen. Ich war mir nicht sicher gewesen, wie sie auf mein Wiederkommen reagieren würde, und ob wir miteinander auskamen. Aber meine Sorgen stellten sich als unbegründet heraus. Denn zu meiner großen Erleichterung verstanden wir uns hervorragend. Mittlerweile zählte ich Lila zu meinen Freundinnen und freute mich immer auf die gemeinsamen Stunden mit ihr im Laden.

Ich war gerade dabei, die Verlagsvorschauen nach Sommerhits zu durchforsten. Vielleicht konnten wir noch was Besonderes anfordern und im Schaufenster ausstellen, als Lila zur Tür herein kam. Wir öffneten erst in einer halben Stunde und da Sephie heute frei hatte, kam Lila früher als sonst.

„Guten Morgen!“, begrüßte sie mich mit einem breiten Lächeln im Gesicht und hielt mir zwinkernd eine braune Papiertasche und einen Becherhalter entgegen. „Lust auf Frühstück? Ich war noch auf einem Sprung im Boulder Cafe.“

„Wirklich?“ Ich lächelte und kam hinter dem Computer hervor. „Das war eine tolle Idee.“

„Ich weiß doch von Sephie, dass du dir zuhause kein Frühstück machst. Bis zum Mittag zu warten, erschien mir zu lang.“

Sie ging nach hinten in den kleinen Aufenthaltsraum, wo wir zwei bequeme Sessel stehen hatten und richtete auf dem kleinen Beistelltischchen die Bagels und den Kaffee an. Zumindest roch es eindeutig nach frisch gekochtem Kaffee.

„Ich wusste gar nicht, dass Sephie über mein Frühstücksverhalten mit dir redet.“ Grinsend setzte ich mich, griff zu dem Truthahnbagel, und begann zu essen.„Gibt es etwas, über das Sephie nicht mit einem redet?“

„Nein“, gab ich zu und lachte. „Sie ist wirklich unmöglich.“

„Ach na ja. Sie macht sich eben Sorgen um dich. Ist schöner, als wenn sie dir den Mann ausspannen würde, ohne dabei mit der Wimper zu zucken.“Mit großen Augen sah ich sprachlos zu Lila, die mich beruhigend anlächelte.

„Guck nicht so, Eden. Ich bin über Bill hinweg. Und auch über Carmen. Sollen die beiden doch glücklich zusammen werden.“

Lila hatte vor einem Dreivierteljahr die Scheidung eingereicht, als sie herausgefunden hatte, dass ihr Mann sie mit ihrer besten Freundin betrog und war von Denver nach Boulder gezogen. Die Vorstellung von seinem Mann mit der besten Freundin betrogen zu werden, erschien mir grauenhaft.

„Ich kann nicht fassen, dass dir das in so kurzer Zeit gelungen ist.“

„Bei Bill hat es lange gedauert. Das muss ich zugeben. Wir kannten uns 23 Jahre lang und waren 22 Jahre davon zusammen. Beinahe 20 Jahre Ehe und ein Sohn verbinden uns und werden uns immer irgendwie verbinden. Zu Matt war er schließlich gut, das kann ich nicht ausblenden. Doch was Carmen angeht“, Lila schüttelte entschlossen den Kopf. „Das Thema habe ich abgehakt, nachdem ich sie das zweite Mal im Bett meines Mannes fand. Sie war eine falsche Schlange und ich bereue bloß, dass ich das nicht viel früher bemerkt habe. Aber so bin ich wohl. Zu leichtgläubig und naiv. War ich immer schon. Als kleines Mädchen wollte ich schon nur das gute in den Menschen sehen und scheinbar hat es diesen harten Aufprall gebraucht, um zu begreifen, dass nicht jeder gut ist. Selbst wenn man es sich wünscht.“ Sie sah mich fragend an. „Was ist?“

„Du klingst gar nicht verbittert. Wie machst du das? Wo steckst du die ganze Wut hin?“

„Keine Ahnung.“ Sie lächelte ehrlich. „Ich war wütend. Zwei Wochen oder so. Danach sagte ich mir, dass mich das auch nicht weiter bringt. Weder die beiden zu hassen, noch mich selbst, hilft mit jetzt. Also habe ich damit aufgehört und mich darauf konzentriert, was ich mit meinem Leben anfangen will. Und soll ich dir was verraten?“

„Was?“

„Es fühlt sich toll an. Zu Anfang war es schwer, aber es tat gut, einfach mal nur an mich zu denken. Herauszufinden, was ich will, wer ich sein möchte und was ich im Leben alles allein schaffen kann. Das hat mir geholfen, über die beiden hinwegzukommen. Jetzt bin ich viel freier als früher. Selbstbewusster, weil ich mir selbst mehr zutraue und um ehrlich zu sein, bin ich irgendwie auch glücklicher. Vielleicht geht es Bill so, wenn er mit ihr zusammen ist. Was soll ich ihm da vorwerfen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Solange er für unseren Jungen da ist und für ihn zahlt, um ihn zu unterstützen, will ich mich nicht beklagen. Immerhin haben wir das mit Matt beide gut hinbekommen. Das ist nicht allein mein Verdienst.“

„Das hast du schön gesagt.“

„Ist ja die Wahrheit.“ Lila trank von ihrem Kaffee und auch ich schwieg einen Moment. Wie schon so oft fragte ich mich, ob sie ihre Kraft daher nahm, dass sie Mutter war.

Ich fragte mich, ob ich mit Simons Tod anders umgegangen wäre, hätte ich ein Kind mit ihm gehabt. Vielleicht wäre ich stärker, als ich es jetzt war. Und wenn nicht? War es dann nicht besser so?

Ich vertrieb den Gedanken. Natürlich war es besser so. Niemand sollte sich in meiner Situation wünschen, er hätte ein Kind. Als Kind ohne Mutter oder Vater aufzuwachsen, war das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte. Noch schrecklicher, als den Ehemann zu verlieren. Ich sollte froh sein, dass unsere Versuche ein Kind zu bekommen, nicht geklappt hatten.

„Hast du keinen Hunger mehr?“

Lila riss mich aus meinen trübseligen Gedanken und ich sah auf meinen halben Bagel. „Tut mir leid.“ Ich steckte ihn zurück in die Papiertüte. „Den Rest esse ich heute Mittag.“

Als ich aufstand und nach dem Kaffee griff, sah sie mich fragend an.

„Ich gehe schon mal vor.“Obwohl ich mittlerweile wieder gerne im Laden arbeitete, fiel mir der Kundenkontakt immer noch etwas schwer. Die meisten unserer Kunden kannten mich. Sephie und ich besaßen das Geschäft jetzt seit 5 Jahren und ich hatte schon zuvor für 4 Jahre hier gearbeitet, als die Buchhandlung noch Boulder Bookstore hieß und Mr. Jefferson gehört hatte. Ich dachte daran, wie wir uns kennengelernt hatten.

Als ich fünfzehn war, war meine Großmutter gestorben und ich war schrecklich traurig gewesen. Immer öfter war ich statt zuhause im Boulder Bookstore. Mr. Jefferson hatte nichts dagegen, wenn ich mich mit einem Buch in einem der Erkerfenster im zweiten Stock verkrümelte und aufgrund abenteuerlicher, fantastischer Geschichten vor der Realität und meinem Kummer floh. Es mochte verrückt klingen, aber das half mir damals wirklich und dennoch blieb ich nach vielen Wochen immer noch, denn mittlerweile hatte ich den Laden und auch Mr. Jefferson liebgewonnen.

Einen Sommer später machte ich mein erstes Praktika bei ihm. Wir nannten es so, weil ich darauf bestand, dass er mir nichts zahlte für meine Hilfe. Dafür verlangte ich, dass er mir alles zeigte, was er so machte, um eine Buchhandlung zu führen. Die gesamten Ferien über war ich kaum aus dem Geschäft zu bekommen. Damals hatten Sephie und ich den einzigen Streit in unserer Freundschaft, an den ich mich noch heute erinnerte. Es war ein heftiger und langwährender Streit gewesen. Statt mit ihr ins Freibad, oder auf Partys zu gehen, zu denen wir eingeladen worden waren, verbrachte ich meine Zeit lieber mit einem alten Mann und einem Haufen trockener, langweiliger Geschichten.

Aber ich liebte nun mal Bücher und meine Reisen in fremde Welten, fremde Zeiten und manchmal mochte ich es auch, ein anderer Mensch zu sein. Das Gefühl zu haben, tausend Leben zu leben und immer wieder in ein neues Leben schlüpfen zu können. Wann immer ich wollte.

Mr. Jefferson hatte meine Liebe zu Geschichten erkannt und mich verstanden. Das hatte zu einer wunderbaren Freundschaft geführt, die mich nach meinem Collegeabschluss wieder zu ihm zurückgebracht hatte. Er war gar nicht überrascht, als ich erklärte, für ihn arbeiten zu wollen. Zuerst half ich nur aus, später kümmerte ich mich zusätzlich um die Buchhaltung, was ihm nie Freude bereitet hatte. Und als er seine Krebsdiagnose bekam, übernahm ich immer mehr seiner Arbeiten, bis er dann so krank wurde, dass er gar nicht mehr in den Laden kommen konnte.

Mr. Jefferson hätte mir die Buchhandlung gern geschenkt, ohne Geld dafür zu nehmen. Für ihn war ich die Enkeltochter, die er nie gehabt hatte, denn seine Frau war jung und kinderlos gestorben. Er hatte nie wieder geheiratet und war sehr einsam gewesen. Doch die Behandlungen waren teuer und brauchten all seine Ersparnisse auf. Schließlich offenbarte er mir einen Tag im Krankenhaus, als es ihm gut genug ging, um ein wenig länger mit mir zu reden, dass er die Buchhandlung verkaufen müsse. Ich bat ihn um etwas Zeit und landete so bei der Bank, um einen Kredit aufzunehmen. Den wollten sie mir geben, aber er hätte nicht gereicht. Also überredete ich Sephie und hatte Glück, dass meine Freundin ihren Bürojob in einer Werbefirma schrecklich fand. Denn all ihre Kolleginnen umschwänzelten ihren arroganten Chef, den sie nicht ausstehen konnte. Ihrem Aktionismus war es geschuldet, dass sie gleich Nägel mit Köpfen machte. Sie kündigte ihren Job, nahm ihr Erspartes und steuerte den Restbetrag bei, um Mr. Jefferson die Buchhandlung abzukaufen.

Acht Wochen später starb er friedlich dank der Schmerzmittel, die man ihm täglich gab. Nach seinem Tod hatten wir der Buchhandlung den neuen Namen Paradise Bookstore gegeben.

Für mich war es immer ein Paradies gewesen und daher fand ich den Namen perfekt. Wir hatten ein wenig umgestellt, doch die alten Regale und Lampen hatten wir übernommen. Unser Laden hatte zwar ein modernes Programm, aber in unserer Ausstattung waren wir antik, gemütlich und so geblieben, wie ich die Buchhandlung von früher kennen und lieben gelernt hatte.

Unten im vorderen Bereich führten wir die Belletristik. Im Schaufenster präsentierten wir die jeweiligen Quartalhighlights oder themenorientierte Tipps. In der Mitte hatten wir einen Tisch mit den Bestsellern stehen, so dass diese schnell griffbereit waren. Außerdem gab es eine kleine Nische, in der man einen Geheimtipp fand, den ich aussuchte und jeden Monat wechselte. Im hinteren Bereich des Ladens standen die Sachbücher, Biografien, Bildbände und Schulbücher.

Im zweiten Stockwerk gab es direkt über der Belletristik die Abteilung Kinder- und Jugendbücher. Auch dort hatten wir einen Tisch aufgestellt, auf dem wir unsere Favoriten präsentierten. Zudem gab es eine Ecke mit Mal- und Bastelbüchern und eine kleine Auswahl an Vorschulbücher. Im hinteren Bereich hatten wir dafür auf Bücher verzichtet und uns stattdessen für eine gemütliche Leseecke entschieden. Der Erker, der früher mein Stammplatz gewesen war, war nun mit hübschen und gut gepolsterten Sitzkissen geschmückt und lud zum Träumen ein. Außerdem gab es gemütliche Sessel, um in Büchern zu blättern oder zum Lesen herzukommen.

Mittlerweile hielten wir dort auch Lesungen und Signierstunden ab und das war eine Neuerung, die Sephie arrangiert hatte. Der Buchhandel lief schleppend. Die Konkurrenz durch die digitalen Medien war immens. Wir mussten immer pfiffiger werden und uns auf die Büchersegmente konzentrieren, die gut liefen. Kinderbücher und Sachbücher zum Beispiel. Andere Bücher stachen heraus, wenn es Lesungen dazu gab, Signierstunden oder wenn es Bücher waren, die gerade durch TV-Serien, Kinoverfilmungen und Merchandise in den Köpfen der Kunden waren. Darauf stürzte sich Sephie dann wie ein Adler. Mit ihrem offenen Wesen war sie mittlerweile mit den meisten Pressemitarbeitern der Verlage und Agenturen per du und hatte auf diese Weise schon tolle Events für unseren Laden auf die Beine gestellt.

Ich lächelte über mich selbst. Meine Gedanken waren abgeschweift. Etwas, was mir seit Simons Tod oft passierte. Durch den Verlust dachte ich wieder öfter an die Zeit mit Mr. Jefferson, den ich auch verloren hatte. Natürlich fiel es mir schwerer, Simons Tod zu verarbeiten und hinter mir zu lassen, als den von Mr. Jefferson. Und dennoch ...

Es schmerzte auf die gleiche unfaire Art und schon damals hatte ich nicht gewusst, auf wen ich so wütend war und wie ich die Wut loswerden sollte. Ich war 25 gewesen und ständig traurig. Aber ich hatte mich mit meinem Schmerz in Bücher und lange Spaziergänge mit meinem Vater geflohen und ganz langsam war es besser geworden.

Drei Monate später hatte ich Simon kennengelernt und noch im gleichen Jahr hatten wir geheiratet. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass man uns nur vier Jahre Glück gönnen würde. Ich fragte mich, was ich verbrochen hatte, um das zu verdienen. Doch vermutlich fragten sich das alle Menschen, die so etwas durchmachten.

Ich trank den letzten Schluck Kaffee, warf den Becher danach in den Papierkorb unter dem Tisch und widmete mich wieder der Recherche in den Verlagsvorschauen. Lila öffnete derweil den Laden und im Laufe des Vormittags kamen die ersten Kunden. Während ich auf Fragen reagierte und nebenbei den Bestand aufstockte oder Bücher an ihren richtigen Platz zurücklegte, blieb Lila an der Kasse und bediente das Telefon. Wir waren gut eingespielt und es war ein harmonisches Arbeiten. Ich war fast ein bisschen traurig, als sie um zwei Uhr Feierabend hatte und nach Hause ging. Der Nachmittag war jedoch nicht stressig, wie ich erwartet hatte. Ich kam gut zurecht, und wenn ein Kunde an der Kasse mal zwei Minuten warten musste, war er verständnisvoll. Der Vorteil am Leben in einer Kleinstadt war der, dass die Menschen viel weniger gehetzt waren. Außerdem behauptete ich Sephie gegenüber gerne, dass die gemütliche Einrichtung mit den verspielt buchigen Accessoires und den warmen Farben, die Leute beruhigte und fröhlich stimmte. Bücher hatten diese Wirkung auf Menschen und ich war ohnehin der Meinung, dass Buchliebhaber die nettesten Menschen auf der Welt waren.

Mein poetischer Teddybär

„Edie!“, mein Vater nahm mich in den Arm und ich gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Schön, dass du gekommen bist.“

„Wenn du mich nicht nur mit Moms Erdbeerkuchen, sondern auch noch mit einem Spaziergang durch den Park herlockst, kann ich doch unmöglich nein sagen.“

Mein Vater lachte leise. Natürlich hatte ich Recht und er hatte gewusst, dass er mich so aus der Wohnung locken konnte. Dabei hatte ich mir schon genau ausgemalt, was ich mit diesem warmen Sommersonntag anfangen wollte. Zuerst wollte ich meine Wäsche waschen und aufhängen, die trocknete bei den Temperaturen nämlich wunderbar. Danach hätte ich einen kleinen Stadtbummel gemacht und irgendwo in einem Bistro auf der Pearl einen leichten Salat gegessen. Den restlichen Tag hätte ich mit meinem aktuellen Buch auf dem Sofa verbracht. Als ich gerade die Waschmaschine angestellt hatte und ins Bad gehen wollte, um mich fertigzumachen, hatte mein Vater angerufen.

Nun folgte ich ihm am Haus vorbei zum Garten, wo meine Mutter das Mittagessen auftischte.

„Eden.“ Sie küsste mich über die große Schüssel, die sie in der Hand hielt.

„Kann ich dir noch helfen?“

Sie warf einen Blick auf den Tisch und schüttelte den Kopf.

„Nein, setz dich zu deinem Vater. Ich gehe nur schnell die Limonade holen.“

„Das sieht alles ganz toll aus.“ Ich warf meinem Vater einen Blick zu und er lächelte.

„Nachdem ich deiner Mom sagte, dass du schon zum Mittagessen kommst, ist sie gleich in der Küche verschwunden.“

„Du hast das geschickt geplant. Mom wollte mich wohl nur zum Kaffee einladen, was?“

„Sie dachte, wenn sie dich fragt, ob du den Tag mit uns verbringen willst, hast du eine Ausrede parat und kommst gar nicht. Sie hat immer noch nicht gelernt, dass man nur die richtigen Worte finden muss.“

„Du meinst, sie weiß nicht, wie man mich besticht?“

Er grinste unverschämt und sah dabei aus, als sei er sich keiner Schuld bewusst. Ich schüttelte lächelnd den Kopf.

„So da bin ich.“ Meine Mutter schenkte uns ein. „Warum habt ihr euch noch nicht aufgetan?“

„Du machst das viel besser, Liebling.“ Mein Vater lehnte sich in seinem Gartenstuhl zurück und meine Mutter nickte ernst.

„Das stimmt. Was darf ich dir geben?“

Sie meinte mich und ich sah auf die verschiedenen Schüsseln und Schalen. „Was ist das alles, Mom?“

„Das hier ist Salat mit frisch gerösteten Pinienkernen und Ziegenkäse. Das da ist Salat mit Heidelbeeren und Linsen und der Feldsalat ist mit Erdbeerdressing gemacht.“

Ich warf meinem Vater einen Blick zu und er erwiderte ihn. In seinen Augen las ich die eindeutige Botschaft: „Ich habe es dir ja gesagt.“

„Weißt du Mom, das sieht alles hervorragend aus und ich habe nicht gefrühstückt. Ich nehme von allen drei Salaten ein bisschen.“

Meine Mutter lächelte glücklich, schnitt mir danach von dem noch warmen Brot zwei große Scheiben ab und schob den Ziegenfrischkäse und die Erdbeermarmelade in meine Richtung.

Wir aßen über eine Stunde, saßen dabei zusammen im Garten und unterhielten uns. Mein Vater erzählte mir von der Ernte, seinem Kampf gegen freche Vögel und Käfer und seinen neuen Eigenkreationen, wie der Erdbeer-Ingwer Marmelade und dem Birnen-Quitten Gelee mit einer kleinen Note von Cranberry. Ich versprach zu kosten, und ihm danach meine ehrliche Meinung zu sagen. Allerdings klang der Name bereits so lecker, dass ich schon jetzt wusste, dass es mir schmecken würde.

Nachdem wir eingesehen hatten, dass keiner von uns in der Lage war, auch nur eine Gabel mehr zu essen, half ich meiner Mutter beim Abräumen. Während sie die Salate umfüllte und in den Kühlschrank stellte, spülte ich.

„Und wie geht es dir Schatz?“

Ich warf einen Blick über die Schulter und sah, wie meine Mom mich beobachtete.

„Gut. Warum fragst du? Ich habe euch doch eben erzählt ...“

„Du hast von deiner Wohnung erzählt, die Fotos auf deinem Handy gezeigt und von der Arbeit und Lila berichtet. Ich freue mich, dass ihr gut miteinander auskommt, deine Wohnung sieht wirklich schön aus und Vater und ich besuchen dich bestimmt gerne, um uns alles selbst anzusehen. Aber du hast uns trotzdem nichts von dir erzählt.“

So wie sie das betonte, konnte ich die Intention dahinter nicht missverstehen. Ich seufzte. „Und ich dachte schon, du hättest es nicht gemerkt.“Meine Mutter schnaubte. „Ich bin deine Ma. Natürlich merke ich so was.“ Sie kam zu mir, lehnte sich an die Küchenzeile und sah mir von der Seite her in die Augen. „Es tut immer noch sehr weh, nicht wahr?“

Ich nickte, unfähig etwas zu sagen.

Sie streichelte meinen Arm und ich hörte, wie sie seufzte. „Ach mein armer Schatz.“

„Nicht.“ Ich hob den Kopf und sah sie an. „Kein Mitleid, Mom. Wir müssen damit aufhören. Es hilft mir kein bisschen, wenn du genau so traurig bist, wie ich.“

„Ja, ich weiß.“ Sie lächelte unsicher. „Aber ich weiß nicht, was ich machen kann, um dir zu helfen. Und das macht mich wahnsinnig, Kind.“

„Das braucht es nicht. Mit der Zeit wird es besser.“ Das musste es einfach. „Es ist schön bei euch zu sein und zu reden. Lass uns so tun, als wäre das der Grund dafür, dass ich hier bin und nicht, weil ihr euch immer noch Sorgen um mich macht. Meinst du das geht?“

„Ja.“ Sie nickte. „Ja, natürlich, Schatz.“

„Edie?“Ich sah an meiner Mutter vorbei. Mein Vater stand im Flur und warf mir einen fragenden Blick zu. „Hast du Lust auf einen Spaziergang? Wir können bis zum See gehen und sind bestimmt rechtzeitig zum Kaffee wieder hier. Außerdem haben wir nach dem Laufen bestimmt mehr Hunger als jetzt.“

„Müssen wir denn viel Hunger haben?“ Ich sah von ihm zu meiner Mom, die verlegen errötete.

„Es gab da dieses neue Rezept, was ich ausprobieren wollte.“

Ich lachte auf. „Und das heißt?“

„Deine Mutter hat Erdbeerkuchen gemacht, einen Obststreuselblechkuchen und noch Torteletts. Du siehst, wir müssen unbedingt bis zum See laufen, bevor wir uns wieder zurück in den Garten trauen.“

„Du bist wirklich unmöglich, Mom.“

„Ach was. Das, was übrig bleibt, kann dein Vater morgen mit in den Laden nehmen. Wenn es nach unseren Kunden geht, könnte ich glatt noch eine Bäckerei oder ein Café aufmachen.“

Mein Vater nickte. „Sie lieben das Gebäck deiner Ma.“

„Natürlich lieben sie es.“ Daran zweifelte ich kein bisschen. Meine Mutter war eine ausgefallene Köchin, aber sie tat es mit so viel Liebe und Leidenschaft, dass jede ihrer Kreationen dennoch gelang, und zudem unglaublich lecker war.

„Vielleicht sollte ich mir die Idee ernsthaft überlegen. Wäre zur Abwechslung doch mal schön, mein eigener Chef zu sein, statt für deinen Vater zu arbeiten.“

Mein Vater schüttelte den Kopf. „Kommt gar nicht in Frage. Wir haben genug Arbeit.“

Es war schön, zu sehen, wie meine Eltern sich nach so vielen Jahren einander immer noch mit liebevollen Neckereien bedachten. Bevor mein Herz schwer wurde und die Traurigkeit mich zu verschlucken drohte, wandte ich mich an meinen Vater.

„Komm schon, Dad. Lass uns gehen. Sonst wird es zu spät und du weißt ja, wie Mom es hasst, wenn der Tee kalt wird.“Denn vier Uhr war ihre feste Teezeit und sie duldete es nicht, dass man früher damit anfing oder zu spät kam. Als ich noch zuhause gewohnt hatte, hatte ich um vier Uhr alles stehen und liegen lassen und im Wohnzimmer oder im Garten erscheinen müssen. Während des Tees unterhielten wir uns über den Tag und egal wie blöd ich es fand, an so einer kindischen Regel festzuhalten, war ich am Ende glücklich gewesen, dass meine Mutter keine Gnade kannte. Denn irgendwie war es doch immer schön, zusammenzukommen, zu reden und sich daran zu erinnern, dass es mehr gab als sich selbst. Gerade als Teenager war das eine merkwürdige Erfahrung gewesen und meine Mutter behauptete bis heute, dass sie meine Pubertät anders nie überstanden hätte. Statt mit Strafen und strengen Regeln hatte meine Mutter es geschafft, zu meiner Freundin zu werden, indem sie mich dazu brachte, sie nicht aus meinem Leben auszugrenzen. Sei es auch nur durch diese halbe Stunde am Tag, die ich ihr zuhören musste, oder die sie mich überredete, über die Dinge zu sprechen, über die ich sonst nicht reden wollte. Heute war ich ihr dankbar dafür, denn trotzdem ich viele Freundinnen hatte, konnte niemand meine Mom ersetzen. Ich liebte meine Eltern und sie würden für mich immer die wichtigsten Menschen auf der Welt sein.

Genau deswegen antwortete ich meinem Vater ehrlich auf die Frage, ob es okay sei, dass ich meinen freien Sonntag mit ihnen verbrachte.

„Das ist schon okay, Dad.“ Ich hakte mich bei ihm ein und gemeinsam liefen wir den schmalen Kiesweg bis zur Straße entlang. Die Sonne brannte hoch am Himmel und ich hatte mir einen von Moms Strohhüten geliehen, so dass ich keinen Sonnenstich bekam. Dad trug seinen Anglerhut und brachte mich auf eine Idee.

„Warum hast du nicht deine Angelrute mitgenommen?“

„Ach Edie. Ich war schon eine Ewigkeit nicht mehr angeln.“

„Wieso nicht?“

„Die Zeit, Liebes. Ich wüsste nicht, wann ich das machen soll. Um ehrlich zu sein, hat deine Mutter dich nur eingeladen, damit ich mal nicht arbeite.“

Obwohl in seiner Stimme die Heiterkeit lag, die ich von meinem Vater gewohnt war, hörte ich doch heraus, dass er die Wahrheit sagte.

„Dad!“, schimpfte ich. „Du sollst dir doch wenigstens einen freien Tag in der Woche gönnen.“

„Als Obst- und Gemüsebauer und Geschäftsbetreiber gibt es keine freien Tage.“ Er sah mich an. „Das war schon immer so und ich habe Glück. Ich liebe meine Arbeit. Würde im Leben nie was anderes machen wollen.“

Ich seufzte, weil es keinen Sinn machte, mit ihm darüber zu streiten. Mein Vater liebte seine Arbeit und deswegen war es sinnlos ihm klarmachen zu wollen, dass er sich mit sechzig ruhig mal einen freien Tag in der Woche gönnen durfte. Zum Glück war er kerngesund und es gab keinen Grund, dass er kürzertreten musste. Meine Mutter sagte manchmal scherzhaft, wie traurig sie es fand, dass er so gesund war. Er handelte sich im ganzen Jahr vielleicht eine Erkältung ein. Und diese eine Woche Bettruhe trieb meine Mutter eher in den Wahnsinn, als dass sie sie genießen konnte. Denn es gab nur eines was schlimmer war, als ein kranker Mann. Einer, der es nicht gewohnt war krank zu sein, und Bettruhe auf den Tod nicht ausstehen konnte. Manchmal hätte Mom ihn sicher gerne ans Bett gefesselt. Insofern waren es wirklich nur Scherze, wenn sie sich wünschte, Dad würde häufiger krank sein, um frei zu machen.

„Wie geht es denn Mom?“, fragte ich meinen Dad und kehrte damit zurück in die Gegenwart. Meine Mutter hatte Anfang des Jahres anfängliche Osteoporose und Rheuma diagnostiziert bekommen. Ihr taten jetzt häufiger die Knochen weh. Gerade bei Wetterumschwüngen war es schlimm und immer öfter hatte sie am Abend dann angeschwollene Füße und kam in keine Schuhe mehr.

„Der Sommer tut ihr gut. Sie klagt nicht so oft über steife Finger, wie im Winter und sie kann barfuß laufen, was es ihr unheimlich leicht macht, zu verbergen, ob sie wieder Elefantenfüße hat.“

„Dad!“, ermahnte ich ihn und musste dennoch lächeln. Ich wusste ja, dass er es liebevoll meinte. „Ruht sie sich ab und an aus?“

„Na du kennst sie doch. Ich versuche mein Bestes. Manchmal kann ich sie zu Handarbeiten überreden. Oder ich gebe ihr den Auftrag, für den Laden ein bisschen neue Dekoration zu basteln. Dann hat sie eine sinnvolle Aufgabe und setzt sich auch mal hin. Aber die meiste Zeit ist sie genau so lang auf den Beinen und klettert mit mir auf Leitern herum, wie ich.“ Er lächelte. „Ohne sie würde ich es nicht schaffen, Edie. Sie weiß das. Macht also keinen Sinn ihr was anderes vormachen zu wollen. 36 Jahre sind eine lange Zeit.“

36 Jahre kannten sich meine Eltern. Das war so eine verdammt lange Zeit. „Ihr habt bald 35-jährigen Hochzeitstag. Macht ihr was Besonderes?“

„Wir haben nie was Besonderes gemacht, warum sollten wir das dieses Jahr ändern?“

„Weil du nicht weißt, wie viele Gelegenheiten du noch bekommst. Niemand weiß, wie viele Jahre er hat. Ihr solltet etwas Schönes machen.“

Mein Vater schwieg, aber ich spürte deutlich, wie er mich nach meinen Worten ansah. Trotzdem blickte ich stur auf den Weg. Wir verließen gerade den Gehweg, um in den Wald einzubiegen. Die Bäume spendeten hier Schatten und es war dadurch ein wenig kühler.

„Hier lässt es sich gleich viel besser aushalten“, lenkte ich ab. Als mein Vater immer noch nichts sagte, sah ich ihn schließlich an. „Sag schon, was du sagen willst, Dad.“

Er blieb stehen. „Ich möchte nichts sagen, Edie. Glaub mir, ich wollte keines dieser Gespräche führen. Welcher Vater will seiner wundervollen Tochter Tipps geben, wie sie über den Tod ihres Ehemanns hinwegkommt? Abgesehen davon habe ich keine Erfahrung damit. Wie gut können meine Ratschläge da schon sein?“

„Deine Ratschläge sind immer gut. Du gibst sie mir nur viel zu selten.“

Er lachte und eine Weile gingen wir schweigend weiter. Schließlich räusperte er sich.

„Was würdest du denn vorschlagen? Was würde deiner Mutter gefallen?“

Ich überlegte einen Moment. Das war gar nicht so einfach. Meine Mutter hatte sich meinem Vater so sehr angepasst, dass sie ihr ganzes Leben nach ihm ausgerichtet hatte. So wie sie früher ihr Leben nach mir ausgerichtet hatte. Ich war ihr Mittelpunkt gewesen. Ihre Aufgabe.

„Ganz schön schwer, deine Mutter zu ergründen, was?“

„Wenn es dir nach 36 Jahren nicht gelingt, frage ich mich, wie du von mir Hilfe erwarten kannst.“ Ich schmunzelte und suchte nach einer Eingebung. Wenn ich meinem Vater vorschlug, etwas Besonderes zum Hochzeitstag zu machen, durfte ich ihn jetzt nicht im Stich lassen. Irgendwas musste mir doch einfallen, womit er sie überraschen und ihr gleichzeitig eine große Freude machen konnte.

„Na schön. Mom liebt die ausgefallene, gute Küche. Sie braucht ein wenig Erholung, was euch beiden gut täte. Wie wäre es mit einem Wochenende in einem schönen Wellnesshotel?“

„Wellnesshotel? Aber nicht so was Glamouröses, Liebes. Wir sind keine feinen Leute. Deine Mutter mag es nicht einmal, sich übermäßig herauszuputzen.“

„Weiß ich ja, Dad. Ich gucke mich im Internet mal um und bestimmt finde ich was Passendes. Lass mich nur machen. Die Hauptsache ist doch, ihr kommt mal raus. Habt mal ein bisschen Zeit nur für euch zusammen, ohne dass ihr dabei an den Laden denkt.“

„Stimmt schon, Edie.“

Mein Vater lenkte das Gespräch geschickt weg von dem Thema und ich war ihm nicht mal böse. Auch mein Hochzeitstag näherte sich. Simon und ich hatten am ersten September geheiratet. Vier Jahre war das her. Während es mir so vorkam, als habe er erst gestern noch mit mir zusammen gefrühstückt, lagen die Erinnerungen an diesen Tag, an dem wir uns das Ja-Wort gegeben hatten, tatsächlich weit zurück. Vielleicht hatte ich sie im Unterbewusstsein verdrängt, um mich vor noch mehr Kummer zu bewahren. Mir wollte jedenfalls nicht mehr einfallen, was der Pfarrer bei der Trauung gesagt hatte, oder zu welchem Lied wir getanzt hatten. Ich wusste, dass Sephie an dem Abend auch eine sehr witzige Rede gehalten hatte. Sie war meine Trauzeugin gewesen. Doch selbst an ihre Worte konnte ich mich nicht mehr erinnern.

„Warum erinnern wir uns eigentlich viel besser an die schlimmen Dinge im Leben? Wieso ist das so, Dad?“

„Ach Liebes.“ Er legte seinen Arm um mich, ging aber weiter. „Ich schätze das liegt einfach daran, dass wir Menschen uns viel zu oft an Erinnerungen hängen.“