Wonneproppen - Dara-Lynn Weiss - E-Book

Wonneproppen E-Book

Dara-Lynn Weiss

0,0

Beschreibung

Dara-Lynn Weiss' Tochter Bea ist sieben, als die Kinderärztin die Diagnose Adipositas stellt. Für die Mutter zweier Kinder ist klar, dass sie handeln muss – dabei hadert sie selbst mit ihrem Körper. In ihrem heiß diskutierten Buch schildert die Autorin schonungslos offen den beschwerlichen Weg zu Beas Normalgewicht und enthüllt dabei die Scheinheiligkeit, mit der das Thema Ernährung in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Wonneproppen ist ein mutiges Buch, das einen frischen Blick auf ein brisantes Thema wirft: Übergewicht bei Kindern. Vor allem aber ist es die berührende Geschichte einer Mutter, die aus Liebe zu ihrem Kind eine schwierige Entscheidung trifft und sich damit unbeliebt macht. Dara-Lynn Weiss arbeitet als freie Autorin und Redakteurin. Im April 2012 schrieb sie in der amerikanischen Vogue darüber, wie sie ihrer Tochter beim Abnehmen hilft. Sie lebt mit Mann und zwei Kindern in New York City.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 316

Veröffentlichungsjahr: 2013

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für meine Familie

Frei nach Tolstoi: Alle Kinder mit Normalgewicht sind einander ähnlich, aber jedes Kind mit Übergewicht ist auf seine Weise übergewichtig. Dies ist die Geschichte meiner Familie. Einige Namen – auch die meiner Kinder – habe ich verändert. Gespräche, Ereignisse und Zitate gebe ich aus der Erinnerung wieder. Andere Personen in dieser Geschichte, darunter meine Tochter Bea, haben gewiss ihre eigene Sicht auf die Dinge, die anders ist als meine. Das Buch reflektiert meine persönliche Erfahrung und meine besondere Meinung.

Dara-Lynn Weiss

Vorwort

Es war ein Herbstsamstag wie im Bilderbuch. Hand in Hand gingen meine Tochter Bea und ich eine ruhige Straße in der New Yorker Innenstadt entlang, hübsche Boutiquen und trendige Restaurants auf beiden Seiten. Plötzlich fiel mein Blick in ein Schaufenster und ich blieb wie angewurzelt stehen.

»Oh Gott«,entfuhr es mir.

Bea folgte meinem Blick und drückte meine Hand. Einen Augenblick lang standen wir da und schauten auf die Auslage: reihenweise pastellfarbene, mit Buttercreme überzogene, liebevoll verzierte Cupcakes. ­Einige hatten kleine Blumenornamente, andere waren mit Häubchen aus bunten Streuseln garniert. Sie waren wunderschön.

»Krieg ich einen?«, fragte Bea.

»Nein«, sagte ich schnell. Ein Mutterreflex, hatte ich doch die Grundsätze der »richtigen« Erziehung verinnerlicht, die da waren: Grenzen setzen, Süßigkeiten und Fertiglebensmittel meiden, dafür sorgen, dass das Kind auch beim Abendessen noch Appetit hat.

»Und wenn wir uns einen teilen?«, meinte sie vorsichtig.

Ganz schön gewieft, Bea. Aus einem harmlosen Cupcake hatte sie damit ein mögliches Mutter-Tochter-Beziehungstörtchen gemacht. Die Gelegenheit, in unserem Appetit – unserer Gier – auf diese zugege­benermaßen leeren Kalorien einen verbindenden Moment zu genießen. Klar wurde mir das erst, als ich mich darauf eingelassen hatte. Ich ­lächelte sie verschmitzt an und frohen Mutes gingen wir in den Laden.

Wir konnten uns am Inhalt der Vitrine nicht sattsehen. Schokoguss, Red Velvet oder Bourbonvanille? Ich brauchte gar nicht erst zu fragen. Natürlich Vanille. Bei Cupcakes waren Bea und ich uns immer einig: Vanille war unser gemeinsamer Favorit.

Ich nahm der Frau hinter dem Tresen das Törtchen ab und reichte es Bea für den ersten Bissen. Ihre großen braunen Augen leuchteten und sie lächelte erwartungsfroh mit fehlendem Schneidezahn. Krümel sammelten sich auf ihren Lippen, als sie die Zähne durch den dicken Guss in den lockeren Boden grub.

Jetzt ich: Eine Sekunde lang schloss ich die Augen, schwelgte in dem Duft des Gebäcks und in der Freude, diesen Moment mit meinem zauber­haften Kind zu erleben. Mit fast sieben fand Bea die meisten meiner albernen Witze noch lustig und dass sie sich vor Lachen richtig ausschütten konnte, spornte mich noch mehr an. Mit fast sieben sagte sie mir noch alles, was ihr durch den Kopf ging, und noch immer überraschten mich die erstaunlichen, urkomischen und faszinierenden Dinge, die sie mir erzählte. Mit fast sieben war es noch leicht, Bea eine Freude zu machen. Warum sollte ich ihr dieses kleine Vergnügen nicht gönnen?

Passanten, die durch das Fenster in den Laden schauten, sahen ein fröhliches kleines Mädchen, das ein süßes Bisschen Kindheit genoss, und eine glückstrahlende Mutter.

Wenn sie selbst Kinder hatten, dann erkannten sie vielleicht einen jener unbeschreiblichen, freudigen Momente, die das Elternsein so ­besonders machen.

Doch unsere Idylle sollte bald ein Ende nehmen.

Die Kinderärztin kam ins Sprechzimmer geeilt, nahm Beas Akte aus der Lasche an der Tür und schaute hinein. Bea saß in Unterwäsche auf dem Untersuchungstisch, die Arme vor der Brust verschränkt.

»Sie ist 1,32 Meter groß und wiegt 42 Kilo«, las die Ärztin. Das sagte sie sachlich, geradezu aufgeräumt, so wie sie auch in den vorherigen sieben Jahren über Beas Gesundheit gesprochen hatte. Doch ich wusste schon, was jetzt kam.

»Wegen ihrem Gewicht muss ich was unternehmen«, sagte ich, um der unvermeidlichen Rüge zuvorzukommen.

»Es ist sicherlich Zeit«, stimmte die Ärztin zu.

Vor diesem Augenblick hatte ich mich gefürchtet. Jetzt war er gekommen und mir war mulmig zumute. Schon in den Monaten vor der Vorsorgeuntersuchung war ich wegen Beas Ernährung mit mir ins ­Gericht gegangen. Ihr halbes Leben lang sprachen die Kinderärztin und ich bei den jährlichen Terminen über Beas Gewicht. Vor einem Jahr hatte ich auf Drängen der Ärztin zugegeben, dass es ein Problem war, und Besserung versprochen.

Ich hatte es versucht. Und elendig versagt. In dem verstrichenen Jahr war meine Kleine zwar ganz normal gewachsen, aber sie hatte beachtliche zehn Kilo zugenommen.

Beas Gewicht entsprach jetzt dem einer Person von meiner Größe (1,62 Meter) mit fast achtzig Kilo. Ihr Blutdruck war 124 zu 80, gegenüber 100 zu 68 im Jahr davor.

Diese Zahlen für immer und ewig in Beas Patientenakte zu wissen, löste eine Art Urangst in mir aus. Es war, als hätte ich gerade erfahren, dass Bea eine potenziell tödliche Allergie oder Diabetes hatte. Von jetzt an war ihr Gewicht nicht mehr nur ein Erziehungsproblem, sondern eine Bedrohung für ihre Gesundheit. Beas Wohlergehen war in Gefahr und ich musste sie beschützen. Wie ich das anstellen sollte, wusste ich noch nicht. Ich musste mir etwas einfallen lassen.

Wenn ich rückblickend sagen müsste, wann ich mir einen Ruck gab und die Ärmel hochkrempelte, dann war es in diesem Moment. Meine eigenen Komplexe (dazu später), meine Erziehungsfehler (mehr als ­genug), meine Angst, Bea zu verkorksen, meine Sorge über die Meinung anderer (tief verankert, schwer zu ignorieren) und die Schwierigkeit der Aufgabe durften mich nicht davon abhalten, Bea zu einer glücklichen, gesunden Kindheit zu verhelfen. Ich wollte meine Tochter nicht den Gesundheitsrisiken, den seelischen Qualen, dem gesellschaftlichen Stigma des Übergewichts aussetzen. Ich musste die Sache in die Hand nehmen. Auch wenn Bea erst sieben war.

Auf die Welt gekommen war Bea als aufgewecktes, glückliches, hübsches kleines Mädchen. Sie war gesund und meisterte die Etappen der geistigen und körperlichen Entwicklung in den Babybüchern wie vorgesehen oder etwas früher. Schade fand ich eigentlich nur, dass sie als Baby nicht ein wenig pummliger war. Das erste Enkelkind meiner ­Eltern war meine Nichte, das dickste Baby, das ich je gesehen hatte. Ein Wonneproppen! Riesige Augen mit unendlich langen Wimpern, die sich träge über ihre Pausbäckchen senkten. Stramme Ärmchen und Beinchen – zum Reinbeißen. Alle liebten ihren runden Bauch, über den kein Oberteil passte und auf dem ihre Patschhändchen wie bei einem Buddha ruhten. Dann wurde sie ein normal schlankes Kind und mit ihrem Babyspeck war es vorbei. Ja, ich gebe zu, anfangs war ich ein bisschen enttäuscht, weil Bea keine Speckröllchen an den Armen und Beinen und keinen Kugelbauch hatte.

Bea war gerade ein Jahr alt, als ihr Bruder David geboren wurde. Beide waren pflegeleichte Kinder und mein Mann Jeff und ich hatten den Eindruck, dass wir als Eltern ziemlich gut davongekommen waren. Vor allem Bea war sehr reif und umgänglich. Sie weinte nicht viel. Wenn sie mit anderen Kindern spielte, war sie immer gut drauf. Mit zwei sprach sie in ganzen Sätzen, mit drei las sie Bücher und bei allen Aufnahmetests für den Kindergarten gehörte sie zu den Fortgeschrittenen.

Zu Hause machte sie gern Faxen – oft mit Tanzen und Singen – und brachte ihren kleinen Bruder so zum Lachen, dass ihm manchmal fast die Luft wegblieb. Sie war für alles zu haben und fand sogar Spaß an Alltäglichkeiten wie Einkaufen oder ein Baby im Kinderwagen herumschieben. Im Grunde habe ich sie nicht verdient, woran meine ­Mutter mich im Scherz gern erinnert.

Deshalb wehrte ich immer gleich ab, wenn andere Leute meinten, die Erfolge unserer Kinder hätten etwas mit unserer Erziehung zu tun. Wenn jemand fragte, wie Jeff und ich es geschafft hätten, dass Bea schon mit zwei so brav am Esstisch saß oder David schon mit drei ­E-Mails verschickte, versicherte ich stets, dass wir nichts »gemacht« hätten. »Sie sind eben so«, sagte ich dann.

Davids und Beas Persönlichkeit und Temperament waren so unterschiedlich, dass ich mich schnell von der Idee verabschiedet hatte, wir als Eltern hätten damit etwas zu tun. Schließlich erzogen mein Mann und ich beide auf dieselbe Weise (oder versuchten es zumindest). Beide sind tolle Kinder, aber einfach sehr verschieden.

Zum Beispiel lernte Bea im Musikunterricht immer gleich den Text und die Bewegungen zu einem Lied, während David an der Technik herumspielte, um zu sehen, wie man sie bediente (und aufdrehte). Beas Schwäche war ihre Rechthaberei, Davids sein aufbrausendes Temperament. Beide waren empfindsam und liebevoll, doch was bei ihr eine allgemeine Sympathie für andere Menschen war, zeigte sich bei ihm eher als feurige Leidenschaft für bestimmte Personen. Sie spielte lieber mit Jungen, er war vor allem mit Mädchen befreundet.

Beide aßen gut, doch auch hier gab es Unterschiede. David wusste immer genau, was er wollte. Weniger diplomatisch ausgedrückt: Seine Vorlieben umfassten zum Glück alle Nahrungsgruppen, waren aber doch bedenklich spezifisch (und sind es bis heute). Bea aß alles, was auf den Tisch kam, David mochte genau vier Gemüsesorten (Brokkoli, ­Karotten, Mais oder Rosenkohl) und zwei Fleischsorten (Hähnchen oder Rind). Dazu brauchte er jede Menge Nudeln. Lieber hätte er gehungert, als etwas zu essen, das ihm nicht schmeckte.

Ich vertrete eigentlich schon seit Langem die Theorie, dass die ­wesentlichen Charakterzüge eines Kindes von Geburt an feststehen. ­Sicher, in besonders stolzen Momenten hielt ich mir manchmal doch etwas auf meine Kinder zugute. Dann fragte ich mich selbstgefällig, ob das schlechte Benehmen anderer Kinder – wenn eine Klassenkameradin nicht teilen konnte oder ein Freund einen Wutausbruch hatte – nicht doch etwas mit schlechter Erziehung zu tun hatte. Es ist eben allzu leicht, den Erziehungsstil anderer Leute zu kritisieren.

Insgesamt glaube ich aber, dass die Interessen, geistigen Fähigkeiten, die gesundheitliche Konstitution und die allgemeinen Veranlagungen meiner Kinder von Anfang an da waren und nicht entscheidend zu ­verändern sind. Mein Mann und ich betrachten es als unsere Aufgabe, die Kinder zu unterstützen, indem wir das, was sie von Natur aus sind, konstruktiv formen. Ich konnte von David nicht erwarten, im Musikunterrichtnichtaufzustehen und die Anlage aufzudrehen. Aber als er es dann machte, lachte ich und lobte ihn für seinen unabhängigen Geist? Führte ich ihn sanft, aber bestimmt wieder in den Kreis zurück? Griff ich ihn mir und nahm ihn aus dem Kurs? (Ich entschied mich für die mittlere Variante.)

Wenn Bea nachts nicht durchschlief, ließen wir sie dann schreien oder stand ich jedes Mal auf, um sie zu beruhigen und wieder zum Einschlafen zu bringen? (Eine inkonsequente Kombination aus beidem.) Wenn David sich weigerte, die Chinapfanne mit Tofu zu essen, die wir anderen uns schmecken ließen, kochte ich ihm dann seine geliebten Penne oder stellte ich ihn vor die Wahl, entweder das Gleiche zu essen wie wir oder gar nichts? (Asche auf mein Haupt: Meistens knickte ich ein und machte ihm seine Pasta.)

Heute kann ich über meine Sorgen als frisch gebackene Mutter ­lächeln. Unsere Kinder lernten schließlich, durchzuschlafen (obwohl sie, als sie klein waren, manchmal nicht vor elf ins Bett gingen), und ich bin zuversichtlich, dass Davids Geschmacksknospen irgendwann erblühen werden. Auch wenn ich weiß, dass niemals eine Entscheidung allein das Schicksal unserer Kinder zum Guten oder Schlechten wenden wird, nehme ich doch jede neue Entscheidung sehr ernst. Ein Kind großzuziehen, ist schließlich eine enorme Verantwortung.

Zum Glück sind Jeff und ich meistens einer Meinung. Wir sind völlig hin und weg von Bea und David, aber wir versuchen auch, Grenzen zu setzen und ihnen Regeln beizubringen. Nicht immer perfekt – siehe Nudelnkochen um des lieben Friedens willen oder späte Bettzeiten. Aber wir geben uns Mühe.

Sorgenfrei mit zwei

Als Bea und David richtig zu essen anfingen, gab ich ihnen, wie es sich für die moderne New Yorker Mutter gehört, gesunde, ausgewogene Kost nach den aktuellen Erkenntnissen der Ernährungswissenschaft. Die in den Siebzigerjahren empfohlene Ernährungspyramide war lange passé. Zu meiner jugendlichen Freude bestand ihr Sockel damals aus stärkehaltigen Kohlehydraten und unter »Milchprodukte« war ein Eisbecher abgebildet. Heutzutage müssen Kohlehydrate aus Vollkorn sein und alles mit mehr als fünf Zutaten oder einem Inhaltsstoff, den das Kind nicht aussprechen kann, ist verdächtig. Sogar über das Wasser muss man sich Gedanken machen – und es sollte in einer wiederverwendbaren Flasche abgefüllt sein, die aber nicht aus Plastik sein darf!

Das Frühstück war bei uns nicht übermäßig nährstoffreich. Oft aßen wir Bagels und manchmal auch Frühstücksflocken. Aber zum Mittag­essen gab es immer Schinken oder Putenaufschnitt, dazu ein Stück Obst, Karottenstäbchen oder Gurkenscheiben und etwas Kleines, Gesundes, Biomäßiges wie Käsepuffreis oder Vollkornbrezeln. Zu trinken gab es immer nur Wasser.

Zum Abendessen aßen wir wieder Fleisch (Fleischbällchen, Hähnchenschnitzel, gebratene Fischfilets), dazu etwas Pasta oder Reis und fettfrei zubereitetes Gemüse. Als Kleinigkeit danach gab es mal eine Käsestange oder ein paar Kräcker, Fruchteis oder auch eine Banane. Junkfood hatten wir nicht im Haus. Damals hatten mein Mann und ich die Ernährung unserer Kinder noch absolut im Griff und sahen keinen Anlass, ausdrücklich ungesundes Essen einzuführen.

Manche Eltern übertreiben es mit der Ernährung ihrer Kinder. Auch mir war es wichtig, meine Familie gesund und abwechslungsreich zu ernähren, doch über die Bio-Exzesse anderer Mütter machte ich mich insgeheim lustig. Bei der Abschlussfeier für Beas Zweijährigengruppe in der Vorschule bat ein kleines Mädchen seine Mutter um ein Bio-Fruchteis. Die Mutter studierte das Zutatenverzeichnis und sagte Nein. Was an diesem Eis so verwerflich war, kann ich nicht sagen, aber die Latte schien damit ziemlich hoch gehängt. Die Kleine durfte dann eine Clementine essen, mehr nicht. Natürlich hätte ich dieser Frau niemals meine Meinung gesagt. Die Ernährung ihres Kindes war schließlich ihre Angelegenheit. Doch dieses Maß an Kontrolle fand ich absurd.

Andererseits konnte ich Mütter nicht verstehen, die ihren Kindern Softdrinks oder Fast Food gaben. Wenn ich in der U-Bahn eine Mutter sah, die ihrem Baby eine Flasche mit etwas Pinkfarbenem reichte, schüttelte es mich. Und was die Eltern von dicken Kindern anging – die Theorie, dass Kinder von Anfang an sie selbst und »eben so sind«, griff hier nicht. Das war eindeutig die Schuld der Eltern, die es nicht besser wussten oder unfähig waren, Grenzen zu setzen. Entweder ernährten diese Leute ihre Kinder falsch oder sie ließen es zu, dass die Kinder sich falsch ernährten. So oder so, nach meiner Logik fügten diese Eltern ­ihren unschuldigen Kindern Schaden zu.

Da Beas Gewicht im normalen Bereich lag – für ihre Größe vielleicht sogar ein wenig darunter –, war ich mir ziemlich sicher, in Sachen Ernährung und Bewegung alles richtig zu machen. Auf Mütter mit dicken Kindern schaute ich manchmal genauso herab wie auf Mütter mit ungezogenen Kindern. Höchstwahrscheinlich hatte ich mit Bea einfach Glück – aber vielleicht, nur vielleicht, machten ja diese Mütter auch ­etwas falsch und ich machte es richtig.

Noch etwas, das wir ganz sicher richtig machten: Jeff und ich nahmen vor den Kindern nie Wörter wie »Dickmacher« oder »Kalorien« in den Mund und wenn jemand anders darüber sprach, zuckte ich zusammen. In den Siebziger- und Achtzigerjahren hatten Eltern, auch meine, damit nur so um sich geworfen. Jetzt fand ich solche Wörter zu hart. Kinder sollten sich so etwas nicht anhören müssen. Vor allem Bea als Mädchen wollte ich solches Gerede ersparen, denn sie würde noch früh genug mit ihrer Figur unzufrieden sein.

Einmal saßen wir mit meiner Großmutter Bubby in einem Diner in Queens beim Lunch. Bea verschlang mit Begeisterung ein Stück von meinem Hähnchen. Bubby hielt sie sanft am Arm fest.

»Nicht so schnell. Sonst isst du zu viel und wirst dick«, sagte Bubby.

Ich war entsetzt. »Was soll denn das, Grandma?«, platzte es aus mir heraus. »Sie ist doch erst zwei!«

Nimmersatt mit drei

In dem Jahr nach ihrem dritten Geburtstag setzte Bea immer mehr an. Sie kam jetzt auch in der Stadt herum und unter Leute und lernte neues Essen kennen, auch Junkfood.

Als ich zum ersten Mal mit ihr essen war, war ich von ihrem Heißhunger angenehm überrascht. Es gab Hähnchen mit Erbsen und Kartoffeln. Im Zangengriff sammelte sie die Erbsen einzeln auf und steckte sie mit enormer Geduld in ihren kleinen Mund. Auch von dem Hähnchen verdrückte sie mehr, als ich von so einer kleinen Person erwartet hätte.

Auf Geburtstagsfeiern saugte sie die Saftpackungen leer, aß jeden Krümel Pizza und Kuchen auf und knabberte eifrig alle Süßigkeiten, die man ihr schenkte. Es machte mir nichts aus, aber es war schon auffällig, dass die anderen kleinen Gäste nicht so waren.

An jeder Ecke in unserem Viertel schien es einen Cupcakeladen oder eine Smoothie-Bar zu geben, eine Pizzabäckerei oder einen Brezelstand, und wenn wir daran vorbeigingen, bettelte Bea mich an, ihr etwas zu kaufen. Bei ihrem Bruder war das nicht so. Bea aß alles gern, selbst Gerichte, die mir zu scharf waren (Hähnchen mit Peperoni) oder die ich einfach nur merkwürdig fand (gegrillter Tintenfisch). Immerzu klagte sie über Hunger. Sie verputzte ganze Erwachsenenportionen. Andere Kinder taten das nicht.

Auch ihre Wachstumskurve war anders als die ihres Bruders. David nahm im Alter zwischen zwei und sechs Jahren jährlich etwas über zwei Kilo zu, Bea im Schnitt das Doppelte. Bei der Vorsorgeuntersuchung zu ihrem dritten Geburtstag lag ihr Gewicht auf der 99. Perzentile. Ein Jahr zuvor war es noch im Bereich zwischen 75 und 90 Prozent gewesen. Irgendetwas hatte sich verändert.

In dem Jahr sprach mich eine der Lehrerinnen an Beas Vorschule vorsichtig auf ihr Essverhalten an. »Sie kann sich nicht regulieren«, meinte sie. Im Gruppenraum gab es einen Imbisstisch, einen Verkleidungsbereich, Kunst- und Schreibangebote, eine Bibliothek, eine Baukastenstation und eine Musikecke. Und wo hielt Bea sich am meisten auf? Sie fing am Imbisstisch an und blieb dort hängen, während ihre Kameraden schon längst spielten. Irgendwann machte sie auch etwas anderes, aber zwischendurch kehrte sie immer wieder auf einen Happen zum Imbisstisch zurück.

Viereinhalb Kilo pro Jahr im Alter von drei bis sechs Jahren ist eine ordentliche Gewichtszunahme. Zuerst sahen wir das bloß als Übergang vom schlanken Kleinkind zum Pummelchen. Schließlich trugen auch andere Kinder ein bisschen Babyspeck mit sich herum und irgendwie war es auch ganz niedlich. Wirklich nichts Schlimmes.

Außerdem achteten Jeff und ich gar nicht so sehr darauf, weil wir, ehrlich gesagt, viel zu beschäftigt damit waren, uns an Bea und David zu erfreuen. Da sie beide gesund waren, schenkten wir ihrer seelischen Entwicklung mehr Aufmerksamkeit als ihrem Gewicht.

Besorgnis mit vier

Bea wurde immer dicker. Sie übersprang schon mal eine ganze Kleidergröße. Als sie vier war, meinte Jeff, die Sachen in Größe fünf, die ich ihr anzog, seien zu eng. Kaum hatte ich die nächste Größe gekauft, war es zu spät: Sie war schon wieder herausgewachsen. Am Ende des Jahres trug sie Sachen für Achtjährige. Wir kauften jetzt Jeans für viel ältere (und größere) Mädchen und ließen die Beine kürzen, damit sie ihr passten.

In dieser Situation, dessen war ich mir bewusst, kam es weniger auf Beas angeborene Verhaltensweisen als auf unseren Umgang damit an. Doch weil ich ihr nicht irgendwelche Essstörungen oder ein verzerrtes Körperbild einreden wollte, sagte ich nichts. Solange die Möglichkeit bestand, dass Beas Gewicht für sie physisch kein Thema werden würde, wollte ich auch psychisch keins daraus machen.

Abgesehen von den allseits bekannten Gesundheitsrisiken machte ich mir Sorgen, was Übergewicht emotional für Bea bedeuten würde. Sollten wir es zulassen, dass unsere Tochter in der Klasse »die Dicke« war? Würden die Schulkameraden sie deshalb hänseln? Würde sie sich für ihr Aussehen hassen? Würde man sie beim Mittagessen oder in der Pause meiden? Was, wenn sie eine adipöse Erwachsene würde, wie die Hälfte aller übergewichtigen Sechs- bis Elfjährigen? Würde ihr Privatleben darunter leiden? Ihr Selbstwertgefühl? Ihre Jobaussichten? Ihre Lebenserwartung?

Zwar wollte ich, dass Bea sich und ihren Körper annahm, aber konnte ich wirklich Selbstakzeptanz predigen, wenn sie Übergewicht hatte? Sollte ich ihr beibringen, sich in einem Körper wohlzufühlen, wie er gesellschaftlich verpönt ist, vor dem die Ärzte warnen und wie ihn ihre eigenen Eltern für sich selbst ablehnten?

Immer noch hatte ich die Hoffnung, dass es nur eine Phase war und wir nicht weiter eingreifen mussten. Doch bei Beas Appetit fand ich es wichtig, dass sie wenigstens gesund aß. Einfach so zwischendurch warf sie manchmal eine Packung Snacktomaten oder eine kleine Melone ein. Was Cheetos oder Chips-Ahoy-Kekse da anrichten würden, wollte ich mir lieber nicht vorstellen.

Bis zu diesem Zeitpunkt war Bea noch kaum mit Junkfood in Berührung gekommen. Nicht im Traum hätte ich einer Vier- oder Fünfjährigen Softdrinks gegeben. Wir aßen fast nie in Fast-Food-Läden, vielleicht ein- oder zweimal im Jahr. Die Halloween-Beute der Kinder rückte ich nur allmählich heraus. Wenn die Großeltern ihnen im Restaurant eine Extraportion Nachtisch zuschanzen wollten, schritt ich ein. Nicht wegen Beas Gewicht, sondern weil ich fand, dass dies gute und gesunde Essgewohnheiten waren, die meine Kinder von früh an lernen sollten. Kein Schrott-Essen, nicht zu viel, alles in Maßen. Logisch.

Stabil mit fünf

Mit fünf lag Beas Gewicht wieder einmal knapp unter der Obergrenze, was die Ärztin immer noch nicht besorgniserregend fand. Sie hoffte (wie auch ich voller Verzweiflung), dass sich das Problem von selbst ­erledigen würde, am besten auf natürliche Weise, durch einen plötzlichen Wachstumsschub. Bea war noch dazu ziemlich groß, sodass nicht nur ihr Gewicht im oberen Bereich lag. Ihre jährliche Zunahme war beachtlich, aber immerhin konstant. Es wurde zwar nicht besser, aber schlimmer auch nicht.

Damals hielt es die Kinderärztin nicht für nötig, etwas zu unternehmen. Sie ermahnte uns, Nachtisch und zuckrige Getränke zu meiden. Doch daran lag es nicht, das wusste ich. Wir gaben Bea gesunde Kost und sie war auch nicht weniger aktiv als andere Kinder in ihrem Alter. Besonders sportlich war sie nicht, aber sie ging überallhin zu Fuß, spielte wie die anderen auf dem Spielplatz und hatte jede Woche Tanzunterricht. Stoffwechselstörungen und andere medizinische Ursachen hatten wir ausschließen lassen. Sie aß schlicht und einfach zu viel.

Reality Check mit sechs

Bea war eine fröhliche, fleißige Erstklässlerin, als unsere Freunde ­anfingen, Bemerkungen über ihr Gewicht zu machen. »Ihr könnt sie doch nicht einfach so weiteressen lassen«, sagte eine Cousine. »Keine Fertigprodukte«, riet mir eine Kollegin. »Sie sollte mehr Sport treiben«, meinte die Mutter einer Klassenkameradin von Bea. Nicht, dass wir ­gefragt hätten.

Bea bekam natürlich mit, dass sie anders war als andere Kinder. Als wir eines Nachmittags zu einer Familienfeier gehen wollten, stand sie im Badezimmer und malte sich die Lippen mit meinem Lipgloss an. »Damit mir die Leute nicht auf den Bauch gucken«, erklärte sie.

Das versetzte mir einen Stich. Ich mag es auch nicht besonders, wenn man mir auf den Bauch guckt, aber ich bin über vierzig. Als ich mir das erste Mal Gedanken über meinen Bauch machte, war ich um einiges älter gewesen als Bea. Dass sie sich mit sechs schon für ihren Bauch schämte, empfand ich als sehr verfrüht.

Manchmal wenn wir im Bett kuschelten oder sie sich anzog, sagte sie: »Ich bin fett.« Es wäre unehrlich gewesen, ihr zu widersprechen, aber ich konnte ihr auch nicht zustimmen. Undenkbar. Also wich ich aus. »Du bist hübsch und gesund. Und du wächst auch noch. Mach dir keine Gedanken darüber.«

Insgeheim machte ich mir aber immer mehr Sorgen. Oder war das vielleicht oberflächlich und hatte letztendlich vor allem mit meiner ­eigenen Eitelkeit zu tun? Hatte ich Angst, als schlechte Mutter dazustehen? Fürchtete ich, dass man mich für nachlässig hielt, für gleichgültig oder faul?

Andererseits: Wenn ich jetzt versuchte, Beas Essverhalten zu beeinflussen, würden die Leute dann nicht denken, dass ich überreagierte? Schließlich verwächst sich so etwas auch oft. Wann der richtige Zeitpunkt war, dem Gewicht des eigenen Kindes den Kampf anzusagen, wusste ich nicht. Aber sechs fand ich definitiv zu früh. (Offenbar nicht. Eine College-Freundin, die im medizinischen Bereich arbeitet, gestand mir im Nachhinein, dass sie der Anblick meiner Familie in dem Jahr alarmiert hatte: mein Mann so dick wie noch nie und Bea, die in seine Fußstapfen zu treten schien. Ihrer Meinung nach kam unsere Entscheidung keinen Augenblick zu früh.)

Ich machte mir also schon meine Gedanken, was andere Mütter über mich denken und wie sie mein Verhalten bewerten würden. Aber viel mehr Sorgen machte ich mir über die Vorurteile, denen Bea begegnen würde. All die Probleme, die das Dicksein mit sich bringt, wollte ich ihr gern ersparen. Für die anderen war sie das, wie auch nicht – siewardick. Dicksein ist meist negativ besetzt und der Gedanke, dass andere Menschen Bea nicht perfekt finden könnten, machte mich traurig.

Egal, was sie auf die Waage bringt, ich liebe Bea über alles. Wenn sich ihr Bauch unter dem Badeanzug abzeichnete oder unter dem Schlafanzugoberteil hervorlugte, wollte ich ihn einfach nur küssen. Kein Zu- oder Abnehmen würde daran etwas ändern. Ich wusste, dass Bea dick genauso wunderbar war wie dünn, doch es bekümmerte mich, dass ­andere das nicht so sehen und sie benachteiligen könnten. Ich wollte nicht, dass Bea »die Dicke« war. Weder jetzt noch sonst irgendwann.

1984 veröffentlichte ein Wissenschaftlerinnentrio den Artikel »Women and Weight: A Normative Discontent« (»Frauen und Gewicht: ein normatives Unbehagen«). Der Titel verweist schon auf die Schlussfolgerung, dass Unzufriedenheit mit der Figur für Amerikanerinnen nämlich keines­wegs unnormal, sondern vielmehr die Norm war.

Seitdem hat sich die Lage kaum verbessert. 2008 führte Cynthia Bulik von der University of North Carolina unter Frauen im Alter von 25 bis 45 Jahren eine Studie durch. Fazit: Zehn Prozent der befragten Frauen litten unter einer Essstörung, während weitere 65 Prozent leichtere, subklinische Formen gestörten Essverhaltens aufwiesen.

Bulik stellte fest: »Es wird beinahe von einer Frau erwartet – von jeder Frau –, dass sie mit ihrem Körper unzufrieden ist und versucht abzunehmen.« Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber circa 45 Millionen Amerikaner machen jährlich eine Diät. Ich bin eine davon.

So ist es seit meiner Pubertät, als ich mir zum ersten Mal meines Körpers bewusst wurde und mich für mein Übergewicht schämte. Bis dahin hatte ich zum Essen und zu meiner Figur ein eher unspektakuläres Verhältnis.

Kinderernährung im Stil der Siebziger

Meine beiden Schwestern und ich wuchsen in einem Haushalt auf, in dem Essen nichts Besonderes war. Es wurde nicht ausdrücklich Wert auf gute Ernährung gelegt, aber meine Eltern bereiteten gesunde und ausgewogene Mahlzeiten für uns zu, zumindest gemessen an der Ernährungspyramide von vor dreißig Jahren. Das Frühstück bestand meist aus einer schnell gelöffelten Schüssel Zerealien, bevor der Schulbus kam. Klar, wir aßen Lucky Charms statt Hafergrütze und wir nahmen fette Milch, keine fettarme. Aber wir futterten auch keine Fast-Food-Frühstücksburger oder Hostess-Breakfast-Bake-Shop-Donuts. Ich argumentierte zwar, dass das fettige, zuckrige Backwerk schließlich als Frühstück vermarktet wurde und wir es deshalb sehr wohl als solches essen konnten, doch zum Glück verfing das bei unserer Mutter nicht.

Als Mittagsimbiss brachten wir vielleicht ein Putenfleischsandwich und Obst oder ein durchgeweichtes Erdnussbutter-Marmelade-Sandwich mit zur Schule. Zum Abendessen gab es meist eine halbe Pampelmuse oder einen Salat und immer Fleisch mit Gemüse und dazu Kartoffeln, Nudeln oder Reis.

Wir wurden ermahnt, wenn wir zu schnell aßen oder beim Essen kleckerten, wenn wir Gemüse auf dem Teller ließen oder am Tisch kippelten. Aber wie viel wir aßen, war nie ein Thema. Niemand hatte ein Gesundheits- oder Gewichtsproblem und Essen war einfach nur Essen.

Ich war schon immer eine Naschkatze und wenn ich Lust auf etwas Süßes hatte, fand ich meistens auch etwas im Haus, manchmal sogar etwas so Dekadentes wie eine Packung Devil-Dogs-Cremegebäck oder eine Schachtel Oreo-Kekse. Meistens aber hatte ich die Wahl zwischen einer Entenmann’s-Walnussschnecke – die ich strategisch so zurechtschnitt, dass ich das Stück mit viel Glasur und wenig Nüssen bekam – oder einem vom Frostbrand angefressenen Karton mit Breyers-Eis.

Als wir größer wurden, lernten meine Schwestern, das Essen zu ­genießen und achtsam damit umzugehen. Sie aßen gern, sie kochten gern und sie sprachen auch gern darüber, ohne fanatisch zu sein. Ihr Gewicht blieb meistens konstant und über ihre Figur machten sie sich nicht mehr Gedanken als jede andere Frau.

Als Pummel aufwachsen

Erst in der Junior Highschool, als ich etwas dicker wurde, begann ich, auf mein Gewicht zu achten.

Wenn man bedenkt, wie wenig ich mich bewegte und wie viel ich aß, war es wirklich kein Wunder, dass ich zunahm. Ich war unsportlich und ziemlich träge und bewegte mich nur, wenn es sein musste oder wenn ich meinte, etwas »gesünder« leben zu müssen. Die meiste Zeit verbrachte ich mit Lesen, Schreiben oderTic-Tac-Doughim Fernsehen.

Ich aß für mein Leben gern. Je mehr, desto besser. Als Schlüsselkind machte ich mir nach der Schule selbst etwas zu essen: ein oder zwei aufgebackene Pizzamuffins und dann noch ein oder zwei Twinkies. Meine eigentliche Schwäche war Erdnussbutter. Auf Toast, auf Marmelade oder einfach so mit dem Löffel – in nur ein paar Minuten konnte ich ein halbes Glas davon verdrücken. 760 Kalorien und 64 Gramm Fett – eine verhängnisvolle Affäre.

Beim Abendessen stopfte ich mich meistens voll. Wie mannichtso viel wie möglich von dem leckeren goldbraunen Hähnchen in Parmesankruste mit der deftigen Tomatensoße und dem leicht gebräunten, geschmolzenen Mozzarella in sich hineinmampfen konnte, war mir ein Rätsel. Es war da, es schmeckte, ich brauchte nicht dafür zu bezahlen (jedenfalls nicht mit Geld – die angefressenen Pfunde waren eine ganz andere Sache). Danach bei den Ring Dings haute ich genauso ungehemmt rein.

Ich habe intensiv darüber nachgedacht, ob es da vielleicht eine emotionale Komponente gab. Sicher, Einsamkeit, Unsicherheit oder Langeweile mögen dazu beigetragen haben. Aber vor allem, denke ich, war meine Verfressenheit wirklich auf meine Liebe zum Essen und auf mangelnde Selbstkontrolle zurückzuführen. Bei zwei berufstätigen Eltern beaufsichtigte uns kaum jemand. Niemand brachte uns bei, welche Menge für Mahlzeiten und Snacks angemessen war. Also ließ ich mich von meinem Appetit leiten, der enorm war und sich auf das schlimmstmögliche Ziel eingeschossen hatte: Nervennahrung mit jeder Menge Zucker und Fett.

Richtig fett wurde ich allerdings nie. Ich passte immer in normale Kleidergrößen und nie fand ein Arzt, dass mein Gewicht ein Gesundheitsrisiko war. Doch spätestens in der achten Klasse war ich so dick, dass es definitiv auffiel. Ich war offiziell ein Moppel. Pummlig. Drall. Und tief unglücklich darüber.

Also versuchte ich abzunehmen, indem ich den ganzen Tag lang so wenig wie möglich aß, bis ich nicht mehr konnte. Wenn es so weit war, musste ich mich zwingen, nicht zu essen wie ein Scheunendrescher. Von meinem 13. Lebensjahr an kämpfte ich ständig mit dem klassischen Diätproblem: Willensstärke gegen Appetit.

Ich tat alles, um mein Gewicht zu verringern. Ich stellte mir den ­Wecker auf halb fünf Uhr früh und ging vor der Schule joggen und Rad fahren. Das hielt ich genau zwei Tage durch. Ich radelte zum Supermarkt und kaufte eine Packung Diätpillen. Irgendwie kam mir das ­aufregend frühreif und verboten vor, wie wenn man als Minderjährige Alkohol kauft, bloß dass hier keiner meinen Ausweis sehen wollte. Ich erzählte niemandem von meinem Vorrat an Kapseln, obwohl es sicherlich kaum Verwunderung hervorgerufen hätte. Diätpillen und Appetitzügler wurden damals zu jeder Tageszeit im Fernsehen angepriesen (ich erinnere mich noch an den Werbespruch: »Mit Dexatrim habe ichabgenommenund ich fühle michgut!«). In dem Vorort, wo ich aufwuchs, standen Appetitzügler auf einer Stufe mit Säureblockern. Manchmal nahm ich vor der Schule eine Pille, in der Hoffnung, dass ich dann den ganzen Tag lang nichts zu essen brauchte. Es nützte aber nichts.

Meine Schule wie auch die Medien leisteten damals gründliche ­Aufklärungsarbeit zum Thema Essstörungen. Daraus lernte ich, dass ­manche Mädchen Abführmittel schluckten, um abzunehmen. Also versuchte ich es auch. Im Supermarkt standen sie (Wie praktisch! Wie naheliegend!) gleich neben den Diätpillen und kamen kindgerecht als Schokoriegel daher. Die Wirkung war so durchschlagend (und der Geschmack der »Schokolade« so widerwärtig), dass ich es nicht noch einmal versuchte.

Einmal nahm ich in einem Moment größter Verzweiflung ein Brechmittel, um mich nach einer Fressattacke zu übergeben. Doch meistens beschränkten sich meine Abnehmversuche darauf, jede einzelne Diät auszuprobieren, die es gab. Die schwachsinnigste davon machte ich während eines Sommerprogramms an meiner Highschool. Versprochen war eine Gewichtsabnahme von zwei Kilo, wenn man sich drei Tage lang nur von zwei Eiern, einer Orange und einem Grillhähnchen ernährte. Am Morgen des vierten Tages klappte ich im Gang meines Wohnheims zusammen. Das hatte einen Besuch in der Beratungsstelle der Schule zur Folge, wo man mich an eine Therapeutin in meinem Heimatort überwies. Es begann eine kurzlebige Serie von Therapie­sitzungen, die ich nicht weiter schlimm fand und die sich kaum auf mein Essverhalten auswirkten.

An meiner Highschool in einem begüterten, aufstiegsorientierten Stadtviertel war ich sicher nicht die einzige Schülerin mit Essproblemen. Ich würde sagen, dass mindestens die Hälfte der Mädchen an meiner Schule in irgendeiner Form Diät hielt. In meiner Klassenstufe wurde ein Mädchen – beliebt, klug, umgänglich, hübsch – wegen Magersucht ins Krankenhaus eingewiesen. Ein anderes Mädchen – fröhlich, ausgeglichen – schlenderte nach einem kräftigen Mittagessen immer ganz cool auf die Toilette, um sich zu erbrechen.

So schrecklich es ist, manchmal wünschte ich mir, wie diese Mädchen zu sein. Die eine war so erfolgreich, dass sie ins Krankenhaus kam, die andere baute ihre Essneurosen nahtlos und effektiv in den Alltag ein, sodass sie kaum eine Belastung darstellten. Ihre extremen Abnehmstrategien waren ja fast schon ein Zeichen von Reife. Irgendwie war ich am schlechtesten dran: immerzu hungern, außer wenn ich mir den Wanst vollschlug und mich dafür schämte. Ich hatte weder die Willenskraft, nichts zu essen,nochden Schneid, das Gegessene wieder loszuwerden. Ständig dachte ich ans Essen und an mein Gewicht und war trotzdem (in meinen Augen – und in denen einiger Erwachsener, die sich über mein Aussehen ausließen) ein Moppel.

Dann war ich irgendwann bereit, eine altmodische Allerweltsmethode auszuprobieren: eine richtige Diät. Als mein Friseur eine beiläufige, aber zutiefst verletzende Bemerkung machte – in etwa so: »Du wirst zu dick. Du musst abnehmen.« –, wurde ich Mitglied bei Weight Watchers. Nach ein paar Monaten, in denen ich mich streng an das Programm hielt, war ich die fünf Kilo, die zwischen mir und meinem Normalgewicht gelegen hatten, los. Ich war überglücklich.

Nur kehrte ich, als ich meine Diät dann beendet hatte, zu genau den Essgewohnheiten zurück, die mir mein Übergewicht überhaupt erst ­beschert hatten. Also machte ich mich kurze Zeit später wieder daran, die zusätzlichen Pfunde loszuwerden, und setzte den gleichen, bereits vertrauten Kreislauf aus Überessen und Entbehrung in Gang. Dick war ich jetzt nicht mehr, außer in meinen Augen, doch auf keinen Fall wollte ich wieder zunehmen.

Zu meiner Waage hatte ich ein enges und inniges Verhältnis. Mindestens einmal am Tag stellte ich mich darauf und meine Laune sank oder hob sich umgekehrt proportional zu der Zahl auf der Anzeige.

Als ich aufwuchs, war das Schönheitsideal der Frau eine sehr schlanke Silhouette. Das Idol meiner Jugend war Madonna, doch innerhalb weniger Jahre war aus der sinnlichen Figur, die sie bei ihrem Debüt 1983 hatte, die asketische, sehnige Erscheinung geworden, die wir heute kennen. In den Jahren darauf hatte Schönheit immer weniger mit üppigen Formen zu tun, bis wir in den Neunzigerjahren bei Kate Moss angelangt waren.

Ich war modebegeistert und die Hochglanzmagazine hatten ganz ­sicher einen Anteil daran, dass ich mir völlig unrealistische Figurziele setzte. Schicke Klamotten fand ich witzlos, wenn man nicht schlank genug war, um darin gut auszusehen. Aber die Catsuits, Schlauchröcke und bauchfreien Oberteile, die damals modern waren, passten nicht zu meiner Statur. Ich empfand es als Modeaffront, dass ich so ein Schwabbel war. Auch der Übergang zu »kurvigeren« Models wie Gisele Bündchen brachte kaum Erleichterung, denn statt einer flachbrüstigen dünnen Frau hatten wir jetzt einfach eine nicht ganz so flachbrüstige dünne Frau. Vielen Dank auch, das ist javielrealistischer!

Genau wie heute beklagte man sich damals über die unerreichbaren Ideale, denen frau nacheifern sollte, und darüber, dass »niemand wirklich so aussieht« wie die Frauen in den Zeitschriften und im Fernsehen. Aber das stimmte überhaupt nicht! In der Schule und im Sommerprogramm waren Hunderte Mädchen der oberen Mittelschicht aus dem Großraum New York und ich kann nur sagen, die meisten waren schlank. Schlank auf eine unbeabsichtigte, natürliche Weise, wie das eben ist, wenn man jung ist und einen guten Stoffwechsel hat. Mit einem Körper und einer Sorglosigkeit, die ich nie haben würde, auch wenn ich nicht dick war.

Selbst wenn ich (zeitweise) ein wenig abnahm, gefiel ich mir immer noch nicht. Und es war mir peinlich, wie sehr mich mein Gewicht beschäftigte. Das war doch so, wie zwanghaft ins Sonnenstudio zu rennen: oberflächlich. Absolute Zeitverschwendung. Dabei war ich eine gute Schülerin, hatte eine bunte Palette an Freizeitaktivitäten und gute Freunde. Doch das Thema Essen und mein Gewicht nahmen mich viel zu sehr in Anspruch.

Einmal gelang es mir, einen flüchtigen Augenblick lang mein Gewicht auf 45,6 Kilo herunterzubringen (anvisiert waren 45,3). Meistens bewegte ich mich allerdings um die 52 Kilo, was ein völlig vernünftiges und sogar attraktives Gewicht ist. Aber bei meiner Statur war es eben nicht »dünn« und das wollte ich nun mal sein. Mir blieb nichts anderes übrig, als weiter gegen meine Natur anzukämpfen.

Meine Essgewohnheiten: Die College-Jahre

Als ich von zu Hause auszog, um zum College zu gehen, bemerkte ich zu meiner großen Freude, dass ich meinen Essstörungen etwas entwachsen war. Die zermürbende Fixierung auf mein Gewicht hatte sich gelegt, schließlich war ich auch nicht viel anders als die anderen Frauen am College. Ich war zwar nicht besonders begeistert von meinem Körper, aber ich hasste ihn auch nicht mehr.

Langsam wurde mir auch klar, dass sich manche Dinge einfach nicht ändern ließen. Kein Aerobic-Kurs würde mir andere Hüften modellieren, kein Krafttraining mir innen an den Schenkeln die Fettpolster wegschmelzen. Außerdem zog ich mich äußerst strategisch an, um Problemzonen zu kaschieren. Zum Glück hatte ich Waden, die sogar ich nicht zu dick fand. Diese steckte ich in dicke schwarze Strumpfhosen und darüber zog ich ein Kleid oder einen kurzen Rock mit einem übergroßen Oberteil. Vom Ende der Highschool bis Ende zwanzig trug ich diese Uniform eigentlich jeden Tag. Wirklich: jeden einzelnen Tag. 35 Grad im Sommer? Schwarze Strumpfhose und Rock. Schneesturm im Winter? Schwarze Strumpfhose und Rock.

Es war gewissermaßen meine Form der Selbstakzeptanz. Statt meine Makel ausmerzen zu wollen, arrangierte ich mich mit ihnen. Trotzdem litt ich unter diesen selbst auferlegten Einschränkungen. Schlanksein bedeutete für mich Freiheit. Die Freiheit, anzuziehen, was ich wollte. Den Arm anzuheben, ohne mir Gedanken zu machen, ob mein Bauch unter der Bluse hervorsah. Mich vorzubeugen, ohne dass sich der Speck an meiner Taille zusammenrollte. Ein kleines Schwarzes zu tragen, ohne den ganzen Abend den Bauch einzuziehen. Es bedeutete, sich nicht verstecken zu müssen.